AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, NC-17, Abenteuer, Drama, Romantik, Hurt/Comfort, Angst
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: Der Prolog schließt direkt an den Film "Fluch der Karibik" an.
INHALT: Ein atemberaubendes Piratenabenteuer mit viel Rum, Spannung, Blut und Tränen, und sonst noch allem was dazu gehört.
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch I
by Alexfandra


Zwei Monate vergingen, in denen die Pearl äußerst erfolgreich spanische Schiffe durch die Karibik jagte. Norrington war in höchstem Maße zufrieden. Sie kamen in regelmäßigen Abständen in Port Royal vorbei, um ihre Gefangenen oder die geenterten Schiffe dort abzuliefern und schauten sogar noch häufiger in Tortuga vorbei, um der Mannschaft eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Jack zog es bei diesen Besuchen meist vor an Bord zu bleiben, da er sich inzwischen in Port Royal mehr willkommen fühlte als an in seiner ehemaligen Heimat. In Port Royal machte es ihm nichts aus an Land zu gehen. Governor Swann lud ihn und Will immer wieder gerne zu sich nach Hause ein, wo er für sie stets ein exzellentes Mahl auftischen ließ und ihnen Geschenke aus seinem Weinkeller überreichte, die sie nur schwer ablehnen konnten.
 
Während des ersten Monats vergnügte sich Jack noch immer gelegentlich in einem der örtlichen Bordelle, was Will ihm allerdings niemals gleichtat. Mit der Zeit bemerkte Will jedoch, dass Jacks Landgänge immer spärlicher wurden und sich sein Interesse stattdessen mehr auf die „Raufereien“ in ihrer eigenen Kabine verlagerte. Als der zweite Monat begann, hatten Jacks Bordell-Besuche gänzlich aufgehört und Will fragte sich insgeheim, was dies möglicherweise zu bedeuten hatte. Jack ließ niemals erkennen, dass ihre nächtlichen Vergnügungen in irgendeiner Weise tiefer gingen und er flüsterte Will auch sicherlich niemals irgendwelche Zärtlichkeiten ins Ohr. Aber dennoch… er schien auch die ruhigeren Momente zwischen ihnen sehr zu genießen, die langen Küsse, die sanften Liebkosungen… und immer legte er hinterher seinen Kopf auf Wills Schulter und schlang seinen Arm um Wills Körper bevor sie einschliefen.
 
Allerdings hatte Will nicht wirklich viel Zeit sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was die Veränderungen in ihrer Beziehung wohl zu bedeuten hatten, da die Mannschaft auf dem Schiff ständig unter Stress stand. Hin und wieder konnte er jedoch nicht verhindern, dass er mit dem ein oder anderen flüchtigen Gedanken gefährlich nahe an die „Anflüge von Romantik“ herankam, vor denen Jack ihn so ausdrücklich gewarnt hatte. Er achtete daher immer genau darauf, was über seine Lippen kam, wenn sie beide alleine waren, und er stellte sicher, dass er niemals etwas sagte, was auch nur im Entferntesten darauf hindeuten könnte, dass er hoffte, dass auch von Jacks Seite innigere Gefühle im Spiel wären. Er hatte viel zu viel Angst davor, diesen Grad der Nähe zu verlieren, den er momentan mit Jack erreicht hatte.
 
Es bedeutet ihm nicht viel. Er will einfach nur ein bisschen Spaß haben, daran besteht kein Zweifel. Aber dennoch… während sie immer mehr Zeit miteinander verbrachten, konnte Will beobachten, wie Jack im Bett mit stummen Gesten Dinge ausdrückte, die er mit Worten niemals aussprach. Will konnte daher nicht verhindern, dass er sich manchmal insgeheim fragte, ob nicht vielleicht doch Hoffnung bestand. Vielleicht würde Jack in seinem Leben irgendwann noch den einen oder anderen Anflug von Romantik bekommen. Doch jedes Mal, wenn ihm ein solcher Gedanke kam, rief er sich sofort selbst zur Vernunft… komm zurück in die Wirklichkeit, halte all deine Sinne beisammen und fang endlich an zu denken. Ganz genau, wenn die Hölle zufriert, dann vielleicht.
 
Dann, eines Tages, nahm ihr bisheriges Leben als freiwillige Söldner eine plötzliche Wendung zum Schlechten.
 
Der Himmel an diesem Morgen ließ nichts Gutes erahnen und der Horizont war mit dunklen Wolken bedeckt. Sie waren aus Tortuga aufgebrochen und bereits zwei Tage auf See, ohne dass sie ein anderes Schiff erspäht hätten. Die Pearl schlug südöstlichen Kurs ein, weg von den Wolken, aber dennoch holte sie der Sturm mit unglaublicher Schnelligkeit ein. Gerade als die ersten Regentropfen auf das Deck herunterprasselten kam der Ruf aus dem Mastkorb: „Schiff ahoi!“
 
Jack benötigte nicht einmal sein Fernglas, um das Schiff zu erkennen, das durch den Wind schnell in ihre Richtung getragen wurde. „Das ist keins von unseren“, sagte er.
 
Will stand neben ihm auf dem Achterdeck. „Spanier?“
 
Jack hob das Fernglas an sein Auge. „Und ob. Eine Fregatte. Mit ihren Kanonen sind sie uns weit überlegen. Geh nach unten und hilf dabei, uns feuerbereit zu machen. Und nimm auch gleich deinen Säbel mit, wenn du schon dabei bist.”
 
Will hasste nichts mehr als unter Deck zu sein, wo man nicht sehen konnte, was oben vor sich ging. Er versuchte, trotz der stürmischen See das Gleichgewicht zu halten und fiel immer wieder gegen die Schiffshülle, während er Gibbs und den Männern mit den Kanonen half. Dann kam der Befehl zu feuern, aber die erste Explosion, die sie hörten, kam nicht von ihren eigenen Waffen. Die erste Runde ging eindeutig an die Fregatte.
 
Er konnte den Aufprall überall um sich herum hören und über ihm zerbarst das Holz. Dann feuerten auch sie, und der Knall war ohrenbetäubend. Er half den Männern dabei, die Kanonen nachzuladen und eilte dann zu seiner Kabine, um seinen Säbel zu holen. Will kam bis nach oben zum Hauptdeck. Er taumelte während das Schiff von den tosenden Wellen hin und her geworfen wurde und der strömende Regen peitschte ihm ins Gesicht. Der Himmel war so finster geworden als wäre bereits Nacht. Nur der Rauch, der aus den Kanonen kam, brach gelegentlich durch die schwarzen Sturmwolken.
 
Die Kanonen der Spanier hatten riesige Löcher in das Oberdeck gerissen und auch das Focksegel hing in Fetzen, aber noch war es nicht allzu schlimm. Das konnten sie überleben. Dann erwischte sie plötzlich ein härterer Treffer an der Breitseite, der ihre eigenen Kanonen steuerbord zertrümmerte. Von unten konnte er Schreie hören.
 
Wie von Sinnen suchte er nach Jack, aber zwischen all dem Chaos konnte er ihn nicht finden. Auf dem regennassen, glitschigen Deck verlor er mit den Füßen den Halt und als er sich wieder aufrichtete, sah er zu seinem großen Entsetzen die feindliche Fregatte direkt in unmittelbarer Nähe vor sich. Sie hatte die Pearl schon fast erreicht und näherte sich nun bedrohlich an der beschädigten Steuerbord-Seite.
 
„Alle Mann aufs Hauptdeck!“
 
Will hechtete bei diesem Kommando herum und sah Jack durch die Schiffsluke nach oben kommen, mit der Pistole in der einen und seinem Säbel in der anderen Hand. Die Spanier wollten sie offenbar nicht einfach nur versenken – sie wollten Trophäen. Er konnte kaum glauben, dass sie bei diesem heftigen Seegang tatsächlich versuchen würden zu entern, aber ein Blick hinüber zum Kriegsschiff ließ keinerlei Zweifel an ihrem Vorhaben. Die Männer hatten sich entlang der Reling aufgereiht, mit Seilen und Enterhaken in der Hand.
 
Will versuchte, einen festen Stand zu finden und wartete.
 
Einen Augenblick später war Jack neben ihm und reichte ihm eine Pistole. „Verrückte Bastarde“, sagte er.
 
Will hielt die Pistole in der linken Hand und sein Schwert in der rechten. Die Fregatte war direkt gegenüber und sie brauchte nicht mehr als eine weitere, große Welle um die Pearl zu erreichen. Ein Schiff wurde gegen das andere geworfen, Holz knirschte auf Holz. Die Männer nutzten diese Gelegenheit, um sich mit ihren Seilen und Enterhaken hinüber zu schwingen. Beide Schiffe trudelten wie verrückt auf dem tosenden Wasser und die Tatsache, dass sie so eng aneinander gebunden waren, machte die ganze Situation nur noch prekärer.
 
Will zielte und feuerte auf einen Mann, der in unmittelbarer Nähe von ihm landete, und traf ihn ins Bein. Dann schlug er mit seinem Schwert wie wild auf den Nächsten ein, wobei er allerdings selbst nur mühsam die Balance halten konnte. Auch der Rest der Mannschaft der Pearl war inzwischen nach oben an Deck gekommen – sie alle waren bewaffnet und bekämpften ihre Gegner Mann gegen Mann.
 
Will verlor immer wieder den Halt. Er versuchte, sich bis ans untere Ende des Decks vorzuarbeiten, immer entlang der Reling, da er sich dort am Seilgestränge festhalten konnte. Er schlang seinen Arm durch die Seile um sich aufrecht zu halten, während er sich wie wild auf jeden stürzte, der in die Reichweite seines Schwertes kam. Das dicke Tau bot ihm einen gewissen Schutz vor seinen Gegnern und möglicherweise wäre sein Plan sogar aufgegangen, hätte ihn nicht eine ganz besonders heftige Welle wieder losgerissen. Durch die Schwungkraft und die Richtung, in die er geschleudert wurde, fiel er nicht nach unten auf das Deck der Pearl, sondern zur Seite, direkt auf die feindliche Fregatte.
 
„Will!“, hörte er Jack entsetzt rufen. Er kam stolpernd wieder auf die Beine und blickte sich um. Er war nun ganz auf sich selbst gestellt, alleine auf dem spanischen Schiff und umzingelt von feindlichen Seeleuten. Er hob sein Schwert, jedoch fiel er sofort wieder zurück nach hinten als die nächste heftige Welle das Schiff traf. Er hörte ein hässliches, knirschendes Geräusch in seinem Schädel als er mit dem Kopf auf etwas Hartem aufschlug, dann wurde ihm schwarz vor Augen. Er verlor das Bewusstsein.
 
~*~**~*~
 
Das erste, was er bemerkte, war der Schmerz. Und ein viel zu helles Licht. Dann etwas Kaltes, Nasses… und ungemütlich Hartes… Will blinzelte und öffnete die Augen. Sein Kopf dröhnte. Das grelle Licht verschwand nach und nach und hinterließ ein dämmriges, schummriges Grau. Er rieb sich die Augen.
 
„Schön dich lebend zu sehen“, ertönte eine wohl bekannte Stimme neben ihm.
 
„Jack!“ Sofort bereute Will seinen lauten Ausruf. Er stöhnte und tastete nach seinem Hinterkopf, wo er eine Beule in der Größe eines Hühnereis entdeckte. „Wo sind wir?“
 
„In der Arrestzelle.“
 
Will versuchte sich umzusehen, indem er vorsichtig und sehr langsam seinen Kopf hin und her drehte. Er konnte Eisenstäbe erkennen. „Auf dem Schiff der Spanier?“
 
„Wo sonst? Wie geht’s dir?”
 
„Als wäre ich von den Toten auferstanden.“ Er fühlte den kalten Boden, auf dem er lag und drehte seinen Kopf langsam in die andere Richtung. Jack saß direkt neben ihm und sah ziemlich schmutzig, kalt und völlig durchnässt aus. „Also, ich weiß wie ich hierher gekommen bin“, sagte Will. „Aber wie kommt es, dass du hier bist?“
 
„Ich bin auch rüber gesprungen.”
 
Will schloss die Augen und stöhnte. Völlig unmöglich. „Warum?“
 
„Naja, ich dachte, ich könnt’s mit ihnen aufnehmen.”
 
Es war eine glatte Lüge. „Einer gegen hundert? Nicht einmal du kannst so optimistisch sein.“ Er wusste, warum Jack es getan hatte, aber dennoch… obwohl Wills Herz einen Sprung machte beim Gedanken daran, dass er Jack so viel bedeutete, dass dieser in einem wahnwitzigen Versuch alles daran gesetzt hatte ihn zu retten, wünschte er sich dennoch, er hätte es nicht getan. Es gab keinen Grund weshalb sie beide sterben sollten.
 
Allerdings wusste er auch, dass es keinen Sinn machen würde nachzubohren. Er seufzte und versuchte ein weiteres Mal, seine Augen zu öffnen. Sein Kopf fühlte sich schon wieder etwas besser an. „Wo ist die Pearl? Wo ist der Rest der Mannschaft?“
 
„Keine Ahnung. Sie hat sich von der Fregatte losgerissen, nachdem ich rüber gesprungen war. Der Sturm ist immer schlimmer geworden und hat die Schiffe auseinander getrieben. So wie ich das sehe, könnte sie jetzt schon meilenweit weg sein.“
 
„Dann ist sie vielleicht in Sicherheit.“
 
„Aye. Gibbs und Anamaria können sie schon alleine nach Hause bringen.“
 
„Wir werden’s wohl nie erfahren, oder?“
 
„Es ist nicht sehr wahrscheinlich“, gab Jack zu. „Der Sturm hat sich wieder gelegt, daher schätze ich, dass sie sich gerade noch ein Weilchen Pause gönnen, um uns anschließend oben am Rahsegel aufzuknüpfen.“
 
„Vielleicht aber auch nicht.“ Wills Gehirn kam langsam wieder in Fahrt. „Sie hätten uns schließlich schon an Deck töten können, aber sie haben es nicht getan. Vielleicht wollen sie Lösegeld für uns verlangen? Wissen sie denn, dass du der Captain der Pearl bist?“
 
„Ich werde es sie definitiv wissen lassen. Ich werde ihnen sagen, dass Commodore Norrington für unsere Freilassung sicherlich eine ganz ordentliche Summe zahlen wird.“
 
Will lächelte. Vielleicht war ihre Situation ja doch nicht ganz so hoffnungslos.
 
Und in der Tat – eine Stunde später waren sie nicht nur noch am Leben, sondern man hatte ihnen auch noch Essen gebracht, obwohl der Haferbrei und das Brot zugegebenermaßen kaum noch genießbar waren. Der Schmerz in Wills Kopf war zu einem erträglichen Pochen abgeflaut und er konnte sich inzwischen schon aufsetzen und an die Wand lehnen. Er schaffte es sogar, ein wenig Suppe und ein paar Bissen Brot hinunter zu bekommen.
 
Doch bereits kurze Zeit später wurden die Bewegungen des Schiffes wieder heftiger und unregelmäßiger, und in der Ferne konnten sie Donnerrollen hören. „Der Sturm kommt zurück“, bemerkte Jack. „Oder es ist ein neuer.“
 
„Mir wär’s lieber, wir wären oben an Deck“, sagte Will. Er fühlte sich zu beengt, zu eingesperrt in diesem engen Käfig.
 
Die Wellen wurden zunehmend stärker, was sie an den heftigen Bewegungen des Schiffes erkennen konnten. Immer wieder hob es sich steil nach oben, dann wieder steil nach unten, gefolgt von einem wilden Stoss nach links, dann wieder nach rechts. Die Bewegung wiederholte sich ununterbrochen, bis Will begann, sich zu wünschen er hätte besser überhaupt nichts gegessen.
 
Auch das Donnergrollen kam immer näher und er glaubte schon fast das elektrisierende Knistern der Blitze zu hören. Wenn sie doch nur etwas sehen könnten. „Hast du das gehört?“
 
Jack saß noch immer ruhig auf dem Boden. Er hatte seinen Kopf gegen die Wand gelehnt und hielt die Augen geschlossen. „Ich hab’s gehört. Und es bedeutet nichts Gutes.“
 
Blitze waren auf dem offenen Meer ganz besonders gefährlich. Es reichte schon, wenn nur ein einziger in den Mast einschlug. Das Feuer würde sich so schnell ausbreiten, dass man es nicht mehr löschen konnte. „Ich hoffe, sie haben die Segel eingeholt.“
 
„Oh, das haben sie“, sagte Jack mit sicherer Stimme. „Ansonsten wären wir nämlich schon längst Fischfutter.“
 
Wäre vielleicht gar nicht so übel, dachte Will. Sein Kopf begann schon wieder zu schmerzen. „Ich glaub, ich sterbe.“
 
Das Schiff wurde durch eine Welle heftig herumgeworfen und schleuderte Will durch seine Bewegung an die Gitterstäbe. Jack sprang auf die Füße und half ihm zurück an die Wand. „Dann leg dich hin.“ Jack setzte sich selbst mit ausgestreckten Beinen auf den Boden und drückte Will nach unten, bis er flach dalag und mit dem Kopf auf Jacks Schoß ruhte, wie auf einem Kissen.
 
„Oh Gott“, stöhnte Will. Es war nicht nur der Schmerz, der ihm zu schaffen machte, sondern auch die Angst davor, in diesem engen Käfig zu ertrinken, eingeschlossen wie eine Ratte in der Falle. Der Rumpf des Schiffes begann, unter dem enormen Druck des Sturmwindes zu knarren und zu ächzen. Das knisternde Geräusch der Blitze kam immer näher und wurde immer lauter. Wenn er schon sterben musste, dann sollte es doch wenigstens im Kampf geschehen. Und Jack… das hier musste der schlimmste Albtraum eines jeden Seemanns sein, und alles war nur seine Schuld. „Es tut mir so Leid.“
 
„Spar’s dir. Dir tut sowieso immer irgendwas Leid, Kumpel.”
 
Will brachte ein kleines Lächeln zustande. „Da hast du wohl Recht.“ Vielleicht hätte er tatsächlich einfach besser in Port Royal bleiben sollen, anstatt sich Hals über Kopf in irgendein großes Abenteuer zu stürzen, mit einem Kopf voller kindischer Träume über Heldentaten. Jetzt hatte ihn die harte Realität eingeholt und was das Schlimmste daran war – er hatte Jack mit hineingezogen. „Es ist nur… ich will nicht… es ist alles so schief gelaufen.“
 
Angst schnürte ihm das Herz zusammen. Wie hatte er nur so dumm sein können? Er hatte all die guten Dinge am Seemanns-Dasein gewollt – er liebte es, über das offene Meer zu segeln und er liebte es, mit Jack zusammen zu sein, er liebte die Aufregung der Jagd und das Verfolgen anderer Schiffe. Jack hatte ihn von Anfang an gewarnt, dass diese Art von Freiheit ihren Preis hatte. Er hatte ihm von den langweiligen, endlosen Tagen erzählt, den schlechten Zeiten, der Zerstörung und dem Ruin, die Hand in Hand gingen mit Vergnügen und Triumph. In den Geschichten, die du liest, da gewinnen die Helden immer… Damals hatte er geglaubt, er hätte verstanden, was Jack ihm damit sagen wollte. Aber erst jetzt, als er endlich etwas gefunden hatte, oder besser jemanden, der ihm mehr bedeutete als alles andere auf der Welt, da wurde ihm wirklich bewusst, was Jack gemeint hatte. Manchmal schafft man es einfach nicht sie zu retten, und kein Meer, kein Schiff und keine große Freiheit der Welt können sie jemals wieder zurück bringen.
 
„Ich will dich nicht verlieren“, sagte er. „Es ist nicht fair.“
 
Jack legte den Arm um ihn. „So ist das Leben nunmal, Junge.“
 
Ein unglaublich heftiger Blitz schlug ein, so nahe, dass Will sich nicht vorstellen konnte, dass er nicht einen der Masten getroffen hatte. Und tatsächlich, unmittelbar darauf hörten sie wilde Rufe und hektische Schritte von oben. Und schon kurze Zeit später konnte Will ganz deutlich den unverkennbaren, beißenden Geruch von brennendem Holz riechen. Oh Gott!
 
Jack bewegte sich unter ihm und schob Will sanft von seinem Schoß herunter. Er stand auf und rüttelte an den Gitterstäben. „Ahoi! Hier unten!”
 
Will schaffte es, sich selbst in eine halbwegs aufrechte Position zu bringen. „Das Schiff brennt.”
 
„Lasst uns raus!“, schrie Jack. „Ihr könnt uns doch hier drin nicht einfach verbrennen lassen!“
 
Dicke, graue Rauchschwaden zogen in die Zelle, aber niemand kam, um sie zu befreien. Will kroch hinüber zu den Gitterstäben und versuchte ebenfalls nach Hilfe zu rufen, da er hoffte, dass ihre vereinten Stimmen vielleicht mehr Erfolg hätten. Aber es war hoffnungslos; unter all dem Geschrei und dem Tumult oben an Deck, unter dem unaufhörlichen Donnerknallen und den tosenden Wellen würde sie niemand hören können.
 
Immer mehr Qualm drang nach unten und die Rauchwolken wurden zunehmend dichter und schienen sie buchstäblich ersticken zu wollen. Beide wichen zurück und pressten sich eng an die Schiffshülle. Will taumelte auf die Beine und hielt sich mit aller Kraft an Jack fest, um seine aufrechte Position zu wahren. Wenn er schon sterben musste, dann wollte er es wenigstens nicht auf seinen Knien tun.
 
Jack sah ihn an und sein Grinsen hatte etwas Wahnsinniges. „Mach dir keine Sorgen“, sagte er. „Der Rauch wird dich umbringen, noch bevor du verbrennst.“
 
„Na danke aber auch.“ Will lachte angesichts dieser verfahrenen Situation. „Musst du dem Tod denn immer mit einem Lächeln ins Gesicht sehen?“
 
„Hast du einen besseren Vorschlag?“
 
„Verflucht nochmal.“ Will drückte Jack einen ungestümen Kuss auf den Mund. „Wenn wir das hier überleben, dann kannst du mich hinterher von mir aus so lange du willst im Kielraum übernachten lassen. Ich liebe dich nämlich, du Bastard.“ Dann kam ihm Rauch in die Lunge und er hustete. Er presste sein Gesicht fest in Jacks Halsbeuge um sich vor dem Qualm zu schützen.
 
Plötzlich hörte er den ohrenbetäubenden Knall einer heftigen Explosion, die das gesamte Schiff erschütterte.
 
„Halt dich fest“, sagte Jack. „Das Feuer hat den Raum mit dem Schießpulver erreicht.“
 
Auf die erste Explosion folgte schnell eine zweite, und dann eine dritte. Dann wurde Will durch die Luft geschleudert, durch das Chaos und den Rauch, während er im Hintergrund das Geräusch von krachenden Balken hören konnte. Überall spritzte Wasser und ehe er sich versah, wurde er durch ein klaffendes Loch hinaus ins offene Meer gesogen. Er fand keine Luft, nichts zum Atmen… er kämpfte, um wieder nach oben an die Wasseroberfläche zu kommen und rang verzweifelt nach Luft, aber überall um ihn herum strudelten Trümmer vom Schiff. Noch bevor er wusste, wie ihm geschah traf ihn ein Stück Holz mit heftiger Wucht am Kopf. Danach versank die Welt in Dunkelheit und er fiel und fiel… immer tiefer, hinab in den dunklen Abgrund.
 
~*~**~*~
 
Sonne. Hitze. Schmerzen. Seeschwalben. Ununterbrochen schreiende, kreischende Seeschwalben.
 
„Hilfe.“ Will öffnete ein Auge einen Spaltweit. Sand. Palmen. Ein blauer Himmel… voll mit verfluchten Seeschwalben. Er schloss das Auge wieder und versuchte sich stattdessen mit den Händen die Ohren zuzuhalten. Seine Arme fühlten sich an, als wären sie aus Blei gegossen. „Hilfe?“
 
„Kann grad nicht“, ertönte eine wundervolle, wahrlich willkommene Stimme neben ihm.
 
Will öffnete nun auch sein anderes Auge. Jack lag der Länge nach ausgestreckt neben ihm im Sand und atmete in langen, tiefen, keuchenden Atemzügen. Seine Kleider und sein Haar trieften vor Nässe und er hielt die Augen geschlossen. Er machte den Eindruck, als hätte er soeben einen Blauwal an Land gezogen. „Ich wusste gar nicht, dass ich so viel wiege.“
 
„Tust du auch nicht.“ Jack hob einen Arm und deutete mit einer vagen Geste hinter sich. „Das da allerdings schon.“
 
Will streckte seinen Hals aus um zu sehen was da war, bereute die Bewegung jedoch augenblicklich zutiefst, da ihm sofort ein stechender Schmerz durch den Kopf schoss. Er sah eine Barkasse, die hinter ihnen am Strand lag, fest im Sand verankert. Das Boot schien groß genug zu sein, um zehn Männer zu tragen. Vorsichtig drehte er seinen Kopf zurück bis er sich wieder ein wenig besser fühlte. „Du hast das ganz alleine hier hochgezogen?“
 
„Aye. Und zwar mit dir drin.“
 
„Ah. Mal wieder dein Glück wie’s aussieht.“ Will beschloss, dass ihn die schrillen Schreie der Seevögel nun doch nicht mehr ganz so sehr auf die Nerven gingen. Er war noch am Leben, Jack war noch am Leben, die Welt war nicht untergegangen. Das Leben war doch im Grunde genommen wundervoll. „Sind wir die Einzigen?“
 
„Soweit ich weiß schon. Ich hab dich dort raus gezogen und mich dann am nächsten Trümmerstück, das mir in die Quere kam, festgekrallt. Stellte sich heraus, dass es dieses Boot hier war. Mein Glück ist mir also offensichtlich noch immer treu, Kumpel.“
 
„Mmmm. Aber… äh… wo sind wir?“
 
„Ah, ich hab keine Ahnung.”
 
Will seufzte. Es war ziemlich wahrscheinlich, dass sie auf irgendeiner einsamen, verlassenen Insel gestrandet waren, ansonsten hätte man sie schon längst gefunden. Wäre die Insel bewohnt, dann gäbe es bestimmt Leute, die regelmäßig hierher an diesen schönen Strand kämen. „Zumindest sind wir noch am Leben.“
 
„Mehr oder weniger. Wie geht’s deinem Schädel?“
 
„Nicht gut”, musste Will eingestehen. Ein bloßer Schlag auf den Kopf hätte ihm eigentlich nicht solche heftigen Schmerzen bereiten sollen. Niemand hatte die Wunde bislang versorgt, aber es gab auch nicht viel, was sie hätten tun können. Hier jedenfalls nicht, so viel stand fest. „Es tut ziemlich weh.“
 
„Tja, ich schätze, dann werde ich meinen Hintern wohl für uns beide bewegen müssen.“ Jack schwieg einen Moment lang. „Früher oder später jedenfalls…“
 
„Nur keine Eile. Komm erstmal wieder zu Atem.“
 
„Und du ruhst dich gefälligst aus. Halt die Klappe und sprich nicht.“
 
„Ich versuch’s ja. Ich vermute mal nicht, dass du vorher noch einige dieser Seeschwalben abknallen kannst?“
 
„Hab meine Pistole verloren.“
 
„Verdammt.“
 
„Aber mach dir keine Sorgen“, sagte Jack. „Ich werd sie stattdessen mit Steinen beschmeißen.“
 
Und nach einer kleinen Weile tat er das auch. Zwar schwoll der Lärm durch das wütende Geschrei der Vögel zuerst merklich an, aber nachdem sie sich verausgabt hatten, verschwanden sie schließlich.
 
Will war dankbar über die Stille, die sich breitmachte, und das leise und beruhigende Geräusch der rauschenden Wellen wiegte ihn schnell in den Schlaf.
 
~*~**~*~
 
Als der Abend kam entzündete Jack ein Lagerfeuer. Die Trümmer des spanischen Schiffes waren den ganzen Tag über an Land gespült worden und als er endlich seine Kräfte zurück erlangt hatte, schlenderte Jack am Strand auf und ab und sammelte alles ein, was er so finden konnte. Kisten, Boxen, Holzstückchen, einige Stücke zerrissenes Seil und ein Teil vom Segel. Will blieb die ganze Zeit über an genau der Stelle liegen, an der Jack ihn verlassen hatte, und beobachtete wie Jack all die Dinge neben ihm auf dem trockenen Sand ausbreitete. Jack kam in regelmäßigen Abständen vorbei, um nach ihm zu sehen, und einmal zwang er ihn sogar dazu, ein wenig Milch aus einer Kokosnuss zu trinken. Das Zeug war einfach widerlich. Später fanden sie heraus, dass eine der angespülten Kisten mit Zwieback gefüllt war, aber Will verweigerte jede Nahrung. Er hatte beim besten Willen keinen Appetit.
 
Auch ein paar Leichen wurden an den Strand gespült, aber keine Überlebenden. Da sie keine Schaufel hatten, konnte Jack sie nicht begraben, daher ruderte er sie in seinem Boot nach draußen aufs Meer, beschwerte sie mit Steinen und ließ sie im Wasser untergehen. Er wirkte blass und ziemlich erschüttert, als er wieder zurückkam.
 
„Du hattest doch keine andere Wahl“, sagte Will. „Es ist das, was den meisten Seeleuten ohnehin blüht – ein Begräbnis auf See.“
 
Jack nickte. „Ich weiß. Aber es ist trotzdem keine schöne Art abzutreten… wenn man von den Fischen aufgefressen wird. So will ich selbst mal nicht enden.“
 
„Ach nicht?“ Will war überrascht. „Du willst nicht auf dem Meer sterben und begraben werden? Es ist doch deine Heimat?“
 
„Das Schiff ist meine Heimat. Aber ich kann ja wohl kaum in einem verfluchten Schiff begraben werden.“
 
„Oh. Darüber hatte ich nicht nachgedacht.“
 
„Natürlich nicht. Dein Kopf funktioniert ja auch nicht richtig. Hör endlich auf ständig rumzuzappeln.“
 
„Ich kann nicht anders“, antwortete Will ein wenig trotzig. „Ich kann doch nicht ewig einfach nur hier rumliegen. Mir tut alles weh und außerdem muss ich mal… und ich werde das bestimmt nicht im Liegen erledigen.“
 
„Na wunderbar.“ Jack schob einen Arm unter Wills Körper und half ihm dabei aufzustehen. „Tote im Meer entsorgen, dir beim Pinkeln helfen… das ist das wahre Leben.“
 
„Au!“ Will hielt mit sich mit der Hand den Kopf, während Jack ihm auf die Beine half. „Tut mir Lei…” Mitten im Satz unterbrach er sich selbst. „Oh nein, das werde ich bestimmt nicht nochmal sagen.“
 
„Also mir tut schon was Leid.“ Jack hatte seine Schulter inzwischen unter Wills linkem Arm durchgeschoben und umklammerte mit dem rechten seine Taille, um ihn so bis zur nächsten Böschung zu schleppen. „Ich selbst tu mir ganz ordentlich Leid, soviel steht fest.“
 
Als sie fertig waren, führte Jack Will zu einer schattigen Stelle unter einer Palme und lehnte ihn sitzend gegen den Stamm. „Da, siehst du. Du darfst jetzt eine Weile sitzen. Aber den Kopf wirst du nicht bewegen, hast du mich verstanden?”
 
„Verstanden.“ Will hatte auch gar keine Ambitionen in der Hinsicht, da der Schmerz nahezu unerträglich wurde, jedes Mal, wenn er sich bewegte.
 
„Ich werde jetzt mal losgehen und nach frischem Wasser suchen, irgendwo im Innern der Insel. Es kann gut sein, dass ich eine ganze Weile fort bin, daher tu uns bitte beiden einen Gefallen und mach keine Dummheiten.“
 
Will salutierte folgsam. „Aye, aye, Sir.“
 
„Siehst du, genau das hab ich gemeint”, sagte Jack. Dann stampfte er davon.
 
Er kam erst Stunden später wieder zurück und brachte Wasser, das er in einem kleinen Fass transportierte, welches er aus dem Strandgut des Wracks gerettet hatte. „Hier. Trink das. Ich werd jetzt erstmal Feuer machen.”
 
Will trank ein wenig von dem Wasser und beobachtete Jack dabei, wie er Holz zusammen trug. Er fand einige Zündschnüre in einer der trockenen Kisten und entfachte ein Feuer. Dann wanderte Jack ein weiteres Mal hinunter zum Strand, von wo er diesmal mit einer Hand voll frischer Muscheln zurückkam. Als die Abenddämmerung hereinbrach, loderte das Feuer hoch und Jack konnte das Essen auf einem großen, flachen Stein zubereiten.
 
Auch Wills Appetit war in der Zwischenzeit zurückgekehrt und es gelang ihm, ein wenig feste Nahrung zu sich zu nehmen. „Denkst du, wir können hier überleben?“
 
„Ich hab noch nicht alle Kisten durchgesehen“, antwortete ihm Jack. „Aber ich hab Werkzeuge gefunden, einige Nägel und eine Muskete. Eine Meile weiter im Inland gibt es einen kleinen Bach mit Süßwasser, der auch irgendwo eine Quelle haben muss. Vielleicht in einer Lagune. Wir haben Kokosnüsse, Muscheln und andere Meeresfrüchte. Außerdem können wir noch Netze auslegen, um an Fisch zu kommen. Ich denke, dass ich auch einige Dattelpalmen gesehen habe und es gibt auch noch andere Wurzeln hier, die man essen kann. Diese Insel ist ein ganzes Stück besser als die, auf der mich Barbossa damals ausgesetzt hat. Sie ist größer, hat mehr Pflanzen und frisches Wasser. Ich denke, wir werden über die Runden kommen.“
 
„Aber kein Rum?“
 
Jack starrte ihn mit riesigen Augen an. „Oh Gott! Das hab ich ja total vergessen.“
 
„Naja, du hattest auch viel um die Ohren.”
 
„Kein Rum…“ Jack starrte mit resigniertem Blick ins Feuer. „Wir werden nicht überleben.”
 
„Du hast doch noch nicht alle Kisten durchgesehen.”
 
Sofort sprang Jack enthusiastisch auf die Beine. „Das kann man schnell nachholen.“
 
„Aber es wird doch schon dunkel.“
 
„Oh, das ist kein Problem.“ Er rannte hinunter zum Strand und kehrte kurze Zeit später mit einer Kiste im Schlepptau zurück. Er stellte sie direkt vor dem Feuer ab und begann, das Holz unermüdlich mit seinem Messer zu bearbeiten.
 
Will lehnte sich auf seine Ellbogen im Sand zurück und genoss das unterhaltsame Schauspiel, das sich ihm bot. Eine Kiste nach der anderen wurde von Jack nach oben geschleppt und jedes Mal öffnete er sie mit neuer Energie und neuem Elan. In der fünften gab es schließlich einen Treffer – Weinflaschen. Er ließ sich neben der Kiste in den Sand fallen und grinste. „Wir sind gerettet.“
 
„Aber es ist kein Rum“, bemerkte Will.
 
„Das ist wahr.“ Also ging Jack erneut ans Werk. Als die Sonne schließlich völlig hinter dem Horizont verschwunden war und die Sterne bereits hervorkamen, hatte er es tatsächlich geschafft, jede einzelne Kiste aufzubrechen, die nach dem Schiffbruch an den Strand gespült worden war. Die Letzte öffnete er erst kurz bevor das Feuer schon soweit heruntergebrannt war, dass nur noch rauchende, glühende Kohlen übrig waren. Und wie es der Zufall so wollte… die letzte Kiste enthielt doch tatsächlich zehn Flaschen Rum.
 
„Ohne Fleiß kein Preis“, sagte Will. Er lag inzwischen flach auf dem Boden, da ihm sein Kopf noch immer starke Schmerzen bereitete. Er schloss die Augen.
 
Er konnte Jack neben sich spüren und fühlte, wie er ihm mit der Hand langsam über die Stirn strich. „Will?“
 
„Mmm?“
 
„Du wirst mich doch nicht alleine hier zurücklassen, oder?“
 
Will stieß die Luft mit einem langen, tiefen Seufzer aus seinen Lungen. Wenn er sich doch nur nicht so miserabel fühlen würde. „So ist das Leben nunmal, Kumpel“, flüsterte er.
 
„Es ist nicht fair“, antwortete ihm Jack. Er lehnte sich nach unten und küsste Wills Stirn. Dann streiften seine Lippen mit federleichten Berührungen Wills Augenlider, seine Nase, seine Wangen und seinen Mund. „Geh nicht weg… geh niemals weg.“
 
Tief in seinem Innern, verborgen unter all dem Schmerz, fragte sich Will, ob man dies womöglich als einen Anflug von Romantik werten könnte. „Ich werd’s versuchen.“
Jack legte seinen Kopf auf Wills Schulter und hielt ihn fest. „Schlaf jetzt“, befahl er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
 
„Du auch“, antwortete Will, bevor ihn die dunkle, kühle Nacht vollkommen in ihre Arme schloss.
 
~*~**~*~
 
Er erwachte kurz vor der Morgendämmerung. Ihm war übel und sein ganzer Körper war schweißnass. Vorsichtig löste sich Will aus Jacks Armen und kroch auf allen vieren nach hinten ins Gras, wo er sich heftig übergab.
 
Aber er schaffte es nicht wieder zurück, bis Jack erwachte. Jack rannte über den heißen Sand und zog Will an den Schultern nach oben unter die Palmen. Dann brachte er ihm frisches Wasser zum Trinken und nutzte den Rest dazu, Wills heiße Stirn zu kühlen. Vorsichtig tastete er Wills Hinterkopf ab.
 
„Tut so weh“, murmelte Will. „Fühl mich elend…“
 
„Du siehst auch gar nicht gut aus, Kumpel. Du machst mir Angst.“
 
„Tut mir Leid.“
 
„Kannst du was essen?“
 
„Nein.“
 
Jack seufzte und lief nach hinten ins hohe Gras, vermutlich um seinen eigenen Bedürfnissen nachzukommen. Will blieb im Schatten liegen und fühlte sich schwach und zittrig. Immer wieder sah er Dinge vor sich, verwirrte Bilder, die völlig unkontrolliert auf ihn einstürzten… Bilder der rauen See, dunkle Wolken, Rauch und Feuer. Er versuchte, sie beiseite zu schieben und an etwas Schönes zu denken… Port Royal, die Pearl, sogar Tortuga… und Jack, und wie sie gemeinsam im Bett lagen, gemeinsam segelten, gemeinsam Dame spielten, sich gemeinsam betranken… alles, solange es nur nichts mit dem rauen Meer zu tun hatte.
 
Doch dann konnte er plötzlich wahrhaftig Rauch riechen. Jack hatte das Feuer wieder entfacht. „Mir ist gar nicht so kalt“, versucht ihm Will mit schwacher Stimme klarzumachen.
 
Er hörte Jack reden, aber seine Stimme schien meilenweit entfernt und er konnte die Worte nicht verstehen. Verließ ihn nun auch sein Gehör? Er konnte Jack kaum sehen, alles schien so verschwommen. Ist es das, was man fühlte wenn man starb? Oh nein… sicher nicht… es war nur die Hitze vom Feuer, die die Luft flimmern ließ.
 
„Trink das.” Jack stand plötzlich direkt vor ihm. Er kniete nieder und hielt ihm eine Schale entgegen, die er in einer der Kisten gefunden hatte.
 
„Was ist das?“ Vorsichtig nippte Will von dem Getränk. Es schmeckte süß und ein klein wenig nach Honigmelone. Mit einem Schuss Zitrone… und es war warm.
 
„Der Saft einer Frucht, die hier wächst. Die Eingeborenen nutzen sie als Medizin.“
 
„Schmeckt gut.“ Will trank mehr und genoss die Wärme und die Süße auf seiner Zunge. Auch sein Magen schien das Gebräu gut zu vertragen.
 
Erneut benetzte ihm Jack die Stirn mit kühlem Wasser. „Ab jetzt wirst du nicht mehr alleine ins Gras wandern, verstanden?“
 
„Aber es war doch gar nicht so weit.“
 
Hör mir zu.“
 
Überrascht von Jacks ernstem Tonfall blickte Will auf. „Jack?“
 
„Du wirst dich nicht mehr ohne meine Hilfe bewegen.“ Jack sah ihn eindringlich an. „Hast du mich verstanden?“
 
Noch niemals hatte er Jack so ernst gesehen, noch nicht einmal damals, als er Barbossa erschossen hatte. Er hatte ihn auch noch nie so besorgt gesehen. „Ich sterbe doch nicht“, sagte Will. „Oder doch?“
 
Jack senkte den Blick und nahm Wills Hände zwischen seine. „Tu einfach nur, was ich dir sage.“ Er hob Wills Hände an seine Lippen und küsste sie. „Bitte?
 
Will bekam es langsam mit der Angst zu tun. Er nickte kurz. „Ich versprech’s dir.“
 
„Gut.” Jack ließ seine Hände los und erhob sich. „Ruh dich jetzt aus. Und wehe, du bewegst auch nur einen einzigen Muskel, ohne dass ich es dir vorher erlaube.“
 
„Das werde ich nicht.” Er schloss die Augen und lehnte sich zurück an den Baumstamm. Er ruhte den ganzen Tag hindurch während Jack gelegentlich vorbei kam, um ihm etwas zu trinken zu bringen. Meist war es der warme Saft von vorher, manchmal war es Wasser gemischt mit einem winzigen Spritzer Rum, gelegentlich war es auch eine dünne Suppe, die Jack von dem Fisch gekocht hatte, den er am Morgen mit seiner Leine gefangen hatte. Will lag so ruhig wie möglich und musste auch am frühen Abend nur ein einziges Mal aufstehen um seine Blase zu leeren. Jack trug ihn schon beinahe bis nach hinten ins lange Gras und wieder zurück.
 
Als es langsam Nacht wurde, konnte Will fühlen, wie der dröhnende Schmerz in seinem Kopf langsam nachließ und auch sein Appetit wieder zurückkehrte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jack zwei weitere kleine Fische gefangen, die er als Abendessen zubereitete. Es war die erste wirklich feste Nahrung, die Will bei sich behalten konnte, seitdem er sich das erste Mal den Kopf geschlagen hatte.
 
Nachdem das Feuer heruntergebrannt war, legte er sich schlafen, und auch Jack kam an seine Seite und streckte sich neben ihm aus. „Ich schätze, ich werde wohl überleben“, erklärte ihm Will.
 
„Ach, wirst du das?“ Jack legte einen Arm um ihn. „Du solltest mir nicht solche Angst einjagen, Kumpel.”
 
„Es nur gerecht. Damals, in Port Royal, warst du derjenige, der mir Angst eingejagt hat.“
 
„Ah. Ich kann mich kaum daran erinnern, mit dem ganzen Fieber und so.”
 
„Ich hab dich damals angefleht, mich nicht alleine zu lassen“, gestand ihm Will. „Genau wie du letzte Nacht.“
 
„Ach, hab ich das? Muss wohl der Rum gewesen sein. Schätze, ich hab mich da wohl ein wenig reingesteigert.”
 
„Aber natürlich.“ Will blickte nach oben und betrachtete die Sterne. „Denn ein Anflug von Romantik kann’s ja wohl nicht gewesen sein… nicht bei dir.”
 
„Ich hab dich gewarnt – der Kielraum, weißt du noch?“, sagte Jack.
 
„Aber wir haben hier gar keinen Kielraum“, bemerkte Will.
 
„Ist eine Schande.“
 
„Nenn es wie du willst.” Will schlang einen Arm um ihm. „Mir ist’s gleich. Ich weiß ganz genau, was ich fühle.” Er erinnerte sich daran, wie er Jack seine Gefühle gestanden hatte, als sie in der Arrestzelle des Schiffes gefangen waren, als er geglaubt hatte, sie müssten dort gemeinsam sterben. Und er wusste, dass auch Jack sich daran erinnern konnte. Auch wenn Jack Wills Liebeserklärung nicht erwidert hatte, so machte das nichts. Jack drückte seine Gefühle durch andere Dinge aus als durch bloße Worte, und Will konnte dasselbe tun. Er tastete in der Dunkelheit nach Jacks Hand, brachte sie an seine Lippen und küsste sie.
 
„Schlaf endlich“, sagte Jack. Aber er zog seine Hand nicht zurück.
 
„Aye…“
 
„Und sag jetzt bloß nicht ‘Aye, aye, Captain’.”
 
Will hielt Jacks Hand noch immer fest und legte sie auf seine Brust, direkt über seinem Herzen. „Aye, aye, Captain“, sagte er anschließend, und schloss die Augen bevor er einschlief.


Nächster Teil




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