AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, PG-13, Abenteuer, Drama, Romantik, Angst
FREIGABE: PG-13 / ab 12
SETTING: Buch II schließt direkt an Buch I von Pirate Dreams an.
INHALT: Nach seiner Begnadigung hat Jack mit Wills tatkräftiger Unterstützung dem Piratendasein den Rücken gekehrt, und verdient sich seinen Lebensunterhalt nun als ehrbarer Spion für die britische Marine. Doch schon auf ihrer ersten Mission braut sich Unheil zusammen…
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch II
by Alexfandra


Den nächsten Tag verbrachten sie damit Äste und Palmenzweige zu sammeln, aus denen sie sich einen kleinen Unterschlupf am Strand bauen wollten. Sie arbeiteten schweigend und sprachen nur, wenn es unbedingt notwendig war. Hin und wieder hielt Will während der Arbeit kurz inne, um Jack zu beobachten und seine Miene zu studieren. Jack wirkte ziemlich unruhig. Will wusste, dass der Tagebucheintrag ihn zutiefst erschüttert hatte. Die Möglichkeit, dass Flynn vielleicht tatsächlich noch am Leben war und was dies bedeuten könnte, musste schwer auf Jacks Gemüt drücken.
 
Dennoch konnte sich Will nicht dazu bringen, sich voll und ganz Jacks Problem zu widmen. Er hatte eigene Sorgen, denn diese Insel hatte es geschafft, dass Edward Eaton innerhalb kürzester Zeit den Verstand verlor. Die Geister, von denen er geschrieben hatte, waren gekommen um ihn zu holen und auch Will konnte sie an diesem Tag erneut spüren. Meist war es nur ein vages, unheimliches Gefühl, eine Anwesenheit, die um ihn herum in der Luft schwebte, kalt und von tiefster Bösartigkeit. Hin und wieder war da auch der eiskalte Wind, der jedes Mal wie aus dem nichts auftauchte und ein unerklärbares, irrationales Grauen mit sich brachte, das bis hinein in seine Seele drang.
 
Was, wenn auch ich verrückt werde? Wie wird Jack hier alleine klarkommen, wenn ich den Verstand verliere? Will war sich nicht sicher, ob er unter diesen Umständen überhaupt einen Monat durchhalten würde. Er glaubte an Gott und dessen unendliche Gnade, aber sein Glaube war sicher nicht so stark, wie der von Edward Eaton.
 
Gegen Mittag hatten sie alles zusammen getragen, was sie zum Bau der Hütte benötigten, und sie brachten die Materialien hinab zum Strand, in ihre kleine Bucht. Bei einem kurzen Mahl aus Kokosnussfleisch und Papaya erholten sie sich von den Anstrengungen. Dann begannen sie damit, aus den gesammelten Hölzern und Zweigen eine kleine Hütte zu errichten, was auch recht schnell von statten ging. Schließlich hatten sie schon bei ihrem ersten Aufenthalt auf einer einsamen Insel ordentlich Erfahrung gesammelt, wenn es darum ging mit Palmwedeln, Zweigen und Bambushölzern zu arbeiten. Gegen Abend hatten sie eine Hütte errichtet, die groß genug war um darin zu schlafen, mit einer Tür, die sie zusätzlich verschließen konnten, um sich vor Gefahren zu schützen.
 
Die Hütte vermittelte Will ein ganzes Stück Sicherheit, da er noch immer Angst hatte, Nicholas Crane könnte sie unvermutet überfallen, allerdings tat sie nichts gegen seine Furcht vor den Geistern der Insel. Die würden sich durch ein paar Bambushölzer und Palmenwedel sicher nicht aufhalten lassen.
 
„Kannst du noch immer diese unheimliche Kälte fühlen?“, fragte Jack, als sie abends am Feuer saßen und ihr dürftiges Mahl aus Muscheln und noch mehr Kokosnuss zu sich nahmen.
 
„Hin und wieder“, antwortete Will. „Und du?“
 
Jack nickte. „Ich hab’s einmal gefühlt, als wir am Bach waren um Wasser zu holen.“
 
„Aber diese Präsenz in der Luft kannst du nicht fühlen, oder? Irgendetwas Übernatürliches, das um uns herum ist, überall?“
 
„Du meinst Geister? Nein, das kann ich nicht fühlen.“ Jack setzte sich dicht neben Will und legte seine Hand beruhigend auf Wills Oberschenkel. „Sie können dir nichts tun. Sie haben doch nicht einmal einen Körper.“
 
Will wünschte sich von ganzem Herzen Jack würde Recht behalten, aber er wusste es besser. „Ich weiß, dass sie mich nicht angreifen können. Aber sie vergiften meinen Verstand, ich kann meine Gedanken nicht mehr kontrollieren.“ Er konnte nichts dagegen tun, er zitterte am ganzen Leib. „Nach dem, was mit Eaton hier passiert ist, habe ich Angst, dass es mit mir auch soweit kommt. Dass ich mir irgendwann nicht mehr zu helfen weiß.“
 
„Aber er war vollkommen alleine“, sagte Jack mit beruhigender Stimme. „Ich bin hier und passe auf dich auf.“
 
„Ich weiß.“ Will wollte nicht über das sprechen, wovor er sich am meisten fürchtete. Dass Jack möglicherweise etwas zustoßen könnte und er dadurch alleine zurückblieb. „Ich weiß, dass du das tust.“
 
„Gemeinsam können wir es bekämpfen, Kumpel.“ Jack strich über Wills Bein. „Ich sag dir was. Wenn die Pearl innerhalb der nächsten drei Tage nicht zurückkommt, dann nehmen wir einfach unser Boot und rudern weg. Denkst du so lange wirst du noch durchhalten?“
 
„Ja, ich glaub schon.“ Beim Gedanken daran, diesen furchtbaren Ort zu verlassen, schöpfte Will neuen Mut. „Aber wir haben kein Segel, nur Ruder. Wie weit können wir damit denn überhaupt kommen?“ Von der Insel wegzugehen würde ihnen nicht viel nützen, wenn sie auf See starben, bevor sie einen sicheren Hafen erreichen konnten.
 
„Ich hab da eine Idee. Wir werden die Kleider nehmen, die Eaton zurückgelassen hat, und uns daraus ein Segel nähen. Wir könnten einen Bambusstamm als Mast nehmen. Den können wir mit unserem Messer leicht fällen und Bambus ist ganz schön stabil, wenn es drauf ankommt.
 
Riskant, dachte Will, und wahrscheinlich auch ziemlich verrückt. Aber er wusste aus Erfahrung, dass Jacks verrückte Pläne meist funktionierten. „Je früher desto besser.“
 
„Abgemacht. Dann werden wir morgen früh als Erstes zurück zu Eatons Hütte gehen.“
 
Will gefiel der Gedanke daran zwar ganz und gar nicht, aber er wusste, dass es notwendig war. Und es war wichtig, dass er mit Jack gemeinsam dorthin ging, denn sie mussten zusammen bleiben. „Gut.“ Gott sei Dank hatten sie nun endlich einen Plan, etwas, worauf er sich konzentrieren konnte. Er lächelte. „Mir geht’s schon wieder viel besser.“
 
Als sie ihr Mahl beendet hatten, blieben sie noch eine Weile am Feuer sitzen. Sie kauerten dicht nebeneinander und ließen sich von den Flammen wärmen. Will schlang einen Arm um Jacks Taille. „Ich bin froh, dass du sie nicht fühlen kannst“, sagte er. „Oder zumindest nicht so stark wie ich.“
 
„Vielleicht wissen sie ja, dass ich nicht daran glaube, dass es Geister wirklich gibt?“
 
„Ich weiß, dass es sie gibt.“ Schon seit er ein kleiner Junge war, hatte Will fest daran geglaubt. „Ich habe einmal den Geist meiner Mutter gesehen, nachdem sie gestorben war. Es war auf dem Schiff, mit dem ich aus England hierher kam. Ich war gerade an Deck und überall um uns herum war ein merkwürdiger weißer Nebel, als sie plötzlich vor mir auftauchte. Ich konnte sie ganz deutlich sehen, so deutlich wie ich dich jetzt neben mir sehe. Sie sprach mit mir. Sie sagte, ich solle nach vorne gehen zum Heck. Sie hob ihren Arm und deutete nach achtern. Sie sagte mir, ich solle mich flach auf den Boden legen und mich gut festhalten. Dann verschwand sie wieder. Ich tat alles, was sie mir aufgetragen hatte… ich ging zum Heck und legte mich hin. Plötzlich war überall Kanonendonner zu hören, Feuer und eine Explosion, die das Schiff zerfetzte. Ich wurde durch die Luft geschleudert und fiel ins Meer, mit einem Teil des Decks noch immer unter mir. Ich hielt mich verzweifelt daran fest, und genau so haben sie mich dann auch irgendwann aus dem Meer gefischt, als sie mich retteten.“
 
Jack legte seinen Arm um Wills Schultern. „In der Gemeinde meines Vaters gab es auch viele, die behaupteten, sie wären schon mal von Toten heimgesucht worden. Er sagte, es sei eine gottlose Behauptung. Er glaubte, es war der Teufel, der sie auf die Probe stellen wollte.“
 
„Aber warum sollte der Teufel mir das Leben retten?“
 
„Das ist eine gute Frage. Ich sag ja auch nicht, dass ich die Meinung meines Vaters teile.“
 
„Ich weiß selbst nicht mehr, was ich glauben soll“, sagte Will. „Ich wurde dazu erzogen zu glauben, dass die Seelen der Toten in den Himmel wandern, ins Fegefeuer oder in die Hölle. Nicht, dass sie für alle Ewigkeit auf Erden wandeln.“
 
„Aber trotzdem hast du Dinge gesehen, die du dir nicht erklären kannst.“
 
„Ja.“ Wills Lehre und Erziehung lieferten ihm keine plausible Erklärung für das, was er gesehen und gefühlt hatte. Weder hier auf dieser Insel, noch damals auf dem Schiff, als er ein kleiner Junge war.
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„Himmel, Fegefeuer oder Hölle“, wiederholte Jack. „Um ehrlich zu sein, möchte ich da lieber gar nicht erst dran glauben. Wenn ich daran denke, wo ich wohl mal enden werde…“
 
„Sag so was nicht.“ Will weigerte sich, auch nur eine Sekunde zu glauben, dass Jacks Seele eines Tages in der Hölle schmoren würde. „Außerdem bereust du deine Taten doch.“ Er zögerte. „Oder?“
 
Jack zuckte mit den Schultern. „Ich tat, was ich tun musste. Wenn ich in der nächsten Welt dafür bestraft werde, dann ist es wohl so.“
 
Will hatte keine Lust über die nächste Welt nachzudenken. Oder darüber, dass Jack irgendwann dorthin gehen musste. Es erinnerte ihn nur daran, dass Jack zwanzig Jahre älter war als er selbst, und wahrscheinlich ein ganzes Stück früher sterben würde. Und Will wäre dann gezwungen, seine restlichen, langen Jahre ohne ihn zu verbringen. „Können wir bitte über was anderes reden? Egal was?“
 
„Ist dir das Thema zu deprimierend? Tut mir Leid.“
 
„Ich will einfach nicht darüber nachdenken, dass ich dich eines Tages verlieren werde.“
 
„Ach, mach dir darüber nur mal keine Sorgen. Wenn ich daran denke, wie schnell du immer in Schwierigkeiten gerätst, wirst wahrscheinlich du derjenige sein, der zuerst ins Gras beißt.“
 
Er sagte es mit leichter Stimme, aber Will ließ sich davon nicht täuschen. „Und das würdest du nicht wollen. Ich weiß, dass unter all der lässigen Schale irgendwo ein ganz weicher, sentimentaler Kern steckt.“
 
„Wahrscheinlich hast du da sogar Recht.“ Jack beugte sich nach vorne und küsste ihn, dann wich er zurück. „Ich schätze, dann müssen wir eben einfach gemeinsam abtreten, Kumpel.“
 
„Meinst du?“, grinste Will. Er ließ seine Hand unter Jacks Hemd wandern und begann seine Brust zu streicheln. „Aber können wir damit vielleicht warten, bis ich achtzig bin oder so?“
 
„Ja, ich denke das sollte machbar sein.“ Jack gab ihm einen weiteren, schnellen Kuss. „Hör mal, ich denke wir sollten das wohl besser in unsere Hütte verlegen…“
 
„Ja…“ Wills Gedanken drehten sich schon längst wieder um wesentlich angenehmere Themen. Er konnte fühlen, wie Hitze in ihm aufstieg, und pure Lust alles andere in den Schatten drängte. „Na komm.“ Er stand auf, zog Jack nach oben und schob ihn hinüber zur Hütte.
 
Sie gingen hinein und verschlossen die Tür. Sie hatten nichts außer Sand als Bett, aber das störte sie nicht im Geringsten. Hastig zogen sie sich aus und ließen ihre Kleider einfach in den Sand fallen. Schnell, und mit schon fast frenetischer Dringlichkeit liebten sie sich darauf, wobei alles andere um sie herum bis zur Bedeutungslosigkeit verblasste. Will verschwendete keine Sekunde um an etwas anderes zu denken, als an Jack, Jack der bei ihm war, Jack den er liebte, Jack, in dem er sich verlieren konnte. Die ganze Nacht hindurch liebten sie sich hemmungslos und leidenschaftlich, während sie sich zwischendurch immer wieder lange Zeit in den Armen hielten. Das Einzige, was Will sich in dieser Nacht wünschte, war dass sie niemals enden würde.
 
~*~**~*~
 
Eatons Hütte sah noch immer unbewohnt und unverändert aus, genau wie bei ihrem ersten Besuch. In der Feuerstelle auf der Lichtung davor brannte kein Feuer, und es gab keinerlei Geräusche oder Anzeichen dafür, dass sich jemand in der Nähe aufhielt. Will hatte wieder dieses merkwürdige, Angst einflößende Gefühl in den Knochen. Schon am Morgen auf dem Weg zur Hütte hatte er mehrmals diese übernatürliche Kälte verspürt und die ganze Zeit hindurch blieb er so dicht hinter Jack, dass er ihm schon fast auf die Hacken trat.
 
Jack blieb einige Schritte vor der Tür der Hütte stehen, die sie nach ihrem letzten Besuch von außen verschlossen hatten. Sie war noch immer zu. Er streckte seine Hand aus und tätschelte Wills Arm. „Alles in Ordnung. Hier, nimm die Pistole, vielleicht fühlst du dich dann sicherer.“
 
„Nein, nein. Behalt du sie.“ Will hielt das Messer fest in seiner Hand.
 
„Nimm sie. Gib mir dafür das Messer.“
 
„Es geht mir gut, wirklich.“ Doch genau in diesem Moment hörte Will hinter sich ein merkwürdiges Geräusch, das direkt aus dem Wald zu kommen schien. Es war ein unheimliches, klagendes Heulen. Er erstarrte mitten in der Bewegung. „Jack, irgendwas ist dort draußen.“
 
„Nichts, was dir etwas tun kann.“ Jack löste das Messer aus seinen verkrampften Fingern und reichte ihm stattdessen die Pistole. „Und falls doch, dann schieß einfach.“ Dann trat er zur Tür und stieß sie nach innen auf.
 
Will war direkt hinter ihm und klammerte sich an seinem Arm fest. „Das Ganze hier gefällt mir wirklich kein bisschen.“ Er konnte noch immer diesen merkwürdigen, klagenden Laut hören, schrill und hoch, der durch die gesamte Lichtung hallte.
 
Jack wühlte sich durch die kleine Seemannskiste und zog einige Kleider hervor, bis er schließlich unten ankam. „Ah.“ Er brachte einen Seesack zum Vorschein. „Ich hatte gehofft, dass er vielleicht einen hat. Hier halt das.“ Er warf den Sack zu Will hinüber und begann ihm dann die Kleider zu reichen.
 
So schnell er konnte stopfte Will die Kleidungsstücke in den Sack. Er wollte sich keine Minute länger als unbedingt notwendig in diesem Wald aufhalten. Während er packte, konnte er geradezu spüren, wie die Luft um ihn herum immer weiter abkühlte, bis ihn schließlich dieses wohlbekannte, übernatürliche Frösteln überkam, das er so sehr hasste. „Beeilung!“
 
„Ich bin fast soweit.“ Jack ergriff die letzten Kleider und half Will dabei, sie in den Sack zu stopfen. Dann hievte Jack ihn über seine Schulter. „Gehen wir.“
 
Will war erleichtert die Hütte endlich verlassen zu können. Er trat hinaus auf die Lichtung und gemeinsam machten sie sich durch den Wald auf den Rückweg. Während Will lief, bemerkte er plötzlich kleine Nebelfetzen, die sich zwischen den Bäumen sammelten. „Sieht du das?“
 
Jack war dicht hinter ihm. „Du meinst das bisschen Nebel? Ja.“
 
„Gut.“ Vielleicht war es ja tatsächlich nicht mehr als das, einfach nur ganz normaler, harmloser Nebel. Trotzdem begann Will seine Schritte zu beschleunigen.
 
Die Nebelschwaden wurden größer, bis es plötzlich keine Schwaden mehr waren, sondern große undurchsichtige Wolken, die von Minute zu Minute dichter wurden. Er war vollkommen anders, als jeder andere Nebel, den Will in seinem Leben gesehen hatte. Er klammerte seine Finger noch ein wenig fester um die den Griff der Pistole. „Jack?“
 
„Ich bin hier. Nimm meine Hand.“ Jack griff nach Wills linker Hand und hielt sie fest, während er dicht hinter ihm herlief. „Einfach nur immer schön weiterlaufen.“
 
Sie erreichten die zweite Lichtung mit der Feuerstelle. Hier war der Nebel wieder etwas dünner, und Will hoffte, er würde sich weiter verflüchtigen. Er fand die Stelle, an der der Pfad in den Wald zurückführte, bis hinunter zum Bach. Noch immer hielt Will Jacks Hand fest umklammert, als er von der Lichtung zwischen die Bäume trat und der hohe, dunkle Wald sie erneut von allen Seiten einschloss.
 
Aber der Nebel lichtete sich nicht. Stattdessen wurde er so dicht und undurchdringlich, dass er die Bäume schließlich soweit einhüllte, dass sie nur noch als verschwommene Umrisse erkennbar waren. Er verwandelte den gesamten Wald in ein eine milchigweiße Suppe, die alles um sie herum verschlang. Will konnte kaum noch den Pfad unter seinen Füßen sehen. Er konnte nichts hören, keinen einzigen Laut, und konnte nichts spüren, außer Jacks Hand, an der er sich festklammerte.
 
Schneller. Er musste schneller gehen, er musste sie aus diesem Nebel herausführen, bevor er sie verschlang, bevor sie sich ebenfalls in Luft auflösten, oder hinab gezogen wurden, in die Vorhölle, die auf sie wartete. Die Geister bewegten sich zwischen den Bäumen, er konnte ihre leere Anwesenheit spüren, die Todessehnsucht, die sie in sein Bewusstsein flüsterten. Lass los… komm mit uns…
 
Will riss sich selbst aus seinem Wahn. Er versuchte, sich auf das Laufen zu konzentrieren, darauf, den Pfad zu erkennen. Sicherlich waren sie schon ganz nahe am Bach, sicherlich war es nicht mehr weit. Hatte er nicht irgendwann gehört, dass Geister fließende Gewässer nicht überschreiten konnten? Vielleicht waren sie ja deshalb hier gefangen, vielleicht war das der Grund, weshalb sie die Insel nicht verlassen konnten. Vielleicht würde er sich von ihnen befreien können, sobald er dass Wasser erreicht hatte… oder indem er, genau wie Edward Eaton, einfach hinaus aufs Meer schwamm… wo er frei sein konnte…
 
Er glaubte zu erkennen, dass der Nebel vor ihm wieder ein wenig lichter wurde, schon fast konnte er die Umrisse der Bäume erkennen. Schneller… nicht an die Geister denken, einfach nur weiterlaufen. Vor sich sah er einen Schimmer von Licht, ganz normales Tageslicht, das zwischen den Bäumen leuchtete. „Wir sind fast da“, sagte er.
 
Doch plötzlich wurde Jacks Hand ihm entrissen und er hörte einen Schrei. Hastig drehte er sich um. „Jack!“ Aber da war nichts außer dichtem weißen Nebel. „Jack!“
 
Er rannte den Pfad zurück, wobei er tastend die Hände vor sich ausstreckte. Wie von Sinnen begann er zu suchen. „Jack! Wo bist du?“ Er blieb stehen und hielt die Luft an, während er angestrengt lauschte. Oh Gott. Absolute Stille. Nicht einmal dieses furchtbare Heulen war zu hören. Nicht ein einziges Geräusch. Gar nichts. Will versuchte, durch langsame, tiefe Atemzüge sein eigenes Herzklopfen wieder in den Griff zu bekommen. Er drehte sich um und versuchte seinen Weg zurück zu verfolgen, bis hin zu der Stelle, an der sie getrennt worden waren. Bei jedem einzelnen Schritt hielt er inne, tastete sich blind durch den Nebel und versuchte mit ausgestreckten Händen beide Seiten des Pfades abzusuchen. Bitte! Bitte lass ihn da sein! Bitte mach, dass es ihm gut geht… Er rief Jacks Namen, er schrie ihn, er heulte.
 
Dann fand er sich plötzlich am Waldrand wieder, dort, wo ihn das normale Tageslicht erreichen konnte. Vor ihm lag das offene Grasland, in der Ferne konnte er sogar den Bach ausmachen. Alles schien völlig normal. Langsam und vorsichtig betrat er die Wiese, dann drehte er sich um und blickte zurück zum Wald. Alles war noch immer in dichten, weißen Nebel getaucht.
 
Und er war mutterseelenallein.
 
~*~**~*~
 
Will saß auf dem Gras, direkt neben dem Waldrand. Er hatte die Knie bis an die Brust hoch gezogen, die Arme um seine Beine geschlungen, und zitterte unkontrolliert am ganzen Körper. Mit leeren Augen starrte er auf die Bäume, die noch immer in einen milchig-weißen Dunst gehüllt waren. Er versuchte, allein durch seine Willenskraft den Nebel endlich verschwinden zu lassen, dem Albtraum ein Ende zu setzen, aber es half nichts. Er hatte Angst davor den Wald erneut zu betreten, Angst davor, dass der Nebel auch ihn mit sich nehmen würde. Falls Jack noch am Leben war, falls es auch nur die geringste Chance gab ihn wieder zu finden, dann musste Will sich selbst von der Gefahr fernhalten.
 
Er kann nicht tot sein. Will konnte es nicht ertragen daran zu denken, wobei es ihm trotzdem fast unmöglich war, nicht das Schlimmste zu vermuten. Ein Leben ohne Jack… nein, damit würde er nicht klarkommen. Er wusste, dass er Jack eines Tages verlieren würde. Das Gespräch, das sie am Abend zuvor miteinander geführt hatten, kam ihm nun wieder in den Sinn. Sie hatten über Himmel und Hölle gesprochen, und übers Sterben. Es war unabwendbar. Aber doch nicht so, doch nicht jetzt! Sie kannten sich doch gerade mal wie lange… fünf, vielleicht sechs Monate? Er wollte mehr Zeit als das, er wollte die Gelegenheit, mit Jack gemeinsame Erinnerungen zu schaffen, eine gemeinsame Vergangenheit zu haben, so wie Jack es damals hatte, mit…
 
Diesen Gedanken wollte Will lieber nicht weiterführen. Er starrte zurück in den Wald und sah dabei zu, wie der Nebel all seine Hoffnungen und Träume mit sich nahm. Der Nebel war so dicht, so undurchdringlich, dass alles um ihn herum erstarb. Hier war er nun, alleine, und musste einsam gegen die Kälte kämpfen, während er von den Heimsuchungen dieser armen gequälten Seelen langsam aber sicher in den Wahnsinn getrieben wurde. Denn jetzt gab es niemanden mehr, der auf ihn aufpasste.
 
Alleine konnte er niemals bestehen. Er konnte auch nicht einfach versuchen mit dem Boot zu entkommen, nicht so lange er nicht wusste, ob Jack noch am Leben war, oder nicht. Aber er konnte auch nicht hier bleiben. Vielleicht würde er ja länger durchhalten, wenn er sich unten am Strand aufhielt, in der Nähe des Wassers. Die Geister schienen diese Gegend weitgehend zu meiden. Aber er konnte dort nicht die ganze Zeit über bleiben. Hin und wieder musste er ins Inland gehen, schon alleine um Essen und Wasser zu holen und er wusste, dass sich die unnatürliche Kälte jedes Mal sofort um ihn herum sammeln würde, wenn er sich dem Inneren der Insel nur näherte. Und jedes Mal brannte sich ihre bösartige Anwesenheit tiefer in seine Seele.
 
Dann kam plötzlich eine ganz neue Angst über ihn. Was, wenn Jack wirklich tot war, und sein Geist sich nun zu denen gesellt hatte, die die Insel heimsuchten? Du lieber Gott. Will hob seine Hände, presste die Handflächen aneinander und zum ersten Mal seit vielen Jahren begann er inbrünstig zu beten.
 
~*~**~*~
 
Stunden vergingen, wie viele konnte Will nicht sagen, aber die Sonne stieg immer höher und ihre Strahlen wärmten das Gras um ihn herum. Aber dennoch konnte auch sie den nebelverschleierten Wald nicht durchdringen. Will hatte sich keinen Zentimeter vom Fleck bewegt. Eine dumpfe, schmerzvolle Leere erfüllte seine Seele, und ihm war, als sei alle Kraft von ihm gewichen. Irgendwo, in den tiefsten Winkeln seines Bewusstseins, wusste er, dass er noch einmal hinein gehen musste. Er musste sich seiner Angst stellen. Aber sein Körper wollte einfach nicht gehorchen. Er war wie erstarrt.
 
Was, wenn es mich auch holt? Werde ich dann dazu verdammt sein, für alle Ewigkeit als verlorene Seele auf dieser Insel zu hausen?
 
Aber was, wenn Jack noch am Leben war und seine Hilfe brauchte? Verzweifelt kämpfte Will gegen die Panik in seinem Innern. Er zwang sich dazu, nicht an den Tod zu denken, oder an den Verlust, den er erlitten hatte. Konzentriere dich auf etwas anderes, auf irgendetwas. Etwas Starkes, Unerschütterliches, vielleicht eine Erinnerung, an eine Zeit, in der er furchtlos und glücklich war. Dann kam es ihm plötzlich. Mit einem Mal wusste Will, was er tun musste um den Kampf gegen dieses gottlose Land zu gewinnen.
 
In seinem Kopf rief er das Bild einer anderen Insel wach, einer Insel, auf der keine Geister wohnten. Nein, diese Insel war überflutet mit Sonnenlicht, voll mit Wärme und endlosen Erinnerungen an glückliche Zeiten. Auf dieser Insel war er gemeinsam mit Jack nach einem Schiffbruch mehrere Monate lang gestrandet gewesen. Allerdings hatten sie dort nicht nur überlebt, nein, dies war der Ort, an dem sie zueinander gefunden hatten. Will sah sie vor seinem inneren Auge, wie sie ihre Hütte bauten und wie sie diese Insel zu ihrem Zuhause machten. Er sah sich und Jack, wie sie gemeinsam das Land erforschten, wie sie den See aus Trinkwasser entdeckten, und wie sie darin Schwimmen gingen. Als sei es gestern gewesen, so klar und deutlich erinnerte er sich an die Freude, die er gespürt hatte, als Teile des untergegangenen Schiffes an Land gespült wurden, und wie Jack enthusiastisch eine Kiste nach der anderen öffnete. Er rief sich jeden einzelnen Gegenstand in Erinnerung, den sie darin gefunden hatten, inklusive der Flaschen Rum, bei denen Jacks Euphorie keine Grenzen kannte.
 
Und er erinnerte sich an ihre Nächte dort am Strand, unter offenem Sternenhimmel. Wie Jack auf dieser Insel gelernt hatte, ihn von ganzem Herzen zu lieben und wie er ihm diese Liebe mit jeder einzelnen Geste gezeigt hatte, mit allem was er tat. Will schloss seine Augen und sah sie beide in seiner Erinnerung. Noch einmal durchlebte er ihre gemeinsamen Nächte, und wie sie die Vollkommenheit in den Armen des anderen fanden. Als er seine Augen öffnete, fühlte er sich wieder ein ganzes Stück stärker, ein wenig mehr er selbst. Er drückte sich vom Boden hoch und stand auf, mit dem Gesicht zum Wald. Mit der Erinnerung an Jacks Liebe, die er in seinem Herzen trug und die ihn stützte, ging Will einen Schritt auf den Wald zu. Dann noch einen.
 
Während er sich vor der Kälte wappnete, von der er wusste, dass sie zwischen den Bäumen lauerte, nahm er einen letzten Schritt und tauchte in das neblige Grau ein. Unter seinen Füßen konnte er den harten Pfad fühlen und er konzentrierte sich darauf, wie fest und unnachgiebig sich der Boden anfühlte. Er lief immer weiter, wobei er nicht mehr als einige schemenhafte, verschwommene Baumstämme erkennen konnte. Alles andere war noch immer in dichtes Weiß getaucht. Die kalte Luft umhüllte ihn, und weit in der Ferne hörte er erneut dieses furchtbare Heulen.
 
Immer schön weitergehen. Immer schön einen Fuß nach dem anderen setzen. Er wollte etwas hören, ein Geräusch, irgendetwas, daher begann er leise vor sich hinzumurmeln, während er lief. „Ich werde nicht zulassen, dass ihr gewinnt“, erklärte er den unsichtbaren Geistern, die um ihn herum im Nebel lauerten. „Ihr werdet mich nicht holen, und Jack könnt ihr auch nicht haben. Das werde ich nicht zulassen.“
 
Als er ungefähr fünfzig Schritte gelaufen war, stolperte er plötzlich über etwas, das auf dem Weg lag. Will bückte sich und fand den Seesack mit Kleidern, den Jack getragen hatte. Er fühlte sich sehr echt und real unter seinen Fingern an. Er hatte sich nicht einfach in Luft aufgelöst. Will wollte ihn gerade aufheben, als er etwas Klebriges unter seinen Fingerspitzen fühlte. Er sah genauer hin. Auf dem Sack war ein Blutfleck.
 
Er stand auf und warf ihn über seine Schulter. „Ihr seid nicht real!“, schrie er in den Wald hinein. Seit wann verursachten Geister blutende Wunden? Will lief weiter, und diesmal waren seine Schritte schneller und sicherer. „Ihr seid nichts! Ihr könnt mich nicht verletzen, und Jack auch nicht.“ Plötzlich kam ihn eine wesentlich plausiblere Erklärung in den Sinn, für das, was geschehen war. Vielleicht war es ja Nicholas Crane gewesen, der sie die ganze Zeit über beobachtet hatte. Vielleicht hatte er sie beobachtet, seit sie bei der Hütte waren, und war ihnen dann durch den Wald gefolgt. Vielleicht hatte er den Nebel, der sich über den Wald legte, einfach nur ausgenutzt, um sie unbemerkt anzugreifen. Will konnte spüren, wie sein Tatendrang wuchs. Die Geister waren nicht seine Feinde. Der Spuk hatte seinen Verstand gegen ihn verwendet und versucht ihn in den Wahnsinn zu treiben, aber nun war seine Angst besiegt. Nun war er wieder ganz er selbst, und sie konnten ihm nichts mehr antun, zumindest nicht, so lange er nicht alleine war. Und Will wusste, dass eine Chance bestand, dass Jack noch am Leben, und Crane derjenige war, der ihn entführt hatte. Diese eine Chance war alles was er brauchte um weiterzusuchen.
 
Als er zur ersten Lichtung kam mit der Feuerstelle in der Mitte, begann sich der Nebel endlich aufzulösen. Will blieb eine Weile dort stehen und musterte prüfend die umliegenden Bäume, die nun endlich wieder sichtbar wurden, ihre Baumstämme und Zweige, die bis nach oben in den blauen Himmel ragten. Nebelschwaden stiegen auf, bis hoch über den Wald, verwandelten sich in Dunst und verflüchtigten sich in der Mittagssonne.
 
Will nahm einige tiefe Atemzüge, dann lief er weiter. Er fand den Pfad, der durch den Wald zu Eatons Hütte führte. Er zog die Pistole aus seinem Gürtel und hielt sie mit ruhiger Hand vor seinem Körper. Er war wirklich froh, dass Jack darauf bestanden hatte, sie ihm zu geben. Als er sich der Lichtung näherte, verlangsamte er seine Schritte und blieb hinter den Bäumen im Verborgenen. Er schlich hinüber zu einem großen Zedernbaum, der ganz am Rande der Lichtung stand, und versteckte sich dort, während er die Hütte aus sicherer Entfernung beobachtete. Die Tür war verschlossen und alles schien ruhig.
 
Wollte er sich der Hütte weiter nähern, musste er den Schutz der Bäume verlassen, wodurch er Gefahr lief entdeckt zu werden. Zum Glück hatte die Hütte keine Fenster. Will vermutete, dass er sich vermutlich unbemerkt an das Haus heranschleichen könnte, wenn er die Lichtung im Schutz der Bäume erst einmal bis zur Rückseite umrundete. Soweit er wusste, besaß Crane keine Schusswaffe, höchstwahrscheinlich hatte er Jack jedoch das Messer entwendet. Will hatte nur wenig Erfahrung mit Schusswaffen, jedoch war er sich sicher, würde er nur erstmal nahe genug an den Mann herankommen, konnte er ihn kaum verfehlen. Er musste nur verhindern, dass Crane ihn frühzeitig bemerkte, denn sonst könnte er Jack vielleicht als Geisel nehmen, um Will in Schach zu halten, so wie er es auch zuvor schon getan hatte.
 
Vorsichtig machte sich Will daran, die Lichtung bis zur Rückseite des Häuschens zu umrunden, wobei er stets drauf achtete, im Schutz der angrenzenden Bäume zu bleiben. Als er hinter der Hütte angelangt war, trat er langsam aus dem Gebüsch hervor und lief über die freie Fläche, wobei er sorgfältig darauf achtete, kleinere Zweige zu meiden, die möglicherweise unter seinen Schuhsolen knacken könnten. Sicher und wohlbehalten erreichte er die Steinmauer des Häuschens.
 
Was nun? Will hielt erst einmal inne, um nachzudenken. Was würde Jack an seiner Stelle tun? Mit Sicherheit irgendetwas total Verrücktes und Unerwartetes. Wenn es ihm gelänge, Crane hervorzulocken, wäre das sicherlich besser, als einfach so durch die Tür zu stürmen. Hier draußen war viel mehr Licht, und außerdem mehr Platz falls es zum Kampf käme.
 
Er hatte noch immer den Sack mit den Kleidungsstücken. Abschätzend wog Will ihn in der Hand. Der Sack war aus schwerem, groben Material gefertigt und voll wie er war, wog er möglicherweise zwanzig oder fünfundzwanzig Pfund. Er warf einen Blick nach oben auf das Dach der Hütte. Es war aus Zweigen und Palmwedeln gefertigt. Wenn es ihm gelänge, den Sack dort hinauf zu werfen, würde das in der Hütte sicher einen ganz ordentlichen Krach verursachen. Und höchstwahrscheinlich würde Crane nicht erwarten, dass ihm etwas aufs Dach fiel.
 
Vorsichtig lief Will seitlich um die Hütte, bis er am vorderen Ende ankam. Er spähte um die Ecke und versuchte die Entfernung bis zur Tür abzuschätzen. Sie betrug in etwa drei Fuß. Um den Sack nach oben zu werfen, würde er die Pistole auf den Boden legen müssen, aber die Tatsache, dass die Tür nach innen aufging, sollte ihm ausreichend Zeit verschaffen, so dass er bereit wäre, wenn Crane herauskam um nachzusehen.
 
Er schickte ein weiteres stummes Gebet zum Himmel, dann trat er einen Schritt von der Wand weg, legte die Pistole nieder und ergriff den Sack mit beiden Händen. Er holte Schwung und schleuderte ihn so fest er konnte nach oben. Der Sack landete wie geplant mitten auf dem Dach und verursachte ein befriedigendes Poltern. Schnell ergriff Will die Pistole, drückte den Hahn vollständig nach unten, trat zurück an die Wand und spähte um die Ecke.
 
Die Tür öffnete sich. Wills ganzer Körper war angespannt und sein Finger krümmte sich um den Abzug der Waffe. Nicholas Crane trat aus der Hütte, mit dem Messer in der Hand und einem Ausdruck purer Angst auf dem Gesicht.
 
Will hatte nicht erwartet, dass er sich fürchten würde, aber er hatte keine Zeit sich darüber zu wundern. „Crane!“ Er trat um die Ecke und richtete den Lauf der Waffe direkt auf Cranes Brustkorb. „Weg mit dem Messer!“
 
Crane zögerte, und seine Hand zitterte heftig. Sein Gesicht war totenbleich.
 
„Von hier aus kann ich gar nicht danebenschießen“, sagte Will, und trat noch einen Schritt näher an den Mann heran.
 
Zum ersten Mal schien ihn Crane überhaupt zu bemerken. Er blinzelte, stieß einen keuchenden Seufzer aus seinen Lungen und warf das Messer beiseite. „Lasst nicht zu, dass sie mich kriegen“, flehte er, und fiel vor Will auf die Knie. „Bitte!“
 
Will starrte ihn verblüfft an, dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Offenbar wurde auch Crane von den Geistern verfolgt. Und er war alleine gewesen, die ganze Zeit hindurch. Aber so sehr sich Will auch bemühte, er konnte kein Mitleid für den Mann aufbringen. „Wo ist Jack?“
 
„Hier drin“, tönte es aus der Hütte, und es waren die wundervollsten Worte, die Will je in seinem Leben gehört hatte. „Jack!“. Er lief hinüber zum Eingang. Jack saß auf einem Stuhl und sah müde und zerzaust aus. „Gott sei Dank!“
 
„Pass auf diesen Bastard auf!“, rief Jack.
 
Will drehte sich um, gerade als Crane versuchte aufzustehen. „Oh nein, das werdet ihr schön bleiben lassen.“ Will hielt die Pistole weiterhin auf Cranes Brust gerichtet. „Ein Paar Schritte zurück, wenn ich bitten darf.“
 
Crane befolgte die Anweisung und wich zurück.
 
„Legt euch hin, Gesicht auf den Boden, Arme ausgestreckt. Gut so. Und jetzt keinen Mucks.“ Will hob das Messer vom Boden auf, das Crane weggeworfen hatte, dann lief er zurück in die Hütte, wobei er Crane jedoch stets im Auge behielt. Er durchschnitt die Seile, mit denen Jack an den Stuhl gefesselt war. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als Jack einfach nur fest in den Arm zu nehmen, aber er würde sich noch so lange zurückhalten können, bis sie Crane in sicherer Verwahrung hatten.
 
„Hier.“ Jack reichte Will das zerschnittene Stück Seil. „Sollte noch lang genug sein, um seine Hände damit zu fesseln. Erledige das.“
 
Schnell lief Will hinüber zu Crane, drehte ihm die Arme nach hinten auf den Rücken und band sie zusammen so fest er konnte. Dann rannte er zurück zur Hütte, wo Jack gerade dabei war sich mit steifen Gliedern zu erheben und seine Arme und Beine zu reiben. Will zog ihn an sich und hielt ihn so fest er konnte, wobei er gute Lust hatte, nie mehr loszulassen. „Ich dachte ich hätte dich verloren“, murmelte er mit heiserer Stimme.
 
„Kann immer noch passieren. Ich krieg nämlich keine Luft.“
 
Will lachte und ließ Jack los. Eine Woge der Erleichterung durchflutete seinen Körper. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung, nun konnten sie überleben, nun waren sie endlich wieder zusammen. „Tut mir Leid. Ich kann eben nicht anders.“
 
„Hab dir ganz schön Angst eingejagt, oder? Ist alles seine Schuld.“ Jack deutete mit dem Kopf in Cranes Richtung, der noch immer gefesselt in der Mitte der Lichtung lag. „Er hat mich geschnappt und mir eins übergezogen, noch bevor ich überhaupt wusste, was passiert ist.“
 
Will strich Jack das Haar aus der Stirn, wo noch immer eine Stelle mit verkrustetem Blut zu sehen war. „Geht es dir gut?“
 
„Bin ein bisschen wackelig auf den Beinen.“
 
„Kannst du bis zum Strand laufen?“ Will hatte keine große Lust hier zu bleiben, auch wenn er seine Ängste inzwischen überwunden hatte. „Wirst du mit meiner Hilfe laufen können?“
 
Jack trat mit einigen wackeligen Schritten hinaus auf die Lichtung, wobei er sich schwer auf Will stützte. „Ja, ich denke es wird gehen.“ Er nickte in Cranes Richtung. „Was machen wir mit ihm?“
 
Sie liefen hinüber wo Crane am Boden lag. „Will stieß ihn mit dem Fuß an und rollte ihn auf den Rücken. „Hoch mit euch, ihr werdet mit uns mitkommen.“
 
Crane bemühte sich auf die Knie zu kommen, dann half Will ihm dabei aufzustehen. „Ihr werdet immer schön brav vor uns herlaufen. Da lang.“ Will gab ihm einen unsanften Schubs in die Richtung des Trampelpfades.
 
„Er ist schon halb verrückt“, erklärte Jack, während sie gemeinsam hinter Crane durch den Wald liefen. „Er hat mir erzählt, dass deine Geister kommen werden, um ihn zu holen. Ich glaub den hat’s noch schlimmer erwischt als dich, Kumpel.“
 
„Vielleicht hat er ja gedacht, dass auch das Geräusch auf dem Dach von den Geistern verursacht wurde.“
 
„Vielleicht“, stimmte Jack ihm zu. Er hielt sich an Will fest während er lief, indem er einen Arm um Wills Schultern gelegt hatte und Will ihn an der Taille stützte. „Er hat auch die ganze Zeit über allerlei merkwürdige Geräusche gehört.“
 
„Kein Wunder, dass er Angst hat.“ Will wusste ziemlich genau wie Crane sich fühlen musste.
 
„Weißt du, warum er mich geschnappt hat? Er wollte mich als Opfergabe.“
 
„Als was?“, fragte Will verblüfft.
 
„Er wollte, dass sie mich an seiner Stelle mitnehmen“, sagte Jack. „So hat er es mir zumindest erklärt. Er dachte wohl, dass sie damit eine Zeitlang zufrieden wären, dass er sie sich so eine Weile vom Hals schaffen könnte. Mit dir hätte er dann dasselbe gemacht. Die ganze Zeit über hat er uns ständig beobachtet und immer auf seine Gelegenheit gewartet.“
 
Was für eine merkwürdige Idee, den Geistern auf der Insel ein Opfer darzubringen. „Er ist echt verrückt.“
 
Jack wurde plötzlich langsamer und rang nach Atem.
 
Will blieb stehen und wartete, bis er sich wieder ein wenig erholt hatte. Er rief Crane zu, dass dieser ebenfalls warten solle, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf Jack. „Vielleicht solltest du dich einen Moment lang hinsetzen.“
 
„Keine Sorge“, Jack winkte ab. „Lass mich einfach nur kurz verschnaufen.“
 
Gemeinsam blieben sie einige Minuten stehen, wobei Jack sich schwer auf Will stützte. Dann nickte er. „Jetzt geht es wieder. Lass uns weitergehen.“
 
Sie wanderten weiter durch den Wald, der inzwischen völlig frei war von Nebel. Da waren keine Geister mehr, die sie jetzt noch holen konnten, kein kalter Windhauch, und auch die lang gezogenen Schreie waren nicht mehr zu hören. Will hielt Jack fest in seinen Armen, und seine Liebe war in diesem Moment größer und tiefer als je zuvor.
 
Jack hielt das Tempo durch und schon bald verließen sie den Wald und kehrten zurück aufs offene Land, das in helles, warmes Sonnenlicht getaucht war. Will befahl Crane nach unten zum Bach zu laufen, wo sie kurz Pause machten um Wasser zu trinken. Dann liefen sie in Richtung Strand.
 
Als sie sich der Küstenlinie näherten, sackte Jack erneut gegen Will und stolperte vor Erschöpfung. Will blieb stehen und runzelte besorgt die Stirn. „Komm schon, setz dich einen Moment lang hin.“ Er half Jack ein weiteres Stück nach unten bis zum Strand, dann ließ er ihn sanft in den weichen Sand sinken. „Bleib hier und ruh dich aus! Ich hol dir was zu essen.“ Er hoffte, dass zumindest ein Teil von Jacks Schwächeanfall auf Hunger zurück zu führen war. Er bezweifelte, dass Jack seit dem Morgen überhaupt etwas zu sich genommen hatte.
 
Crane war noch immer vor ihnen und lief halb stolpernd, halb rennend den Strand entlang. Will rief ihm zu er solle stehen bleiben, aber der Mann hastete unbeirrt weiter. „Verdammt. Was glaubt er denn, was er da tut?“ Sicherlich konnte Crane nicht darauf hoffen zu entkommen, schließlich waren ihm die Hände noch immer auf den Rücken gefesselt.
 
„Bleib wo du bist“, rief er Jack zu, dann begann er Crane nachzulaufen. Will war keine zwanzig Schritte gerannt, bevor er wie angewurzelt stehen blieb, als er sah was Cranes überstürzte Flucht verursacht hatte. Er sah, wohin der Mann gelaufen war. Von dort, wo er stand, konnte Will die gesamte Bucht überblicken, und dort, still und friedlich im Wasser, lag die Black Pearl vor Anker.
 
~*~**~*~
 
„Rum“, wiederholte Jack.
 
Energisch schüttelte Will den Kopf. „Noch nicht.“
 
Jack stieß einen langen, Mitleid erregenden Seufzer aus. „Du bist ein harter Mann, Will Turner.“
 
„So ist es.“ Er setzte sich neben das Bett, auf dem Jack gestützt auf einen Berg Kissen lag, und soeben seine Gemüsebrühe ausgelöffelt hatte. Sie beide waren wieder in ihrem alten Zimmer im Hanover Inn auf den Bermudas, nachdem sie am Abend wohlbehalten an Bord der Pearl zurückgekehrt waren. Sie hatten einen Arzt rufen lassen, der die Wunde an Jacks Stirn untersuchte und anschließend erklärte, der Patient würde überleben.
 
„Du solltest dankbar sein“, sagte Will und bedachte ihn mit einem liebevollen Blick, „dass du überhaupt etwas anderes bekommst, als Zwieback und Kokosnuss.“
 
„Mmh. Das ist allerdings eine eindeutige Verbesserung, soviel muss ich dir lassen.“
 
„Und das Bett, auf dem du liegst, ist nicht aus Sand.“
 
„Wieder wahr. Sand hat diese lästige Eigenart immer bis an die merkwürdigsten Stellen vorzudringen.“
 
Will lachte, da er sich selbst sehr gut daran erinnerte, wo genau die winzigen Sandkörnchen immer ganz besonders unangenehm waren. „In diesem Bett wirst du wohl keine derartigen Probleme haben, nein.“
 
„Aber ein bisschen Rum wäre trotzdem nett.“
 
„Du gibst einfach nicht auf, oder?“ Will hörte ein Klopfen an der Tür und öffnete, um das Dienstmädchen herein zu lassen, das kam, um das leere Tablett abzuholen. Er schloss die Tür hinter ihr, dann zündete er die Nachttischlampe an. „Das ist schon besser. Wie geht es dir?“
 
„Gut.“ Jack wedelte mit der Hand in der Luft. „Keine Klagen. Du?“
 
„Bei mir auch nicht.“ All die merkwürdigen Gefühle, mit denen Will während seines Aufenthaltes auf der Insel zu kämpfen hatte, waren auf der Stelle verflogen, sobald sie an Bord der Pearl gekommen waren und Segel gesetzt hatten. Nun fühlte er sich völlig sorgenfrei und entspannt.
 
„Gut. Allerdings hätte ich da ein, zwei kleine Fragen.“
 
„Wie überraschend.“ Kurz nachdem sie gerettet worden waren, hatte Jack das Bewusstsein verloren und es auch die gesamte Fahrt hindurch nicht wieder erlangt. Er war erst wieder zu sich gekommen, als sie dabei waren, ihn hinauf in sein Zimmer zu tragen. „Ich vermute mal du willst wissen, wie es dazu kam, dass die Pearl plötzlich wieder aufgetaucht ist.“
 
„Das wäre nett“, sagte Jack. „Und es wäre auch nett zu wissen, wo sie die ganze Zeit über gesteckt hat.“
 
„Von dem, was ich von Gibbs weiß, haben sie selbst keine Ahnung.“ Gibbs war derjenige gewesen, der Will während der Rückfahrt die ganze Geschichte erzählt hatte. Gibbs, und noch eine Person, die an Bord war, sehr zu Wills eigener Überraschung - Reverend Charles Johnson. „Gibbs sagte, sie waren selbst alle noch unter Deck, als sie plötzlich spürten, wie sich das Schiff bewegte. Sie dachten schon es sei Crane, der wieder an Bord gekommen war, aber als niemand die Luke öffnete, begannen sie sich Sorgen zu machen. Stunden vergingen, während sie einen Weg suchten um zu entkommen, bis sie schließlich so verzweifelt waren, dass sie kurzerhand die Luke in Brand steckten. Irgendwann konnten sie durchbrechen und das Feuer glücklicherweise löschen, bevor es zuviel Schaden anrichtete. Als sie an Deck kamen, war die Insel nirgends zu sehen.“
 
„Merkwürdig. Ich dachte, die Geister mögen das Wasser nicht.“
 
„Ja, dachte ich auch.“ Will war selbst nicht gerade begeistert gewesen, als Gibbs ihm davon erzählt hatte. Der Gedanke, dass ihn die Geister bis aufs Meer verfolgen könnten, hatte ihm ganz und gar nicht behagt. Bislang waren sie jedoch nicht aufgetaucht, und je weiter sie sich von der Teufelsinsel entfernt hatten, desto besser hatte er sich gefühlt. „Vielleicht hat das Ganze ja mehr mit den verfluchten Gewässern zu tun, von denen du gesprochen hast. Alles was ich weiß ist, dass Gibbs und die Mannschaft keine Ahnung hatten, wie sie zu uns zurückfinden sollten, da Crane ja die einzige Karte besaß. Glücklicherweise war Anamaria in der Lage den Kurs zurück zu den Bermudas zu berechnen, daher kamen sie hierher auf der Suche nach Hilfe.“
 
„Kann es sein, dass ich Reverend Johnson an Bord gesehen habe?“, fragte Jack. „Kurz bevor mir alles schwarz wurde vor Augen? Oder hab ich mir das nur eingebildet?“
 
„Nein, er war da. Auch Sydney Davis war da. Wie es aussieht, haben die Behörden Rufus Spillett ausgiebig verhört und er hat ihnen schließlich von der Schatzkarte erzählt, und dass Crane womöglich dorthin unterwegs wäre. Aber niemand kannte die genaue Lage der Teufelsinsel, und Spillett selbst konnte sich nicht mehr an die Koordinaten erinnern.“
 
„Wie haben sie uns denn dann gefunden?“
 
„Da kommst du nie drauf“, sagte Will. „Bis vor kurzem hätte ich es selbst nicht geglaubt. Während der Arzt bei dir war, hatte ich Gelegenheit den Mann zu treffen, der für unsere Rettung verantwortlich ist. Der Mann, der Reverend Johnson erzählen konnte, wie man die Insel erreicht. Der Reverend hat einen großen Aufruf gestartet und umher fragen lassen, ob ihm vielleicht jemand dabei helfen könnte, die Teufelsinsel zu lokalisieren. Er hat die Kinder im Ort dafür bezahlt, dass sie die Nachricht überall in der Stadt bekannt machen, und auch in den umliegenden Städten. Wie es scheint, verbreiten sich Neuigkeiten hier recht schnell und innerhalb eines Tages hat sich tatsächlich jemand auf den Aufruf gemeldet.“
 
„Jemand, der die Koordinaten kannte?“, fragte Jack.
 
„Ja.“ Will wartete darauf, dass Jack von selbst darauf käme. Er musste nicht lange warten, denn selbst nachdem er einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen hatte, war Jack noch immer ziemlich gewitzt.
 
„Edward Eaton“, sagte Jack.
 
„Ganz genau.“
 
„Das ist unmöglich.“
 
„Sagen wir… nicht üblich“, korrigierte ihn Will.
 
„Aber er ist ertrunken.“
 
„So wie es aussieht wohl doch nicht.“ Will hatte sich sehr darüber gefreut, den Autor des Tagebuchs, das sie gelesen hatten, lebend anzutreffen. Er war ein großer, ruhiger, reservierter Mann, der seinen Verstand inzwischen wieder ganz gut im Griff hatte. Er war extra ins Hanover Inn gekommen, als die Mannschaft mit ihnen gemeinsam zurückkehrte. Eaton war sehr dankbar und glücklich darüber, dass er zu ihrer Rettung von dem Ort, der ihn beinahe selbst zerstört hätte, beitragen konnte. Will hatte mehr als nur einen Grund, über Eatons Überleben dankbar zu sein. „Der Kerl ist gebaut wie ein Ochse“, sagte er. „Wie sich herausstellte, ist er ein wirklich außergewöhnlicher Schwimmer, und er schaffte es mehrere Meilen von der Insel weg, als ihn ein einheimischer Fischer, der gerade durch einen Sturm vom Kurs abgekommen war, auf dem Meer entdeckte. Er nahm ihn an Bord und gemeinsam fanden sie ihren Weg zurück zur Insel des Fischers. Von dort kam Eaton dann auf die Bermudas. Ein Akt ‚göttlicher Vorsehung’, wie er es nennt. Seitdem ist er hier und erholt sich.“
 
„Bemerkenswert.“
 
„Er ist ein bemerkenswerter Mann. Wir verdanken ihm unser Leben.“
 
„Allerdings.“ Jack warf Will einen merkwürdigen Blick zu, einen, den Will nicht ganz entschlüsseln konnte. „Ich würde ihn gerne persönlich treffen.“
 
Jetzt verstand Will, was dieser Blick zu bedeuten hatte. Es war Unbehagen. Edward Eaton war derjenige, der seinen Captain Nathaniel Flynn beschreiben konnte. Das, was er erzählen konnte, würde ihren Spekulationen ein für allemal ein Ende setzen. „Ich werde gleich morgen früh mit ihm sprechen“, antwortete er daher vorsichtig. „Ich bin mir sicher, dass er hochkommen wird, um dich zu sehen.“
 
„Danke.“ Jack streckte seinen Arm aus, nahm Wills Hand in seine und drückte sie. „Will…“ Er zögerte.
 
„Was ist?“ Will umschloss Jacks Hand mit seinen und brachte sie an seine Lippen.
 
„Ich liebe dich“, sagte Jack schlicht.
 
Will fiel beinahe vom Stuhl, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig fangen.
 
„Aua.“ Jack rieb seinen Arm.
 
„Tut mir Leid.“ Will hatte wirklich nicht vorgehabt Jacks Arm abzureißen, aber dennoch hatte ihn dieses Geständnis kurzzeitig aus dem Gleichgewicht gebracht. Jack benutzte das Wort Liebe nur sehr selten in seiner Gegenwart. Er behauptete stets, er sei nicht besonders romantisch veranlagt, obwohl Will es sehr wohl besser wusste. Dass er es gerade jetzt sagte, da Will sich darüber Sorgen machte, wie Jack möglicherweise reagieren würde, sollte der Mann, den er vor wenigen Jahren noch geliebt hatte, tatsächlich noch am Leben sein, bedeutete Will mehr, als er in Worte fassen konnte.
 
„Kommst du jetzt ins Bett, oder was?“
 
Will lächelte. „Ich hab doch gerade erst die Lampe angezündet. Es ist doch noch gar nicht so spät.“
 
„Komm trotzdem ins Bett.“
 
„Wie geht es dir?“
 
Jack verdrehte die Augen. „Kumpel, den hier“, er tippte sich an den Kopf, „werde ich ganz bestimmt nicht brauchen für das, was ich heute Nacht mit dir anstellen will. Wirst du jetzt gefälligst einfach ins Bett kommen?“
 
Er musste Will nicht noch einmal fragen.
 
~*~**~*~
 
„Er war ungefähr in eurem Alter“, sagte Edward Eaton zu Jack. „Vielleicht ein paar Jahre älter. Es ist schwer zu sagen, bei Männern, die schon ihr ganzes Leben lang zur See fahren. Das Meeresklima lässt ihre Gesichter schneller altern.“
 
Eaton war tatsächlich am nächsten Morgen gekommen um Jack einen Besuch abzustatten, und Jack und Will hatten ihm ausgiebig dafür gedankt, dass er dabei geholfen hatte, sie von der Teufelsinsel zu retten. Er war in der Tat ein großer Mann, mit einem Brustkorb breit wie eine Tonne. Er setzte sich auf den Stuhl neben Jacks Bett, während Will das Gespräch nervös von seinem Stuhl aus, der neben dem Fenster stand, mitverfolgte. Er beobachtete Jacks Miene ganz genau, während Eaton ihnen den Captain Flynn beschrieb, der ihn auf der einsamen Insel zurückgelassen hatte.
 
„Weiter“, sagte Jack, und seine Stimme klang hohl.
 
„Der Herr hat diesen Teufel wahrlich mit einem ansehnlichen Gesicht gesegnet“, antwortete Eaton.
 
„Ähnlich wie meines?“, fragte Jack, wobei Will wusste, dass Jack es nicht als Scherz gemeint hatte. Er wollte nur Klarheit schaffen.
 
Eaton studierte Jacks Gesicht. „Ich würde sagen, Captain Flynn sah ein wenig kantiger aus. Und er ist ein hoch gewachsener Mann, etwa 1,80 groß, mit breiten Schultern.“
 
Jacks Miene war versteinert. „Was ist mit seinen Haaren? Seinen Augen?“
 
„Er trug sein Haar lang und offen.“ Eaton deutete auf seine eigenen Schultern. „Es hing ihm bis etwa hier. Es war rotbraun, und er hatte diese leuchtend grünen Augen, die man so oft bei Iren findet.“
 
„Ich danke euch“, sagte Jack. „Das genügt mir. Erzählt mir von seinem Schiff.“
 
Alleine durch den versteinerten Blick in Jacks Augen wusste Will, dass Eaton soeben den Nate Flynn beschrieben hatte, der angeblich seit mehreren Jahren tot war, gehängt wegen Piraterie. Er hatte erwartet, dass sich Jack angesichts dieser Nachricht glücklicher zeigen würde. Allerdings musste es gleichzeitig auch furchtbar verwirrend sein, zu wissen, dass der Mann, den man liebte, die ganze Zeit über frei und am Leben war, während man selbst in einem Gefängnis verrottete. Warum hatte Flynn nie versucht Jack zu retten? Hatte er ihn etwa gar nicht wirklich geliebt?
 
„Die Destiny ist eine Schaluppe mit sechsunddreißig Kanonen an Bord“, sagte Eaton. „Captain Flynn behauptete, er sei ein Freibeuter, aber seine Mannschaft hatte ein ziemlich rohes Auftreten, daher bin ich mir sicher, er war nicht besser als ein gewöhnlicher Pirat.“
 
„In eurem Tagebuch schriebt ihr, er habe euch gezwungen unter ihm zu dienen.“
 
„Nun ja, ich muss gestehen, dass ich hier ein wenig zu weit gegangen bin. Zuerst hat er ungefähr ein Dutzend der Männer, die auf unserem Schiff waren, dazu gezwungen, ja, aber dann hat er nachgegeben und gesagt, dass alle Männer, die an Bord ihres Schiffes zurückkehren wollten, dies auch tun könnten. Das tat aber keiner, und ich hatte das Gefühl dieses Boot sei meine Mission. Ich glaubte, Gott habe mich dorthin entsendet, damit ich die Seelen dieser armen, sündigen Männer rette. Deshalb blieb ich selbst an Bord.“
 
„Sie hielten wohl nicht viel von eurer Erlösung, oder?“, fragte Jack.
 
„Nein, das taten sie nicht. Manche von ihnen waren nicht einmal christlich erzogen worden. Da waren Schwarze von Madagaskar, die Flynn wohl aufgelesen hat, als er dort war, um Piratenschiffe zu jagen.“
 
„Niemals.“ Hart und bestimmend kam das Wort über Jacks Lippen.
 
Eaton sah ein wenig überrascht aus. „Ich kann nur wiedergeben, Mr. Sparrow, was Captain Flynn mir erzählt hat, während ich an Bord war. Die Tatsache, dass er Piraten jagte, hat mich selbst überrascht, wo zwischen ihm, seiner Mannschaft und diesen Sündern doch kaum ein erkennbarer Unterschied bestand.“ Er hielt inne und bedachte Jack mit einem steten Blick. „Ihr kennt Flynn.“
 
„Ich kenne ihn.“ Jack warf Will einen Blick zu, es war ein Ausdruck von Schmerz, vermischt mit Verwirrung. „Aber der Nate Flynn, den ich kannte, würde niemals Piraten jagen.“
 
„Aber es ist derselbe Mann, ihr seid sicher?“
 
„Von dem, was ihr mir beschrieben habt, bin ich sicher. Ja. Er ist es.“ Jack sah mit einem Mal furchtbar müde aus. „Ich danke euch, dass ihr gekommen seid.“
 
Eaton erkannte dies als Aufforderung zu gehen. „Es hat mich sehr gefreut.“ Er stand auf und verließ den Raum.
 
Will durchquerte das Zimmer und setzte sich auf die Bettkante, Jack gegenüber. Er legte seine Hand sanft auf die Decke über Jacks Oberschenkel. „Es kann doch sein, dass er sich verändert hat.“
 
Verändert?“ Jacks Stimme brach bei dem Wort. „Er sollte eigentlich gar nicht am Leben sein.“
 
„Ich dachte, du würdest dich darüber freuen.“
 
Mit einem Seufzer lehnte sich Jack nach hinten gegen die Kissen. „Ich weiß nicht mehr, was ich fühlen soll.“ Er rieb sich mit der Hand über die Augen. „Ich habe ihn geliebt.“ Er hielt inne, dann sah er Will an. „Und jetzt liebe ich dich.“
 
„Du weißt doch noch gar nicht was passiert ist“, sagte Will. „Ich bin mir sicher, es gibt einen Grund, weshalb er nicht nach dir gesucht hat.“
 
„Er hätte gewusst, wo ich zu finden bin“, sagte Jack mit bitterer Stimme. „Ich war im Gefängnis. Ich war in der Hölle.“
 
Und Flynn hatte nichts unternommen um ihn von dort wegzuholen. Will musste selbst zugeben, dass er dies einfach nicht verstehen konnte, und er fühlte sich hin und her gerissen. Einerseits hoffte er um Jacks Willen, dass es einen wirklich guten Grund dafür gab, dass Flynn Jack einfach dort zurückgelassen hatte. Aber zur selben Zeit fürchtete er auch den Moment, in dem beide alles, was zwischen ihnen lag, bereinigt hätten. Denn er wusste, dass sich die beiden wieder sehen würden, jetzt wo Jack sicher war, dass Flynn noch lebte. Und höchstwahrscheinlich würde dies sogar recht bald geschehen, denn offenbar war Flynn erst vor kurzem in dieser Gegend gewesen und konnte daher nicht weit gekommen sein.
 
„Unsere Mission hier ist vorüber“, sagte Will. „Reverend Johnson hat mir beim Frühstück erzählt, dass er zusammen mit den Proben, die sie gesammelt haben, zurück nach Virginia geht, jetzt da Spillett und Crane in Gewahrsam sind. Er hat sogar schon einen Platz für sich auf einem Schiff gefunden. Sobald du also dazu bereit bist, können wir zurück nach Port Royal segeln. Vielleicht hat Norrington ja von der Destiny gehört, falls sie noch immer in der Gegend ist.“ 
 
„Von mir aus können wir jederzeit lossegeln“, sagte Jack. „Und ja, ich bin dazu bereit ihn zu finden.“ Er berührte Wills Hand. „Die Frage ist wohl eher… bist du es?“
 
„Nicht wirklich“, gab Will zu. Er hatte geglaubt, da sie Jacks Vergangenheit endlich hinter sich gelassen hatten, würden sie nie wieder an diese vergangenen Orte zurückkehren müssen. Vielleicht war es ja das Beste, wenn er Jack sagte, was ihm wirklich auf dem Herzen lag. „Du hattest so viel mehr mit ihm als mit mir. Drei Jahre, in denen ihr gemeinsam gesegelt und gekämpft habt.“ Er konnte es nicht über sich bringen auch noch in denen ihr euch geliebt habt hinzuzufügen. Er nahm einen tiefen Atemzug bevor er fortfuhr. „Du und er, ihr habt eine gemeinsame Vergangenheit. Es gibt so viele Erinnerungen, die ihr miteinander teilt.“ Selbst während er darüber sprach, konnte er fühlen, wie sich die Kluft zwischen ihnen immer weiter öffnete, wie der Altersunterschied zwischen ihnen immer deutlicher wurde. Er konnte die Jahre, die hinter Jack lagen, schon fast sehen. Es waren Jahre, in denen Jack mit anderen Menschen zusammen war, mit anderen Kameraden, Jahre, die er mit Flynn verbracht hatte.
 
Vielleicht hatte es einfach nicht sein sollen. Vielleicht war es ja nicht einmal richtig, dass er und Jack überhaupt zusammen waren. Vielleicht wäre es besser für Jack, wenn er mit jemandem zusammen wäre, der ein ähnliches Alter hatte. Und nicht nur wegen der gemeinsamen Vergangenheit, die sie dann miteinander teilten. Vielleicht wäre es ja auch besser, wenn Jack gemeinsam mit jemandem alt werden könnte. Jemanden, um den er sich nicht sorgen musste, wenn er ihn eines Tages zurückließ. Zumindest nicht so sehr.
 
„Was denkst du gerade?“, fragte Jack. „Du siehst aus, als wärst du in Gedanken ganz weit weg.“
 
„Es ist nichts“, schwindelte Will.
 
Jack schüttelte den Kopf. „Es ist nicht nichts“, sagte er. „Das, was du über uns denkst, das ist alles.“
 
„Bitte tu das nicht.“ Will fühlte wie seine Augen feucht wurden.
 
„Tu was nicht?“
 
„Bitte bring mich nicht dazu, dich nur noch mehr zu lieben.“ Will kämpfte nun ernsthaft mit den Tränen. „Das ist für dich eine einmalige Gelegenheit.“ Er wollte das hier nicht sagen, aber trotzdem musste er, um Jacks Willen. „Du hast die Gelegenheit etwas Verlorenes wieder zu finden. Etwas, das dir mehr bedeutet hat, als alles andere auf der Welt. Ich will, dass du diese Gelegenheit nutzt.“ Er blickte nach unten, weil er nicht wollte, dass Jack ihn weinen sah.
 
„Nein, das willst du nicht“, sagte Jack leise. „Aber ganz ehrlich. Ich bin froh, dass du das gesagt hast.“
 
Will unterdrückte seine Tränen und gelangte seine Fassung zurück. „Ich versuche nicht großmütig zu sein. Ich liebe dich. Ich will, dass du bekommst was du verdienst, dass du glücklich bist. Und selbst wenn du denkst, dass du mich jetzt liebst. Du wirst dir nie ganz sicher sein, nicht, bis du ihn wieder gesehen hast.“ Jedes Wort, das er sprach, zerriss ihn innerlich ein kleines Stück mehr. „Ich will, dass du bei mir bleibst… Aber nicht, wenn du ihn mehr liebst.“
 
„Ich…“, Jacks Hände verkrallten sich im Laken. „Ich will dir niemals wehtun.“
 
„Das wirst du nicht.“
 
„Vielleicht doch. Du kannst dir da nicht sicher sein. Ich selbst kann nicht sicher sein.“ Jack schloss die Augen. „Verdammt, ich hasse das!“
 
Will versuchte ihn beruhigend über den Arm zu streichen. „Lass uns einfach nicht mehr drüber reden, ja?“, sagte er viel lässiger, als er sich in Wirklichkeit fühlte.
 
Jack öffnete die Augen und lächelte ihn an. „Da bin ich absolut dafür.“
 
„Gut.“ Will gab seinem Bein einen leichten Klaps. „Was hältst du davon, dich anzuziehen? Wenn du es ohne meine Hilfe bis zum Ende des Korridors und zurück schaffst, dann werde ich mir überlegen, ob es dir vielleicht tatsächlich wieder gut genug geht, dass wir hier weg können.“
 
„Ich bin dabei“, erklärte Jack, und warf die Bettdecke nach hinten.


Nächster Teil




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