AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, PG-13, Abenteuer, Drama, Romantik, Angst
FREIGABE: PG-13 / ab 12
SETTING: Buch II schließt direkt an Buch I von Pirate Dreams an.
INHALT: Nach seiner Begnadigung hat Jack mit Wills tatkräftiger Unterstützung dem Piratendasein den Rücken gekehrt, und verdient sich seinen Lebensunterhalt nun als ehrbarer Spion für die britische Marine. Doch schon auf ihrer ersten Mission braut sich Unheil zusammen…
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch II
by Alexfandra


Nicht einmal eine Stunde später hisste die Pearl ihre Segel. Jack tat alles, was Crane von ihm verlangte, und sorgte dafür, dass auch die Mannschaft Cranes Anweisungen Folge leistete. Crane befahl Jack Wills Hände hinter seinem Rücken zu fesseln und er blieb stets wachsam in der Nähe seiner Geisel, ganz egal was auch geschah. Er achtete sorgsam darauf, dass ihm nie jemand zu nahe kam oder sich von hinten an ihn heranschleichen konnte. Will hatte gar keine andere Wahl, als sich zu fügen und zu tun, was der Mann von ihm verlangte.
 
Crane hatte die Koordinaten der Insel bereits ausfindig gemacht und Jack stand nun am Steuer und lenkte die Pearl aus dem Hafen hinaus aufs Meer. Als sie offenes Gewässer erreichten segelten sie in Richtung Süd/Süd-West, wobei ein steter Wind sie zügig voranbrachte. Crane stand dicht hinter Will und bohrte die Mündung seiner Waffe in seinen Rücken, während er die anderen Männer vom Achterdeck abkommandierte. „Die Winde sind gut“, sagte er. „Wir sollten in ungefähr drei bis vier Stunden am Ziel sein.“
 
„Und was genau ist das Ziel, das wir ansteuern?“, fragte Jack.
 
„Eine kleine unbewohnte Insel. Sie hat keinen Namen, außer dem, dem ihr die Piraten gegeben haben, die dort einst einen geheimen Hafen hatten. Sie nannten sie die Teufelsinsel.“
 
„Ich hab davon gehört“, sagte Jack.
 
„Tatsächlich? Ich dachte, nur Piraten wüssten, dass sie überhaupt existiert. Wie kommt es, dass ihr davon wisst?“
 
Will kam Jack zu Hilfe. „Commodore Norrington hat es mal erwähnt. Er hat die Piraten verhört, die er gefangen nehmen konnte, daher wusste er davon.“
 
„Ah. Nun ja, ich kann mir nicht vorstellen, dass es heutzutage noch viele Piraten gibt, die von der Existenz der Teufelsinsel wissen. Derjenige, der Spillett diese Karte verkauft hat, weilt jedenfalls nicht mehr unter den Lebenden.“
 
Jack warf ihm einen Blick zu und verengte die Augen zu Schlitzen. „Euer Werk?“
 
„Diese Tat geht leider nicht auf mein Konto. Ihr mögt es vielleicht vorziehen, Spillett als unschuldiges Opfer zu sehen und was den Mord an Ezekiel Harris betrifft, so ist er dies zweifelsohne auch, aber dennoch war er alles andere als ein Unschuldslamm. Er kaufte die Karte, ermordete den Piraten, und dann stahl er ihm das Geld, das er für die Karte gezahlt hatte. Mr. Rufus Spillett war ein Sünder, wie er im Buche steht.“
 
„Wie mir scheint, war eure Expedition mit Schurken nur so durchsetzt“, merkte Will an.
 
„Oh, ich denke zumindest Mr. Davis und der fromme Reverend sind von edler Gesinnung und absolut rechtschaffen. Mr. Harris selbst war zwar etwas streitlustig und grobschlächtig, aber wohl kaum das, was man einen schlimmen Menschen nennen könnte. Aber im Grunde genommen liegt ihr gar nicht mal so falsch. Diese Expedition war schon alleine wegen Spillett und mir von Beginn an dem Untergang geweiht, seit dem Moment, als er mich in sein Vertrauen zog. Wir hätten sicherlich keine Mittel und Wege gescheut, die Truppe dazu zu zwingen einen kleinen Abstecher zur Teufelsinsel zu machen, koste es was es wolle. Wir hätten alles getan, um dorthin zu gelangen.“
 
„Und wenn ihr erst dort seid“, fragte Jack. „Was dann?“
 
„Dann werde ich selbstverständlich nach dem Schatz suchen.“
 
Jack lachte. „Ihr glaubt doch wohl nicht ernsthaft, dass dort ein Schatz vergraben liegt? So etwas gibt es nicht. Kein Pirat der Welt würde einen Schatz einfach so irgendwo zurücklassen, wenn er ihn auch genauso gut mit beiden Händen ausgeben könnte. Warum sollte er auch?“
 
„Weil der Schatz dort in Sicherheit ist“, sagte Crane. „Spillett selbst hat mir die ganze Geschichte erzählt. Im Jahre unseres Herrn 1722 hatte der Pirat Bartholomew Woodes Grund zu glauben, seine Mannschaft stünde kurz vor einer Meuterei. Daher zog er seinen Kanonier, einen Mann namens Read, auf seine Seite und erteilte ihm einen Auftrag. Read sollte, nachdem er die Mannschaft mit einer extra Portion Rum außer Gefecht gesetzt hatte, den Schatz mitten in der Nacht auf ein Ruderboot verladen. Zu diesem Zeitpunkt lagen sie gerade vor der Teufelsinsel vor Anker, und die Männer hatten Angst davor an Land zu gehen, da die Insel im Ruf stand, verflucht zu sein. Angeblich soll es dort spuken. Woodes und Read begruben den Schatz auf der Insel und zeichneten eine Karte, auf der sie den genauen Ort vermerkten. Dann, um sicher zu gehen, dass niemand außer ihm je von dem Schatz erfahren würde, ermordete Woodes seinen Kumpanen Read. Er kehrte zurück auf das Schiff und die Mannschaft blieb ahnungslos. Sie segelten fort und dann, nicht einmal zwei Tage später, kam es tatsächlich zu der befürchteten Meuterei. Die Mannschaft erhob sich gegen ihren Kapitän, doch nun war dieser in der Lage sie abzuwehren. Er erzählte ihnen was er getan hatte und drohte damit die Karte zu verbrennen, sollte sich jemals wieder einer von ihnen gegen ihn erheben. Als sie den nächsten Hafen erreichten, tat er so, als würde er an Land gehen, um Vorräte zu beschaffen, doch stattdessen lief er fort und verschwand.“
 
„Soso, und Spillett hat euch diese Geschichte erzählt?“, fragte Jack.
 
„Ich hab’s aus ihm rausgequetscht, ja. Er selbst hat sie vom ersten Maat des Piratenschiffes erfahren.“
 
„Und das war, wie es der Zufall so will, genau derselbe Mann, der ihm auch die Karte verkauft hat?“
 
„Ja, natürlich. Er sagte, er habe durch einen glücklichen Zufall Gelegenheit bekommen Woodes die Karte zu entwenden, während dieser schlief. Er zeichnete sie ab und legte sie dann wieder zurück in ihr Versteck.“
 
„Und woher wollt ihr wissen, dass dieser Captain Woodes nicht einfach selbst irgendwann auf die Teufelsinsel zurückgekehrt ist und seinen Schatz gehoben hat?“
 
„Weil Woodes nur zwei Wochen, nachdem er von seinem Schiff verschwunden war, von Soldaten gefangen und wegen Piraterie aufgehängt wurde.“
 
„Und die Karte hatte er zu dem Zeitpunkt nicht bei sich?“
 
„Ganz genau. Daher seht ihr selbst, dass die Karte, die ich habe, die einzige ist, die noch existiert.“
 
„Und selbstverständlich hätte der erste Maat auch niemals eine weitere Kopie gemacht, für sich selbst zum Beispiel? Oder um sie an ein paar andere Dummköpfe zu verkaufen?“
 
„Spillett hatte guten Grund ihm zu glauben“, sagte Crane.
 
„Oh, lasst mich raten“, antwortete Jack. „Er glaubte dem Mann, weil dieser von einem schrecklichen Husten geschüttelt wurde und behauptete, er würde ohnehin bald an der Schwindsucht sterben? Und Mr. Spillett, der ja nett genug war ihm einen Drink auszugeben, schien ein so liebenswürdiger und anständiger Kerl zu sein, dass diese arme Seele einfach das Bedürfnis hatte, seinem Gönner etwas Gutes zu tun?“
 
Will konnte Crane, der hinter ihm stand, zwar nicht sehen, aber er konnte fühlen, wie der Lauf der Pistole, die Crane noch immer gegen seinen Rücken gedrückt hielt, merklich zu zittern begann, als dieser sagte: „Woher wisst ihr das?“
 
„Weil das eine wirklich uralte Masche ist, du riesiger Vollidiot. Es gab niemals einen Piraten namens Bartholomew Woodes. Er hat einfach die Namen von zwei real existierenden Männern genommen und sie zusammen geworfen.“
 
„Will überlegte, ob dies nicht der richtige Moment sei, eine plötzliche Bewegung zu machen, solange Cranes Aufmerksamkeit noch von etwas anderem gefesselt war. Doch dann bemerkte er, wie der Lauf der Waffe wieder fester in seinen Rücken gedrückt wurde, und Crane sagte mit vor Wut zitternder Stimme: „Ich glaube Euch kein Wort. Was wisst ihr schon?“
 
„Mehr als ihr vielleicht denkt“, sagte Jack.
 
„Und wenn schon, es macht keinen Unterschied. Wir sind jetzt auf direktem Weg zur Teufelsinsel und diesen Kurs werden wir auch beibehalten. Ich bin zu weit gegangen, um jetzt noch umzukehren.“
 
Jack stieß einen langen Seufzer aus seinen Lungen. „Ganz wie ihr wollt. Aber ihr werdet es noch bereuen.“
 
„Haltet den Mund. Ich will kein Wort mehr hören!“
 
„Aye, aye“, sagte Jack verdrießlich.
 
Will fragte sich welche Pläne Crane wohl noch hatte. Was würde er tun, wenn sie die Insel erst erreichten? Sicher, er konnte Will als Pfand benutzen, um sicher zu stellen, dass Jack ihn an Land ruderte. Er könnte Jack dazu zwingen ihm zu helfen den Schatz zu finden und zu heben. Aber viel wahrscheinlicher wäre, dass Jack Recht hatte und es überhaupt keinen Schatz gab. Aber egal, wie die Sache auch ausgehen mochte, Crane würde sicherlich nicht für immer wach bleiben können. Irgendwann musste auch er einmal schlafen und was würde dann passieren? Hatte er etwa vor, sie alle auf der einsamen Insel zurück zu lassen und das Schiff einfach mitzunehmen? Er konnte die Pearl unmöglich alleine steuern. Der Mann musste verrückt sein. Und gerade dadurch wurde er nur noch gefährlicher und unberechenbarer.
 
Die Stunden vergingen quälend langsam. Wills Beine wurden müde, da er die ganze Zeit über auf der Stelle stehen sollte, und sein Rücken schmerzte, da Crane seine Pistole unermüdlich zwischen seine Rippen drückte. Er war sich sicher, dass Crane dies nur aus reiner Bosheit tat. Einige Male versuchte er eine Unterhaltung mit dem Mann zu beginnen, ihn zum Sprechen zu bewegen, um mehr Informationen zu bekommen. Er wollte mehr über Cranes Charakter erfahren, irgendetwas, was sich später vielleicht als Schwäche herausstellen würde und das sie zu ihren Gunsten nutzen könnten. Aber alles, was er sich für seine Bemühungen einhandelte, war das, was er bereits wusste - Crane war ein geldgieriger und ungeduldiger Mann. Nach Jahren der Armut, und obwohl Reverend Johnson ihm stets in Freundschaft entgegen gekommen war, hatte er stets einen Groll gegen seinen verminderten sozialen Status gehegt. All die Jahre hindurch hatte er nur auf eine Gelegenheit gewartet, seinen verlorenen Reichtum zurück zu erlangen. Und nun, da er seine Chance witterte, war die lange Zeit des Wartens vorüber und seine Geduld erschöpft.
 
Nachdem sie drei Stunden übers Meer gesegelt waren, hörten sie endlich einen Ruf aus dem Mastkorb. Land in Sicht.
 
„Sagt“, begann Will, als Jack Kurs auf die Insel nahm, die vor ihnen lag. „Wenn es nun tatsächlich einen Schatz gibt, wie wollt ihr ihn dann zurück in einen sicheren Hafen bringen?“
 
„Ich bin kein Einfaltspinsel“, antwortete Crane. „Ich weiß ganz genau, dass ihr nur auf den Moment wartet, bis ich mich schlafen lege. Aber ich habe mir alles ganz genau überlegt. Sobald das Schiff Anker geworfen hat, werdet ihr zwei mit mir hinüber auf die Insel gehen, während eure Mannschaft an Bord bleibt, eingeschlossen unter Deck. Ihr werdet den Schatz für mich heben, dann werde ich euch sorgfältig fesseln, bevor ich mich selbst ein wenig ausruhe. Mit dem Schiff werden wir dann zurück nach Florida segeln, wo ich mich leider von euch verabschieden muss.“
 
„Und was, wenn es gar keinen Schatz gibt?“, fragte Jack.
 
„Wenn es keinen Schatz gibt, dann werde ich sehr, sehr wütend werden. Und glaubt mir, das wollt ihr ganz sicher nicht riskieren.“
 
„Wir haben keinen Einfluss darauf, ob es einen Schatz gibt, oder nicht!“ Will hasste es, den Launen dieses Mannes einfach so ausgeliefert zu sein. „Ihr könnt uns nicht die Schuld geben, wenn etwas schief läuft.“
 
„So lange, wie ich die Pistole in meiner Hand halte“, antwortete Crane, „kann ich tun und lassen, was mir gefällt.“
 
Sie segelten bis dicht vor die Teufelsinsel und fanden in einem Meeresarm guten Grund, wo sie vor Anker gehen konnten. Jack tat, was Crane ihm befahl. Die Segel wurden eingeholt, der Anker wurde ausgeworfen, und die Mannschaft machte eine Barkasse bereit, um sie zu Wasser zu lassen.
 
„Befehlt ihnen die Segel abzunehmen“, sagte Crane zu Jack.
 
„Was? Das ist doch verrückt. Was, wenn wir festsitzen?“
 
„Tut, was ich sage!“
 
Will wunderte sich über diesen merkwürdigen Befehl und wie wichtig er für Crane zu sein schien, aber der einzige Grund, den er sich ausmalen konnte, war dass das fehlende Segel sie möglicherweise von einem Fluchtversuch abhalten würde, sobald sie erst einmal auf der Insel ankämen. Es wäre viel anstrengender das Boot zu rudern, als einfach nur mit dem Wind zu segeln.
 
Widerwillig befahl Jack der Mannschaft die Segel der Barkasse zu entfernen. Dann wurden die Männer unter Deck geschickt und Jack sicherte die Luken. Wenigstens würden sie dort unten ausreichend Essen und Wasser haben, aber Will machte sich Sorgen, was passieren würde, sollte ihnen drei irgendetwas zustoßen.
 
Crane orderte Jack zuerst in das Boot, wobei Jack auch die Schaufel mitnahm, die sie an Bord der Pearl hatten. Dann löste Crane die Fesseln an Wills Händen, sodass auch er in das Boot steigen konnte, jedoch blieb Crane die ganze Zeit hindurch dicht hinter ihm. Er hielt den Lauf seiner Pistole immer direkt auf Will gerichtet, während Jack und Will das Boot zu Wasser ließen. Dann musste sich Will direkt vor ihm setzen, und wieder wurde ihm der Lauf der Waffe zwischen seine Rippen gedrückt. Beide saßen Jack gegenüber, der zu rudern begann.
 
Sie zogen das Boot auf dem schmalen Sandstrand an Land. Crane holte mit einer Hand die Karte hervor, während er mit der anderen seine Pistole festhielt. Eine Zeitlang orientierte er sich am Aussehen des Meeresarmes und der Küstenlinie, dann wies er Jack und Will an den Strand entlang zu laufen. Jack musste die Schaufel tragen.
 
Sie waren kaum mehr als fünfzig Schritte gegangen, als Will ganz deutlich einen kühlen Hauch in der Luft spürte, wie ein eisiger Nebel, der unvermutet über die Insel gezogen war. Aber trotz allem sah alles noch immer hell und sonnig aus und bis zu diesem Moment war ihm eigentlich auch ziemlich warm gewesen. „Fühlt ihr das auch?“, fragte er.
 
„Es ist kalt“, sagte Jack.
 
Crane gab Will einen Stoß nach vorne. „Bewegt euch. Da ist nichts.“
 
Schnell wurde die Luft um sie herum wieder wärmer, während sie weiter den Strand entlang liefen, aber Will blieb angespannt. Dieses Frösteln hatte sich nicht angefühlt wie ein gewöhnlicher Windhauch… es war anders, irgendwie übernatürlich. Konnte es sein, dass die Insel tatsächlich verflucht war? Warum sonst sollte sie jemand mit solch einem bedrohlichen Namen taufen?
 
Nachdem sie gut eine halbe Stunde durch den Sand getrottet waren, erreichten sie eine kleine Oase aus Kokospalmen, an der Crane sie anwies sich von nun an in Richtung Inland zu bewegen. Sie liefen eine kleine Anhöhe nach oben, bis sie ins offene Grasland gelangten, wo sie auf einen kleinen Bach stießen. Nachdem sie ihn durchquert hatten, wanderten sie auf einen steinigen Felsen zu. Dort blieb Crane stehen und studierte erneut seine Karte. Wie es schien, diente der Felsen als ein weiteres Merkmal. Er orientierte sich, dann wies er sie in die Richtung eines kleinen Wäldchens aus Zedernbäumen. Als sie die ersten Bäume erreichten, hielt er an. „Dort, das ist das Zeichen!“
 
Will begutachtete den Zedernbaum, der direkt vor ihm stand. In die Rinde seines Stammes hatte jemand ein Zeichen eingeritzt. Es sah aus wie der Buchstabe ‚W’.
 
„Woodes hat dieses Zeichen hier hinterlassen“, sagte Crane.
 
So langsam begann Will sich zu fragen, ob an der ganzen Schatz-Geschichte nicht möglicherweise doch etwas Wahres dran sein könnte. Eigentlich klang alles viel zu weit hergeholt, aber dennoch… die Insel war hier, und auch die Merkmale auf der Karte stimmten mit der Landschaft überein.
 
Crane ließ sie in Reih und Glied vor sich herlaufen, zuerst Jack, dann Will, während sie ausgehend vom markierten Zedernstamm exakt zwanzig Schritte abzählten. „Hier müssen wir graben.“
 
Jack nahm die Schaufel und stocherte damit in den Boden. „Die Erde ist recht weich.“
 
„Gut. Fangt an zu graben. Wenn ihr müde werdet, könnt ihr euch abwechseln.“
 
Folgsam machte sich Jack an die Arbeit. Er stieß die Schaufel in den Boden und schleuderte den Dreck unbekümmert in alle Richtungen. Als er ungefähr einen Fuß tief gegraben hatte, stieß er auf härteres, felsigeres Gestein, wodurch sein Fortschritt gebremst wurde. Immer wieder schabte seine Schaufel gegen große Felsbrocken, die er zuerst frei arbeiten musste, bevor er weiter graben konnte. Er war nur einen weiteren Fuß nach unten gekommen, als Crane ihn aufhielt.
 
„Ihr werdet jetzt sehr vorsichtig und sehr langsam die Plätze tauschen“, sagte er.
 
Ein unglaublich verschwitzter Jack stieg aus dem Loch und reichte Will die Schaufel. Während er die Fesseln an Wills Händen löste, lehnte er sich nach vorne und flüsterte erneut: „Tu nichts Dummes. Wir kriegen unsere Chance schon noch.“ Dann drehte er sich um, sodass Will ihm nun seinerseits die Hände fesseln konnte. Nun waren ihre Rollen vertauscht und Jack stand mit Rücken zu Crane, während Will hinüber zum Loch ging.
 
Crane drückte den Lauf seiner Pistole fest zwischen Jacks Rippen. „Immer schön weiter graben, Mr. Turner. Oder es wird diesmal Captain Sparrow sein, den ich auf direktem Weg in die Hölle schicke.“
 
Widerwillig begann Will die Schaufel in den harten Erdboden zu stoßen. Es waren viel zu viele Steine, und er war nicht sehr weit nach unten gekommen, als er einsah, dass die Sache hoffnungslos war. „Der Boden hier ist viel zu hart und steinig. Da kann unmöglich irgendwas darunter vergraben sein.“
 
Während er Jack noch immer mit der Pistole in Schach hielt, lief Crane zurück zu dem Baumstamm mit der Markierung. Von dort aus zählte er abermals zwanzig Schritte ab, kam diesmal jedoch ungefähr zwei Fuß neben der Stelle zum Stehen, an der sie eben gegraben hatten. Crane trat einen Schritt beiseite, wobei er genauestens darauf achtete, dass Jack immer direkt vor ihm blieb, in Schusslinie seiner Pistole. „Grabt hier.“
 
Ein sinnloses Unterfangen, dachte Will. Er begann ein neues Loch zu graben, wobei der erste Teil auch an dieser Stelle sehr leicht ging, da er nur aus lockerer, loser Erde bestand. Schnell legte er ein großes Quadrat frei, das ungefähr einen Fuß tief war. Die heiße Spätnachmittagssonne brannte auf ihn herunter, während er grub und Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Auch sein dünnes Hemd war bereits völlig nass geschwitzt. Will hielt einen Moment lang inne, um Atem zu schöpfen. Gerade, als er wieder mit dem Graben beginnen wollte, fühlte er, wie sich ein eisiger Windhauch um ihn herum sammelte, noch viel kälter als der, den er zuvor am Strand bemerkt hatte.
 
Er hielt mitten in der Bewegung inne, als ihn von einer Sekunde auf die andere, ein unheimliches Gefühl des Grauens umhüllte. Er blickte hinüber zu Jack, dessen Augen groß geworden waren. Sogar Crane schien irgendwie zittrig.
 
„Ihr könnt es auch spüren“, sagte Will. Er blieb still stehen und wartete, wachsam und angespannt. Der eiskalte Wind blies um ihn herum und er sah, dass es Jack und Crane ähnlich erging. Er fröstelte. Die unnatürliche Kälte schien bis ins Mark seiner Knochen vorzudringen.
 
„Grabt weiter.“ Cranes Zähne klapperten als er sprach und die Pistole in seiner Hand zitterte.
 
Der Hahn ist nur zur Hälfte gespannt. Will versuchte Jack mit einer Handbewegung klar zu machen, dass Cranes Hände zitterten. In diesem Zustand war er vielleicht gar nicht mehr in der Lage den Hahn der Waffe rechtzeitig voll zu spannen. Vielleicht war das ja die Gelegenheit, auf die sie gewartet hatten.
 
„Grabt!“, schrie Crane, aber genau in diesem Moment drehte sich Jack um und schlug Crane mit seinen gefesselten Händen mit voller Wucht auf den Arm. Die Pistole wurde aus Cranes Hand geschleudert und fiel zu Boden.
 
Will hechtete aus dem Loch um Crane ebenfalls anzugreifen, aber der Feigling nutzte seine Chance und rannte in das Dickicht des Wäldchens. Jack setzte zwar zur Verfolgung an, aber da seine Hände noch immer gefesselt waren, kam er nicht sehr weit. Will hielt an, um die Fesseln zu lösen, doch zu dieser Zeit war Crane schon zwischen den Zedernbäumen außer Sichtweite verschwunden.
 
„Lass ihn laufen.“ Jack hob die Pistole vom Boden auf. „Gehen wir lieber zurück zum Schiff.“
 
Die merkwürdige Kälte in der Luft verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Will drehte sich um, um die Schaufel zu holen, die er in seiner Hast hatte fallen lassen. Sollten sie Crane noch einmal begegnen, würde sie ihm vielleicht als Waffe dienen. Als er sie aus dem Loch zog, das er gegraben hatte, kratzten seine Fingerknöchel über etwas, das sich vertraut anfühlte. Nicht Erde oder Felsen, sondern etwas aus Holz. „Jack…“
 
„Was ist?“
 
„Ich glaube, hier ist tatsächlich ein Schatz vergraben.“
 
Jack hüpfte neben ihm in die Vertiefung. Mit der Spitze seines Stiefels fegte er ein wenig von dem Dreck beiseite, wodurch einige Holzbretter sichtbar wurden. „Das ist eine Kiste.“ Er zögerte einen Moment lang. „Wir haben keine Zeit, sie jetzt auszugraben. Nicht, solange die Mannschaft in Gefahr ist.“
 
„Ja, du hast Recht.“ Will griff nach der Schaufel und sie hasteten zurück in Richtung Strand. So schnell sie konnten folgten sie ihrer eigenen Spur, da sie Angst hatten, Crane könnte in der Zwischenzeit einen Bogen um sie herum geschlagen haben und das Boot vor ihnen erreichen. Sie kletterten den Hügel nach unten, durchquerten den Bach und rannten so schnell wie möglich durch den weichen Sand.
 
Will konnte fühlen, wie ihn seine eigene Erleichterung fast überwältigte, als sie an ihrer Landestelle ankamen. Das Boot war noch immer dort, unversehrt, genau so, wie sie es verlassen hatten. Nirgends war auch nur das geringste Zeichen von Crane zu entdecken. Gemeinsam mit Jack schob er das Boot ins Wasser und hüpfte hinein. Jack, der länger Gelegenheit gehabt hatte sich von seiner Buddelei zu erholen, griff nach den Rudern. Es würde eine Weile dauern, bis sie die Pearl erreichten, da sie die Spitze der Landzunge erst umrudern mussten, um das Schiff zu sehen.
 
Jack ruderte schnell, doch als sie um die Kurve kamen, stieß Will einen überraschten Schrei aus. Die Pearl war nirgends zu entdecken. „Jack!“
 
Sie konnten den gesamten Meeresarm vollständig überblicken. Jack hielt inne und drehte sich um. Er wurde bleich. „Das ist unmöglich.“ Wie von Sinnen griff er erneut zu den Rudern. Schnell und zügig ruderten sie hinaus, raus aus der Bucht, schon fast bis aufs offene Meer, bevor Jack endlich erschöpft aufgab.
 
Von der Pearl war weit und breit keine Spur.
 
Jack vergrub sein Gesicht in den Händen. Will kletterte im Boot zu ihm hinüber und packte ihn an den Schultern. „Es geht ihnen gut. Ganz bestimmt.“
 
Langsam gelangte Jack seine Fassung zurück. „Sie kann sich nicht einfach in Luft aufgelöst haben.“
 
Will warf einen weiteren, vergeblichen Blick in alle Richtungen, aber das Schiff war und blieb verschwunden. Dann starrte er zurück zur Insel. „Dieser Hügel dort, an dem wir vorbei gelaufen sind, ist ziemlich hoch. Wir könnten auf den Gipfel klettern. Von dort würden wir sicher weit in die Ferne sehen können. Vielleicht können wir sogar die ganze Insel überblicken. Es würde zumindest weitaus schneller gehen, als wenn wir versuchen würden sie zu umrudern. Was denkst du?“
 
„Ja. Verdammt sei er, dafür, dass er uns die Segel abgenommen hat. Hier, hilf mir.“ Jack rutschte ein Stück zur Seite und reichte Will eines der Ruder.
 
Gemeinsam schafften sie es in relativ kurzer Zeit zurück an die Küste. Sie zogen das Boot an Land, dann folgten sie ihren eigenen Spuren zurück zu dem Hügel, den sie auf Cranes Route tangiert hatten. Will war bereits ziemlich erledigt, aber Jack schien durch die aufkeimende Hoffnung neue Energie geschöpft zu haben, daher versuchte er mitzuhalten. Der Hügel war felsig und überall lagen lose Steine herum, was den Aufstieg immens erschwerte, aber in seinem halb-wahnsinnigen Zustand rannte Jack geradewegs nach oben, wie eine flinke Bergziege. Will kletterte und rutschte schon fast auf allen Vieren hinter ihm her. Es war schwer Fuß zu fassen, und Möglichkeiten sich festzuhalten gab es nur wenige. Dennoch erreichten beide die Spitze des Hügels unbeschadet.
 
Der Berg war tatsächlich hoch genug und es gab keine Bäume, die ihnen den Blick versperrt hätten. Sie hatten eine klare Sicht und konnten die kleine Insel vollständig überblicken. In allen Richtungen, um sie herum, breitete sich das Meer aus… blau-grün, endlos und vollkommen leer.
 
Will konnte einfach nicht verstehen, wohin die Pearl verschwunden war. Selbst wenn Crane es geschafft hätte das Schiff zu erreichen, noch bevor sie überhaupt aus der Bucht gerudert waren, selbst wenn er hinausgeschwommen wäre und irgendwie die Mannschaft davon überzeugt hätte, ihm zu helfen sie zu segeln… so weit wäre er niemals gekommen. Nicht in so kurzer Zeit. Sie konnten meilenweit in die Ferne sehen, und der Wind war kaum der Rede wert.
 
Jack stand einfach nur da, mit einem niedergeschlagenen Ausdruck im Gesicht, und drehte sich immer wieder im Kreis während er mit leerem Blick hinaus auf den Ozean starrte. „Weg“, sagte er mit gebrochener Stimme. „Sie ist einfach weg.“
 
Will ging sofort zu ihm hinüber. Er griff ihn an den Schultern und zwang ihn still zu stehen. Dann nahm er ihn einfach nur in den Arm. Jack schlang ebenfalls seine Arme um ihn und klammerte sich an ihm fest. „Wir werden überleben“, sagte Will mit tröstender Stimme. „Wir werden sie wieder finden.“
 
„Nein.“ Jack löste sich von ihm und sah ihn mit einem verzweifelten Blick in den Augen an. „Das ist der Fluch dieser Gegend. Weißt du nicht mehr? Schiffe verschwinden, einfach so, und tauchen nie wieder auf. Höchstens vielleicht als Geisterschiffe, mit einer Mannschaft aus Toten.“
 
„Das ist doch nicht mehr als ein Mythos.“ Will schüttelte ihn sanft und versuchte ihn aus seiner Verzweiflung zu reißen. „Wir wissen doch noch gar nicht, ob ihnen überhaupt etwas zugestoßen ist. Vielleicht haben sich Gibbs und die anderen ja irgendwie befreien können. Vielleicht sind sie um die Insel herum gesegelt und haben eine andere Bucht oder eine Höhle gefunden. Wir können von hier aus nicht die gesamte Küstenlinie überblicken, sieh doch!“ Er drehte Jack um und zeigte ihm das Wäldchen aus Zedernbäumen, in dem sie zuvor gewesen waren. Von oben konnte man sehen, dass dahinter noch ein weiteres Wäldchen war, dieses allerdings etwas größer, schon fast ein kleiner Wald. Die Bäume wuchsen so hoch und so dicht beieinander, dass die Küstenlinie zwischen ihnen nicht mehr sichtbar war. „Wir werden wohl oder übel doch um die ganze Insel herumsegeln müssen, um alles zu durchsuchen.“
 
Jack schien sich wieder ein wenig zu entspannen. „Na gut. Du hast Recht.“ Dann blickte er nach oben zum Himmel. „Aber wir haben keine Zeit mehr.“
 
Will prüfte den Stand der Sonne und erkannte, dass es ungefähr sechs Uhr Abends sein musste. Bis sie es geschafft hätten den Hügel hinab zu klettern und das Boot zu erreichen, würde die Sonne bereits untergehen. Es gab keine Möglichkeit die Insel zu umrudern, bevor es dunkel wurde. Und das Knurren seines Magens erinnerte ihn daran, dass er außerdem ziemlich hungrig war. Denn während Crane ihnen auf der Hinfahrt zwar ein wenig zu essen gewährt hatte, hatten sie doch seitdem nichts mehr zu sich genommen. „Wir werden uns für die Nacht einen Unterschlupf suchen müssen“, sagte er. „Und was zu essen. Wir werden die Insel dann als erstes morgen früh umrudern.“
 
„Crane treibt sich noch immer irgendwo hier draußen herum.“ Jack drehte sich zu Will und schlang seine Arme um dessen Taille. „Es gibt hier keinen sicheren Ort.“
 
„Immerhin hast du seine Pistole. Wir könnten uns beim Wacheschieben abwechseln.“
 
Jack nickte. Er drückte Will einen schnellen Kuss auf die Lippen, dann sagte er: „Das Ganze gefällt mir wirklich ganz und gar nicht.“
 
„Ich weiß.“ Will hielt ihn immer noch fest, da ihm Jacks körperliche Nähe half. „Irgendwas stimmt nicht mit dieser Insel. Irgendwas ist hier nicht normal, nicht natürlich.“ Er hatte Angst davor, Jack zu verlieren. Denn wenn schon ein Schiff einfach spurlos verschwinden konnte, warum nicht auch ein Mensch? Er wollte sich heute Nacht nicht schlafen legen, wollte nicht riskieren aufzuwachen, nur um zu erkennen, dass auch Jack sich ebenfalls in Luft aufgelöst hatte. Will berührte Jacks Wange. „Wir können nicht zulassen, dass es uns auch holt.“
 
„Ah.“ Plötzlich erhellte sich Jacks Miene. „Ich hab da eine Idee.“ Er grinste. „Wir könnten uns aneinander festbinden.“
 
Will lachte und er spürte, wie sich dabei ein wenig von der Spannung, die er in sich aufgestaut hatte, verflüchtigte. „Diese Idee gefällt mir ausnehmend gut. Aber zuerst was zu essen. Ich bin halb am Verhungern.“
 
„Einverstanden.“
 
Sie verließen den Hügel langsamer, als sie hinauf geklettert waren, und als sie endlich unten ankamen, war die Sonne schon kurz davor unterzugehen. Sie würden noch ausreichend Licht haben für eine weitere Sunde, daher setzten sie alles daran, etwas Essbares zu finden. Zuerst liefen sie zum Bach und tranken dort frisches Wasser. Dann folgten sie seinem Lauf stromaufwärts bis ins Inland, wo das Dickicht und die Pflanzen langsam immer dichter wurden. Recht schnell fanden sie einen Papayabaum. Zwar würde die Frucht alleine sie nicht ernähren können, aber zumindest würde sie helfen ihren nagenden Hunger eine Zeitlang zu stillen.
 
Sie rafften all die Früchte zusammen, die sie tragen konnten, dann machten sie sich auf den Weg zurück zum Strand, wo sie ihr Boot gelassen hatten. Zu ihrer großen Erleichterung war es noch immer da. Aber abgesehen von der Schaufel hatten sie keinerlei Werkzeug, obwohl immerhin ein Stück langes Seil im Boot lag. Will dachte daran, dass er nur zu gerne all seinen weltlichen Besitz, so gering er auch sein mochte, für ein einziges, gutes Messer eintauschen würde.
 
Sie aßen von den Früchten, während sich die Luft um sie herum langsam abkühlte. Allerdings wusste Will diesmal wenigstens, dass dies auf die untergehende Sonne zurück zu führen war, und nicht auf ein übernatürliches Phänomen aus seiner anderen Welt.
 
Nahe am Strand fanden sie keinen geeigneten Unterschlupf, aber immerhin hatten sie noch ihr Boot. Nachdem sie ihr dürftiges Abendessen beendet hatten, zogen sie es also weiter den Strand hoch, was für zwei Mann alleine, keine allzu leichte Aufgabe war. Indem sie den Sand und die Schaufel als Hebel benutzten, gelang es ihnen es umzudrehen und auf den Kopf zu stellen, wobei sie auf der einen Seite die Schaufel darunter klemmten, sodass es eine Art Dach bildete. Es war nur wenig Platz um darunter zu kriechen, vielleicht gerade mal dreißig Zentimeter, aber immerhin hatten sie jetzt einen Ort, an dem sie geschützt waren. Sie lagen Seite an Seite unter dem umgestülpten Boot, mit dem Rücken zueinander, und Will tat das, was Jack vorgeschlagen hatte. Er nahm das Seil, band es um ihre Taillen und knotete sie aneinander.
 
„Wenn Crane uns findet“, sagte Jack. „Wird uns das dann nicht im Kampf behindern?“
 
„Wenn er uns findet“, antwortete Will. „Dann wird er erstmal ordentlich Probleme haben hier drunter zu klettern, ohne dass wir es bemerken. Das wird uns genügend Zeit verschaffen die Knoten zu lösen oder mit der Pistole auf ihn zu schießen.“
 
„Na dann. Ich werde aber trotzdem aufpassen und nach ihm Ausschau halten, während du schläfst.“
 
„Ich werde nicht schlafen können“, sagte Will. „Ich bin viel zu angespannt. Gib mir die Pistole, dann kannst wenigstens du dich ausruhen.“
 
„Nein, auf keinen Fall. Ich werde meine Augen nicht schließen. Ich werde dich keine Minute aus dem Blick lassen.“
 
„Jack. Ich bin an dir festgebunden.“
 
„Ich weiß. Aber trotzdem werde ich meine Augen offen lassen.“
 
„Aber es ist stockdunkel hier drunter. Du kannst mich doch sowieso nicht sehen.“
 
„Das ist wahr. Aber solange ich wach bin kann ich dich fühlen.“
 
Will seufzte. „Schau, wenn sich keiner von uns heute Nacht ausruht, dann werden wir morgen nicht die Energie haben, um die Insel zu umrudern.“
 
„Ist mir egal.“
 
Manchmal konnte Jack wirklich sturer sein, als ein Esel. Will wusste, dass Jack Angst hatte irgendeine geisterhafte Erscheinung könnte kommen und ihn einfach so verschwinden lassen, aber sie mussten ihre Furcht überwinden und pragmatisch denken. „Schau, ich mach mir genauso große Sorgen wie du, dass hier irgendwas Übernatürliches vor sich geht. Diese Kälte, die ich da vorhin gespürt hab, die hat mir echt eine Gänsehaut gemacht. Je schneller wir von dieser Insel verschwinden, desto besser. Aber wir werden das nicht schaffen, wenn wir völlig übermüdet sind. Schlaf jetzt.“ Er hielt kurz inne. „Bitte?“
 
Schweigend reichte Jack ihm die Pistole. „Weck mich in ein paar Stunden. Ich werde sie dann wieder haben wollen.“
 
„Natürlich.“
 
Dann drehte sich Jack zur Seite, schlang einen Arm um Will und legte seinen Kopf auf Wills Schulter. Will hielt ihn mit seinem linken Arm fest, während er den rechten gerade neben seinem Körper ausstreckte, um damit die Pistole zu halten. Er lauschte Jacks Atem und wartete darauf, dass dieser langsamer und gleichmäßiger wurde. Das Boot umgab sie und bildete eine warme, dunkle und sichere Hülle, wobei der Sand unter ihnen ein natürliches, weiches Bett formte.
 
Nur die Angst vor dem, was möglicherweise kommen würde, sollten sie tatsächlich für immer an diesem verfluchten Ort gestrandet sein, verhinderte, dass sie in einen tiefen und erholsamen Schlaf fielen.
 
~*~**~*~
 
„Lass uns da rein rudern.“
 
Jack deutete auf einen schmalen Streifen Sandstrand. Sie hatten die Insel nach einer ereignislosen Nacht einmal komplett umrudert und noch immer war von der Pearl nicht die geringste Spur zu entdecken. Nun waren sie in der Nähe der Zedernbäume angekommen. Jack hatte vorgeschlagen nach ihrer Inselumsegelung an diesen Ort zurück zu kehren, da es dort eine kleine Bucht gab und sie außerdem in der Nähe der Stelle waren, an der die Kiste vergraben lag.
 
Jack war sehr still geworden, seit sie die Insel einmal komplett umrundet hatten. Will befürchtete, dass ihn das mysteriöse Verschwinden seines Schiffes wohl ziemlich hart getroffen hatte. Jack behielt Emotionen dieser Art immer gerne für sich. Will wünschte, er wüsste irgendetwas, was er sagen könnte, um Jack Trost zu spenden oder ihn aufzumuntern, aber im Moment wollte ihm nicht das Geringste einfallen. Ihre Lage sah in der Tat ziemlich düster aus und er selbst war auch nicht gerade besonders gut gelaunt.
 
Sie zogen ihr Boot ein Stück den Strand hinauf. Direkt neben der Küste lag ein großer Felsen, der dicht mit Zedernbäumen bewachsen war. Langsam und mühevoll kletterten sie nach oben und suchten sich einen Weg zwischen den Bäumen hindurch, die glücklicherweise so eng beieinander standen, dass durch den Schatten, den sie warfen, kein Dickicht am Boden wachsen konnte. So mussten sie sich wenigstens nicht auch noch durch Büsche und Gestrüpp kämpfen. Wills Schritte verursachten knirschende Geräusche, als er mit seinem Stiefel auf einen dicken Teppich von Zedernnadeln trat, während er sich immer weiter den Abhang hocharbeitete. An den steileren Stellen des Hügels kamen ihnen die langen, tief hängenden Zweige der Zedernbäume gelegen, da sie sich daran festhalten konnten, allerdings musste Will schnell feststellen, dass das Harz der Bäume einen Juckreiz auf seinen Handflächen verursachte. Er war daher froh, als sie endlich oben ankamen und die Bäume um sie herum langsam lichter wurden.
 
Will rieb seine geröteten Handflächen gegen den Stoff seiner Jacke. Jack hatte noch immer die Schaufel in der Hand, die er als eine Art Wanderstock benutzte, daher war er von dem Juckreiz bislang verschont geblieben.
 
Sie waren erst einige wenige Schritte weit gekommen, als Jack, der vorneweg ging, plötzlich wie angewurzelt stehen blieb.
 
„Was ist?“, fragte Will, als er ihn einholte.
 
Jack deutete stumm mit der Hand auf den Boden. In einer Lichtung war ein kleiner Hügel aus losen Steinen aufeinander gehäuft worden. Ein Grab.
 
Will konnte fühlen, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief, allerdings ein anderer, als am Vortag. Es war eine ganz gewöhnliche Gänsehaut, wie sie einen oft überfällt, wenn man unerwartet mit dem Tod in Berührung kommt. „Weißt du“, sagte er, als sie die Lichtung durchquerten, „diese merkwürdige Geschichte, die Spillett da erzählt hat, vielleicht ist sie ja am Ende doch wahr. Dies hier könnte der Ort sein, an dem Woodes seinen ermordeten Schiffskumpanen Read begraben hat.“
 
„Wenn er sich tatsächlich die Mühe gemacht hat ihn zu begraben“, antwortete Jack, „dann sollten wir ihn ausgraben und nachsehen.“
 
„Müssen wir das wirklich tun?“ Diese Idee gefiel Will wirklich ganz und gar nicht. Er war nicht besonders scharf darauf zu sehen, was unter den Steinen lag.
 
Jack zückte die Schaufel. „Ja, das müssen wir. Manchmal stehlen Mörder alles von ihren Opfern, was auch nur irgendwie von Wert ist. Aber manchmal, ganz besonders dann, wenn es kein Raubmord war, sondern andere Motive dahinter steckten, sehen sie gar nicht erst nach, ob was zu holen ist.“
 
Es war eine grausige Aufgabe, aber Will musste zugeben, dass Jack eine gewisse Logik nicht abzusprechen war. Er half so gut er konnte beim Graben, indem er die größeren Felsbrocken mit den Händen beiseite rollte, während Jack mit der Schaufel die kleineren abtrug. Sie brauchten nicht lange, um das behelfsmäßige Grab zu erreichen, das darunter lag. Sie fanden menschliche Überreste in Form eines Skeletts, an denen sogar noch einige Fetzen Kleidung hingen.
 
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen stand Will daneben, als Jack niederkniete um die Knochen zu untersuchen. „Glaubst du das hier ist Read?“
 
„Vielleicht. Ihm wurde der Schädel eingeschlagen, soviel steht fest. Und ich glaube nicht, dass das einfach so von alleine passiert ist.“
 
Soviel dazu. Dahin ging Wills gute Hoffnung, dass der Mann eines natürlichen Todes gestorben war. Vielleicht an einem Fieber und seine Schiffskameraden hatten ihn netterweise hier begraben, anstatt seine Leiche ins Meer zu werfen. Nein. Dieser Mann war ermordet worden. „Er ist es, der hier spukt.“
 
„Noch bin ich nicht bereit an Geister zu glauben.“ Jack zog etwas aus dem Grab und warf es in Wills Richtung. „Das hier können wir jedenfalls gut gebrauchen.“
 
Will bückte sich und hob ein schmutziges Messer vom Boden auf. An der Klinge klebte noch feuchte Erde. So wenig es ihm auch behagte, das Grab dieses Mannes zu schänden, dieses eine Werkzeug konnte für sie hier auf der einsamen Insel, möglicherweise den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Mit diesem Messer konnten sie Zweige zurechtschneiden und sich eine Hütte bauen. Sie konnten damit Muscheln öffnen oder Feuerholz machen. Wenn sie nur erst etwas fänden, um das Feuer zu entzünden. „Sind da auch irgendwelche Streichhölzer?“
 
„Ein paar, aber sie sind durch die feuchte Erde nicht mehr zu gebrauchen.“
 
„Verdammt.“
 
Jack warf ihm einen kleinen Lederbeutel zu. „Ausgeraubt wurde er jedenfalls nicht.“
 
Im Beutel fand Will eine Handvoll Goldmünzen. „Die werden uns hier nicht viel nützen.“
 
„Aber dem da drin auch nicht.“ Jack stieg aus dem flachen Grab und begann die Steine wieder aufeinander zu legen, um es erneut zu versiegeln. „Seine Kleidung ist viel zu verrottet.“
 
Will half ihm dabei den Grabhügel zu schließen. „Wenigstens haben wir jetzt ein Messer. Und vielleicht finden wir ja in der Kiste noch irgendwas Brauchbares.“
 
„Wenn es wirklich ein Schatz ist, können wir das vergessen.“
 
Gemeinsam verschlossen sie das Grab des ermordeten Mannes, dann nahmen sie ihren ursprünglichen Weg wieder auf. Sie liefen durch den Wald in die Richtung, in der sie das Loch vermuteten, das sie am Vortag gegraben hatten. Es war nur eine grobe Schätzung, aber als sie aus dem Wald ins offene Gelände traten, bemerkten sie, dass sie gar nicht so weit davon entfernt waren. Will konnte den kleinen Hügel aus Erde und Dreck, den sie am Vortag bei ihrer Schatzsuche aufgetürmt hatten, keine fünfzig Fuß entfernt sehen. Er sah noch immer unberührt aus.
 
Die ganze Zeit hindurch hatten sie keine Spur von Nicholas Crane entdecken können. Allerdings mussten sie zugeben, dass es für Crane auch nicht gerade viel Sinn machte, sie anzugreifen, solange sie noch in der Überzahl waren. Zumal sie zusätzlich auch noch alle Waffen besaßen. Aber was, wenn er ihr Boot fände und versuchen würde, damit zu entkommen? „Wir sollten uns beeilen“, sagte Will.
 
Sie liefen hinüber zu dem Loch, das sie am Vortag gegraben hatten. Diesmal griff Will zur Schaufel und begann die schmutzverklebte Holzkiste auszugraben, während Jack mit den Händen die Erde beiseite schob. Immense Neugierde, gemischt mit der Angst ihr Boot allzu lange aus den Augen zu lassen, trieb Will zu Höchstleistungen an. Da sie beide gleichermaßen hart arbeiteten, dauerte es nicht lange, bis sie die Kiste endlich aus dem Loch ziehen konnten. Sie war mit einem einfachen Schloss gesichert, das Will mit einem einzigen, zielsicheren Hieb seiner Schaufel mühelos zerschmetterte. Dann öffneten er und Jack gemeinsam den Deckel.
 
Im Inneren der Kiste fanden sie sechs Säcke voller Gold-Dublonen – genug, dass ein einzelner Mann über Jahre hinweg wie ein König in Saus und Braus leben konnte. Es war ein Schatz, der es wert war dafür zu stehlen, ja, sogar dafür zu morden. Aber in ihrer jetzigen Lage war er für sie absolut wertlos. Vorsichtig zogen sie jeden einzelnen Sack hervor und durchsuchten ihn, um sicher zu gehen, dass sich nichts weiter darin verbarg, aber die Kiste enthielt nichts außer Gold. Daher legten sie die Säcke letztlich enttäuscht zurück, schlossen den Deckel der Kiste und ließen sie stehen, wo sie sie gefunden hatten.
 
Sie legten den Rückweg zur Bucht schweigend zurück, während sich Will die Zeit damit vertrieb, über ihr unsagbares Pech nachzugrübeln. Er war müde und hungrig, und die Aussichten, dass sich auch nur eines von beidem in näherer Zukunft ändern würde, waren denkbar schlecht. Diesmal waren die Umstände wirklich weitaus weniger günstig, als beim letzten Mal, als sie auf einer einsamen Insel gestrandet waren. Damals hatte ihnen Werkzeug und ausreichend Nahrung zur Verfügung gestanden und vor allem waren sie auch jederzeit in der Lage gewesen ein Feuer zu entzünden, wann immer sie es benötigten. Doch diesmal hatten sie kein Schiff, ein Mörder lief frei auf der Insel umher und obwohl Jack sich noch immer weigerte diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen, war sich Will trotz allem sicher, dass es auf der Insel spukte. Zweimal hatte er inzwischen ganz deutlich eine übernatürliche Anwesenheit gespürt und er war sich sicher, dass es sich bei der merkwürdigen Kälte um einen Geist handelte. Um die Seele des ermordeten Mannes, den sie gefunden hatten. Wahrscheinlich wanderte er ruhelos über die Insel, da sein Tod bis heute ungesühnt geblieben war.
 
Sie hatten gerade die Hälfte der Strecke durch den Wald zurückgelegt, als Jack plötzlich inne hielt und angestrengt nach rechts blickte. „Das ist merkwürdig.“
 
„Was?“ Will trat zu ihm und folgte seinem Blick. In der Ferne sah er ein merkwürdiges Licht zwischen den dunklen Bäumen leuchten, nicht mehr als ein schwacher, orange-roter Schein. Seine Hand griff nach dem Messer, das an seinem Gürtel hing. „Könnte Crane sein.“
 
„Wollen wir nachsehen?“, fragte Jack und zog die Pistole aus seinem Gürtel.
 
Langsam bewegten sie sich in die Richtung, aus der der merkwürdige Schein kam. Will versuchte sich genau einzuprägen, woher sie gekommen waren, da er vermeiden wollte, sich im Wald zu verlaufen. Sie mussten jedoch gar nicht erst besonders weit gehen. Als sie näher kamen, konnten sie eine kleine Lichtung erkennen, mit einer Feuerstelle in der Mitte, in der ein munteres Feuer prasselte.
 
Sie schlichen sich näher heran, zwischen den Bäumen hervor auf die Lichtung. Nirgendwo war auch nur die geringste Spur von Crane zu entdecken. Langsam und vorsichtig durchkämmten sie die angrenzenden Bäume und Büsche, während sie immer dicht beieinander blieben und lauschten. Doch nichts, was sie fanden, gab ihnen einen Hinweis darauf, wer das Feuer entfacht haben könnte. Am anderen Ende der Lichtung fanden sie einen kleinen Trampelpfad, der zwischen die Bäumen hindurch führte. Die Erde an dieser Stelle war über die Zeit hinweg durch zahlreiche Fußtritte hart und festgetreten worden.
 
„Dieser Pfad hier ist nicht neu“, sagte Will. „Jemand hat hier gelebt.“
 
„Möglich.“
 
Will fragte sich insgeheim, ob das Feuer nicht zu einem ganz bestimmten Zweck angezündet worden war. Vielleicht wollte ja jemand versuchen sie hierher zu locken, den Pfad entlang, hinein in eine Falle. „Gehen wir da lang?“
 
„Ich denke nicht, dass wir eine Wahl haben.“
 
„Nein, schätzungsweise nicht.“ Schon alleine seine erwachte Neugierde stachelte ihn an und forderte eine genauere Untersuchung dieser merkwürdigen Umstände. Will schluckte. „Ich bin soweit.“
 
Gemeinsam liefen sie den Pfad hoch, wobei sie sich stets kampfbereit hielten und an jeder Kurve wachsam lauschten. Als sie ihren Weg fortsetzten, konnte Will plötzlich fühlen, wie die altbekannte Angst erneut in ihm hochstieg. Es war dasselbe Grauen wie schon am Vortag, aber diesmal fröstelte ihn nicht. Es war anders als zuvor, ein Gefühl, als würde sie jemand beobachten. Niemand aus Fleisch und Blut, es war ihm, als hätte die Luft um sie herum Augen und wäre erfüllt mit Seelen, die man nicht sehen konnte. Er begann seine Schritte zu beschleunigen.
 
Sie waren überrascht, als der Pfad in eine weitere Lichtung mündete, in der eine behelfsmäßige Hütte aus Stein und Holz stand. Zweifellos hat jemand auf der Teufelsinsel gelebt, vielleicht war er sogar immer noch hier.
 
„Crane hat das hier sicher nicht gebaut“, sagte Will.
 
Langsam und vorsichtig ging Jack auf den Eingang zu. Die Tür war aus Zweigen, die jemand mit Streifen aus Palmenwedeln aneinander gebunden hatte. Er blieb an einer Seite der Tür stehen und hielt seine Pistole schussbereit, dann stieß er die Tür mit einem kurzen Tritt seines Stiefels nach innen auf. Vorsichtig spähte er hinein, während Will direkt neben ihm stand, das Messer in seiner Faust kampfbereit gezückt. „Keiner zu Hause.“
 
Beide warfen einen Blick in das Innere des einfachen Häuschens. Will erkannte einen grob gezimmerten Tisch, und Stühle, die aus Zweigen zusammen geschustert waren, ein Bett aus Palmenwedeln und eine einfache kleine Seemannskiste. Jack trat ein, um die Kiste zu untersuchen, während Will an der Tür blieb, um Wache zu halten. Er hasste diesen Ort und er hasste diesen unerträglichen Geruch des Bösen, der an allem zu haften schien.
 
„Streichhölzer“, rief Jack glücklich, nachdem er die Kiste geöffnet hatte.
 
Will wusste, dass er froh darüber sein sollte, dass sie einen Unterschlupf und Vorräte gefunden hatten, aber stattdessen überkam ihn nur ein banges Gefühl der Anspannung und Nervosität. „Kann es sein, dass uns jemand helfen will?“ Aber wer auch immer es war, er hatte sich ihnen nicht gezeigt und es gab auch keinen Grund für dieses merkwürdige Verhalten. Vielleicht war dies nicht mehr als ein Versuch sie in Sicherheit zu wiegen, während sie in Wahrheit in höchster Gefahr schwebten. „Oder ist das eine Falle, die Crane uns gestellt hat? Aber wenn ja, wo ist er?“
 
„Zwieback.“ Jack warf ihm eine Packung Kekse zu. Er hatte schon den Mund voll und kaute enthusiastisch auf den trockenen Krumen herum.
 
„Danke.“ Will fing das Päckchen mühelos und nahm einen Bissen. War der Hunger erst groß genug, war fast alles essbar. Er hoffte inständig, dass dieses merkwürdige Gefühl in seiner Magengegend durch die Zufuhr von Nahrung endlich verfliegen würde. Vielleicht war sein nervöses Verhalten ja nur eine Nebenwirkung seines erschöpften Zustandes.
 
„Kleider, eine Bibel, ein Paar Bücher übers Segeln…“ Jack wühlte sich durch die Kiste. „Ah, ein Fläschchen.“ Er öffnete es und schnupperte prüfend daran. Dann seufzte er. „Leer. Wie üblich.“
 
Will behielt die Tür nach draußen stets im Blick. Er hatte nicht vor, sich überraschen zu lassen. „Lass uns einfach nur ein paar von diesen Streichhölzern nehmen und dann verschwinden.“ Er traute dem Frieden nicht. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass jemand ihnen tatsächlich helfen wollte.
 
„Noch nicht. Ich hab noch was anderes gefunden.“ Jack hob einen Beutel hoch, aus dem er ein ledergebundenes Buch zog. „Ein Tagebuch.“
 
„Können wir das nicht woanders lesen?“
 
Jack kam hinüber zur Tür, wo das Licht besser war. „Wir haben hier einen Unterschlupf, eine Feuerstelle und Essen. Warum sollten wir verschwinden? Hier können wir uns schützen. Wir können jederzeit sehen, wenn sich jemand versucht zu nähern.“
 
Will wusste nicht, wie er Jack klarmachen sollte, weshalb genau er so nervös war. „Was, wenn der Kerl, der all das hier gebaut hat zurückkommt? Was, wenn Crane ihn zuerst gefunden hat und sie jetzt gemeinsame Sache machen? Was, wenn er Waffen hat?“ All das waren durchaus stichhaltige Einwände, allerdings berührten sie nicht diesen Kern aus purer Panik, der sich in seinem Inneren gebildet hatte. Dafür gab es keine rationale Erklärung. Und auch das Essen, das er zu sich genommen hatte, konnte daran nichts ändern.
 
„Du zitterst ja.“ Jack berührte ihn am Arm. „Du bist doch normalerweise nicht so leicht zu erschrecken, Kumpel. Was ist los?“
 
„Geister“, sagte Will. Er konnte ihre Anwesenheit fühlen, überall um sich herum, und es war mehr, als nur ein einzelner Geist. Die ganze Insel schien voller toter Seelen, die keine Ruhe fanden. „Kannst du es denn nicht fühlen?“ Diesmal war die Luft nicht kühl, kein Frösteln war zu spüren. Es war nicht mehr als ein vages Gefühl… die Anwesenheit von etwas Übernatürlichem, eine Leere, die alles zu verschlingen drohte, als ob ihm irgendwas seine Lebenskraft aussaugte. „Irgendetwas ist hier. Überall. Etwas Totes und Kaltes, und es will uns.“
 
„Deine Fantasie geht mit dir durch“, sagte Jack. „Ich kann überhaupt nichts fühlen.“
 
„Dieser Ort hier ist verflucht“, beharrte Will. „Du selbst bist doch derjenige, der behauptet hat, auf diesem Teil des Meeres läge ein Fluch. Es ist mir egal, ob du nicht bereit bist an Geister zu glauben. Du und ich, wir beide haben gesehen, wie sich ganz normale Männer in Skelette verwandelt haben und dann wieder zurück in Fleisch und Blut. Du kannst mir nicht erzählen was real ist und was nicht.“ Er zitterte jetzt am ganzen Leib.
 
„Jack drückte seinen Arm um ihn zu beruhigen, dann ging er erneut zur Hütte und kehrte kurz darauf mit dem Beutel zurück. „Na gut. Wo willst du hingehen?“
 
„Irgendwohin.“ Will fühlte sich schon wieder etwas besser. „Lass uns zu unserem Boot gehen und zurück in die Bucht rudern. Wenn die Pearl wiederkommt, ist das sicherlich der erste Ort, an dem sie nach uns suchen werden.“
 
„Nach dir.“
 
Sie kamen bei ihrem Rückweg durch den Wald gut voran und es dauerte nur ein kurzes Weilchen länger, um den Hügel wieder nach unten zu klettern. Gegen Nachmittag hatten sie die Stelle erreicht, an der sie ihr Boot zurückgelassen hatten, und fanden es nach wie vor unberührt. Sobald sie es ins Meer geschoben hatten und zu rudern begannen, wich endlich auch die nagende Angst aus Wills Knochen. Alles fühlte sich wieder vollkommen normal an, aber er schämte sich seiner Frucht nicht, und es tat ihm auch nicht Leid, dass sie die Hütte verlassen hatten. Er wusste einfach, dass irgendetwas mit diesem Ort nicht stimmte.
 
Am späten Nachmittag kamen sie am Strand ihrer Bucht an. Erneut zogen sie das Boot auf den Sand, dann machten sie sich auf die Suche nach Nahrung. Jack hatte ein wenig von dem Zwieback aus der Hütte mitgenommen, aber um zu überleben, benötigten sie weitaus mehr als das. Mit Hilfe des Messers waren sie nun in der Lage Kokosnüsse von den Bäumen zu schneiden, deren leere Schalen sie später dazu benutzen konnten, Wasser aus dem Bach zu schöpfen. In der Nähe des Strandes fanden sie auch einige Muscheln, die an einem Felsen klebten und gegen Abend hatten sie ausreichend Holz gesammelt, um mit den Streichhölzern, die Jack mitgenommen hatte, ein Feuer zu entfachen.
 
„Danke“, sagte Will, als sie dicht beieinander am Feuer saßen und gerade ihr Abendessen beendeten.
 
„Wofür?“
 
„Dass du nachgegeben und diesen Ort verlassen hast. Darum.“
 
„Mir gefiel nicht, was dort mit dir passiert ist.“ Jack sah ihn prüfend an und das Licht des Feuers spiegelte sich in seinen Augen. „Du glaubst wirklich, dass es dort spukt, nicht wahr?“
 
Will nickte. „Du hast diesen komischen, kalten Lufthauch doch selbst gespürt, oder?“
 
Jack zuckte mit den Achseln. „War vielleicht einfach nur irgendein komisches Naturphänomen.“
 
„Ich glaub das nicht. Ich glaube, dass die Geschichte wahr ist und dass diese Insel hier verflucht ist.“
 
„Vielleicht wird uns das hier ja mehr verraten.“ Jack brachte das Tagebuch, das er gefunden hatte ans Feuer und öffnete es. Er hielt es so, dass der Feuerschein auf die Seiten fiel. „Dieses Tagebuch wurde begonnen“, las er „am dritten Tag des Oktobers im Jahre des Herrn siebzehnhundertunddreißig. Von seinem treuen und demütigen Diener Edward Eaton, ehemals Angehöriger der Grafschaft Devon.
 
„Das war erst vor einem Monat“, sagte Will. So eine kurze Zeit konnte der Mann problemlos überlebt haben, schließlich hatten sie noch immer ausreichend Nahrung in seiner Hütte gefunden. Aber trotzdem… von dem Mann selbst gab es nicht die geringste Spur.
 
Ich wurde von der Mannschaft des Piratenschiffs Destiny aufgrund einer bloßen Laune des Captains hier auf dieser einsamen Insel ausgesetzt. Ich habe kein Verbrechen begangen, alles was ich tat war ein frommes Werk, indem ich den ruchlosen Männern an Bord stets und immerfort das Wort des Herrn predigte, die ohne Seine Hilfe und Seinen Beistand sicherlich für alle Zeiten verloren wären.“ Jack grinste. „Oh, ich kann mir vorstellen, warum das bei der Mannschaft eines Piratenschiffs auf nicht allzu viel Gegenliebe stößt. Normalerweise sind Piraten nicht besonders religiös, zumindest nicht, solange ihnen nicht die Henkersschlinge direkt vor der Nase herumbaumelt.“
 
„Warum war er denn dann überhaupt an Bord?“
 
„Ah, das kommt wohl als nächstes. Soll ich einfach der Reihe nach vorlesen?“
 
„Such zuerst die wichtigsten Punkte raus“, sagte Will. „Damit wir wissen, was mit ihm passiert ist.“
 
Zum Wohle meiner Familie und meines guten Rufes“, las Jack weiter, „werde ich für jedermann ein für allemal klarstellen, dass ich niemals gewillt wäre, einen Akt der Sünde gegen meinen Nächsten zu begehen. Jedoch wurde ich gezwungen an Bord des Piratenschiffes zu dienen, nachdem das Handelsschiff New Jordan, auf dem ich von Whydah nach Virginia segelte, geentert worden war. Zwölf unserer Männer wurden verschleppt, und jeder einzelne von ihnen nahm das Piratenleben mit Fleiß an und verschrieb sich dem Bösen. Sie alle legten willentlich den Eid ab, ich selbst war der einzige Mann, der sich widersetzte.“ Jack hielt einen Moment lang inne, um einen Schluck Wasser zu trinken. „Das ist gar nicht mal so unüblich.“
 
„Was? Dass Männer in die Piraterie gezwungen werden?“ Will hatte zwar schon von solchen Dingen gehört, hatte davon gelesen, aber er hatte sich stets gefragt, wie viel Wahres wohl dran war.
 
„Wenn ein Piratenschiff ein anderes Schiff angreift, geschieht dies meist aus mehreren Gründen. Sicher, sie wollen die Fracht, aber sie suchen auch ständig nach neuen Männern, um ihre Mannschaft aufzustocken, da sie viele aufgrund von Verletzungen oder Krankheiten verlieren. Eine Menge Seeleute, die stets ihre Rechtschaffenheit betont haben, erklären sich dann plötzlich nur zu gerne bereit, von einem gefangenen Schiff auf ein Piratenschiff zu wechseln. Sie hoffen darauf, dort innerhalb kürzester Zeit ein Vermögen zu machen, was natürlich weitaus verlockender ist, als die Aussicht, als ehrliche Gefangene auf ihrem eigenen Schiff zurückzubleiben.“
 
Jack sprach mit soviel Bitterkeit und Zynismus in der Stimme, dass Will einen Moment lang stutzig wurde. Dann jedoch erinnerte er sich an das, was er von Jack und seinem eigenen Vater wusste. Einst hatten auch diese beiden ahnungslos auf einem augenscheinlich „ehrlichen“ Handelsschiff namens Intrepid angeheuert. Die Mannschaft dieses Schiffes war ohne Unterlass von ihrem brutalen Kapitän und dessen ersten Maat misshandelt worden und es gab keinerlei Hoffnung zu entkommen. Will erkannte, dass solche Dinge möglicherweise nicht nur auf der Intrepid passierten. Das Leben eines Seemanns war generell hart, gefährlich und von kurzer Dauer und zusätzlich dazu, wurde man auch noch ziemlich schlecht bezahlt. Aber für jemanden, der in eine arme Familie in England hineingeboren worden war, gab es kaum eine bessere Möglichkeit, um Arbeit zu finden. „Deshalb sind sie bereit das Risiko des Galgens auf sich zu nehmen, weil sie hoffen, irgendwann vielleicht reich zu werden? Aber ist das denn überhaupt sehr wahrscheinlich?“
 
„Es kommt oft genug vor“, sagte Jack. „Das Dumme ist nur, dass sie ihr ganzes Gold immer viel zu schnell und viel zu voreilig für irgendwelche nutzlosen Dinge aus dem Fenster werfen. Und dann müssen sie doch wieder in See stechen und weitermachen. Und dann wieder, und wieder. Bis es irgendwann einmal zu oft ist.“
 
Will war über alle Maßen froh und erleichtert, dass Jack sich seine Begnadigung verdient hatte und dieses Leben nun hinter ihm lag. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele von ihnen sonderlich alt werden.“
 
„Nein, das werden sie nicht.“ Jack holte tief Luft und ließ sie dann in einem einzigen, langen Atemzug wieder aus seinen Lungen entweichen. „Wenn du es bis fünfunddreißig schaffst, hast du als Pirat schon unglaublich großes Glück.“
 
Er wurde still und sah irgendwie nachdenklich aus, und Will fragte sich, ob er wohl gerade an Nate Flynn dachte. Der war auch Pirat gewesen, Captain der Nighthawk, und Jack hatte ihn einst geliebt. Gemeinsam waren sie in Süd-Ostasien unterwegs gewesen, drei oder vier Jahre lang, bis das Schiff irgendwann während einer Verfolgungsjagd gefasst wurde. Sie wurden gefangen, weil Jack über Bord gegangen war und Flynn beigedreht hatte, um ihn zu retten. Eine Tat, die, wie sich herausstellen sollte, Flynns eigenes Todesurteil war. Flynn wurde gehängt, während Jack und die Mannschaft zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt wurden. Will zählte die Jahre zurück, von dem, was er über Jacks Vergangenheit inzwischen wusste und berücksichtigte dabei, dass Jack nur kurze Zeit, bevor er in Port Royal ankam aus dem Gefängnis entkommen war. Davor hatte er ungefähr drei Jahre hinter Gittern verbracht, daher musste er zu der Zeit wohl sechs- oder siebenunddreißig gewesen sein. Flynn war in etwa genauso alt. Für einen Piraten wirklich unglaublich großes Glück, so lange zu leben, in der Tat.
 
Jack kehrte wieder zurück von dem Ort, an dem er in Gedanken verweilt hatte, und blätterte die Seite des Tagebuchs um. „So, unser Edward Eaton war also ein widerwilliges Mitglied der Mannschaft und bestand darauf, seinen Kameraden fortwährend christlichen Werte vorzupredigen.“
 
„Wo liegt Whydah?“, fragte Will.
 
„An der Westküste Afrikas. Sklaven-Territorium. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass genau das auch die ‘Fracht’ war, die die New Jordan geladen hatte. Wollen wir doch mal sehen was passiert ist, nachdem die Destiny ihn hier zurückgelassen hat.“
 
„Wenigstens haben sie ihm erlaubt seine Sachen mitzunehmen“, sagte Will.
 
„Ja, das hat er auch hier geschrieben. Ich danke Gott dem Allmächtigen für meine spärlichen Besitztümer, denn ohne sie wäre ich mit Sicherheit längst zugrunde gegangen.“ Jack blätterte über die nächsten paar Seiten. „Er hat wohl jeden Tag einen neuen Eintrag geschrieben. Sieht so aus, als ob es in den ersten hauptsächlich darum geht, Essen und Wasser zu finden und seine Hütte zu bauen. Und natürlich hat er auch haufenweise um Erlösung gebetet.“
 
Jack fuhr fort die Einträge zu überfliegen, bis er schließlich ungefähr nach einem Drittel des Buches innehielt. „Jetzt wird’s interessant. Ich glaube, er hat deinen Geist gefunden.“
 
Will richtet sich sofort neugierig auf. „Lies vor.“
 
Zehnter Oktober. Heute, als ich den östlichen Teil der Insel erforschte, geschah etwas Seltsames. Einen Moment lang wärmte mich noch die Sonne, dann wurde ich plötzlich von einer eisigen Kälte umhüllt, die mich mit unerklärbarem Grauen erfüllte. Es ging so schnell vorüber, wie es gekommen war und den Rest des Tages hindurch geschah nichts weiter. Dennoch habe ich das untrügliche Gefühl, dass eine Ausgeburt des Bösen über diese Insel gekommen ist. Es kann sich nur um Teufelswerk handeln und ich muss künftig noch fleißiger und ausdauernder beten, um die Kraft zu finden, meine Feinde zu besiegen.
 
„Der arme Mann“, sagte Will. „Es ist schon schlimm genug diese Kälte zu spüren, wenn du bei mir bist, aber es muss hundert Mal schlimmer sein, wenn man mutterseelenallein da draußen ist.“
 
„Auf den nächsten Seiten geht es erstmal nur um seinen täglichen Kampf ums Überleben“, sagte Jack. „Und natürlich hat er auch viel gebetet.“
 
„Ich hab das Gefühl, dass seine Gebete auf taube Ohren stießen.“
 
„Ja, geht mir genauso.“ Jack überflog die nächsten Seiten auf der Suche nach einem weiteren interessanten Eintrag. Den fand er dann schließlich auch, ungefähr in der Mitte des Buches. „Heute ist der zwanzigste Tag, den ich alleine auf dieser Insel verbringe, und mein Herz weint um all meine christlichen Brüder im Glauben. Das Schicksal hat mich auf eine Insel der Verdammten verschlagen, wo ich tagtäglich von Dämonen gequält werde. Ich kann mich kaum weiter als wenige Schritte von meiner Hütte entfernen, bevor mich die Kälte des Bösen immer wieder von allen Seiten attackiert, auch vergehen selten mehrere Stunden am Stück, ohne dass ich den unheilvollen, wehklagenden Laut der gepeinigten Seelen höre, die vor mir auf diesem verfluchten Land ihr Leben lassen mussten.
 
„Guter Gott.“ Will bekam eine Gänsehaut, obwohl er direkt neben den warmen Flammen des Feuers saß. „Ist es schlimmer geworden?“
 
„Tagtäglich, von dem was ich hier erkennen kann.“
 
„Spring vor bis zum Ende.“ Will musste einfach wissen wie schlimm es noch werden konnte, auch wenn er gleichzeitig Angst davor hatte es zu erfahren. „Ist er davon verrückt geworden?“
 
Jack überflog schweigend das Tagebuch, wobei er die einzelnen Seiten rasch durchblätterte. „Mehr Geschreibsel über die armen Seelen die auf der Insel spuken“, sagte er. „Seine Handschrift wird auch von Tag zu Tag krakeliger, je mehr Zeit vergeht. Die Einträge werden immer kürzer und dazwischen liegen immer längere Abstände. Warte, hier ist vielleicht noch etwas. Ich fühle tiefste Verzweiflung. Heute Abend sichtete ich am Horizont ein Segel und entzündete mein Signalfeuer. Das Schiff kam nahe an die Insel heran, dann jedoch zog der teuflische Nebel auf und sammelte sich um das Boot. Ich konnte die angsterfüllten Schreie der Männer bis an Land hören. Schon oft hatte ich Gelegenheit dieses unheilvolle Phänomen zu beobachten. In der Nacht noch mehr als am Tag, entsteht der Nebel oft innerhalb von Minuten, und dann ist kein klarer Gedanke mehr möglich. Als ich die Segel erneut erspähte, hatte sich das Schiff gedreht und versuchte der Insel und dem Nebel so schnell wie möglich zu entfliehen. Als es letztlich verschwunden war, zog sich der Nebel wieder an seinen üblichen Ort zurück. Nun weiß ich, dass meine Hoffnung auf Rettung vergebens ist.
 
„Lies weiter“, sagte Will, obgleich er schon ahnte was kommen würde, und es eigentlich gar nicht hören wollte. Aber es musste sein.
 
„Dieser Eintrag hier ist auf den zweiten November datiert“, antwortete Jack. „Das war erst vor zehn Tagen. Der Herr hat mich verlassen. Ich bin umringt von Toten. Ihre verdammten Seelen rufen nach mir, auf dass ich mich zu ihnen geselle. Selbst mein fortwährendes Beten hilft mir nicht, ich kann mich ihrem Ruf nicht länger widersetzen.“ Er seufzte. „Das klingt gar nicht gut.“
 
„Nein. Er ist wohl inzwischen entweder tot oder verrückt geworden.“ Will konnte sich bei einem Mann, der gezwungen war in solch einer furchtbaren Umgebung zu leben, kaum eine andere Möglichkeit vorstellen.
 
„Er ist tot“, antwortete Jack. Er hatte erneut einige Seiten vorgeblättert, bis zum Ende des Tagebuchs. „Dieser Eintrag hier trägt das Datum vom sechsten November. Ich bete zu Gott, dass er mir diese schlimmste aller Sünden vergeben möge, aber es ist mir nicht möglich, länger inmitten dieser unheiligen Geister zu leben, die mir keine ruhige Minute gönnen. Ich vermache all meinen weltlichen Besitz der armen Seele, die ihn findet. Bei Abenddämmerung werde ich mit nichts weiter als dem, was der Herr mir gegeben hat, ins Wasser der Erde gehen, wo ich so weit hinein schreiten werde, wie Gott es mir in seiner Gnade erlaubt. Weit weg von dieser Hölle sollen mich die ewigen Meere für immer bedecken.
 
„Er hat sich ertränkt“, sagte Will. „Er ist hinaus aufs Meer geschwommen und ertrunken.“
 
„So sieht’s aus.“
 
Will war völlig fassungslos angesichts der Umstände, die diesen armen Mann zu solch einer Tat getrieben hatten. Und er war gleichermaßen geschockt, wenn er daran dachte, dass ihnen beiden möglicherweise ein ähnliches Ende blühte. Es war noch viel schlimmer, als er geahnt hatte. Als sie den Grabhügel fanden, hatte er noch geglaubt, die Insel würde von einem einzelnen Geist heimgesucht. Dem Geist des ermordeten Read. Aber nun wusste er, dass es hier unzählige rastlose Seelen gab, die Geister all jener Männer, die an diesem Ort gestrandet, angeschwemmt oder getötet worden waren, seit dem Augenblick, als zum ersten Mal ein Mensch seinen Fuß auf die Insel gesetzt hatte. Eine verfluchte Insel inmitten verfluchter Gewässer, und sie beide waren auserkoren, die nächsten Opfer zu sein.
 
„Ist das alles?“, fragte er. „Enden die Aufzeichnungen hier?“
 
„Das ist die letzte Seite. Nein, warte…“ Jack blätterte ein letztes Mal um. „Hier auf der Rückseite steht noch etwas geschrieben.“ Er hielt das Tagebuch näher ans Feuer, da es schon ziemlich weit herunter gebrannt war. Er las langsam und drehte das Buch mal in die eine und dann wieder in die andere Richtung, um das Licht des Feuers so gut wie möglich einzufangen. „Ich, Edward Eaton, ehemals Angehöriger der Grafschaft Devon, übergebe meine Seele Gott und bitte Ihn um Gnade bei der Vergebung meiner Sünden. Und ich verdamme zu ewigen Höllenqualen die Seele des Mannes, der mich hier zurückgelassen hat, den Piraten und Sünder Captain Nathaniel—“ Mit einem Keuchen brach Jack mitten im Satz ab. „Nein!“
 
„Was?“ Will griff nach dem Tagebuch aber Jack hielt es außer Reichweite. „Was ist los?“
 
„Erstunken und erlogen!“ Jack holte aus, um das Buch in die Flammen zu werfen.
 
Will ergriff seinen Arm und hielt es vom Feuer fern. „Hör auf damit! Jack, was ist nur in dich gefahren?“
 
Doch Jack war wie von Sinnen. Er wehrte sich und rang mit ihm, während er noch immer vergeblich versuchte, das lederne Buch ins Feuer zu werfen. Will, der jedoch ein ganzes Stück jünger und kräftiger war, schaffte es schließlich ihn zurück auf den Boden zu drücken, bevor er sich mit dem Gewicht seines eigenen Körpers auf Jack warf. Ihre Gesichter waren dicht beieinander. „Um Himmels Willen, hör endlich auf!“, schrie Will. „Bitte, zwing mich nicht dazu.“
 
Mit einem Mal schien alle Wut aus Jack zu entweichen und er wurde am ganzen Körper vollkommen schlaff. „Tut mir Leid.“ Er drückte Will fest an sich. „Es tut mir Leid.“
 
„Ist schon gut.“ Will rollte von ihm runter und zog Jack mit sich, so dass sie nun eng umschlungen seitlich nebeneinander lagen. Er küsste Jack und hielt ihn noch eine ganze Weile fest. Als sie sich wieder voneinander lösten, sagte er leise: „Du darfst mir nicht so eine Angst einjagen. Ich dachte diese Insel hätte dir den Verstand vernebelt.“
 
Langsam reichte Jack ihm das Tagebuch. „Nicht die Insel. Aber die Lügen dieses Spinners.“
 
Will ließ ihn lange genug los um selbst einen Blick auf den letzten Eintrag zu werfen, indem er das Buch in die Nähe des Feuers hielt. Im hellen orangefarbenen Schein der Flammen konnte er Edward Eatons letzte Worte lesen. Und ich verdamme zu ewigen Höllenqualen die Seele des Mannes, der mich hier zurückgelassen hat, den Piraten und Sünder Captain Nathaniel Flynn. „Gute Güte!“ Nate Flynn war zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als drei Jahren tot gewesen. Er konnte unmöglich der Mann sein, der Eaton noch vor einem Monat hier auf der Insel ausgesetzt hatte. „Jack, das ist unmöglich. Das kann nicht er sein. Es ist doch nur ein Name, das ist alles. Ein dummer Zufall.“
 
„Ein Piratenkapitän? Derselbe Name, der gleiche Beruf?“ Jacks Stimme klang gebrochen und seine eigene Fassungslosigkeit schwang bei jedem einzelnen Wort mit. „Er ist tot, Will. Sie haben ihn in Surat gehängt.“
 
„Vielleicht hat einfach nur jemand seinen Namen benutzt. Ist dir selbst ja auch schon passiert, damals bei Hardcastle.“
 
„Er ist tot“, wiederholte Jack hölzern, und es war, als hätte er Wills Worte überhaupt nicht gehört. „Er ist meinetwegen gestorben. Er hat gedreht, um mich zu retten. Er hat mich geliebt.“
 
Will legte das Tagebuch beiseite und zog Jack erneut in seine Arme. „Ich weiß das. Es ist nicht derselbe Mann. Wie soll das auch möglich sein? Du selbst hast gesehen wie er starb.“
 
Auf diese Bemerkung hin bekam er erstmal lange Zeit keine Antwort. Zu lange. „Jack?“ Er konnte Jacks Gesichtsausdruck nicht klar erkennen, da das Feuer war schon viel zu weit heruntergebrannt war und die Flammen nur noch wenig Licht spendeten. Um sie herum war alles in tiefste Dunkelheit getaucht. Zärtlich berührte Will Jacks Gesicht und strich ihm über Stirn und Wangen. Er schien angespannt. „Jack?“
 
„Ich war nicht dabei, als sie ihn aufgehängt haben“, sagte Jack. „Sie haben mir erzählt, dass sie es getan haben, aber ich hab nicht gesehen wie er starb.“
 
Wills Finger, die noch immer beruhigend über Jacks Gesicht strichen, erfroren mitten in der Bewegung, als der Gedanke ihn plötzlich wie ein Hammerschlag traf. Nate Flynn war vielleicht noch immer am Leben. Augenblicklich musste er eine Welle der Angst niederkämpfen, die vor allem durch die Eifersucht geschürt wurde, die er verspürte, weil Nate früher einmal Jacks Geliebter gewesen war. Er nahm seine Bewegung wieder auf und strich sanft über Jacks Lippen. „Weshalb sollten sie dich anlügen?“, fragte er vorsichtig.
 
„Kein Grund, der mir einfällt.“ Jack griff nach oben, nahm Wills Hand und verteilte sanfte Küsse auf seinen Fingerspitzen. Dann zog er ihn zu sich herab, sodass Will auf seiner Brust zum Liegen kam, und hielt ihn fest. „Er ist tot. Er ist tot und begraben und es gibt keinen Grund etwas anderes zu glauben.“
 
Aber trotzdem konnte Will fühlen, wie Jacks Körper unter ihm zitterte, so als würde der nagende Zweifel an dem, was er jahrelang geglaubt hatte, sich weigern von ihm zu lassen. Will hatte absolut keine Ahnung was er sagen oder tun sollte. Das Letzte, was er wollte, war einen wiederbelebten Nate Flynn zu sehen, der zurück in Jacks Leben wanderte. Dennoch wusste er, dass Flynns Tod Jacks Seele so sehr verwundet hatte, dass er sich beinahe nicht mehr davon erholt hätte. Vor allem da er sich selbst die Schuld an allem gab. Wäre Flynn nun noch am Leben, dann würde diese unsägliche Last aus Schuld und Trauer endlich von Jacks Schultern genommen.
 
Allerdings, wenn Flynn tatsächlich noch am Leben war, was hatte er dann all die Zeit hindurch getan, während Jack im Gefängnis dahinsiechte? Warum hatte er nicht versucht ihn zu retten, warum hatte er nicht einmal versucht ihn wieder zu finden?
 
Will war sich sicher, dass Jack in diesem Moment wohl genau dieselben Gedanken durch den Kopf schossen. Er wünschte sich verzweifelt, sie hätten den Namen in Eatons Tagebuch nie entdeckt. Sie hatten so schon genug Probleme, um die sie sich sorgen mussten, auch ohne zusätzliche Seelenqualen von außen.
 
Das Feuer war inzwischen herunter gebrannt, sodass nur noch ein paar wenige glühende Kohlen übrig waren. „Wir sollten unter unser Boot kriechen“, sagte Will. „Es ist dort sicherer, und außerdem wärmer.“
 
Jack antwortete nicht.
 
„Komm schon.“ Will rieb Jacks Arm mit seinen Handflächen. „Zieh dich nicht wieder von mir zurück, bis ich nicht mehr zu dir durchdringen kann. Bitte bleib bei mir, hier und jetzt.“ Er stemmte sich hoch auf die Knie, schlang seine Arme unter Jacks Achseln und zog ihn zu sich hoch. Er fasste ihn an den Schultern und schüttelte ihn ordentlich durch. „Bitte, tu mir das nicht an, Jack. Komm schon. Ich brauch dich!“
 
Mit einem Mal erwiderte Jack seinen Griff und sank gegen ihn, während er sein Gesicht in Wills Halsbeuge vergrub. „Ich weiß.“ Er löste sich von ihm und richtete sich auf. „Und ich brauch dich auch.“
 
„Gut.“ Will lächelte. „Dann lass uns schlafen gehen.“
 
„Ja, lass uns schlafen gehen“, antwortete Jack, und gemeinsam liefen sie durch den weichen Sand hinüber zu ihrem Boot.


Nächster Teil




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