AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, NC-17, Abenteuer, Drama, Romantik, Hurt/Comfort, Angst
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: Der Prolog schließt direkt an den Film "Fluch der Karibik" an.
INHALT: Ein atemberaubendes Piratenabenteuer mit viel Rum, Spannung, Blut und Tränen, und sonst noch allem was dazu gehört.
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch I
by Alexfandra


Norringtons Männer befreiten die Stadt innerhalb kürzester Zeit von den spanischen Soldaten und die rechtmäßigen Eigentümer übernahmen wieder die Herrschaft. Governor Swann ließ nach seinem persönlichen Leibarzt schicken, damit dieser sich um Jack Sparrow kümmern konnte, der beim Kampf lebensgefährliche Verletzungen erlitten hatte. Sie trugen ihn in das persönliche Schlafzimmer des Governors und legten ihn dort aufs Bett. Auch für Will brachten sie eine Liege herein, da er sich schlichtweg weigerte, auch nur einen Moment lang von Jacks Seite zu weichen.
 
Es gelang dem Doktor und seinem Assistenten, die Kugel aus Jacks Brustkorb zu entfernen, anschließend verbanden sie die Wunde. „Es gibt sonst nicht mehr viel, was wir noch für ihn tun können“, erklärte er Will und dem Governor anschließend. „Wir können nur abwarten und auf das Beste hoffen.“
 
„Er ist stark“, erklärte Will mit Überzeugung in der Stimme. „Er wird immer einen Weg finden, um zu überleben.“
 
„Ich fürchte, diesmal stehen die Dinge aber ein wenig anders“, sagte Swann voller Mitgefühl.
 
„So ist es, in der Tat“, fügte der Doktor hinzu. „Es kann gut sein, dass er bald sehr hohes Fieber bekommt. Das passiert in solchen Fällen häufig. Es gibt nichts, was man dagegen tun kann. Wenn es passiert, können wir nicht mehr tun als zu hoffen und zu beten, dass er auch das überstehen wird. Das Fieber ist oft noch gefährlicher als die Wunde selbst.“
 
„Ich werde bei ihm bleiben und auf ihn aufpassen“, erklärte Will. „Tag und Nacht, ganz egal wie lange es dauert. Ich werde hier sein.“
 
„Du bist ein guter Mann”, sagte der Governor.
 
Der Arzt und sein Assistent verließen das Zimmer und begaben sich in eine Kammer ein Stück weiter den Flur entlang. Will betrachtete Jacks wachsbleiches Gesicht. Sein Atem ging viel zu unregelmäßig und klang sehr gequält. Er legte seine Hand auf Jacks Stirn und konnte jetzt schon eine unnatürliche Hitze spüren. Er schluckte. „Er wird überleben“, wiederholte er noch einmal mit gebrochener Stimme.
 
Noch immer stand Governor Swann schweigend im Raum und hatte die Hände hinter seinem Rücken verschränkt. „Doktor Huntington ist der beste Arzt in ganz Port Royal.“
 
„Ich danke Euch.“
 
„Es ist das Mindeste, was ich tun konnte. Wir alle stehen zutiefst in eurer Schuld.“ Er betrachtete Jack nachdenklich. „Warum hat er soviel riskiert, nur um uns zu helfen?“
 
„Weil er ein guter Mann ist. Ich habe schon früher versucht, Euch das klar zu machen.“
 
„Ja, ich erinnere mich daran. Aber ich erinnere mich auch an die ziemlich lange Liste von Verbrechen, derer er überführt wurde.“
 
Will seufzte. „Ich weiß. Ich weiß auch, dass er ein Pirat ist. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass – wenn Ihr ihn begnadigt – er dieses Leben für immer hinter sich lassen wird. Es gibt da noch so viel, was wir nicht über ihn wissen, und ich habe mir fest vorgenommen, all das heraus zu finden.“ Er bemerkte, dass er das Bettlaken krampfhaft umklammert hielt und zwang sich dazu, seine Hand zu entspannen. „Falls er überlebt.“
 
Swann rieb sich nachdenklich das Kinn, wo sich jetzt schon eine ordentliche Schramme abzeichnete, die er von Sevaldos Schlag davongetragen hatte. „Nun… er hat mir das Leben gerettet.“
 
„Und das Leben Eurer Tochter. Zweimal sogar.“
 
„Ja. Du magst womöglich Recht haben – die Taten, die er in der letzten Zeit verübt hat, stehen jedenfalls in krassem Widerspruch zu seinem schlechten Ruf. Ich kann wirklich nicht von mir behaupten, dass ich mich sonderlich für seine Vergangenheit interessiert habe, als Norrington mir die Hinrichtungspapiere zum Unterschreiben brachte. Wir waren dem Gesetz unterstellt, es war unsere Pflicht und es gab nicht den geringsten Zweifel daran, dass er mehrerer Kapitalverbrechen schuldig war.“ Er hielt inne. „Aber dennoch, angesichts der Umstände verspreche ich, dass ich mir alle Informationen, die wir über ihn haben, noch einmal genauestens zu Gemüte führen werde. Vielleicht gibt es ja tatsächlich noch mehr in seiner Vergangenheit, als wir momentan wissen.“
 
„Ich weiß es wirklich zu schätzen.“ Will wusste, dass dieses Zugeständnis Swann nicht leicht fallen musste.
 
„Falls du sonst noch irgendetwas brauchen solltest…“
 
„Ich wüsste gerne, wie es dem Rest der Mannschaft ergangen ist.“
 
„Man sagte mir, dass ein Mann namens Gibbs draußen stünde, zusammen mit einer Frau, die sich nach euch beiden erkundigt haben. Ich denke allerdings, dass es im Moment besser wäre, keine Besucher ins Krankenzimmer zu lassen. Aber ich kann ihnen gerne Bescheid geben, wie es um ihn steht. Ich verspreche, dass die Mannschaft gut versorgt wird… heute Nacht und so lange sie in Port Royal bleiben wollen.“
 
„Ich danke Euch. Eine Sache gibt es da allerdings noch – ich hätte gerne eine Schüssel mit kaltem Wasser und ein paar saubere Tücher.“
 
„Natürlich. Ich werde dir auf der Stelle alles bringen lassen.“ Swann verließ das Zimmer.
 
Ein Diener brachte das Wasser und die sauberen Tücher und ließ Will anschließend allein. Der Abend verstrich und er verharrte die ganze Zeit über an Jacks Seite. Immer wieder strich er mit dem feuchten Stück Stoff über Jacks Stirn. Er wusste, dass das Fieber im Anmarsch war. Er würde wach bleiben und Jack helfen, so gut er konnte, ganz egal wie lange es auch dauern würde.
 
Aber der Tag war viel zu anstrengend gewesen und etwa um Mitternacht döste Will ein. Erst in den frühen Morgenstunden wurde er durch lautes Stöhnen aus dem Schlaf gerissen. Die Kerzen waren schon lange heruntergebrannt und er tastete in der Dunkelheit umher, um eine neue auf dem Nachtschränkchen zu entzünden.
 
Unruhig warf Jack seinen Kopf auf dem Kissen hin und her und ächzte. Im schalen Licht der Kerzenflamme konnte Will erkennen, dass ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht lief. „Verdammt.“ Er tauchte den Stoff in das inzwischen lauwarme Wasser und kühlte damit Jacks glühende Stirn.
 
„Nicht…“, murmelte Jack. Er hatte die Augen noch immer geschlossen und schien sich seiner Umgebung nicht bewusst. „Nicht… es nützt nichts. Nützt nichts.“
 
„Ist schon gut”, sagte Will. „Ich bin hier und pass auf dich auf.“
 
Jack öffnete mit flatternden Lidern die Augen. „Bill? Bist du’s?“
 
„Was? Nein, ich bin’s… Will.” Dann realisierte er, dass Jack ihn wohl mit seinem eigenen Vater verwechselte. Jack schloss erneut die Augen. „Jack? Kannst du mich hören?”
 
„Es nützt nichts“, fuhr Jack mit fahriger Stimme fort. Ruhelos warf er sich auf dem Bett hin und her und schob die Decke nach unten. „Wir müssen fliehen. Er wird uns aufhängen, Bill. Diesmal werden wir’s nicht schaffen…”
 
Verblüfft beschloss Will, einfach mitzuspielen und so zu tun, als sei er sein eigener Vater. „Wer will uns aufhängen, Jack?“
 
„Du weißt schon wer… Captain Pritchard… gleich als erstes, sobald die Sonne aufgeht, werden wir am Rahsegel aufgeknüpft. Sodass es alle sehen können…“
 
„Wir werden schon irgendwie entkommen.“ Will versuchte kurzerhand, einfach zu improvisieren. „Du wirst immer einen Weg finden, um zu überleben.“
 
„Diesmal nicht…“ Wieder stöhnte Jack laut auf und griff nach dem Verband an seiner Brust.
 
Will nahm sanft seine Hand und zog sie von der Wunde weg. „Beruhig dich, Jack. Alles wird gut, du wirst schon sehen.“
 
Jack öffnete wieder seine Augen und sah Will geradewegs ins Gesicht. „Du hast immer an mich geglaubt, nicht wahr Kumpel? Jetzt wird es dir zum Verhängnis…“ Er runzelte die Stirn, stöhnte erneut und schloss die Augen. Dann hörte er plötzlich auf, sich hin und her zu wälzen und lag mit einem Mal ganz still, während er mit schnellen, heftigen Stößen atmete.
 
Will berührte Jacks Stirn mit der Hand. Sie war heiß, so furchtbar heiß. Wieder befeuchtete er den Stoff und wischte Jack damit übers Gesicht, dann über den Hals und zuletzt über die Brust. „Bleib bei mir, Jack“, flüsterte er. „Bleib bei mir.“
 
Bis in die späten Morgenstunden fuhr Will damit fort, sich um Jack zu kümmern. Noch drei weitere Male hatte Jack Anfälle von Delirium, dann fiel er endlich in einen tieferen, ruhigeren Schlaf und auch sein Atem wurde wieder langsamer und gleichmäßiger. Aber das Fieber sank noch immer nicht.
 
Als es Zeit war fürs Frühstück, brachte ein Diener ein Tablett mit Essen für Will herein und auch der Arzt kam zusammen mit dem Governor vorbei, um nach Jack zu sehen.
 
„Er hatte eine unruhige Nacht“, sagte Will. „Er ist mehrmals aufgewacht, aber er war im Delirium. Er dachte, ich wäre jemand anderes.“
 
„Das Fieber ist ziemlich hoch.“ Der Doktor hörte Jacks Herz ab und überprüfte seinen Puls und seine Atmung. Dann kam sein Assistent vorbei, um den Wundverband zu wechseln. „Ich vermute mal, dass das Fieber gegen Mittag seinen Höhepunkt erreichen wird. Entweder sinkt es danach wieder oder… oder es wird ihn mit sich nehmen.“ Er drückte Wills Arm voller Mitgefühl. „Es tut mir so Leid, aber ich kann wirklich nicht mehr für ihn tun.“
 
„Es ist schon in Ordnung. Ich bin Euch sehr dankbar.“ Will setzte sich an einen kleinen Schreibtisch, der ein Stück weit vom Bett entfernt stand, und begann, in seinem Frühstück zu stochern.
 
„Hat denn irgendetwas von dem, was er gesagt hat, einen Sinn ergeben?“, fragte Swann.
 
„Nicht für mich. Er schien zu glauben, ich sei mein Vater… Sie haben sich gekannt, vor vielen Jahren.“ Will zögerte. Er war nicht wirklich scharf darauf zuzugeben, dass sein Vater ein Pirat gewesen war. „Mein Vater kam auf einem Handelsschiff hierher, als ich selbst noch ein Kind war. Wir haben nie mehr als eine Handvoll Briefe von ihm bekommen, doch dann hörten auch die auf. Ich hab nie erfahren, was mit ihm passiert ist.“
 
Swann nickte. „Wie es scheint, beginnen nur wenige Männer ihren Weg in die Erwachsenenwelt mit dem Vorsatz, irgendwann einmal ein Gesetzesbrecher zu werden. Ich habe gerade erst angefangen, mehr über Jack Sparrows Vergangenheit herauszufinden, aber wie es scheint, hat auch er die Kunst der Seefahrt auf einem Handelsschiff erlernt.“
 
„Ach wirklich?“ Will war froh über diese Neuigkeit. „Dann hat er vielleicht dort meinen Vater kennen gelernt.“ Es war tatsächlich so, wie ihm immer alle erzählt hatten – sein Vater war ein ehrlicher Mann gewesen mit einer anständigen Arbeit.
 
„Möglicherweise. Die Aufzeichnungen sind nur sehr lückenhaft und es gibt noch jede Menge Dokumente, die ich durchforsten muss. Hauptsächlich Gerichtsdokumente. Ich habe auch diesen Mann, Gibbs, gebeten, das Schiff noch einmal gründlich zu durchsuchen in der Hoffnung, dass Sparrow vielleicht dort noch einige persönliche Gegenstände aufbewahrt. Briefe, Tagebücher, oder vielleicht wenigstens ein Schiffs-Logbuch.“
 
„Ich hätte vermutet, dass Barbossa all diese Dinge nach seiner Meuterei vernichtet hat.“
 
„Gibbs hat mir erzählt, dass er, nachdem Sparrow mit der Pearl nach Tortuga zurückgekehrt war, gemeinsam mit ihm zu einem geheimen Versteck gegangen ist, wo sie zusammen eine verschlossene Kiste ausgegraben haben, die sie dann auf das Schiff brachten. Sparrow behielt sie immer bei sich in der Kabine und Gibbs hat nicht die geringste Ahnung, was darin sein könnte.“
 
Will musste unwillkürlich lächeln. „Könnte genauso gut seine Lieblingsflasche Rum sein.“
 
Zu seiner großen Überraschung erwiderte Swann das Lächeln. „Das wäre durchaus möglich.“
 
Dann erinnerte sich Will an etwas, das Jack im Fieberwahn gemurmelt hatte. Ein Name, den er mehrmals wiederholt hatte. Neugierig fragte er: „Governor, habt Ihr jemals von einem Captain Pritchard gehört?“
 
Swanns Augen wurden riesig. „Pritchard? Henry Pritchard?”
 
„Ich weiß nicht.”
 
„Gute Güte.” Swann ergriff einen Stuhl und ließ sich schwer darauf niedersinken. „Es gibt nur einen Captain Pritchard. Ist das der Name, den er in seinem Fieberwahn genannt hat?“
 
„Er sagte diesen Namen mehrmals und es klang so, als seien er und mein Vater Gefangene dieses Mannes gewesen. Es scheint, er wollte sie hängen. Auf einem Schiff vermutlich, da sie nur wenig Hoffnung auf Rettung hatten.“ Ganz offensichtlich kannte Swann den Namen des Mannes sehr gut. „Wer ist er?“
 
„Du meinst wohl besser ‚Wer war er’“, berichtigte Swann. Er holte tief Luft und rang sichtlich um Beherrschung. „Er war das wahrscheinlich bösartigste, grausamste und herzloseste Biest, das jemals ein Schiff der königlichen Handelsflotte kommandieren durfte. Er war ein Monster.“
 
Will konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass Swann aus persönlicher Erfahrung sprach. „Ich hab noch nie von ihm gehört.“
 
„Nein, mein Junge. Das war auch lange vor deiner Zeit. Pritchard hatte das Kommando über ein Handelsschiff namens Intrepid, das zwischen England und der Karibik segelte. Immer wieder wurden Geschichten erzählt von seiner Grausamkeit gegenüber der Mannschaft, aber erst nachdem die Intrepid in einem Sturm hier zwischen den Inseln gesunken war, kam das ganze Ausmaß seiner Bösartigkeit ans Licht. Während sie noch auf seinem Schiff dienten, hatten die Männer wohl zu viel Angst vor ihm, als dass sie sich getraut hätten, etwas gegen ihn zu sagen, aber viele von ihnen überlebten den Schiffbruch und sie begannen mit den Leuten aus den Dörfern, die sie gerettet hatten, zu sprechen. Auch Pritchard hat überlebt, aber er wurde zurück nach England geschickt und dort vor Gericht gestellt. Ich selbst war damals Ankläger in seinem Prozess. Viele seiner Seeleute haben gegen ihn ausgesagt. Sie haben uns von seiner jahrelangen Schreckensherrschaft auf der Intrepid berichtet. Von seiner Brutalität, von seinen Auspeitschungen, von seinen Hinrichtungen, wie er die Leute hungern ließ oder sie geschlagen hat. Sie alle waren seinen Launen völlig hilflos ausgeliefert. Die Männer haben nie etwas getan, was diese Bestrafungen gerechtfertigt hätte – meist brauchte es nicht mehr als ein bisschen Dreck auf dem Hemd eines Mannes oder einen Knoten, der zu langsam geknotet wurde, und Pritchard ordnete bereits eine Auspeitschung an. Sein erster Maat war Komplize bei all diesen Verbrechen. Er hat es sehr genossen, den Seeleuten Schmerzen zuzufügen. Die Aussagen der Mannschaft schockierten damals das ganze Gericht und das Urteil wurde schnell gefällt. Pritchard wurde gehängt.“ Swann rieb sich mit der Hand über die Stirn, während er versuchte, die Erinnerungen an die Verhandlung aus seinen Gedanken zu verbannen.
 
„Und mein Vater ist unter diesem Mann gesegelt?“ Will konnte es kaum ertragen, daran zu denken, wie sehr sein Vater gelitten haben musste.
 
„Ich bedaure ihn zutiefst, wenn es so war. Es ist schon zu lange her, als dass ich mich noch an all die Namen der Seeleute erinnern könnte, über die damals bei der Verhandlung berichtet wurde. Aber es war der wichtigste Fall meiner gesamten Karriere, daher habe ich eine vollständige Kopie des Verhandlungsprotokolls für meine persönlichen Aufzeichnungen zurückbehalten. Sie ist in meiner Bibliothek. Ich werde sie durchsehen und nachprüfen, ob ich irgendwo eine Erwähnung von deinem Vater oder Sparrow finden kann.“
 
„Ich danke Euch“, sagte Will. „Ich kann nur hoffen, dass Jack mir irgendwann die ganze Geschichte erzählt, falls… ich meine… wenn er wieder gesund ist. Aber er neigt dazu, solche Dinge lieber für sich zu behalten.“
 
„Wenn er tatsächlich auf der Intrepid gedient hat“, antwortete Swann, „dann kann ich es ihm nicht verübeln. Die Männer, die bei der Verhandlung gegen Pritchard ausgesagt haben, litten sehr darunter, dass sie all die schrecklichen Dinge aus ihrer Vergangenheit vor all den Leuten noch einmal aufarbeiten mussten.“
 
Swann erhob sich. „Läute einfach, wenn du etwas brauchst. Ich werde sofort vorbeikommen, sobald ich Neuigkeiten habe.“
 
Er verließ das Zimmer und Will beendete langsam und nachdenklich sein Mahl. Sein Herz wurde schwer, wenn er daran dachte, dass sein Vater unter so einem schrecklichen Mann wie Pritchard hatte dienen müssen. Und auch Jack tat ihm Leid.
 
Als er sich zurück ans Bett setzte, fand er Jack unruhig vor. Sein ganzer Körper zitterte vor Kälte und Schüttelfrost. Will klingelte nach einem Diener und ließ eine weitere Decke bringen. Er breitete sie über Jack und zog sie ihm nach oben bis über die Schultern.
 
Während der Morgen verging, wurde Jacks Zustand immer bedrohlicher. Der Arzt kam mehrmals vorbei, um ihm eine Tinktur aus Weidenrinde einzuflößen, die scheinbar ein wenig half.
 
Etwa gegen elf hatte Jack einen weiteren Anfall von Delirium. Er war von oben bis unten völlig nass geschwitzt und Will zog die Decke nach unten, um seine Stirn erneut mit kühlem Wasser zu benetzen. Wieder sprach Jack mit ihm, aber auch diesmal schienen seine Worte keinen Sinn zu machen.
 
„Es tut mir Leid“, wiederholte er immer wieder. „Es tut mir so Leid…“
 
„Es gibt nichts, was dir Leid tun muss“, erklärte Will, wobei er sich jedoch nicht sicher war, ob Jack wirklich ihn sah oder seinen Vater. „Es ist nicht deine Schuld.“
 
„Wir hätten nie dort anheuern dürfen…“
 
Will vermutete, dass Jack wohl wieder von seiner Zeit auf der Intrepid sprach. „Wir konnten es doch nicht wissen“, sagte er und versuchte einfach mitzuspielen. „Niemand hat uns vor Captain Pritchard gewarnt.“
 
„Ich wünschte, sie hätten“, murmelte Jack. „Hätte uns `ne Menge Ärger erspart.“
 
„Wir haben aber überlebt, Jack. Wir sind am Leben – er hat uns nicht aufgehängt.“
 
„Nein… der Sturm kam rechtzeitig, nicht wahr? Hätte nie geglaubt, dass ich mich mal freuen würde, zu sehen wie ein Schiff am Felsen zerschellt… es war das Beste, was uns passieren konnte, nicht wahr?“
 
So langsam begannen sich die einzelnen Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen zu fügen. Der Untergang der Intrepid, den Swann erwähnt hatte, musste gerade dann passiert sein, als Pritchard kurz davor war sein Vorhaben, Jack und Wills Vater zu hängen, in die Tat umzusetzen. „Ja, das war wirklich gut. Was für ein Glück.“
 
„Verdammtes Glück“, wiederholte Jack mit halb geöffneten Augen. Sein Blick war leer und seine Stirn glänzte schweißnass. „Frag mich, ob der Junge überlebt hat… weißt du’s, Bill? Hast du ihn gesehen?“
 
Der Junge? Wer könnte das denn gewesen sein? „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Will. Er beschloss, sein Glück mit einem Schuss ins Blaue zu versuchen. „Meinst du etwa den Schiffsjungen?“
 
„’türlich meine ich Jim, wen sollte ich denn sonst meinen?“
 
„Tut mir Leid, Jack. Ich muss von dem Schiffbruch wohl noch ein wenig wirr im Kopf sein.“
 
Jack, noch immer gefangen in seiner albtraumhaften Wahnvorstellung, grinste: „Wahrscheinlich warst du einfach nur zu lange mit mir zusammen, Kumpel. Meine schlechten Gewohnheiten fangen an, auf dich abzufärben.“
 
Liebevoll strich Will über Jacks fiebrige Stirn. „Das macht mir nichts aus.“
 
Wieder wälzte sich Jack unruhig hin und her, dann griff er plötzlich unvermittelt nach Wills Handgelenk und versuchte, sich nach oben in eine Sitzstellung zu ziehen. „Wo sind wir?“, schrie er und versuchte, sich aus Wills Griff zu befreien. „Ist er hier? Er wird uns finden!“
 
„Nein, es ist alles in Ordnung, wir sind in Sicherheit.” Will versuchte verzweifelt, ihn wieder nach unten zu drücken. „Bitte, leg dich wieder hin. Du bist krank.“
 
Jack keuchte und griff nach dem Verband an seiner Brust. „Gott, es tut weh…“ Dann fiel er nach hinten auf die Kissen und atmete schwer.
 
Will hielt Jacks rechte Hand so fest er konnte. „Du musst versuchen, ruhig zu bleiben“, sagte er mit beruhigender Stimme. „Alles wird wieder gut. Wir sind in Sicherheit, niemand wird uns hier finden können. Ich versprech’s dir.“
 
„Es tut mir so Leid“, keuchte Jack mit gebrochener Stimme. „Es tut mir so Leid…“
 
„Ich weiß“, antwortete Will diesmal. „Ich weiß, dass es dir Leid tut. Und ich weiß, dass du nichts Falsches getan hast.“
 
„Es hätte nicht soweit kommen dürfen, Kumpel.“
 
„Nein?“
 
„Wir hätten ein gutes Leben haben sollen… Spaß… nicht sowas.“
 
„Es wird wieder besser werden“, sagte Will. „Alles wird wieder gut. Du wirst schon sehen.“
 
„Ich hoffe du hast Recht.” Jack schloss die Augen und fiel endlich in einen unruhigen Schlaf.
 
„Das hoffe ich auch“, seufzte Will. Er hoffte wirklich, dass sie nun das Schlimmste überstanden hatten. Er behielt Jacks Hand fest in seiner und wachte den ganzen restlichen Tag neben ihm bis der Abend kam.
 
~*~**~*~
 
Am Abend begann das Fieber endlich zu sinken. Der Arzt schien überrascht, aber nichtsdestotrotz erfreut.
 
„Es geht ihm besser als ich erwartet hätte. Wenn er das nächste Mal aufwacht, dann solltet Ihr versuchen, ihm ein wenig Suppe einzuflößen. Er muss wieder zu Kräften kommen.“
 
„Natürlich.“ Will war fest entschlossen, sich so lange um seinen Freund zu kümmern wie es notwendig sein sollte.
 
Als sie wi­eder alleine waren, legte Will sich auf die Pritsche und gönnte sich endlich seine bitter benötigte Ruhepause. Er war erleichtert, dass das Schlimmste nun ausgestanden war und erwachte erst wieder als die Sonne aufging.
 
Als er die Augen aufschlug, fand er Jack bereits wach vor. Er lag ruhig in seinem Bett und jedes Anzeichen von Fieber war verschwunden. Seine Atmung war wieder normal, obwohl er noch immer ein wenig blass um die Nase war. „Guten Morgen“, sagte Will.
 
„Hunger“, antwortete Jack.
 
„Ah…, ich denke, dagegen kann ich etwas unternehmen.“ Will läutete nach dem Diener und schon bald wurde Suppe für beide hereingebracht sowie einige Scheiben warmes Brot.
 
Will stopfte Jack ein zusätzliches Kissen hinter den Körper, um ihn in eine aufrechte Position zu bringen und Jack schaffte es tatsächlich, fast die ganze Suppe und auch ein wenig Brot zu essen. Dann legte er sich wieder hin. „Swanns Haus?“, fragte er.
 
„Hmm. Sogar sein eigenes Schlafzimmer, um genau zu sein.”
 
„Ah. Nett.“ Jack grinste. „Er hat also nicht vor, mich zu hängen?”
 
„Ich bin mir relativ sicher, dass er das nicht tun wird.“ Auch Will musste lächeln. Er war froh, dass Jacks Geisteszustand endlich wieder normal war… zumindest soweit man bei Jack von normal sprechen konnte.
 
„Wie geht’s der Mannschaft?“
 
„Es geht ihnen gut. Haben hier und da eine Macke davon getragen aber keinen hat’s so schlimm erwischt wie dich.“
„Mein Glück.“
 
„Du hast wirklich Glück, dass du das Fieber überlebt hast“, sagte Will. „Einen Moment lang hab ich mir echt Sorgen gemacht.“
 
Jack runzelte die Stirn. „Wie schlimm war es? Hab ich wirres Zeug geredet?”
 
„Ein wenig.“
 
„Irgendwie gefällt mir der Ton nicht, mit dem du das sagst.“ Jack verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen und sah ihn misstrauisch an. „Was hab ich gesagt?“
 
Will war schon wieder soweit, dass er sich wünschte, er hätte die Sache gar nicht erst angesprochen. „Ähm… eigentlich nichts, wirklich. Ich meine, es hat überhaupt keinen Sinn für mich ergeben, daher kann ich mich auch nicht mehr daran erinnern.“
 
„Netter Versuch“, erklärte Jack gelassen. „Probier’s nochmal.“
 
Verdammt. Er konnte Jack auch nicht eine Sekunde lang aufs Glatteis führen. „Naja, von dem, was ich verstehen konnte, schätze ich, dass du wohl dachtest, ich sei mein Vater. Du hast mich jedenfalls ‚Bill’ genannt.“
 
„Ach, wirklich? Naja, du siehst nun mal so aus wie er. Was noch?”
 
„Du dachtest, du wärst an Bord eines Schiffes… und du hast dir Sorgen gemacht, was mit dir geschehen würde, und mit Bill… es hatte irgendwas zu tun mit Captain Pritchard.”
 
„Oh Gott.“ Jacks Augen wurden riesig. „Oh nein…, darüber werde ich sicher nicht mit dir sprechen!”
 
„Was? Du musst doch gar nicht…“
 
Jack stütze sich auf dem Bett auf und tippte mit seinem Zeigefinger demonstrativ auf Wills Brust. „Sag gar nicht erst, dass du nichts darüber wissen willst, denn ich weiß, dass du es wissen willst. Du willst wissen, was mit Bill passiert ist. Nun, ich werde dir diese Geschichte bestimmt nicht erzählen!“
 
„Ich hab eh schon so eine Ahnung.” Will drückte ihn sanft aber energisch wieder nach hinten auf die Kissen. „Es gibt überhaupt keinen Grund, sich so aufzuregen.“
 
Jack sah ihn verwirrt an. „Wovon sprichst du?“
 
„Governor Swann hat Unterlagen über Pritchard und über die Mannschaft der Intrepid. Er hat sie hier in seiner Bibliothek. Er war damals in England der Staatsanwalt, der gegen Pritchard ermittelt hat.“
 
„Ah.“ Jack holte einen tiefen Luftzug und ließ ihn dann langsam aus seinen Lungen entweichen. „Ich schätze, da wird es dann wohl alles drinstehen.“
 
„Ich vermute mal“, stimmte Will ihm zu. „Was immer ‚es’ auch sein mag.“
 
Jack schüttelte energisch den Kopf. „Vergiss es. Ich will immer noch nicht mit dir darüber reden.“ Er schloss demonstrativ die Augen. „Ich brauch’ jetzt sowieso meine Ruhe.“ Dann öffnete er sie wieder. „Nein, eigentlich müsste ich mal…“
 
Will seufzte. „Irgendwann wirst du es mir sowieso erzählen.“ Er half Jack aufzusitzen. Es ging nur sehr langsam und jede Bewegung war schmerzhaft. „Bis du sicher, dass du laufen kannst?“
 
„Nein.“
 
„Ich kann dir auch was bringen, in das du…“
 
„Oh nein, das wirst du ganz sicher nicht tun. Wie weit ist es?“
 
Mit jeder Menge körperlicher Kraft schaffte es Will, Jack bis zum Badezimmer des Governors zu schleppen, das direkt an das Schlafzimmer anschloss. Zu dem Zeitpunkt, als er Jack schließlich wieder zurück ins Bett gebracht hatte, war klar, dass ihn diese kurze Strecke Fußweg bereits bis ans Ende seiner Kräfte erschöpft hatte. „Mein Brustkorb tut weh“, sagte er.
 
„Ich werde den Arzt rufen.“
 
Jack hielt ihn am Arm fest. „Will…“
 
„Was ist?“
 
„Ich…“ Jack verstummte und atmete einen Moment lang schwer. „Ich bin froh… ich bin froh, dass du da bist.”
 
Dann ließ er Wills Arm los, ließ sich nach hinten auf das Bett sinken und schloss die Augen.
 
Will strich mit der Hand über Jacks Stirn und ging dann los, um den Arzt zu suchen.
 
~*~**~*~
 
Der Doktor flößte Jack eine Medizin ein, die ihm dabei half einzuschlafen.
 
Will, der wusste, dass Jack in guten Händen war, nutzte die Gelegenheit und gönnte sich eine Pause vom Krankenzimmer. Er ging ins Freie und machte einen Spaziergang über das altbekannte Grundstück der Swanns. Letztlich blieb er im Garten hängen, wo er sich unter die Rosenbüsche auf eine steinerne Bank setzte. Der Tag war warm und sonnig und seine Welt war endlich wieder in Ordnung.
 
Kurze Zeit später kam auch Governor Swann in den Garten und setzte sich zu Will auf die Bank. Will hatte unweigerlich das Gefühl, dass der Governor ihn nicht ohne Grund aufsuchte… offenbar hatte er doch endlich Neuigkeiten.
 
„Ich habe gehört, dass sich Sparrow wieder auf dem Weg der Besserung befindet“, sagte der Governor.
 
„Der Doktor sagt das Schlimmste wäre überstanden“, antwortete Will. „Aber es wird womöglich noch einen Monat oder sogar länger dauern, bis die Wunde vollständig verheilt ist und so lange wird er wohl auch noch etwas geschwächt sein.“
 
„Er kann hier bleiben bis er wieder gesund ist. Und du ebenfalls.“
 
„Ich danke Euch.“
 
Swann betrachtete die Rosenbüsche. „Sie sind wunderschön, nicht wahr? Es kommt einem fast so vor, als wäre man wieder daheim in England.“ Er schwieg einen Moment lang. „Als ich jetzt, nach all den Jahren, auf einmal wieder über diese Verhandlung gelesen habe, wurde plötzlich alles wieder so lebendig. Das waren noch gute Zeiten.“
 
Will nickte. „Ihr habt also etwas gefunden?“
 
„Ja.” Swann blickte nach unten auf seine Hände. „Ich habe deinen Vater gefunden, und auch Jack Sparrow. Beide finden in den Dokumenten der Verhandlung Erwähnung. Zwei andere Mitglieder der Mannschaft berichteten in ihren Aussagen über einen Vorfall, der die beiden betraf. Ein Schiffsjunge, gerade mal vierzehn Jahre alt, zog den Unmut des Captains auf sich, indem er ihm eine lauwarme Tasse Tee servierte. Pritchard orderte an, dass der Junge mit einhundert Peitschenhieben bestraft werden sollte.“
 
„Gütiger Gott!“ Will fand ein solches Ausmaß an Grausamkeit schwer zu begreifen. „Das hätte den Jungen umgebracht!“
 
„Allerdings. Der erste Maat begann mit der Auspeitschung und als er gerade mal zehn Peitschenhiebe verabreicht hatte, sind Bill Turner und Jack Sparrow dazwischen gegangen. Wie es aussieht, haben sie dem Maat nicht nur die Peitsche weggenommen, sondern auch gleich noch die Gelegenheit genutzt ihm selbst ein, zwei ordentliche Schläge damit zu verpassen. Es war wohl nicht das erste Mal, dass Pritchard den Jungen auf diese Weise bestrafen ließ, aber nie zuvor war es so schlimm gewesen. Sparrow und dein Vater wurden nach unten in die Arrestzelle geworfen und Pritchard wollte sie bei Morgendämmerung wegen Meuterei aufknüpfen lassen. Allerdings kam ihm der Sturm dazwischen, der in genau dieser Nacht die Intrepid versenkte.“
 
„Jack hat den Schiffsjungen während einem seiner Delirium-Anfälle erwähnt.“ Will versuchte sich an den Namen zu erinnern. „Ich glaube, er nannte ihn Jim. Hat er überlebt?“
 
„In der Tat.“ Swann lächelte. „Der Junge ist der königlichen Marine beigetreten, wo er eine recht beeindruckende Karriere hinlegte. Du kennst ihn heute vielleicht besser als James Norrington.“
 
Will fiel vor lauter Überraschung die Kinnlade nach unten. „Das kann unmöglich Euer Ernst sein.“
 
„Es ist mein absoluter Ernst. Ich habe soeben mit ihm gesprochen. Der gesamte Vorfall von damals war für ihn höchst traumatisierend, daher hat er die meisten Details seiner Jugend aus seinem Gedächtnis verdrängt, inklusive des Zwischenfalls auf der Intrepid. Aber er trägt noch immer die Narben von der Peitsche und er erinnert sich auch noch daran, dass zwei Seeleute damals zu seiner Rettung dazwischen gingen. Allerdings kannte er ihre Namen nicht. Er ist also mindestens genauso geschockt wie du.“
 
„Ich kann’s nicht glauben.“ Die Ironie war einfach zu köstlich. „Armer Norrington! Jetzt verdankt er sein Leben einem Piraten.”
 
„Nun ja, damals waren sie ja noch keine Piraten“, stellte Swann richtig. „Ich kann mir aber gut vorstellen, wie es soweit gekommen ist. Wenn man den Aufzeichnungen glauben mag, dann sank die Intrepid direkt vor der Küste Tortugas. Die Seeleute wurden an Land gespült und die dort Ansässigen nahmen sie auf. Die meisten von ihnen kehrten so schnell wie möglich nach England zurück, aber deinem Vater und Sparrow erschien das Leben als Gesetzlose auf der Insel wohl um einiges attraktiver. Schließlich hing ja noch immer Pritchards Todesurteil wie ein Damokles-Schwert über ihren Köpfen.“
 
„Ich verstehe.“ Und tatsächlich machte das Ganze durchaus Sinn. Es gab für die beiden keinen Weg mehr zurück in ein ehrliches Leben als anständige Bürger. Was sonst hätten sie also tun sollen?
 
„Ich habe mir die Aufzeichnungen über Sparrow ziemlich gründlich vorgeknöpft“, fuhr Swann schließlich fort. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass er schuldig ist der Piraterie, des Diebstahls, der Schmuggelei und einer ganzen Reihe anderer ungesetzlicher Vergehen. Aber dennoch…, wenn ich die einzelnen Fälle genauer unter die Lupe nehme, dann stellt sich heraus, dass sich die Piraterie im Grunde auf einige wenige Vergehen beschränkt. Offenbar hat er sich die meiste Zeit über als Schmuggler betätigt. Er ist offenbar auch der Kopf hinter mehreren Trickbetrügereien sowohl hier als auch in Südostasien. Allerdings konnte ich nicht einen einzigen Fall finden, wo er der Gewalttätigkeit gegenüber anderen Menschen angeklagt wurde… abgesehen von einigen unwichtigen Kneipenschlägereien natürlich. Und so wie du und Elizabeth den Vorfall geschildert habt, dann hat er dadurch, dass er Barbossa erschossen hat, wohl zweifellos das Leben meiner Tochter gerettet. Daher kann ihn dafür wohl auch niemand verurteilen. Ich habe ebenfalls herausgefunden, dass er zumindest einen Teil der Strafe für seine Vergehen schon vor einiger Zeit abgesessen hat. Er hat drüben in Südostasien mindestens drei Jahre im Gefängnis verbracht. Das ist passiert, nachdem er die Pearl an Barbossa verloren hatte.“
 
Will hatte sich schon früher gefragt, wo Jack wohl in den zehn Jahren gewesen war, in denen Barbossa das Kommando der Pearl innehatte. Zumindest ein Teil dieses Geheimnisses schien nun gelüftet. „Ihr werdet ihn also begnadigen?“
 
„Mein Sekretär ist soeben dabei, die Papiere vorzubereiten, mein Junge.”
 
„Das sind ja wirklich wundervolle Neuigkeiten, Sir!“ Er konnte es gar nicht abwarten, Jack davon zu berichten. Jetzt musste Jack nicht mehr ständig davonlaufen, jetzt konnte er sein Leben genießen, ohne dauernd den Henker im Nacken zu spüren. Es war der Beginn eines völlig neuen Lebens.
 
„Ich hoffe es zumindest.“ Swanns Miene ließ gewisse Zweifel erkennen. „Ich hoffe, dass ihm das Gesetzebrechen inzwischen nicht schon zu einer zweiten Natur geworden ist. So, dass er sich nicht mehr ändern kann.“
 
„Er kann sich ändern.“ Mit einem überschäumenden Glücksgefühl im Herzen wurde Will plötzlich klar, dass er von jetzt an immer an Jacks Seite bleiben würde, ganz egal was die Zukunft auch bringen mochte. Dann erinnerte er sich jedoch an das, was Jack ihm in Tortuga gesagt hatte. Dass Langeweile und Trägheit dazu führen konnten, dass man sich alt fühlte. Jack brauchte irgendeine Beschäftigung… es musste etwas Aufregendes sein, etwas Abenteuerliches. „Ich bin mir allerdings noch nicht ganz sicher wie. Er wird die Pearl auf keinen Fall aufgeben – das Leben auf See ist sein ein und alles.“
 
„Das sollte nicht allzu schwierig sein, zumindest nicht, so lange wir noch in Kämpfe mit den Spaniern verwickelt sind. Er kann ja jetzt offiziell das Kommando über ein Schiff übernehmen und unsere Feinde ein wenig in Bedrängnis bringen.“
 
„Darin ist er sicher unschlagbar“, sagte Will.
 
„Sicher.“ Will konnte ein schelmisches Glitzern in den Augen des Governors erkennen. „Wenn er sie nicht mit seinen Kanonen in die Flucht schlagen kann, dann wird er sie eben mit seinem Gerede zur Strecke bringen. Er wird sie einfach totquasseln.“
 
Will musste lachen. Er war froh, dass Swann der ganzen Angelegenheit mit einer ordentlichen Portion Humor entgegen trat. „Ich werde ihm erzählen, dass Ihr das gesagt habt.“
 
„Ich bitte darum“, lachte Swann ebenfalls und stand dann auf, um zu gehen. „Ich bin froh, dass auch du wieder auf den Beinen bist, Will. Du bist ein sehr hingebungsvoller junger Mann, aber versuche ab und zu auch mal, ein wenig Zeit für dich selbst abzuzwacken.“
 
„Das werde ich, Sir.“ Er beobachtete, wie Swann zurück zum Haus ging und verfiel dann erneut in seine bewundernde Betrachtung des Gartens. Doch schon bald machten sich seine Gedanken selbstständig und im Geiste sah er imaginäre Orte vor sich. Er stellte sich den Schiffbruch der Intrepid vor und sah seinen Vater und Jack, wie sie sich an Land retteten. Wahrscheinlich versteckten sie sich dort eine Weile und hielten sich im Verborgenen, während sie um ihr Leben fürchten mussten. Wahrscheinlich schlossen sie mit den dort ansässigen Schmugglern und Piraten Freundschaft. Er konnte gut nachvollziehen, dass Jack und sein Vater für jedes noch so winzige bisschen Sympathie dankbar waren, und als ihnen die Gesetzlosen freundlich begegneten, waren sie ihnen sicher im Gegenzug ebenso wohlgesonnen. Und von irgendetwas mussten sie ja leben, daher war es wirklich nicht überraschend, dass sie in Tortuga blieben und sich den dortigen Sitten und Gebräuchen anpassten. Vielleicht hörten sie ja sogar irgendwann - sehr viel später - von Pritchards Verurteilung und seiner Hinrichtung in England, aber sicherlich brauchte diese Nachricht sehr lange, um einen so abgelegenen Ort wie Tortuga zu erreichen. Sicherlich war es zu diesem Zeitpunkt für die beiden schon zu spät, um noch um Gnade zu bitten. Wer weiß, wie viele Verbrechen sie in der Zwischenzeit schon begangen hatten.
 
Das war zumindest die Geschichte, wie Will sie sich vorstellte. Er hatte tausend Fragen an Jack Sparrow, der seinen Vater wohl mindestens zehn Jahre lang gut gekannt haben musste. Sein Vater hatte England verlassen, als Will noch ein Kleinkind war, das man auf dem Arm tragen musste. Gerade mal ein Jahr alt. Bill war losgezogen, um sein Glück zu suchen und er war nie wieder zurückgekehrt. Wills Mutter musste ihren Sohn alleine groß ziehen. Sie starb, als Will zwölf Jahre alt war und dies war der Zeitpunkt wo auch er auf einem Schiff anheuerte. Er wollte seinen Vater suchen… wollte wissen, ob er möglicherweise eine Spur von ihm irgendwo entdecken konnte. Traurigerweise wusste er damals noch nicht, dass sein Vater zu diesem Zeitpunkt schon mehr als zwei Jahre tot war. Ermordet von Barbossa, nach der Meuterei auf der Pearl.
 
Er hatte nun tausend Fragen, sowohl über seinen Vater als auch darüber, was Jack getrieben hatte, nachdem er von Barbossa auf der einsamen Insel ausgesetzt wurde. Jack musste noch mindestens einen Monat hier bleiben bis er wieder vollständig genesen wäre. Sicherlich konnte er nicht die ganze Zeit über trotzig schweigen und sich vehement weigern, Will irgendetwas über seine Vergangenheit zu erzählen. Oder doch?
 
Jedenfalls nicht so lange ich noch ein Wörtchen mitzureden habe. Will streckte sich und stand von der Bank auf. Es war an der Zeit sich etwas zu essen zu suchen. Und dann, dann würde er zurück zum Krankenzimmer gehen und Jack die gute Nachricht überbringen.
 
~*~**~*~
 
„Man hat mich begnadigt?“ Jack lehnte sich gegen den Berg von Kissen und riss ungläubig die Augen auf. „Es hat also tatsächlich funktioniert?“
 
Will sah ihn entrüstet an. „Nur weil das Ganze meine Idee war… mein Plan, muss es noch lange nicht heißen, dass er nicht funktionieren kann, oder?“
 
„Nein, nein… ’türlich nicht.“ Jack grinste. „Ich kann’s nur einfach nicht glauben, das ist alles.”
 
„Glaub’s besser. Swann lässt gerade in diesem Moment die Papiere fertig machen. Du erhältst eine umfassende Begnadigung. Du bist jetzt ein freier Mann… ehrlich und wahrhaftig frei.“
 
„Frei“, wiederholte Jack mit leiser Stimme. Er sah nachdenklich aus. „Das Leben ist manchmal echt merkwürdig, oder?“
 
„Du hast es dir verdient, Jack.”
 
„Möglicherweise.“
 
„Nein, ganz sicher sogar. Du hast eine zweite Chance verdient, einen Neuanfang.“
 
Jack seufzte. „Das sind große Erwartungen, die du da an mich stellst.”
 
„Governor Swann hat da auch schon eine Idee. Du könntest als Freiwilliger für ihn in der Flotte arbeiten, falls du Interesse hast.“
 
„Wirklich?“ Jacks Miene erhellte sich auf der Stelle. „Um diese verfluchten Spanier zu jagen? Und das Ganze ist dann auch noch völlig rechtmäßig und legal?“
 
„Völlig legal und völlig ohne irgendwelche Versteckspiele. Glaubst du, du kommst damit klar?“
 
„Zumindest eine Weile“, willigte Jack ein. „Naja… wohl eher erstmal nicht für eine Weile, wenn man meine momentane Situation bedenkt.“
 
„Ich weiß. Der Doktor sagt, dass du noch mindestens einen Monat brauchen wirst, bis du wieder ganz gesund bist. Aber so schlimm wird es nicht werden – Swann sagt, du kannst hier bleiben so lange wie es eben dauert.“
 
„Oh, gut. Dann muss ich mir darüber nicht den Kopf zerbrechen.“ Dann tauchte jedoch eine kleine Sorgenfalte auf Jacks Stirn auf. „Warte mal… wie ist denn hier die Alkohol-Versorgung?“
 
„Du hast den Weinkeller doch selbst gesehen.“
 
„Nein, nein. Ich meine das harte Zeug. Was ist mit Rum?”
 
„Keinen harten Alkohol für die nächsten zwei Wochen mindestens. Anordnung des Doktors.“
 
Was?“ Jack wurde blass und seine Hände verkrallten sich im Betttuch. „Hat er den Verstand verloren?“
 
„Nein, er ist nur sehr vernünftig. Du sollst schließlich gesund werden, Jack. Das bedeutet, du musst dich ausruhen, du musst wieder zu Kräften kommen und du darfst nur langsam deine alten Gewohnheiten wieder aufnehmen. Und kein Alkohol.“
 
„Nein. Falsch. Ich werde mich ausruhen, ich werde immer brav aufessen, und ich werde erst dann versuchen, auf meinen eigenen zwei Beinen zu stehen, wenn ich wieder dazu in der Lage bin. Aber ganz sicher werde ich nicht zwei Wochen ohne Rum auskommen. Geh und such welchen.“
 
„Der Doktor hat schon vermutet, dass du so etwas sagen würdest. Er hat Swann beauftragt, ihn wegzuschließen.“
 
„Das würde er nicht wagen.“
 
„Hat er schon.“
 
Jack verdrehte die Augen. „Kumpel, tu uns beiden einen Gefallen. Geh zu meinem verdammten Schiff und hol mir meinen Rum. Glaub mir, du willst nicht sehen, was passiert, wenn ich wirklich wütend werde.“
 
Will dachte einen Moment lang darüber nach. „Vielleicht will ich das doch. Ich glaube nicht, dass ich dich schon jemals wütend gesehen habe.“
 
„Es kommt nicht oft vor. Aber wenn ich nicht bald einen Drink bekomme, dann könnte es leicht passieren. Also geh!
 
„Aye, aye, Sir.“ Will salutierte folgsam. „Bin schon auf dem Weg.”
 
Jack hob verblüfft eine Augenbraue. „Wie, das war’s? Keine Widerrede?“
 
„Nicht eine einzige. Wenn Captain Sparrow Rum will, dann soll Captain Sparrow Rum bekommen.”
 
„Hör schon auf damit!“
 
Will grinste. „Womit?“
 
„Dich zu benehmen wie ein devoter Speichellecker.”
 
„Ah.“ Will stürzte sich sofort auf dieses neue Stückchen Information. „Devoter Speichellecker?“ Er konnte sich auch an andere Wörter erinnern, die Jack schon während ihrer früheren Begegnung mit verblüffender Leichtigkeit über die Lippen gekommen waren. „Wuchernd? Spirituell? Wo schnappst du denn solche Wörter auf? Etwa in einem der feineren Gasthäuser von Tortuga?“
 
„Hä?“ Jack bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick. „Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?”
 
„Dein Vokabular. Es verrät dich, Jack. Du bist bestimmt nicht in der Gosse aufgewachsen, soviel steht schonmal fest.”
 
„Na, wenn du meinst. Ich schnappe eben von Zeit zu Zeit lange Wörter auf. Kein Grund, gleich irgendwelche merkwürdigen Hypothes… äh… ich meine, du musst dir deswegen nicht gleich irgendwas einbilden. Wie und wo ich aufgewachsen bin, geht nur mich was an.“
 
„Na, von mir aus. Dein ganzes Leben geht also offenbar nur dich was an, richtig? Um ehrlich zu sein, ich habe da eine ganze Menge Fragen, auf die ich ganz gerne eine Antwort hätte. Und da niemand sonst außer mir dir den gesamten nächsten Monat hindurch Gesellschaft leisten wird, solltest du dir vielleicht überlegen, ob du dich nicht eventuell doch zu dem ein oder anderen Gespräch bereit erklären willst.“
 
Jack stieß die Luft in einem langen, lauten und erbarmungswürdigen Seufzer aus den Lungen. „Bist du eigentlich immer so hartnäckig, Kumpel?“
 
„Ja, immer. Am besten, du gewöhnst dich schon mal dran.” Will stand auf und griff nach seiner Jacke.
 
„Wo gehst du hin?“
 
„Zum Schiff natürlich.“
 
„Oh. Ich dachte du hättest das nicht ernst gemeint.“
 
„Naja, ich denke ehrlich gesagt wirklich nicht, dass es besonders gut für dich, ist Alkohol zu trinken“, gab Will zu. „Ich glaube nicht, dass es deiner Gesundheit im Moment besonders zuträglich ist. Aber ich glaube auch nicht, dass es für meine Gesundheit vorteilhaft ist, wenn ich mich dir dabei in den Weg stelle.“
 
„Danke.“
 
„Gern geschehen.“ An der Tür hielt Will noch einmal inne. „Ich werde bald wieder da sein“, versprach er.
 
Jack tippte sich wie bei einem gespielten Salut mit zwei Fingern an die Stirn. „Ich werde hier sein“, antwortete er.
 
Will schloss vorsichtig die Tür hinter sich.
 
~*~**~*~
 
Am Abend stattete auch Commodore Norrington dem Krankenzimmer einen Besuch ab, gerade als Will und Jack ihr Abendessen beendet hatten.
 
Jack saß auf zahlreiche Kissen gestützt im Bett und nippte an einer Tasse, die zur Hälfte mit dem Rum gefüllt war, den Will vom Schiff mitgebracht hatte. Will hatte darauf bestanden, den Vorrat einzuteilen und Jack nahm daher extra kleine Schlucke, um den Genuss möglichst lange zu strecken.
 
Norrington kam langsam näher und sah ziemlich betreten aus. Er hielt seinen Kopf gesenkt und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er trat nahe ans Bett heran und räusperte sich. „Ich… äh… nun ja. So wie es aussieht stehe ich zutiefst in Eurer Schuld. All die Jahre hindurch hat es mich nie wirklich in Ruhe gelassen, dass ich den Männern, die mir damals das Leben gerettet haben, niemals danken konnte.“ Er blickte Will an. „Ich bedaure zutiefst, dass ich Eurem Vater meinen Dank nicht mehr persönlich überbringen kann.“
 
„Ich bin mir sicher er wusste um Eure Dankbarkeit“, antwortete Will.
 
Norrington nickte. Dann richtete er seinen Blick wieder auf Jack. „Seit Governor Swann mir erzählt hat, was hinterher mit Euch und William Turner passiert ist, habe ich über die Ironie des Lebens nachgedacht. Ihr beide seid eingeschritten, um mich vor einer Prügelstrafe zu bewahren, die mich höchstwahrscheinlich das Leben gekostet hätte. Und als Folge dessen wurdet Ihr zum Tode verurteilt. Der Sturm hat Euch gerettet und Euch an einen Ort gespült, wo sich verdammte Seelen noch willkommen fühlen konnten und Ihr konntet nur dadurch überleben, dass Ihr Euch diesen Leuten angeschlossen habt. Wie mir scheint war es eindeutig die Tat, mit der ihr mein Leben rettete, die Euch letztendlich auf den Weg der Piraterie und der Schmuggelei geführt hat. Und dann… so viele Jahre später… sollte ausgerechnet ich derjenige sein, der versucht, Euch wegen dieser Taten zu hängen. Ich kann nicht einmal annähernd in Worte fassen, welch ein gebrochener Mann ich heute wäre, wäre es mir damals gelungen, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wenn ich die Wahrheit erst danach… zu spät… erfahren hätte.“
 
„Das waren ganz schön viele Worte“, sagte Jack.
 
„Ich bitte um Verzeihung. Was ich versuche zu sagen ist…, dass meine Worte nicht ausreichen, um die Dankbarkeit auszudrücken, die ich Euch gegenüber empfinde. Und dass ich zutiefst erleichtert bin darüber, dass es mir überhaupt noch möglich ist Euch zu danken.“ Er trat bis an die Bettkante und streckte seine Hand aus.
 
Jack blinzelte. Dann verlagerte er die Tasse, die er hielt, von der rechten in die linke Hand und schlug ein. „Gern geschehen.“
 
Norrington trat einen Schritt zurück. „Ich bin außerdem zutiefst erleichtert, dass Ihr augenscheinlich begnadigt wurdet. Ich würde nichts mehr hassen, als Euch in Ausübung meiner Pflicht weiterhin jagen zu müssen.“
 
„Und da sind wir schon zwei.“ Jack hob seine Tasse. „Lust auf einen Drink mit uns?“
 
„Nein, wirklich… lieber nicht…” Norrington zögerte. „Ich meine, ich bin im Dienst…” Wieder hielt er inne und runzelte die Stirn.
 
„Ach komm schon, Jimmy.” Jack grinste ihn mit einem warmen Lächeln an, während er auf einen der umherstehenden Stühle deutete. „Mach dich locker und entspann dich zur Abwechslung einfach mal.“
 
Norrington hob angesichts der freundschaftlichen Anrede beide Augenbrauen. „Nun… ich… äh… das ist… hm.“ Er schien von der ganzen Sache irgendwie ziemlich überwältigt.
 
Will hielt ihm die Rum-Flasche entgegen. „Wir haben genug für eine Runde.“
 
Norrington zögerte noch immer, doch dann rang er sich schließlich zu einer Entscheidung durch. „Na gut, ich danke Euch.“ Er zog den Stuhl heran, während Will sich auf die Suche nach einem zusätzlichen Glas machte.
 
Will schenkte einen Drink ein und reichte ihn weiter. Auch Jack hielt ihm seine Tasse entgegen. „Schenkst du mir nochmal nach, Kumpel?“
 
„Nein. Du hast genug da drin für heute Nacht.“
 
„Spielverderber.”
 
Norrington konnte sich angesichts dieses kleinen Wortwechsels ein Grinsen nicht verkneifen, dann nippte er vorsichtig an seinem Rum. „Mhhh… der ist sehr gut.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück. „Ich weiß, dass mein Auftreten sehr… reserviert ist. Ich kann nicht aus meiner Haut. Ich fühle mich verantwortlich… für so viele Menschenleben. Wenn man eine solche Pflicht und Bürde auf seinen Schultern trägt, dann hat man nicht oft Gelegenheit sich ‚locker zu machen’. Selbstverständlich war es meine eigene Entscheidung dieses Leben zu wählen, es ist das, was ich wollte.“ Er zögerte und starrte gedankenverloren in sein Glas. „Dennoch, hin und wieder beneide ich diejenigen, die ihr Leben freier und leichtherziger leben können.“
 
Jack behielt seine Tasse mit Rum sorgsam nahe bei seinem Oberkörper. „Du warst damals ein ganz ordentlicher kleiner Kerl auf der Intrepid, soweit ich mich erinnern kann.“
 
„Ja, das war ich.“ Norrington seufzte. „Ich fürchte, ich habe eine ziemlich strenge Erziehung hinter mir. Es stellte sich heraus, dass sie mein wildes Temperament bei der Marine ganz gut unter Kontrolle bekamen. Jedenfalls besser als auf einem Handelsschiff.“
 
„Naja, alles ist besser als ein Schiff mit einem Verrückten als Captain.“
 
„In der Tat. Disziplinarmaßnahmen waren sicherlich nichts Neues für mich, aber Pritchard ging weit über das hinaus, was notwendig war. Ich war nicht dabei, als man ihm den Prozess machte – man hielt mich für zu jung, als dass ich irgendetwas Brauchbares hätte beisteuern können. Ich halte mich selbst nicht für einen herzlosen Mann und es liegt nicht in meiner Natur, jemand anderem den Tod zu wünschen. Aber dennoch…, als ich von seinem Todesurteil und seiner Hinrichtung hörte…, ich kann nicht leugnen, dass ich über den Tod dieses Monsters eine gewisse Befriedigung verspürt habe.“
 
Will schüttelte den Kopf. Nicht einmal hier gelang es Norrington, seine zurückhaltende Art abzuschütteln. „Ich habe gehört, sein erster Maat war fast genauso schlimm wie er?“
 
„Ja, sie konnten sich in Punkto Grausamkeit wahrhaft das Wasser reichen.“ Norrington nahm noch einen weiteren Schluck von dem Rum. „Es ist eine Schande, dass ihm nicht auch der Prozess gemacht wurde.“
 
„Ach, nicht?“ Will war verwundert darüber. „Ist er denn bei dem Schiffbruch ums Leben gekommen?”
 
„Sie haben ihn nach dem Sturm nicht mehr gefunden, zumindest ist es das, was ich gehört habe. Von dem was wir wissen, könnte er glatt noch irgendwo am Leben sein.“
 
„Dieser Bastard“, murmelte Jack. Verdrießlich starrte er in seine Tasse mit dem schwindenden Rest Rum. „Wenn er noch lebt, dann sollte er mir besser nie mehr über den Weg laufen.“
 
„Wer war er?“, fragte Will.
 
„Ned Hardcastle“, antwortete Norrington. „Er müsste inzwischen mindestens fünfzig oder sechzig Jahre alt sein. Man kann ihn eigentlich nicht verwechseln – er hat eine große, zackige Narbe, die auf seiner linken Gesichtshälfte von der Stirn bis nach unten zu seinem Kinn verläuft. Er hat einen wilden Mob aus flammendrotem Haar und einen genauso roten Bart, sein Taillenumfang ist auf allen Meeren bislang unerreicht und außerdem fehlen ihm noch drei Finger an seiner rechten Hand. Diese Visage werde ich sicherlich niemals mehr vergessen.“
 
„Dieser fette Bastard“, sagte Jack. „Und er hatte eine Vorliebe für die Peitsche.“
 
„Allerdings, viel zu sehr“, stimmte ihm Norrington zu. „Viele Männer mussten unter seiner Hand ihr Leben lassen.“
 
Will war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er wirklich noch mehr über die Misshandlungen erfahren wollte, die die Seeleute auf der Intrepid erleiden mussten. Sicher… er wollte mehr über das Leben seines Vaters erfahren, aber er wollte nicht wissen, ob und wie sehr er gelitten hatte. „Wie lange wart ihr beide denn auf dem Schiff?“
 
„Nur ein Jahr“, antwortete Norrington. „Aber es war trotzdem viel zu lange. Lange genug um, dauerhafte Narben davon zu tragen, soviel steht jedenfalls fest.“ Er schien mit Hilfe des Rums langsam ein wenig aufzutauen. „Die meisten Seeleute blieben nicht lange, wenn sie die Möglichkeit hatten, wegzukommen. Der Captain ließ die Männer nicht öfter an Land als unbedingt notwendig. Er wusste genau, dass sie nicht freiwillig zurückkommen würden. Man musste sie zwingen. Oder er ließ sie einfach von Hardcastle wieder einfangen. Der liebte es geradezu, Flüchtlinge aufzuspüren.“
 
„Er schleifte sie zurück an Board“, sagte Jack. „Und dann nahm er sein rostiges Messer und hackte ihnen von jeder Hand den kleinen Finger ab. Sie konnten dann ja immer noch problemlos Knoten machen und die Seile hochklettern, auch wenn sie nur noch acht Finger hatten.“ Er zitterte plötzlich und schob Will seine Tasse entgegen. „Ach komm schon… hab ein Herz!“
 
Will ließ sich nun doch erweichen. Er wusste, dass diese Erinnerungen für Jack sehr schmerzhaft sein mussten. Er schenkte ihm eine neue Portion Rum ein.
 
„Danke, Kumpel.“
 
„Was ist mit seiner eigenen Hand passiert?“, fragte Will.
 
„Wessen Hand?“
 
„Hardcastles.“ Will sah zu Norrington. „Ihr sagtet, ihm würden Finger fehlen.”
 
„Ja, das ist richtig“, erwiderte Norrington. „So wie ich die Geschichte gehört habe, hat er – bevor er auf die Intrepid kam - auf einem anderen Handelsschiff gedient, das vor der Küste von Japan in haiverseuchten Gewässern sank. Er und seine drei engsten Kameraden konnten sich gerade noch in eines der Ruderboote retten, und sie benutzten die Ruder dazu die anderen Seeleute, die im Wasser schwammen, wegzustoßen um sie daran zu hindern, ebenfalls ins Boot zu klettern und es durch die Überlastung zum Kentern zu bringen. Dann fielen die Haie die armen Männer an, einen nach dem andern. Einem der Männer im Wasser gelang es, Hardcastles Hand zu ergreifen als er sich gerade mit dem Ruder über den Rand des Bootes beugte, und er hielt sich mit aller Kraft daran fest. Während sie noch miteinander rangen, kam ein Hai und biss dem armen Kerl seinen ganzen Arm ab… zusammen mit einem Teil von Hardcastles Hand.“
 
Nun konnte auch Will nicht verhindern, dass ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. „Das ist ja fürchterlich.“
 
„Solch eine Sorte Mensch war er“, erwiderte Norrington.
 
Er blieb noch eine gute Stunde und sie unterhielten sich, bis Jack irgendwann einnickte und Norrington sich schließlich verabschiedete. Will las noch ein wenig während Jack schlief, bis auch er von Müdigkeit überwältigt wurde. Er kroch unter die Decke seiner Pritsche und schlief rasch ein.
 
Irgendwann mitten in der Nacht wurde er durch einen Albtraum aus dem Schlaf gerissen. Sein Kopf war voller grauenhafter Bilder von Haien und verstümmelten Männern, die in einem blutroten Meer schwammen. Zitternd setzte er sich auf. Er kroch aus dem Bett und ging zum Fenster, um die Sterne zu beobachten. Der Mond stand hoch und er wusste, dass es erst kurz nach Mitternacht sein konnte. Er bezweifelte jedoch, dass es ihm möglich wäre in näherer Zukunft noch einmal einzuschlafen.
 
Während er einfach nur dastand und in die Dunkelheit hinaus spähte, versuchte er sich abzulenken. Er wollte nicht über grausame Offiziere nachdenken, über ungerechte Prügelstrafen oder über das, was sein Vater unter dem Kommando von Männern wie Pritchard und Hardcastle möglicherweise hatte erleiden müssen. Doch die Bilder wollten einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden.
 
Er seufzte und ging zurück zu seiner einsamen Pritsche. Da fiel sein Blick auf Jack, der dort in diesem riesigen Bett lag und nicht einmal die Hälfte des Platzes benötigte. Will wollte Gesellschaft… er brauchte jemanden, an dem er sich festhalten konnte, falls die Albträume zurückkämen. Jack würde das sicher verstehen.
 
So vorsichtig und unauffällig wie möglich kletterte er in das riesige Bett und kroch unter die Decke nahe an Jacks Seite. Jack bewegte sich ein klein wenig und murmelte etwas Unverständliches, aber er wachte nicht auf. Will schlang einen Arm um ihn und kuschelte sich näher an ihn heran. Er schloss die Augen und war nun endlich bereit wieder einzuschlafen, jetzt da er die Wärme und den Trost des Mannes neben sich spürte, der in der kommenden Nacht alle Sorgen und Zweifel vertreiben würde.
 
~*~**~*~
 
Zwei Wochen später war Jack endlich wieder kräftig genug, um einen Spaziergang im Garten zu unternehmen, danach wollte er den Blick auf den Hafen genießen. Der Governor ließ zwei Korbssessel nach draußen auf den Balkon bringen, von dem Jack und Will eine fabelhafte Aussicht hatten.
 
Beim Anblick der Pearl, die friedlich im Hafen lag, erhellte sich Jacks Miene auf der Stelle. Der Tag war schön, weder zu heiß, noch zu kühl, mit kleinen Wölkchen am Himmel und einer erfrischenden Brise die vom Meer kam. „Ah“, seufzte er zufrieden. „Ist die Heimat nicht schön?“
 
Will streckte sich auf seinem Sessel neben Jack aus und bewunderte die Geschäftigkeit im Hafen. Dutzende von kleineren Schiffen kamen ständig an oder liefen aus. Er erkannte plötzlich, dass – obwohl er Port Royal in den vergangenen acht Jahren als seine Heimat betrachtet hatte und obwohl er diesen Ort liebte und sich hier wohl fühlte – er bislang noch nicht wirklich viel von der Welt gesehen hatte.
 
Wie sollte er denn wissen, wo seine wahre Heimat lag, wenn er sonst noch nichts gesehen hatte? Wenn er noch nichts erlebt hatte? Er hatte bislang nur ein winziges Stück von dem erlebt, was die Welt zu bieten hatte.
 
Jack Sparrow hatte Wills Augen für ein neues Leben geöffnet… ein Leben, das ganz anders war als die tägliche Schinderei in der Schmiede. Es war ein Leben, bei dem nur weniges wirklich sicher war und wo sich ein Mann jederzeit neu erfinden und definieren konnte, ganz wie es ihm beliebte.
 
„Wie ist es?“, fragte er schließlich. „Wenn man niemals weiß, was als nächstes passieren wird? Ich weiß, wie es ist, wenn man so ein Leben eine kurze Zeit lang führt. Es ist teilweise aufregend, teilweise beängstigend… es ist wie ein Rausch von überwältigender Anspannung und Aufregung, wenn man sich gerade mittendrin befindet, und anschließend ist es eine unglaubliche Erleichterung, wenn man es endlich überstanden hat und trotzdem noch am Leben ist. Man fühlt sich durch und durch lebendig, es ist anders als jedes andere Gefühl, das ich kenne.“
 
„Erinnerst du dich noch an die Tage, die du hier verbracht hast?“, antwortete ihm Jack. „Diese langen, langweiligen Tage zwischen dem Zeitpunkt als ich mit der Pearl weggesegelt bin und die Spanier hier ankamen? Nun, um ehrlich zu sein, wir haben solche Tage auch. Es gibt Zeiten, wo wir wochenlang einfach nur dahinsegeln mit nicht mehr als einer Mütze Wind in den Segeln, die ab und zu ein wenig Schwung reinbringt. Wochen, wo wir einfach nur irgendwo in einem Hafen festliegen um die nötigen Reparaturen zu erledigen. Es gibt lange Tage, an denen wir einfach nur irgendwo treiben oder aufgrund von Nebel in einem Hafen festsitzen oder die Herbststürme abwarten. Es ist nicht so, dass ein riesiges Abenteuer ständig das nächste jagt.“
 
„Aber trotzdem liebst du es.“
 
„’türlich liebe ich es. Die Sonne zu sehen, wie sie am Horizont untergeht, oder den Mond zu sehen, wie er über dem nächsten Horizont aufgeht. Zu wissen, dass es immer und überall etwas Neues zu entdecken gibt, weil sich die See immer wieder verändert… das ist das Schöne daran, Kumpel. Zu wissen, dass man jederzeit überall hin gehen kann, dass man nicht gebunden ist, an keine Stadt und an kein Land, dass man sich nach keinen Regeln richten muss, dass man keinen anderen Idealen als seinen eigenen treu bleiben muss… das ist die große Freiheit, die dahinter steht. Und wenn du immer weiter und weiter reist, dann siehst du mehr Länder als du dir jemals hättest vorstellen können, und du wirst mehr verschiedene Leute treffen, als du dir jemals hättest träumen lassen. Anstatt dass deine Welt klein und vertraut wird, wirst du erkennen, dass die Welt ständig immer noch viel größer werden kann. Sie ist unendlich in ihrer Vielfalt und sie brennt darauf, dich all das schmecken zu lassen was sie zu bieten hat.“
 
Will lag mit geschlossenen Augen da und lauschte gebannt Jacks Worten. Es war mit Sicherheit die längste Rede, die Jack jemals in seiner Anwesenheit gehalten hatte. Das Meer, das wusste Will, war die eine Sache mit der es Jack immer ernst meinen würde, und seine Liebe dafür zog Will mit in seinen Bann. Es war fast so, als hätte die See selbst ihn mit ihrem Zauber belegt. Langsam öffnete er die Augen und betrachtete den Hafen und den unendlichen Horizont, der dahinter lag. „Kann ich mit dir mitkommen?“
 
„Wie lange?“
 
„Für immer… so weit wir kommen“, antwortete Will.
 
Jack lächelte. „Wenn wir für immer segeln könnten, Kumpel, dann bräuchten wir keinen Himmel mehr.“
 
„Das glaube ich dir.“ Tief in seiner Seele wusste Will, dass dies genau das war, was er wollte. Er wusste in seinem Herzen, dass seine Zukunft an Bord der Black Pearl lag. „Sag… hat mein Vater auch so gefühlt?“
 
„Ja, das hat er.“ Jack hielt inne und senkte den Blick. „Es ist in Ordnung, so lange man keine Familie hat, aber er hat sich einen ordentlichen Haufen Kummer eingehandelt, als er seine Frau und seinen Sohn, der noch ein Baby war, einfach so zurückgelassen hat. Zuerst hatte er gar nicht vor, so lange weg zu bleiben. Aber ich habe gesehen wie ihn die See lockte, wie sie ihn in ihren Bann zog. Die Männer bekommen dann so einen gewissen Glanz in ihren Augen und dann sind sie gefangen für den Rest ihres Lebens. Es wird sie niemals wieder loslassen.“
 
„Und dennoch nennst du es Freiheit.“
 
„Ja, so nenne ich es“, sagte Jack. „Man ist so frei wie der Wind. Männer wie Bill allerdings, zahlen für diese Freiheit einen hohen Preis. Ich ging zur See als ich gerademal zehn Jahre alt war. Ein anderes Leben kannte ich kaum. Aber manchen Männern geht es da anders. Sie kommen hierher und suchen weiß Gott was. Sie denken sie werden es finden und dann einfach wieder nach Hause fahren. Aber dann hören sie den Sirenengesang des Meeres und die armen Tölpel sind verloren. Und erst dann, wenn es viel zu spät ist, erkennen sie, dass es eine Sache gibt, die sie niemals tun können.“
 
„Und das wäre?“
 
„Sie können nicht mehr zurück.“
 
Schweigend dachte Will eine Weile über Jacks Worte nach. Er glaubte zu verstehen, was Jack meinte. „Mein Vater hat uns nur eine Handvoll Briefe geschrieben. Meine Mutter hat sie aufgehoben. Sie wurden immer kürzer und die Entschuldigungen darin immer länger. Dann kamen irgendwann überhaupt keine mehr.“
 
„Das ist passiert, weil er sich verliebt hat, Junge. Du musst dir dessen bewusst sein, bevor du mit mir mitkommst… wenn du wirklich glaubst, dass es das ist, was du willst. Es gibt kein zurück.“
 
„Ich verstehe.“ Es war eine merkwürdige Art von Freiheit, dachte Will. Man konnte jedes Leben wählen, das einem gefiel… nur nicht das eine, das man an Land zurückgelassen hatte.
 
„Ich hoffe, dass du das tust.“
 
„Ihr wart gute Freund, ihr zwei… oder?“ Will beschloss, das Gespräch mehr auf die Vergangenheit zu lenken, um auf diese Weise soviel wie möglich über seinen Vater und dessen gemeinsame Jahre mit Jack zu erfahren. „Ihr habt auf denselben Handelsschiffen gearbeitet.“
 
„Wir waren gemeinsam auf der Rosinante, die von Portugal nach Macao segelte und wieder zurück. Wir waren fast gleich alt, ziemlich genau ein Jahr auseinander. Er war der Jüngere von uns beiden. Wir kamen gut miteinander klar. Wir hatten denselben Geschmack bei Alkohol und sonstigen Vergnügungen. Er las viel und erzählte gerne fantastische Geschichten. Er hatte eine schöne Stimme und konnte haufenweise schmutzige Lieder singen. Er war ein Kerl, den man gerne um sich hatte. Er konnte einen Witz gut vertragen und er sorgte sich immer darum, dass es den Jungs an Bord gut ging. Er war großzügig, loyal und er war sich seines eigenen Wertes nie bewusst. Er war ein guter Mann.“ Jacks Stimme wurde gegen Ende immer leiser und er klang irgendwie ein wenig melancholisch. Nach einer kleinen Weile sagte er mit einem winzigen Zittern in der Stimme: „Er fehlt mir.“
 
Will konnte fühlen wie auch ihm Tränen in die Augen stiegen. Gerne wollte er Jack Trost spenden, aber ihm fiel beim besten Willen nichts ein, was er hätte sagen können. „Es tut mir so Leid, Jack.“ Dann lächelte er, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. „Weißt du, ich würde wetten, dass er dich mindestens genauso vermisst.“ Er warf einen schnellen Blick in Richtung Himmel.
 
Jack lachte leise. „Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Danke.”
 
Sie saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander bis Will sagte: „Es tut mir Leid, dass ich wegen der ganzen Sache so nachgebohrt habe. Ich kann einfach nicht anders. Ich hab ihn niemals kennen gelernt, und ich weiß auch kaum etwas über ihn, abgesehen von dem, was mir meine Mutter erzählt hat. Es ist schön, endlich mal mehr zu hören. Und es ist gut zu wissen, dass er dich zum Freund hatte.“
 
„Er hätte jemand besseren haben können.”
 
„Nein“, sagte Will mit ernster Stimme. „Das kann ich mir nicht vorstellen.“
 
„Ah… naja. So wie’s aussieht wirst du also in seine Fußstapfen treten. Segle mit mir so weit du willst, so lange du Lust hast.“
 
„Es ist genau das, was ich will“, sagte Will. „Ehrlich.“
 
Jack hob eine Augenbraue. „Du magst ihn vielleicht nicht gekannt haben, aber du bist ihm trotzdem sehr ähnlich.“
 
„Ach, wirklich?”
 
„Ja. Mich zu veräppeln war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.”
 
Will gefiel der Gedanke ausnehmend gut. „Ich hab dich doch nicht veräppelt.“
 
„Oh doch, das hast du.“
 
„Na gut.“ Will rutschte noch ein wenig tiefer in seinen Korbsessel und schloss die Augen. „Ich glaube, ich werde jetzt erstmal ein kleines Nickerchen machen. Und du solltest das Gleiche tun, kannst es gut gebrauchen.“
 
„Und das ist auch so eine Sache.“
 
„Was für eine Sache?“
 
„Dass du mir ständig sagst, was gut für mich ist“, erklärte Jack. „So langsam fang ich an, mir wirklich Sorgen zu machen.“
 
„Tut mir Leid.“ Und es war die Wahrheit. Will wollte Jack nicht allzu oft an seinen verstorbenen Freund erinnern. „Ich hab aber eine ganz lausige Singstimme, falls dir das jetzt irgendwie hilft.“
 
„Gut.“
 
Jack blieb noch eine Weile still und Will glaubte schon, dass er seinen Ratschlag, sich ein wenig auszuruhen, möglicherweise doch befolgt hätte. Doch plötzlich sagte er wie aus heiterem Himmel: „Und wie steht’s mit Damespielen?“
 
Mit geschlossenen Augen genoss Will die warme Brise, die über seine Haut strich. „Eine meiner absoluten Stärken.“
 
„Ah.“ Dann kam eine weitere Pause bis Jack schließlich hinzufügte. „Wir werden ja sehen.“
 
Zufrieden schlief Will ein, während er von Schiffen und dem Meer träumte. Und in jedem einzelnen flüchtigen Bild, das er in seinen Träumen sah, war auch Jack Sparrow. Immer mit einem Lächeln im Gesicht und stets an seiner Seite.


Nächster Teil




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