AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, NC-17, Abenteuer, Drama, Romantik, Hurt/Comfort, Angst
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: Der Prolog schließt direkt an den Film "Fluch der Karibik" an.
INHALT: Ein atemberaubendes Piratenabenteuer mit viel Rum, Spannung, Blut und Tränen, und sonst noch allem was dazu gehört.
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch I
by Alexfandra


Zwei Wochen später war Will endlich wieder auf den Beinen. Die ganze Zeit über hatte Jack - immer dann, wenn er nicht gerade Will mit wachsamen Augen beobachtete - die Überbleibsel des Wracks genauestens durchsucht, verschiedene Dinge zum Trocknen ausgelegt und seine Funde penibel genau sortiert. Sie hatten jede Menge Werkzeuge, die Jack dazu nutzte, ihnen eine einfache Hütte aus Palmenzweigen und Ästen zu bauen. Er hatte die Äste mit Hilfe von langen Grashalmen ineinander verflochten. Dann hatte Jack damit begonnen, die Insel zu erforschen, aber da er sich nicht allzu weit von Will entfernen wollte, war er nur ein kleines Stück bis ins Landesinnere gekommen.
 
Aber jetzt, da es Will endlich wieder besser ging, konnten sie ihr neues Heim gemeinsam ein wenig genauer unter die Lupe nehmen. Sie folgten dem kleinen Süßwasserstrom zuerst abwärts, durch den Dschungel hindurch in eine felsigere Strandgegend, wo er schließlich ins Meer mündete. Dann folgten sie ihm in die Gegenrichtung, aufwärts in das Innere der Insel, wo sie sich teilweise durch enges Blättergestrüpp kämpfen mussten. Der Strom entsprang in einer Lagune, die am Fuße eines steilen, felsigen Hügels lag. Ein Wasserfall, der vielleicht zehn oder zwölf Fuß hoch war und ungefähr drei Fuß breit, prasselte von der Spitze des Hügels nach unten in den See.
 
„Wir sollten uns einen gut begehbaren Pfad schaffen, vom Strand bis zur Lagune“, schlug Will vor.
 
Jack starrte nur auf die Lagune, während ihm der Schweiß in Strömen vom Gesicht lief. Er war den ganzen Weg hindurch voran gegangen und hatte mit seiner Machete eine breite Schneise in das hohe Gras geschlagen. Jetzt ließ er das große Buschmesser auf den sandigen Boden der Lagune fallen, riss sich seine Bandana vom Kopf und begann, sich hastig aus seinem Hemd zu schälen.
 
„Hast du etwa vor, unser Trinkwasser zu verschmutzen indem du darin badest?“, fragte ihn Will.
 
„Wasserfall“, erklärte Jack mit gedämpfter Stimme durch den Stoff seines Hemdes hindurch, das er sich gerade über den Kopf zog. „Strömung.” Er warf das Hemd achtlos zur Seite und begann damit, seine Stiefel aufzuschnüren. „Die Strömung wird den ganzen Dreck schnell wieder wegspülen.” Er warf Will noch zusätzlich ein breites Grinsen zu, bevor er seine Hose nach unten schob. „Außerdem, was ist schon ein bisschen Dreck unter Freunden, nicht wahr Kumpel?“
 
Will stand da und beobachtete wie Jack splitterfasernackt in den Teich watete, bis er bis zu den Hüften im Wasser stand. Dann hechtete er mit schnellen, geschmeidigen Zügen nach vorne bis zu den tieferen Stellen.
 
Na wunderbar. Aber es war wirklich ein ganz furchtbar heißer Tag, daher entledigte sich auch Will kurzerhand all seiner Kleider und beschloss, Jack in der Lagune Gesellschaft zu leisten. Er holte ihn in der Mitte des Teiches ein, wo Jack wassertretend auf ihn wartete. „Unter den Wasserfall durch?“, fragte Jack.
„Um die Wette.” Will stürzte los während ihm Jack dicht auf den Fersen war. Gemeinsam hechteten sie zum Wasserfall, schwammen darunter hindurch und tauchten erst auf der anderen Seite in der Nähe der Felswand wieder auf. Will gewann mit einer knappen Nasenlänge, aber er hatte schließlich auch einen ganz ordentlichen Vorsprung gehabt.
 
„Bei drei“, erklärte Jack. „Zurück bis zum Ufer.“ Er zählte und dann hechteten sie wieder los, unter dem Wasserfall durch, dann wieder nach oben durch die ganze Lagune. Will schwamm so schnell er konnte und verspritzte dabei ganz ordentlich Wasser, aber Jack war schneller und gewann diesmal, wenn auch nur um wenige Zentimeter.
 
Sie schwammen noch ein paar Mal gegeneinander, wobei Will Jack zweimal gegen einmal besiegte, als es darum ging den Wasserfall zu erreichen, Jack Will dagegen zweimal gegen einmal, als das Ufer das erklärte Ziel war. Anschließend schleppten sie sich den Sandstrand hoch und ließen sich flach auf den Rücken fallen.
 
„Einigen wir uns auf unentschieden?“, fragte Jack. „Ich hab nämlich fürs Erste genug.“
 
„Unentschieden“, willigte auch Will ein. Er fühlte sich gut, wenn auch ziemlich geschafft. Es war das erste Mal seit seiner Verletzung, dass er sich körperlich verausgabt hatte, und er spürte, dass die Bewegung seinem Körper gut tat.
 
„Wie geht’s dir?“, fragte Jack.
 
„Gut.“ Will wusste zwar, dass er am nächsten Tag einen ganz ordentlichen Muskelkater haben würde, aber er hatte nichts dagegen. Nachdem er fast zwei Wochen ununterbrochen gelegen hatte, sehnte er sich geradezu nach körperlicher Bewegung. „Außerdem hab ich Hunger.“
 
Sie zogen sich an und machten sich gemeinsam auf den Heimweg zurück zu ihrem Hauptstrand. Jack hatte in dem langen Gras, das streifenförmig überall zwischen dem Sandstrand und dem von Bäumen umsäumten Bach wuchs, Fallen verteilt, wo er in regelmäßigen Abständen Rebhühner und Wachteln fing. Seine Fischnetze waren nicht ganz so ergiebig, aber ab und zu gelang es ihm auch mal, einen kleinen Fisch zu fangen. Außerdem hatte er einige Wurzeln ausgegraben, die sich als recht schmackhaft erwiesen, wenn man sie mit Kokosmilch kochte und anschließend zerstampfte. Will war beeindruckt angesichts des großen Wissens, das Jack über die einheimische Flora und Fauna besaß.
 
Sie aßen ein ansehnliches Mittagessen und legten sich dann in ihrer Hütte zur Ruhe, da die Nachmittagssonne begann, so heiß herunterzubrennen, dass man ohnehin nichts Produktives hätte tun können. Als sie auf ihrer Grasmatte lagen, umgeben von Palmwedeln, lauschte Will dem leisen Rollen der Brandung, dem sanften Rauschen des Windes, der durch die Palmen wehte, und den unvermeidbaren Rufen der Seeschwalben. „Gibt schlimmere Orte, an denen wir hätten stranden können.“
 
„Oh ja.“ Jack lag ausgestreckt dicht neben ihm und hatte die Augen geschlossen.
 
„Aber trotzdem, wir sollten so langsam mal darüber nachdenken wie wir wieder nach Hause kommen, denkst du nicht?“
 
„Absolut. Und zwar noch bevor der Rum alle wird.“
 
„Denkst du, die Pearl wird uns finden?” Will fragte sich insgeheim, ob das Schiff den Sturm überhaupt überlebt hatte, und wenn ja, wie weit sie wohl abgetrieben worden war.
 
„Vielleicht. Wir waren allerdings eine ganz ordentliche Strecke in diesem spanischen Waschzuber unterwegs, bevor uns der Sturm versenkt hat.“
 
„Vielleicht könnten wir ja eigene Pläne machen, für den Fall, dass niemand zu unserer Rettung kommt. Wir haben das Boot. Vielleicht können wir es ja in ein Segelboot umfunktionieren? Vielleicht können wir ja einen Baum fällen und daraus einen Mast bauen? In dem Treibgut war auch ein Stück Leinensegel, vielleicht können wir daraus was machen?“
 
„Und wenn wir damit in einen Sturm geraten, dann sind wir zweihundert Meilen vom nächsten Festland entfernt“, sagte Jack.
 
„Oh. Das Boot ist zu klein, ist es das, was du mir damit sagen willst?“ Will wollte sich von dieser Tatsache jedoch nicht entmutigen lassen. Er mochte ihre kleine Insel, aber er hatte nicht vor, hier alt zu werden. „Na gut. Dann werden wir eben eine ganze Menge Bäume fällen und uns ein ganz neues Boot bauen.“ Er lächelte, als er an ein Gespräch dachte, das sie vor gar nicht allzu langer Zeit geführt hatten. „Ein besseres.“
 
Jack lachte. „Ein größeres.“
 
„Ganz genau.”
 
„Ah, Junge. Sag mal, hast du überhaupt eine Ahnung, wie lange wir dazu brauchen würden?”
 
„Um von der Insel wegzukommen? Bestimmt nicht so lange, wie wir brauchen würden, wenn wir überhaupt nichts unternehmen.“ Will runzelte die Stirn, als er Jacks mangelnde Begeisterung bemerkte. „Ich dachte, du hasst es an Land fest zu sitzen.“
 
„Hier gefällt’s mir.“
 
Will hob überrascht eine Augenbraue. „Wie das?“
 
Jack öffnete die Augen und drehte den Kopf zu ihm hinüber, um Will ein warmes Lächeln zu schenken. „Die Gesellschaft ist gut.“
 
Ich bin der Einzige, der dir hier Gesellschaft leistet.“
 
„Ich weiß.“ Jack drehte sich auf die Seite und stützte sich mit einem Ellbogen vom Boden ab. „Ich brauch auch niemanden sonst.“ Er lehnte sich nach vorne und gab Will einen Kuss, bevor er sich ganz ruhig und entspannt wieder nach hinten legte und erneut die Augen schloss.
 
Und wenn ich hundert Jahre alt werde, dachte Will verblüfft. Seine Launen werde ich wohl niemals verstehen. „Sei bloß vorsichtig. Du willst doch wohl nicht riskieren, doch irgendwann mal einen Anflug von Romantik zu bekommen, oder?”
 
„Nein, sowas gibt’s bei mir nicht.“
 
„Bist du dir da so sicher? Du verhältst dich nämlich manchmal gar nicht so.“
 
Jack seufzte. „Falls ich jemals einen Anflug von Romantik bekommen sollte, dann werde ich dafür sorgen, dass du der Erste bist, der’s erfährt.“
 
„Na fein. Und was war das dann gerade?”
 
„Was war was?“
 
Will konnte merken wie er zunehmend frustrierter wurde, daher drehte er sich zur Seite und schüttelte Jack an der Schulter. „Na was du da gerade gesagt hast, was war das? Als du sagtest, du würdest niemanden sonst brauchen, und der Kuss… was hatte das denn bitte zu bedeuten?“
 
Jack öffnete misstrauisch ein Auge. „Es hatte genau das zu bedeuten, was ich gesagt habe. Du bist gute Gesellschaft.“
 
„Und was bedeutet das?“
 
Nun öffnete er auch sein anderes Auge. „Wir sind gute Kumpels. Kann ich jetzt schlafen?“
 
„Nein!” Will richtete sich nun endgültig auf. „Ich will keine guten Kumpels mit dir sein. Ich meine, ich will natürlich auch gute Kumpels sein, aber eben nicht nur. Ich will auch nicht einfach nur eine ‚Rauferei’ mit dir im Bett haben. Ich will nicht, dass dir all das nichts bedeutet. Denn es bedeutet mir etwas. Ich weiß, dass ich dir mehr bedeute als einfach nur ‚gute Gesellschaft’, Jack. Ich konnte es sehen, als du dachtest, ich würde vielleicht sterben. Warum also kannst du es nicht einfach aussprechen?“
 
„Ich…“ Jack seufzte wieder und senkte dann den Blick. „Ich kann eben einfach nicht. Nicht seit…“ Er brach ab und rieb sich mit einer Hand über die Augen. „Ich… ich mag dich wirklich gerne, Will. Und nein, ich will dich auch nicht verlieren. Aber mehr als das kann ich dir nicht geben. Tut mir Leid.“
 
Aber Will hatte seine Aufmerksamkeit längst auf diesen einen unvollendeten Satz gerichtet, den Jack begonnen hatte. „Nicht seit was? Oder seit wem?“
 
Jacks Blick war hart und verschlossen. „Nein.“
 
„Na wunderbar. Dann erzähl’s mir eben nicht.“ Will sprang auf die Beine. „Ich werd nehmen, was ich kriegen kann, denn ich will dich auch nicht verlieren. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es mir auch gefallen muss.“ Wütend stürmte er aus der Hütte und lief den Strand entlang bis ins hohe Gras.
 
Er kletterte nach oben auf einen kleinen Hügel und setzte sich nieder. Von hier oben konnte er die gesamte Bucht überblicken, inklusive ihrer kleinen Hütte. Was zur Hölle war hier gerade passiert? Wie konnte Jack nur in einem Moment so liebevoll und zärtlich sein, und im nächsten so abweisend? Offenbar hatte es irgendetwas damit zu tun, was er in der Vergangenheit erlebt hatte. Es gab da offenbar etwas, das ihn davon abhielt, feste Bindungen einzugehen. Will vermutete, dass es wohl irgendwann einmal jemanden gegeben haben musste, den Jack geliebt hatte, und den er anschließend verlor. Aber in der ganzen langen Geschichte, die Jack ihm erzählt hatte, über die Jahre nachdem er die Pearl verloren hatte, konnte Will sich nicht an den Namen einer einzigen Frau erinnern. Aber ganz offensichtlich war Jack Captain Nate Flynn sehr nahe gestanden.
 
Wie nahe genau? Waren sie vielleicht Geliebte gewesen? Wenn es so war, dann würde Flynns Tod eine Menge erklären. Jack hatte einfach Angst davor, noch einmal nach seinem Glück zu greifen, wahrscheinlich konnte er es sich selbst nicht erlauben, tiefere Gefühle zu entwickeln, aus Angst davor hinterher wieder so einen furchtbaren Verlust zu erleiden.
 
Nun, was Will betraf, so war diese Einstellung der reinste Unsinn. So konnte doch niemand leben. Jack war bereit täglich hunderte von Risiken einzugehen indem er die Meere besegelte, aber dennoch konnte er es nicht über sich bringen, sein Herz an jemanden zu verschenken? Einmal gebrochen, nie mehr geheilt? Tatsächlich niemals mehr?
 
Er starrte hinaus auf den Ozean. Er beobachtete, wie sich die Wellen am Strand brachen und dann zurück ins Meer rollten. Er fragte sich, ob es denn wirklich so schwer wäre, es noch einmal zu versuchen. Auch er hatte Menschen verloren, die er geliebt hatte. Seinen Vater, seine Mutter, und in gewisser Weise auch Elizabeth. Aber trotzdem hatte er noch nie jemanden wahrlich geliebt, nur um ihn anschließend zu verlieren. Das traf noch nicht einmal auf Elizabeth zu, da er wusste, dass er mehr in den Gedanken sie zu lieben verliebt gewesen war, als in sie selbst. Und das war ein großer Unterschied.
 
Vielleicht hatte er also wirklich keine Ahnung von dem, was Jack durchgemacht hatte. Vielleicht musste er einfach nur ein wenig Geduld haben. Wahrscheinlich wollte er einfach nur zuviel, in viel zu kurzer Zeit. Gib ihm einfach mehr Zeit. Vielleicht sogar alle Zeit der Welt. Denn wenn er es sich genau überlegte… selbst wenn er wüsste, dass er niemals auch nur einen einzigen Liebesschwur von Jack zu hören bekäme, würde er ihn denn dann verlassen? Oder war es für ihn schon genug, einfach nur an Jacks Seite zu sein?
 
Will legte sich zurück ins hohe Gras und streckte die Arme aus. Er blickte hinauf in das endlose Blau des Himmels. Was macht es denn schon für einen Unterschied, so lange ich hier bin, und Jack hier ist, und wir diesen kleinen Fleck Erde ganz für uns alleine haben?
 
„Es ist genug“, beschloss er daher. Er lag noch etwa eine Stunde einfach nur da und versuchte an gar nichts Bestimmtes zu denken. Dann stand er auf und machte sich wieder auf den Weg nach unten, zu seinem und Jacks Strand.
 
~*~**~*~
 
Jack war bereits wieder auf den Beinen als er zurückkehrte, und wie üblich verhielt er sich als sei nicht das Geringste vorgefallen. „Ich hab da eine Idee“, erklärte er, noch bevor Will auch nur ein Wort sagen konnte. „Wir sollten eine überdachte Hütte bauen, wo wir all unser Treibgut lagern. Einen Ort, an dem wir es schön ordentlich aufbewahren können, und wo es vor der Witterung geschützt ist.
 
„Na gut.“ Nachdem er fast zwei Wochen lang nur gelegen hatte, konnte Will zwar einen leichten Muskelkater von ihrem kurzen Schwimmausflug spüren, aber er konnte sicherlich trotzdem helfen, einige Dinge zusammen zu sammeln, die sie für solch ein Vorhaben brauchen würden. „Mehr Palmwedel und Äste also?“
 
Jack nickte und griff nach seiner Machete und seiner Axt. „Ich hacke und du sammelst auf.“
 
So verbrachten sie den Rest des Nachmittags damit, Materialien zu sammeln. Gegen Abend war Will vollkommen erschöpft und brach die Arbeit schließlich ab. „Abendessen“, sagte er. „Und eine Ruhepause. Und ich meine damit eine lange.”
 
Über die nächsten Tage hinweg bauten sie eine beachtliche kleine Lagerhütte und schafften all ihre geretteten Besitztümer hinein. Werkzeuge, Nägel, Zündhölzer, Wein, Rum, Zwieback, Segeltuch und die Seile vom Wrack. Auch die Schatulle mit der Muskete, obwohl sie nur wenig Munition und Schießpulver hatten. Drei Schwerter, zwei Messer, die Axt und die Machete. Eine der gestrandeten Kisten hatte ihnen eine Wolldecke und eine Hängematte beschert, eine weitere einen Kessel, sowie eine eiserne Bratpfanne, weitere Kochutensilien und kleinere Schüsseln. Sie ordneten all ihre Habseligkeiten so gut wie möglich in der kleinen Hütte an.
 
„Es ist zwar nicht gerade eine Luxusvilla“, bemerkte Will als sie endlich fertig waren, „aber immerhin auch nicht allzu schäbig.“ Er stand am Strand direkt vor der Hütte und betrachtete sie nachdenklich, während er die Arme über der Brust verschränkt hielt. „Und was kommt jetzt als Nächstes? Ein Klo? Wir könnten weiß Gott eines gebrauchen.”
 
„Was… hast du etwa keine Lust mehr Löcher zu buddeln?”, fragte ihn Jack grinsend. „Wenn wir tatsächlich ein Klo bauen wollen, dann müssen wir aber ein sehr tiefes Loch buddeln.“
 
„Wie wär’s dann mit einem Pfad zur Lagune?“ Über die letzten Wochen hinweg war genug Holz von dem gekenterten Schiff an Land gespült worden, um einen einfachen, schmalen Pfad über die gesamte Strecke hinweg zu verlegen. Dieser wäre mit Sicherheit ein ganzes Stück leichter begehbar, als sich ständig durch das hohe Gras und das Dschungelgestrüpp kämpfen zu müssen, jedes Mal, wenn sie ihren Wasservorrat auffüllen mussten.
 
„Gute Idee. Und danach… was würdest du sagen, wenn wir tatsächlich diesen Mast, von dem du gesprochen hast, an unser Boot montieren und versuchen, einmal um die ganze Insel zu segeln? Wir haben schließlich noch immer keine Ahnung wie groß sie ist oder was sich auf der anderen Seite befindet.“
 
„Ich bin dabei.“ Alles, nur um beschäftigt zu bleiben.
 
Sie machten sich an die Arbeit und die nächsten Wochen vergingen wie im Flug, dadurch, dass sie immer etwas zu tun hatten. Sie bauten sich einen Fußweg durch die Lagune, durchsuchten das Gebiet nach einem schönen, gerade gewachsenen Baumstamm, fällten ihn und brachten ihn in die geeignete Form. Dann bauten sie eine Querstange für das Boot und begannen, die zerfetzten Segeltücher zusammen zu nähen. Und jeden Tag mussten sie auch einen großen Teil ihrer Zeit darauf verwenden Essen zu finden… Fische, Muscheln, Vögel, Wurzeln oder Früchte. Sie gingen auch jeden Tag zur Lagune, abwechselnd um sich frisches Trinkwasser zu holen, oder um schwimmen zu gehen.
 
Irgendwann machten sie auch ihren geplanten Segelausflug rund um die Insel, wobei sich herausstellte, dass die Lebensbedingungen überall recht ähnlich waren – es gab Sandstrände, eine sanfte Erhebung hin zu einer Grasebene, die mit Palmen durchsetzt war, bis dann ein Stück weiter im Inland der dichtere Dschungel und die Bäume begannen. Gelegentlich wurde die Küstenlinie auch von harten, kahlen Felsklippen durchbrochen, auf denen die Seeschwalben brüteten. Sie segelten einmal komplett um die Insel herum und vermuteten, dass sie an ihrer breitesten Stelle wohl maximal drei Meilen lang und eineinhalb Meilen breit sein musste.
 
Nachdem sie auch den Rest der Insel begutachtet hatten, mussten sie sich eingestehen, dass ihre zumindest teilweise geschützte, kleine Bucht wohl trotz allem die besten Lebensumstände zu bieten hatte, zumindest hatten sie auf ihrem kleinen Ausflug keinen günstigeren Ort entdecken können. Allerdings hatten sie – als sie die Insel umsegelten – noch mehr Treibgut gesichtet, das von dem spanischen Schiff an Land gespült worden war. Daher verbrachten sie mehrere Tage damit, immer und immer wieder hin und her zu segeln, um alle nützlichen Trümmer einzusammeln. Sie errichteten eine zweite Hütte, um all ihre neu gefundenen Besitztümer dort zu lagern. Eine große Seemannskiste war ebenfalls an Land gespült worden mit Rasierzeug und einem Handspiegel, sowie einigen zusätzlichen Kleidern. Sie waren wirklich froh nach all der Zeit endlich wieder saubere Hemden tragen zu können. Auch eine ganze Menge Holz war dabei, inklusive eines großen Teils des Tragholms und des Rahsegels. Außerdem fanden sie noch einige Ruder. Ein weiterer glücklicher Fund war eine Kiste, die höchstwahrscheinlich einmal zur Einrichtung der Kapitäns-Kajüte gehört hatte, da sie Schreibpapier, Füllfederhalter und Tinte enthielt. Nachdem sie all ihre Fundstücke zum Trocknen ausgelegt hatten, stellten sie fest, dass das Papier und die Federhalter noch immer in guten Zustand waren. Auch das kleine Tintenfass war noch immer intakt. Es war auf jeden Fall kein schlechter Beutezug.
 
Sie brachten einige Abende damit zu, an einem Plan zu arbeiten, der den Bau eines Schiffes betraf, das zwar größer wäre als ihr kleines Ruderboot, aber dennoch nicht zu groß, sodass sie noch immer in der Lage wären, es mit ihren begrenzten Mitteln fertig zu stellen und es hinterher auch alleine zu kommandieren. Dann zerbrachen sie sich die Köpfe über mögliche Konstruktionspläne, wobei sie sowohl das gerettete Holz aus dem gesammelten Treibgut, als auch das Holz der Bäume, die es auf der Insel gab, mit einplanten. Obwohl sie jede Menge Werkzeug, Holz und Nägel zur Verfügung hatten, hatten sie noch immer keine Idee, womit sie das Schiff versiegeln sollten… bis Jack plötzlich ein Einfall kam. Er erinnerte sich an etwas, das die Eingeborenen für solche Zwecke zu nutzen pflegten – ein Öl aus Baumsaft und Harz. Er war sich allerdings nicht sicher, in welchem Verhältnis die beiden Zutaten miteinander vermischt werden müssten, daher verbrachte er nicht weniger als zwei Wochen damit, ununterbrochen mit verschiedenen Mengen der Flüssigkeiten herum zu experimentieren. Immer wieder ließ er seine neuesten Testläufe über dem Feuer köcheln, wobei er die Luft mit einem abscheulichen Gestank verpestete. Schließlich fand er eine Mischung, die gut funktionierte, allerdings hatten sie nicht die Möglichkeit, diese über eine lange Distanz hinweg zu testen. Sie würden wohl einfach auf ihr Glück vertrauen müssen.
 
„Ein Jahr,“ erklärte Will Jack, als sie sich schließlich dem Ende ihrer Planungsphase näherten. „Wir könnten es in einem Jahr bauen.“
 
Ein Monat war vergangen, seit Will zum ersten Mal auf die Idee gekommen war. Es war ein angenehmer, kühler Abend und beide lagen auf einer Decke nahe dem Feuer, auf dem sie kurz zuvor ihr Abendessen gekocht hatten. Die Sonne war bereits im Begriff unterzugehen und eine sanfte Brise kam vom Meer und ließ die Flammen des Lagerfeuers im Wind flackern. „So lange?“
 
Jack saß näher am Feuer und nutzte das Licht der Flammen, um seine Notizen zu vervollständigen. „Diese Pech-Mischung, die ich da zusammen gebraut habe, braucht eine gute Woche bis sie vollständig hart wird. Und selbst in dem größten Topf, den wir haben, kann ich immer nur eine kleine Menge auf einmal machen. Das reicht nicht aus, um mehr als gerade Mal ein oder zwei Stück Holz in der Länge von drei bis vier Fuß zu versiegeln. Wir brauchen außerdem viel mehr Holz als wir aus dem Wrack gerettet haben, und wir benötigen mindestens einen halben Tag um auch nur einen einzigen Baum zu fällen. Anschließend brauchen wir noch eine Woche oder mehr um daraus ein vernünftiges Brett zu formen. Wir haben keine Möglichkeit das Holz schräg zuzuschneiden. Das bedeutet wir müssen wohl oder übel eine Art Fährboot konstruieren, wofür wir noch mehr Holz benötigen als für ein normales Boot. Wenn wir Glück haben, schaffen wir das alles in einem Jahr.“
 
Will tat sein Bestes, um sich durch diese Zukunftsaussichten nicht entmutigen zu lassen. Ein ganzes Jahr – aber was sollten sie schon groß dagegen tun? Selbst, wenn sie gar nichts unternähmen, würden sie in einem Jahr trotz allem immer noch hier sitzen. Außer ein Wunder geschähe und irgendein Schiff käme zufällig an der Insel vorbei. Im Grunde war es eine nette kleine Insel, wenn man es sich genau überlegte. Sie bot ihnen alles, was sie zum Überleben brauchten und er hatte Jack bei sich, mit dem er all das teilen konnte. Aber dennoch fühlte er sich ruhelos, irgendwie fehl am Platze. Er hatte das Gefühl, dass er zu weit weg war von allem, was in der Welt so vor sich ging, und er machte sich jede Menge Gedanken darüber, wie der Krieg wohl voranschritt. Wie standen die Dinge in Port Royal, wo war die Pearl gerade? Insgeheim war er sehr verwundert darüber, dass Jack sein Schiff bislang nicht einmal erwähnt hatte. Er schien nicht einen einzigen Gedanken an die Welt zu verschwenden, die jenseits ihrer kleinen Insel lag.
 
Als die Sonne hinter dem Horizont unterging, kamen die Sterne hervor. Es war eine klare, wunderschöne Nacht. Ruhig und friedlich. Aber dennoch… irgendwo dort draußen, hinter all dem Wasser, das sie vom Rest der Welt trennte, fanden vielleicht gerade heftige Kämpfe statt. Es war sicherlich nicht so, dass es ihn nach Blut dürstete. Aber er hatte das unstillbare Verlangen zu wissen, was anderswo gerade vor sich ging. Er wollte endlich wieder ein Teil dieser Welt sein.
 
Jack legte sein Papier und seinen Füllfederhalter nieder und stocherte mit einem Stock im Feuer, das gerade dabei war zu erlischen. „Du bist nicht glücklich.“ Es war keine Frage.
 
„Nein“, musste Will ihm eingestehen. „Ich bin aber auch nicht unglücklich. Ich weiß irgendwie selbst nicht genau, was mit mir los ist.“
 
Malaise nennt man sowas. Die Franzosen können gut mit Worten umgehen.“
 
„Malaise“, wiederholte Will.
 
„Das bedeutet, dass deiner Seele etwas fehlt“, sagte Jack.
 
Will nickte. „Ja, irgend sowas wird es wohl sein. Mir kommt es so vor, als wäre mein Leben bedeutungslos geworden. Als ob hier überhaupt nichts wirklich wichtig ist. Als ob ich nichts tue, was einen Unterschied macht.“
 
„Wie zum Beispiel Städte retten oder feindliche Schiffe einfangen?“
 
„Zum Beispiel. Wir sind noch immer im Krieg, und ich tue absolut nichts um zu helfen.“
 
„Aber stell dir doch mal vor, wir wären nicht im Krieg“, sagte Jack. „Was wäre dann?“
 
„Du meinst, wenn wir trotzdem hier gestrandet wären?“ Will versuchte sich vorzustellen, wie er sich in solch einer Situation fühlen würde. Wenn der Teil der Welt, den er kannte und der ihm am Herzen lag, friedlich und ruhig wäre. Wenn es nichts und niemanden gäbe, den er vor irgendjemand anderen retten müsste. Wenn es keine heldenhaften Taten gäbe, die er vollbringen müsste. Wenn er einfach nur ruhig und friedlich auf seiner kleinen, einsamen Insel leben könnte. Nur er und Jack, ganz allein. „Gar nichts, worüber ich mir Gedanken machen müsste?“
 
„Rein gar nichts.”
 
„Ich weiß auch nicht.” Wäre er denn dann glücklich? Wäre er zufrieden, einfach nur den ganzen Tag zu faulenzen? Würde er es nicht vermissen, einen Kampf für irgendeine gerechte Sache zu führen? Würde er seine täglichen Übungsstunden mit dem Schwert nicht vermissen? Wäre er damit zufrieden, es als sein größtes Abenteuer zu bezeichnen, von Zeit zu Zeit mal einen Fisch zu fangen? „Könnte schnell langweilig werden.“
 
„Das könnte es.“ Jack gab den Kampf mit dem Feuer auf und legte sich der Länge nach neben Will auf die Decke, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
 
„Würde dich das denn nicht auch stören? Du hattest auf Tortuga alles, was du dir jemals gewünscht hast, aber trotzdem hast du dich dort gelangweilt.“
 
„Naja, aber dich hatte ich dort nicht, oder?“
 
Will beschloss, diese Aussage kurzerhand zu ignorieren. „Sei doch einfach mal ehrlich. Noch ein, zwei Monate in diesem aufgezwungenen Exil und du wirst anfangen, den Strand auf und ab zu laufen wie ein Tiger in seinem Käfig.“
 
„Nein, ganz sicher nicht. Ich hab in solchen Dingen wesentlich mehr Übung als du.“
 
„Oh.” Will erinnerte sich an das, was Swann ihm erzählt hatte. Dass Jack drei Jahre in einem Gefängnis verbracht hatte. Das war sicherlich eine viel furchtbarere Isolation gewesen. „Daran hab ich nicht gedacht, tut mir Leid.“
 
„Muss dir nicht Leid tun. Ich hab’s überlebt. Und es ist gar nicht mal so schwierig.“
 
Nun fühlte er sich gänzlich fehl am Platz mit seinen Beschwerden. Jack hatte drei lange Jahre in einem Gefängnis verbracht, wo er in der schrecklichsten Art und Weise, die man sich überhaupt vorstellen konnte, von der Umwelt abgeschnitten war, und dennoch hatte er dieses Erlebnis ohne irgendwelche sichtbaren Schäden verkraftet. Und im Gegensatz dazu beschwerte er sich schon darüber, dass er auf einer wunderhübschen, kleinen Insel gestrandet war, noch dazu mit der besten Gesellschaft, die er sich überhaupt vorstellen konnte. Und alles nur, weil er diesen kindischen Drang verspürte, irgendwo irgendwelche Heldentaten zu vollbringen? Will seufzte. „Ich bin wirklich ein ziemlich hoffnungsloser Fall, oder?“, fragte er.
 
„Du bist jung“, antwortete Jack. „Irgendwann wirst du drüber weg kommen.“
 
Will lachte. „Ganz zweifellos.“ Er fühlte sich schon jetzt um einiges besser. Vielleicht konnte der Krieg ja doch noch ein Weilchen warten. „War mein Vater auch so?“
 
„Du meinst, ob er diesen hochtrabenden Idealen nachhechtete und Träume von Ruhm und Ehre hatte? Oh ja.“
 
„Und wie kommt es dann, dass ihr so gut miteinander zurecht gekommen seid? Oder bist du vielleicht auch mal so gewesen?“ Schließlich war Jack zu dieser Zeit selbst noch ein ganzes Stück jünger gewesen. Vielleicht hatte auch er einst hochtrabende Ideale gehabt, bevor er schließlich selbst irgendwann ‚drüber weg kam’.
 
„Vielleicht war ich tatsächlich ein klein wenig so“, gab Jack zu. „Zum Beispiel hab ich versucht,  die Welt vor Männern wie Captain Pritchard zu bewahren. Allerdings mit relativ zweifelhaftem Erfolg, nicht wahr?“
 
„Du hast Norrington gerettet.“
 
„Und da siehst du was ich meine.“
 
Will lachte. „Okay, jetzt hast du mich wirklich aufgemuntert. Danke.”
 
„Gern geschehen.”
 
Über ihnen am Himmel erschien eine silberweiße Mondsichel. Ein ganzes Jahr noch… nun, wenn die meisten Nächte so wunderbar waren wie diese hier, dann würden sie es vielleicht doch ganz gut verkraften.
 
„Willst du hier draußen schlafen?“, fragte Jack.
 
„Ja, ich denke schon. Es ist eine wunderschöne Nacht.“
 
„Aber später kann’s ganz schön kühl werden.”
 
„Das ist wahr.“ Aber trotzdem hatte Will nicht wirklich das geringste Bedürfnis, sich zu bewegen.
 
„Warte hier.“ Jack stand auf und lief in ihre Vorratshütte. Kurze Zeit später kehrte er mit drei Decken und einer Flasche Rum zurück. Er faltete zwei der Decken zusammen, um sie als Kissen zu nutzen und legte die Dritte für später auf die Seite. Dann ließ er sich neben Will auf den Boden fallen und hielt ihm die Flasche entgegen.
 
„Ist es nicht ein bisschen spät dafür?“
 
„Kann schon sein.“ Jack nahm einen großen Schluck von dem Alkohol. „Vielleicht aber auch nicht. Denn weißt du… ich hab nachgedacht.”
 
Er hielt inne und Will bemerkte, dass er seine Worte mit Bedacht zu wählen schien. „Aha. Und worüber?“
 
Jack hüstelte. „Über Rum, Sodomie und Peitschenhiebe.“
 
„Ah.” Na das war interessant. Diese Grenze hatten sie sicherlich noch nie zuvor überschritten. „Ohne die Peitschenhiebe, hoff ich doch.“
 
„Oh, definitiv ohne die Peitschenhiebe.“ Jack bot ihm abermals die Flasche an.
 
Will setzte sich auf und nahm sie entgegen. Hastig trank er einige große Schluck bevor er sagte: „Ich bin dabei.“ Er war zwar ein wenig nervös, aber nichtsdestotrotz bereit, ihre Beziehung auf eine neue Ebene zu heben. Zumindest, soweit sein spärliches Wissen und seine mangelnde Erfahrung dies überhaupt zuließen. Er reichte Jack die Flasche zurück. „Aber wird es nicht… äh… du weißt schon…“ Er konnte förmlich fühlen, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg und er war dankbar über die Dunkelheit, die dies verbarg. „Wird es nicht ziemlich unangenehm sein?“
 
„Ich hab auch darüber nachgedacht.“ Jack holte ein kleines Fläschchen unter der dritten Decke hervor. „Das ist Palmenöl. Ein Nebenprodukt der Experimente, die ich in der letzten Zeit gemacht habe.“ Er grinste und das blasse Licht des sterbenden Feuers spiegelte sich in seinen Goldzähnen wider. „Vielseitig verwendbar, Kumpel.“
 
Will fragte sich insgeheim wie lange Jack wohl schon über ein wenig Rum, Sodomie und Peitschenhiebe nachgedacht hatte. Dieses magische Gebräu war sicherlich nicht rein zufällig gerade heute Nacht vom Himmel gefallen. „Soso, du hast also daran gearbeitet. Du hast wohl schon eine ganze Weile über diese Sache nachgedacht, hm?“
 
„Oh ja.” Jack rutschte ein Stück näher und war nur noch wenige Zentimeter von Will entfernt. „Bist du sicher, dass du dabei bist?“
 
„Ziemlich. Aber du wirst die Führung übernehmen müssen.“ Will lächelte. „Du weißt schon, du mit deiner enormen Erfahrung und so…”
 
„Ah. Du hast also noch nie jemanden in den Hintern gefickt? Ist es das?“
 
Will verdrehte die Augen. Er konnte jetzt schon erkennen, dass dies ein unglaublich romantisches Erlebnis werden würde. „Nein, ich hab noch nie jemanden in den Hintern gefickt“, erklärte er daher ein wenig gereizt. „Und ich bin auch noch nie von jemanden in den Hintern gefickt worden. Aber ich schätze mal, dass es keine allzu komplizierte Angelegenheit sein sollte. Wenn du also dann so freundlich wärst einfach anzufangen…“
 
Jack verschloss ihm mit einem leidenschaftlichen Kuss den Mund, und sofort wurde Wills Körper zuerst von Wärme, dann von Hitze und schließlich von lodernden Flammen in Besitz genommen, bis sich auch seine allerletzte Beschwerde erfolgreich in Luft aufgelöst hatte, ähnlich wie Eis, wenn es mit Feuer in Kontakt kommt. Unter dieser Attacke wurde jede Spur von logischem Denkvermögen aus seinem Bewusstsein verbannt, und als sie sich endlich wieder voneinander lösten, konnte Will nicht anders, als verzweifelt an Jacks Hemd zu zerren und es ihm schließlich kurzerhand über den Kopf zu ziehen. Sie zogen und rissen gegenseitig an ihren Kleidern und behinderten sich in ihrer Eile mehrmals, bevor sie schließlich beide nackt auf den Decken lagen.
 
„Jetzt, wo du mich schön willig gemacht hast“, konnte Will gerade noch sagen. „… jetzt kannst du mit mir machen, was auch immer du willst.“
 
„Und ob ich das tue. Darauf kannst du wetten.“
 
Und genau das tat er dann auch. Will versuchte, so gut wie möglich auf Jacks Zärtlichkeiten einzugehen, als dieser damit begann seine Brust, seinen Unterleib und seine Oberschenkel mit gekonnten Berührungen zu streicheln. Aber das Gefühl dieser starken, geschmeidigen Finger, die seinen gesamten Körper liebkosten, überwältigte Will völlig und schon bald lag er einfach nur noch regungslos da, während ihm ununterbrochen erwartungsvolle Schauer über den Rücken rannen.
 
Er konnte Jacks Lippen fühlen, wie sie an seiner Kehle saugten. Dann zog Jack eine Linie von Küssen bis nach unten, zu seinem Bauch, wo er Wills harten, steifen Ständer erreichte und ihn in seinen Mund aufnahm.
 
„Ahh….“ Jacks talentierter Mund und seine geschickte Zunge vollbrachten Wunder und Wills Nervosität schmolz dahin. Er bäumte sich auf und streckte sich dieser wundervollen, feuchten Wärme entgegen, die das Zentrum all seiner Erregung darstellte. Und dann, gerade in dem Moment, als er dachte, er würde schon fast vor Lust sterben, ließ Jack ihn aus seinem Mund gleiten und verhinderte so erfolgreich seinen Höhepunkt. „Nein… mehr…“
 
„Ich bin ja dabei“, erklärte Jack ihm mit beruhigender Stimme. „Dreh dich auf die Seite.“
 
Will drehte sich und lag nun mit dem Rücken zu Jack.
 
„Jetzt winkle dein Bein an…“
 
Will winkelte das Bein an, das oben lag, und zog es hoch an seine Brust.
 
„Nicht so weit, nur ein wenig… so, das ist gut. Und jetzt hol am besten tief Luft, Kumpel.“
 
Er konnte fühlen wie sich Jack hinter ihm bewegte und wie dann plötzlich eine warme, glatte Hand über seinen Rücken nach unten glitt. Er konnte das Öl auf Jacks Fingern spüren, als er Wills Pobacken erreichte. Will bäumte sich erneut auf, als er fühlte, wie ein Finger in seinen Körper eindrang, dann wieder raus, dann wieder rein. Immer wieder tastete Jack forschend gegen ihn, um ihn zu dehnen, bevor er sich wieder zurückzog. Plötzlich konnte Will fühlen, wie zwei Finger gegen seine Öffnung pressten und der Druck war im ersten Moment so seltsam, dass er unweigerlich nach Luft schnappte.
 
„Alles okay?“, flüsterte Jack in sein Ohr und sein Atem kitzelte Wills Hals.
 
„Mehr oder weniger.“
 
Die Finger verschwanden und Jack schlang seinen Arm um Wills Taille bis nach vorne zu Wills Glied, das noch immer hart und steif war. Schon die kleinste Berührung schickte winzige elektrische Stöße durch Wills gesamten Körper. Dann legte Jack plötzlich seine Hand fest um Wills Ständer, und genau in dem Moment, als er begann Wills Penis zu reiben, konnte Will fühlen, wie Jacks Ständer mit einem einzigen, festen, harten Stoß in ihn eindrang. Er stöhnte laut auf, als zwei so gegensätzliche Empfindungen durch seinen Unterleib fuhren. Jack rieb Wills Penis mit denselben heftigen und frenetischen Bewegungen, mit denen er auch in ihn hineinstieß und verursachte so eine Vielzahl vibrierender Wellen, die Will in rasanten Wogen immer und immer wieder überrollten. Jack bäumte sich gegen ihn und stieß immer härter in ihn hinein, schneller und heftiger, wobei er seinen Griff um Wills Ständer nicht einen einzigen Moment lang lockerte. Jede Bewegung seiner Hand spiegelte sich in seinen Stößen wider und er steigerte das Tempo immer weiter, bis sie schließlich den Punkt erreichten, an dem es kein zurück mehr gab. Will schrie laut auf als er kam, und genau zur selben Zeit ergoss sich auch Jack tief in seinen Körper. Sie schienen zu verschmelzen… endlich komplett… und schwammen auf einer Welle der puren Lust.
 
Stück für Stück schien er zu fallen und wurde sich nur langsam wieder bewusst, wo er war und was gerade geschehen war. Er begann, die raue Wolldecke unter seiner Haut zu spüren, und auch die kühle Berührung der Nacht. Auf dem Höhepunkt seiner Ekstase hatte Will seinen rechten Arm nach oben geworfen und seine Hand tief im Sand verkrallt, und nun, da er sich wieder entspannte, rieselten die feinen Sandkörper ungehindert zwischen seinen Fingern hindurch.
 
Kühle Nachtluft traf auf seine Haut, als Jack sich aus seinem Körper zurückzog und leise keuchend ein Stück von ihm wegrollte.
 
Will blieb liegen wie er war, auf seiner Seite, ein wenig zusammen gerollt, während sein gesamter Körper noch immer von oben bis unten vibrierte und kribbelte. Er fühlte sich leer und gesättigt zur gleichen Zeit und schien wie auf einem glatten Ozean in eine Art schläfrigen Dämmerzustand abzudriften. Eine Prise Vorfreude und Aufregung waren auch mit an Bord, und er genoss es, seine Gedanken einfach frei segeln zu lassen, während der Horizont vor ihm plötzlich voll war mit glorreichen Träumen und neuen Versprechungen.
 
Er bekam vage mit wie Jack sich hinter ihm bewegte, dann fühlte er wie eine Decke über seinen Körper geworfen wurde. Jack kroch ebenfalls darunter und streckte sich an seiner Seite aus. Er schlang seinen Arm um ihn und Will spürte, wie ihn Jacks warmer Atem im Ohr kitzelte. „Alles in Ordnung bei dir?“
 
Nach einer Weile fand Will seine Stimme wieder. „Oh ja.“ Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er ein wenig wund war… und er hatte absolut gar nichts gegen dieses Gefühl.
 
„Gut. Wir könnten es zur Gewohnheit werden lassen, wenn du möchtest.“
 
„Und ob ich das möchte.” Und er dachte daran, dass er das Ganze auch mal ganz gerne mit vertauschten Rollen ausprobieren würde. Um ehrlich zu sein, war sein Gehirn schon fieberhaft damit beschäftigt sich auszumalen, in welchen Formen und Stellungen sie diese neue Freizeitbeschäftigung künftig weiter erforschen könnten. „Ich hab da Ideen…“
 
„Na was du nicht sagst.” Jack küsste seinen Nacken. „Aber lass uns das auf später verschieben… ich bin müde.“
 
 “Überrascht mich nicht. Schließlich hast du ja auch die ganze Arbeit gemacht.”
 
„Ah. Naja, wir können ja nächstes Mal tauschen. Mir ist’s egal, wer ihn wo reinsteckt, solange ich es nur genieße. Und ich hab’s genossen und werd’s auch in Zukunft genießen, ganz egal wie rum du das Kind auch schaukeln willst, Kumpel.“
 
 “Danke.” Will erwartete gar keine romantischen Liebesschwüre. Jack konnte das, was sie gemeinsam miteinander geteilt hatten, nennen wie er wollte. Will wusste sowieso, dass er diesen Bastard liebte. Und eines schönen Tages würde Jack seinen Emotionen schon freien Lauf lassen, es war alles nur eine Frage der Zeit. Und nun, da sie im Bett weiter gegangen waren als jemals zuvor, mit dem Versprechen auf noch soviel mehr, das da kommen würde, da wusste Will, dass sich die Dinge zwischen ihnen ganz von selbst verändern würden. Ihre Bindung würde stärker werden, tiefer und inniger. Er liebte Jack und eines Tages würde sich die Distanz zwischen ihnen vollkommen schließen. Dann würde Jack ihm endlich eingestehen, dass das, was sie miteinander taten, ein Akt der Liebe war. Dass es gar nichts anderes sein konnte.
 
„Gute Nacht“, flüsterte Jack.
 
Will kuschelte sich nach hinten in Jacks Arme. „Träum was Schönes“, antwortete er. Und während er noch lange Zeit dem regelmäßigen Rauschen des Meeres lauschte, ließ er die Nacht vollends auf sich herabsinken.
 
~*~**~*~
 
Den nächsten Monat verbrachten sie damit, Bäume zu fallen.
 
Jack hatte seine Pläne für ein zugegebenermaßen reichlich merkwürdig aussehendes Boot fertig gestellt, was zum größten Teil auch an ihren begrenzten Mitteln lag. Es war eine Mischung aus einem Fährboot, mit seiner flachen, gerade Unterseite, einem Kutter mit seinem scharfnasigen, keilförmigen Bug und einem Segelboot. Jack war der Ansicht, dass sie vielleicht sogar genug Segeltuch hätten, das sie zusammen nähen konnten, um damit hinterher auch wirklich zu segeln, obwohl er sich darüber Sorgen machte, dass sie nur relativ wenige Seile aus dem Wrack gerettet hatten. Daher experimentierte er unaufhörlich mit den Fasern verschiedenster Pflanzen, wann immer sie gerade nicht mit Bäumefällen beschäftigt waren. Er flocht sie auf die verschiedensten Arten zusammen und überprüfte ihre Tragfähigkeit, bis er schließlich eine Kombination fand, die ihm stark genug erschien.
 
Dann verbrachten sie einen weiteren Monat damit, die Baumstämme in einzelne Bretter zu zersägen. Es war eine mühsame Beschäftigung, da sie alles mit der Hand abschlagen und zerteilen mussten. Und auch zum Glätten der Bretter hatten sie nur Werkzeuge, die dafür eigentlich gar nicht geeignet waren. Das Ergebnis war eine ziemlich raue Oberfläche, mit der sich nur schwer arbeiten ließ, aber noch immer hielten sie mit eisernem Willen an ihren Bauplänen fest und ließen sich nicht entmutigen.
 
Und so vergingen die Wochen wie im Flug. Sie verfielen in einen Rhythmus, bei dem sie immer wieder mehrere Tage hintereinander hart arbeiteten, um sich anschließend in der Lagune eine wohlverdiente Auszeit zu gönnen. Ihre Nächte verbrachten sie oft damit, sich neue Wege der Lust auszudenken und diese auszuprobieren, aber es gab auch Tage, an denen sie durch ihre harte körperliche Arbeit so erschöpft waren, dass sie sich gerade noch in ihre Hütte schleppen konnten und auf der Stelle einschliefen.
 
Ein weiterer Monat ging ins Land und Stück für Stück begann ihr Schiff, langsam Gestalt anzunehmen. Das Anmischen der Harzmasse, die sie für die Versiegelung des Holzes benötigten, war eine mühselige Arbeit, aber dennoch war sich Will sicher, dass sie ihre Arbeit innerhalb von sechs Monaten beenden konnten, anstatt dem veranschlagten vollen Jahr. Jack jedoch schien nicht ganz so optimistisch.
 
„Vielleicht werden wir früher fertig“, sagte er. „Aber nur, wenn es keine Rückschläge gibt. Du weißt nie, was nicht noch alles schief gehen kann.“
 
Und nur kurze Zeit, nachdem er diese Worte gesprochen hatte, sollten sie sich als düstere Prophezeiung herausstellen.
 
Der schicksalhafte Tag begann ruhig, genau wie jeder andere, mit klarem Himmel und nicht der kleinsten Brise in der Luft. Will stand gut gelaunt auf und machte sich bereit, einen weiteren erfolgreichen Tag mit dem Bau seines Bootes zu verbringen. Jack jedoch schien irgendwie bedrückt. Sie brachten den Morgen damit zu, eine neue Ladung Harz anzumischen, aber Jack war eindeutig nicht ganz bei der Sache. Immer wieder blickte er zum Horizont und seine Miene schien besorgt.
 
„Du achtest überhaupt nicht auf den Topf“, beschwerte sich Will, da er es leid war, immer alleine rühren zu müssen.
 
„Tut mir Leid. Es ist nur… dieses Wetter gefällt mir ganz und gar nicht.“
 
„Das Wetter ist doch völlig in Ordnung. Es ist vollkommen ruhig und still da draußen.“
 
„Ich weiß. Und genau das ist es, was mir Sorgen macht.“
 
Oh. Es war schon eine ganze Weile her, dass sich Will das letzte Mal über das Datum Gedanken gemacht hatte. Sie hatten auch nicht wirklich viel Energie darauf verschwendet, die Tage zu zählen, aber er erkannte, dass es inzwischen wohl bereits September sein musste. Die Jahreszeit der Wirbelstürme. „Du denkst, dass sich da ein Sturm zusammen braut?“
 
Jack nickte. „Vielleicht sollten wir besser aufhören zu rühren und lieber damit anfangen, unsere Sachen festzubinden.“
 
Will selbst hatte schon mindestens ein halbes Dutzend schlimme Stürme durchlebt und auch drei Hurrikane in Port Royal und er wusste, welch verheerende Auswirkungen solche Stürme haben konnten. Alles, was sie zum Überleben brauchten, ihre Hütte, die Lagerhäuschen, ihre Barkasse und das Boot, an dem sie gerade bauten, all das lag völlig ungeschützt am offenen Strand. Und noch während er sich wunderte, wie um alles in der Welt sie ihre Sachen in Sicherheit bringen sollten, konnte er bereits den ersten Windhauch in der Luft spüren.
 
Er blickte hinaus zum Horizont. Waren das da etwa Wolken? Dunkle Wolken? Wenn, dann waren sie noch ziemlich weit entfernt. Sicher würden sie noch Stunden Zeit haben, um sich vorzubereiten. „Wir müssen das Boot retten.“ Sie hatten zu hart daran gearbeitet, um es jetzt noch zu verlieren.
 
„Nein. Unsere Vorräte sind wichtiger.“
 
Wütend starrte Will ihn an. „Ich werde dieses Boot nicht verlieren! Es ist unser Weg nach Hause!
 
Doch Jack beachtete seinen Ärger überhaupt nicht. „Wir müssen die Vorräte ins Inland bringen, durch den Dschungel hindurch. Eine Viertelmeile weiter nördlich gibt es eine kleine Anhöhe mit einem tiefen Graben darunter. Es ist ein natürlicher Schutzbunker.“
 
„Du kannst ja die Vorräte sichern“, fauchte Will ihn an. „Ich sichere das Boot.“
 
„Ganz wie du willst.“ Jack winkte lässig mit der Hand in Richtung Meer.  „Und wenn dann hinterher das Boot und unsere Vorräte in kleinen Stückchen über den Strand verteilt sind, womit genau willst du dann ein Neues zu bauen?”
 
„Aber…“ Will hielt inne. Sein Ärger verflog und machte stattdessen purer Verzweiflung Platz. Verdammt. Jack hatte vollkommen Recht. Sie konnten nicht riskieren, ihre Habe zu verlieren.  „Vielleicht haben wir ja Zeit beides zu retten.”
 
„Dann sollten wir wohl besser aufhören zu quatschen und damit anfangen.“ Zielstrebig ging Jack auf die nächstgelegene Lagerhütte zu.
 
Sie verbrachten mehrere kostbare Stunden damit, ihre Vorräte und Habseligkeiten den Strand hinauf zu schleppen, durch das grasige Buschland hindurch bis zu der Anhöhe, die Jack erwähnt hatte. Sorgfältig verstauten sie alles unter dem Überhang. Inzwischen zählte bereits jede Minute, daher brachten sie nur die absolut lebensnotwendigen Dinge in Sicherheit, und sogar Jack war bereit zuzugeben, dass der Rum nicht in diese Kategorie zählte. Will war völlig sprachlos, als er ihn in der Hütte zurückließ, aber dennoch war er froh über die Zweckmäßigkeit, die Jack an den Tag legte. Während sie arbeiteten, nahm der Wind stetig zu und auch die dunklen Wolken kamen rasch näher. Als sie ihre wichtigsten Vorräte aus den Hütten endlich in Sicherheit gebracht hatten, war der Wind bereits heftig genug, dass er Äste von den umliegenden Palmen abriss und zu Boden schleuderte.
 
Als nächstes bestand Jack darauf, die Barkasse soweit wie möglich den Strand entlang nach oben zu ziehen und sie auf den Kopf zu drehen, in der Hoffnung, dass sie auf diese Weise den Sturm vielleicht überleben würde. Sie verloren dadurch weitere, kostbare Zeit, aber Wills Prostete stießen bei Jack auf taube Ohren. Will brannte darauf, endlich ihr neues Boot in Sicherheit zu bringen, da die Sturmwolken sie inzwischen schon fast erreicht hatten. Aber dennoch unterdrückte er seine eigene Ungeduld und befolgte weiterhin Jacks Anweisungen, da er wusste, dass Jack ihre Lage am besten einschätzen konnte.
 
Schließlich brachten sie all ihre geretteten Taue und all die Seile, die Jack aus Pflanzenfasern hergestellt hatte, nach unten und begannen, an dem teilweise fertig gestellten Boot zu arbeiten. Es lag auf einer kleinen Anhöhe am Strand, nahe bei einem kleinen Palmenwäldchen. Während der Sturm schon langsam über die Insel herzog, arbeiteten sie noch immer fieberhaft daran, das Boot auf dem Boden festzuzurren, indem sie es mit Seilen festknoteten und die umstehenden Bäume als Verankerung benutzten. Aber dennoch… Will wusste – wenn die Bäume dem Wind nicht standhielten, dann wäre alles umsonst.
 
Schwarze Wolken zogen über die Insel und verdunkelten den Nachmittagshimmel zu einer schwarz-grauen Masse, die die Sonne völlig verdeckte. Der Wind wurde stärker und peitschte über sie hinweg. Das Seil, das Will soeben noch versucht hatte festzuknoten, wurde ihm plötzlich und unerwartet von einer heftigen Sturmböe aus der Hand gerissen wurde. Sekunden später begann der Regen herunter zu prasseln, während er noch immer fieberhaft in der Dunkelheit nach dem verlorenen Seilende suchte.
 
Ein Stück von sich entfernt hörte er Rufe und plötzlich stand Jack direkt neben ihm und zerrte an seinem Arm. „Komm schon! Lass es gut sein!“
 
 “Nein!” Er schubste Jack beiseite und kniete sich in den Sand, um nach dem Seil zu suchen.
 
„Wir haben keine Zeit mehr!“ Jack versuchte Will auf die Beine zu ziehen. „Wir müssen ins Inland… sofort!
 
Aber Will hatte endlich das Seilende gefunden und er stieß Jack nach hinten, wodurch dieser zur Seite taumelte. Dann kämpfte er sich nach vorne bis unter die Palme und schlang das Seil um den Baumstamm, um es hinterher festzuknoten. Aber seine Hände und das Seil waren glitschig vom Regen und er konnte es nicht richtig festziehen.
 
Er blickte auf, als er über sich ein lautes Krachen hörte. Ein großer Ast war vom Sturm abgerissen worden und fiel nun wie in Zeitlupe nach unten, während er selbst wie gelähmt nach oben blickte. Immer näher kam der Ast, langsam, aber dennoch unvermeidbar… direkt auf ihn zu.
 
Und dann fühlte er einen heftigen Stoß von hinten und fiel nach vorne flach auf den Sand, wodurch ihn der Ast um Haaresbreite verfehlte. Er keuchte und es dauerte einen Moment bis er wieder atmen konnte.
 
Stechender Schmerz durchfuhr ihn, als er die Luft tief in seine Lungen sog. Langsam drehte er sich um. Jack lag auf dem Rücken neben ihm, mit ausgestreckten Armen und Beinen und geschlossenen Augen. Der herunter gefallene Ast lag direkt neben seinem Kopf. Will kroch zu ihm hin und sah wie ein dunkelroter Fleck langsam durch Jacks Bandana sickerte und sich ausbreitete. Nein. Schnell fühlte er nach einem Puls und atmete erleichtert auf, als er ihn fand. „Du Narr! Warum hast du das getan?“
 
Der Strand wurde inzwischen so heftig von Wind und Regen gebeutelt, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Aber er musste Jack von hier wegbringen. Will schob seine Arme unter Jacks Achseln und zog ihn so schnell er konnte hinauf auf die grasige Ebene. Er konnte nicht mehr als einen Fuß weit sehen, da die dunklen Wolken die kleine Insel in tiefste Finsternis getaucht hatten. Will zerrte Jack durch den tosenden Sturm hindurch bis in das hohe Gras, wo ihm prompt noch mehr Äste um die Ohren flogen. Er musste weg von den Bäumen, aber er konnte nicht sehen in welche Richtung er sich bewegte, da ihm der Regen unaufhörlich in Strömen übers Gesicht lief, wodurch er so gut wie blind war. Er tastete sich langsam voran, während er unaufhörlich seine eigene Gedankenlosigkeit verfluchte. Hätte er nicht darauf bestanden, dieses letzte Seil zu verknoten… wenn Jack ihn nur nicht weggeschubst hätte um ihn vor dem fallenden Ast zu retten…
 
Er hielt einen Moment lang inne, um nach Luft zu schnappen. Vorsichtig untersuchte er die Wunde auf Jacks Stirn. Die Bandana, die Jack trug, hatte die Blutung gestoppt, aber dennoch konnte er fühlen, wie sich darunter bereits eine ordentliche Beule bildete. Er holte einige Male tief Luft und versuchte seine letzten Kraftreserven zu mobilisieren. Das Heulen des Windes war ohrenbetäubend und er hob Jack ein weiteres Mal auf und zerrte ihn entlang, während er selbst nur noch stolpern konnte. Verzweifelt suchte er nach einem schützenden Ort, irgendetwas, ein Loch, eine flache Vertiefung im Gras, irgendetwas, das ihnen vor dem tödlichen Wind Schutz bieten würde.
 
Nach zwanzig quälenden Schritten hielt er erneut an um Atem zu schöpfen. Dann wieder zwanzig Schritte, dann wieder eine Rast, diesmal länger. Dann nur noch zehn… er konnte nicht mehr weiter. Sie würden hier draußen sterben, völlig schutzlos und alleine. Doch dann, als er schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, verlor Wills Fuß den Halt auf dem feuchten Boden und er fiel mehrere Fuß nach unten in eine winzige Schlucht. Das Heulen des Windes war hier leiser, da die heftigen Böen einfach über seinem Kopf hinweg bliesen. Schnell kletterte er die kleine Klippe wieder nach oben, griff nach Jack und zog auch ihn nach unten in Sicherheit.
 
Will legte Jack mit dem Gesicht nach oben auf den Boden des Loches. Dann legte er sich mit seinem eigenen Körper über ihn, um ihn so vor dem Regen und den Sturm zu schützen, der noch immer mit unverminderter Stärke über ihren Köpfen tobte und ihre kleine Welt in Trümmer zerlegte.
 
~*~**~*~
 
Stille.
 
Wundervolle Stille. Der Wind war verstummt, der Regen hatte aufgehört und die gesamte Insel lag in Stillschweigen. Der Sturm hatte so lange angedauert, dass es inzwischen Nacht geworden war. Alles, was noch übrig blieb, war vollkommene Dunkelheit.
 
Jack hatte einige Male gestöhnt, aber bislang sein Bewusstsein nicht wieder erlangt. Will blieb mit ihm zusammen in der kleinen Schlucht und ruhte sich aus, bis er wieder genügend Kraft gesammelt hatte, um Jack zurück an den Strand zu tragen, wo die Zerstörung bereits auf sie wartete. Selbst in der Dunkelheit konnte er erkennen, dass nichts den Sturm überlebt hatte. Weder von ihrer kleinen Hütte, noch von ihren überdachten Lagerhäuschen war auch nur die geringste Spur zu sehen. Die Palmen lagen entwurzelt und ihr kostbares Boot war völlig zertrümmert. Was die Barkasse betraf – die konnte er nirgends mehr entdecken und ihm graute schon jetzt vor dem Morgenlicht, wenn er herausfinden würde, ob überhaupt noch irgendetwas gerettet werden konnte.
 
Der Strand war über und über mit winzigen Holzsplittern und Ästen übersät, und er musste ein ganzes Stück von ihrem früheren Lagerplatz fortwandern, bis er endlich einen sauberen Ort fand, an dem sie die Nacht verbringen konnte. Er legte Jack nach unten in den Sand. Jacks Atmung schien normal und er zeigte keinerlei Anzeichen eines Fiebers oder Schockzustandes. Will löste die Bandana von seinem Kopf. An der linken Seite von Jacks Stirn war eine tiefe Wunde, vielleicht sechs oder sieben Zentimeter lang, die völlig mit getrocknetem Blut verklebt war. Darunter konnte er eine ganz ordentliche Beule erkennen.
 
Bitte, mach, dass er in Ordnung ist. Das dämliche Boot war ihm inzwischen völlig egal. Nichts auf der Welt war wichtiger als Jacks Leben. Gar nichts.
 
Will verbrachte daher eine ziemlich unruhige Nacht. Sie schliefen unter offenem Himmel und er wachte bei jedem noch so kleinen Geräusch auf. Und jedes Mal, wenn er aus dem Schlaf schreckte, sah er Jack, der scheinbar friedlich neben ihm schlief. Will versuchte vergeblich, sich keine Sorgen zu machen, aber es war umsonst. Er war außer sich vor Angst, dass er vielleicht dasselbe durchmachen müsste wie Jack, damals als es ihm nach dem Schlag auf seinen Kopf so schlecht ging.
 
Als die Morgendämmerung kam und er langsam erwachte, war er daher ziemlich überrascht, als Jack sich plötzlich kerzengerade neben ihm aufsetzte. „Hey, du solltest das lieber nicht tun.“ Er richtete sich ebenfalls auf und versuchte, Jack sanft wieder nach unten zu drücken.
 
Jack schüttelte seine Hand ab. „Warum nicht?“
 
„Weil du einen ziemlich üblen Schlag auf den Kopf bekommen hast.“
 
„Ach, wirklich?“ Jack befühlte die Beule auf seiner Stirn. „Mir geht’s aber gut.”
 
„Wirklich?” Will konnte kaum glauben, dass sie solch unglaubliches Glück gehabt hatten. „Bist du dir da sicher?“
 
Jack blinzelte und betrachtete verwundert seine Umgebung. „Naja, ein kleines Problem gibt es da doch noch…“
 
Verdammt. „Und das wäre?“
 
„Ich kann mich irgendwie an gar nichts erinnern.”
 
„Du kannst was nicht?“ Will starrte ihn mit offenem Mund an und war nun völlig verwirrt. „Was meinst du damit, dass du dich an gar nichts erinnern kannst. Weißt du denn nicht mehr, was passiert ist? Erinnerst du dich nicht mehr an den Sturm?“
 
„Nein, nein.” Jack sah Will merkwürdig an und schien ihn mit seltsamem Blick zu mustern. „Ich meine gar nichts. Ich erinnere mich an gar nichts mehr. Wer bist du?“
 
Oh Gott! Hatte er etwa sein Gedächtnis verloren? Wusste er denn wirklich überhaupt nichts mehr? „Ich bin Will“, brachte er daher nur stammelnd hervor. „Will Turner.“
 
„Ah. Naja, du scheinst ja ein ganz netter Kerl zu sein. Kannst du mir vielleicht sagen, wo ich bin? Oh, und wie ich heiße?“
 
Will vergrub verzweifelt sein Gesicht in den Händen. Seine Erleichterung darüber, dass Jack endlich aufgewacht und augenscheinlich gesund war, wurde durch diese neue, ziemlich bizarre Entwicklung hart in Frage gestellt. Von all den schlimmen Dingen, die aus einem heftigen Schlag auf den Kopf resultieren konnten, war dies wohl das Letzte, woran er jemals gedacht hätte. Um ehrlich zu sein – daran hatte er überhaupt nicht gedacht. „Du kannst doch nicht einfach dein Gedächtnis verlieren. Das ist nicht möglich.“
 
„Es ist nicht üblich“, korrigierte ihn Jack sogleich.
 
Na das war ja zumindest noch ein kleines, gutes Zeichen. Wenigstens hatte er seine Persönlichkeit nicht verloren.
 
Jack betrachtete seine Hände. „Das ist ein interessanter Ring.” Dann schob er seinen rechten Hemdsärmel nach hinten. „Das ist ein interessantes Tattoo.“
 
„Es ist ein Spatz“, sagte Will. „Dein Name ist Jack Sparrow.“
 
„Und was bedeutet dieses große ‚P’? Ist das etwa ein Brandzeichen?“
 
Na, um das zu erklären, würde er wohl eine Weile brauchen. „Ja, es ist ein Brandzeichen. Es steht für ‚Pirat’.“
 
„Hmm… wirklich interessant.“ Jack musterte seine restliche Kleidung und blickte dann ruhig und gelassen über den Strand. „Nett hier.“
 
Will schüttelte den Kopf. Das war so typisch. Es war eines der Dinge, die er an Jack so liebte. Dass dieser den Tücken und Hindernissen, die das Leben ihm entgegen warf, stets mit dem sorglosen Vertrauen begegnete, dass sich letztlich doch alles zum Guten wenden würde, dass er selbst die größten Schwierigkeiten, die das Leben ihm bescheren konnte, irgendwie unbeschadet überstehen würde. Schließlich hatte Jack in der Vergangenheit einige stürmische Meere besegelt… er hatte gute Freunde verloren, er hatte sein Schiff verloren, er hatte Zeit im Gefängnis verbracht. Aber dennoch hatte er all das überlebt, und es hatte ihn im Endeffekt nur noch stärker gemacht. Vielleicht war er dadurch seinen Mitmenschen gegenüber auch ein klein wenig verschlossen geworden, aber Will vermutete, dass dies wohl der einzige Weg war, wie Jack all das hatte überleben können. Er hatte seine Wunden tief in sich selbst vergraben, während er dem Rest der Welt mit lockerer Gelassenheit gegenüber trat.
 
„Ja“, sagte er schließlich. „Es ist eine sehr hübsche, kleine Insel. Sie ist außerdem völlig unbewohnt, mal abgesehen von uns beiden. Wir sind hier gestrandet.“
 
Jack hob eine Augenbraue. „Wirklich? Das ist ja faszinierend. Wie lange denn schon?”
 
„Ein paar Monate. Wir waren gerade dabei, uns ein relativ großes Boot zu bauen, als der Sturm aufzog. Könnte fast ein Hurrikan gewesen sein, so stark wie er war. Er hat unser Boot in kleine Stücke zerhauen, zusammen mit unseren Hütten. Und außerdem hat er einen Ast auf deinen Kopf fallen lassen.“
 
„Irgendwie erscheint mir das ein bisschen dämlich von mir. Einfach so unter den Bäumen rumzustehen, wenn ein Hurrikan über uns wegzieht.“
 
Wenigstens hatte er nicht vergessen wie man redete, oder wie die Dinge hießen. Höchstwahrscheinlich hatte er seine Erinnerung gar nicht wirklich verloren. Wahrscheinlich war sie nur irgendwo tief in seinem Unterbewusstsein versteckt, wie ein Schiff, das im Nebel fest steckte. „Ich bin derjenige, der blöd genug war unter den Bäumen zu stehen“, gab Will schließlich zu. „Ich habe versucht, unser Boot zu retten. Der Ast hätte normalerweise mich getroffen, aber du hast mich zur Seite geschubst. Das war der dämliche Part deinerseits.“
 
„Warum? Kann ich dich denn nicht leiden, oder was?“
 
„Nein, nein. Was ich meine ist, dass ich nicht wollte, dass du meinetwegen verletzt wirst…” Will blieben die Worte im Mund stecken, als ihm plötzlich ein ganz furchtbarer Gedanke kam. Jack wusste nicht mehr, wer er war. Er wusste daher auch nicht mehr, dass sie gute Kumpels waren. Davon, dass da noch mehr zwischen ihnen war, mal ganz zu schweigen. Oh Gott.
 
„Alles okay bei dir?“ Jack sah ihn forschend an. „Irgendwie machst du den Eindruck, als ob du dich gleich übergeben müsstest.”
 
„Mir geht’s gut“, sagte Will mit tonloser Stimme.
 
„Na, wenn du meinst.“ Jack rieb sich die Beule an seiner Stirn. „Es pocht ein bisschen. Und ich hab Hunger. Was essen wir denn normalerweise in diesem kleinen Paradies hier?”
 
„Ziemlich viel Fisch.”
 
„Oh.”
 
„Und Vögel, die wir im Gebüsch fangen. Außerdem jede Menge Obst. Es gibt da auch noch ein paar Wurzeln, die du immer ausgegraben hast und die wir inzwischen schon auf ungefähr fünfzig verschiedene Arten gekocht haben. Sie hängen uns mittlerweile echt zum Hals raus.“
 
„Verstehe.“
 
„Oh. Wir haben außerdem noch ein wenig Rum. Oder zumindest hatten wir welchen… keine Ahnung, ob er den Sturm überlebt hat.“
 
Jacks Laune hellte sich augenblicklich auf. „Rum? Ich mag Rum.“
 
„Gut, dann erinnerst du dich also an etwas!“
 
„Das hat nichts mit erinnern zu tun. Das ist gesunder Menschenverstand, Kumpel!“
 
„Und du hast mich gerade ‚Kumpel’ genannt.“ Die ganze Sache sah von Minute zu Minute besser aus. „Du erinnerst dich also daran, dass wir gute Kumpels sind, richtig?“
 
„Vielleicht.“ Jack versuchte aufzustehen und Will half ihm auf die Beine, als er schwankte. „Wo ist der Rum?“
 
„Die Flaschen waren in der Hütte.“ Will führte ihn zu dem Strandabschnitt, wo die Überreste ihrer Lagerhütte über den Sand verteilt lagen. Sie wühlten sich durch die zerbrochenen Bretter und Äste und untersuchten alles ganz genau, bis Jack schließlich triumphierend eine Flasche hochhielt, die mit einer dunklen, goldfarbenen Flüssigkeit gefüllt war.
 
„Ich hab da so eine Theorie“, sagte er während er den Korken herauszog.
 
„Lass mich raten. Rum ist ein Heilmittel gegen Gedächtnisverlust?“
 
Jack deutete wohlwollend mit dem Finger auf ihn. „Ganz genau.“ Er nahm einen ordentlichen Schluck und wischte sich anschließend über den Mund. „Allerdings muss ich diese Theorie möglicherweise noch ein wenig ausgiebiger testen.“
 
„Gib mal rüber.“ Will schnappte sich die Flasche und trank ebenfalls einen Schluck, dann reichte er sie wieder zurück. „Einmal darfst du noch trinken, dann suchen wir uns etwas zu essen und versuchen, uns ein wenig auszuruhen. Ich will nicht, dass du krank wirst.“
 
„Aye, aye.“ Jack nahm einen weiteren, ziemlich großen Schluck und setzte dann den Korken wieder zurück auf die Flasche. „Warte mal, irgendwie fühlt sich das nicht ganz richtig an. Ich sage nicht ‚aye, aye’. Die Leute sagen es normalerweise zu mir. Ich bin der Captain von irgendwas… oder so. Captain Jack Sparrow.”
 
 “Du bist der Captain der Black Pearl.”
 
„Oh, gut. Wo ist sie?”
 
„Ich hoffe mal, dass sie in Tortuga ist. Komm schon, du brauchst was zu essen. Ein gutes Essen, eine schöne lange Ruhepause, und hinterher wird’s dir schon wieder gut gehen.“ Will hoffte inständig, dass dieser Zustand nicht länger als ein oder maximal zwei Tage andauern würde. Er hatte beim besten Willen keine Ahnung, wie er auch nur ansatzweise damit umgehen sollte.
 
„Guck mal, hier ist etwas.“ Jack hatte weiter in den Trümmern gewühlt und hielt nun eine kleine, silberne Kiste hoch.
 
Will erkannte sie als die Kiste, in der sie das Papier, die Füllfederhalter und die Tinte gefunden hatten. „Die ist von dem gesunkenen Schiff, das uns hierher gebracht hat.“
 
Jack drehte sie hin und her und hielt sie sich dann dicht vors Gesicht. Will erkannte, dass er die glatte, silberne Oberfläche wohl behelfsmäßig als Spiegel nutzte. Jack versuchte zu erkennen, wie er aussah.
 
„Hier gab es auch mal irgendwo einen echten Spiegel“, sagte er daher. „Der könnte sogar bei den Sachen sein, die wir weiter ins Inland geschafft haben.“
 
„Das geht schon.“ Jack hielt die Kiste ein Stück weiter von seinem Gesicht weg. „Ich bin älter als du.“
 
„Das stimmt.“
 
„Aber irgendwie sehe ich gar nichtmal so schlecht aus.“ Er befühlte einen seiner Goldzähne. „Sehr beeindruckend.“
 
Einen Moment lang hatte Will flüchtig die Vermutung, dass Jack vielleicht gar nicht wirklich sein Gedächtnis verloren hatte. Er betrachtete ihn daher eine Weile misstrauisch, da er fürchtete, dass sich Jack möglicherweise auf seine Kosten einen Scherz erlaubte. Mit strengem Blick verschränkte er die Arme vor der Brust. „Ich hoffe mal besser, dass du nicht versuchst, mich reinzulegen, Jack.“
 
„Was?“ Jacks Verblüffung schien echt. „Warum sollte ich so etwas tun?”
 
„Um mich zu ärgern. Du kannst das manchmal nämlich ziemlich gut.“
 
Jack runzelte die Stirn. „Also sind wir doch keine Kumpels.”
 
„Nein, so meine ich das nicht.“ Will verlor langsam aber sicher die Nerven. „Wir sind gute Kumpels.“
 
„Aber ich ärgere dich.“
 
„Nein. Ich meine… ja… manchmal. Es ist aber schon okay. Ich ärgere dich auch manchmal.“
 
„So wie jetzt zum Beispiel?“
 
Will gab auf. Er glaubte nicht, dass Jack all das nur vortäuschte. „Essen“, beschloss er daher. „Ich werde nicht mehr mit dir reden bis du nicht endlich etwas gegessen hast.“
 
„Fein. Ganz wie du willst.“ Jack warf die Kiste achtlos zur Seite. „Du bist allerdings ein bisschen merkwürdig, Kumpel. Vielleicht solltest du künftig nicht mehr so lange in der Mittagssonne stehen.”
 
„Da hast du wahrscheinlich sogar Recht.“ Will stampfte davon, auf der Suche nach etwas, das sie zu Mittag essen könnten.
 
~*~**~*~
 
Aber auch ein reichhaltiges Essen und ein Mittagsschläfchen halfen Jack nicht dabei, wieder er selbst zu werden. Will hatte bereits resigniert, da er sich inzwischen auf eine langwierige Genesung einstellte. Die ganze Zeit über, während Jack schlief, zerbrach Will sich den Kopf darüber, wie er Jack dabei helfen könnte, sein Gedächtnis wieder zu erlangen. Er konnte ihm möglicherweise auf die Sprünge helfen, indem er ihn immer wieder mit kleinen Hinweisen versorgte und ihm so dabei half, sich zu erinnern. Inzwischen kannte er ja einen Teil von Jacks Vergangenheit. Er könnte Jack möglicherweise ein bisschen was von dem erzählen, was er wusste und vielleicht wäre Jack dann selbst in der Lage, die fehlenden Teile zu ergänzen. Vielleicht wäre ein Überraschungsangriff aber doch sinnvoller. Er könnte eine Zeitlang über irgendetwas völlig Unverfängliches sprechen, nur um dann plötzlich und völlig unvermutet eine Frage über ein vollkommen anderes Thema an Jack zu richten. Vielleicht würde dieser abrupte Themenwechsel ja dabei helfen, Jacks Gedächtnissperre zu lösen. Er würde jedes noch so abwegige Mittel versuchen, bis er endlich eines finden würde, das funktionierte.
 
Will dachte über all das nach, während er in den umher liegenden Trümmern wühlte und versuchte zu retten, was zu retten war. Die Vorräte, die sie im Inland versteckt hatten, waren noch immer in sehr gutem Zustand und hatten nur geringe Schäden davon getragen. Er sammelte alles auf und trug es nach unten an den Strand. Der größte Schaden war an ihren kleinen, selbstgebauten Hütten entstanden – ihre Wohnhütte sowie ihre zwei Lagerhäuschen. Und natürlich lag auch ihr kostbares Boot in Trümmern. Aber was noch schlimmer war – auch die Barkasse war vollständig zerstört worden. Sie würden wieder ganz von vorne anfangen müssen.
 
Jack erwachte erst am späten Nachmittag. Er war sichtlich erschöpft, aber dennoch bestand er darauf, dass es ihm gut genug ginge um mitzuhelfen. Will erlaubte ihm, dabei zu helfen eine neue Hütte zu bauen, obwohl er streng darauf achtete, dass die härtesten Arbeiten auf ihn selbst fielen. Gegen Abend hatten sie es geschafft, ein kleines zeltförmiges Dach zu bauen und auch eine neue Feuerstelle war da, die die alte ersetzte.
 
„Wir können morgen versuchen, noch eine größere Hütte zu errichten“, sagte Will während sie über ihrem spärlichen Essen aus Muscheln und gekochten Wurzeln saßen.
 
„Und danach?“, fragte Jack.
 
„Danach werden wir die Lagerhütten und den Pfad zur Lagune neu bauen.” Er bemerkte Jacks verwirrten Blick. „Wir haben ein Stück im Inland eine Frischwasser-Lagune gefunden. Wir hatten einen hölzernen Pfad, um dorthin zu gelangen.“
 
„Oh. Klingt sinnvoll.“
 
„Ich hab ihn mir noch nicht angeguckt, daher weiß ich auch nicht, wie schlimm er beschädigt ist. Aber ich schätze mal, dass er wohl ziemlich hinüber ist, da der Sturm so viele Bäume entwurzelt hat und unser Pfad mitten durch einen dichten Dschungel aus Bäumen verläuft.“
 
„Ah. Aber eigentlich ist das doch gut, oder? Die entwurzelten Bäume, meine ich. Dann brauchen wir sie nicht mehr zu fällen für das nächste Boot, das wir bauen wollen.“
 
Er hatte Recht. Darüber hatte Will noch gar nicht nachgedacht und es verbesserte seine düstere Stimmung ein klein wenig. „Allerdings. Das ist gut.“ Sie hatten durch den Sturm mindestens zwei Monate Arbeit verloren, aber der größte Teil des ersten Monats war sowieso nur mit Bäumefällen drauf gegangen. Daher sollten sie weniger als zwei Monate benötigen, bis sie wieder auf demselben Stand wären wie zuvor. „Vielleicht ist es ja doch alles nicht so schlimm.“
 
„Mmh.” Jack wedelte mit der Hand und machte eine seiner großzügigen Gesten. „Boote. Da fällt mir was ein. Ich erinnere mich an Boote. Und da war nicht nur die Black Pearl. Ich bin auch schon auf anderen Booten gesegelt.” Er runzelte plötzlich die Stirn. „Schiffe. Ich meine Schiffe.”
 
„Das ist richtig.” Will dachte über das nach, was Jack ihm über seine Vergangenheit erzählt hatte. „Da war die Rosinante. Die Intrepid. Die Nighthawk. Und die Royal Irgendwas.”
 
„Swan”, fiel ihm Jack ins Wort. „Die Royal Swan.“
 
„Das ist gut!“ Will schöpfte augenblicklich Hoffnung. „Es scheint zu funktionieren. Wie wäre es, wenn ich dir einige der Dinge erzähle, die ich über dich weiß? Vielleicht hilft es dir ja dabei, dich wieder zu erinnern.“
 
„Ich erinnere mich hier und da schon wieder an einzelne Bruchstücke“, gab Jack zu. „Aber sie passen irgendwie nicht zusammen. Sie ergeben keinen wirklichen Sinn. Da sind überall Löcher dazwischen. Mein Gehirn fühlt sich an wie ein gigantisches Sieb.“
 
„Muss ganz schön merkwürdig für dich sein.”
 
Jack zuckte mit den Schultern. „Könnte schlimmer sein. Wenigstens bist du ja noch da.“
 
„Danke.” Will räumte das Geschirr ab und legte noch einige Holzscheide aufs Feuer. „Dann wollen wir mal anfangen, oder?“
 
„Wann immer du bereit bist, Junge.“
 
„Na gut.“ Will bemerkte plötzlich, dass er im Grunde genommen so gut wie nichts über Jacks Herkunft wusste, abgesehen von der winzigen Tatsache, dass er einmal kurz erwähnt hatte, er sei bereits seit seinem zehnten Lebensjahr auf Schiffen unterwegs. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo du aufgewachsen bist. Ich vermute mal, es war in England. Alles, was ich weiß, ist, dass du von dort weggingst, als du zehn Jahre alt warst und als Schiffsjunge auf einem Handelsschiff angeheuert hast.“
 
Jack legte sich nach hinten auf den Sand, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und schloss die Augen. „Schiffe. Ich bin irgendwo aufgewachsen, wo es eine Menge Schiffe gab. Zumindest ist es das, was ich vor meinem inneren Auge sehen kann… einen Hafen, Seeleute, Schiffe, die kommen und gehen.“
 
„Dover vielleicht?“ Will begann alle Häfen aufzulisten, die er kannte. „Southampton? Portsmouth?“
 
„Nein, ich glaube das ist es nicht.”
 
„Plymouth?“
 
„Ah. Das könnte es sein. Der Name klingt irgendwie vertraut.“
 
„Das ist gut. Was kannst du sonst noch vor dir sehen? Erinnerst du dich an deinen Vater oder deine Mutter?”
 
„Naja, ich vermute mal, ich hatte einen Vater und eine Mutter.“
 
„Vielleicht einen Bruder? Eine Schwester?“
 
„Nein… ich glaube nicht.”
 
Will hatte nicht das Gefühl, als ob diese frühen Kindheitserinnerungen sie großartig voranbrächten, daher beschloss er es mit anderen Dingen zu versuchen. „Ich weiß nicht genau, was du als Junge auf See getrieben hast, außer, dass du auf Handelsschiffen gesegelt bist. Aber als du zwanzig warst, oder einundzwanzig, da bist du auf meinen Vater getroffen, Bill Turner.“
 
Jack öffnete die Augen. „William.“
 
„Ja, genau.”
 
Jack runzelte die Stirn. „Wieso habe ich plötzlich das Bedürfnis, ‚Stiefelriemen’ zu sagen?“
 
„Das war sein Spitzname. Aber ich denke, du hast ihn die meiste Zeit über Bill genannt. Du bist mit ihm zusammen auf der Rosinante gesegelt, die auf den Weg nach Macau war.“
 
„Macau? Wo liegt das?“
 
„Einmal um die halbe Welt von hier.”
 
„Ah. Und wo liegt hier?“
 
„In der Karibik. Sagt dir Port Royal irgendwas? Oder Tortuga?”
 
Jack schüttelte den Kopf, schloss die Augen und tippte sich mit einem Finger gegen die Stirn. „Es ist irgendwie alles ganz schön durcheinander hier drin. Hauptsächlich kann ich mich einfach nur an Schiffe erinnern. Dass ich auf Schiffen war. Männer an die Boxen. Hisst die Toppsegel. Macht die Kanonen klar… und das Segeln… immer nur Segeln.“ Seine Hände malten träge Gesten in die Luft. „Macht die Enterhaken bereit. Pistolen und Schwerter… auf zum Entern.” Er ließ seine Hand nach unten fallen, öffnete die Augen und setzte sich auf, wobei er sich mit den Ellbogen abstützte. „Ein Pirat, sagtest du?“
 
Will nickte. „Allerdings. Piraterie, Schmuggel, Betrügereien… was dir so einfällt, du hast es sicher früher oder später irgendwann mal ausprobiert.”
 
„Ein Taugenichts, also?“
 
„Nun ja. Du und Bill, ihr habt einige Jahre auf Handelsschiffen gedient, bis ihr irgendwann auf die Intrepid kamt, wo ihr unter Captain Henry Pritchard dienen musstet, der ein ganz außergewöhnlich grausamer Mann war. Ihr beide, du und Bill, wurdet damals durch ihn in eine ziemlich üble Sache verwickelt.“
 
Aus Jacks Richtung kam nur Stille. Will rückte in der Dunkelheit noch ein Stück näher an ihn heran und betrachtete seine Reaktionen ganz genau.
 
„Pritchard“, wiederholte Jack schließlich langsam. „Ich bin mir nicht sicher… da ist irgendwas… irgendwie krieg ich es aber noch nicht ganz auf die Reihe. Wie sah er aus?“
 
Will wusste nicht, was er auf diese Frage antworten sollte, da er keine Ahnung hatte, wie Pritchard aussah. Doch dann kam ihm Norringtons Besuch an Jacks Krankenbett in den Sinn, und die lebhafte Beschreibung, die Norrington ihm von Pritchards erstem Maat, Ned Hardcastle, geliefert hatte. „Ich kann dir nicht sagen wie der Captain aussah, aber es gab da noch einen anderen Typen, der auf dem Schiff unter ihm gedient hat, der war wohl genauso schlimm wie er. Er hieß Ned Hardcastle.“ Er versuchte, sich all die Details ins Gedächtnis zu rufen, die Norrington damals erwähnt hatte. „Er hatte eine Narbe übers ganze Gesicht und rote Haare. Außerdem fehlten ihm einige seiner Finger, die ihm angeblich ein Hai abgebissen hat.“
 
Jacks Blick starrte ziellos in die Ferne. Will konnte nicht wirklich erkennen, ob er den Ozean betrachtete, oder einen ganz anderen Ort aus seiner Vergangenheit. Er wollte Jack nicht stören, da er befürchtete, er könnte damit einen möglichen Erinnerungsstrom unterbrechen. Daher wartete er einfach nur ab und hoffte im Stillen auf einen Durchbruch.
 
„Er war noch viel schlimmer“, sagte Jack schließlich leise. „Ich kann ihn vor mir sehen. Er hatte immer eine Peitsche in der Hand. Er war groß, riesengroß. Ständig hat er irgendjemanden bestraft oder verprügelt, einfach nur, weil er ihn nicht mochte. Aber… da ist noch etwas anderes.“ Er richtete sich noch ein wenig weiter auf, bis er schließlich im Schneidersitz auf dem Boden saß. Noch immer starrte sein Blick geradewegs hinaus aufs Meer, das nur von Sternen beleuchtet war, und er schien Will kaum wahrzunehmen. „William hasste ihn.“
 
„Von dem, was du mir bislang erzählt hast, ging es da wohl allen Seeleuten ziemlich ähnlich.“
 
„Nein. Das war anders. Es war eine andere Art von Hass. Glühender Hass, der ihn schon fast in den Wahnsinn trieb.“
 
Ein Gefühl der Angst und der Vorahnung rann Will über den Rücken. Was hatte Hardcastle seinem Vater angetan, damit das Verhältnis zwischen den beiden um so vieles schlechter war, als zwischen Hardcastle und dem Rest der Mannschaft? Wollte er es denn überhaupt wissen? Und war es das, was seinen Vater letztendlich dazu getrieben hatte, gegen diesen Mann zu rebellieren? „Es gab da einen Jungen an Bord mit dem Namen Jim Norrington. Hardcastle wollte ihn zu Tode peitschen und du und Bill, ihr seid dazwischen gegangen und habt ihn aufgehalten.“
 
„Ah. Jetzt weiß ich es wieder.“ Jack riss seinen Blick vom Meer los und drehte sich um, um Will ins Gesicht zu sehen. „Er gefiel ihm, das war es.“
 
„Was?“ Wills Gedanken waren immer noch bei Norrington. Er wusste, dass es gelegentlich vorkam, dass ältere, stärkere Seeleute junge Mitglieder der Mannschaft dazu zwangen, ihnen gefällig zu sein, aber der Gedanke war umso schrecklicher, da er inzwischen wusste, was für ein brutaler Mann Hardcastle gewesen war. „Du meinst, er hat den Jungen gezwungen?“ Obwohl er diesen Akt für sich inzwischen nicht mehr als etwas Negatives betrachtete, so konnte er es doch kaum über sich bringen, die Tat als das zu benennen, was sie war. Nicht, wenn er dabei an einen vierzehn Jahre alten Jungen denken musste, und einen brutalen, alten Schläger. „Zur Sodomie?“
 
„Ich meinte nicht den Jungen. Ich meinte Bill.“
 
Mit einem Mal schien sich die Welt zu drehen und Will glaubte den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er verkrallte seine Finger im Sand und versuchte verzweifelt die Fassung zu bewahren. „Nein. Das kann nicht wahr sein!“ Er konnte… er wollte es einfach nicht glauben. Nicht sein eigener Vater. Nicht mit diesem Bastard. „Du lügst, verdammt nochmal! Deine Erinnerungen… sie sind alle völlig durcheinander!”
 
Jack zog die Augenbrauen nach oben. „Tut mir Leid, Kumpel… aber das ist es, was mir einfällt.“
 
„Dann hast du eben einen Fehler gemacht. Mein Vater wurde bestimmt nicht von irgend so einem miesen Hurensohn vergewaltigt…“ Irgendwie schaffte er es, auf die Beine zu springen. „Ich werde das nicht glauben. Es ist nicht wahr.“ Sein Ärger gewann die Oberhand und er konnte ihn nicht mehr länger kontrollieren. „Deine Vergangenheit besteht doch ohnehin fast nur aus Erfindungen und Lügenmärchen. Woher soll ich denn überhaupt wissen, was real ist und was du dir ausgedacht hast, einfach nur, weil es dir gefällt und weil du der Meinung bist, dass es zu deiner selbst gestrickten Legende passen würde?“
 
„Aber warum sollte ich mir so etwas ausdenken?“
 
„Ich weiß auch nicht!“ Wills Stimme versagte ihren Dienst. Seine Gedanken wurden mit zerrissenen, kranken Bildern überflutet, die er im Grunde alle nicht sehen wollte. Er lief fort, fort von Jack, fort von diesen furchtbaren Erinnerungen. Es war alles falsch. Das war es nicht, was er hatte hören wollen. Er lief den Strand entlang, halb laufend, halb rennend, ohne ein bestimmtes Ziel im Sinn. Es war ihm völlig egal, wohin er lief, er wollte einfach nur fort.
 
Er hatte keine Ahnung, wie lange er einfach nur vor sich hinrannte. Irgendwann wurden seine Schritte schließlich langsamer und er wurde sich seiner Umgebung wieder mehr bewusst. Die Dunkelheit verwirrte ihn alleine hier draußen. Immerhin war er noch am Strand, daher konnte er sich wohl kaum wirklich verlaufen haben. Allerdings hatte er keine Ahnung wie weit er von der Hütte entfernt war. Als er hinter sich die Küstenlinie entlang blickte, konnte er kein Feuer in der Entfernung entdecken.
 
Er seufzte und setzte sich unter eine der Palmen, die den Sturm überlebt hatten. Es war ein großer, älterer Baum. Was hatte er alles zu Jack gesagt? Seine eigenen Worte waren nur noch vage in seinem Gedächtnis. Die Wut hatte an seiner Stelle gesprochen und er erinnerte sich kaum noch an irgendetwas. Langsam aber verlosch sein Ärger und zurück blieb nicht mehr als grimmige Resignation. Er wusste, dass Jacks Erinnerungen der Wahrheit entsprachen. Alles machte mit einem Mal plötzlich Sinn. Das war der Grund, weshalb Jack bislang immer gezögert hatte, ihm alles von seinem Vater zu erzählen. Er hatte diese eine Sache verschwiegen. Jack hatte ihm nicht wehtun wollen. Aber heute Nacht, da hatte er sich nicht mehr daran erinnern können, dass er gewisse Dinge verschweigen wollte. Dass gewisse Dinge vielleicht besser für immer geheim bleiben sollten.
 
Und er hatte daraufhin seinen Ärger an Jack ausgelassen, obwohl er ihn eigentlich besser auf Hardcastle gerichtet hätte. Falls der Mann tatsächlich noch am Leben sein sollte, so schwor Will, dass er ihn aufspüren und dafür sorgen würde, dass er endlich für all seine Vergehen bezahlte. Es war ein weiterer, sehr guter Grund einen Weg zu finden, um endlich von dieser Insel weg zu kommen. Jetzt hatte er einen Grund, der noch viel wichtiger war, als einfach nur ein paar gute Taten zu vollbringen.
 
Beiläufig bemerkte er, dass die Herbstnacht so langsam aber sicher recht kühl wurde, und dass er nur ein leichtes Hemd am Körper trug, das ihn kaum warm hielt. Will erhob sich und begann den Weg, den er gekommen war, wieder zurück zu laufen. Vorsichtig suchte er sich einen Pfad, um all die abgerissenen und zerbrochenen Baumäste herum, die überall im Sand verstreut lagen. Verwundert fragte er sich, wie er es in seiner vorherigen Eile wohl geschafft hatte, nicht über den ein oder anderen von ihnen zu stolpern.
 
Als er zurückkam, war Jack nicht mehr am Feuer. Will fand ihn in ihrem behelfsmäßigen Unterschlupf, wo er seitlich zusammengerollt unter einer Decke lag. „Hey.“ Will suchte sich eine zweite Decke und streckte sich neben ihm aus… nahe, aber nicht so nahe, dass sie sich berührt hätten. „Bist du wach?“
 
„Gerade so.“
 
„Ich war nicht auf dich wütend, Jack. Ich hab’s nicht so gemeint, was ich gesagt habe.“
 
„Ich weiß.“
 
„Nein, das weißt du nicht.“ Es war allerdings trotzdem sehr nett von ihm, das zu sagen. „Du kannst dich doch gar nicht an mich erinnern. Du weißt doch überhaupt nicht, wer ich bin. Woher hättest du es also wissen sollen?“
 
„Ich hab da so ein Gefühl“, sagte Jack. „Ich hab das Gefühl, dass du ein guter Mann bist.“
 
Will lächelte. „Nicht immer. Aber ich versuch’s.”
 
Sie lagen eine kurze Zeitlang schweigend einfach nur nebeneinander, während eine kühle Brise durch ihr kleines, behelfsmäßiges Nachtlager zog. Will dachte gerade daran, aufzustehen und eine weitere Decke zu suchen, als er fühlte, wie sich Jack neben ihm bewegte. Plötzlich war Jack bei ihm unter seiner Decke und hatte seine eigene über sie beide geworfen. Er kuschelte sich an ihn und schlang seinen Arm um Wills Taille.
 
Oh. Das war viel besser. Aber hatte Jack denn überhaupt eine Ahnung davon, wie die Dinge wirklich zwischen ihnen standen?
 
„Jetzt ist es wärmer“, sagte Jack.
 
Höchstwahrscheinlich nicht. Er versuchte wohl einfach nur, sich aufzuwärmen. Aber vielleicht würde eine Nacht gesunder Schlaf Jack endlich von seinem Gedächtnisverlust befreien. Will hatte wirklich keine Ahnung, wie viele Nächte dieser Art er noch überstehen konnte.
 
Plötzlich schoss ihm ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf. Was, wenn Jack sein Gedächtnis nie wieder zurück erlangen würde? Was, wenn er sich niemals mehr daran erinnern würde, was sie einander all die Monate hindurch bedeutet hatten? Er konnte nicht verhindern, dass ihm ein deutlicher Schauer über den Rücken lief.
 
„Ist dir noch immer kalt?“, fragte Jack.
 
„Nein, nein. Ich bin schon okay.“ Mit all seiner Willenskraft versuchte Will, sich selbst zu beruhigen. Es würde schon alles wieder in Ordnung kommen. Selbst wenn Jack sich nicht mehr an alles erinnern konnte, so wäre er doch immer noch Jack, und sicherlich würde er noch immer dieselben Gefühle für seinen besten Kumpel haben. Es würde zwar ein wenig Anstrengung und Arbeit bedürfen, bis sie wieder dort ankämen wo sie vorher waren, aber sie würden es schon schaffen. Zum allerersten Mal konnte er der Tatsache, dass sie alleine auf einer einsamen Insel waren, etwas Gutes abgewinnen. Hier hatte er Jack ganz für sich alleine, es gab keinerlei Ablenkungen.
 
Ja, es würde vielleicht ein kleines Weilchen dauern, aber Will würde schon dafür sorgen, dass Jack niemals vergaß, dass er geliebt wurde.
 
Er lag ruhig da während er einfach nur Jacks langsamen, steten Atemzügen lauschte. Und als er einschlief, fragte er sich einen kurzen Moment lang, was er durch diese Sache möglicherweise noch alles erfahren würde. Welche Geheimnisse würde Jack ihm vielleicht noch enthüllen, ohne es wirklich zu wollen? Und würden sie sich alle als so schmerzhaft erweisen?
 
Da dies wohl kaum das Material war, aus dem erholsame Träume gestrickt werden, hatte Will erwartungsgemäß eine recht unruhige Nacht. Daher war er froh und erleichtert, als der Morgen endlich graute und ein neuer Tag anbrach.


Nächster Teil




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