AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, NC-17, Abenteuer, Drama, Romantik, Hurt/Comfort, Angst
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: Der Prolog schließt direkt an den Film "Fluch der Karibik" an.
INHALT: Ein atemberaubendes Piratenabenteuer mit viel Rum, Spannung, Blut und Tränen, und sonst noch allem was dazu gehört.
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch I
by Alexfandra


Einen Monat nach der Befreiungsschlacht um Port Royal war Jack endlich wieder so weit bei Kräften, dass er auf die Pearl zurückkehren konnte. Seine Hauptsorge war es, dass er durch seine neue Rolle als rechtmäßiger Kommandant eines Schiffes, das die spanische Flotte ein wenig unter Druck setzen sollte, möglicherweise in Tortuga von nun an nicht mehr willkommen wäre.
 
„Es ist besser noch ein paar Dinge von dort in Sicherheit zu bringen, bevor sich die Nachricht verbreitet“, erklärte er Will, als sie an Bord gingen. „Es wäre wirklich ein Jammer, wenn sie uns von dort vertreiben würden.“
 
„Das können sie doch schlecht tun“, sagte Will während er ihm an Deck folgte. „Es gibt dort schließlich keine Gesetze, wie sollten sie dich also vertreiben wollen?“
 
„Das ist ganz einfach. Indem sie mir das Gefühl geben, ich wäre dort nicht mehr länger willkommen. Wenn dich plötzlich jeder schneidet, dann dauert es nicht mehr lange bis du ganz von selbst verschwindest und dich auf die Suche nach freundlicheren Gefilden machst.“
 
Will war sich nicht sicher ob dies denn wirklich so schlimm wäre. Zwar hatte Tortuga sicherlich einige interessante Aspekte zu bieten, allerdings verspürte er beim besten Willen kein Verlangen danach, sich länger als unbedingt notwendig dort aufzuhalten. Seine kurzen Erfahrungen mit den dort vorherrschenden rauen Umgangsformen hatten ihn ein wenig misstrauisch gemacht. Aber er schwieg, da er wusste, wie sehr Jack die Insel am Herzen lag.
 
Jack übernahm sofort das Kommando über das Schiff und das Steuer und gab den Befehl, die Segel zu hissen. Langsam segelten sie aus dem Hafen fort…
 
In der Tat legte Jack einen kurzen Zwischenstop in Tortuga ein, wo er die Villa verriegelte und noch einige Münzen aus seinem geheimen Schatzversteck holte, um damit Vorräte zu kaufen, die sie auf ihrer Mission benötigen würden. Dann segelte die Pearl los, um ihr erstes spanisches Schiff anzugreifen… mit durchschlagendem Erfolg. Als sie jedoch zurück nach Tortuga kamen, um dort ihren Sieg zu feiern, schlug ihnen eine deutlich frostigere Begrüßung entgegen, wobei diese Haltung eindeutig mehr gegen Captain Jack gerichtet war als gegen den Rest der Mannschaft. Die Männer beschlossen, trotz allem auf Tortuga zu bleiben und ihren Erfolg zu feiern, während Jack und Will gemeinsam zurück zur Pearl gingen und sich in die Kabine des Captains zurückzogen, um weiteren unschönen Begegnungen aus dem Weg zu gehen…
 
„Undankbare Bastarde.“ Bevor sie aufgebrochen waren hatte Will bereits zwei Maß Ale in der Taverne getrunken und nun verspürte er das dringende Bedürfnis nach etwas Stärkerem. Das Verhalten der Inselbewohner ärgerte ihn über alle Maßen. Jack hatte jede Menge Geld und Reichtum nach Tortuga gebracht. Er war immer sehr großzügig gewesen und hatte seine Schätze überall wo er war weitläufig verteilt. Und nun wendeten sich plötzlich alle gegen ihn, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
 
Er ging zum Schrank, in dem Jack seinen Rum aufbewahrte, und füllte zwei große Gläser. „Man könnte fast meinen ihnen liegt irgendetwas an diesen Spaniern.“
 
„Das ist es nicht.“ Jack nahm ihm eines der Gläser aus der Hand. „Sie interessieren sich nicht für die Spanier – weder auf die eine noch auf die andere Weise. Aber sie hassen die Engländer. Und denen helfen wir.“
 
„Aber wir haben doch nichts mit dem Gesetz zu tun. Es ist ja nicht so, dass wir hierher kommen, um irgendjemanden zu bedrohen oder zu verhaften. Warum kümmert es sie also? Ich dachte, alles, was die Leute in Tortuga interessiert, ist das Kämpfen, das Spielen und das Saufen.“ Er nahm einen großen Schluck von seinem Rum.
 
„Und mit den Huren herumtollen“, fügte Jack hinzu.
 
„Oh, stimmt.“ Insgeheim fragte sich Will, ob Jack wohl derartige Pläne für die Nacht gehabt hatte. Er hatte jedenfalls mitbekommen, wie sich der Rest der Mannschaft lauthals darüber unterhielt.
 
Jack deutete auf die Kabinentür. „Ich glaube nicht, dass sie dich auseinander nehmen, wenn du alleine nochmal zurückgehst, Kumpel. Ich meine… falls du Bedürfnis nach ein wenig weiblicher Gesellschaft hast.“
 
Merkwürdigerweise verspürte Will keinerlei Verlangen, diesem Vorschlag nachzukommen. Er war heute Nacht irgendwie in einer seltsamen Stimmung. Er war verärgert, sein Beschützerinstinkt war geweckt, und er wusste, dass er Jacks Gesellschaft jederzeit der eines anderen vorzog. Außerdem hatte er unbändige Lust sich zu betrinken, mehr als jemals zuvor in seinem Leben. Er zuckte daher mit den Schultern. „Ich bin sowieso zu betrunken.“ Er hob stattdessen sein Glas.
 
„Oder noch nicht betrunken genug“, grinste Jack. „Manche von diesen Frauen sollte man sich besser gar nicht genauer angucken.“ Er ließ sich in seinen Lieblingsstuhl fallen, ein gut gepolstertes Möbelstück mit hoher Rückenlehne. „Aber wir können es uns nicht leisten, wählerisch zu sein.“
 
„Nein, ich schätze das können wir nicht.“ Will machte es sich ebenfalls bequem und ließ sich halb sitzend und halb liegend auf der gepolsterten Bank nieder, die im Rumpf des Schiffes stand. Auf seine Ellbogen gestützt hielt er seinen Drink in der Hand und behielt auch die Rumflasche in unmittelbarer Reichweite. Als er zu Jack hinüber sah, fragte er sich plötzlich, ob Jack und sein Vater früher auch oft diese Art des freundschaftlichen Beisammenseins genossen hatten. Er wusste, dass sie gute Kameraden gewesen waren, aber wie nahe hatten sie sich wirklich gestanden? Hätten sie ihr Leben füreinander riskiert, so wie er und Jack es getan hatten? Und da war noch eine andere Frage, die ganz tief in Wills Bewusstsein schlummerte. Eine Frage, bei der er Mühe hatte, sie in Worte zu fassen. Vielleicht… wenn er es über Umwege versuchte… und wenn er weiterhin ordentlich Rum trank…
 
Er räusperte sich. „Also… ähm… ich bin neugierig. Ich weiß ja, es gibt jede Menge Frauen in den Häfen, aber was ist, wenn man mal längere Zeit auf See ist?“
 
„Bitte was?“
 
„Naja, ich meine… Anamaria scheint mir nicht gerade die Sorte Frau zu sein, der man leichtfertig irgendwelche eindeutigen Angebote machen kann, wenn gerade mal Notstand herrscht.“
 
Jack verschluckte sich beinahe an seinem Drink. „Sie würde deine Eingeweide zu Strumpfhaltern verarbeiten, Kumpel.“
 
Ganz zweifellos. Und selbst wenn es so wäre, dass sie hier und da ein paar Angebote zu schätzen wusste, so bezweifelte Will, dass sie schon immer ein festes Mitglied der Mannschaft der Pearl gewesen war. Oder dass es andere Frauen auf den Schiffen gegeben hatte, auf denen Jack und sein Vater unterwegs waren. Wie Gibbs immer so gerne sagte – eine Frau an Bord bringt Unglück. „Was ich meine ist“, erklärte Will vorsichtig, „was machen die Männer, wenn sie mal mehrere Wochen lang ohne Unterbrechung auf See sind, ganz ohne Frauen?“ Sofort darauf nahm er einen großen Schluck von seinem Rum.
 
„Du machst Witze, oder?“ Jack schüttelte den Kopf.  „Du bist in einem Hafengebiet aufgewachsen und hast noch nie von unserem inoffiziellen Motto gehört? ‚Rum, Sodomie und Peitschenhiebe’?“
 
„Doch, ich hab davon gehört.“ Der Rum verbreitete eine wohlige Wärme in seinem gesamten Körper und Will spürte, wie er langsam etwas ruhiger wurde. Ruhiger und ein klein wenig verwegener. „Ich wusste nur nicht, ob es wirklich wahr ist, das ist alles, was ich wissen wollte.“
 
Jack seufzte und verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. „Ich weiß schon, was du wirklich wissen willst.“
 
Immer wieder vergaß Will wie gerissen und schlau Jack Sparrow trotz seines konfusen Auftretens war. Jack hatte seinen armseligen Versuch, die Wahrheit über gewisse Dinge über Umwege herauszufinden natürlich längst durchschaut. Will beschloss kurzerhand, dass dies ein guter Zeitpunkt wäre, um sich noch mehr Rum zu genehmigen. Er hielt die Flasche hoch. „Soll ich dir auch noch was einschenken?“
 
„Ich weiß, es ist schwer zu glauben, aber ich bin immer noch bei meinem ersten Glas.”
 
„Oh, richtig. Tut mir Leid.” Will schenkte sich selbst noch einmal nach und nahm einige große Schlucke. Wieder fuhr das Feuer in seine Glieder und die wohltuende Wärme vertrieb nun auch das letzte Fünkchen Zurückhaltung, das er noch besaß. „Ich geb’s zu, eigentlich interessiert es mich nicht die Bohne, was die Mannschaft der Pearl so treibt, wenn sie auf See ist. Ich weiß ganz genau was sie tun, genau wie jede andere Gruppe Männer, wenn sie längere Zeit irgendwo zusammen eingepfercht sind.“ Er nahm einen tiefen Atemzug und ließ ihn anschließend wieder langsam aus seinen Lungen entweichen. „Was ich wirklich wissen will ist… weißt du ob mein Vater jemals… du weißt schon…“
 
„Nein, niemals. Er hatte immer nur Augen für die Frauen in den Häfen.“ Jack hielt kurz inne bevor er weiter sprach. „Von mir selbst kann ich das allerdings nicht behaupten.” Er warf Will einen ziemlich langen, durchdringenden und etwas beunruhigenden Blick zu.
 
Aha. Nun ja, im Grunde beantwortete das gleich beide Fragen, die Will sich gestellt hatte. Schließlich schlief er noch immer jede Nacht in Jacks Bett. Irgendwie hatte er nie den Weg nach unten zu den Kojen der Mannschaft gefunden, obwohl er inzwischen ja kein Gast mehr war, sondern ein vollwertiges Mitglied der Crew. Es ging auch gar nicht mehr wirklich darum, dass es hier viel gemütlicher war, obwohl es bei Jacks Kabine in dieser Hinsicht sicherlich keinen Grund zur Klage gab. Ganz im Gegenteil. Nein, es war eher so, dass er sich Jack inzwischen sehr nahe fühlte und dass er dieses Gefühl um jeden Preis aufrechterhalten wollte. Will fühlte sich mit Jack in einer ganz ungewöhnlichen Art und Weise eng verbunden, und dieses Gefühl ging bereits zurück bis zu dem Tag, als Jack beinahe am Galgen gelandet wäre. An diesem Tag hatte Will bereitwillig sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, nur um Jack zu retten. Irgendetwas hatte sich an diesem Tag in seinem Innern verändert.
 
„Es wird nie wieder so sein wie vorher“, murmelte er.
 
„Was sagtest du?“
 
„Nichts. Tut mir Leid.“ Will blickte nachdenklich in sein Glas mit Rum. „Ich bin’s echt nicht gewohnt, soviel zu trinken.“ Er wusste wirklich nicht genau was das alles zu bedeuten hatte, diese enge Verbundenheit, die er zu Jack fühlte. Er hatte auch keine Ahnung, was er sich in dieser Hinsicht wünschen sollte. Was sollte es denn bedeuten? Sollte es überhaupt irgendetwas bedeuten? Seit dem Tag, an dem er erkannt hatte, dass er Elizabeth nicht wirklich liebte, war Will zutiefst verwirrt. Und wie es der Zufall so wollte, war dies genau der Tag, an dem er auch zum ersten Mal diese merkwürdige Verbundenheit zu Jack Sparrow bemerkt hatte.
 
„Du erzählst mir nie von ihm“, versuchte er Jack zu erklären. Aber inzwischen hatte er größte Schwierigkeiten, seinen Worten überhaupt noch irgendeinen Sinn zu verleihen. Vielleicht sollte er einfach die Finger vom Rum lassen? Vielleicht aber auch besser nicht. „Mein Vater… seit diesen wenigen Dingen, die du mir von ihm in Port Royal erzählt hast, hast du nicht mehr über ihn gesprochen. Du hast wieder völlig dicht gemacht, weißt du? Die ganze restliche Zeit hindurch während du dich von deiner Wunde erholt hast, hast du nie wieder über ihn gesprochen. Du hast mir immer nur erzählt, welche Orte ihr zusammen bereist habt, so als ob die Beschreibung irgendeines exotischen Landes ausreichen würde, um meine Neugierde zu stillen. Weißt du?“
 
Jack starrte ihn einfach nur an. „Weißt du was? Du solltest diese Flasche da vielleicht einfach besser wegstellen, Kumpel.“
 
„Nein.” Will umklammerte die Flasche mit eisernem Griff. Schon seit geraumer Zeit hatte er dieses Gespräch mit Jack führen wollen, aber bisher hatte er nie den Mut dazu aufbringen können. Ihre kurzlebige Siegesfeier auf Tortuga hatte ausgereicht, um seine Zunge ein wenig zu lösen, und nun war es der Rum, der ihn von allen restlichen Hemmungen befreite. „Ich mag den Rum.“
 
„Mögen wir ihn nicht alle?“
 
„Das tun wir, allerdings.“ Will grinste. „Er macht einen irgendwie freier, nicht wahr?”
 
„Und dümmer“, antwortete Jack.
 
Will blinzelte. „Und was sagt das jetzt über dich aus?“
 
Jack zögerte während er Will lange und eindringlich musterte. Dann lächelte er. „Dass es manchmal ganz in Ordnung ist, ein dummer Tölpel zu sein.“ Er hob sein Glas. „Prost.“ Dann trank er es in einem Zug aus und lehnte sich nach vorne, um es Will hin zu halten. „Schenk nochmal nach, Kumpel. Ich sehe schon, dass du in einer hoffnungslosen Verfassung bist. Da kann ich dir genauso gut Gesellschaft leisten.“
 
„Wird aber auch Zeit.“ Will lehnte sich etwas unsicher nach vorne, um Jacks Glas nachzufüllen, dann sank er wieder zurück auf die Bank.
 
„Du wirst es morgen früh bereuen.“ Jack setzte sich zurück in seinen Stuhl und trank sein zweites Glas, diesmal ein wenig langsamer.
 
„Das ist sowieso klar.“
 
„Ich mein ja nur.“
 
„Oh, okay.“ Wills Kopf fühlte sich an, als wäre er in Watte gepackt. Worüber hatten sie gerade gesprochen? Oh ja, über seinen Vater. Er würde sich bestimmt nicht so schnell von diesem Thema ablenken lassen, jedenfalls nicht, so lange er nicht alles wusste was Jack wusste. Das einzige Kind von Bill Turner hatte definitiv das Recht, alles über sein Leben zu erfahren, mehr über ihn zu wissen als jeder andere sonst. Oder etwa nicht?
 
„Du willst einfach nicht über ihn sprechen“, fuhr er daher fort. „Und deshalb dachte ich mir, dass es wohl irgendeinen Grund dafür geben muss. Es muss da irgendetwas geben, was du mir nicht sagen willst. Irgendetwas, von dem du glaubst, ich würde es nicht verkraften. Daher hab ich mich gefragt, was das wohl sein könnte, und ich dachte an all die Dinge, die es wohl sein könnten, und so weiter. Du weißt schon.“ Will runzelte angestrengt die Stirn. Hatten seine Worte gerade irgendwie Sinn ergeben? Er war sich nicht mehr sicher, ob es zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch wichtig war. „Wie auch immer… das ist jedenfalls der Grund warum ich frage.“
 
Jack neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite und sah ihn nachdenklich an. Etwa so wie eine Katze etwas ansieht, kurz bevor sie sich darauf stürzt. „Das ist also der Grund“, wiederholte er. „Tsss… du dachtest wohl, dass er und ich gemeinsam ein wenig Spaß miteinander hatten, hmm? Im Bett?“
 
Will tippte ihm enthusiastisch mit dem Finger auf die Brust. „Ganz genau. Genau das meine ich.“
 
„Aha. Naja, ich kann jetzt nicht gerade behaupten, dass mir der Gedanke nie in den Sinn gekommen ist. Aber wie ich schon sagte, ihm gefielen nur die Frauen. Schade drum.“
 
Es dauerte eine geraume Weile, bis Wills Alkohol umnebeltes Gehirn vollständig verarbeiten konnte, was er da eben gehört hatte. Als die Worte endlich einen Sinn ergaben, wurden seine Augen riesengroß. „Du magst Männer.“
 
„Gleich beim ersten Mal ein Treffer, Kumpel. Und wie es der Zufall so will, habe ich dir genau das gerade gesagt, keine fünf Minuten ist’s her.“ Dann hielt er inne. „Daher… um genau zu sein, war es wohl doch eher ein Treffer beim zweiten Mal.“
 
„Oh.“ Na sowas aber auch. Will starrte auf die goldfarbene Flüssigkeit in seinem Glas. Jack musste wohl doch Recht haben. Rum machte tatsächlich dumm. Allerdings hatte er im Moment nicht unbedingt was dagegen.
 
„Ich mag aber auch Frauen“, sagte Jack. „Egal wie rum, für eine ordentliche Rauferei im Bett bin ich immer zu haben. Warm und willig, das ist alles, was ich brauche.“
 
„Nett“, sagte Will. Definitiv würde er das am nächsten Morgen bereuen. „Und so einfach.“
 
„Ja, nett“, stimmte ihm Jack zu. Dann wendete er seinen Blick von Will ab und sah ziellos in die Ferne. „Allerdings nicht immer ganz so einfach.“
 
„Mich brauchst du da nicht fragen, ich hab’ keine Ahnung davon.“ Will konnte fühlen, wie er nun auch den allerletzten Rest von Anstand und gutem Benehmen abschüttelte. „Ich weiß im Grunde genommen absolut gar nichts.“ Er versuchte, sein leeres Glas zurück auf den Tisch zu stellen doch verfehlte ihn hoffnungslos. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und landete in einem ziemlich uneleganten Haufen auf dem Boden.
 
„Na komm schon.“ Jack stand auf, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. „Es ist Zeit zum Schlafen.“ Er führte Will zum Bett und setzte ihn dort auf die Kante. „Zieh dir mal besser die Stiefel aus, hm?“
 
Will versuchte es, aber versagte kläglich. „Tut mir Leid.“
 
„Natürlich.“ Jack versuchte, ihn nach hinten an die Wand zu schieben und beide zappelten eine Weile hin und her während sie versuchten, Will der Länge nach auf dem Bett zu drapieren. „Und mir tut es auch Leid, daher beweg dich endlich, du großer Tölpel.“
 
„Ich versuch’s ja…“ Will schaffte es tatsächlich, ein wenig mitzuhelfen indem er sich einmal in die eine, und dann wieder in die andere Richtung drehte. Endlich lag er gerade, mit dem Kopf auf dem Kissen und den Füßen nach unten in die richtige Richtung.
 
Jack zog seine eigenen Stiefel aus und kletterte neben ihm aufs Bett.
 
Will legte seinen Arm auf Jacks Brust. Gott fühlte sich das gut an…
 
Jack seufzte. „Dir ist schon klar, dass du sturzbetrunken bist und wahrscheinlich gleich einschläfst, oder?“
 
„Bin ich das?“ Will lehnte sich zu ihm hinüber und versuchte ihn zu küssen. „Ich will noch näher bei dir sein…“
 
Jack legte seine Hand auf Wills Mund. „Du weißt nicht was du willst, Junge. Vertrau mir.“ Sanft drückte er Will zurück in die Kissen.
 
„Ich weiß es wohl…“ Warum fühlte sich sein Kopf plötzlich an als würde er in den Wolken schweben? „Vielleicht…” Leicht wie Luft, frei wie der Wind. „Ich weiß auch nicht.”
 
„Schlaf einfach, Will.” Jack blies die Kerzen aus, die auf dem Nachttisch standen. „Und am besten, du erinnerst dich morgen an nichts mehr von dem, was heute Nacht hier passiert ist, denn ich werde mich auch nicht mehr erinnern. Klar soweit?“
 
Die Wolken waren plötzlich alle dunkel und schwer. „Klar soweit…“ wiederholte Will schläfrig. „Ich erinnere mich an gar nichts“, murmelte er in die Dunkelheit. Er erinnerte sich an nichts… was war es nochmal, woran er sich nicht mehr erinnerte? Irgendwas über Männer und Frauen, und eine gute Rauferei im Bett… ach zur Hölle damit.
 
„Ich weiß gar nichts“, sagte er noch einmal mit aller Deutlichkeit, bevor er letztendlich vollständig in Morpheus’ wartende Arme sank.
 
~*~**~*~
 
Oh Gott“, stöhnte Will und es war nicht das erste Mal an diesem Morgen. Was habe ich nur getan?
 
Und noch viel wichtiger – was hatte er letzte Nacht zu Jack gesagt?
 
Als er erwachte, war Jack bereits verschwunden. Tageslicht fiel durch die Fenster und das Schiff bewegte sich mit konstanter Geschwindigkeit. Will versuchte sich aufzusetzen, um nach oben zu gehen, aber die Nachwirkungen des Weins und des Rums hielten ihn fest ans Bett gefesselt. Er lehnte sich zurück in die Kissen und schwor, künftig die Finger vom Alkohol zu lassen.
 
„Ich bin so dämlich“, murmelte er leise. Was hatte er sich dabei nur gedacht? Eine Flut von Bildern und Worten schoss ihm durch den Kopf, all die Dinge, die er gesagt hatte und wie Jack ihn abwechselnd verwundert, amüsiert und forschend angesehen hatte. Und dann erinnerte er sich daran, wie er versucht hatte Jack zu küssen und er stöhnte laut auf. „Ich bin so ein Narr.“ Jack war nicht einmal annähernd so betrunken gewesen wie er – er würde sich sicher an alles erinnern können was passiert war.
 
Einen Moment lang wünschte sich Will, er selbst könne sich an überhaupt nichts mehr erinnern.
 
Er blieb noch etwa eine Stunde liegen und versuchte, das unablässige Schaukeln des Schiffes zu ignorieren bis er es schließlich schaffte, sich aus dem Bett zu quälen und anzuziehen. Er stolperte aus der Kabine bis nach unten in die Kombüse, wo er sich vom Schiffskoch eine Schüssel lauwarme Suppe und ein Stück altes Brot geben ließ. Die nächste Stunde verbrachte er damit, in seinem mageren Frühstück zu stochern, bis er sich endlich wieder halbwegs menschlich fühlte. Allerdings noch immer nicht so menschlich, dass er sich auf die Suche nach Jack begeben hätte.
 
Er versteckte sich noch eine Weile auf einem der unteren Decks, bis sein Verlangen nach frischer Luft schließlich die Oberhand gewann und stärker wurde, als sein Bedürfnis alleine zu sein. Er seufzte und machte sich auf den Weg zum Oberdeck, da er wusste, dass er Jack ohnehin früher oder später unter die Augen treten musste. Als er oben ankam, nahm er erst einmal einige tiefe Lungenzüge erfrischender Seeluft und ließ das Salzwasser einen Moment lang auf seine Haut sprühen. Dann machte er sich auf den Weg zum Steuerrad.
 
„Morgen“, sagte er so lässig wie möglich.
 
Jack war in voller Captain-Montur, ausgestattet mit seiner Bandana, seinem Hut und seinem Mantel. „Es ist Mittag”, antwortete er gut gelaunt.
 
„Oh Gott!” Will warf jeden Versuch, Normalität auszustrahlen über Bord. „Es tut mir so Leid, wirklich.“
 
„Was tut dir Leid?”
 
„Naja, du weißt schon…” Will hielt einen Moment lang inne, als ihm plötzlich etwas in den Sinn kam, das Jack in der vergangenen Nacht gesagt hatte. Etwas darüber, dass er sich nicht mehr daran erinnern sollte was sie gesagt oder getan hatten. „Äh… naja, nichts vermutlich?“ Er warf Jack einen hoffnungsvollen Blick zu.
 
Jack schien seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Steuerrad und das vor ihm liegende Meer zu richten, weshalb er Wills Gesichtsausdruck gar nicht zu bemerken schien. „Da ist ein Schiff vor uns.“
 
„Da ist was?“ Will folgte seinem Blick aber er konnte nichts erkennen. „Wo?“
 
Jack reichte ihm das Fernglas. Will hielt es sich ans Auge und betrachtete den Horizont, der vor ihnen lag. Und tatsächlich, jetzt konnte auch er die weißen Segel entdecken.
 
„Spanier“, sagte Jack.
 
„Ich kann die Flagge nicht sehen.“
 
„Cotton hat sie gesehen, glasklar durch sein Fernrohr, von oben auf dem Mast. Von dort kann man noch ein ganzes Stück weiter sehen.“
 
„Können wir sie kriegen?“
 
„Wir sind schon den ganzen Morgen dran. Wir sollten sie eine gute Stunde vor Sonnenuntergang eingeholt haben.“
 
Sie waren also mal wieder auf der Jagd. Will konnte fühlen, wie ihn dieselbe Aufregung durchfuhr wie schon bei ihrer ersten Begegnung mit den Spaniern, gemischt mit derselben Furcht. Jegliches Bedauern über sein Verhalten in der vergangenen Nacht wurde durch dieses Gefühl verdrängt, wobei es sicherlich auch half, dass Jack offenbar kein Problem damit zu haben schien, was Will gesagt oder getan hatte. Jetzt gab es nur noch den bevorstehenden Kampf, es war alles, woran er noch denken konnte.
 
„Was kann ich tun?“
 
„Geh nach unten und hilf Gibbs mit den Gewehren. Es dauert, sie aufzuladen und unsere Mannschaft ist nicht vollzählig.“
 
„Aye, aye, Sir.“ Will sagte es so ernst wie möglich.
 
Jack lächelte. „Na geh schon!“
 
Will ging wie befohlen nach unten. Die Pearl holte das spanische Schiff eine Stunde vor Sonnenuntergang ein, genau wie Jack es vorausgesagt hatte. Aber Wills Aufregung angesichts der Hetzjagd war nur sehr kurzlebig, da sich das Boot als Handelsschiff entpuppte, das nur sehr spärlich bemannt und bewaffnet war. Schon nach drei Schüssen aus den Kanonen der Pearl, die wie beabsichtig am Bug des Schiffes vorbei flogen, wurde die weiße Fahne gehisst. Es bereitete Jack nicht die geringsten Probleme, das Schiff zu entern.
 
Sie brachten den Captain und die Offiziere nach unten in die Arrestzelle und entwaffneten die restlichen Männer. Dann ließen sie nur eine behelfsmäßige Mannschaft auf dem Schiff zurück, während es ihnen im Fahrwasser der Pearl bis nach Port Royal folgen sollte. Die Fahrt dauerte eine ganze Nacht und einen weiteren Tag. In Port Royal übergab Jack das spanische Schiff an Norrington, der ihm und seiner Mannschaft eine Belohnung aushändigte. Es war ein ansehnlicher Preis angesichts der geringen Mühen.
 
„Uns hat die Nachricht erreicht, dass ein spanisches Kriegsschiff in der Nähe von St. Thomas Ärger macht“, berichtete ihnen der Commodore. „Das wäre mit Sicherheit eine größere Herausforderung als diese kleinen Handelsboote hier. Wenn Ihr also Interesse habt…“
 
Selbstverständlich hatte Jack Interesse. Jedes Mal, wenn er festes Land unter den Füßen spürte, wollte er so schnell wie möglich wieder zurück auf See. Er gönnte der Mannschaft noch einige wenige Stunden Ruhepause, dann hisste die Pearl schon wieder ihre Segel.
 
„Was war das Längste, was du jemals ohne an Land zu gehen auf See zugebracht hast?“, fragte ihn Will an diesem Abend.
 
Sie saßen beim Abendessen in Jacks Kabine und genossen das frische Essen, das sie aus Port Royal mitgenommen hatten… Rinderbrust, Schweinebraten und einen Zwiebelkuchen. Jack dachte eine Weile über die Frage nach und sagte dann: „Drei Monate.“
 
„Du liebe Güte. Wieso das denn?“
 
„Wir waren dabei, den Pazifik zu durchqueren und kamen vom Kurs ab. Wir hatten keinen Wind und kamen nicht voran.“
 
Will fand es schwer, sich vorzustellen dass jemand so lange Zeit auf See bleiben konnte, besonders wenn man keine Möglichkeit hatte, zu wissen, ob man es jemals wieder an Land schaffen würde. „Und was war mit Essen? Und Wasser?“
 
„Oh, beides wurde ziemlich knapp.” Jack nahm einen großen Bissen Rindfleisch. „Wenn es noch eine Woche länger gedauert hätte, dann wären wir alle draufgegangen.“ Er schien das Fleisch ganz besonders zu genießen.
 
„Wann war das? War mein Vater damals bei dir?“
 
„Nein, es war nachdem…” Jacks Stimme erstarb.
 
Nachdem Bill ermordet wurde, beendete Will den Satz im Geiste. „Es ist schon in Ordnung, Jack. Es ist jetzt wirklich schon lange her, ich habe mich an den Gedanken inzwischen gewöhnt. Die Dinge, die du mir über ihn erzählst, die Bilder, die ich von ihm in meinem Kopf habe, das alles tut nicht mehr so weh wie noch am Anfang. Ich kann es ertragen, wenn du über ihn sprichst und ich wünschte, du würdest mir alles erzählen.“
 
Jack betrachtete ihn mit prüfendem Blick. „Vielleicht werde ich das ja tun. Eines Tages.“
 
„Und weshalb nicht jetzt? Ich mag vielleicht noch jung sein, aber ich bin inzwischen ein ganzes Stück erwachsener geworden als noch vor ein paar Monaten.“ Er deutete auf seinen Kopf. „Hier drin.“ Und dann deutete er auf sein Herz. „Und auch hier drin. Ich hab mich verändert.” Will hatte das Gefühl, als hätte er, seitdem er Jack getroffen hatte, an Erfahrungsreichtum so viel dazu gewonnen, dass es weit über sein wahres Alter hinaus reichte. „Du magst vielleicht älter sein als ich.“ Alt genug um mein Vater zu sein, dachte er leise bei sich, obwohl du weder so aussiehst noch dich so verhältst. „Aber das macht dich weder weiser noch klüger. Und ja, höchstwahrscheinlich hast du - was die Welt und das Leben betrifft - weit mehr Erfahrung als zehn Männer zusammen, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass du besser weißt als ich, was gut für mich ist. Nein, ich habe keine Ahnung, was ich von meinem Leben erwarten soll, noch nicht vollständig zumindest. Aber ich weiß, wo ich mein Leben verbringen möchte, und ich weiß mit wen. Ich bitte dich lediglich um ein klein wenig Vertrauen.“ Will war sich ganz und gar nicht sicher, wie Jack auf diesen plötzlichen Redeschwall reagieren würde, daher wartete er erst einmal ab.
 
Langsam kaute Jack sein großes Stück Schweinebraten zu Ende, dann spülte er es sorgfältig mit einem Schluck Wein herunter. „Es heißt ‚mit wem’.“
 
Will blinzelte. „Was?“ Er versuchte, einen Sinn hinter dieser rätselhaften und zusammenhangslosen Antwort zu finden. Dann erinnerte er sich an seine eigenen Worte. Ich weiß wo ich mein Leben verbringen möchte, und ich weiß mit wen. Jack hatte seine Grammatik verbessert. „Oh. Danke.”
 
„Immer wieder gerne, Kumpel.”
 
„Sind wir das denn wirklich oder nennst du einfach immer nur jeden so?“
 
„Hm?“
 
Kumpels.
 
„Oh. Ja, ich nenne öfters Leute so. Tut mir Leid. Das heißt allerdings nicht, dass wir es nicht sind.“
 
Will hatte das Gefühl, dass ihm die Unterhaltung langsam aber sicher entglitt, falls er sie überhaupt jemals wirklich unter Kontrolle gehabt hatte. „Dass wir was nicht sind?“
 
„Kumpels. Wir sind Kumpels.“
 
Will seufzte und wendete sich wieder seinem Abendessen zu. „Gute Kumpels?“, fragte er schließlich zwischen zwei Bissen.
 
„Ziemlich gute Kumpels.“ Jack schob seinen leeren Teller zur Seite und lehnte sich mit seinem Weinglas in der Hand im Stuhl zurück. „Allerdings stehen wir erst ganz am Anfang.“
 
„Ich weiß.“ Will aß noch einige Bissen, bevor er ebenfalls sein Mahl beendete. Dann griff er nach seinem Weinglas. „Ich sollte vielleicht besser nicht allzu viel davon trinken.“
 
„Nicht, wenn du nicht wieder bis Mittag schlafen willst.”
 
Will lächelte. Er hatte seine Verlegenheit wegen dem, was in dieser  einen betrunkenen Nacht passiert war, inzwischen vollständig überwunden. Er nippte ein wenig an seinem Wein, ließ es jedoch langsam angehen. „Erzähl mir mehr von dieser Fahrt über den Pazifik. Ich würde gerne mehr darüber erfahren.“ Und obwohl die Geschichte absolut nichts mit seinem Vater zu tun hatte, so stellte er dennoch fest, dass er auch so viel wie möglich über Jack Sparrow herausfinden wollte. Er wollte alles wissen, was ihm irgendwie dabei helfen könnte, diesen zugegebenermaßen ziemlich komplizierten Mann zu verstehen.
 
„Na gut. Ganz wie du willst.“ Jack griff nach der Weinflasche, um sein Glas noch einmal aufzufüllen und lehnte sich dann entspannt in seinem Stuhl zurück. „Das Ganze muss vor etwa sechs oder sieben Jahren passiert sein. An Bord der Nighthawk, einem Piratenschiff, als wir gerade von den Salomon-Inseln wegsegelten.“
 
„Warst du damals der Captain?“, unterbrach ihn Will.
 
„Nein.“ Jack starrte mit ernster Miene in sein Weinglas und schwenkte die rote Flüssigkeit hin und her, bevor er einen weiteren Schluck nahm. „Das einzige Schiff, auf dem ich jemals Captain war, ist dieses hier. Die Nighthawk segelte unter dem Kommando von Captain Nate Flynn.“
 
Will wartete geduldig und ließ Jack die Geschichte in seinem eigenen Tempo erzählen. Er bemerkte jedoch, dass Jacks Miene ernst geworden war, irgendwie abwesend, und seine Augen schienen in die Vergangenheit zu blicken.
 
„Er war ein guter Mann“, sagte Jack. „Er hat mir vieles beigebracht. Er hatte seinen eigenen Kodex, einen, nach dem auch ich mit gutem Gewissen leben konnte.“
 
„Also war er nicht wie Barbossa, vermute ich mal?“
 
„Zwischen den beiden liegen Welten. Barbossa war so schlimm wie Pritchard. Oder noch schlimmer. Er war grausam, einfach nur deshalb, weil es ihm Spaß machte. Er tötete alles, was ihm im Weg stand, ganz egal ob es Männer waren oder Frauen oder Kinder. Nate Flynn nahm nur von denen, die es sich leisten konnten, ein bisschen Tand zu verlieren. Er war geschickt darin, Dumme übers Ohr zu hauen und er hatte Spaß daran, Leute zu entführen, die sich selbst für die Größten hielten, und sie hinterher erst gegen Lösegeld wieder frei zu lassen. Er tötete nicht, außer sein eigenes Leben war in Gefahr und er nahm niemals von den Armen, die selbst nichts hatten.“
 
Ein seefahrender Robin Hood. Will fragte sich, was wohl mit ihm geschehen war, denn Jacks abschweifender Blick und der Hauch von Melancholie in seiner Stimme machten unzweifelhaft klar, dass Nate Flynn nur in der Vergangenheit lebte. „Wie lange bist du mit ihm gesegelt?“
 
„Drei, vier Jahre ungefähr. Nach einem Jahr wurde ich sein erster Maat. Wir waren in Süd-Ostasien unterwegs, auf den Philippinen, in Singapur, Japan, Westafrika, Tahiti… und alles was sonst noch so dazwischen liegt. Es ist ein ganz schön großer Ozean.“
 
„Und du bist von hier weggegangen, nachdem Barbossa dir die Pearl weggenommen hat?“ Will versuchte, in seinem Kopf eine Art Chronologie der Ereignisse herzustellen. Vor zehn Jahren hatte Jack sein Schiff verloren, war das Opfer einer Meuterei geworden und wurde auf einer einsamen Insel ausgesetzt. Dann wurde er von den Rum-Schmugglern gerettet… und dann was?
 
„Ich bin weggegangen.“ Jack hielt inne und schien plötzlich aus seinen Erinnerungen wieder zurück in die Wirklichkeit zu kommen. Er warf Will einen scharfen Blick zu. „Du willst das alles hören? Ich wollte dir eigentlich nur eine Geschichte erzählen…”
 
„Es könnte doch auch eine lange Geschichte sein”, antwortete ihm Will. „Ich werde wie gebannt an deinen Lippen hängen.“
 
„Ach, wirst du das?“ Jack schüttelte langsam und bedächtig den Kopf. „In Büchern findest du viel bessere Geschichten.“
 
„Aber die sind nicht wahr.“ Will wusste, dass die Geschichten über Piraten, die er in seiner Jugend gemeinsam mit Elizabeth gelesen hatte, vollkommen übertrieben und beschönigt waren. „Ich will die Wahrheit hören.“
 
„Also ich persönlich bevorzuge eher die Legende. Ich kann dir garantieren, dass sie weitaus spaßiger ist.“
 
„Da bin ich mir sicher. Und ich bin mir auch sicher, dass du, wann immer du konntest, ganz ordentlich zu deiner eigenen Legende beigetragen hast.“
 
Jack lächelte. „Kann schon sein, dass ich ab und zu den richtigen Ohren ein paar hübsche Geschichten erzählt habe. Mit einigen kleinen Ausschmückungen hier und da.“
 
„Wusst ich’s doch.“
 
„Hat doch keinem geschadet.“ Jack zuckte mit den Schultern. „Zumindest mir nicht.“
 
„Aber trotzdem, wie die beschönigten Versionen ablaufen weiß ich schon, also versuch mir lieber zu erzählen, was wirklich passiert ist. Und nichts weglassen.“
 
Alles werde ich dir ganz bestimmt nicht erzählen, Junge.“ Die Sonne ging bereits unter und das Licht, das durch die Fenster hereindrang, wurde immer schwächer. Jack zündete die Kerzen an, die auf dem Tisch standen. „Ich hab schließlich keine Lust, die ganze Nacht aufzubleiben.“
 
„Na gut. Also, warum hast du Barbossa vor zehn Jahren nicht einfach verfolgt? Wir können da anfangen. Es gibt schließlich noch mehr Nächte als nur heute Nacht.“
 
Jack stöhnte. „Du bist ganz schön dickköpfig, wenn du dich in was verbissen hast, oder? Sowas ist mir ja noch nie untergekommen.“
 
„Abgesehen von Bill.“
 
„Das stimmt.“ Er nickte. „Abgesehen von Bill Turner ist mir sowas noch nie untergekommen.”
 
Will nippte weiterhin an seinem ersten Glas Wein, während Jack bereits sein Zweites mit großen Schlucken austrank. „Barbossa also“, erinnerte ihn Will noch einmal.
 
„Das ist leicht zu beantworten“, antwortete ihm Jack. „Ich konnte ihn nicht finden.“
 
„Oh. Und du hast überall gesucht?“
 
„Ich hab mehrere Monate lang gesucht und ihn nirgends entdecken können. Und dann bin ich in Tortuga jemandem begegnet, der mit einem der Männer auf der Pearl befreundet war. Ein Freund von Twigg. Er hat mir erzählt, dass er Twigg erst ein paar Wochen zuvor gesehen hätte und er konnte mir zumindest einen Teil der Azteken-Gold Geschichte erzählen. Er hatte auch gehört, was mit Bill passiert war. Dass er tot war.“ Jack nahm einen großen Schluck Wein. „Irgendwie hatte ich danach keine rechte Lust mehr, hier in der Gegend zu bleiben.“
 
Will konnte dies nur schwer glauben…, dass  Jack einfach so fort ging. „Nicht einmal für die Pearl wolltest du bleiben?“
 
„Nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich dachte einfach, ich gehe mal ein Weilchen weg, andere Gegenden kennen lernen, neue Gesichter sehen. Ich dachte, dass ich einfach später zurückkomme, wenn das Leben wieder ein wenig rosiger aussieht.“
 
Will konnte erkennen, dass Jack ihm nicht alles erzählte. Irgendetwas verschwieg er, aber er beschloss, nicht nachzubohren. Er war ohnehin schon froh, dass Jack ihm überhaupt so viel erzählte. „Und am Pazifik hast du dann diesen Flynn getroffen?“
 
„Irgendwann, ja.“ Jack runzelte die Stirn. „Ich bin erstmal in Singapur gestrandet und hab dort eine ganze Menge Rum getrunken. Ein Jahr später hab ich dann irgendwann aufgehört, eine ganze Menge Rum zu trinken.“
 
„Das ist wirklich ganz schön viel Rum.“ Hatte der Verlust der Pearl Jack wirklich so sehr mitgenommen? Oder war es eher der Tod von Wills Vater, der Jack so unglücklich gemacht hatte? Will war sich nicht ganz sicher, wie er diese Frage stellen sollte.
 
„In diesen Geschichten, die du gelesen hast“, sagte Jack. „In diesen aufregenden Erzählungen von waghalsigen Helden und Gentleman-Abenteurern… in denen ist es immer so, dass die Helden am Schluss gewinnen, nicht wahr?“
 
„Aber das sind nur Geschichten“, antwortete Will.
 
„Richtig. Sie sind nicht real. Der Held kommt und alles wendet sich zum Guten. Er rettet alle, die er retten soll. Dass er versagen könnte, ist nicht vorgesehen.“
 
Aber du hast versagt, dachte Will. Oder zumindest glaubst du, du hättest es. Du glaubst, du hast versagt, weil du das Leben deines besten Freundes nicht retten konntest. „Die Geschichten erzählen nicht die Wahrheit, Jack.“
 
„Ich weiß. Man kann nicht immer gewinnen. Ich weiß das.”
 
„Aber warum hast du dich dann auf diese einjährige Sauftour begeben? Barbossa ist derjenige, der meinen Vater getötet hat – nicht du.“
 
„Ich war derjenige, der Barbossa und seine Kumpanen überhaupt erst an Bord gebracht hat. Ich war derjenige, der ihm diese Machtstellung überließ.“
 
„Du konntest doch nicht wissen, wie er ist. Du konntest doch nicht wissen, was passieren würde. Niemand kann dir einen Vorwurf machen. Ich weiß, dass mein Vater dir bestimmt nicht die Schuld daran geben würde. Ich weiß, dass ich es niemals täte.“
 
„Nein, ich schätze nicht.“ Jacks zweites Glas war weitaus schneller leer als das erste. „Inzwischen ist es leichter für mich, das zu glauben. Damals war es schwieriger… das ist alles.“ Er griff nach der Flasche, die auf dem Tisch stand.
 
Will blickte in seinen eigenen Becher und beschloss, dass ein zweites Glas Wein wohl doch keine so schlechte Idee wäre. Schnell trank er die paar Schlucke aus, die er noch übrig hatte, und reichte Jack seinen Becher. „Mehr, bitte.“
 
Jack füllte beide Gläser voll. „Na dann Prost.“ Er begann sein drittes Glas.
 
„Und was ist dann passiert?“, fragte Will. „In Singapur?“
 
„Bin weggegangen von dort. Bin eine Zeitlang über die Inseln gereist, bis ich irgendwann auf ein paar Schmuggler traf. Wir kamen gut miteinander klar.“
 
„Du hast dich ihnen angeschlossen? Aber Flynn war damals noch nicht dabei, oder?“
 
„Nein. Sie hatten ein Schiff, die Royal Swan. Ich bin ungefähr zwei Jahre mit ihnen gesegelt bis uns ein englisches Kriegsschiff in der Meerenge von Melaka versenkte. Sie haben sich gar nicht erst die Mühe gemacht, die Überlebenden aus dem Wasser zu ziehen. War auch besser so – sie hätten es ohnehin nur getan um uns anschließend aufzuhängen. Aber gut lief es trotzdem nicht. Wir haben es nicht alle bis an Land geschafft.“ Mit einer müden Handbewegung fügte er hinzu: „Wenigstens waren diesmal keine guten Freunde mit an Bord.“
 
„Du hattest überhaupt keine Freundschaften geschlossen? Oder hast du es gar nicht erst versucht?“
 
„Wozu denn auch? Ich hätte sie ja sowieso nur wieder verloren.“
 
„Ah. Und da hast du einfach aufgehört, Freundschaften zu schließen. Klingt mir nicht so, als ob das furchtbar glückliche Jahre waren.“
 
„Sie waren weder das eine, noch das andere“, war Jacks rätselhafte Antwort.
 
„Erzähl weiter“, sagte Will. „Bist du dann auf die Nighthawk gestoßen?“
 
„Kurze Zeit später, ja. Was für ein Prachtschiff. Sie war ein Indien-Schnellsegler – ein holländisches Flagschiff, das nicht weniger als siebenhundert Tonnen wog. Sie war einhundert sechsunddreißig Fuß lang und vierunddreißig Fuß breit. Sie hatte vierzig Kanonen und eine Mannschaft von mehr als hundert Seeleuten. Sie war die Königin der Meere. Wie hätte ich ihr jemals widerstehen sollen?“
 
„War sie besser als die Pearl?“, fragte Will.
 
„Oh, um Längen besser, wenn ich ehrlich sein soll. Und sie hatte einen guten Captain am Steuer. Kein Pirat hat jemals ein straffer organisiertes Schiff kommandiert als Nate Flynn.“
 
„Ihr müsst ja gut miteinander ausgekommen sein, wenn er dich zu seinem ersten Maat gemacht hat. Ich dachte, du hättest es aufgegeben, Freundschaften zu schließen?“
 
„Das war leichter gesagt als getan.“ Jack hatte wieder diesen weit entfernten Blick in seinen Augen. „Außerdem – er wusste wirklich wie man Spaß haben konnte.“
 
Dies war Will ohnehin schon klar gewesen, schließlich wäre er sonst wohl kaum ein Freund von Jack geworden. „Du sagtest, es sei ein Piratenschiff gewesen. Wie viel an ihm war denn Pirat, und wie viel war Schmuggler?“
 
„Alles in allem war er wohl mehr Pirat. Warum?“
 
„Oh, ich hab mich nur gewundert. Governor Swann hat mir erzählt, dass es in deinem Strafregister nicht viele Fälle von Piraterie gab… mehr Schmuggelei und so. Aber dennoch bist du vier Jahre auf einem Piratenschiff gesegelt… wie passt das denn zusammen?“
 
Ungläubig hob Jack eine Augenbraue. „Swann ist offenbar ein sehr großzügiger Kerl. Nur weil es nicht in meinem Strafregister steht, bedeutet das nicht, dass ich es nicht getan habe. Sie kriegen nicht alles raus, weißt du? Ich selbst hab immer versucht Nates Motto zu befolgen – wenn du schon nicht anständig sein kannst, dann sorg zumindest dafür, dass du immer mit ausreichend Glück gesegnet bist. Damals schien ich mit diesem Grundsatz recht gut zu fahren.“
 
„Mit Glück gesegnet“, wiederholte Will. Er dachte eine Weile über diesen Ratschlag nach. Er hatte inzwischen doch eine ganz ordentliche Portion Wein intus und fühlte sich ein klein wenig wackelig auf den Beinen. „Hast denn du vor, irgendwann noch einmal zu diesem Leben zurück zu kehren?“
 
„Ich weiß es selbst noch nicht genau“, gab Jack zu. „Dieser kleine Zeitvertreib mit den Spaniern wird nicht für alle Ewigkeit andauern, Junge. Was glaubst du denn, was ich tun soll, wenn es vorbei ist? Soll ich mir irgendwo ein hübsches Stück Land kaufen und ein Gentleman-Farmer werden?“
 
„Du könntest den Handelsschiffen mit deinem Schiff Geleitschutz geben.“
 
Jack lachte. „Geleitschutz? Ich soll die englischen Kaufleute vor Piraten schützen?” Er schüttelte den Kopf, aber das Lächeln blieb auf seinem Gesicht. „Das wäre ein Anblick, der echt sehenswert wäre.“
 
Will starrte in sein fast leeres Glas. Vielleicht wäre ein drittes Glas Wein doch nicht so verkehrt. „Tut mir Leid.“ Er griff nach der Flasche, um sich ein weiteres Mal nachzuschenken. „Ich will einfach nur nicht, dass du irgendwann noch einmal deinem Henker gegenüber stehst. Das ist alles. Ich hab mich so an dich gewöhnt.“
 
„Dann muss mir mein Glück eben einfach treu bleiben.”
 
Will nahm einen Schluck Wein. „Du wolltest mir erzählen, wie es dazu kam, dass ihr im Pazifik beinahe verhungert wärt.“
 
„Ach, wollte ich das? Ach ja, stimmt ja. Eigentlich gibt’s da gar nicht viel mehr zu erzählen. Wir segelten von Tahiti aus weiter nach Westen, wo wir in einen Sturm kamen, der uns ziemlich weit vom Kurs abtrieb. Er hat uns ganz ordentlich nach Süden geworfen. Wir wurden so weit abgetrieben, dass es schon fast nicht mehr auf den Karten zu finden war. Dann kamen plötzlich die Wolken. Sie waren so dicht, dass man die Sterne nicht mehr sehen konnte und auch unsere Kompasse spielten total verrückt. Sie drehten sich rundherum wie Kreisel. Eines Tages entdeckten wir dann irgendwann Land, aber es war anders, als alles was wir jemals gekannt hatten. Es war völlig trocken und karg und schien ohne einen einzigen bewohnbaren Fleck. Der Captain vermutete es wäre vielleicht Australien, das Land, von dem die Legende sagt, dass, wenn dich nicht die Haie auffressen oder wenn dich nicht die Wüste ausdörrt und verbrennt, immer noch genügend Eingeborene zur Stelle sind, die dich töten und anschließend zum Abendessen verputzen. Wir sahen nichts, was auch nur im Entferntesten nach Wasser aussah. Es gab dort keine Bäume und keine Büsche, nichts außer einer riesigen Ebene aus goldrotem Sand. Wir glaubten, es wäre besser weiter zu ziehen, obwohl einige unserer Leute dafür waren, dort anzulegen. Aber dann wurden Haie gesichtet und wir machten uns so schnell wie möglich vom Acker. Dummerweise hatten wir aber noch immer nicht die geringste Ahnung, wo wir waren oder welche Richtung wir einschlagen sollten. Tagelang segelten wir einfach nur blind vor uns hin, bis dann plötzlich diese Flaute einsetzte. Sie hielt uns mitten auf dem Meer gefangen und es gab nicht den geringsten Lufthauch. Keine Brise, alle Segel hingen wie Leichentücher nach unten. Und da waren wir also. Kein Land, kein Wind, keine Hoffnung… mit nichts als der glühenden Sonne als steter Begleiter. Irgendwann wurden Essen und Wasser knapp und die Männer wurden langsam unruhig. Ab und zu gelang es uns, einen Fisch zu fangen, allerdings war es nie genug, um uns über die Runden zu bringen. Und schon gar nicht genug, um einen hungrigen Magen zu füllen. Wir versuchten zu rudern, aber auch das half uns nicht wirklich weiter, jedenfalls nicht weit genug, um aus dieser Flaute heraus zu kommen. Alles, was wir tun konnten war, im Wasser umher zu treiben. Langsam und immer wieder im Kreis, ohne in diesen unnatürlichen Gewässern auch nur ein Stück weiter zu kommen. Wir warteten auf Gott oder den Teufel, damit sie uns endlich aus unserem Elend befreiten… und wir setzten unsere Wetten auf den einen oder den anderen von beiden.“
 
Will saß wie gebannt da und lauschte mit Entsetzen jedem einzelnen Wort. Mit einem Mal wurde sein Verlangen, all die exotischen Orte zu besuchen, von denen Jack ihm immer erzählt hatte, deutlich schwächer. „Und diejenigen von euch, die auf den Teufel gesetzt haben… wenn sie gewonnen hätten, wie hätten sie ihren Wetteinsatz denn jemals einfordern wollen?“
 
„Sie hätten sich ihr Gold eben in der Hölle geholt, so einfach ist das. Ist allerdings gut, dass sie verloren haben.“
 
„Der Wind kam wieder“, folgerte Will.
 
„Aye. Aber erst als drei Viertel von uns bereits zu schwach waren, um überhaupt noch die Segel zu setzen. Wir brauchten alle Kräfte, die uns noch zur Verfügung standen, um endlich wieder freundlichere Gefilde zu erreichen, wo unsere Kompasse wieder funktionierten. Und selbst dann dauerte es noch drei Wochen, bis endlich wieder Land in Sicht war. Die meisten von uns waren zu diesem Zeitpunkt entweder halb verrückt oder halb tot. Es war nur Nate zu verdanken, dass wir nicht einen einzigen Mann verloren.“ Jack blickte angestrengt in sein leeres Glas. „Hab ich tatsächlich schon drei von denen getrunken?“
 
„Ja, ich glaub schon.“ Auch Will war bereits eifrig dabei, sein drittes Glas Wein zu leeren. „Was ist mit ihm passiert?“
 
„Hm?“ Jack untersuchte aufmerksam seinen Becher, dann beäugte er die fast leere Flasche.
 
„Flynn. Was ist mit ihm passiert?“
 
„Oh. Er ist gestorben.” Er griff nach der Flasche und leerte den letzten Rest,  ohne sich erst lange mit einem Glas aufzuhalten. „Sie haben ihn vor Macau gefasst. Gehängt wegen Piraterie.“ Er starrte in die Flasche. „Das war die Letzte von Swanns Bordeaux. Wir hätten unsere Vorräte auffüllen sollen.“
 
„Nächstes Mal.“ Will nahm ihm sanft die Flasche aus der Hand und stellte sie weg. „Es ist schon spät.“
 
Jack sank nach hinten in seinen Stuhl und ließ den Kopf gegen die hohe Lehne fallen. „Ich find’s hier eigentlich gerade ganz gemütlich. Irgendwie warm. Und entspannt.“
 
„Wir könnten eine Flasche von was anderem aufmachen.”
 
„Das könnten wir.“
 
Will stand auf und wühlte in den Weinkisten, die sie aus Port Royal mitgebracht hatten. „Hier drin ist ein Madeira Portwein versteckt.“
 
„Ah, lass mal sehen.“
 
Will brachte die Flasche und hielt sie Jack entgegen, sodass dieser das Etikett lesen konnte ohne sich bewegen zu müssen. „Guter Jahrgang. Den nehmen wir.“
 
Eine Stunde später hatten sie auch den Portwein vernichtet und arbeiteten nun an einer Flasche Muskatellerwein, allerdings dauerte es nicht lange, bis Wills Magen begann, ganz energisch gegen die Kombination aus drei verschiedenen Sorten Alkohol zu rebellieren. Er rannte nach oben und kehrte erst geraume Zeit später zurück, zwar ein wenig kleinlaut, aber wenigstens war er die Übelkeit losgeworden. Er fand Jack schlafend vor, noch immer aufrecht in seinem Stuhl sitzend.
 
„Dämlicher Kerl.“ Er zog ihn nach oben und Jack erwachte wenigstens so weit, dass Will ihn aus dem Stuhl hieven konnte. Gemeinsam stolperten sie hinüber zum Bett. Es war im Grunde noch gar nicht so spät, aber beide konnten eine Mütze Schlaf gut vertragen.
 
Nachdem sie sich mühsam aus ihren Kleidern geschält hatten, ohne sich gegenseitig durch wilde und unkontrollierte Armbewegungen k.o. zu schlagen, und nachdem sie noch eine Weile darüber gestritten hatten, wer nun wo liegen sollte, schafften sie es endlich, zu einer Einigung zu kommen und sich hinzulegen. Will schlief ein, sobald sein Kopf das Kissen auch nur berührte.
 
Irgendwann mitten in der Nacht erwachte er, da er durch lautes Dröhnen und Poltern aus dem Schlaf gerissen wurde. Er bemerkte, dass Jack nicht mehr neben ihm im Bett lag. Dann hörte er, wie Jack fluchte und kurz darauf wieder zurück in die Kabine stolperte. Er rieb sich das Bein. „Verdammter Tisch. Verfluchte Stühle.”
 
„Warum bist du überhaupt aufgestanden?”
 
„Hatte was Dringendes zu erledigen“, antwortete Jack. „Wie geht’s deinem Magen?“
 
„Ganz gut. Eigentlich mach ich mir mehr Sorgen darüber, wie es meinem Kopf morgen früh gehen wird.“
 
„Rollmöpse sollen helfen.“
 
„Irgendwie hab ich da so meine Zweifel.“ Will versuchte, wieder einzuschlafen, aber er fühlte sich merkwürdig ruhelos. Er hatte in dieser Nacht eine ganze Menge über Jack erfahren, und vieles davon ließ er sich gedanklich noch einmal durch den Kopf gehen. Immer wieder drehte und wendete er all die winzigen Bruchstücke an Informationen hin und her und versuchte, sie zu einem Bild zusammen zu fügen. Immer wieder sah er in seinem Geiste Piratenschiffe vor sich, Schmuggler, ferne Länder und unbekannte Meere. Würde er eines Tages, zwanzig Jahre in der Zukunft, auch einmal da sitzen und solche Geschichten erzählen? Wem würde er sie erzählen? Er hoffte inständig, es wäre nicht jemand wie er. Er wollte Jack nicht verlieren, so wie Jack einst Nate Flynn verloren hatte. Er wollte nicht eines Tages in einer Kajüte sitzen und einem Kind, das halb so alt war wie er selbst, von Jack Sparrow erzählen, der ein Pirat war und ein guter Mann, und von den wilden Zeiten, die sie miteinander durchlebt hatten, von den fabelhaften Orten, an denen sie gemeinsam gewesen waren, und den wundersamen Meeren, die sie besegelt hatten. Bis hin zu diesem schicksalhaften Tag, an dem Jack das Glück plötzlich doch verließ. Er wollte nicht da sitzen und seine Erinnerungen in Alkohol ertränken. Er wollte niemals loslassen.
 
„Ich bin noch wach”, flüsterte er leise.
 
„Mmhh“, kam es aus der Dunkelheit neben ihm.
 
„Ich hab nachgedacht.“
 
„Weißt du nicht, dass das schädlich für deine Gesundheit ist?“
 
Will drehte sich ein Stück herum, so dass seine Schulter Jacks Schulter berührte. „Ich will nicht, dass du jemals wieder zurückkehrst, zu diesem Leben.“
 
„Ah. Wohl doch eher schädlich für meine Gesundheit, hm?“
 
„Man kann nicht immer Glück haben, Jack. Irgendwann ist es vorbei damit, nichts dauert ewig.“
 
„Du solltest nicht zuviel über die Zukunft nachdenken, Kumpel. Das verdirbt dir nur die Gegenwart.“
 
„Ich kann’s nicht ändern.“ Will schwieg einen Moment und versuchte, die richtigen Worte zu finden. Aber nichts, was ihm einfiel klang auch nur im Entferntesten nach etwas, das Jack gerne hören würde. Daher gab er schließlich klein bei und beschloss stattdessen einfach bei der Wahrheit zu bleiben. „Ich hab dich dafür viel zu gern.“
 
Das Schweigen, das er daraufhin als Antwort erhielt, dauerte so lange an, dass er schon fast befürchtete, Jack wäre wieder eingeschlafen. Oder noch schlimmer… wahrscheinlich war er bereits damit beschäftigt, sich zu überlegen wie weit genau er Will für diese Bemerkung aus dem Bett schmeißen sollte.
 
Stattdessen fühlte er, wie sich Jack auf die Seite drehte. Will wusste, dass Jack sich ihm zugewendet hatte, denn er konnte spüren, wie ihn warmer Atem auf dem Gesicht kitzelte. „Jetzt hör mir mal gut zu“, sagte Jack. „Denn ich werde das hier nicht noch einmal wiederholen. Wenn du einen Anflug von Romantik bekommst dann spar dir das künftig für die Frauen auf, Kumpel. Bei mir läuft das folgendermaßen: Was auch immer du tun willst – oder auch nicht tun willst – während wir hier gemeinsam das Bett teilen, ist okay für mich. Wenn du einfach nur schlafen willst, dann schlaf. Wenn du mehr willst, dann hab ich sicherlich auch nichts dagegen. Eine nette, kleine Rauferei im Bett ist meine zweitliebste Freizeitbeschäftigung, mal abgesehen vom Rum. Aber sollte es dir jemals einfallen, mir mit irgendwelchen Liebeschwüren zu kommen, dann kannst du künftig unten im Kielraum übernachten. Klar soweit?“
 
Nun, das war besser verlaufen als Will zu hoffen gewagt hatte. Er atmete erleichtert auf. „Tut mir Leid.“
 
„Das sollte es auch.”
 
Erneut konnte Will fühlen, wie sich Jack umdrehte und er entspannte sich langsam, da er glaubte, Jack würde sich bereit machen wieder einzuschlafen. Daher war er völlig überrascht und unvorbereitet, als Jack sich stattdessen zu ihm hinablehnte und ihn direkt auf den Mund küsste.
 
Er konnte gar nicht anders als den Kuss zu erwidern. Das Feuer zog ihn magisch an und die Hitze, die durch seine lange aufgestauten Sehnsüchte entstanden war, spiegelte sich in den Flammen wider. Er konnte Jacks Hände auf seiner Brust spüren, wie sie langsam an seinem Körper nach unten wanderten. Schon die geringste Berührung rief ein unglaubliches Verlangen in ihm hervor. Es war viel zuviel. Erschrocken angesichts seiner eigenen, übermächtigen Reaktion zuckte Will zurück. Er wollte es so sehr, aber gleichzeitig fürchtete er sich auch davor.
 
„Lieber doch nicht?“, fragte Jack leise.
 
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Will wahrheitsgemäß. Eine Rauferei, so hatte Jack es genannt. „Eine Rauferei. Was genau verstehst du darunter?“
 
„Oh, einfach nur ein bisschen Rummachen, wenn du’s so willst. Ein bisschen Rubbeln, ein wenig Spaß, falls du weißt, was ich meine.“
 
Ah. In der Tat wusste Will ziemlich genau, was Jack meinte, und er konnte langsam wieder ein wenig ruhiger atmen. „Gleiches Recht für alle?“
 
„Absolut.“
 
„Gut.“ Damit konnte er klarkommen… vielleicht… gerade so. „Eine Rauferei also. Gut.“ Sein Körper schien sich für den Gedanken jedenfalls durchaus begeistern zu können, soviel stand schonmal fest. Seine eigenen Reaktionen hatten ihn viel zu schnell und viel zu heftig an einen Ort katapultiert, von dem er zwar wusste, dass er dorthin gelangen wollte, aber für den es im Moment einfach noch viel zu früh war. Keine Liebesschwüre. Jetzt noch nicht zumindest.
 
Alles immer schön flach halten, nichts was zu sehr in die Tiefe geht. Es ist nicht mehr als körperliche Befriedigung. Will streckte seine Hand nach Jack aus und ihre Körper trafen sich. Er befreite sich von all seinen Gedanken und überließ seinem fleischlichen Verlangen die Führung, während sich jeglicher Anflug von Romantik sicher in den verborgenen Schatten flüchtete.


Nächster Teil




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