AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, PG-13, Abenteuer, Drama, Romantik, Angst
FREIGABE: PG-13 / ab 12
SETTING: Buch II schließt direkt an Buch I von Pirate Dreams an.
INHALT: Nach seiner Begnadigung hat Jack mit Wills tatkräftiger Unterstützung dem Piratendasein den Rücken gekehrt, und verdient sich seinen Lebensunterhalt nun als ehrbarer Spion für die britische Marine. Doch schon auf ihrer ersten Mission braut sich Unheil zusammen…
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch II
by Alexfandra


„Captain Sparrow! Ich sehe mich gezwungen mich bei Ihnen über einige Unannehmlichkeiten zu beschweren, die ich so nicht länger dulden kann! Zuerst einmal habe ich beobachtet, wie ein Mitglied Ihrer Mannschaft, Mister Gibbs, während seiner Schicht Alkohol zu sich genommen hat. Ein derartiges Verhalten ist nicht nur unprofessionell sondern auch absolut inakzeptabel. Zum Zweiten muss ich bemängeln, dass unsere Quartiere ganz offensichtlich nicht für eine Expeditionsgruppe dieser Größe ausgelegt sind. Bitte sorgen Sie dafür, dass wir auf der Stelle mit mehr Platz und Komfort versorgt werden. Und Drittens, das Essen, das uns heute Mittag serviert wurde, entsprach nicht einmal annähernd dem Standard, den wir normalerweise gewohnt sind. Bitte sprecht mit Eurem Koch über seine offensichtliche Unfähigkeit seine Speisen zu würzen, oder ihnen auf irgendeine Art und Weise Charakter zu verleihen. Ich verlange von Ihnen, dass sie sich unverzüglich darum kümmern, dass diese Mängel auf der Stelle beseitigt werden! Guten Tag!“
 
Will sah Reverend Johnson nach, wie er entrüstet über das Deck stampfte. Dann drehte er sich zu Jack um, der kurz davor war nach der Pistole zu greifen, die in seinem Gürtel steckte.
 
„Kann ich ihn jetzt umbringen?“, fragte Jack.
 
„Ich glaube nicht, dass das eine besonders gute Idee ist.“
 
„Kann ich Norrington umbringen?“
 
„Nein.“ Beruhigend tätschelte Will Jacks Arm. „Es geht wirklich nicht, dass du schon auf unserer allerersten Mission rum rennst und irgendwelche Leute erschießt. Das käme nicht gut.“
 
„Aber es würde sich ganz bestimmt gut anfühlen.“
 
Will seufzte. Er hätte selbst gute Lust diesem Johnson ein oder zweimal ordentlich in den Hintern zu treten. Aber sie hatten sich nun mal dazu bereit erklärt, ihn und seine Forschungsgruppe zu den Bermudas zu bringen, und dafür zu sorgen, dass sie unterwegs verschiedene Inseln besuchen konnten. Es war ein Auftrag, den sie von Commodore Norrington erhalten hatten. Reverend Charles Johnson kam von den amerikanischen Kolonien, wo er als Dozent am William and Mary College tätig war. Nun war er der Kopf einer Expeditionsgruppe, die für das College die Flora und Fauna der verschiedensten karibischen Inseln untersuchen sollte. Nachdem ihr vorheriges Schiff einige Wochen zuvor vor Jamaika Schiffbruch erlitten hatte, und ihnen die finanziellen Mittel fehlten um ein Neues zu kaufen, hatte sich Johnson Hilfe suchend an Governor Swann gewandt, der ihnen bei der Fortsetzung ihrer Studienreise behilflich sein sollte.
 
Swann hatte sich für diese Idee zunächst nicht besonders begeistern können, bis ihn eine Nachricht vom Governor der Bahamas erreichte, wo Johnson einige Zeit zuvor mit seiner Expedition gewesen war. In der Nachricht stand, dass sich die Gruppe auffällig stark für die örtliche Schifffahrt interessiert hätte. Ein wenig Nachforschung brachte ans Tageslicht, dass die Schwester von Reverend Johnson mit einem Spanier verheiratet, und dass Johnson selbst einige Monate zuvor in Spanien gewesen war. Außerdem hatte er während der erst kürzlich beigelegten Konflikte offene Sympathie für die Spanier gezeigt. Die Nachricht enthielt daher Andeutungen, dass die Expeditionsgruppe möglicherweise nicht anderes sei, als eine perfekte Tarnung, um heimlich die Stärke der britischen Flotte in der Karibik für die Spanier auszuspionieren. Als Swann Norrington von dieser Vermutung unterrichtete, schlug dieser auf der Stelle vor, dass Jack Sparrow und Will Turner, die inzwischen wieder mit der Pearl in Port Royal waren, die Truppe an Bord nehmen sollten, um auf diese Weise im Verborgenen die Wahrheit heraus zu finden.
 
„Du darfst nicht vergessen“, sagte Will, „dass du jetzt kein Pirat mehr bist. Ist ja auch nicht so, dass du früher als Pirat besonders blutrünstig warst.“
 
Jack runzelte die Stirn. „Aber ich könnte ihn mir doch einfach mal ein bisschen vorknöpfen. Ihm mal ordentlich eins auf die Mütze geben.“
 
„Er ist ein Priester.“
 
„Ja, das ist wirklich ein Jammer.“
 
Sie beide standen nebeneinander auf dem Achterdeck und lehnten sich über die Reling, während Anamaria hinter ihnen das Steuer beaufsichtigte.
 
„Die anderen scheinen aber ganz in Ordnung zu sein“, sagte Will. Abgesehen von Johnson beinhaltete die Expedition noch zwei Naturwissenschaftler, einen Künstler, einen Kartographen und zwei Bedienstete. Die restlichen Mitglieder der Gruppe waren bisher wirklich nett gewesen, allerdings hatten sie noch nicht viel Gelegenheit gehabt, jeden Einzelnen genauer kennen zu lernen, da die Pearl Port Royal erst einige Stunden zuvor verlassen hatte. „Obwohl ein paar von ihnen Spione sein könnten.“ Reverend Johnson hatte sich als Mitarbeiter des Colleges ausweisen können, alle anderen hatten ihre Papiere beim Schiffbruch verloren, oder zumindest behaupteten sie das. Es gab daher keine Möglichkeit zu beweisen, dass Johnson nicht vielleicht doch einen oder mehrere von ihnen angeheuert hatte, damit sie abgesehen von ihrem Studium der Natur, noch einige andere Dinge für ihn erledigten.
 
„Der Kartenmaler ist mir irgendwie nicht ganz geheuer“, sagte Jack. „Sieh ihn dir doch mal an. Er hat sogar sein eigenes Fernglas dabei.“
 
Will blickte hinüber zum Bug, wo der Kartograph Sydney Davis gegen die Reling gelehnt stand und durch ein Teleskop blickte. „Hier draußen gibt es doch gar nichts zu sehen. Das ist echt ein bisschen merkwürdig. Allerdings… wäre er wirklich ein Spion, würde er dann nicht versuchen ein wenig subtiler vorzugehen?“
 
„Vielleicht. Außer er will uns dazu bringen, dass wir denken, er könne kein Spion sein, gerade weil er nicht subtil ist.“
 
Will blinzelte. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden hab, was du da gerade gesagt hast.“
 
Jack grinste. „Zerbrich dir am besten nicht den Kopf darüber, Kumpel. Behalt ihn einfach nur im Auge.“
 
„Ich werde sie alle genauestens im Auge behalten.“
 
„Guter Junge.“
 
Will lächelte und drückte liebevoll Jacks Arm. Er fühlte sich wohl hier draußen an Jacks Seite, wenn die Pearl ordentlich Wind in den Segeln hatte und ihnen die frische Seeluft um die Nase wehte. Es fühlte sich irgendwie vertraut an, einfach nur richtig. Dies hier war der Ort, wo er hingehörte. Die warme Brise des karibischen Meeres zerzauste ihm das Haar und das kühle Salzwasser, das ihm ins Gesicht spritzte, hatte einen viel versprechenden, verheißungsvollen Geschmack. Die Pearl glitt majestätisch über das blau-grüne Wasser und eilte auf ihr nächstes, neues Abenteuer zu. Es war der Inbegriff von Freiheit.
 
„Du siehst nachdenklich aus“, sagte Jack.
 
„Nein, es geht mir einfach nur gut.“ Will ließ seine Hand leicht auf Jacks Unterarm ruhen. Es war ein warmer Tag, daher hatte Jack auf seinen Mantel verzichtet. Nur mit einem weißen Hemd bekleidet lehnte er an der Reling und seine weit geschnittenen Ärmel flatterten im Wind.
 
Er sah heute Morgen einfach umwerfend aus. Nachdem er für all seine früheren Verbrechen als Pirat begnadigt und nun offiziell zu einem Spion der britischen Regierung ernannt worden war, hatte Norrington Jack einen Vortrag gehalten, in dem es vor allem über Jacks künftiges Auftreten ging. Norrington hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass Spione vor allen Dingen unauffällig sein müssten, und nicht in jeder Umgebung sofort auffallen sollten wie ein bunter Hund. Daher war es unverzichtbar, dass Jack sein Aussehen so veränderte, dass er künftig – wie Norrington es nannte – eine „weniger denkwürdige Erscheinung“ darbot. Zumindest wenn er unnötiges Aufsehen vermeiden wollte.
 
Zuerst hatte sich Jack schlichtweg geweigert, da er offensichtlich sehr an seinem extravaganten Seeräuber-Stil hing. Er behielt seine Kleider, seine Schärpe, seinen Mantel, seinen Hut und seine Stiefel. Er erklärte sich lediglich dazu bereit, sein langes Haar mit einer Bandana zu bändigen, was auf See ohnehin praktischer war. Als Norrington letzten Endes damit drohte, der Mannschaft die Bezahlung zu verweigern, erklärte sich Jack widerwillig dazu bereit, den Wust aus perlenverzierten Zöpfchen und Dreadlocks aus seinen Haaren und seinem Bart zu entfernen. Lediglich drei seiner Lieblingsperlen waren noch übrig. Auch der kleine, polierte, speerförmige Knochen, den er früher immer in sein Haar gebunden hatte, musste dran glauben. Jack verstaute jedes seiner Schmuckstücke sorgfältig in seiner Silberkiste, da jedes einzelne eine wichtige Erinnerung an einen anderen Ort und an eine andere Zeit darstellte.
 
Um die Wahrheit zu sagen, Will war von Jacks neuem Aussehen restlos begeistert. Schon alleine deshalb, weil es ein wundervolles Gefühl war, wenn er bei ihren nächtlichen Eskapaden im Bett mit beiden Händen ungehindert durch Jacks Haare fahren konnte.
 
Und ihre Nächte waren in der Tat wundervoll. Wenn er nur daran dachte, konnte Will schon ein vertrautes Ziehen im Unterleib spüren. Er schielte über seine Schulter auf Anamaria, deren Aufmerksamkeit augenscheinlich voll und ganz auf das Steuer gerichtet war, auf die Segel über ihnen und das Meer, das vor ihnen lag. Will trat noch ein kleines Stück näher an Jack heran, sodass sich ihre Schenkel berührten.
 
Jack räusperte sich. „Es ist zehn Uhr morgens, Kumpel.“
 
„Tut mir Leid.“ Widerwillig rutschte Will wieder ein Stück von ihm weg. Es war wirklich schwer an etwas anderes zu denken. Irgendetwas anderes. Und es war ganz besonders verzwickt, da Jack gerade so unglaublich gut aussah, mit seinem weit ausgeschnittenen Hemd, dessen dünner Stoff im Wind flatterte und sich von vorne gegen seine Brust drückte, und mit seinen Brustwarzen, die sich deutlich unter dem hellen Material abzeichneten. „Vielleicht könntest du dir eine Jacke anziehen?“
 
„Oh aber klar, das könnte ich natürlich.“ Jack grinste. „Du bist ein räudiger junger Bock.“
 
„Ich weiß, es braucht wirklich nicht viel bei mir“, gab Will zu. Er seufzte und versuchte sich stattdessen auf das Meer zu konzentrieren, während er energisch daran arbeitete jeden Gedanken an Jacks verführerischen Oberkörper aus seinen Gedanken zu verbannen. „Ich hab einfach zuviel Energie. Ich muss mich irgendwie austoben.“
 
„Du kannst jederzeit das Deck schrubben.“
 
„Na danke aber auch.“ Will hatte normalerweise kein Probleme damit bei der täglichen Arbeit zu helfen, die auf dem Schiff anfiel, und er hatte bereits am Morgen, als sie sich abfahrbereit machten, ganz ordentlich geschuftet. Im Grunde genommen hatte er auch nichts dagegen das Deck zu schrubben, aber er wusste, dass Jack ihn nur veräppelte.
 
„Es gibt da allerdings etwas, was du tun kannst“, sagte Jack. „Diese Kerle haben eine ganze Menge Kisten mit an Bord gebracht, angeblich Ausrüstung. Du und Gibbs, ihr könntet einfach mal ganz unauffällig nach unten in den Lagerraum gehen und nachsehen, was genau sich darin befindet. Sollten sie Waffen oder irgendwas anderes haben, was mir nicht gefallen könnte, dann will ich vorher darüber Bescheid wissen.“
 
Das war eine Aufgabe, mit der er klarkommen konnte. Will richtete sich auf und salutierte. „Aye, aye, Sir.“
 
Jack verdrehte die Augen. „Warum nur, gebe ich mich überhaupt mit dir ab?“
 
Will lehnte sich nahe an ihn heran und flüsterte ihm verschmitzt ins Ohr. „Na weil du mich liebst, natürlich.“
 
„Oh, mach, dass du fort kommst!“ Jack gab ihm einen spielerischen Klaps.
 
Grinsend machte sich Will auf den Weg zum Lagerraum.
 
~*~**~*~
 
„Warum muss ich mich fürs Abendessen zurecht machen?“
 
Will seufzte. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass diese erste Mission auch ihre Schattenseiten haben würde. „Alles, worum ich dich bitte, ist, dass du dir ein sauberes Hemd anziehst und dir die Haare kämmst. Das ist doch wirklich nicht zuviel verlangt, oder?“ Er selbst hatte sich bereits ein sauberes Hemd angezogen, da es im Lagerraum ziemlich staubig gewesen war. Außerdem hatte er sich schnell gewaschen und seine Haare gekämmt. „Wir haben schließlich Gäste an Bord. Es ist Tradition, dass man seinen Gästen beim Abendessen Gesellschaft leistet.“
 
Langsam zog sich Jack sein mit Salzwasser verspritztes Hemd über den Kopf, und noch langsamer zog er sich ein sauberes an. „Warum legst du überhaupt soviel Wert darauf?“
 
„Ich will einfach, dass diese Mission ein Erfolg wird, deshalb.“ Das alles musste für Jack eine ziemlich neue und ungewohnte Situation sein… sein Leben als ehrlicher und rechtschaffener Mann zu fristen. Insgeheim hatte Will Angst, dass Jack sein neues Leben möglicherweise nicht behagte, dass er sich langweilte, oder dass er irgendwann so genervt sein würde, dass er ernsthaft darüber nachdachte, den alten Weg der Piraterie erneut aufzunehmen. „Du musst dir einfach nur vorstellen, dass wir hier eine Rolle spielen, genau wie im Theater“, erklärte er. Er wollte alles daran setzen um die Sache für Jack möglichst spannend zu machen. „Tu einfach so, als wärst du einer dieser Schauspieler, auf einer Londoner Bühne. Deine Rolle heute Abend ist der großzügige Gastgeber. Du willst, dass sie glauben, du wärst einfach nur ein ganz normaler Kapitän auf einem ganz normalen Schiff, der keinerlei Geheimnisse hat, und der ihnen nicht das geringste Misstrauen entgegen bringt. Tu einfach so, als wärst du jemand, der nicht in seinem früheren Leben ein berühmter Pirat war und neuerdings als Spion arbeitet.“
 
„Oh, und das ist schon alles?“ Jack griff nach dem Kamm und runzelte die Stirn. Dann zog er ihn energisch durch sein Haar. „Autsch!“ Er riss den Kamm heraus. „Da sind überall Knoten drin.“
 
„Das ist, weil du den ganzen Tag an Deck gestanden hast. Lass mich mal.“ Will schnappte sich den Kamm. Er stellte sich dicht hinter Jack und begann dessen Haare vorsichtig zu bearbeiten, wobei er ganz unten mit den Spitzen begann. Langsam löste er alle Knoten und arbeitete sich systematisch nach oben, bis er Jacks lange Haare schließlich mit einem einzigen, abschließenden Zug durchkämmen konnte. Dann legte er den Kamm beiseite und vergrub seine Finger tief in Jacks dichter Mähne, während er ihm sanft die Kopfhaut massierte.
 
„Ahh…“ Genüsslich ließ Jack den Kopf in den Nacken fallen. „Das fühlt sich gut an.“ Er lehnte sich nach hinten und presste seinen Körper eng an Wills.
 
Auf der Stelle loderte eine Welle der Lust in Wills Leistengegend auf, doch genau in diesem Moment konnten sie ein leises Klingeln von außerhalb der Kabine hören. Will schlang seine Arme um Jacks Taille und stieß einen langen, schwermütigen Seufzer aus. „Das ist jetzt wirklich kein guter Zeitpunkt. Cotton hat gerade den Gong zum Abendessen geläutet.“
 
Jack drehte sich in Wills Armen um, sodass sie Angesicht zu Angesicht eng aneinander standen. „Ich wusste nicht, dass wir einen Gong haben.“
 
„Neuerdings haben wir einen. Es ist alles ein Teil unserer Maskerade.“
 
„Ach wirklich?“ Jack strich mit dem Finger über Wills linke Wange, dann über seine leicht geöffneten Lippen. „Ich muss sagen, ich hätte gute Lust diesen Gong kurzerhand über Bord zu werfen.“ Er legte seine Hand auf Wills Wange und lehnte sich zu einem Kuss nach vorne.
 
‚Ach zur Hölle damit.’ Gierig erwiderte Will den Kuss und zog Jack in seine Arme. Als sich ihre Zungen trafen, begann er Jacks Mund zu erforschen, während er sich zärtlich an ihm rieb. Hitze wallte durch seinen gesamten Körper und er seufzte, doch dann ertönte erneut dieser idiotische Gong. Will löste sich von Jack. „Essen.“
 
„Ich hab’ keinen Hunger.“ Erneut versuchte Jack ihn an sich zu ziehen, doch Will trat schnell einen Schritt zurück und ging zur Kabinentür.
 
„Aber du bist doch unser großzügiger Gastgeber“, erinnerte er ihn standhaft, obwohl er im Grunde seines Herzens selbst nichts lieber wollte, als sich mit Jack zu einer langen und ausgedehnten Rauferei ins Bett fallen zu lassen. „Du musst einfach nur irgendwie versuchen das Essen rumzukriegen, Jack. Denk immer dran, wenn es vorbei ist, dann können wir uns hinterher in die Kabine zurückziehen und das Dessert genießen.“
 
Jack setzte eine übertrieben huldvolle Miene auf. „Na wenn das so ist… nach dir. Aber wenn sich dieser Johnson-Mistkerl noch einmal übers Essen beschwert, darf ich ihn dann bitte umbringen?“
 
Will verdrehte die Augen, da er ohnehin ganz genau wusste, dass Jack sicherlich niemals jemanden ohne guten Grund umbringen würde. „Ja“, sagte er. „Dann darfst du ihn umbringen.“
 
„Oh, gut.“ Jack grinste. „Dann ist ja alles klar.“
 
Will erwiderte das Lächeln und ging voran nach unten zur Gäste-Kabine.
 
~*~**~*~
 
„Das Schweinefleisch braucht mehr Würze“, erklärte Reverend Johnson zwischen zwei Bissen.
 
„Ich werde gleich nach dem Essen mit dem Koch sprechen“, erwiderte Will schnell, bevor Jack noch in die Versuchung käme irgendetwas Unschönes mit dem Besteckmesser anzustellen, das er fest in seiner Faust umklammert hielt.
 
„Und dieser Wein? Sicherlich habt Ihr noch einen besseren Jahrgang auf Lager?“
 
Jack begann das Messer liebevoll zu streicheln. Will gab ihm unter dem Tisch einen festen Tritt ans Schienbein. „Ich bin mir sicher, dass wir noch einen besseren Wein haben.“
 
„Captain Sparrow.“ Der Einwurf kam von Rufus Spillett, einem kleinen, fleischigen rothaarigen Kerl, der als Zeichner bei der Expedition dabei war. „Wie lange schätzt ihr, wird diese Fahrt wohl noch dauern?“ Er wirkte besorgt und spielte nervös mit dem Essen auf seinem Teller.
 
„Das kommt ganz darauf an“, erklärte Jack.
 
Die anderen Teilnehmer der Expedition, die um den Tisch herum saßen, verstummten und warteten gespannt darauf, dass Jack fortfuhr. Will, der erkannte, dass Jack keineswegs vorhatte seine Antwort in irgendeiner Weise zu erläutern, trat ihm ein weiteres Mal gegen das Schienbein.
 
„Was?“ Jack blickte fragend in die Runde. „Oh. Richtig. Nun ja, es kommt natürlich auf den Wind an. Und auf die Stürme.“
 
„Stürme?“ Die Frage kam von einem der beiden Naturwissenschaftler, Nicholas Crane, einem großen, gut aussehenden, jungen Mann, dessen Erscheinungsbild und Benehmen Will stark an Norrington erinnerte. „Welche Stürme?“
 
„Wir haben noch immer Hurrikan-Saison.“
 
„Grundgütiger!“
 
„Das Schicksal hat es schon einmal auf uns abgesehen, als unser erstes Schiff unterging“, erklärte Johnson. „Ich vertraue fest darauf, dass es die Vorsehung nicht zulassen wird, dass wir noch einen weiteren Schicksalsschlag erleiden müssen. Ich werde unablässig dafür beten, dass wir unser Ziel wohlbehalten erreichen.“
 
Jack starrte ihn unverhohlen an. „Habt ihr auch ein Gebet, das euch Erlösung vor dem Teufel garantiert?“
 
Johnson runzelte die Stirn. „Ich bitte um Verzeihung. Was genau meint ihr damit?“
 
„Na wisst ihr denn nicht, dass die Gewässer, die ihr zu besichtigen gedenkt, verflucht sind?“
 
Lautes Gelächter kam von dem zweiten Naturwissenschaftler, einem älteren, schwerfälligen Mann mit grauer Perücke, der auf den Namen Ezekiel Harris hörte. „Verflucht? Dummes Zeug!“
 
Sydney Davis, der Kartograph, hüstelte leise. „Nun, um ehrlich zu sein, auch ich habe in der Vergangenheit schon von solchen Gruselgeschichten gehört, und ich muss zugeben, dass ich mich oft gefragt habe, ob nicht vielleicht doch was Wahres dran ist.“
 
Rufus Spillett ließ seine Gabel fallen. „Und was genau habt ihr gehört?“ Sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
 
„Ich habe gehört, dass in den Gewässern rund um das Bermuda-Dreieck schon Schiffe spurlos verschwunden sind. Es gibt keinerlei Anzeichen für Schiffbruch, und es gibt auch keine Überlebenden, die einem sagen könnten, was passiert ist. Und ich habe gehört, dass manchmal, viele Jahre später, andere Reisende geisterhafte Erscheinungen dieser Schiffe gesehen haben. Genau dieselben Schiffe, die Jahre zuvor verschwunden waren. Die Geister der verlorenen Mannschaft standen noch immer an der Reling und riefen nach Hilfe. Aber dennoch konnte ihnen kein Schiff zu nahe kommen, ohne dass sie sofort wieder verschwunden wären und nie wieder auftauchten.
 
Spillett verknotete seine Stoffserviette mit der Hand. „Geister?“
 
„So ein Unsinn“, sagte Harris. „So etwas wie Geister gibt es nicht. Diese Schiffe wurden höchstwahrscheinlich von Piraten versenkt. Aber zum Glück werden wir dieses Gesindel ganz sicher nicht zu Gesicht bekommen. Commodore Norrington hat die hiesigen Gewässer von diesen mörderischen Schweinen restlos befreit.“
 
Will hob sofort seinen Fuß und machte sich bereit, Jack einen weiteren Tritt zu geben, sollte dies notwendig sein, doch zu seiner Überraschung lächelte Jack nur zuckersüß und hob sein Glas. „Auf den Commodore.“
 
Sie alle stimmten in den Toast ein. „Auf Norrington.“
 
Jack lächelte weiter und hob sein Glas zum zweiten Mal. „Und dieser hier ist zum Wohl von Governor Swann!“
 
Als der gesamte Tisch nun auch noch einen Toast auf den Governor aussprach, begann Will sich langsam ernsthaft Sorgen zu machen. Was hatte Jack denn jetzt nun wieder vor? „Auf Swann“, sagte er mit den anderen im Chor.
 
Dann hob Jack zum dritten Mal sein Glas. „Und dieser hier ist auf unsere königliche Majestät, King George!“
 
Als sich diesmal die Gläser hoben begann es Will zu dämmern, was Jack mit dieser Sache bezweckte. Aufmerksam beobachtete er die Gesichter der Expeditionsmitglieder, während diese ihr Glas auf ihren König erhoben. Mit prüfendem Blick versuchte er irgendwelche Anzeichen von Zurückhaltung zu finden, oder etwas anderes, was möglicherweise darauf hindeutete, dass sie ihrem Herrscher gegenüber nicht loyal waren, aber er konnte nichts finden was seinen Verdacht bestätigte.
 
„Gut gesprochen“, sagte Reverend Johnson. „Und zu guter Letzt möchte ich noch einen Toast darauf aussprechen, dass unsere Reise ein Erfolg werde.“
 
„Auf den Erfolg“. Alle am Tisch tranken ein letztes Mal pflichtbewusst aus ihren Gläsern.
 
Will für seinen Teil wünschte sich zunächst jedoch erstmal nur einen erfolgreichen Verlauf des Abendessens, daher war er erleichtert, als er sah, dass sich die Mitglieder der Expedition weitgehend untereinander unterhielten. Er begann sich auf sein Essen zu stürzen.
 
Als der Hauptgang vorüber war wandte er sich an Jack und sagte leise: „Es scheint ganz gut zu laufen.“
 
Jack lehnte sich in seinem Stuhl nach hinten, mit seinem Weinglas in der Hand. Mit einer lässigen Bewegung seiner Hand sagte er: „Ich bin der Inbegriff eines großzügigen Gastgebers.“
 
„Das bist du in der Tat?!“
 
Dann aber lehnte sich Jack noch ein Stück näher an Will und senkte seine Stimme zu einem Flüstern. „Und wann genau darf ich Harris umbringen?“
 
Will seufzte. Vielleicht lief ja doch nicht alles so großartig wie er dachte. „Er ist alt, hässlich und fett“, flüsterte er als Antwort. „Ist das alleine denn nicht schon Strafe genug?“
 
Jack nickte: „Gutes Argument.“ Dann lehnte er sich wieder entspannt in seinem Stuhl zurück.
 
Eine Stunde später war das Abendessen vorüber und sie konnten sich guten Gewissens vom Tisch verabschieden, um sich endlich in Jacks Kabine zu flüchten.
 
„Ganz ehrlich? Ich glaube, ich würde lieber gegen eine spanische Galeere kämpfen.“ Jack ließ sich seufzend auf die gepolsterte Bank fallen, die an der Schiffswand entlang verlief.
 
Will setzte sich auf die Bettkante und begann damit, sich seine Stiefel von den Füßen zu ziehen. „Während des Trinkspruchs hab ich nichts Verdächtiges bemerkt. Du etwa?“
 
„Keine Spur.“ Auch Jack zog sich mit einem Ruck die Stiefel herunter. „Hast du irgendwas in ihrem Gepäck gefunden?“
 
„Nichts was irgendwie außergewöhnlich wäre“, sagte Will. „Vielleicht sind sie gar keine Spione. Vielleicht sind sie genau das, was sie vorgeben zu sein. Eine Gruppe arroganter Intellektueller, die auf eine Expedition gehen, ohne auch nur im Traum an die Gefahren zu denken, in die sie hineinschlittern könnten. Schlecht vorbereitet, noch schlechter organisiert, und unter der Führung eines Vollidioten.“
 
„Dieser Spillett gefällt mir irgendwie nicht. Er machte einen nervösen Eindruck.“
 
„Wenn du unter einem Mann wie Reverend Charles Johnson arbeiten müsstest, dann wärst du wahrscheinlich auch nervös.“
 
„Auch wieder wahr.“
 
„Dein Vater war doch wohl hoffentlich nicht so, oder?“ Will hatte erst vor kurzem die Wahrheit über Jacks Kindheit in Plymouth erfahren. Von seinem Vater, Reverend Jonathan Sparrow, und dessen Frau, einer Lehrerin. Aber andererseits, nachdem Jack erst zehn Jahre alt war, als er zum Waisen wurde, hatte er vielleicht kaum Erinnerungen an sie.
 
„Nein. Er war ein freundlicher, bescheidener Mann. Er hat sich nicht so aufgeplustert.“
 
„Reverend Johnson mag vielleicht ein Gelehrter sein, aber was die Kunst des Überlebens hier draußen betrifft, da hat er noch eine Menge zu lernen. Wenn wir erstmal in einen Sturm geraten, dann wird er sich sicher nicht mehr aufplustern.“
 
„Vielleicht wird er ja einfach spurlos verschwinden.“
 
Will war etwas verwundert über den ernsten Tonfall, den Jack anschlug. „Du glaubst doch wohl hoffentlich nicht an diese Spukgeschichten, oder?“
 
„Ich segle schon seit vielen Jahren über diese Meere, Kumpel. Und ob ich daran glaube.“ Jack stand auf und ging hinüber zu Will ans Bett. „Rutsch rüber.“
 
Will zog sich seine Kleider aus und legte sich auf seinen angestammten Platz im Bett. Kurz darauf kroch auch Jack zu ihm unter die Decke. Will drehte sich ihm zu und schlang einen Arm um seine Taille. „Glaubst du denn, dass diese Gewässer wirklich verflucht sind?“
 
„Nach der Geschichte, die wir mit Barbossa durchgemacht haben, bin ich bereit so ziemlich alles zu glauben.“
 
Okay, das war ein wirklich gutes Argument. Es war unwahrscheinlich dass der Aztekenfluch, der Barbossa und seine Männer in lebende Leichen verwandelt hatte, das einzige übernatürliche Ereignis in der Geschichte der Welt war. Will konnte nicht verhindern, dass ihm plötzlich ein Schauer über den Rücken lief und sein Griff um Jacks Taille festigte sich. Er hatte wirklich kein Problem damit Gegner aus Fleisch und Blut zu bekämpfen, aber Kreaturen aus der Zwischenwelt machten ihm wirklich eine Gänsehaut.
 
„Wenn du nach Trost suchst“, sagte Jack, „dann such gefälligst woanders.“
 
Überrascht wich Will ein Stück zurück und stützte sich auf einem Ellbogen auf. „Was ist los?“
 
„Mein Schienbein tut weh.“
 
Will lachte. „Ist das alles? Ein paar sanfte Tritte und schon bist du beleidigt? Du nimmst mich auf den Arm, oder?“
 
Jack verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“
 
„Na gut, dann werde ich wohl dafür sorgen müssen, dass der Schmerz nachlässt.“ Will drehte sich im Bett herum, sodass er an Jacks Bein heran kam, und begann seinen Schenkel zu massieren. „Na, wie fühlt sich das an?“
 
„Nett. Es gibt da nur ein Problem.“
 
„Lass mich raten. Es ist das andere Bein?“
 
„Es ist das andere Bein.“
 
„Dann dreh dich rum.“
 
„Jack drehte sich um, sodass er auf dem Bauch lag und sein Kopf auf seinen Armen ruhte. Will begann erst damit das anderes Bein zu massieren, dann wanderte seine Hand jedoch immer weiter nach oben bis zu Jacks Oberschenkel, und dann noch ein kleines Stück weiter.
 
„Ah. Ich sehe, du hattest einen Plan.“
 
„Ja, hatte ich“, gestand Will. „Soll ich weitermachen, oder soll ich mich lieber woanders umsehen?“
 
„Oh, ich denke du kannst auf diesem Kurs bleiben, Kumpel.“
 
Und genau das tat Will dann auch.
 
~*~**~*~
 
Die nächste Woche hindurch verlief alles ohne nennenswerte Zwischenfälle. Das Wetter war gut, die Winde stetig, und auf ihrem Weg gingen sie an mehreren kleinen Inseln vor Anker, sodass die Expeditionsgruppe an Land gehen konnte um Proben zu sammeln. Niemand verhielt sich sonderlich auffällig, niemand außer Davis, der sich immer wieder mit seinem Fernglas in der Hand an Deck herumdrückte. Immer wenn ein anderes Schiff in Sichtweite kam, wurde er jedes Mal furchtbar aufgeregt und kritzelte eifrig etwas in ein kleines Notizbüchlein. Eines Morgens, am Ende der Woche, beschloss Will ihn in ein beiläufiges Gespräch zu verwickeln und zu versuchen herauszufinden, was es damit auf sich hatte.
 
Eine Stunde später meldete er sich bei Jack am Helm, wo dieser das Steuerrad übernommen hatte. „Er ist harmlos.“
 
„Bist du dir da sicher?“
 
Will lehnte sich nach hinten gegen die Reling. „Er ist zwar nicht ganz richtig im Kopf, aber er ist harmlos.“
 
„Er macht sich Notizen über alle Schiffe in der Gegend.“
 
„Ich weiß. Er macht das mit allen Schiffen, überall, wo er je gewesen ist. Er hat das mit jedem einzelnen Schiff gemacht, das er gesehen hat, seit er ein kleiner Junge war. Er ist total verrückt nach Schiffen.“
 
Jacks Aufmerksamkeit blieb starr auf das Steuerrad gerichtet. „Jedes einzelne Schiff?“
 
„Jedes einzelne. Das kleine Buch, das er da immer mit sich rumträgt? Darin stehen Informationen über alle Schiffe, Fregatten, Schaluppen, Zweimaster, Pinken, Leichterschiffe, Kähne, Fähren, Feluken, Handelsschiffe, Kutter, Kriegsschiffe, Barken, oder Schoner, die ihm jemals unter die Augen gekommen sind. Und noch viele mehr. Er hat genaueste Informationen über ihre Farben, ihr Frachtgewicht, die Masten, die Segel, die Kanonen, die Anstriche und ihre Galionsfiguren. Er hat hunderte, nein vielleicht sogar tausende solcher Listen. Er hat mir erzählt, dass dieses Buch bereits das siebzehnte ist, das er begonnen hat, und er hat eine wirklich kleine Schrift. Es ist sein Hobby. Er hat es sich zum Ziel gesetzt mindestens ein Exemplar jeder Schiffs- oder Bootssorte zu erspähen, die momentan auf den sieben Meeren segelt.“
 
„Warum?“
 
Will zuckte mit den Achseln. „Es gibt keinen Grund dafür. Er mag Schiffe.“
 
„Er mag sie einfach nur?“, wiederholte Jack in einem ungläubigen Tonfall. „Und er führt nicht etwa Buch darüber um Johnson dabei zu helfen seine spanischen Verwandten auf dem Laufenden zu halten?“
 
„Ich bezweifle wirklich, dass ihm jemand freiwillig zuhören würde.“ In dieser einen, wirklich ziemlich langen Stunde, hatte Davis Will beinahe das Ohr abgekaut. „Wenn du auch nur den geringsten Anschein machst, dass du dich für sein Hobby interessieren könntest, wird er anfangen dir bis ins letzte Detail all die Boote zu beschreiben, die er je gesehen hat, seit seinem sechsten Lebensjahr - bis hin zum heutigen Tag.“
 
„Warum ist er denn dann kein Seemann geworden?“
 
„Sein Vater hat es ihm nicht erlaubt.“
 
„Ah.“ Jack grinste. „Du hast vollkommen Recht, er ist sicher kein Spion.“
 
„Weil er Schiffe mag?“
 
„Nein, weil er kein Rückgrat hat.“
 
Will nickte. „Ja, da stimme ich dir zu. Obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich mich damit besonders gut auskenne.“ Will hatte seinen Vater kaum gekannt, daher hatte er auch keine Ahnung, wie schwierig es sein könnte sich dessen Wünschen zu widersetzen. „Hast du dich deinem Vater je entgegen gestellt?“
 
„Nein, er war immer gut zu mir.“ Jack sah plötzlich irgendwie nachdenklich aus. „Meiner Mutter hab ich mich allerdings mal widersetzt. Sie spielte gerne Cembalo und war der Meinung, dass ich das auch lernen sollte.“
 
„Du hattest also kein musikalisches Talent?“ Will hatte in der Tat Schwierigkeiten sich Jack als kleinen Jungen vorzustellen, der auf einer Klaviatur herumklimperte.
 
„Ich kann nicht eine Note spielen, und den Ton halte ich auch nicht. Hast du mich je singen gehört?“
 
„Nur wenn du betrunken warst“, musste Will zugeben. „Und es war keine schöne Erfahrung.“
 
„Da siehst du was ich meine. Ich hatte kein Problem damit Geographie zu lernen, oder Geschichte, oder Mathematik, oder das Alphabet. All das war mir später auch wirklich von Nutzen. Aber bei der Musik, da zog ich eine Grenze. Mädchen lernen wie man Cembalo spielt. Ist eine Schande, dass ich keine Schwester hatte, auf die sie sich hätte stürzen können.“
 
„Elizabeth kann spielen“, sagte Will. „Manchmal, als ich noch ein Junge war, hat sie mir hin und wieder was vorgespielt. Ich fand es klang eigentlich immer sehr schön.“
 
„Aber natürlich fandest du das“, grinste Jack. „Du fandest ja auch sie immer sehr schön.“
 
„Sie ist schön.“ Während der Zeit, die sie in Port Royal verbracht hatten, hatte Will Elizabeth endlich wieder gesehen. Sie hatte fast ein Jahr bei ihren Verwandten in England verbracht, und war eben erst nach Hause zurückgekehrt. Beide waren sehr froh gewesen einander endlich wieder zu sehen, und sie hatten Stunden damit verbracht über alte Zeiten zu sprechen, und über all das, was ihnen widerfahren war, seit sie sich getrennt hatten. Naja, alles hatte er ihr nicht erzählt… er fand es noch immer nahezu unmöglich, über die wahre Natur seiner Beziehung zu Jack zu sprechen. Er war sich jedoch sicher, dass sie die Wahrheit ohnehin bereits erahnte. Er hatte sich einfach nicht bremsen können… die ganze Zeit hindurch hatte er nur von Jack und der Pearl erzählt, und von all den Abenteuern, die sie gemeinsam bestanden hatten. Will wusste, dass es ihm nicht gelungen war, die Liebe und Bewunderung, die dabei in seiner Stimme mitschwangen, zu unterdrücken. Aber Elizabeth schien sich wirklich für ihn zu freuen, weil er jetzt mit Jack auf den Meeren unterwegs war, selbst wenn in ihren Gefühlen auch ein wenig Trauer mitschwang, da sie sich von nun an nur noch selten sehen würden.
 
Sie war für ihn wie eine Schwester und er wünschte sich nichts weiter, als sie einfach nur glücklich zu sehen. Seit ihrer Rückkehr hatte sich Norrington einige Male bei ihr gemeldet, aber Will konnte nicht sagen, ob sie froh darüber war ihn wieder zu sehen, oder nicht. Kannte man Norrington erstmal etwas besser, dann war er gar kein so schlechter Kerl, dachte Will. Er war sich sicher, dass Norrington Elizabeth mit all der Hingabe und Verehrung behandeln würde, die sie verdiente.
 
„Du träumst schon wieder“, riss ihn Jacks Stimme unsanft aus seinen Gedanken.
 
„Hm? Oh ja, du hast wohl Recht.“ Will war einfach nur froh hier zu sein, bei Jack, er war froh, dass er diesen Pfad gewählt hatte. „Ich werde ihr immer irgendwie nahe stehen, weißt du. Aber es ist nicht so wie mit dir.“ Er drückte sich von der Reling weg, gegen die er sich gelehnt hatte, und kam hinüber zum Steuerrad, wo er sich neben Jack stellte. Seine rechte Hand ruhte auf Jacks Schulter.
 
Jack lächelte. „Die Leute werden reden, Kumpel.“
 
„Ach wirklich? Was glaubst du denn, was die Mannschaft dachte, als wir einen Monat munterseelenallein auf ‘unserer’ Insel verbracht haben, hm? Und was glaubst du denken sie, wenn wir jede Nacht gemeinsam in deiner Kajüte verschwinden?“
 
„Dass wir dort Vier Gewinnt spielen?“
 
Will lachte. „Du weißt doch gar nicht wie man Vier gewinnt spielt.“
 
„Na und? Weißt du es etwa?“
 
„Nein, ich hab keine Ahnung. Aber ich bin mir sicher, dass die Mannschaft längst weiß, was hier läuft, Jack.“
 
„Da hast du wahrscheinlich Recht.“ Jack legte die Stirn in Falten. „Aber wo wir schon mal darüber sprechen, glaubst du der gute Reverend Johnson hat schon bemerkt, wo genau du dich jede Nacht schlafen legst?“
 
„Wenn er es bemerkt hat, dann hat er bislang den Mund darüber gehalten.“
 
„Ich würde es wirklich hassen, mir von seinesgleichen eine Predigt über die schlimme Sünde der Sodomie anhören zu müssen.“
 
„Du weißt, dass es ein Vergehen ist, für das man gehängt werden kann“, sagte Will.
 
„Naja, er kann uns ja immer noch bei den Behörden melden, wenn seine Expedition erstmal vorbei ist. Glaubst du Norrington würde uns dafür in Ketten legen?“
 
„Dann müsste er wahrscheinlich die Hälfte seiner Marinesoldaten auf Port Royal ebenfalls in Ketten werfen“, antwortete Will. „Ich glaube, er denkt dafür viel zu pragmatisch. Ich für meinen Teil hab nicht vor, meine Nächte damit zu verbringen, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.“
 
„Ich auch nicht“, pflichtete ihm Jack bei. „Es gibt da weitaus Angenehmeres, womit ich meine Nächte verbringen will.“
 
Will blickte nach oben, als aus dem Mastkorb eine Stimme ertönte: „Land Ahoi!“
 
„Das sind dann wohl die Bermudas“, sagte Jack. „Ich vermute mal, dass sie hier eine ganze Weile bleiben wollen.“
 
Will seufzte. Er war froh darüber, dass sie bislang in keine sonderlich gefährliche Situation geraten waren, allerdings konnte er das Gefühl nicht unterdrücken, dass ihm diese Mission von Norrington irgendwie ziemlich langweilig erschien. Wenn sie doch nur ein Abenteuer finden würden, das kein allzu großes Risiko barg… einfach nur genau die Richtige Mischung, die das Leben ein wenig aufregender machte. „Ja, das werden sie wohl.“
 
„Wir könnten gemeinsam mit ihnen an Land gehen“, schlug Jack vor. „Wir könnten ihnen dabei helfen, ihre Proben einzusammeln.“
 
Das hatten sie noch nie zuvor getan, da die bisherigen Ausflüge der Expedition auf den kleineren Inseln nur von sehr kurzer Dauer gewesen waren. „Ja, lass uns das tun. Dort ist es auch leichter sie im Auge zu behalten.“
 
„Genau mein Gedanke“, sagte Jack.
 
Will drückte ihm liebevoll die Schulter bevor er loszog, um der Mannschaft beim Einholen der Segel zu helfen, während sie sich langsam und stetig der Insel näherten.
 
~*~**~*~
 
Reverend Johnson beschloss zehn Tage auf den Bermudas zu verbringen. Sie gingen vor der großen Koralleninsel vor Anker, und nachdem sie einen Tag lang damit verbracht hatten frisches Wasser und Essen an Bord zu bringen, erlaubte Jack der Mannschaft sich in Schichten frei zu nehmen und sich im Hafengebiet zu vergnügen.
 
Die Mitglieder der Expedition entschieden sich dafür ein Zimmer im Hanover Inn zu nehmen, und brachten ihre persönliche Habe sowie ihre wissenschaftliche Ausrüstung hinüber in das Gasthaus. Jack fand es sei eine gute Idee, sich gemeinsam mit Will für die Dauer des Aufenthalts ebenfalls dort ein Zimmer zu nehmen.
 
Am zweiten Morgen beobachteten sie Johnson und seine Gruppe aus dem kleinen Fenster ihres Zimmers, als sich diese dazu bereit machten, einen Ausflug in das Binnenland der Insel zu unternehmen. „Wollen wir ihnen denn nicht folgen?“, fragte Will.
 
Jack schüttelte den Kopf. „Die sind verrückt. Wir haben Moskito-Saison.“
 
„Also bleiben wir stattdessen hier und durchsuchen lieber ihre Zimmer?“
 
„Ganz genau. Sie haben die Sachen mitgebracht, die sie in ihren Kabinen hatten, und die haben wir bislang noch nicht durchsucht.“
 
Sie warteten eine gute Stunde um sicher zu gehen, dass die Expedition wirklich weit genug weg war, dann schlichen sie sich heimlich nach unten in eines der Gästezimmer. Jack bewies ungeahntes Talent im Öffnen verschlossener Türen, was Will nicht im Geringsten überraschte.
 
Den Rest des Morgens verbrachten sie damit die Sachen der einzelnen Expeditionsmitglieder zu durchsuchen, und hinterher alles wieder sorgfältig genau dort zu verstauen, wo sie es gefunden hatten. Im Zimmer von Sydney Davis fanden sie einen Sack, der all seine siebzehn Schiffs-Notizbücher enthielt, zurückdatiert bis in seine Kindheit, wodurch sie zumindest den Beweis hatten, dass der Mann hinsichtlich seines seltsamen Hobbys die Wahrheit gesagt hatte. In den anderen Zimmern fanden sie jedoch nichts, was auch nur im Geringsten von Interesse war.
 
Danach nahmen sie ein kleines Mahl im Gastraum ein, bevor sie sich zu einem ausgedehnten Spaziergang am Strand aufmachten. Der Tag war warm genug, dass sie sich ohne Hüte oder Mäntel auf den Weg machen konnten. Ungefähr eine Meile von der Stadt entfernt fanden sie eine kleine, abgeschottete Bucht, wo sie sich niederließen. Jack ließ sich nach hinten in den Sand fallen und schob sich seine Stiefel von den Füßen. Eine sanfte Brise kräuselte das Wasser und ein paar vereinzelte Dattelpalmen warfen gerade ausreichend Schatten.
 
Will ließ sich neben Jack im Sand nieder und zog sich ebenfalls seine Stiefel aus. „Dieser Ort erinnert mich an unsere Insel. Wenn man hier ist, ist es schwer zu glauben, dass es überhaupt noch andere Menschen in der Nähe gibt.“
 
„Ich wünschte es gäbe sie nicht“, antwortete Jack.
 
Es stimmte. Jeden Augenblick bestand die Möglichkeit, dass jemand vorbeikäme und sie überraschte. So gesehen, war diese Bucht nicht einmal annähernd mit ihrer kleinen, privaten, unbewohnten Insel vergleichbar. Hier konnten sie sich nicht dieselben Freiheiten herausnehmen. Sich am Strand zu lieben, war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen geworden, besonders in der Nacht, unter einem Baldachin aus Sternen.
 
„Wir können dorthin zurückgehen, wenn diese Mission erst vorbei ist“, schlug Will vor.
 
„Diese Mission hier“, erklärte Jack mit Nachdruck, „ist absolute Zeitverschwendung. Ich hätte gute Lust einfach drauf zu pfeifen.“
 
„Aber das wirst du nicht tun.“
 
„Werde ich nicht?“
 
„Nein“, antwortete Will. „Ich wünschte auch es wäre nicht ganz so langweilig, aber wir müssen das jetzt durchstehen, um mit Swann und Norrington auf gutem Fuß zu bleiben. Vielleicht wird die nächste Mission ja aufregender.“
 
Jack grinste. „Das Deck zu schrubben wäre aufregender als das.“
 
„Es tut mir Leid, Jack.“
 
„Warum? Es ist doch nicht deine Schuld.“
 
„Ist es nicht? Wäre ich nicht gewesen, dann wärst du jetzt vielleicht noch immer ein Pirat.“ Will wusste, dass Jack hauptsächlich deshalb eine rechtschaffene Arbeit angenommen hatte, um ihrer beider Hälse aus der Schlinge des Henkers zu ziehen. Er wusste auch, dass Jack sich nicht viel darum geschert hätte sie beide in Gefahr zu bringen, hätte er sich nicht verliebt.
 
„Ja, vielleicht wäre ich das.“ Jack schlang seine Arme um die Beine und ließ das Kinn auf seine angewinkelten Knie sinken, während er gedankenverloren hinaus aufs Meer starrte. „Vielleicht wäre ich aber jetzt auch tot, wärst du nicht gewesen.“
 
„Dasselbe kann ich wohl auch von mir behaupten. Mehr als nur einmal.“
 
„Du hast schon irgendwie ein Talent dafür in Schwierigkeiten zu geraten, nicht wahr?“
 
Will lächelte, als er den liebevollen Unterton in Jacks Stimme hörte. „Das stimmt, ich geb’s zu. Ich bin jung und viel zu voreilig. Ich kann’s nicht ändern. Vielleicht wird mich dieser Job ja ein bisschen ruhiger und überlegter machen. Wenn das Leben als Spion immer so langweilig ist, dann ist das durchaus möglich.“
 
„Also gerade jetzt im Moment finde ich es gar nicht mal so schlimm. Mir gefällt’s hier.“ Jack streckte seine Beine aus und lehnte sich nach hinten auf die Ellbogen. Mit seinen nackten Zehen wühlte er im feinen Sand. „Wärme, das Meer, Sand, nette Gesellschaft. Ich glaube hier könnt ich eine Weile bleiben, ohne mich zu langweilen.“
 
„Ja, es ist nett.“ Auch Will streckte sich aus und genoss die Wärme der Mittagssonne, vermischt mit einer leichten Brise, die verhinderte, dass ihnen zu heiß wurde. Dann hörte er das allzu vertraute Kreischen von oben. Er seufzte. „Mal abgesehen von den blöden Seeschwalben.“
 
Jack lachte. „Eines schönen Tages, Kumpel, wirst auch du dich an sie gewöhnen. Von alleine weggehen werden sie sicher nicht.“
 
Während der Zeit, die sie auf ihrer Insel verbracht hatten, hatte sich Will tatsächlich irgendwann wohl oder übel mit dem lästigen Federvieh abgefunden, da sie ohnehin überall waren. Wahrscheinlich hätte ihr endloses Kreischen ihn irgendwann in den Wahnsinn getrieben, hätte er nicht mit der Zeit gelernt, den furchtbaren Krach einfach zu ignorieren. Aber inzwischen hatten sie wieder genug Zeit auf See verbracht, wo man die Vögel nur selten sah, dass er völlig vergessen hatte, welch eine nervige Schar sie sein konnten. „Sie sind die wahren Herrscher der Karibik.“
 
Aber alles in allem hatte Jack Recht. Dies hier war wirklich eine hübsche kleine Bucht, und er hatte sicherlich nichts dagegen, ein Weilchen zu bleiben. Will legte sich auf den Rücken und streckte alle Viere von sich. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen vor dem blendenden Sonnenlicht von oben. Er lauschte der sanften Brise, die die Palmenzweige im Wind wiegen ließ, und dem Rauschen der Wellen. Vom regelmäßigen Auf und Ab der Brandung ließ er sich schließlich einlullen.
 
Er war wohl eingenickt, denn plötzlich bemerkte er, dass der Wind kühler wurde. Als er die Augen öffnete, war die Sonne ein ganzes Stück weiter auf den Horizont zugewandert. Er drehte sich um und sah in Jacks Richtung, wo dieser auf der Seite zusammen gerollt lag und schlief. Er hatte die Hände unter seine Wange geklemmt und sah so friedlich aus, so entspannt, dass Will der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn ein Weilchen zu betrachten. Dann begann auch Jack sich zu regen. Er bewegte sich und öffnete die Augen.
 
Langsam richtete er sich auf, gähnte und streckte seine Glieder. „Erinnerst du dich manchmal an das, was du träumst?“
 
„Manchmal“. Will setzte sich ebenfalls und griff nach seinen Stiefeln. „Meistens machen meine Träume aber kaum Sinn. Hattest du gerade einen?“
 
„Mmh. Ich bin geflogen.“ Jack zog sich seine Stiefel an. „Ich war ganz weit oben und bin über die Insel geflogen.“ Er grinste. „Vielleicht war ich ja eine Seeschwalbe.“
 
Will lachte. „So lange du nicht kreischst, soll’s mir recht sein.“ Er hatte seine Stiefel angezogen und stand auf. Er reichte Jack eine Hand, um ihn hoch zu ziehen.
 
„Nein. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich überhaupt irgendwelche Geräusche gemacht habe. Aber es hat sich gut angefühlt, das Fliegen. Ich war vollkommen frei.“
 
„So, wie es sich anfühlt auf dem Meer zu segeln?“
 
„Ja, so ähnlich. Nur noch viel stärker.“
 
Gemeinsam liefen sie den Strand entlang zurück in die Stadt. Sie redeten nicht viel, sondern genossen einfach nur die Gegenwart des anderen. Als sie beim Gasthaus ankamen, war die Sonne schon dabei unter zu gehen und badete den Himmel in den schillerndsten Farben… orange, pink und rot. Die Pearl lag vor Anker und ihr neuer, blau-gelber Anstrich glänzte im Licht der untergehenden Sonne.
 
Im Gasthaus wurde ihnen ein köstliches Abendessen aus Roast Beef und Kartoffeln serviert, und gerade als sie dabei waren aufzuessen, kamen auch Reverend Johnson und seine Männer von ihrem Tagesausflug zurück.
 
„Wir haben wirklich grandiose Fortschritte gemacht“, erklärte Johnson ihnen. „Ich bin hocherfreut über all die Proben, die wir einsammeln konnten. Die Flora und Fauna hier in dieser Gegend, ist wirklich atemberaubend in all ihrer Variation und Vielfalt.“
 
„Es würde mich wirklich interessieren sie zu sehen“, sagte Will, da er hoffte dadurch eine weitere Gelegenheit zum Herumschnüffeln zu bekommen. „Wer ist für die Aufbewahrung der Proben verantwortlich?“
 
„Mr. Crane hat sie“, antwortete Johnson. „Kommt einfach nach dem Abendessen in sein Zimmer. Ich bin mir sicher, er ist überglücklich Euch alles präsentieren zu dürfen.“
 
„Vielen Dank.“ ‘Na wunderbar’, dachte Will. In was hab ich mich da nur reingeritten? Eine weitere Stunde Geschwafel, mit ähnlich langweiligen Details wie die, die Davis über seine kostbaren Schiffssichtungen gehalten hatte. „Darauf werde ich sicher zurückkommen.“
 
Johnson zog los um sich sein Abendessen zu holen. Jack schüttelte bekümmert den Kopf. „Du hast dich diesem Spionen-Spaß viel zu sehr verschrieben.“
 
„Wir werden schließlich dafür bezahlt, schon vergessen?“
 
„Ah, auch wieder wahr.“ Jack sah sehr zufrieden aus. „Stimmt ja, Norrington hat uns dafür bezahlt, dass wir den ganzen Tag am Strand lagen. Lustige kleine Welt, denkst du nicht auch?“
 
Will seufzte. „Ich vermute mal, du wirst mich wohl nach dem Abendessen nicht begleiten, wenn ich Crane einen Besuch abstatte?“
 
Jack warf einen Blick hinüber zum anderen Tisch, wo Nicholas Crane gerade saß und sein Abendessen zu sich nahm. „Er ist ein ganz schneidiger Kerl, was meinst du? Vielleicht sollte ich doch besser mitkommen.“
 
„Oh bitte, du machst dir doch wohl nicht ernsthaft Sorgen, oder?“ Will fand die Idee, dass Jack möglicherweise einen Anflug von Eifersucht bekommen könnte, wirklich witzig, allerdings war er sich relativ sicher, dass Jack ihn nur auf den Arm nehmen wollte. „Zuerst mal erinnert er mich viel zu sehr an Norrington.“ Er hielt inne. Vielleicht war es an der Zeit Jack selbst ein wenig zu veräppeln. „Oder findest du etwa, dass auch Norrington ein schneidiger Kerl ist?“
 
Jack verdrehte die Augen. „Nur was Frauen angeht, Kumpel.“
 
Will grinste. „Kannst du dir vorstellen, wie er versucht romantisch zu sein?“ Er nahm eine steife Haltung und einen leicht näselnden Tonfall an. „Ich muss gestehen, dass ich begonnen habe mich aufgrund ihres lieblichen Auftretens in gewisser Weise zu ihnen hingezogen zu fühlen. Wenn sie gestatten, würde ich diese Gefühlsregung gerne weiter verfolgen, bis hin zu ihrer Vollendung.“
 
Liebliches Auftreten?“ Jack hob eine Augenbraue. „Hast du in letzter Zeit etwa heimlich Kitschromane gelesen, ohne mir davon zu erzählen?“
 
„Elizabeth hat mir immer gerne welche vorgelesen. Ich schwör’s dir, wann immer es ging hab ich versucht sie davon abzuhalten, aber sie konnte sehr hartnäckig sein, wenn sie wollte.“
 
„Norrington hat noch immer ein Auge auf sie geworfen“, sagte Jack. „Arme Elizabeth.“
 
Trotz seiner Lästereien wusste Will, dass Norrington im Grunde genommen ein guter Mann war. „Ganz im Gegenteil. Wenn man ihren Dickschädel bedenkt, würde ich wohl eher sagen ‚armer Norrington’.“
 
„Ah. So gesehen hast du auch wieder Recht.“
 
„Und tief in seinem Herzen ist er ein guter Mann“, fügte Will hinzu.
 
„Naja, immerhin hat er im letzten Monat ausnahmsweise mal nicht versucht, mich an den Galgen zu bringen“, antwortete Jack. „Das zumindest, muss man ihm zugute halten.“
 
Kurze Zeit später hatten sie ihr Abendessen beendet und zogen sich auf ihr Zimmer zurück, wo sie eine weitere Stunde warteten, bis sie die anderen Expeditionsmitglieder auf dem Korridor hörten. Sie gingen hinaus und winkten Nicholas Crane zu, der sich nur zu gerne dazu bereit erklärte, ihnen all die Proben zu zeigen, die er über den Tag hinweg gesammelt hatte.
 
In seinem Zimmer hatte Crane einen großen, runden Tisch, auf dem er bereitwillig seine Sammlung ausbreitete. Jack und Will setzten sich dicht nebeneinander an die eine Seite des Tisches, während Crane ihnen gegenüber stand, und immer wieder seine Gläser und Gefäße hochhielt, während er ihnen seine Funde erläuterte.
 
„Dies hier ist ein Eumeces longirostris.“ Er stellte ein Gefäß auf den Tisch, das eine etwa fünfzehn Zentimeter lange, gestreifte Eidechse enthielt. „Besonders auffällig ist hier der wundervolle blaue Schwanz. Diese Farbgebung kann man nur bei ganz jungen Exemplaren der Spezies entdecken.“
 
Will nahm das Glas in die Hand, um die konservierte Kreatur aus der Nähe zu betrachten. Er war sich nicht sicher, was er sagen sollte.
 
„Ihr seid also scharf auf Eidechsen?“, fragte Jack.
 
„Hm? Oh nein, nicht im Speziellen. Ich selbst bin eigentlich eher Entomologe. Hier, diese da sind mehr mein Fachgebiet.“ Er setzte ein hölzernes Tablett auf dem Tisch, das in mehrere kleine Fächer unterteilt war, alle ungefähr zwei bis drei Zentimeter groß. In jedem der Bereiche waren säuberlich jeweils ein Käfer, eine Spinne, ein Schmetterling oder ein anderes Insekt, das Will nicht genau zuordnen konnte, auf Nadeln gespießt.
 
„Nett“, sagte Will. „Habt ihr die alle heute gefangen?“
 
„Allerdings. Diese Insel ist ein wahres Paradies an Insekten. Seht euch nur diese Seidenspinne an. Sie hat eine ganz wundervolle Farbe, nicht wahr?“
 
Will nickte. Die Spinne, auf die Crane deutete, war leuchtend gelb. „Ist sie giftig?“
 
„Nein, bei der müsst ihr euch keine Sorgen machen. Ich vermute, die lästigsten Kreaturen in dieser Gegend, sind wohl die roten Landkrabben. Ihr Biss kann ziemlich schmerzhaft sein. Außerdem gibt es da noch Kakerlaken, von denen einige bis zu fünf Zentimeter lang werden und fliegen können. Insekten sind schon wirklich faszinierende Lebewesen, nicht wahr? Diese Spinnen hier, zum Beispiel. Die Eingeborenen glauben, dass Hurrikan-Gefahr besteht, wenn die Seidenspinnen ihre Netze dicht am Boden bauen.“
 
„Und ist das wahr?“ Jack starrte auf die gelbe Spinne. „Wo habt ihr die hier gefunden?“
 
„Es besteht kein Grund zur Sorge“, antwortete Crane. „Ihr Netz war gute sechs Fuß über dem Erdboden.“
 
„Bin froh das zu hören“, sagte Will. „Und Harris? Was sammelt er?“
 
„Oh, er ist unser Flora-Experte. Er ist vollkommen überwältigt angesichts dieser reichhaltigen Fülle von Bäumen und Blumen, die es hier gibt. Unglücklicherweise jedoch sind die meisten von ihnen nicht endemisch.“
 
Will runzelte die Stirn. „Sie sind nicht was?“
 
„Sie sind nicht einheimisch. Ein großer Teil der Pflanzenarten, sowohl Fauna als auch Flora, wurde über die Jahre hinweg von den verschiedenen Kolonisten und Siedlern hierher gebracht. Glücklicherweise ist es ihnen jedoch nicht gelungen das Wachstum der Juniperus bermudiana einzudämmen, was für die einheimische Wirtschaft natürlich ein Segen ist.“
 
Jack begann mit seinen Fingern auf der Tischplatte zu trommeln, ein sicheres Zeichen dafür, dass er begann sich zu langweilen. Fast hätte Will ihn abermals gegen das Schienbein getreten, aber er konnte sich gerade noch zurückhalten. Stattdessen räusperte er sich. „Ich fürchte die lateinischen Begriffe sind uns nicht ganz geläufig.“
 
„Ah, verzeiht, natürlich. Ich bezog mich auf die einheimischen Zedern-Bäume. Sie sind ungemein wichtig für Handel und Schiffsbau.“
 
„Das wiederum verstehe ich“, sagte Will. Ohne darüber nachzudenken legte er geistesabwesend eine Hand auf Jacks Oberschenkel, wie er es oft tat, wenn sie alleine waren. Dann jedoch bemerkte er, wie Crane ihm einen merkwürdigen Blick zuwarf, und zog seine Hand schnell wieder zurück. Er räusperte sich erneut. „Und wie lange studiert ihr schon diese… äh…“ Er zögerte, da er sich nicht mehr genau daran erinnerte, wie Crane sein Fachgebiet genannt hatte.
 
„Entomologie“, kam Jack ihm mühelos zu Hilfe.
 
Wieder einmal war Will beeindruckt, wie schnell Jack neue Begriffe aufschnappen und sie sich aneignen konnte. Er wusste, dass Jack als Kind eine gute Erziehung genossen hatte, aber Will gefiel die Tatsache, dass er auch jetzt noch immer und überall bereit war dazuzulernen, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Oft genug war Jack gezwungen aufmerksam zuzuhören oder einen scharfen Blick zu bewahren, wenn es um sein eigenes Überleben ging. Je mehr er über die Welt und die Leute darin wusste, desto schneller konnte er sich auf eine Veränderung, auf eine Gefahr oder auf eine unerwartete Gelegenheit einstellen. Aber manchmal war der Grund für seine Aufmerksamkeit auch nur einfach reine Neugierde und Wissensdurst, der Spaß und die Befriedigung, die es ihm verschaffte, etwas Neues dazu zu lernen.
 
„Oh, ich studiere erst seit drei Jahren“, sagte Crane. „Ich war siebenundzwanzig, als mein Interesse für dieses Gebiet erstmals erwachte. Wohl eher spät, wenn es darum geht die eigene Berufung zu finden. Meine Jugend habe ich relativ untätig verbracht und meine Zeit mit unsinnigen Beschäftigungen vergeudet. Ich stamme aus einer wohlhabenden Familie, wo niemand von mir erwartete eine Karriere außerhalb des Gesetzes oder der Kirche anzustreben. Für beides konnte ich mich jedoch nie wirklich begeistern, weshalb ich das Geld meines Vaters lieber beim Pferderennen, oder für feine Kleidung und Frauen verschwendete. Dann investierte mein Vater in einige verheerende Projekte und wir verloren alles. Für mich war das eine sehr ernüchternde Erfahrung. Ich ließ meine missratene Jugend hinter mir und begann mich voll und ganz meinen Studien zu widmen, wobei ich in Reverend Johnson einen wirklich großartigen Mentor fand. Er war sehr gut zu mir.“
 
„Ihr habt da wirklich saubere Arbeit geleistet“, sagte Jack, während er die aufgespießten Insekten prüfend begutachtete.
 
„Ich danke euch. Es erfordert viel Geschick die Proben aufzuspießen, ohne ihren Panzer zu beschädigen. Es wird oft als eine Art Kunstform betrachtet.“
 
„Ihr sammelt also keine lebenden Insekten?“, fragte Will.
 
„Nein. Denn dazu müssten wir Wege finden sie am Leben zu erhalten, bis wir wieder zurück sind, in Virginia.“ Crane ergriff die Box und schloss den Deckel. „Ich fürchte der Umgang mit lebenden Kreaturen ist einfach viel zu schwierig.“
 
Jack grinste ihn breit an und zeigte seine Goldzähne. „Da habt ihr absolut Recht.“
 
Will gab ihm unter dem Tisch einen festen Tritt.
 
~*~**~*~
 
Früh am nächsten Morgen wurde die friedliche Ruhe im Gasthaus durch einen schrillen, markerschütternden Schrei gestört.
 
Hastig schlüpfte Will in seine Hose und warf sich ein Hemd über, bevor er aus dem Zimmer hinaus, auf den Korridor stürzte. Jack war ihm dicht auf den Fersen. Alle Räume auf ihrer Etage waren an Mitglieder der Expedition vermietet, die nun der Reihe nach in unterschiedlichen Stadien der Verwirrung und Besorgnis aus ihren Zimmern eilten. Schnell zählte Will die Anwesenden durch. Zwei der Männer fehlten.
 
„Harris und Spillett“, sagte Jack hinter ihm.
 
Das Zimmer von Harris war ganz am anderen Ende des Flurs. Ein Zimmermädchen stürzte rückwärts aus dem Raum, keuchend und mit kalkweißem Gesicht. Sie deutete auf die Tür. „Er ist tot! Ermordet!“ Dann drehte sie sich um und rannte die Bediensteten-Treppe nach unten.
 
Alle hasteten den Korridor entlang zu Harris’ Zimmer. Reverend Johnson betrat den Raum als erster, dann hielt er die anderen mit einer Handbewegung zurück. Will und Jack standen im Flur und drückten sich eng an die offene Tür heran, während sie versuchten, vorbei an Davis und Crane, die die Tür versperrten, einen Blick nach drinnen zu erhaschen. Schließlich gab Johnson den Eingang frei und vorsichtig kamen alle nach drinnen, wobei sie in der Nähe der Tür blieben.
 
Harris lag im Nachthemd vor seinem Bett, auf dem Rücken. Etwas, das aussah wie eines der Tranchier-Messer aus dem Esszimmer, steckte bis zum Anschlag in seiner Brust. Blut sickerte durch das weiße Nachthemd hindurch und sammelte sich in einer Pfütze auf dem Teppich. Harris’ toten Augen starrten mit leerem Blick an die Decke.
 
Johnson zog das Laken vom Bett und bedeckte damit den Leichnam. „Möge Gott seiner armen Seele gnädig sein.“
 
„Und möge der Teufel seinen Mörder holen!“, rief Crane.
 
Will trat einen Schritt nach vorne und sah sich aufmerksam im Zimmer um. „Wurde etwas gestohlen?“
 
„Ich weiß genau, was er bei sich hatte“, sagte Crane. „Ich werde nachsehen.“ Schnell ging er Harris’ Habseligkeiten durch, seine Kleidung, und seine Sammlung an Proben und Fundstücken. „In seiner Manteltasche sind einige Münzen und eine goldene Uhr. Alle Proben, die er gestern gesammelt hat und an die ich mich erinnern kann, sind noch hier. Nicht dass sie für irgendjemand sonst einen Wert darstellen würden.“
 
„Und wo ist Spillett?“, fragte Jack.
 
Die Gruppe richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Zimmer von Rufus Spillett, das direkt gegenüber auf der anderen Seite des Korridors lag. Auf ihr Klopfen hin kam keine Reaktion und die Tür war verschlossen. Jack wollte sich schon aufmachen das Schloss zu knacken, aber Will hielt ihn zurück. Er sah, dass der Wirt des Gasthauses schon über den Flur auf sie zukam, und er wollte den anderen nicht zeigen, wie geschickt Jack war, wenn es darum ging verschlossene Türen unbemerkt zu öffnen.
 
„Was ist hier los?“, grollte der Wirt. „Mein Zimmermädchen ist völlig hysterisch!“
 
„Und das aus gutem Grund.“ Johnson geleitete den Mann zu Harris’ Zimmer. Nachdem sich der Wirt von seinem Schock erholt hatte, führte ihn Johnson zu Spilletts Tür. „Wir hoffen, dort nicht eine weitere, ähnliche Szene zu finden, aber um sicher zu gehen, benötigen wir den Schlüssel.“
 
„Ja, ja, natürlich.“ Der Wirt zog seinen Hauptschlüssel hervor und drehte ihn im Schloss. Die Tür schwang nach innen.
 
Sie fanden Rufus Spillett lebend vor, allerdings ohne Besinnung. Er lag, alle Viere von sich gestreckt, in seinem Lehnstuhl, halb sitzend, halb nach unten auf den Boden gerutscht, und schnarchte, dass sich die Balken bogen. In einer Hand hielt er eine Weinflasche fest umklammert. Seine andere Hand, genau wie die Vorderseite seines Hemdes, war über und über mit Blut verschmiert. Dennoch konnte man auf den ersten Blick keine offensichtliche Verletzung entdecken.
 
„Er muss Harris im Suff getötet haben“, sagte Sydney Davis.
 
„Warum sollte er so etwas tun?“, fragte Nicholas Crane. „Soweit ich weiß, gab es zwischen den beiden keinerlei Unstimmigkeiten.“
 
„Ihr müsst zugeben“, sagte Davis, „dass Harris nicht gerade der angenehmste Bursche war. Vielleicht hatten die beiden einen Streit, von dem wir nichts wussten. Mr. Spillett erschien mir in letzter Zeit auffallend nervös.“
 
„Ja, das ist mir auch aufgefallen“, antwortete Reverend Johnson. „Dies hier ist ein wahrhaft tragischer Vorfall. Wir sollten für seine arme Seele beten.“ Dann wendete er sich dem Gastwirt zu. „Guter Mann, bitte lasst nach den zuständigen Behörden rufen. Ich fürchte, wir müssen unseren Kameraden in deren Hand und Gerichtsbarkeit übergeben.“
 
Der Wirt machte sich eiligst auf den Weg.
 
Will gefiel es ganz und gar nicht, mit welcher Leichtigkeit es ihnen gelungen, war den angeblichen Mörder zu entlarven. Irgendwie schien ihm alles viel zu einfach. „Woher wisst ihr, dass Spillett nicht genau wie Harris einfach nur ein Opfer ist? Woher wisst ihr, dass nicht ein anderer, nämlich der echte Mörder, Spillett einfach nur betrunken gemacht hat, um hinterher alles so aussehen zu lassen, als habe Spillett die Tat begangen? Ist Spillett denn jemand, der regelmäßig trinkt?“
 
„Er trinkt nicht mehr als wir anderen auch“, antwortete Davis. „Ein interessanter Einwand, Mr. Turner. Wir sollten auch den Magistraten auf diese Punkt aufmerksam machen.“
 
Johnsons Miene war voller Entsetzen. „Aber das würde ja bedeuten, dass der echte Mörder noch immer unter uns weilt!“
 
„Nicht unbedingt“, sagte Crane. „Vielleicht hatte Harris ja auch einen Streit mit jemandem außerhalb der Gruppe. Jeder Beliebige hätte sich letzte Nacht Zugang zu unseren Zimmern verschaffen können. Und die Schlösser an den Türen erscheinen mir auch recht einfach. Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht allzu schwierig sein sollte, eines oder mehrere davon zu knacken.“
 
„Wir sollten dann vielleicht besser zurück aufs Schiff gehen“, antwortete Davis. „Dort wären wir sicherer.“
 
„Nicht, wenn Nicholas falsch liegt“, antwortete Johnson. „Nicht, wenn der Killer einer von uns ist.“ Er blickte erneut hinüber zu Rufus Spillett, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, ich werde die Expedition nicht vorzeitig beenden, auch nicht aufgrund dieser Tragödie. Es liegt noch immer viel Arbeit vor uns, die wir erledigen müssen. Die Bediensteten können uns beim Sammeln der Proben behilflich sein. Wir werden nicht nachlassen und unsere Expedition fortführen, sind die Umstände auch noch so widrig. Aber zuerst wollen wir uns in meinem Zimmer versammeln, wo ich uns ein wenig aus dem Buch des Herrn vorlese.“
 
Er eilte hinaus, achtete jedoch darauf die Tür zu Spilletts Zimmer genauso sorgfältig zu verschließen, wie die Tür zum Zimmer des Toten. Will und Jack hielten sich im Hintergrund, bis die gesamte Gruppe sicher im Zimmer des Reverends verschwunden war.
 
„Gut“, sagte Jack und rieb sich die Hände. „Jetzt können wir endlich Spione sein.“ Er eilte zurück in ihr Zimmer, um den kleinen Dietrich zu holen, den er schon zuvor benutzt hatte. Dann ging er zu Spilletts Tür und öffnete das Schloss.
 
Spillett schlief weiter und erwachte selbst dann nicht, als sie seine gesamte Habe und seine Kleidung durchsuchten. Er war der Zeichner der Expeditionstruppe und Will fand mehrere Hefte mit Skizzen. Er blätterte sie durch und fand mehr als ein Dutzend akkurate Zeichnungen von Pflanzen, Tieren und Insekten. Dann, im zweiten Notizbuch, bemerkte er plötzlich etwas.
 
„Sieh mal.“ Er legte das geöffnete Buch auf den Tisch, damit auch Jack es sehen konnte. „Hier ist eine Seite rausgerissen worden, aber nicht komplett. Da ist immer noch ein kleines Stück einer Ecke übrig, wo was draufsteht.“
 
Jack betrachtete prüfend die winzigen Striche auf dem Fetzchen Papier. „Das hier sind Breitengrade. Das war einmal eine Karte.“
 
„Ich dachte Davis wäre der Kartograph der Truppe, nicht Spillett.“
 
„Ist auch so. Es gibt absolut keinen Grund, weshalb der da irgendwelche Karten zeichnen sollte.“
 
Will schloss das Notizbuch. Er blätterte auch die anderen durch, konnte jedoch weder dort noch irgendwo sonst im Zimmer etwas anderes Verdächtiges bemerken. Alles schien völlig normal. Sie gingen hinüber in Harris’ Zimmer, um es auf die gleiche Weise zu durchsuchen, aber auch dort gab es nichts, was darauf hindeutete, dass Harris mehr war, als ein einfacher Pflanzensammler.
 
Gerade noch rechtzeitig schafften sie es zurück in ihr eigenes Zimmer, bevor sie hörten, wie der Wirt zurückkam. „Jetzt liegt es nicht mehr in unserer Hand“, sagte Will, als er die Tür hinter sich schloss. „Was glaubst du ist passiert?“
 
Jack setzte sich auf die Bettkante und zog sich seine Stiefel an, da er durch die Hast am Morgen bisher nicht die Zeit dazu gefunden hatte. „Schwer zu sagen. Spillett war nervös, aber nervöse Männer sind meist Feiglinge. Und er ist klein. Wie soll er mit diesem großen, schweren Kerl fertig geworden sein?“
 
„Das hab ich mich auch schon gefragt. Man sollte meinen, ein Mann wie Harris könnte jeden in der Truppe in Schach halten.“
 
„Vielleicht. Aber Crane ist jung, groß und wohl auch stark genug.“
 
Will dachte einen Moment lang darüber nach. Er selbst hielt Crane für harmlos, vor allem wegen der Dinge, die Crane ihnen in der vergangenen Nacht über seine Herkunft erzählt hatte. Er kam aus einer vornehmeren Schicht der Gesellschaft, einem Bereich, in dem es nur selten zu Tätlichkeiten und Gewaltverbrechen kam. „Nur weil er einen Käfer akkurat auf eine Nadel spießen kann, heißt das noch lange nicht, dass er dazu fähig ist, einem Mann ein Messer ins Herz zu rammen. Ich denke, es ist wahrscheinlicher, dass der Täter ein Fremder ist.“
 
„Das glaube ich nicht.“ Jack stand auf und sah sich im Zimmer nach seiner Schärpe um. Er fand sie und band sie um seine Hüfte. „Nicholas Crane war früher einmal ein reicher Mann. Und jetzt ist er das nicht mehr.“
 
Will sammelte seine eigenen Stiefel zusammen und schlüpfte hinein. „Was meinst du damit? Harris wurde schließlich nicht ausgeraubt.“
 
„Nein. Aber Spillett.“ Noch immer sah sich Jack suchend um.
 
„Was wurde ihm denn gestohlen? Wir wissen doch nicht einmal mit Sicherheit, dass auf der fehlenden Seite im Notizbuch überhaupt eine Karte war. Und selbst wenn, warum ist das so wichtig?“
 
„Hier draußen sind Karten meist nur für Seeleute von Bedeutung“, sagte Jack. „Aber es gibt da noch eine andere Sorte Mann, abgesehen von einem Seemann, der eine mit sich tragen könnte.“ Er schlug die Bettdecke zurück. „Wo ist meine Schwertscheide?“
 
„Hier.“ Will warf sie ihm zu. „Von welcher Sorte Mann sprichst du?“
 
Jack runzelte die Stirn. „Von einem Schatzsucher. Und wo ist mein Gürtel?“
 
Will fand auch seinen Gürtel für ihn. „Eine Schatzkarte? Ist es das, worauf du hinaus willst?“
 
„Ganz genau.“ Jack schlang den Gürtel oberhalb der Schärpe um seine Hüfte und befestigte die Scheide daran. „Auf jemanden, der früher einmal reich war, könnte eine Schatzkarte durchaus eine gewisse Anziehung ausüben. Reiche Leute können einem armen Leben meist nicht viel abgewinnen. Ich selbst hab in meiner Zeit genug von ihnen ausgeraubt, um das zu wissen.“
 
„Aber er sagte, er würde seit drei Jahren studieren. Als er uns die Proben zeigte, die er gesammelt hat, da schien er echt mit Leidenschaft bei der Sache zu sein.“
 
„Vielleicht hat er uns aber auch nur was vorgespielt“, meinte Jack. „So wie die Leute in London auf der Bühne. So, wie der großzügige Gastgeber, nur spielt uns dieser Kerl da stattdessen den hingebungsvollen Gelehrten vor. Hast du daran nicht gedacht?“
 
„Nein, das kann ich wirklich nicht behaupten. Dazu hat er mich viel zu sehr gelangweilt.“
 
„Und ein Mann, der so langweilig ist, kann unmöglich ein Mörder sein?“
 
Wahrscheinlich ist er kein Mörder“, sagte Will. Aber andererseits wäre es wohl auch nicht sehr klug, in seiner Nähe nicht wachsam zu sein. Genauso wenig wie bei den anderen. „Wie finden wir die Wahrheit heraus?“
 
„Das ist eine gute Frage.“
 
Aber noch bevor sie hinsichtlich ihrer weiteren Vorgehensweise einen Plan aushecken konnten, klopfte es an der Tür. Will war augenblicklich wachsam. „Wer ist da?“
 
„Das Zimmermädchen, Sir“, kam die Stimme einer jungen Frau als Antwort.
 
Will entspannte sich und öffnete die Tür. Er taumelte einen Schritt zurück, als ihm das Zimmermädchen durch einen kräftigen Schubs von hinten in die Arme fiel. Im Türrahmen stand Nicholas Crane, mit einer Pistole in der Hand. Als Will sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, zielte Crane mit der Waffe direkt auf seinen Kopf.
 
Jack hatte überhaupt keine Zeit zu reagieren. Er hatte es nicht einmal geschafft sein Schwert komplett aus der Scheide zu ziehen. Als sein Blick auf die Pistole fiel, die auf Wills Kopf zielte, hielt er augenblicklich in seiner Bewegung inne. Langsam schob er seine Waffe wieder zurück in die Scheide und nahm eine möglichst lässige Pose ein. „Ich hasse es, wenn ich Recht behalte“, sagte er.
 
Das Mädchen kauerte verängstigt in einer Ecke des Zimmers, als Crane herein trat und die Tür hinter sich schloss. „Wie es sich so ergibt, befinde ich mich in einer misslichen Lage, in der ich dringend ein Schiff benötige. Ihr zwei werdet mir bei dieser Sache behilflich sein.“
 
Will warf Jack einen Blick zu. Crane konnte es unmöglich mit ihnen beiden gleichzeitig aufnehmen. Wortlos und möglichst unauffällig versuchte er Jack einen Angriffsplan zu übermitteln.
 
„Schluss damit!“, sagte Crane. Er hielt seine Waffe noch immer auf Will gerichtet, senkte sie jedoch ein wenig, sodass die Mündung nun auf Wills Brustkorb zeigte. „Bei dieser Entfernung kann ich gar nicht daneben schießen.“
 
Jack befingerte den Griff seines Säbels. „Ihr würdet sterben, noch bevor ihr Zeit hättet nachzuladen.“
 
„Oh, darüber mach ich mir erstmal keine Gedanken. Ihr würdet mich nicht angreifen, solange ich Mr. Turner hier in Schussweite habe.“
 
„Ach wirklich?“ Jack stemmte eine Hand in die Hüfte. „Wie kommt ihr auf die Idee, dass mir der Welpe so wichtig ist?“
 
Crane warf ihm einen angewiderten Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf Will richtete. „Ich habe euch beide über die letzten zwei Wochen hinweg beobachtet. Meine Vermutungen, hinsichtlich eurer abartigen Vorlieben und Perversionen, wurden letzten Nacht endgültig bestätigt.“ Er grinste Will höhnisch an. „Die Art und Weise, wie ihr ihn am Oberschenkel begrabscht habt, war einfach nur Ekel erregend.“ Er lächelte selbstzufrieden. „Aber es hat mich auf eine Idee gebracht, wie ich dadurch endlich das kann, was ich will. Endlich konnte ich zur Tat schreiten.“
 
„Ihr habt Harris ermordet“, sagte Will. „Und dann habt ihr den Verdacht auf Spillett gelenkt. Warum?“
 
„Spillett hatte die Karte, die ich wollte. Von Anfang an hat er sich nur für diese Expedition gemeldet, weil er vorhatte, uns irgendwie zu dieser Insel zu bringen, die auf der Karte markiert war. Dann beging er den Fehler, mich ins Vertrauen zu ziehen. Irgendwann bemerkte er wohl, dass ich eigene Interessen verfolgte, daher hat er seit einiger Zeit versucht, Harris als neuen Verbündeten heranzuziehen. Harris sollte ihn wohl vor mir schützen. Aber das hat nicht funktioniert, wovon ihr euch selbst überzeugen konntet.“
 
„Wo sind Johnson und Davis?“, fragte Jack.
 
„Sie sind gut verwahrt. Wenn auch etwas hilflos, wenn ihr versteht was ich meine.“ Er gestikulierte in Jacks Richtung. „Nimm dein Schwert ab und lass es hier.“
 
Als Jack einen Moment lang zögerte, drückte Crane mit seinem Daumen den Hahn der Waffe, den er bislang nur zur Hälfte gespannt hatte, völlig nach hinten. „Willst du wirklich dabei zusehen, wie er stirbt?“
 
Will hasste es von diesem Bastard als Geisel benutzt zu werden. „Ihr könnt uns nicht für alle Ewigkeit in Schach halten. Irgendwann werdet ihr einen Fehler machen.“
 
„Ich schätze, darauf muss ich es wohl ankommen lassen, meint ihr nicht auch? Im Moment jedenfalls denke ich, dass es besser für euch wäre, wenn ihr einfach nur meine Befehle befolgt und das tut, was ich euch sage.“
 
Jack seufzte. Er nahm die Scheide mit seinem Schwert vom Gürtel und warf sie aufs Bett. „Löst den Hahn der Waffe wieder.“
 
Crane befolgte Jacks Anweisung. „Ihr werdet euere Mannschaft einsammeln und mich zu eurem Schiff bringen. Aber denkt daran, die ganze Zeit über werde ich hier hinter eurem Lustknaben stehen, mit der Mündung meiner Pistole zwischen seinen Rippen, bei jedem einzelnen Schritt. Wenn ihr eine falsche Bewegung macht, selbst wenn es nur ein Zucken ist, wird das Ganze hier wirklich furchtbar unschön enden. Hab ich mich klar ausgedrückt?“
 
„Glasklar.“ Jack warf Will einen besorgten Blick zu. „Alles in Ordnung bei dir?“
 
„Mir geht’s gut.“ Will brodelte vor Wut über diese Situation, die ihn dazu verdammte, einfach tatenlos alles mit sich machen zu lassen. Es juckte ihm in den Fingern etwas Waghalsiges zu unternehmen, eine schnelle Bewegung, irgendetwas Unerwartetes, das diesen Kerl außer Gefecht setzen würde.
 
„Will, hör mir zu. Tu nichts Dummes.“
 
„Das hatte ich gar nicht vor…“ Er brach ab. Jack kannte ihn einfach viel zu gut. Will stieß einen langen Seufzer aus. Na gut, dann würde er seine Energie wohl aufsparen müssen, bis sich eine günstige Gelegenheit bot, wie Jack es immer so gerne nannte. „Ist gut. Ich werde brav sein.“
 
„Guter Junge.“ Jack wandte sich an Crane. „Dann wollen wir mal, nicht wahr?“
 
Nur das Mädchen, das noch immer verängstigt in der Zimmerecke kauerte, blieb zurück.


Nächster Teil




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