AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, NC-17, Abenteuer, Drama, Romantik, Hurt/Comfort, Angst
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: Der Prolog schließt direkt an den Film "Fluch der Karibik" an.
INHALT: Ein atemberaubendes Piratenabenteuer mit viel Rum, Spannung, Blut und Tränen, und sonst noch allem was dazu gehört.
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch I
by Alexfandra


Sie verbrachten die darauf folgenden Tage damit, ihre Hütte und ihre Vorratshäuschen neu aufzubauen. Aber noch immer brachte Will es nicht übers Herz, die Überreste seines kostbaren Bootes genauer unter die Lupe zu nehmen. Daher beschäftigten sie sich erst einmal damit, den Pfad zur Lagune zu erneuern.
 
Während ihrer Arbeit kehrten auch einige von Jacks Erinnerungen zurück, aber es handelte sich fast ausschließlich um Bilder von irgendwelchen Orten, die er früher einmal besucht hatte. Manche lagen in der Karibik, einige irgendwo in Fernost. Will erzählte ihm alles, was er über den Untergang der Intrepid wusste… wie Jack und Bill in Tortuga an Land gespült wurden, und wie sie gemeinsam damit begannen, ihr Leben als Piraten zu fristen. Aber dennoch… irgendwie schien Jack nicht mehr wirklich über seine gemeinsame Vergangenheit mit Bill Turner sprechen zu wollen. Will vermutete, dass Jack einfach keine weiteren, negativen Gefühlsausbrüche seinerseits provozieren wollte.
 
Er für seinen Teil versuchte ebenfalls nicht mehr über das nachzudenken, was zwischen seinem Vater und Hardcastle an Bord der Intrepid geschehen war. Er versuchte alles, was diesen Vorfall betraf, in die hinterste Ecke seines Bewusstseins zu verdrängen. Immer wieder versuchte er, sich selbst davon zu überzeugen, dass all dies vor sehr langer Zeit geschehen war, dass es sich um eine alte Geschichte handelte, die man am besten vergessen sollte. Und vielleicht hätte er damit sogar Erfolg gehabt – aber da gab es noch immer die Möglichkeit, dass Hardcastle vielleicht tatsächlich noch am Leben war. Gewissenlos wie eh und je, und nach wie vor ungeschoren. Eines Tages würden sie sicherlich von dieser Insel wegkommen, ganz egal wie, und wenn dieser Tag kam, dann würde er seine schmerzhaften Erinnerung wieder an die Oberfläche bringen. Dann würde er auf seine eigene Weise mit all dem abschließen.
 
Sie beendeten ihre Arbeit am Lagunen-Pfad an einem ganz ungewöhnlich heißen Tag. Daher war es nur logisch, dass sie beschlossen, nach getaner Arbeit ein Weilchen schwimmen zu gehen. Zuerst schwammen sie ein paar Mal um die Wette, genau wie bei ihrem ersten Ausflug zur Lagune. Will bemerkte, wie er sich bei ihrem Wettschwimmen einige Male absichtlich zurück fallen ließ, nur um Jack beim Schwimmen zu beobachten, um zu sehen wie seine geschmeidige, glatte Gestalt durch das Wasser schnellte. Oh, wie er ihre früheren „Raufereien“ im Bett vermisste. Und all das, was sonst noch zwischen ihnen war. Aber Jack schien sich kaum an Will zu erinnern, und auch nicht an ihre innige Freundschaft. Noch immer gab es da riesige, klaffende Löcher in seinem Gedächtnis. Und obwohl die Tage vorübergingen, ohne dass Jack irgendwelche besonderen Fortschritte hinsichtlich seines Erinnerungsvermögens machte, so schien er sich darüber wie gewöhnlich keine Sorgen zu machen. Er war glücklich und zufrieden mit den winzigen Fragmenten, die ihm Tag für Tag einfielen, er fand sie interessant und zugleich auch faszinierend. Die Tatsache, dass er sich nicht an alles erinnern konnte, schien ihn nicht im Geringsten traurig zu stimmen. Er war und blieb seiner Persönlichkeit treu, was sicherlich zum größten Teil seiner „Nimm alles so wie’s kommt“ Lebensstrategie zuzuschreiben war, seinem völlig chaotischen und ungeplanten Lebensstil. 
 
Insgeheim fragte sich Will, wie er selbst wohl mit solch einem Schicksalsschlag umgegangen wäre. Sicherlich nicht halb so gut wie Jack, daran zweifelte er nicht. Er neigte dazu, sich schnell frustrieren zu lassen, immer dann, wenn etwas nicht ganz nach Plan lief. Er war eher der Typ, der blindlings und unbedacht auf etwas reagierte, oder sich planlos in eine Situation hineinstürzte. Er war sich sicher, dass Jack diese Charaktereigenschaft vor allem seiner Jugend zuschreiben würde. Insgeheim fragte sich Will manchmal, weshalb sie überhaupt so gut miteinander zurechtkamen, wo sie doch sonst so völlig unterschiedlich waren. Aber er wollte gar nicht erst anfangen, allzu genau darüber nachzubrüten. Er war einfach nur glücklich darüber, dass sie gute Kumpels waren. Obwohl… jetzt gerade im Moment, hier in der Lagune, sie beide nackt, mit Jacks Körper, der im Wasser glänzte… da wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass es eine Möglichkeit gäbe Jack klarzumachen, dass sie in der Vergangenheit weitaus mehr füreinander waren als einfach nur gute Kumpels. Allerdings hatte er nicht die geringste Ahnung, wie er das anstellen sollte.
 
Die Versuchung war viel zu groß hier. Will warf sich kurzerhand mit einem schnellen Zug nach vorne, schwamm an Jack vorbei und besiegte ihn im letzten Rennen zum Ufer. Dann ließ er sich erschöpft zu Boden fallen.
 
Einen kurzen Moment später kletterte auch Jack nach oben und ließ sich neben Will nieder, wobei er sich wie ein nasser Hund schüttelte. Will seufzte, als sich Jack neben ihn in den Sand fallen ließ. Er wusste nicht, wie viel nackten Jack er noch ertragen konnte.
 
„Du hast mich gewinnen lassen.“
 
„Was?“
 
„Im See… bei unserem Wettschwimmen. Du hast mich gewinnen lassen.“
 
„Beim letzten Mal hab ich dich besiegt“, korrigierte Will.
 
„Aber das reicht mir nicht. Ich bin nicht alt, weißt du. Zumindest nicht so alt. Ich kann dich auch in einem fairen Kampf besiegen. Klar soweit?“
 
„Du hast Recht“, sagte Will. „Du bist nicht alt. Um ehrlich zu sein, benimmst du dich manchmal sogar geradezu kindisch.”
 
„Wie bitte?“
 
„Naja, okay“, gab Will zu. „So schlimm auch wieder nicht. Nein, du siehst nicht alt aus und die meiste Zeit über benimmst du dich auch nicht so.“
 
„Was meinst du damit?“
 
„Was ich meine, ist…“ Will versuchte seine Worte mit Bedacht zu wählen. Möglicherweise hatte Jack seine eigene Persönlichkeit doch nicht ganz so gut umrissen, wie er ursprünglich geglaubt hatte. „… dass du oftmals eine ‚Mir ist doch alles scheißegal’ Einstellung an den Tag legst. Du gehst durch dein Leben und tust nur immer genau das, wozu du gerade Lust hast. Du hältst dich an keine Regeln außer deine eigenen, du stürzt dich in jedes Abenteuer, das dir gerade einfällt, du hast keine Pläne und du bist an niemanden gebunden, mal abgesehen von deinem Schiff.“
 
Jack hob fragend eine Augenbraue. „Ist denn irgendetwas verkehrt daran? Du scheinst mir ja auf dem Fuße zu folgen. Was sagt das denn dann über dich aus?“
 
Er klang nicht verärgert, lediglich neugierig. Und das gab Will einen Moment lang Zeit, darüber nachzudenken. Was sagte es denn tatsächlich über ihn aus? Er hatte Jacks Freiheit immer bewundert, er war mit Jack mitgekommen, um seine eigenen Abenteuer zu erleben. Aber dennoch gab es Zeiten, wo er all das eher als Quälerei empfand. Zeiten, in denen er spürte, dass diese Art zu leben im Grunde gegen seine eigene Natur ging, gegen all seine Ideale und gegen dieses allgegenwärtige Bedürfnis, das er hatte und das in seiner Dringlichkeit teilweise überwältigend war, immer und überall das zu tun, was er für richtig hielt.
 
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete er daher nur ziemlich lahm. Vielleicht bin ich ja tatsächlich der Ältere von uns beiden.
 
„Du bist wirklich ein Mysterium“, sagte Jack. „Vielleicht sogar ein größeres Mysterium als ich selbst im Moment.“ Dann wechselte er völlig unvermutet das Thema und gab Will einen leichten Klaps auf den Arm. „Komm schon, Kumpel! Lass uns wieder zurückgehen. Ich schätze, wir sollten inzwischen ein paar Fische in unseren Netzen haben, und ich könnte durchaus was zu essen vertragen.”
 
Er machte sich daran, sich anzuziehen worüber Will wirklich unsagbar dankbar war.
 
~*~**~*~
 
„Und was ist mit dem hier?“ Will hielt ein ungefähr zwei Fuß langes Brett in die Höhe, das ein klein wenig gekrümmt und an einem Ende abgebrochen war.
 
Jack überlegte einen Moment. „Mittel.“
 
„Na gut.“ Will warf es hinüber auf einen stetig wachsenden Haufen. Sie hatten die letzten beiden Tage damit verbracht, all die zerbrochenen Bretter von der Barkasse und ihrem unglückseligen Boot zusammen zu tragen. Das Holz war durch den Sturm fast eine ganze Meile über den Strand verteilt worden und auch weiter im Inland fanden sie noch immer Bruchstücke. Sie hatten alles in einem einzigen riesigen Haufen am Strand zusammengesammelt und nun, am dritten Tag ihrer Arbeit, versuchten sie, ein wenig Ordnung in das ganze Durcheinander zu bringen. Jack schlug vor, dass sie die Bruchstücke in drei neue Haufen sortieren sollten, je nachdem, wie gut das Holz noch erhalten war und wie gut sie es für den Bau ihres neuen Schiffes brauchen konnten.
 
Will verließ sich in allem, was auch nur im Entferntesten mit Schiffen zu tun hatte, blindlings auf Jacks Urteil. Sie hatten daher einen Stapel mit Brettern, die von guter Qualität waren, einen mittleren, und einen mit den restlichen, stark beschädigten Brettern. Will versuchte, mit relativ geringem Erfolg selbst festzustellen, welches Brett auf welchen Haufen gehörte. Den ganzen Morgen hindurch hatte er bereits ununterbrochen Jacks Anweisungen befolgt, aber dennoch blieb ihm die Logik, die hinter Jacks Entscheidungen stand, bislang verborgen.
 
Er hielt ein relativ kurzes Stück Holz hoch, das man kaum noch als Brett bezeichnen konnte. „Schlecht?“
 
Jack schüttelte den Kopf. „Mittel.“
 
„Wieso?”
 
„Das ist ein Stück von unserer Barkasse. Es hat eine bessere Qualität und ist leicht gebogen.“
 
Will versuchte es abermals. Er hielt ein ziemlich langes Brett hoch, das einen recht ordentlichen Eindruck machte. „Gut?“
 
„Schlecht.“
 
Warum?
 
„Weil es ein verflucht großes Astloch direkt in der Mitte hat.“
 
„Oh.“ Das hatte er wohl irgendwie übersehen. Will warf das Brett auf den Stapel mit der schlechten Qualität. Bei dieser Arbeit würde er wohl niemals durchsteigen.
 
Der Tag hatte relativ mild begonnen, warm und mit einer sanften Brise, die von Süden kam. Gegen Mittag stand die Sonne direkt über ihnen und nach mehr als drei Stunden Sortierarbeit – immer wieder hoben sie Bretter hoch, von denen einige recht schwer waren und warfen sie auf irgendeinen Stapel – entledigten sie sich beide ihrer Hemden. Sie arbeiteten barfuss, was für sie auf der Insel inzwischen zur Gewohnheit geworden war, und nutzten ihre Schuhe eigentlich nur noch, wenn sie über ihren Holzpfad zur Lagune liefen. Jack hatte seine Bandana auf dem Kopf und Will hatte seine langen Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden, obwohl sich immer wieder Strähnen daraus lösten, die ihm ins Gesicht fielen. Ihm war heiß, er war müde, und außerdem vollkommen verschwitzt. Als er gerade nach einem weiteren Brett greifen wollte, bohrte sich ein großer Splitter in seinen Daumen. Da beschloss er kurzerhand, dass es wohl endgültig an der Zeit war, eine Pause zu machen.
 
Sie hatten am Morgen einen großen Eimer mit frischem Wasser aus der Lagune geholt. Er trank davon und spritzte sich ein wenig von dem kühlen Nass ins Gesicht. Dann setzte er sich mit gekreuzten Beinen in den Sand und versuchte, den Splitter aus seiner Hand zu ziehen.
 
Jack kam herüber, um ebenfalls etwas zu trinken. „Was hast du da?“
 
„Einen Splitter.“ Will hielt seine Hand hoch. „Ich hab das meiste davon schon rausgezogen, aber dann ist er abgebrochen. Und jetzt kriege ich das letzte Stück nicht mehr raus.“
 
„Komm her und lass mich mal gucken.“ Jack betrachtete aufmerksam Wills Daumen, dann packte er den winzigen Holzsplitter mit Hilfe seiner Fingernägel und zog ihn heraus.
 
„Danke.“ Will rieb seinen schmerzenden Daumen.
 
„Komm schon, wir haben noch zu tun, Kumpel.” Jack wanderte wieder hinüber zu den Holzbergen und fuhr damit fort, Bretter durch die Gegend zu werfen.
 
Will seufzte, aber schon bald beteiligte auch er sich wieder an der Arbeit. Die drei neuen Stapel wuchsen immer weiter an, während ihr ursprünglicher Haufen im Verhältnis dazu immer weiter an Größe abnahm. Vielleicht würden sie es schaffen, die Arbeit bis zum Abend zu beenden. Für den nächsten Tag hatten sie geplant, entwurzelte Bäume zusammen zu tragen und zu entscheiden, welche davon sie möglicherweise für den Bau ihres neuen Bootes gebrauchen könnten.
 
Will wurde immer langsamer, da ihn der Anblick von Jacks nacktem Oberkörper unweigerlich von der Arbeit ablenkte. Er beobachtete andächtig wie Jack sich nach unten beugte, um ein Stück Holz aufzuheben und wie er sich anschließend wieder aufrichtete, wobei sich das Spiel seiner geschmeidigen Muskeln bei jeder Bewegung deutlich unter der glatten Haut abzeichnete. Beim besten Willen konnte er seine Augen nicht von diesem Schauspiel losreißen. Jack, wie er das Brett genauestens betrachtete, sich dann umdrehte, um es auf einen der Haufen zu werfen. Nun konnte Will seinen gebräunten Rücken sehen, der schweißnass in der Sonne glänzte. Erneut drehte Jack sich um, um ein weiteres Brett von ihrem ursprünglichen Haufen zu nehmen, wobei Will von unstillbarem Verlangen überwältigt wurde, seine Hände über diesen Brustkorb gleiten zu lassen, seine Arme um diese schmalen Hüften zu schlingen, das feste Fleisch unter seinen Fingern zu fühlen und seine Lippen über diese verschwitzte Haut gleiten zu lassen…
 
„Hey.“
 
Will wurde unsanft aus seinen Träumen gerissen. Erschrocken bemerkte er, dass Jack ihn geradewegs anstarrte, sichtlich verwirrt, mit gerunzelter Stirn und fragendem, misstrauischem Blick. Will musste schlucken. „Was?“
 
„Ist irgendwas?”
 
„Nein”, sagte er hastig, fast ein wenig zu schnell. „Nein, es ist absolut gar nichts.“
 
„Du bist aber nicht krank, oder?“
 
„Nein, wirklich. Mir geht’s gut. Ich habe einfach nur gerade über was nachgedacht und irgendwie sind meine Gedanken wohl ein wenig mit mir durchgegangen. Das ist alles. Es ist alles in Ordnung. Alles prima.” Halt endlich die Klappe, du Tölpel! Hastig griff Will nach einem Brett. „Der mittlere Stapel?”
 
„Ja.“
 
„Oh. Gut.“ Will warf das Brett auf den Haufen. Endlich hatte er mal richtig getroffen, und das nur aus reinem Zufall.
 
„Also, was war es?“ Auch Jack nahm die Arbeit wieder auf.
 
„Bitte?“
 
„Was war es, worüber du nachgedacht hast.“
 
„Oh. Das meinst du.“ Jetzt sollte ihm besser schleunigst was Passendes einfallen. Irgendwas Vernünftiges; etwas, das Jack glauben würde. „Äh, naja. Ich habe über meinen Vater nachgedacht.” Das sollte funktionieren. Es war wenigstens ein Thema, das Jack von weiteren Fragen ablenken würde.
 
Jack hielt inne und warf ihm einen besorgten Blick zu. „Bist du sicher, dass du das tun willst?“
 
Nun, jetzt, da er die Sache schonmal angesprochen hatte, machte sich Will tatsächlich ein paar Gedanken darüber. Er vermutete, dass er wohl wirklich über seinen Vater nachdenken sollte, ob er es nun wollte oder nicht. Es war ja nicht zwangsläufig so, dass er nur über die schlimmen Dinge nachgrübeln musste. Er hatte sicherlich nicht vor, sich über den Vorfall auf der Intrepid weiterhin den Kopf  zu zerbrechen. „Es ist schon in Ordnung“, versuchte er zu improvisieren. „Ich habe nur über die Black Pearl nachgedacht und wie Barbossa euch beide damals hintergangen hat.“
 
„Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.”
 
„Oh. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Ich hatte ganz vergessen, dass du es vergessen hast.“
 
Jack musste bei dieser Aussage lachen und Will stimmte mit ein. Die Spannung zwischen ihnen verflog. „Na komm schon“, sagte Jack schließlich. „Erzähl mir mehr darüber, während wir arbeiten.“
 
Also warf Will noch weitere Bretter durch die Gegend, während er Jack all die Dinge erzählte, die er über das unglückselige Abenteuer der Pearl und über ihre Suche nach dem Azteken-Goldwusste.
 
„Ich war also vorher schon einmal alleine auf einer einsamen Insel gestrandet?“, unterbrach ihn Jack, als Will zu dem Teil mit Barbossas Meuterei kam.
 
„Schon zweimal, aber jedes Mal war es nicht besonders lange.“ Er erzählte Jack von dem Rumversteck der Schmuggler und wie er es damals geschafft hatte, von der Insel zu verschwinden. Dann kamen sie zu Bills Tod, worüber er selbst nur sehr wenig wusste. Lediglich, dass Barbossa ihn an eine Kanone gebunden und ihn über Bord geworfen hatte. „Ich vermute mal, dass das Wasser tief genug war, und der Druck dadurch so heftig, dass er selbst mit Hilfe des Fluchs nicht überleben konnte. Zumindest hoffe ich inständig, dass es so war.“
 
„Sie haben sich also wirklich in Skelette verwandelt?“, fragte Jack. „Das ist schwer zu glauben.“
 
„Ich weiß. Aber ich hab sie mit meinen eigenen Augen gesehen.“ Dann berichtete er Jack, wie das Abenteuer damals weiter verlaufen war. Er erzählte von Elizabeths Rettung, wie sie den Fluch brechen konnten und von Barbossas Tod. „Du siehst also“, sagte er, als er die Geschichte beendet hatte, „dass du kurzzeitig sogar selbst mal ein Skelett warst. Damals, als du das Goldstück aus der Kiste gemopst hast.“
 
„Das ist wirklich interessant.“
 
„Eines Tages wirst du dich sicher wieder an alles erinnern.“ Will nahm ein weiteres Brett in die Hand und betrachtete es kritisch. „Gut?“
 
„Yepp. Das ist gut. Ich glaube, du hast den Dreh langsam raus.”
 
Sie arbeiteten noch eine Weile schweigend nebeneinander, bis Jack plötzlich fragte: „Du sagtest, Barbossa und seine Männer haben mich vor etwa zehn Jahren betrogen, aber der Fluch wurde erst vor kurzem gebrochen. In diesen zehn Jahren… wo bin ich denn da gewesen?“
 
„Hauptsächlich in Asien… du hast dort dein Unwesen getrieben.“
 
„Ah. Mehr Piraterie also?“
 
„Unter anderem. Außerdem noch Schmuggel und weiß Gott was noch.“ Will fragte sich insgeheim, ob er auf diese Weise vielleicht noch mehr von Jacks Erinnerungen freilegen könnte. Könnte er ihn möglicherweise sogar dazu bringen, sich an die Nighthawk und Captain Nate Flynn zu erinnern? Will war unglaublich neugierig was Flynn betraf, und er würde nur zu gerne wissen, wie eng Jacks Freundschaft zu Flynn tatsächlich gewesen war. Jack hatte ganz offensichtlich früher schon Dinge über seine Vergangenheit vor ihm verschwiegen, damals, als es um die Intrepid und Bill Turner ging. Gab es da vielleicht noch mehr Geheimnisse?
 
Will dachte zurück an ihre ersten Tage auf der Insel und an den Streit, den sie damals hatten. An das, was nach ihrem ersten Schwimmausflug in der Lagune passierte und wie er auf Jack wütend wurde, als dieser nicht mit ihm über seine Gefühle sprechen wollte. Durch seine Rückschlüsse von damals vermutete er, dass Jack vor langer Zeit wohl einmal einen geliebten Menschen verloren hatte. Möglicherweise Flynn. Wäre es denn fair von ihm, in diesen Erinnerungen zu stochern? Erinnerungen, von denen er im Grunde ganz genau wusste, dass Jack sie nicht mit ihm teilen wollte?
 
Will runzelte nachdenklich die Stirn. Wie sollte er denn wissen, ob Jack ihm nicht vielleicht doch eines Tages alles über Flynn erzählt hätte, wäre nicht vorher diese Sache mit seinem Gedächtnisverlust passiert? Sie waren sich im Lauf der vergangenen Monate sehr viel näher gekommen, vielleicht sogar nahe genug, dass es nun endlich keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen geben musste. Woher sollte er also wissen, ob Jack irgendetwas mit ihm teilen wollte oder nicht, solange er den alten Jack nicht wieder zurück hatte?
 
Will hob eines der wenigen Bretter auf, die vom ursprünglichen Stapel noch übrig waren. Er musste es versuchen. Er wollte Jack wieder vollständig in seinem Leben haben. Nicht so wie jetzt – zur Hälfte Freund, zur anderen Hälfte ein völliger Fremder. Und er konnte dies nur auf einen Weg erreichen: er musste Jacks Erinnerungen wieder vollständig an die Oberfläche zu bringen, ganz egal, wie tief in seinem Unterbewusstsein sie auch verborgen sein mochten.
 
Er beschloss, es mit einer abrupten Frage zu probieren, etwas, das für Jack völlig überraschend und aus dem Zusammenhang gerissen kam. Er hoffte, dass – wenn Jack nicht wusste, was auf ihn zukam – er ohne nachzudenken einfach antworten würde. Dann würde er diese Erinnerung möglicherweise wieder freilegen können.
 
Jack hob gerade das letzte Stück Holz vom Boden auf. Will nahm einen tiefen Atemzug und versuchte, sein nervöses Zittern in den Griff zu bekommen. Er warf sein eigenes Brett wahllos auf irgendeinen Stapel und sagte so beiläufig wie möglich: „Wie wurde die Nighthawk denn eigentlich gefangen?“
 
„Es war meinetwegen…“ Jack erstarrte. Das Holz entglitt seinen Händen und seine Augen wurden riesengroß. „Meinetwegen… nein… ich will mich nicht daran erinnern.“ Er stolperte einen Schritt nach hinten, weg von Will. „Warum tust du das?“
 
Schnell lief Will auf ihn zu und griff nach Jacks Unterarm. „Ich versuche dir doch nur zu helfen. Was ich getan habe, hat offenbar funktioniert… du hast dich wieder daran erinnert. Jetzt mach weiter. Du musst mir sagen, was passiert ist.“ Er ließ Jacks Arm los und trat einen Schritt zurück. „Umso schneller du dich wieder erinnerst, desto schneller wirst du auch wieder gesund werden.“
 
Jack schüttelte den Kopf und in seinem Blick lag offensichtlicher Schmerz. „Ich… wir…“ Seine Stimme versagte. „Ich kann nicht.“
 
Will beschloss, ihm einen weiteren Schubs zu geben. „Die Nighthawk war ein Indien-Schnellsegler. Ein Handelsschiff, obwohl sie wohl ziemlich heftig bewaffnet gewesen sein muss, wenn sie in diesen Gewässern segelte.“
 
„Achtundvierzig Kanonen.“ Plötzlich veränderte sich Jacks Blick. Er sah jetzt nicht mehr Will an, sondern blickte ziellos auf einen Punkt, der irgendwo am Horizont lag. „Und sie war sehr schnell.“
 
„Aber trotzdem wurde die Nighthawk gefangen“, bohrte Will nach. „Du selbst hast mir das erzählt.“
 
„Hab ich das?“ Jack blickte noch immer in die Ferne, verloren in einer völlig anderen Welt.
 
Will wollte ihm sicherlich nicht wehtun, indem er irgendwelche schmerzhaften Erinnerungen an die Oberfläche brachte. Er wollte nicht, aber dennoch musste er es tun, aus Angst, dass Jacks Gedächtnis sonst möglicherweise für alle Zeiten verloren wäre. „Sag mir, was damals passiert ist.“
 
„Ich erinnere mich. Es ist jetzt alles wieder völlig klar, jeder einzelne Moment. Wir… wir wurden von einem Kriegsschiff gejagt… sie haben uns in der Abenddämmerung erspäht und wir hätten es sicherlich schaffen können zu entkommen, wenn…“ Jacks Stimme brach erneut und es war klar, dass er gegen irgendetwas in seinem Innern ankämpfte. Dann schloss er die Augen und holte einige Male tief Luft. Als er seine Augen wieder öffnete, hielt er sie fest auf den Horizont gerichtet. Er sprach schnell und ohne Pause. „Wir hatten ausreichend Abstand zwischen uns und dem Kriegsschiff. Wir hätten nur noch ein klein wenig mehr Zeit gebraucht, bis es vollkommen dunkel wurde, dann hätten wir sie in der Finsternis leicht abhängen können. Aber einmal, ein einziges Mal, nur für den Bruchteil einer Sekunde, kam sie nahe genug an uns heran. Sie feuerte einen einzigen Schuss, und der war noch nicht einmal besonders gut gezielt. Aber sie hatten Glück. Der Schuss traf mitten in unser Schratsegel und trennte es säuberlich in zwei Teile. Ich stand im Heck, ganz in der Nähe, und als der Mast fiel, machte das Schiff einen Schlenker und schleuderte das Segel und den Mast direkt auf mich zu. Ich versuchte, beiseite zu springen und verlor dabei wohl den Halt … und… und… ich ging über Bord.“
 
Er zögerte und holte erneut tief Luft. „Auch das Rahsegel flog weg und ich schaffte es irgendwie, mich daran festzuhalten. Dann hat Nate das Schiff gewendet. Das hätte er nicht tun sollen. Er hätte ohne zu zögern weiter in die Nacht fliehen sollen und sie wären alle in Sicherheit gewesen. Aber er… er hat umgedreht. Dadurch hat er zuviel Zeit verloren, weil er versuchte, mich zu retten. Als sie es endlich schafften, mich aus dem Wasser zu ziehen, sodass ich wieder an Bord in Sicherheit war… als Nate es endlich schaffte, wieder Wind in die Segel zu bekommen, da war bereits alles zu spät. Das Kriegsschiff hatte uns eingeholt und wir waren in Reichweite ihrer Kanonen. Sie hatte doppelt so viele wie wir.“ Jack brach ab. Er zitterte am ganzen Körper und atmete schwer. Plötzlich runzelte er die Stirn und musterte Will mit einem merkwürdigen, scharfen Blick.
 
Will streckte seine Hand aus, um ihn zu berühren, doch Jack wich zurück und Will ließ seine Hand nach unten sinken. „Jack, es tut mir Leid.“
 
„Ach, wirklich?“ Jacks Blick schien sich erneut in diesem fernen Land zu verlieren, in dem seine Erinnerungen lagen. „Er ist meinetwegen gestorben. Sie brauchten die Männer für harte Arbeit, daher haben sie die Mannschaft nur ins Gefängnis geworfen. Aber am Captain mussten sie ein Exempel statuieren. Sie haben Nate aufgehängt. Sie haben ihn gefangen und sie haben ihn aufgehängt, alles nur meinetwegen. Er ist gestorben, weil er mich verflucht nochmal zu gerne hatte… ist es das, was du unbedingt hören musstest?“
 
„Nein.“ Was hab ich nur getan? „Aber es ist das, woran du dich wieder erinnern musstest.”
 
„Aber warum? Es hilft mir kein Stück weiter. Kumpel. Nicht ein verdammtes Stück weiter.“ Jack stieß Will zur Seite und lief fort.
 
Will begann ihm nachzulaufen, blieb dann jedoch stehen. Nein, lass ihn besser gehen. Er blickte Jack nach, der mit entschlossenen Schritten den Strand entlang lief, hinauf auf die Grasebene kletterte und schnell dahinter verschwand, Gott weiß wohin.
 
Verflucht. Will wünschte sich nichts sehnlicher, als das, was er gesagt hatte, ungeschehen zu machen. Er wünschte sich, er hätte niemals darauf bestanden, die Mauern, die um Jacks Erinnerungen lagen, zu durchbrechen. Er hatte ja vermutet, dass die Erinnerung an Flynn möglicherweise schmerzhaft sein könnten, aber niemals hätte er nachgebohrt, wenn er gewusste hätte, wie schmerzhaft sie wirklich waren. Er ist meinetwegen gestorben. Jack konnte sich selbst doch nicht die Schuld an etwas geben, was ein Unfall war. Es war Schicksal gewesen. Aber dennoch – ganz offensichtlich tat Jack genau das. Denn höchstwahrscheinlich hätte Nate Flynn sein Schiff für niemanden sonst gewendet. Nur für Jack.
 
Weil er ihn zu gerne mochte. Weil er Jack Sparrow geliebt hatte.
 
Genau wie ich. Will trat heftig gegen den Holzhaufen, der ihm am nächsten war, wodurch einige Holzbretter durch die Luft flogen. Ich bin so ein dämlicher, egoistischer Schweinehund. Er hatte sich ja ganz wunderbar selbst davon überzeugt, dass er Jack einfach nur „helfen“ wollte. Aber in Wahrheit hatte er im Grunde nur eine Antwort finden wollen… eine Antwort auf diese eine Frage, die ihm schon so lange auf der Seele brannte: Konnte Jack Sparrow überhaupt irgendjemanden lieben? Selbstverständlich konnte er das, soviel war nun klar. Will war sich sicher, dass Jack Nate Flynn geliebt hatte. Seine Neugierde war inzwischen gestillt und an ihrer Stelle machten sich nun Schuldgefühle breit, darüber, dass er sein eigenes Verlangen auf Jacks Kosten befriedigt hatte.
 
Seine Schuldgefühle wurden noch größer, als der Tag vorüber ging und Jack dennoch nicht zurückkam. Als die Abenddämmerung hereinbrach, und noch immer keine Spur von ihm zu sehen war, begannen sich Wills Schuldgefühle in Sorge zu verwandeln. Er machte sich auf, Jack zu suchen, aber da ihm nur noch weniger als eine Stunde Tageslicht blieb, kam er nicht weit. Er ging zu der Grasebene, auf der er Jack zum letzten Mal gesehen hatte. Er lief umher und rief immer wieder Jacks Namen. Dann ging er den Pfad zur Lagune entlang, doch auch dort hatte er kein Glück. Die Sonne ging unter und Will hatte keine andere Wahl, als zu ihrer Hütte zurück zu gehen.
 
Er aß nur wenig, da er kaum Appetit hatte. In der Nacht schlief er unruhig und wachte immer wieder auf, während er auf irgendwelche Geräusche lauschte, die womöglich Jacks Rückkehr ankündigten. Nichts.
 
Wo zur Hölle hatte Jack die Nacht verbracht? Als er davon gestürmt war, hatte er nicht mehr als seine Hose am Leib getragen, und in den Nächten wurde es oft ziemlich kalt. Es ging ihm sicherlich nicht besonders gut. Als der Morgen dämmerte, machte sich Will erneut daran, Jack zu suchen. Er packte sich einige Vorräte in eine Tasche – einige Stücke Fisch, die von seinem Abendessen übrig geblieben waren, eine leere Rumflasche, die mit frischem Wasser gefüllt war und das Hemd, das Jack zurückgelassen hatte. Dieses Mal konnte er ein größeres Gebiet durchsuchen, daher begann er am Strand und arbeitete sich Stück für Stück ins Inland vor, zu jedem einzelnen Platz, den sie regelmäßig besucht hatten. Er hätte nie gedacht, dass Jack irgendwann einmal so verärgert sein würde, dass er einfach komplett verschwand und er hoffte inständig, dass es ihm gut ginge.
 
Ungefähr zur Mittagszeit, nachdem er bereits Stunde um Stunde über die Insel gewandert war, entdeckte Will Jack oben auf einer Klippe, ungefähr zwei Meilen von ihrer Hütte entfernt. Jack saß einfach nur da und starrte aufs Meer hinaus.
 
Langsam und vorsichtig kam Will näher, da er nicht wusste, wie Jack wohl auf ihn reagieren würde. Er stellte sicher, dass Jack wusste, dass er sich näherte… er machte eine Menge Lärm  und hüstelte hin und wieder laut. Doch Jack drehte sich nicht um.
 
Will kam noch näher. Jack saß mit gekreuzten Beinen einige Fuß vom Rand der Klippe entfernt. Inzwischen war es wieder wärmer geworden, aber dennoch kam ein kühler Wind vom Ozean, der über das Kliff zog. Will zog Jacks Hemd aus seinem Rucksack und setzte sich neben ihn. Er hielt ihm das Hemd entgegen. „Ich dachte, du möchtest das hier vielleicht haben.“
 
Jack nahm das Hemd und zog es sich über den Kopf. Will bot ihm den Fisch und das Wasser an. „Ich dachte, du hast vielleicht Hunger.“
 
Jack nahm auch das. Schweigend aß er ein paar Bissen von dem Fisch und nahm auch ein paar Schluck Wasser. Als er fertig war, sagte er einfach nur: „Es ist jetzt alles wieder da.“
 
Will runzelte die Stirn. „Was?“
 
„Alles. Meine Erinnerungen. Alles. Es ist alles wieder da. Letzte Nacht kam alles wieder. Wie eine riesige, verdammte Sturzflut.“ Noch immer sah er Will nicht an.
 
Na wunderbar, was für ein Timing. „Ich bin froh darüber“, brachte Will gerade so hervor, während er innerlich ein Gefühl der Panik bekämpfte. Er hatte Angst, dass Jack ihn möglicherweise für immer hassen könnte, weil er diese schmerzhaften Erinnerungen an die Oberfläche gezerrt hatte, Dass er ihn hassen könnte, weil er Jacks Gedächtnisverlust ausgenutzt hatte, um ihn auszutricksen, sodass er ihm Dinge erzählte, die er eigentlich hatte verschweigen wollen. Wenn Jack wirklich wieder ganz er selbst war, wenn er sich wirklich wieder an alles erinnern konnte, dann würde er auch wissen, warum Will es getan hatte. Wenn es so war, dann musste Jack wissen, dass Will einfach nur die Wahrheit über Nate Flynn hatte herausfinden wollen, ganz egal, welchen Preis Jack im Endeffekt dafür zahlen musste.
 
Er hatte nicht die geringste Ahnung, was er nun sagen oder tun sollte, um dieses Schlamassel wieder in Ordnung zu bringen. Daher blickte Will einfach nur hinaus aufs Meer. „Wie lange hast du vor, hier zu bleiben?“, fragte er.
 
„Keine Ahnung. Ich mag das Meer.“
 
Das klang nicht gut. Es klang fast so, als wäre Jack bereit wieder segeln zu gehen, als ob er mit seinem Leben hier auf der Insel, mit Will als einzige Gesellschaft, abgeschlossen hätte. Allerdings war dies nicht mehr als eine vage Vermutung seinerseits. Er hatte im Grunde nicht die geringste Ahnung von dem, was wirklich in Jacks Innern vor sich ging. Daher saß er einfach nur ruhig da und wartete, während er sich verzweifelt an die Hoffnung klammerte, dass Jack und er irgendwann wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen würden.
 
Die Minuten zogen sich. Will beobachtete die Wellen, die vom Meer zum Strand rollten, er beobachtete die Seeschwalben, die träge ihre Kreise über dem Wasser zogen und nur hin und wieder mal nach unten stürzten, um einen Fisch aus dem Wasser zu ziehen. Eine sanfte Brise zog ins Inland und ließ das lange Gras, das um die Klippe herum wuchs, im Wind schaukeln. Will versuchte, seine Gedanken von allen Sorgen zu befreien, er versuchte, nicht darüber nachzugrübeln, was die Zukunft bringen mochte. Er versuchte, sich stattdessen auf das Meer zu konzentrieren und ließ sich von dem gleich bleibenden, unendlichen Rhythmus der Wellen beruhigen, er ließ sich davon einwickeln bis es in seinem Innern endlich wieder ein wenig ruhiger und friedlicher geworden war.
 
Mitten in diese seltsame, merkwürdige Stille hinein sagte Jack plötzlich klar und deutlich: „Ich habe ihn geliebt.“
 
Will zuckte zusammen. Um Himmels Willen, sag jetzt bloß nichts Dummes. Er blickte nach unten auf seine Hände und bemerkte überrascht, dass er sie nervös ineinander verkrampft hatte. Bewusst konzentrierte er sich darauf, seinen Griff zu entspannen. Er zog seine Knie nach oben, schlang die Arme um seine Beine und ließ sein Kinn darauf ruhen. „Ich weiß.“
 
„Wir waren drei Jahre zusammen.“ Zum ersten Mal drehte Jack seinen Kopf, um Will anzusehen. „Ich habe mir mehr als tausendmal gewünscht, er hätte mich einfach ertrinken lassen.“
 
Will neigte seinen Kopf zu Jack, gerade noch rechtzeitig, um eine einsame Träne zu sehen, die langsam Jacks Wange hinab rollte. Oh Gott. Will schloss einen Moment lang seine Augen und versuchte, die Emotionen zurückzuhalten, die er selbst nicht benennen konnte, aber die ihn zu überwältigen drohten. Es war eine merkwürdige Mischung aus Trauer, Schuld, Liebe und Schmerz. Ich hatte doch keine Ahnung. Es tut mir alles so verdammt Leid. Ich hatte doch keine Ahnung…
 
Dann konnte er eine Hand auf seiner Schulter fühlen. Will öffnete seine Augen und hob den Kopf. „Ich bin ein Narr“, sagte er.
 
Jack rieb ihm sanft über die Schulter, dann strich er eine Haarsträhne zurück, die Will störrisch ins Gesicht gefallen war. „Das ist allerdings wahr.“
 
„Ich wollte das nicht…“ Will brach ab, da er selbst den Eindruck hatte, dass seine Entschuldigungen einfach nur fürchterlich schal klangen. „Ich wusste nicht, was ich tat.“
 
„Und ob du es wusstest, zum Teufel nochmal. Du wusstest es.“
 
Will konnte keinen Ärger in Jacks Stimme hören. Nur Trauer, möglicherweise gefärbt mit einer Spur von Enttäuschung. „Voreilig, viel zu voreilig“, sagte er leise, mehr zu sich selbst. Ich bin einfach zu jung… ich trage mein Herz auf der Zunge. Seine Gefühle für Jack waren einfach viel zu groß, zu überwältigend. Aber dennoch gab es für ihn keine andere Möglichkeit, sein Leben zu leben. Er hatte daran glauben wollen, dass Jack irgendwann genauso starke Gefühle für ihn haben würde, wie er selbst sie für Jack hatte. Er hatte glauben wollen, dass Jacks Abneigung gegenüber so genannten ‚Anflügen von Romantik’ nicht mehr war als eine Fassade, ein Weg, um sich vor seinen eigenen Gefühlen zu verstecken.
 
Aber nie hätte er sich träumen lassen, welch durchschlagenden Erfolg sein Plan haben würde. Sehr zu seinem eigenen Bedauern. Jack hatte in der Tat in der Vergangenheit einmal von ganzem Herzen geliebt. Und so sehr wie er geliebt hatte, so tief hatte er diese Liebe einst auch begraben. Es war ein Schatz, der besser niemals gehoben worden wäre.
 
Will seufzte, dann legte er seine Hand auf Jacks. „Bitte gib mich nicht ganz auf. Das könnte ich nicht ertragen.“
 
Aber Jacks Antwort auf diese Bitte sollte er wohl niemals erfahren, denn plötzlich vergruben sich Jacks Finger tief in seine Schulter, als er sich dort aufstützte und auf die Beine sprang.
 
„Da sind Segel!“
 
„Was?”
 
Jack zog Will ziemlich unsanft nach oben und deutete mit dem Finger nach Südosten. „Da sind Segel!“
 
Will blickte in die Richtung, in die Jack deutete. Tatsächlich war dort etwas Blasses zu erkennen, etwas Rechteckiges, in weiter Ferne, irgendwo auf der Wasseroberfläche. Ein Großsegel? Ein Schiff? Waren sie etwa tatsächlich gerettet?
 
„Komm schon!” Jack zog an seinem Ärmel. „Wir müssen ein Signalfeuer anzünden.“ Er rannte davon.
 
Gerettet… Will konnte es kaum fassen. So lange Zeit hatte er sich genau das gewünscht…, dass sie endlich wieder gemeinsam in die Zivilisation zurückkehren konnten, aber warum musste sein Wunsch gerade jetzt in Erfüllung gehen? Gerade jetzt, wo das Verhältnis zwischen ihm und Jack so angespannt war? Gerade jetzt, wo er nicht einmal mehr sicher sein konnte, ob Jack überhaupt noch mit ihm zusammen bleiben wollte? Es ist einfach nicht fair.
 
Will nahm sich einen Moment Zeit, um das Schicksal ausgiebig zu verfluchen, bevor er Jack folgte und ebenfalls zum Strand hinab eilte.
 
~*~**~*~
 
Es stellte sich heraus, dass das Schiff, das kurz darauf vor der Insel vor Anker ging, kein anderes war als die Black Pearl. Gibbs schickte ein Ruderboot aus, das sie beide an Board bringen sollte. Nach einer kurzen Begrüßung, die Jack absichtlich knapp hielt, folgten er und Will Gibbs zum Steuer.
 
Gibbs zeigte mit einem Kopfnicken auf die Seeleute auf dem unteren Deck, die gerade dabei waren, die Segel zu setzen. „Einige dieser Hunde waren schon drauf und dran, die Suche aufzugeben. Aber ich hab ihnen immer und immer wieder gepredigt, nein, Captain Jack hat schon weitaus tiefer in der Tinte gesessen. Wir werden sie schon finden.“
 
Will verspürte eine große Dankbarkeit angesichts dieser Hartnäckigkeit. „Sicher habt ihr vom Schiffbruch der Spanier gehört?“
 
„Aye, wir haben davon gehört. Hat für uns allerdings keinen Unterschied gemacht.“
 
„Ich danke dir“, sagte Jack einfach nur.
 
„Es war allerdings ein ziemlich großes Gebiet, das wir durchsuchen mussten und wegen dem Sturm gab es auch keine wirklichen Anhaltspunkte“, fuhr Gibbs fort. „Zuerst haben wir nur hier und da ein bisschen gesucht, aber dann haben wir angefangen nachzudenken. Anamaria hat sich die Karte vorgeknöpft und von da an haben wir jeden Tag ein anderes Gebiet abgegrast. Es kann sein, dass es auf diese Weise viel länger gedauert hat, aber nur so konnten wir sichergehen, dass wir auch wirklich nichts auslassen. Wir hatten schon vermutet, dass, falls ihr zwei irgendwo hier gestrandet seid, ihr auf keiner der Inseln seid, die auf der Karte verzeichnet sind. Daher sind wir immer weiter gesegelt.“
 
Die Mannschaft zog das Ruderboot nach oben und verstaute es an seinem vorgesehenen Platz. Jack drehte sich um und gab ihnen Kommando, die Segel zu setzen. Dann winkte er Gibbs zu, ihm nach unten in die Kapitänskajüte zu folgen. „Bring mir die Karte.“
 
Will folgte den beiden ein wenig zögerlich und blieb im Türrahmen der Kajüte stehen. Er war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er hier wirklich noch willkommen war. Seitdem sie das Schiff gesichtet hatten, war Jack furchtbar schweigsam geworden. Er schien irgendwie abwesend, als ob er sich an einem weit entfernten Ort befände, an dem Will ihn nicht mehr erreichen konnte.  Will beobachtete, wie Gibbs die Karte auf dem Tisch ausbreitete.
 
Jack studierte sie angestrengt. „Zeig mir, wo wir sind.“
 
Gibbs deutete mit dem Finger auf die Stelle, an der ihre Insel lag. Jack markierte die Stelle mit einem Kreuz, dann rollte er die Karte sorgsam zusammen und legte sie beiseite. „Nun gut“, sagte er zu Gibbs. „Du kannst dem Steuermann sagen, dass wir nach Tortuga segeln.“
 
„Tut mir Leid, Sir.” Gibbs Miene drückte plötzlich großes Unbehagen aus. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“
 
Jack hob fragend eine Augenbraue. „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“
 
Gibbs räusperte sich auffällig. „Es tut mir Leid, aber ich fürchte. wir sind dort nicht mehr länger willkommen. Keiner von uns. Die Dinge haben sich ziemlich verändert, seitdem ihr beide verschwunden seid.“
 
Jacks Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Sag mir, was los ist.“
 
„Nun ja, es ist folgendermaßen…“ Gibbs blickte erst zu Will, der noch immer im Türrahmen stand und dann wieder zurück zu Jack. „Es ist so, Captain. Dieser kleine Krieg gegen die Spanier ist schon ziemlich bald, nachdem wir euch verloren hatten, zu Ende gegangen. Und gerade, als endlich wieder Frieden herrschte, hat Norrington plötzlich ein brandneues Schiff aus England bekommen, um die Interceptor zu ersetzen… mit jeder Menge brandneuen Männern an Bord. Sie haben ihm ein Kriegsschiff mit achtzig Kanonen und einer Mannschaft von mehr als vierhundert Mann geschickt. Nun stand Norrington also da und hatte nichts, was er mit seinem wundervollen, neuen Schiff anfangen sollte. Daher hatte er wohl plötzlich die Idee, Tortuga räumen zu lassen… den letzten Piratenhafen in der Karibik. Er selbst hat das Kommando über das neue Schiff übernommen, während er Gillette das Kommando über die Dauntless übertragen hat. Gemeinsam mit einigen kleineren Schiffen sind sie dann losgesegelt. Sie haben nicht lange gebraucht, um in Tortuga aufzuräumen und all die kleinen Gauner von dort wegzuschaffen. Wir haben gehört, dass sie dort jetzt wohl Siedler hinbringen wollen...“
 
„Das ist ja wirklich interessant.“ Jack neigte den Kopf. „Aber trotzdem verstehe ich noch immer nicht ganz, wo das Problem liegt… wieso sollten wir dort nicht mehr länger willkommen sein? Wir sind doch begnadigt worden. Wir werden doch nicht mehr gesucht.“
 
Gibbs trat einen Schritt vom Tisch weg und rückte näher an die Tür, als wollte er sich selbst einen Fluchtweg offen halten. „Weißt du, Jack, und genau da liegt ja unser anderes Problem.“ Er griff in die Innentasche seiner Jacke und zog ein dickes Pergamentpapier hervor. „Ihr werdet nämlich sehr wohl gesucht, tut mir Leid. Wir alle sind auf der Flucht.“ Er legte das Blatt Papier auf den Tisch.
 
Nun wurde Wills Neugierde doch größer als seine Zurückhaltung. Er trat in die Kabine und ging hinüber zum Tisch, um zu sehen, was auf dem Papier geschrieben stand. Es war ein ziemlich grobschlächtiges Porträt von Jacks Gesicht, das direkt zu ihm aufsah. Gesucht. Wegen abscheulicher Verbrechen der Piraterie, der Folter und des Mordes. „Wie kann das sein?“ Will war nun restlos verwirrt. „Ist das ein neuer Steckbrief? Das ist unmöglich.“
 
„Ich fürchte, es ist wahr”, antwortete Gibbs. „Kurz nachdem der Krieg gegen die Spanier zu Ende war, hat sich überall herumgesprochen, dass Jack Sparrow und die Black Pearl wieder zu ihrem früheren Leben als Piraten und Halunken zurückgekehrt sind.“
 
„Aber so wie es aussieht, handelt es sich nicht bloß um Piraterie.“ Will deutete auf das Bild. „Es geht hier um gemeinen Mord! Was ist passiert? Wir waren auf einer einsamen Insel gestrandet, das heißt wir können diese Verbrechen überhaupt nicht begangen haben. Norrington kann das doch unmöglich glauben.“
 
Gibbs antwortete ihm nur mit einem humorlosen, trockenen Lachen. „Norrington ist jemand, der von allen Leuten generell immer das Schlimmste annimmt, mein Junge. Ich selbst habe versucht, ihm die Nachricht zukommen zu lassen, dass ihr beide vermisst werdet. Er hat es nicht geglaubt. Er sagte, es sei nicht mehr als ein Täuschungsmanöver, um eure Verbrechen zu vertuschen. Wir sind inzwischen nirgendwo mehr sicher.“
 
„Aber ihr könnt doch nicht die ganze Zeit über einfach nur ziellos über das Meer gesegelt sein“, sagte Will. „Wo habt ihr denn zwischendurch angelegt?“
 
„Auf der Isla de Muerta, natürlich“, antwortete Jack anstelle von Gibbs.
 
„Aye“, bestätigte Gibbs Jacks Vermutung. „Aber auch dort werden sie uns früher oder später finden und schon jetzt haben wir kaum noch Vorräte an Bord.“
 
„Nun gut.“ Jack nahm das Bild, riss es kurzerhand in zwei Hälften, die er Gibbs entgegen schleuderte. „Geh nach oben an Deck. Wir segeln zur Insel der Toten.“
 
„Aye, Sir.”
 
Will sah zu, wie Gibbs die Kabine verließ. Er war sich nicht sicher, ob er bleiben sollte, aber er wusste auch nicht, wo er sonst hätte hingehen sollen. Es schien ihm wie eine bizarre Laune des Schicksals – eben waren sie noch gerettet worden, nur um sich plötzlich erneut in höchster Gefahr zu befinden. Wie konnte das alles nur passiert sein? Irgendjemand musste ihre Namen benutzt haben… irgendjemand musste Verbrechen begangen haben und es musste diesem Jemand gelungen sein, alle Behörden davon zu überzeugen, dass Jack dabei seine Hände im Spiel hatte. „Wir könnten zu Swann gehen und ihm alles erklären. Ich weiß, dass er uns glauben wird, selbst wenn Norrington es nicht tut.“
 
„Nein.“
 
„Aber…“
 
„Wir segeln zur Isla de Muerta.“ Jack nahm die Karte, die er kurz zuvor mit einem Kreuz versehen hatte, und ging hinüber zur Schrankwand, die in die Kajüte eingepasst war. Er öffnete eine der Türen und verstaute sie dort. Als er gerade dabei war, die Tür wieder zu schließen, zögerte er. Er ergriff eine kleine, silberne Kiste und holte sie nachdenklich hervor.
 
Was jetzt? Will hasste es, wenn Jack in solch einer merkwürdigen Stimmung war. Er war viel zu still und viel zu gefasst. Fast so, als hätte er seine Emotionen völlig weggeschlossen… oder noch schlimmer, als hätte er sich entschieden, Will völlig aus seinem Leben auszusperren.
 
Jack strich mit den Fingern über den Deckel der Kiste, dann hielt er sie ans Ohr und schüttelte sie leicht.
 
Will erinnerte sich an etwas, das er in Port Royal gehört hatte, während sich Jack von seinem Fieber erholte. Swann hatte ihm von einer verschlossenen Kiste erzählt, die sich an Bord der Pearl befand und von  seinen Vermutungen, dass es sich dabei möglicherweise um etwas handelte, das mit Jacks Vergangenheit zu tun hatte. Will konnte sich nicht daran erinnern, jemals mehr darüber gehört zu haben und er wusste auch nicht, ob Swann sie jemals gefunden und geöffnet hatte. War das hier etwa dieselbe Kiste? Er trat ein Stück näher. Sie schien definitiv verschlossen.
 
War es etwa ein Erinnerungsstück an alte Tage? Will wünschte sich so sehr, er könnte all das, was zwischen ihm und Jack geschehen war, wieder gutmachen. Er wollte Jack klarmachen, wie sehr er es bedauerte, dass Nate Flynn auf eine solch furchtbare Art und Weise gestorben war. Er wollte Jack zeigen, dass es ihm Leid tat, dass er ihn gezwungen hatte, seine Gefühle für Flynn in Worte zu fassen. Vielleicht konnte er ja einen Weg finden, sein Mitgefühl auszudrücken. Vielleicht war dies ja der richtige Moment. Er räusperte sich. „Willst du mir vielleicht sagen, was da drin ist?“, fragte er sanft und versuchte möglichst mitfühlend zu klingen. „Ist es denn etwas, was Nate einmal gehört hat?“
 
Jack berührte erneut den Deckel der kleinen Kiste, bevor er sie langsam wieder zurück in den Schrank stellte und energisch die Türe verschloss. Mit schnellen Schritten ging er durchs Zimmer, direkt auf Will zu, und baute sich nur wenige Zentimeter vor ihm auf. Seine Miene war finster, kalt und undurchdringlich. „Ich bin der Einzige hier, der ihn Nate nennt. Du nicht.“ Energisch tippte er mit dem Finger auf Wills Brust. „Und um die Sache noch ein wenig deutlicher zu machen, mein Junge… du wirst überhaupt nicht mehr über ihn sprechen. Du wirst seinen Namen in meiner Gegenwart nie wieder erwähnen. Klar soweit?“ Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verließ die Kajüte.
 
Zitternd ließ sich Will auf seinen Stuhl fallen und vergrub sein Gesicht in den Händen. Was habe ich denn jetzt nur wieder getan? Er hatte doch nur ein wenig Mitgefühl zeigen wollen, er wollte, dass Jack ihm verzieh, er wollte einfach nur, dass alles wieder so war wie früher. Wie konnte Jack denn nur immer noch so wütend auf ihn sein? Warum?
 
Es war doch nicht so schlimm, was ich getan habe. Oder?
 
Er hatte beim besten Willen keine Ahnung, wie er all das wieder in Ordnung bringen sollte. Und zu allem Überfluss hatten sie jetzt noch ein weiteres Problem am Hals… sie beide waren gesuchte Verbrecher. Es war alles viel zuviel, als dass er sich auf einmal darum kümmern könnte. Viel zuviel, worüber er sich Sorgen machen musste. Will stand auf und fuhr sich mit den Händen durchs Haar, während er verzweifelt versuchte, sich zu beruhigen. Sicherlich würde er hier in der Kajüte eine Flasche Rum finden können. Er stand auf und ging hinüber zu dem Schrankfach, in dem Jack üblicherweise seinen Alkohol aufbewahrte, und tatsächlich wurde er fündig. Er nahm eine Flasche heraus und trank, ohne sich erst lange mit einem Glas aufzuhalten.
 
Nach mehreren Schlucken des tröstlichen Alkohols ließ das Zittern in seinen Händen langsam nach. Er setzte sich auf die gepolsterte Bank und lehnte sich an die Wand, während er die Flasche noch immer träge in der Hand hielt. Gelegentlich nippte er davon. Er konnte fühlen wie sich das Schiff bewegte, wie der Wind zunahm und sie langsam an Geschwindigkeit gewannen. Schnell ließen sie ihre kleine Inselzuflucht hinter sich.
 
Alles in allem war das Leben dort wirklich gut gewesen. Will starrte aus dem Fenster und sah dabei zu, wie die vertraute Küstenlinie langsam in der Entfernung verschwand. Obwohl er sich so sehr danach gesehnt hatte, die Insel zu verlassen, und obwohl der Sturm ihr kostbares Boot zerstört hatte, so war die meiste Zeit, die sie auf der Insel verbracht hatten, doch sehr schön gewesen. Manchmal war es ihm sogar wie ein kleines Paradies vorgekommen. Nur er und Jack, ganz allein, wie sie die Gegenwart des anderen genossen, wie sie Seite an Seite arbeiteten, wie sie sich gemeinsam ausruhten und wie sie jede Nacht in den Armen des anderen einschliefen.
 
Das alles war nun vorüber.
 
Wenn er doch nur nicht so verdammt neugierig gewesen wäre, was Jacks Vergangenheit betraf.
 
Aber… als die Wirkung des Rums zunahm, verwandelten sich Wills unablässige Selbstvorwürfe langsam in etwas anderes. Warum sollte das alles denn immer nur allein seine Schuld sein? Jack trug genauso viel Schuld an diesem Schlamassel wie er. Will nahm einen weiteren, großen Schluck, da er sich plötzlich viel wagemutiger und viel selbstsicherer fühlte. Jack war schließlich derjenige gewesen, der seine Vergangenheit stets unter Verschluss gehalten hatte. Er war derjenige gewesen, der Will kein Vertrauen schenken konnte, was sein Gefühlsleben anbetraf. Er war derjenige, der sich immer geweigert hatte zuzugeben, dass ihre zahlreichen und vielfältigen Raufereien im Bett möglicherweise eine tiefere Bedeutung hatten. Hatte er dadurch diesen Eklat nicht zwangsläufig heraufbeschworen? War es denn nicht absehbar, dass Will irgendwann einmal die Wahrheit würde erfahren wollen? War es denn seine Schuld, wenn Jack mit dieser Wahrheit nicht umgehen konnte? Wenn er die wahre Natur von Liebe nicht ertragen konnte? Nein. Das war ganz und gar nicht seine Schuld.
 
Er drehte sich vom Fenster weg, und selbst diese kleine Bewegung verursachte bereits ein Schwindelgefühl. Oh, oh. Will mochte Rum, aber er hatte keine Lust, sich einen gewaltigen Kater anzutrinken, nur weil Jack ihre Freundschaft plötzlich auf Eis gelegt hatte. Ich werde mich seinetwegen bestimmt nicht bis zur Bewusstlosigkeit betrinken. Entschlossen steckte er den Korken wieder auf die Flasche.
 
Aber was soll ich denn jetzt nur tun?
 
Nun ja, er könnte ja immer noch einfach gehen. Sobald sich die erste Gelegenheit ergab, könnte er darum bitten, von Bord gehen zu dürfen. Er könnte das Schiff, und somit auch Jack, hinter sich lassen. Vielleicht könnte er ja sogar aus der Karibik verschwinden. Er könnte zurück nach England gehen, sicherlich hatten sie dort Verwendung für einen guten Schwertschmied.
 
Aber andererseits… konnte er Jack denn wirklich verlassen, jetzt wo er in Gefahr war, wo er von Norrington gesucht wurde? Abgesehen davon war es ja nicht nur Jack, der gesucht wurde. Es war die gesamte Mannschaft und nach Norringtons letzten Informationen war auch Will ein Teil dieser Mannschaft. Somit war auch er ein gesuchter Mann. Wegzulaufen und nach England zu gehen, würde ihm also auch nicht weiterhelfen. Zuerst musste er seinen Namen reinwaschen.
 
Will seufzte. Und um das zu tun, mussten sie unweigerlich alle zusammenarbeiten. Er konnte unmöglich einfach so gehen.
 
Um ehrlich zu sein, wollte er auch gar nicht wirklich weggehen. Er liebte Jack noch immer, das würde sich wohl niemals ändern. Aber welche Gefühle Jack ihm entgegenbrachte, das wusste Will beim besten Willen nicht. Es schien, als würde Jack Will absichtlich von sich stoßen und das aus den merkwürdigsten Gründen. Warum sollte die Erinnerung an Nate Flynn Jack plötzlich in solch einen eigenartigen Zustand versetzen? Warum sollte diese Erinnerung ihn mir nichts dir nichts dazu bringen, Wills Freundschaft und Liebe plötzlich den Rücken zu kehren?
 
Dann, in einer kurzen, blitzartigen Erkenntnis, erinnerte sich Will wieder an jene Worte, die Jack gesagt hatte, am Tag bevor seine Erinnerungen zurückkehrten. Er ist meinetwegen gestorben. Flynn war gestorben, weil er Jack zu gerne hatte.
 
Oh verdammt.
 
Will starrte auf die Flasche, die er noch immer in der Hand hielt. Langsam und bedächtig stand er auf, ging hinüber zum Schrank und schloss sie weg. Dann öffnete er die daneben liegende Tür und zog die kleine Kiste hervor. Vorsichtig schüttelte er sie. Von innen konnte man ein leises, metallisches Klirren hören… möglicherweise war es irgendein Schmuckstück? Ein Ring vielleicht? Er hatte sicherlich nicht vor, das Schloss aufzubrechen. Will stellte die Kiste zurück und schloss die Schranktür.
 
Er lief zurück zum Fenster und starrte eine Weile einfach nur hinaus aufs offene Meer. Ihre Insel war inzwischen nur noch ein winziger Punkt am Horizont. Was war das nur für ein komplizierter Mann, in den er sich da verliebt hatte? Es war ein Mann, der sich davor fürchtete, seine Liebe zu erwidern, aus Angst davor ihn zu verlieren, so wie er einst Flynn verloren hatte. Wenn man sich dazu entschloss, sein Leben mit Jack Sparrow zu verbringen, dann lebte man zwangsläufig in einer ziemlich risikoreichen Welt. Es war eine Welt voller Gefahren, und man musste sich darüber im Klaren sein, dass jeder Fehltritt einen direkt an den Galgen bringen konnte. Ich habe dieses Leben gewählt und er kann damit nicht umgehen.
 
Selbst in der kurzen Zeit hatten sie bereits eine ganze Menge Gefahren hinter sich gebracht, vom ersten Tag an, als Will an Bord der Black Pearl gekommen war. Sie hatten die Spanier bekämpft, Schiffe verfolgt, sie waren gefangen genommen worden, hatten Schiffbruch erlitten und waren anschließend auf einer einsamen Insel an Land gespült worden. Sie hatten beide überlebt. Aber all diese gefährlichen Dinge waren passiert, bevor sie einander so nahe gekommen waren. Und nun schien die Erinnerung an Flynns Verlust für Jack erneut frisch und nagte unentwegt an seinem Bewusstsein. Die Erinnerung daran, dass er den, den er liebte, ständig einem großen Risiko aussetzte. Vielleicht war das ja der wahre Grund dafür, dass Jack ihn auf so unzeremonielle Weise von sich stieß. Einfach nur, weil er all das nicht noch einmal durchmachen wollte.
 
Der Krieg war nun vorbei. Was auch immer dieses neue Problem mit Norrington beinhalten mochte – sie würden auch das überstehen. Danach mussten sie ja nicht zwangsläufig losziehen und weitere Abenteuer erleben. Nicht, wenn sie nicht wollten… nicht, wenn es bedeutete, dass sie ihre Freundschaft dafür aufs Spiel setzen mussten. Aber vielleicht machte das die Sache ja gerade so kompliziert, denn so sehr sich Will auch bemühte, er konnte sich Jack einfach nicht ohne seine Pearl vorstellen. Vielleicht spielte Jack ja bereits heimlich mit dem Gedanken, genau das zu tun, was Norrington ihm ohnehin schon längst unterstellt hatte. Vielleicht wollte er sein altes Piratenleben wieder aufnehmen. Wenn es so war, dann säße ihm der Henker künftig ständig im Nacken und dann würde er Will wohl kaum länger in seiner Nähe dulden. Einer solchen Gefahr würde er Will sicher nicht aussetzen wollen. Nicht, wenn er mich wirklich liebt.
 
Will konnte spüren, wie ihn die Müdigkeit überwältigte und auch eine Spur von Hoffnungslosigkeit war dabei. Es gab nichts, das er tun konnte, außer an Jacks Seite zu bleiben, zumindest so lange, wie Jack ihn in seiner Nähe duldete. Und er würde schweigen müssen, was die Gründe betraf, die er hinter Jacks plötzlicher Gefühlskälte vermutete, denn er fürchtete, dass er Jack sonst nur noch weiter von sich wegtrieb. In der letzten Zeit schien es ohnehin so, dass Will nichts sagen konnte, um die Sache irgendwie besser zu machen. Jedes Mal, wenn er versuchte, die Distanz zwischen ihnen zu überbrücken, machte er mit seinen Worten alles nur noch schlimmer.
 
Der Abend rückte näher und Will beschloss, dass er nicht mehr hier sein wollte, wenn Jack in seine Kabine zurückkehrte. Er wollte auch sein Abendessen nicht hier essen, oder irgendwie sonst andeuten, dass er möglicherweise gerne das Bett mit Jack teilen würde. Eine Hängematte im Quartier der Mannschaft würde ihm absolut ausreichen.
 
Mit einem Stich von Traurigkeit im Herzen drehte sich Will um und verließ die Kajüte.


Nächster Teil




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