AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, NC-17, Abenteuer, Drama, Romantik, Hurt/Comfort, Angst
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: Der Prolog schließt direkt an den Film "Fluch der Karibik" an.
INHALT: Ein atemberaubendes Piratenabenteuer mit viel Rum, Spannung, Blut und Tränen, und sonst noch allem was dazu gehört.
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch I
by Alexfandra


Plopp.
 
Will sah zu wie der Stein mit nur einem einzigen, armseligen Hüpfer ins Wasser plumpste. Hatte er das etwa auch verlernt? Er suchte nach einem noch flacheren Kiesel und versuchte es abermals. Hüpf, hüpf, hüpf, und wieder ging der Stein unter. Schon etwas besser, aber noch immer nichts, womit er wirklich zufrieden war.
 
Er saß auf der Isla de Muerta, auf einem großen, flachen Felsen am Ufer des Meeres, das bei Flut bis in die Höhle vordrang. Jack war mit der Hälfte seiner Truppe hinein gerudert, nachdem die Pearl direkt vor dem Eingang vor Anker gegangen war. Gemeinsam mit Anamaria war Jack losgezogen um die Vorräte zu inspizieren, die in den trockeneren Teilen der Höhle gelagert waren. Will hingegen zog es vor, einfach eine Weile alleine zu sein.
 
Den Schatz hatten sie natürlich schon längst beiseite geschafft, schon vor Monaten, als Jack zum ersten Mal wieder das Kommando der Pearl übernommen hatte. Alles, abgesehen von dem Azteken-Schatz natürlich. Die schwere Truhe stand noch immer unberührt auf einem felsigen Hügel in der Mitte der Höhle. Die grotesk geschnitzten Gesichter, die die Seiten der Kiste zierten, warnten jeden Eindringling davor, näher zu treten und sich an den verfluchten Münzen im Innern zu vergreifen. Wahrscheinlich wäre es am besten, die Kiste kurzerhand fest zuzuketten und sie draußen im tiefen Wasser des Meeres zu versenken, sodass niemand dieses verfluchte Ding jemals finden würde.
 
Nachdem er sich die Zeit ungefähr eine viertel Stunde mit Steinewerfen vertrieben hatte, hörte Will, wie sich von hinten jemand näherte. Er drehte sich um, in der Hoffnung es wäre Jack, allerdings wurde er enttäuscht, als er nur Gibbs dort stehen sah. Naja, kein Grund nicht trotzdem nett zu sein. „Kannst du das?“
 
Gibbs suchte sich ebenfalls einen flachen Kiesel aus und ließ ihn fachmännisch sieben Mal übers Wasser hüpfen.
 
„Tut mir Leid, dass ich überhaupt gefragt habe.“ Das Höchste, was er jemals zustande gebracht hatte, war fünf Mal gewesen.
 
„Macht’s dir was aus, wenn ich mich zu dir setze?“ Gibbs setzte sich neben ihn auf den Felsen, noch bevor er Wills Antwort überhaupt gehört hatte. Er zog seinen üblichen Flachmann aus der Tasche und nahm einen Schluck. Dann bot er Will die Flasche an.
 
„Nein, danke.“
 
Gibbs zuckte mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck, bevor er sie schließlich wieder wegsteckte. „Ich hab bemerkt, dass du letzte Nacht bei der Mannschaft geschlafen hast.“
 
Ah. Also würde jetzt wohl dieses unvermeidliche „Was ist nur los mit dir und Jack“-Gespräch kommen. Fein. Will konnte Gibbs gut leiden. Er war ein guter Seemann, ein guter Kämpfer, und er wusste, wie man mit Kanonen umging. Außerdem schien er Jack wirklich aufrichtig zu mögen. Ganz abgesehen davon hatte Will in den letzten paar Monaten keine Gelegenheit gehabt, sich mit irgendjemand anderem als Jack zu unterhalten, daher wäre es zur Abwechslung sicherlich erfrischend, auch mal mit einer anderen Person zu sprechen.
 
„Diese Hängematten sind wirklich bequem“, antwortete er daher.
 
„Mmh… aber nicht so bequem, wie ein echtes Bett.“
 
„Das ist wahr.“ Will blickte hinüber zum anderen Ende der Höhle, wo Jack über eine Kiste gebeugt stand und damit beschäftigt war, ihren Inhalt zu durchwühlen. Anamaria stand direkt daneben und machte eifrig Notizen ins Logbuch.
 
Jack und Anamaria hatten sich schon gekannt, lange bevor Will zum ersten Mal auf Jack getroffen war, genau wie Gibbs. Seine eigene Vergangenheit mit Jack erschien Will plötzlich so furchtbar kurz, verglichen mit all den Jahren, in denen Jack durch die Welt gesegelt war, verglichen mit all den Leuten, die Jack vor ihm getroffen hatte oder den Freundschaften, die er vor ihm geschlossen hatte.
 
Will erinnerte sich den Tag, als er zum ersten Mal an Bord der Interceptor zu dieser Insel gesegelt war. Er dachte daran, wie er Gibbs nach Jacks merkwürdigem Kompass gefragt hatte. Gibbs hatte ihm daraufhin erzählt, er wüsste selbst nicht viel über Jacks Suche nach dem unglückseligen Azteken-Schatz, da sich all das zugetragen hatte, noch bevor er Jack zum ersten Mal traf. Das musste wohl bedeuten, Jack und Gibbs hatten sich irgendwann nach Barbossas Meuterei vor zehn Jahren kennen gelernt. Und Gibbs war ebenfalls an Bord des Schiffes gewesen, das die Swanns nach Port Royal brachte, eben jenes Schiff, das Will damals, als er noch ein Junge war, aus dem Wasser fischte, nachdem Barbossa sein eigenes Schiff versenkt hatte. All das war vor acht Jahren passiert, und da es sehr unwahrscheinlich war, dass Gibbs Jack bereits zu der Zeit kannte, als er noch in der königlichen Marine diente, war es wohl anzunehmen, dass ihr erstes Zusammentreffen noch viel später stattgefunden hatte. Vielleicht zu der Zeit, als Jack in Asien war?
 
Will war plötzlich neugierig, wie Gibbs wohl in Jacks Vergangenheit, so wie er sie inzwischen kannte, hineinpasste. Daher nickte er mit dem Kopf in Jacks Richtung und fragte: „Wann hast du ihn denn eigentlich zum ersten Mal getroffen?“
 
„Ah…, das ist eine lange Geschichte“, erklärte Gibbs. „Weißt du, es war so. Das mit der Marine war nicht wirklich das Richtige für mich. Ich war dem Alkohol mehr zugetan, als es die tägliche Ration Rum, die sie an ihre Leute verteilten, erlaubte. Kurz nachdem wir dich damals als Junge aus dem Wasser gefischt hatten, habe ich den Dienst quittiert. Ich bin dann ein paar Jahre lang einfach nur so durch die Gegend gesegelt… auf diesem Handelschiff oder auf jenem, bis ich schließlich irgendwann in Tortuga landete. Dort habe ich mich dann eher auf das Schmuggler-Handwerk verlegt. Es gefiel mir eigentlich ganz gut, aber ein Mann geht nicht zur See, nur um sich hinterher immer wieder die gleichen Gewässer anzusehen. Nein, man will die Welt sehen. Daher bin ich weiter gezogen. Erst durchs Mittelmeer, dann nach Afrika. Indien… dann noch weiter nach Osten. Es muss vor ungefähr zwei Jahren passiert sein, als ich dort in ein paar kleine Schwierigkeiten geriet. Sie haben mich wegen Diebstahl drangekriegt, und mich zu einem Jahr Zwangsarbeit verdonnert. Und dort habe ich auch Jack Sparrow zum ersten Mal getroffen. In einem Arbeitslager.“
 
Will wurde plötzlich bewusst, dass Jack niemals über seine Zeit im Gefängnis gesprochen hatte. Aber Erinnerungen an Kerkerzellen waren höchstwahrscheinlich auch nichts, woran man sich besonders gerne zurück erinnerte. Wenn Gibbs jedoch kein Problem hatte, darüber zu reden, dann würde Will ihn sicherlich auch nicht aufhalten. „Was war das denn für eine Arbeit, die ihr dort machen musstet?“
 
„Oh, immer das, was gerade anfiel. Wir mussten Kanäle graben, Bäume fällen, im Steinbruch arbeiten, Straßen bauen… es gab auch keinen Alkohol, gerademal genug Essen, um uns am Leben zu erhalten. Wir hatten nur armselige, heruntergekommene Quartiere, die den Monsunregen durchließen oder die tagsüber vor Hitze geradezu kochten. Sie waren auch voll mit Ratten. Wir mussten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, obwohl wir hin und wieder auch ein wenig Zeit für uns hatten. Schon dort konnte ich erkennen, dass Jack Sparrow anders war als andere Männer. Die meisten von ihnen waren ein wildes Pack. Sie beschwerten sich die ganze Zeit über oder bekämpften sich gegenseitig um zu beweisen, dass sie die Stärksten waren. Jack allerdings hielt sich immer von allem fern. Er war sehr verschlossen und ruhig. Und sehr merkwürdig. Eines Tages habe ich ihn beobachtet, wie er ganz alleine dasaß, so wie er es immer tat. Er fummelte mit irgendetwas herum, was er in seiner Hand hielt, und ich kam ein wenig näher, obwohl mir da schon klar war, dass er keine Gesellschaft wollte. Ich konnte erkennen, dass es ein Ring war, den er immer wieder an seinem Finger drehte. Er trägt den Ring heute noch, es ist der Silberne mit dem ovalen, schwarzen Stein.“
 
Will nickte. Auch er hatte den Ring längst bemerkt, da Jack ihn niemals abnahm, nicht in der Nacht, nicht wenn sie in der Lagune schwimmen gingen, niemals.
 
„Nun ja“, fuhr Gibbs fort. „Er hat diesen Ring immer wieder an seinem Finger gedreht, und zuerst dachte ich, dass er vielleicht fest säße und er ihn irgendwie runterkriegen will. Daher kam ich langsam noch ein Stück näher, bis ich sehen konnte, was genau los war. Da erkannte ich, dass er den Ring nach unten drückte. Er drehte und drückte ihn immer wieder nach unten auf seinen Fingerknöchel, so als wolle er, dass er stecken bleibt, als wolle er ihn mit Gewalt dazu bringen, nie wieder abzugehen. Das war das erste Mal, dass ich dachte er wäre vielleicht nicht ganz bei Trost. Aber da ich inzwischen schon zu nahe war, als dass er mich noch hätte übersehen können, dachte ich mir, könnte ich ihm auch genauso gut mal schnell ‚Hallo’ sagen. Ich war sehr vorsichtig, hab kein Wort darüber verloren, was ich gerade beobachtet hatte. Ich sagte ihm nur meinen Namen und erzählte ihm von einigen der Schiffe, auf denen ich bislang gedient hatte. Und ich erwähnte die Orte, an denen ich bisher gewesen war. Zuerst schien er nicht besonders interessiert, aber dann erwähnte ich Tortuga. Das war das erste Mal, dass ich wieder einen Funken Leben in ihm erkennen konnte. ‚Tortuga’, sagte er nur.
 
‚Aye, Tortuga’, antwortete ich.
 
‚Bist du vor kurzem dort gewesen?’, fragte er mich, und ich habe ihm alles erzählt. Wir unterhielten uns über die Leute, die wir dort kannten, und nach diesem Tag hatte er nichts mehr dagegen, wenn ich mich ab und an zu ihm setzte und mich mit ihm unterhielt. Allerdings war meine Zeit im Gefängnis bald vorüber, während er zu lebenslänglich verurteilt war. Nach einem Jahr war ich wieder ein freier Mann. Jack wünschte mir Glück als ich ging und versprach mir, dass wir uns eines Tages wieder sehen würden. Und dann dankte er mir. Als ich ihn fragte, wofür er sich bedankte, sagte er nur, dass ich ihn an etwas Wichtiges erinnert hätte. Als ich von Tortuga sprach. Etwas, was er dort noch zu erledigen hätte. Er sagte, dass er jetzt endlich einen Grund gefunden hätte… einen Grund weiterzumachen.“
 
Will wusste genau, was Jack gemeint hatte. Bevor Gibbs im Gefängnis auftauchte, hatte Jack Nate Flynns Tod wahrscheinlich schon… wie lange? ... ein, zwei Jahre betrauert. Es musste die wohl schlimmste Zeit seines Lebens gewesen sein. Und genau in diesem Moment hatte Gibbs Jack eine Erinnerung beschert. Eine Erinnerung an eine andere Zeit und an einen anderen Ort, der noch immer eine Bedeutung für ihn hatte. Tortuga. Der Ort, an dem er zu seiner letzten Reise mit der Pearl unter seinem Kommando aufgebrochen war.
 
„Du hast ihm etwas gegeben, wofür es sich zu leben lohnte“, sagte Will. Gibbs hatte Jack daran erinnert, dass er einst selbst einmal ein Schiff besessen hatte. Und dass er vielleicht, möglicherweise, wenn ihm das Schicksal wohl gesonnen war, dieses Schiff wieder zurück gewinnen könnte. Daher fand Jack einen Weg, aus seinem Gefängnis zu fliehen. Er fand einen Weg zurück in die Karibik und machte sich auf die Suche nach der Pearl. Der Kreis hatte sich geschlossen.
 
Will lächelte leise. „Er beschloss, wieder nach Hause zu gehen.“
 
„Hm?“ Gibbs sah ihn überrascht an. „Ein Seemann hat kein Zuhause, mein Junge.”
 
„Jack schon.“ Will nickte mit dem Kopf in Richtung Höhlenausgang. „Es liegt gleich da draußen vor Anker.”
 
„Ah, die Pearl meinst du. Aye, ich habe ihn nie glücklicher gesehen als in dem Moment, als er sie wieder zurück hatte. Sie ist ein großartiges Schiff.“
 
Will konnte dem nur zustimmen. Er hoffte inständig, dass er auch künftig noch an Bord bleiben dürfte, dass Jack ihm erlauben würde, dass auch er sie sein Zuhause nannte.
 
Als das Geräusch von Plätschern an sein Ohr drang, drehte er den Kopf. Ein Mitglied der Mannschaft ruderte unter lauten Rufen in die Höhle. Jack rannte nach unten ans Ufer.
 
Auch Will und Gibbs eilten hinab um zu hören was los war. „Ein Schiff“, keuchte der Seemann völlig außer Atem. „Ein großes. Und es steuert direkt auf die Pearl zu.”
 
„Zu den Booten!”, rief Jack. „Zurück zum Schiff!“
 
Alle in der Höhle eilten zu den Booten, mit denen sie gekommen waren und ruderten so schnell wie möglich nach draußen zur Pearl. Als Will nach oben an Deck kletterte, konnte er das andere Schiff bereits sehen, das mit vollen Segeln direkt auf sie zukam. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, es zu erkennen. Es war die Dauntless. Und sie war schon jetzt viel zu nahe. Die Pearl war bereits in Reichweite ihrer Kanonen.
 
Jack warf seinen Männern wie wild Kommandos zu, den Anker zu lichten und loszusegeln, aber es war viel zu spät. Die Dauntless feuerte einen Warnschuss, der direkt über das Heck der Pearl flog und neben ihnen ins Wasser fiel, ohne irgendwelchen Schaden zu verursachen. Hilflos starrte Will auf ihre eigenen Waffen. Es war schlichtweg unmöglich, die Pearl rechtzeitig in Schussposition zu bringen. Er lief zu Jack, der am Ruder stand und die Dauntless durch sein Fernrohr beobachtete. Als Will näher kam, ließ er es sinken und drehte sich zu ihm.
 
„Wenn wir kämpfen, werden wir alle sterben“, sagte er.
 
Will drehte sich um und sah die Mannschaft an. Sie hatten nichts Falsches getan, sie hatten keine Verbrechen begangen. „Es gibt keinen Grund dafür.“
 
„Ich weiß.“ Jacks Schultern sackten nach unten.
 
Gibbs kam zu ihnen geeilt. „Captain, wie lautet der Befehl?“ Er hatte ein kämpferisches Glitzern in den Augen. Es war klar, dass er die Kanonen ausfahren wollte.
 
Ein zweiter Warnschuss von der Dauntless fiel ins Wasser, diesmal noch näher.
 
„Sir?“ Gibbs wartete noch immer auf eine Antwort.
 
Jack stieß die Luft mit einem langen Seufzer aus seinen Lungen. „Hisst die weiße Fahne.“
 
„Sir?“
 
„Du hast gehört, was ich gesagt habe.“ Jack sah Gibbs nicht in die Augen.
 
Nach einem kurzen, bizarren Moment, in dem Will schon fast befürchtete, Gibbs würde sich offen weigern Jacks Befehl zu gehorchen, drehte sich der alte Seemann missmutig um und nickte. „Aye, aye, Captain.“ Er lief davon um die Anweisung auszuführen.
 
~*~**~*~
 
Kurze Zeit später stand die Mannschaft der Pearl an Deck der Dauntless, wo sie sich Captain Gillette ergaben. Langsam nahm Jack seinen Schwertgürtel ab und händigte ihn an Gillettes Leutnant aus. Will stand direkt hinter ihm, während die anderen Mitglieder der Mannschaft sich in einer engen Gruppe ein Stück weiter weg versammelt hatten.
 
„Ihr steht alle unter Arrest“, sagte Gillette mit scharfer Stimme. Er bedachte Jack mit einem kurzen, steifen Lächeln. „Ich habe diesen Tag herbeigesehnt. Viel zu oft seid Ihr in der Vergangenheit schon Eurer gerechten Strafe entgangen. Ich hätte gute Lust, euch ohne weitere Verzögerung direkt hier am Rahsegel aufzuknüpfen.“
 
Will trat einen Schritt nach vorne. „Das ist gegen das Gesetz, und das wisst Ihr genau!“
 
„Leutnant!“, bellte Gillette. „Legt diesen Mann hier in Ketten. Legt sie alle in Ketten und werft sie nach unten in den Kerker.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und stiefelte davon.
 
Wenigstens war es sauber unten im Kerker, blank und ohne eine Spur von Staub oder Dreck, so wie nur ein Kerker der königlichen Marine sein konnte. Es gab auch nicht ein einziges Leck und ausreichend Zellen, sodass sich nicht mehr als zwei Männer eine Zelle teilen mussten. Will wurde gemeinsam mit Jack in einen Käfig geworfen. Der Raum war leer, abgesehen von einer hölzernen Bank entlang der Schiffshülle. Will ließ sich darauf niedersinken. Die Eisenfesseln lagen schwer um seine Handgelenke. Er machte Jack keine Vorwürfe, weil er sich mit dem Schiff kampflos ergeben hatte. Es war sinnlos, ihr Leben und das der Mannschaft zu riskieren, wenn sie sich der Verbrechen, derer sie angeklagt wurden, nicht einmal schuldig gemacht hatten. Morgen um diese Zeit würden sie in Port Royal sein, und dann würden sie Swann und Norrington alles persönlich erklären können. Er konnte nur hoffen, dass sie seinen Worten Glauben schenken würden.
 
Jack starrte eine Zeitlang einfach nur auf die Gitterstäbe, dann seufzte er und setzte sich neben Will auf die Bank. „Ich hoffe nur, sie denken daran, uns etwas zu essen zu bringen.“
 
„Es gibt Richtlinien für sowas“, sagte Will.
 
„Da hast du Recht. Allerdings konnte mich Gillette nie besonders gut leiden.“ Jack ließ die Schultern hängen und sackte noch ein Stück weiter in sich zusammen.
 
Will hatte ihn noch nie so müde und niedergeschlagen gesehen, und er hasste diesen Anblick. Wenn ihm doch nur etwas einfallen wollte, womit er Jack aufheitern könnte. Aber es schien fast unmöglich. Allerdings bestand auch wenig Gefahr, dass er Jack noch weiter runterziehen könnte, ganz egal, was er sagte oder tat. Jack schien seinen Tiefpunkt bereits erreicht zu haben. „Gillette weiß offenbar, wie man ein Schiff in Ordnung hält“, antwortete er daher. „Hier unten ist es so fleckenlos, dass ich darauf wetten möchte, dass sogar die Ratten sauber sind.“
 
Jacks Mundwinkel hoben sich zu einem leichten Grinsen. „Wahrscheinlich badet er sie jeden Tag eigenhändig.“
 
Na, das sah doch schon viel besser aus. In der letzten Zeit hatte Will nicht allzu viel von Jacks sonst so lässiger „Komm, was auch immer kommen mag“-Lebenseinstellung zu Gesicht bekommen. Und er vermisste sie von ganzem Herzen. Er versuchte, sich ein wenig zu entspannen. „Wir werden schon noch früh genug hier rauskommen. Ich bin mir sicher, dass sich alles zum Guten wenden wird, wenn wir erst in Port Royal ankommen.“
 
„Vielleicht. Obwohl Norrington mich auch nicht besonders gut leiden kann.“
 
„Du hast ihm das Leben gerettet.”
 
„Stimmt. Das hab ich, nicht wahr?“ Jack musste grinsen. „Das wird ihm noch ewig nachhängen.”
 
Will konnte fühlen, wie das Schiff an Geschwindigkeit gewann. Gillette hatte einige seiner eigenen Leute auf die Pearl geschickt, um sie mitzunehmen. Beide Schiffe sollten etwa bei Morgendämmerung in Port Royal ankommen. Das bedeutete, dass sie vielleicht noch zwölf, vielleicht auch vierzehn Stunden gemeinsam hier in der Zelle verbringen müssten. Mit nichts als einem harten Holzboden, auf dem sie schlafen konnten. Es gab nicht einmal eine Hängematte. „Es ist ein Jammer, dass sie uns nicht auf der Pearl gelassen haben. Sie hätten doch Wachen aufstellen können.“ Will wäre gerne bereit gewesen sich brav zu verhalten, wenn er im Gegenzug eine gemütliche Koje für die Nacht gehabt hätte.
 
Er fragte sich insgeheim, ob er selbst wohl in einem echten Gefängnis überleben könnte, so eines, wie Gibbs es ihm geschildert hatte. Wenn man dazu verurteilt war, den Rest seines Lebens an solch einem furchtbaren Ort zu verbringen, da klang eine Hinrichtung im Vergleich schon fast gnädig. „Haben sie dich vorher schon oft eingesperrt?“
 
„Nicht wirklich oft.“ Jack befühlte die Eisenklammern um seine Handgelenke. „Vier oder fünf Mal. Aber immer nur für wenige Tage, abgesehen von diesem einen Mal.“
 
„Gibbs hat mir davon erzählt.”
 
„Ach, hat er das?“
 
„Er hat mir erzählt, wie ihr euch dort kennen gelernt habt und wie es dort war. Er sagte, sie hätten dich zu lebenslänglich verurteilt. Governor Swann hat mir allerdings gesagt, dass du nur drei Jahre dort verbracht hast. Wie ist es dir gelungen zu fliehen?“
 
„Es war hauptsächlich Glück. Ich hatte mir ein Fieber eingefangen und sie haben mich ins Gefängniskrankenhaus gebracht. Ein Arzt dort hatte ungefähr mein Alter, meine Größe und auch meine Haarfarbe. Daher hab ich einfach nur auf die richtige Gelegenheit gewartet und so getan, als ginge es mir schlechter als in Wirklichkeit der Fall war. Als ich endlich wieder stark genug war, bin ich ihm aus dem Krankenzimmer gefolgt, habe ihn abgefangen und mir anschließend ein stilles Örtchen gesucht, wo ich unsere Kleider vertauschen konnte. Dann hab ich ihn gefesselt zurück gelassen und bin einfach an den Krankenhauswächtern vorbei spaziert, geradewegs raus aus dem Gefängnis.“
 
Nicht mehr als ein bisschen Glück und Geistesgegenwart. „Du bist gut darin einfach so zu improvisieren. Ich vermute mal, dass Norrington uns wohl nicht glauben wird, wenn wir ihm sagen, dass wir die ganze Zeit über auf einer einsamen Insel waren. Wie werden wir es also diesmal schaffen zu fliehen?“
 
Jack zuckte nur mit den Schultern. „Wie auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt, wie üblich.“
 
„Dann wollen wir mal hoffen, dass es gar nicht erst soweit kommt.“
 
„Naja, ich hab da so eine Idee“, gab Jack zu und seine Schultern strafften sich wieder ein wenig. „Ich habe eine Idee was ich Norrington erzählen will. Aber es ist nicht mein Stil, mir allzu viele Gedanken im Voraus zu machen, daher werde ich es vorerst einfach mal für mich behalten.“
 
Will war froh darüber, dass Jack wieder ein wenig selbstsicherer aussah, nicht mehr so niedergeschlagen und mutlos wie vorher. Wenn er sich jetzt selbst noch ein bisschen weniger mutlos fühlen könnte, dann wäre er sicherlich noch glücklicher. Aber das würde wohl kaum passieren, nicht so lange er den Jack, den er kennen und lieben gelernt hatte, nicht wieder an seiner Seite und in seinem Leben hatte. „Und nachdem du Norrington mit deinem Charme verzaubert hast“, sagte er, „können wir losziehen und den Kerl jagen, der deinen Namen benutzt, richtig?“
 
„Ganz genau.“
 
„Und nachdem wir diesen Bastard erledigt haben, wirst du mit der Pearl fortsegeln in unbekannte Gefilde, ohne irgendwelche konkreten Pläne für die Zukunft.“
 
Jack wendete den Kopf und warf Will einen durchdringenden Blick zu. „Vielleicht. Es ist nicht mein Stil allzu, weit voraus zu denken.“
 
„Na, von mir aus.” Will hielt seinem Blick tapfer stand. „Mir ist es gleich was du vorhast. Du kannst gehen, wohin du willst, tun, was immer dir in den Sinn kommt. Alles was ich will, ist einfach nur bei dir sein.“
 
„Nein.”
 
Es war nur ein einziges, einfaches Wort, aber es brach Will das Herz. Er verkrallte seine Finger in seinen Handflächen, während er verzweifelt darum kämpfte, Jacks Blick standzuhalten. „Warum nicht?“
 
„Weil…“ Tatsächlich war es Jack, der als erster den Blick abwendete. Er ließ den Kopf sinken und sah angestrengt nach unten auf seine Hände. „Weil ich alleine besser dran bin.“
 
„Das ist nicht wahr.“ In diesem Augenblick wusste Will, dass er sich niemals damit abfinden würde. Er brauchte Jack, er wollte ihn, er liebte ihn. Und all diese Dinge waren es wert, dass er um sie kämpfte. „Das ist nicht der wahre Grund, weshalb du mich von dir stößt. Du tust es, weil du Angst hast, dass ich dir irgendwann einfach so wegsterbe, genau wie…“ Gerade noch rechtzeitig konnte er sich selbst daran hindern, Flynn beim Namen zu nennen. „Wie auch immer… es wird nicht funktionieren. Ich werde nirgendwo hingehen, Jack.“ Er ergriff Jacks Arm und fauchte ihn wütend an. „Sieh mich an!“
 
Jack tat es, mit einem resignierten Blick in seinen Augen. „Du verstehst das nicht“, antwortete er leise. „Ich kann dir nicht geben, was du willst.“
 
„Na und? Vielleicht ist mir das ja ganz egal. Vielleicht nehme ich ja, was ich kriegen kann.”
 
Jack seufzte. „Du könntest was Besseres haben.“
 
„Nein“, antwortete Will. „Das glaube ich nicht.“ Er löste seinen Griff um Jacks Arm und verwandelte ihn in eine Liebkosung. „Lass mich bei dir bleiben.“
 
„Nein. Ich werde nicht dabei zusehen, wie du stirbst.“
 
„Nun, das ist wirklich gut, denn ich habe auch nicht vor, in der nächsten Zeit zu sterben. Ich dachte, es sei nicht dein Stil, allzu weit in die Zukunft zu denken? Dann denk auch nicht über meine Zukunft nach. Und fälle auch nicht irgendwelche Entscheidungen für mich. Ich weiß, dass ich ein gefährliches Leben lebe, wenn ich bei dir bleibe. Aber das ist in Ordnung für mich. Lass mich meine eigenen Risiken eingehen. Du könntest mich direkt nach unten auf den Pfad in die Hölle führen, und ich würde dir folgen, denn wenn ich nicht an deiner Seite sein kann, dann könnte ich genauso gut gleich tot sein.“ Wills hob seine Hand und berührte Jacks Gesicht. „Klar soweit?“
 
Jack starrte ihn einfach nur wortlos an, für eine lange Zeit. Dann verzog sich sein Mund langsam zu einem Lächeln. „Kumpel“, sagte er und blickte direkt an Wills Gesicht vorbei. „Wir haben Publikum.“
 
Will drehte den Kopf und sein Blick fiel auf die Zelle neben ihrer, wo Anamaria und Cotton an die Gitterstäbe gepresst standen und mit unverhohlenem Interesse gebannt ihrer Unterhaltung lauschten. Na wunderbar. Will machte eine energische Handbewegung und deutete ihnen an, zu verschwinden. Immerhin hatten sie den Anstand, so zu tun als würden sie nicht mehr länger zuhören.
 
Erneut drehte er sich zu Jack um. „Alles, was ich dir sagen will, ist, dass ich nicht einfach so verschwinden werde. Mach daraus, was du willst, das tust du ja sowieso immer.“ Dann drehte er sich weg und starrte einfach nur mit unbeugsamem Blick ins Leere.
 
Stille breitete sich im Raum aus. Offenbar hatte Jack kein Interesse daran, diese Unterhaltung fort zu führen. Will bereitete sich darauf vor, dass er die nächsten, langen Stunden wohl in der Gesellschaft des einen Mannes verbringen müsste, den er zwar mehr als alles andere auf der Welt wollte, der sich selbst aber wahrscheinlich wünschte, er wäre im Augenblick ganz woanders, ganz egal wo, in der Gesellschaft von ganz egal wem. Will hatte alles getan, was er konnte, alles gesagt, was er zu sagen hatte. Er hatte Jack klar gemacht, was er fühlte, und dass er kein Mann war, der einfach so leichtfertig aufgab.
 
Glücklicherweise wurde die lange, ausgedehnte Stille kurz darauf von der Ankunft des Abendessens unterbrochen. Es war zwar kein großes Mahl, aber immerhin schien es nicht, als wolle Gillette sie einfach so verhungern lassen. Sie aßen schweigend. Alle Mitglieder der Mannschaft verhielten sich ruhig in ihren Zellen, keiner schien Lust auf eine Unterhaltung zu haben, nicht wenn solch eine ungewisse Zukunft vor ihnen lag.
 
Kurze Zeit später beschloss Will, ein wenig zu schlafen, auch wenn es in der ganzen Zelle nicht einen einzigen gemütlichen Platz gab, an dem er sich hätte hinlegen können. Er stand von der Bank auf und streckte die Arme über seinem Kopf aus. Dann starrte er nachdenklich auf den kahlen Holzboden, als wolle er sich überlegen, ob einige der Bretter möglicherweise ein wenig weicher aussähen als andere. Er wusste jedoch, dass sie alle zu hart waren.
 
Ohne ein Wort zu sagen stand Jack auf und schälte sich aus seinem schweren Mantel. Dann legte er ihn auf den Boden zu Wills Füßen und setzte sich wieder zurück auf die Bank.
 
Es war nicht mehr als eine einfach Geste. Es war nichts Bedeutsames, nur eine einfache Handlung aus Freundschaft, aber dennoch hätte sie Will beinahe dazu gebracht die Fassung zu verlieren. Warum kann er die Zärtlichkeit, die er mir mit jeder Geste zeigt, nicht in Worte fassen? Doch Will kannte die Antwort auf diese Frage längst. Es war einfach nicht Jacks Art. Das war alles. Es gab keine großen Rätsel mehr, die es zu lösen galt, keine Geheimnisse, die man aufdecken musste. Jack hatte es nicht nötig, sich selbst oder seine Gefühle gegenüber irgendjemandem zu erklären. Er tat einfach nur das, was er tun wollte.
 
Will schenkte ihm ein kurzes Lächeln. „Danke.“ Dann machte er es sich auf dem Boden so bequem wie möglich, wobei der dicke Mantel das harte Holz ein wenig abpolsterte. Er schloss die Augen und versuchte zu schlafen.
 
~*~**~*~
 
Einige Stunden später erhob er sich steif wie ein Stock und tauschte mit Jack den Platz, der nun seinerseits versuchte, auf dem Boden eine Mütze Schlaf zu finden. Will setzte sich auf die Bank und beobachtete, wie Jack sich auf dem inzwischen zusammengeknüllten Mantel niederließ und fast augenblicklich einschlief. Die Eigenschaft eines Mannes, der sein Leben lang zur See gefahren war – die Fähigkeit immer und überall zu schlafen, zu jeder Zeit und unter noch so widrigen Bedingungen.
 
Will saß auf der Bank und wachte über Jacks leichten Schlaf, während er sich fragte, welche Träume Jack möglicherweise heute Nacht träumen mochte. Träume von Freiheit höchstwahrscheinlich, was immer das Wort auch bedeuten mochte. Welche Art Freiheit hatte man denn wirklich, wenn man diejenigen, die man liebte, hinter sich lassen musste, so wie Bill Turner einst seine junge Frau und seinen Sohn zurück gelassen hatte? War es etwa die Freiheit alleine zu leben, sich nur um seine eigenen Regeln zu kümmern, seinen eigenen Weg zu gehen und nur das zu tun, was man selbst tun wollte? Was war der Preis, den man für solch eine Freiheit zahlen musste, und war sie all das denn wirklich wert? Denn was am Ende übrig blieb, wenn alles gesagt und getan war, war doch nur die Freiheit alleine zu sterben. Die Freiheit Liebe zu Gunsten eines leeren Traumes einzutauschen.
 
Er betrachtete Jack im Schlaf, beobachtete sein ruhiges, entspanntes Gesicht und seine langsamen, tiefen Atemzüge. Will lehnte sich zurück an die Wand und schloss die Augen. Ich werde nicht zulassen, dass das passiert. Nicht solange Jack noch Gefühle für ihn hatte. Und Will wusste, in dem Moment, als Jack für ihn seinen Mantel auf dem Boden ausgebreitet hatte, damit er darauf schlafen konnte, dass Jack noch immer etwas an ihm lag.
 
~*~**~*~
 
Bei Morgenanbruch segelten beide Schiffe in den Hafen von Port Royal und gingen vor Anker.
 
Die Gefangenen wurden an Deck gebracht und in eine der Barkassen verfrachtet, um sie zum Landesteg zu transportieren. Eine Gruppe rot gekleideter Soldaten stand schon bereit, um sie in Empfang zu nehmen, und als sie näher an das Ufer herankamen, konnte Will Norrington an ihrer Spitze erspähen.
 
Als sie auf den Landesteg kletterten, wollte Gillette gerade auf Norrington zulaufen, als Jack, noch immer in Ketten, ihn plötzlich zur Seite stieß und selbst auf den Commodore zueilte.
 
„Jimmy!“, begrüßte er Norrington gutgelaunt. „Ich hab mir da was überlegt…“
 
Gillette, der bereits vor Wut sprühte, stieß ihn unsanft zur Seite, während Norrington die Augen verdrehte. „Es ist schon gut, Gillette. Lasst ihn reden.“
 
Jack grinste, als er Gillettes enttäuschte Miene sah und trat waghalsig noch ein Stück näher an den Commodore heran.
 
Norrington seufzte. „Warum nur habe ich das Gefühl, dass ich es bereuen werde, wenn ich mir anhöre, was Ihr zu sagen habt?“
 
„Ich hab absolut keine Ahnung, Kumpel.“
 
Will drängelte sich selbst ein wenig näher an die zwei Männer heran, bis er schließlich direkt neben Jack stand, während ihm Gillette ununterbrochen giftige Blicke zuschoss.
 
„Ich vermute mal“, sagte Norrington, „dass ihr mir weismachen wollt, ihr wärt nicht zu Eurem früheren Leben als Gesetzlose und Piraten zurückkehrt, nachdem unsere kleine Unstimmigkeit mit den Spaniern zu einer friedlichen Einigung gekommen ist, habe ich Recht?“
 
Jack sah hocherfreut aus. „Ganz genau das wollte ich dir klarmachen.“
 
Gillette schien plötzlich die Nase voll zu haben von diesem scheinbar freundlichen Geplänkel, und drängelte sich erneut nach vorne zu Norrington. „Sir! Wir sollten sie alle auf der Stelle ins Gefängnis werfen. Wir sollten die Galgen vorbereiten… er ist uns schon viel zu oft durch die Finger geschlüpft…“
 
„Das reicht, Gillette! Ihr seid vorerst entlassen.“
 
Gillette öffnete und schloss seinen Mund einige Male, aber dennoch brachte er kein Wort zu Stande.
 
„Wegtreten!“
 
„Sir.“ Entrüstet stürmte Gillette vom Landesteg.
 
Jack grinste. „Du solltest deine Untergebenen wirklich sorgfältiger auswählen, Kumpel.“
 
„Ich bin nicht Euer Kumpel. Ihr steht kurz davor, wegen Piraterie gehängt zu werden.“
 
„Richtig.“ Jack lehnte sich noch ein wenig näher in Richtung Norrington. „Hör zu, ich denke wir sollten das wirklich besser in Anwesenheit von Governor Swann diskutieren, wenn du nichts dagegen hast.“
 
Norrington hob ungläubig eine Augenbraue. „Ihr wollt, dass ich Euch hinaufbringe zur Villa?“
 
„Absolut.“ Jack trat einen Schritt zurück, das Grinsen blieb jedoch auf seinem Gesicht. „Zeig uns doch einfach mal ein bisschen was von dieser Großzügigkeit, für die du allgemein so bekannt bist.“
 
Mit einem halben Grinsen erwiderte Norrington: „Ihr meint etwa so bekannt, wie Ihr für Euren Humor?“
 
„Der ist wohl eher berüchtigt, mein Junge.“
 
„Ja. So scheint es mir auch.“ Norrington winkte einen nahe stehenden Leutnant herüber. „Stellt die Mannschaft im Port Royal Inn unter Hausarrest. Ich will rund um die Uhr Wachen an allen Eingängen und in allen Fluren. Die Mahlzeiten werden auf die Zimmer gebracht.“
 
„Sir.“
 
Jack hob fragend eine Augenbraue. „Nicht ins Gefängnis?“
 
„Dorthin können wir Euch immer noch bringen“, lächelte Norrington. „Aber im Moment bin ich in Stimmung, etwas von der Großzügigkeit zu zeigen, für die ich allgemein so bekannt bin.“
 
Unter Anweisung des Leutnants begannen die Soldaten die Mannschaftsmitglieder der Pearl den Landesteg entlang zu treiben.
 
„Diese zwei hier nicht.“ Norrington nickte mit dem Kinn in Jack und Wills Richtung. „Diese beiden werden mit mir zusammen dem Governor einen Besuch abstatten.“
 
~*~**~*~
 
Swann erwartete die beiden in seinem Salon. Norrington positionierte einen kleinen Trupp Soldaten auf dem Flur, dann eskortierte er Jack und Will ins Zimmer.
 
Jack begegnete Swann mit einer warmen Begrüßung, dann wanderte er hinüber zu einem der französischen Fenster und blickte über den Hafen, wo die Dauntless und die Pearl friedlich nebeneinander vor Anker lagen.
 
„Bitte, tut mir den Gefallen und denkt gar nicht erst an Flucht“, sagte Norrington.
 
„Nur keine Angst“, erwiderte Jack. Er drehte sich um und blickte zu Swann, der neben einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes stand und die Hände hinter seinem Rücken verschränkt hielt. „Es gibt keinen Grund, weshalb wir fliehen sollten… wir sind unschuldig.“
 
Will lief hinüber und stellte sich direkt neben ihn. „Ich war die letzten Monate ununterbrochen an Jacks Seite, Sir. Er ist kein Pirat mehr, ich gebe Euch mein Wort dafür.“
 
„Es ist folgendermaßen“, erklärte Jack. „Während wir auf unserer letzten kleinen Mission waren, auf die Ihr uns geschickt hattet, damit wir Eure Arbeit machen…“, er warf Norrington einen viel sagenden Blick zu, „… da wurden wir dummerweise gefangen genommen, haben Schiffbruch erlitten und landeten letzten Endes auf einer einsamen Insel. Die Pearl hat uns erst vor drei Tagen gefunden und gerettet.“
 
Norrington zog einen weiteren der Steckbriefe hervor, von denen auch Gibbs ihnen schon vor einigen Tagen einen gezeigt hatte. Er breitete ihn auf dem Tisch aus. „Und wie wollt Ihr dann das hier erklären? Ihr wurdet erkannt.“
 
Jack schlenderte zum Tisch hinüber und starrte auf das Bild. Dann drehte er den Kopf, sodass sein Profil für Swann und Norrington klar erkennbar war. „Nun sagt mir, wann genau habe ich denn bitte diese unglaubliche Hasenscharte bekommen?“
 
Swann und Norrington betrachteten daraufhin die Zeichnung ein wenig kritischer, genau wie Will. Das Porträt, das angeblich Jack Sparrow zeigte, hatte in der Tat eine ziemlich deutliche Hasenscharte.
 
„Nun ja,“ erklärte Swann. „Wir wissen ja schon, dass Bilder dieser Art nicht immer hundertprozentig akkurat sind.“
 
„Und wie akkurat waren Eure Zeugen, als es darum, ging unser Schiff zu beschreiben?“, fragte Jack.
 
„Die Zeugenaussagen, die wir erhalten haben“, antwortete Norrington, „waren alle ziemlich detailliert. Sie alle haben von einem Schiff berichtet, das drei Masten hatte, und in Größe und Beschreibung alles in allem ziemlich genau auf die Pearl passte. Ein schwarzes Schiff mit schwarzen Segeln.“
 
„Und wann habt Ihr die letzte so lautende Zeugenaussage erhalten?“
 
„Vor drei Tagen, als Ihr… sie… die Stadt San Rejas plünderten.“
 
Jack lächelte. „Mit einem schwarzen Schiff?“
 
Norrington verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja. Und es gibt nicht wirklich viele, auf die diese Beschreibung passt, oder?“
 
„Vielleicht noch weniger, als du glaubst.“ Jack lief hinüber zum französischen Fenster und winkte sie alle heran ihm zu folgen. „Aber vielleicht hattest du ja in der letzten Zeit ein paar Schwierigkeiten mit deinem Sehvermögen.“
 
Will wusste bereits, was sie sehen würden, aber er war neugierig, wie Norrington und Swann wohl auf den Anblick der Pearl reagieren würden. Sie lag direkt unten am Hafen, vor der Dauntless und sie war eindeutig mit goldgelber Farbe und einem blauen Band um ihren Rumpf bemalt. Und obwohl ihre Segel eingeholt waren, waren es eindeutig Segel in ganz normaler Segeltuch-Farbe, keine schwarzen.
 
Norrington hüstelte und vermied sorgfältig Swanns Blick, der ihn mit gerunzelter Stirn musterte.
 
„Wir haben das schon vor einer halben Ewigkeit gemacht“, erklärte Jack. „Nachdem wir so erfolgreich Jagd auf die Spanier gemacht haben, hatte sich das Aussehen unseres Schiffes irgendwann bei ihnen herumgesprochen. Daher haben wir beschlossen, uns ein Beispiel an der großartigen, langlebigen Tradition der königlichen Marine zu nehmen und haben uns als Handelschiff getarnt. Wir sind während des Krieges sogar einige Male so mit unserer Beute im Schlepptau hier im Hafen eingelaufen und jedes Mal hat die Pearl ganz genau so ausgesehen, wie Ihr sie jetzt sehen könnt.“ Er warf Norrington ein kleines, mitfühlendes Lächeln zu. „Du wirst dich doch bestimmt noch daran erinnern können oder hast du neben den Augenproblemen etwa auch noch Probleme mit deinem Gedächtnis? Du wirst doch nicht irgendwann in der letzten Zeit einen Schlag auf den Kopf bekommen haben, oder?“
 
„Ihr hättet sie jederzeit wieder neu streichen können, nach allem was wir wussten“, sagte Norrington, aber er klang irgendwie peinlich berührt. „Und Ihr hättet sie danach wieder zurückstreichen und auch die Segel wechseln können.“
 
„Ach, macht Euch doch nicht lächerlich“, fauchte Swann ihn an. „Ihr selbst wisst ganz genau, dass es mindestens eine Woche dauert, um ein Schiff dieser Größe zu streichen.“
 
Norrington seufzte. „Ja, Sir. Aber dennoch, es gibt da all diese Zeugenaussagen.”
 
„Ich kann verstehen, dass du möglicherweise Bedenken hast, uns einfach so gehen zu lassen“, sagte Jack. „Daher habe ich einen Vorschlag für dich. Behalte uns doch einfach erstmal alle hier unter Hausarrest und wir warten lange genug, bis unser Nachahmer ein weiteres Mal zuschlägt. Dann weißt du mit Sicherheit, dass wir nicht einfach nur besonders geschickt im Umgang mit Schiffsfarbe und Pinsel sind. Dann weißt du, dass wir auch wirklich die Wahrheit sagen.“
 
Swann nickte. „Ich sehe keinen Grund, diesen überraschend vernünftigen Plan nicht zu befolgen. Commodore?“
 
Norrington schien nicht besonders erfreut – weder über die Idee an sich, noch über Jack im Allgemeinen. „Woher sollen wir wissen, dass das nicht einfach nur wieder einer seiner ausgeklügelten Pläne ist?“
 
Swann hob eine Augenbraue. „Wollt Ihr etwa ernsthaft andeuten, dass Mister Sparrow in der Lage war, all dies vorherzusehen?“
 
Captain Sparrow“, berichtigte ihn Jack sofort.
 
Swann ignorierte den Einwurf. „Also?“
 
Norrington starrte einen Moment lang auf seine Füße, dann blickte er auf. „Ich denke, Ihr habt Euren Standpunkt klar gemacht, Sir. Ich werde sie gemeinsam mit dem Rest ihrer Mannschaft unter Hausarrest stellen. All diese Angriffe sind mit einer gewissen Regelmäßigkeit aufgetreten, normalerweise gab es jede Woche mindestens einen. Sollte in den nächsten zwei Wochen kein Angriff erfolgen, dann könnten wir die Situation möglicherweise noch einmal neu überdenken.“
 
„Das könnten wir in der Tat.“ Swann drehte sich um und deutete ihnen an, zu gehen.
 
Zerknirscht führte Norrington Jack und Will hinunter zum Port Royal Inn Gasthaus.
 
~*~**~*~
 
Da der Rest der Mannschaft bereits im Gasthaus unter Arrest stand, war nur noch ein einziges Zimmer frei, das sich Jack und Will teilen mussten. Norrington schob sie beide durch die Tür und ließ sie anschließend alleine, während er vier Soldaten zurück ließ, die ununterbrochen den Flur kontrollierten, und noch einige mehr an den Ein- und Ausgängen des Gebäudes.
 
Will sah zu, wie Jack schweigend den Raum musterte. Zuerst überprüfte er die Fenster, die viel zu klein waren, um daraus zu entfliehen, dann betrachtete er die spärliche Möblierung bestehend aus einem Bett, einem einzelnen Nachttisch mit einer Lampe, und einem Stuhl. Jack zog seinen Mantel aus und hängte ihn über die Stuhllehne.
 
Will hatte keine Ahnung, wie Jacks Stimmung im Moment war, daher blieb er einfach nur in der Mitte des Raumes stehen und wartete mit einer leichten Anspannung in den Schultern. Hatte Jack überhaupt irgendetwas von dem verstanden, was er vorhin zu ihm gesagt hatte? Hatte er seine Meinung, darüber, ob er Will während seiner Reisen bei sich haben wollte, inzwischen geändert? Will hatte kein Bedürfnis, dasselbe Streitgespräch ein weiteres Mal zu führen. Er wollte die Sache einfach nur aus der Welt schaffen, ganz egal wie es auch ausgehen mochte.
 
Daher wartete er. Jack starrte eine kurze Weile auf das Bett, dann ging er zum Nachttisch und öffnete eine Schublade. Dann schloss er sie wieder. Er nahm die Lampe in die Hand und stellte sie anschließend wieder zurück auf das Schränkchen. Dann trommelte er mit seinen Fingern auf der Nachttischoberfläche.
 
Will wartete. Jack nahm einen tiefen Atemzug und ließ die Luft mit einem langen, lauten Seufzer aus seinen Lungen entweichen. Er ging einige Schritte auf Will zu und blieb direkt vor ihm stehen, nur wenige Zentimeter von Will entfernt. Seine Miene war völlig leer und ausdruckslos. Nervös fragte sich Will, was jetzt wohl als nächstes kommen würde. Er stand vollkommen still und bewegungslos und sah Jack einfach nur in die Augen. Und er wartete.
 
Jack senkte den Blick und legte seine rechte Hand auf Wills Brust, genau über seinem Herzen. Will vergaß beinahe zu atmen.
 
„Das letzte Mal“, sagte Jack, „als du mit mir mitgekommen bist, da wärst du fast gestorben, weil du diesen Schlag auf den Kopf bekommen hast. Wenn du wieder mit mir kommst, dann werde ich dich nicht verlieren.“ Er hob den Kopf und blickte Will direkt in die Augen. „Denk gar nicht erst daran zu sterben, denn wenn du das tust, dann werde ich dir ins Grab folgen.“
 
Will brauchte jedes Fünkchen Willenskraft, um Jack nicht auf der Stelle fest in seine Arme zu schließen, aber es gelang ihm zu widerstehen. „Also… zuerst willst du nicht, dass ich dich begleite, weil es zu gefährlich ist“, sagte er, während er versuchte, seine Reaktionen auf Jacks warme Berührung im Zaum zu halten. „Weil du nicht mit dem Risiko leben kannst, mich vielleicht irgendwann zu verlieren. Und jetzt sagst du, dass ich mit dir gehen kann, aber wenn ich sterbe, dann wirst auch du sterben. Was um alles in der Welt hättest du denn getan, wenn ich wirklich hier geblieben wäre? Wenn ich dich einfach alleine hätte ziehen lassen? Auf diese Weise hättest du mich doch trotzdem verloren.“
 
„Ich hätte einfach weitergelebt, wenn es das ist, was du meinst. Das könnte ich schaffen, wenn ich weiß, dass du lebst und in Sicherheit bist.“
 
„Lebendig, in Sicherheit, aber vollkommen einsam und fürchterlich alleine.“ Will schüttelte den Kopf. „Und das hätte dich allen Ernstes glücklicher gemacht?“
 
Jack runzelte die Stirn, so als würde er die Konsequenzen seiner früheren Entscheidung zum allerersten Mal durchdenken. „Also wenn du es so formulierst, dann klingt es wirklich ziemlich dämlich.“
 
Endlich wich die Anspannung aus Wills Körper und er fühlte, wie ihn große Erleichterung überkam. Endlich verstand Jack, dass es nicht von Bedeutung war, was in der Zukunft alles passieren würde, solange sie einfach nur zusammen waren. Er lächelte. „Naja, du bist ein bisschen verrückt, Kumpel.“
 
Jack nickte. „Das bin ich.” Er zuckte kurz mit den Schultern. „Tut mir Leid.“ Dann ließ er seine Hände unter Wills Hemd gleiten. „Alles wieder gut zwischen uns?“
 
Will wollte ihn nicht noch weiter in die Enge treiben. Er war zufrieden einfach nur mit dem Wissen, dass er bei Jack bleiben konnte. „Gut genug.“ Er lehnte sich nach vorne und versank in einem langen und unglaublich befriedigenden Kuss.
 
„Ein bisschen früh am Tag“, sagte Jack, als sich ihre Lippen voneinander lösten.
 
„Mir egal.“ Will zog ihn noch näher, bis ihre Körper eng aneinander gepresst waren. Dann schlang er seine Arme um Jack und drückte mit seinen Unterleib fest gegen ihn, wodurch kein Zweifel mehr an ihrer beider Erregung und Verlangen blieb. Er begann am Bund von Jacks Hose zu zerren und sie nach unten zu ziehen, als sie beide plötzlich hörten, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde.
 
Hastig sprangen sie auseinander als sich die Tür öffnete. Ein Soldat betrat den Raum und trug ein Tablett mit Essen. „Commodore Norrington hat angeordnet, dass Euch Euer Frühstück aufs Zimmer gebracht wird.“ Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, dann stellte er das Tablett auf dem Stuhl ab.
 
„Danke“, sagte Jack, während er sorgsam darauf achtete, hinter Will zu stehen, damit ihn der Blick des Soldaten nicht treffen konnte.
 
Der Mann nickte und verließ mit steifem Schritt das Zimmer bevor er die Tür hinter sich wieder verschloss.
 
Will lachte und drehte sich zu Jack um, dem die Hose schon fast bis zu den Kniekehlen hing. „Ich glaube nicht, dass er was gemerkt hat.“
 
„Das hier könnte wirklich kompliziert werden.“ Jack begann damit, seine Hose wieder nach oben zu ziehen.
 
Will trat an ihn heran und hielt ihn auf. „Ich denke nicht, dass wir noch einmal unterbrochen werden.“
 
Jack warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Tablett. „Aber das Essen wird kalt.“
 
Auch Will war ziemlich hungrig. Aber es gab da eine Sache, nach der er sich noch mehr verzehrte. „Nicht, wenn wir schnell genug sind.“
 
„Ah. Hervorragendes Argument.“
 
Daher waren sie tatsächlich ziemlich schnell. In Rekordzeit zogen sie sich aus und ließen sich auf das Bett fallen, wo sie ihr Verlangen in frenetischer Eile stillten, einfach nur, um ihre lange aufgestauten Sehnsüchte zu befriedigen. Als sie fertig waren und ihre Hosen sowie das Bettzeug vom Boden aufgesammelt hatten, zogen sie sich an und genossen ihr tatsächlich immer noch warmes Frühstück.
 
~*~**~*~
 
Später, lange nachdem sie zu Abend gegessen hatten, als im Gasthaus nächtliche Ruhe eingekehrt war, schlüpften sie ein weiteres Mal unter die Bettdecke. Jack löschte das Licht der Lampe, da ein heller Streifen Mondlicht durch das Fenster fiel. Diesmal zogen sie es vor, ihre Liebe mit einem langsamen, ausgedehnten Akt zu genießen. Will machte sich mit jeder noch so winzigen Stelle an Jacks Körper erneut vertraut und ließ seine Hände liebevoll über Jacks Brust, seinen Bauch und seine muskulösen Beine wandern.
 
„Ich hab das vermisst“, murmelte er. „Ich hab dich vermisst.“
 
Jack ging bereitwillig auf Wills Liebkosungen ein. Er berührte und streichelte ihn überall, wo er ihn erreichen konnte und seine Hände kreisten unentwegt in einem sanften Rhythmus über Wills Haut. Er küsste Wills Hals und seine rechte Schulter, dann wanderten seine Lippen nach unten zu Wills Brustkorb und verharrten dort eine Weile mit federleichten Berührungen, bis sie sich schließlich ausgiebig Wills Brustwarzen widmeten.
 
Bei jeder neuen Berührung von Jacks Mund auf seiner Haut konnte Will spüren, wie Hitze in seinem Innern aufflackerte, und er versuchte, dasselbe Feuer mit jeder seiner Liebkosungen zurück zu geben. Langsam und mit unendlicher Sorgfalt machten sie sich wieder mit dem Körper des anderen vertraut, fanden die Stellen, die am empfindsamsten waren, verharrten dort und verwöhnten sie so ausgedehnt wie möglich.
 
Will hatte inzwischen jegliches Zeitgefühl verloren und es schien ihm, als würde er auf einer Welle des Verlangen davongetragen. Die Hitze in seinem Innern stieg ins Unermessliche, erregte ihn und spornte ihn noch zusätzlich an. Seine Bewegungen wurden schneller und frenetischer, und schließlich rieb er seinen gesamten Körper an Jack. Er brauchte mehr Kontakt zwischen ihnen, mehr Berührung, er wollte Jack vollkommen in Besitz nehmen.
 
Jacks Mund fand seine Lippen in einem kurzen, leidenschaftlichen Kuss, dann konnte er hören wie Jack in sein Ohr flüsterte: „Was willst du?“
 
Will musste nicht einmal darüber nachdenken. „Ich will in dir sein.“
 
Jack nickte und zog einige Kissen heran, um sie unter seine Hüften zu stopfen. Will saß rittlings auf ihm. Jack ließ sich nach hinten auf das Bett fallen und legte seine Beine auf Wills Schultern. Lässig griff er hinüber zum Nachtschränkchen und nahm den Deckel der inzwischen erkalteten Öllampe ab. „Na dann nur zu.“
 
Will tauchte seine Finger in das Lampenöl und benetzte sich selbst damit. Dann griff er noch einmal hinein und ließ anschließend zwei geschmeidige Finger in Jacks Körper gleiten, der sich ihm gierig entgegenbäumte. Will zog seine Finger heraus und drang mit einem einzigen, glatten und rhythmischen Stoß in Jack ein.
 
Jacks Gesicht leuchtete hell im reflektierenden Mondlicht als Will sich über ihn beugte und noch härter, noch fester zustieß. Jacks Penis war ebenfalls steif und er rieb sich selbst mit seiner rechten Hand, während er unentwegt nach oben in Wills Augen sah. Will erwiderte seinen Blick mit all der Sehnsucht und dem Verlangen, die er in seinem Innern verspürte. Langsam begannen die Bettdecke, die Kissen und das Zimmer um sie herum zu verschwimmen und alles verwandelte sich in silbernes Licht, als Wills Körper mit Jack verschmolz, verloren in einem Flimmer aus Liebe. Es schien, als würde die ganze Welt um sie herum verschwinden und das einzige, was noch übrig blieb, waren sie beide, im Jetzt und Hier, ungestört in ihrer Zweisamkeit.
 
Will konnte fühlen wie unter ihm ein Schauer durch Jacks Körper lief und Jack warf den Kopf nach hinten als er kam. Nur einen Moment später kam auch Will, tief vergraben in Jacks Körper, und der süße Schmerz der Erleichterung durchflutete seinen Körper in langen Wogen der Lust. Er glitt aus Jack heraus und rollte sich neben ihm auf den Rücken, während die Welt um sie herum langsam wieder Form und Farbe annahm. Er bekam vage mit, wie sich Jack neben ihm bewegte und wie er die Kissen auf dem Bett neu anordnete. Dann zog Jack das zerknüllte Laken nach oben über ihre Körper.
 
Alles war wieder gut. Er wusste es. Alles war in Ordnung und nichts würde jemals wieder zwischen ihnen stehen. Will drehte sich auf die Seite, sodass er Jack zugewandt war, gab ihm einen schnellen Kuss und sagte: „Ich liebe dich.“
 
Wie erwartet, bekam er keine Antwort darauf.
 
Aber auch das war in Ordnung, denn eine Antwort war auch gar nicht notwendig.
 
~*~**~*~
 
Nachdem ihr aufgezwungener Arrest in der Gaststätte bereits fünf Tage gedauert hatte, erreichte die Nachricht einer weiteren Attacke Port Royal. Diesmal hatte die falsche Pearl ein Handelsschiff in Gewässern angegriffen, die ganz in der Nähe lagen. Allerdings hatten die Angreifer ihre Opfer offenbar unterschätzt. Das Handelsschiff war schwerer bemannt und bewaffnet gewesen als normalerweise üblich und nach einem heftigen Kampf an Bord war es der Mannschaft gelungen, die Eindringlinge in die Flucht zu schlagen und zu entkommen. Aber was noch besser war… sie hatten einen der Piraten gefangen genommen. Sie segelten nach Port Royal, wo sie ihre Geschichte erzählten und ihren Gefangenen ablieferten.
 
Jack und Will wurden zum Fort eskortiert, wo Norrington und Swann bereits im Gefängnis der Festung auf sie warteten. Dort ließen sie den gefangenen Piraten in einen Verhörraum bringen.
 
Der Raum hatte keine Fenster und war lediglich mit einem einzigen Stuhl möbliert, auf dem der Gefangene saß. Seine Hände und Füße waren in schwere Eisenfesseln gelegt. Norrington, Swann, Jack und Will versammelten sich um den Unglücksraben, einen kleinen, dünnen Mann Mitte zwanzig, mit einem rattenähnlichen Gesicht, der ziemlich verängstigt aussah.
 
Endlich hatten sie nun den Beweis, dass Jack nichts mit den Verbrechen zu tun hatte, seit kurzem unter seinem Namen begangen wurden. Sie hofften nun darauf, dass dieser Mann ihnen verraten könnte, wer wirklich hinter der ganzen Sache steckte.
 
„Ihr wurdet gefangen genommen, als Ihr gerade dabei wart, einen Akt der Piraterie zu begehen“, sagte Norrington. „Auf solch ein Vergehen steht die Todesstrafe.“ Er starrte nach  unten auf den kleinen Kerl und sein Blick war hart und unnachgiebig. „Wie lautet Euer Name?“
 
Nervös kräuselte der Mann die Lippen. „Josiah Whitcomb, Sir und ich bin kein Pirat. Ich bin nur Koch auf dem Schiff.“
 
„Ich verstehe. Und weshalb war der Koch unter den Männern, die zum Entern auf das andere Schiff herüberkam? Wolltet Ihr dort etwa Eure Vorratskammer auffüllen?“
 
Whitcomb schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Ich habe noch nie zuvor ein Schiff geentert und ich hätte es auch diesmal nicht getan. Aber der Captain hat es befohlen, weil wir nicht genügend Männer waren. Ich hätte niemals jemanden verletzen können, Sir. Ich habe nichts getan.“
 
„Er ist entweder ein Lügner oder ein Dummkopf”, bemerkte Swann.
 
„Höchstwahrscheinlich beides“, stimmte ihm Norrington zu. „Jetzt hört mir gut zu, Whitcomb. Wenn Ihr uns alles erzählt, was wir von Euch wissen wollen, dann könnten wir uns möglicherweise dazu bereit erklären, bei Eurer Verurteilung Milde walten zu lassen. Erzählt mir also, warum genau hattet Ihr zu wenige Männer?“
 
„Warum? Weil die Männer in der Nacht zuvor zuviel getrunken hatten, Sir. Viele von ihnen waren krank.“
 
„Also nicht gerade ein Schiff, auf dem ein besonders strenges Regiment herrscht.“
 
„Oh, normalerweise schon. Der Captain würde so etwas nie erlauben. Er würde schneller seine Peitsche ziehen, als ihr überhaupt gucken könnt. Aber diese Männer haben heimlich getrunken und der Captain war schon drauf und dran sie alle aufzuhängen, als wir auf das Handelsschiff stießen, daher hatte er keine Zeit dazu. So ist das gewesen, Sir.“ Er rieb seine Hände aneinander, während er versuchte die Haut an seinen Handgelenken unter den Eisenfesseln zu kratzen.
 
Jack lehnte sich an die steinerne Wand und hielt die Arme vor der Brust verschränkt. „Frag ihn nach seinem Captain.“
 
„Das werde ich.“ Norrington nickte mit dem Kopf in Jacks Richtung. „Kommt Euch dieser Mann dort irgendwie bekannt vor?“
 
Whitcomb blinzelte und musterte Jack genau. „Nicht, dass ich wüsste, Sir.“
 
„Er erinnert Euch also nicht an Euren Captain Sparrow?“
 
„Was?“ Whitcomb schien verwirrt. „Captain wer?” Dann erhellte sich seine Miene plötzlich. „Oh, Ihr meint Mister Ellis, den Maat. Der Captain tut immer so, als wäre er der Kommandant des Schiffes, wenn gerade Fremde in der Nähe sind. Er nennt ihn dann Sparrow, aber das ist nicht sein richtiger Name. Schließlich heißt er ja Ellis, wie ich schon sagte.“ Er betrachtete Jack noch ein wenig genauer. „Ich schätze man könnte sagen, dass sie sich irgendwie ein bisschen ähnlich sehen.“
 
„So langsam wird die Sache ein wenig klarer“, sagte Jack.
 
„Aber wenn dieser Ellis… dieser Sparrow-Doppelgänger… gar nicht der echte Captain des Schiffes ist“, fragte Will, „wer ist es dann?“
 
„Oh, das ist Captain Smith“, antwortete Whitcomb.
 
Norrington lachte. „Smith. Natürlich. Manchmal frage ich mich, ob es denn tatsächlich irgendwo jemanden gibt, der wirklich ‚Smith’ heißt.”
 
„Ich interessiere mich nicht sonderlich für die Namen, die sich die Leute geben“, sagte Whitcomb. „Zumindest nicht, wenn sie mich ordentlich bezahlen.“
 
„Ja, es ist uns auch schon aufgefallen, dass Ihr hinsichtlich der Leute, mit denen Ihr Euch umgebt, nicht besonders wählerisch seid. Jetzt sagt uns, wo hat Euch dieser Captain Smith angeheuert?“
 
„In New Bedford, Sir.“
 
Swann hob eine Augenbraue. „In den Kolonien? In Massachusetts?”
 
„Aye, Sir. Er kam eines Tages angesegelt und sagte, er würde noch Leute für seine Mannschaft suchen. Er sagte, er wäre zu lange im Norden gewesen und hätte Lust darauf, mal nach Süden zu ziehen. Er sagte, er würde uns bezahlen, wenn wir ihm im Gegenzug keine Fragen stellen. Er hat nie besonders viel geredet, hat sich immer ziemlich abgesondert, aber ab und zu hat er vor sich hingemurmelt, dass es da noch eine Rechnung gäbe, die er zu begleichen hätte.“ Whitcomb begann ein wenig zu zittern. „Ein kalter, harter Mann ist er, der Captain.“
 
Jacks Körper straffte sich plötzlich und er richtete sich auf. „Beschreibt ihn mir, Euren Captain Smith.“
 
Whitcomb blickte zu Norrington, der ebenfalls nickte. „Naja, er ist schon ein wenig älter.“ Whitcomb deutete auf Swann. „Euer Alter vielleicht, mit grauen Haaren. Er ist groß und ziemlich schwer. Er sieht aus, als wäre er stark genug, um einen Mann mit einem einzigen Schlag zu töten.“
 
„Irgendwelche Narben?“, fragte Jack.
 
„Aye, er hat da eine.“ Whitcomb hob eine seiner Hände mit den Eisenfesseln hoch, und zog eine Linie quer über sein Gesicht. „Ein hässliches Ding. Sie sieht aus, als hätte jemand versucht, sein Gesicht in zwei Teile zu schneiden.“
 
Ein Schauer lief über Wills Rücken. Nein, das kann unmöglich wahr sein. Er blickte hinüber zu Jack, dessen Augen hart und kalt wie Eis geworden waren.
 
Jack hob seine Hand und zeigte seine fünf Finger. Dann krümmte er drei der Finger, sodass sie durch seine Handfläche verdeckt wurden. „Und seine rechte Hand, sah sie vielleicht so aus?“
 
Whitcomb starrte auf den Daumen und den einzelnen Finger, alles was er von Jacks Hand noch sehen konnte. Er nickte und seine Augen wurden riesengroß. „Woher wisst Ihr das?“
 
Ned Hardcastle. Der Schauer, der Will soeben noch über den Rücken gelaufen war, verwandelte sich auf der Stelle in glühenden Hass. Der erste Maat der Intrepid, der unter Pritchard gedient hatte. Der Mann, der seinen Vater vergewaltigt hatte. Er war noch immer am Leben. All die Bilder, die er so erfolgreich in die hinterste Ecke seines Bewusstseins verdrängt hatte, fluteten nun in einer überwältigenden, erstickenden Woge zurück, die er kaum kontrollieren konnte.
 
Norrington warf Jack einen neugierigen Blick zu. „Ihr glaubt, Ned Hardcastle könnte hinter all dem stecken?“
 
„Gib mir mein Schiff“, antwortete Jack versteinert, „Und ich werde es beweisen.“
 
Und wenn wir ihn finden, dann werde ich ihn töten, fügte Will noch in Gedanken hinzu.
 
Norrington lief hinüber zu Swann und beide tauschten kurz einige geflüsterte Worte aus. Dann drehte sich Norrington zu Jack um. „Wir möchten Euch unsere Hilfe anbieten.“
 
„Nein. Er gehört mir.”
 
„Aber wir könnten…”
 
„Nein.” Jack warf Norrington einen solch vernichtenden Blick zu, dass sogar Will überrascht war. „Ist es mir jetzt gestattet zu gehen, oder nicht?“
 
Norrington öffnete seinen Mund um etwas zu sagen, dann jedoch schloss er ihn wieder und drehte sich zu Swann um, der nur resigniert mit den Schultern zuckte. Norrington seufzte. Er winkte mit der Hand zur Tür. „Es steht Euch frei, Port Royal zu verlassen, genau wie Eurer Mannschaft.“
 
Ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, lief Jack mit schnellen Schritten aus dem Raum, und Will war direkt hinter ihm.


Nächster Teil




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