AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, PG-13, Abenteuer, Drama, Romantik, Angst
FREIGABE: PG-13 / ab 12
SETTING: Buch II schließt direkt an Buch I von Pirate Dreams an.
INHALT: Nach seiner Begnadigung hat Jack mit Wills tatkräftiger Unterstützung dem Piratendasein den Rücken gekehrt, und verdient sich seinen Lebensunterhalt nun als ehrbarer Spion für die britische Marine. Doch schon auf ihrer ersten Mission braut sich Unheil zusammen…
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch II
by Alexfandra


Als sie in den Hafen von Port Royal segelten, sahen sie, dass die Dauntless dort vor Anker lag. Allerdings fehlte das große Kriegsschiff, das Norrington nach dem Verlust der Interceptor von der Marine erhalten hatte und Will hoffte, dass dies nicht auf irgendwelche Probleme zurück zu führen war. Es bestand jedoch kein Grund zur Sorge, wie sie schnell vom Wirt des Port Royal Inn erfuhren, als sie dort einkehrten, da Gillette offenbar damit beauftragt worden war, das Kriegsschiff nach Tortuga zu bringen.
 
Sie ließen Swann und Norrington eine Nachricht zukommen, um sie wissen zu lassen, dass sie bereit waren, über ihre Mission Bericht zu erstatten. Allerdings wurde ihnen als Antwort vermeldet, dass beide Männer aus offiziellem Anlass nach Port Morant ins Inland gereist seien und erst in frühestens drei Tagen zurück erwartet würden.
 
„Na wunderbar“, sagte Jack. „Wir sind noch nicht einmal von ihm bezahlt worden.“
 
Der Wirt versicherte ihnen jedoch, dass für ihren Aufenthalt trotzdem alles geregelt sei. „Commodore Norrington hat die Anweisung hinterlassen, euch und eurer Mannschaft jederzeit Kredit zu gewähren.“
 
„Oh. Das ist aber wirklich großzügig.“ Jack runzelte die Stirn. „Der ganzen Mannschaft?“
 
„Verpflegung und Unterkunft, Sir.“
 
„Ah. Also nicht für den Alkohol?“
 
„Nein, Sir.“
 
Will nickte. „Das sieht ihm schon ähnlicher.“
 
„Wir hätten diesen Schatz wirklich mitnehmen sollen“, sagte Jack.
 
Sie hatten Woodes Schatzkiste tatsächlich auf der Teufelsinsel zurück gelassen, aus Angst den Fluch sonst mit an Bord zu bringen. Schon beim letzten Mal hatte ihnen eine Kiste voll mit verfluchtem Gold jede Menge Ärger eingehandelt, daher wollten sie das Risiko sicher kein zweites Mal eingehen. „Ich glaube er ist sicherer dort, wo er jetzt liegt“, sagte Will.
 
„Ja, da hast du wahrscheinlich sogar Recht.“
 
„Wir haben immer noch Geld an Bord.“
 
„Ja, ein wenig“, gab Jack zu. „Wenn ich das allerdings der Mannschaft gebe, werden sie sich, bis Norrington und Swann zurückkommen, auch noch den letzten Funken Verstand weg gesoffen haben.“
 
„Oh, ich glaube nicht, dass sie dazu so lange brauchen.“
 
„Ich denke schon, dass sie sich eine Belohnung verdient haben.“
 
„Ja, das finde ich auch“, stimmte Will ihm zu. „Erst mussten sie sich mit Reverend Johnson rumschlagen, dann mit Nicholas Crane, und dann auch noch mit der Teufelsinsel.“
 
„Dann wäre das geklärt“, sagte Jack.
 
Sie brachten die Mannschaft im Gasthaus unter, zahlten ihnen alles an Bargeld aus, was sie an Bord hatten, und behielten nur ein paar wenige Münzen für sich, damit sie selbst auch etwas trinken konnten. Sie waren gegen Spätnachmittag in Port Royal angekommen und Jack und Will aßen im Gasthaus zu Abend. Dann wanderten sie gemeinsam zu ihrer Lieblingsschänke unten am Strand, eine etwas schäbige, aber dafür gemütliche kleine Taverne, die keinen besonders guten Ruf hatte und sich The Broken Arms nannte.
 
Sie holten sich jeder einen Humpen Ale und ließen sich in der hintersten Ecke an einem kleinen Tisch nieder, wo es nicht ganz so voll war. Bevor Will mit Jack auf See gegangen war, war er es nicht gewohnt gewesen viel zu trinken, aber inzwischen genoss er es, sich in entspannter, kameradschaftlicher Gesellschaft und im Beisein guter Freunde hin und wieder einen zu genehmigen.
 
Ganz besonders freute er sich darauf endlich mit Jack entspannen zu können. Der Stress der letzten Tage hatte ihn völlig ausgelaugt und die Angst, die er hinsichtlich einer möglichen Begegnung mit Flynn verspürte, steigerte seine Anspannung nur noch zusätzlich. Auf ihrem Rückweg nach Port Royal war ihm nicht verborgen geblieben, dass auch Jack nicht so ruhig war, wie er ursprünglich behauptet hatte. Er schlief schlecht, aß wenig und sprach nur, wenn es gar nicht anders ging. Will wusste, dass er daran arbeiten musste, das alte, unkomplizierte Verhältnis, das sie früher einmal zueinander gehabt hatten, erneut aufzubauen.
 
Jack ließ sich auf seinen Stuhl fallen, sackte nach hinten gegen die Lehne und legte ein Bein auf sein Knie. Dann nahm er erst einmal mehrere tiefe Züge aus seinem Krug, bevor er ihn dankbar gegen seine Brust drückte. „Ah. Es gibt keine Krankheit auf der Welt, die das hier nicht heilen könnte.“
 
„Und ich dachte, das träfe nur auf Rum zu.“ Auch Will nahm einen tiefen Schluck.
 
„Damit liegst du nie falsch. Vielleicht werde ich mir später auch etwas davon genehmigen.“
 
„Bist du denn krank?“ Will lehnte sich nach vorne und betrachtete prüfend Jacks Stirn. Die Wunde dort war schon fast wieder völlig verheilt.
 
„Hm?“ Jack sah ihn fragend an, dann aber grinste er. „Ach das.“ Er rubbelte an der Stelle. „Nein, da ist wieder alles in Ordnung.“
 
„Bin froh das zu hören. Ist dir eigentlich klar, dass du ganz schön oft eins auf den Kopf bekommst?“ Will grinste. „Wir sollten da künftig besser aufpassen, wollen ja schließlich nicht, dass dir dein Verstand weich geklopft wird, oder?“
 
„Nein, das wäre wirklich ein Jammer.“
 
„Außer natürlich, es ist ohnehin schon zu spät“, fügte Will neckend hinzu.
 
Jack zog eine Augenbraue nach oben. „Soweit ich mich erinnere warst du derjenige, der mir einmal recht ordentlich eins übergezogen hat. Daher, sollte es tatsächlich zu spät sein, dann bist sicherlich du dafür verantwortlich.“
 
Will konnte den Schelm in Jacks Augen sehen. „Ja sicher. Auf keinen Fall könnte es nämlich damit zusammenhängen, dass du zuviel Zeit damit verbracht hast, unter der Hitze der tropischen Sonne zu segeln. Und ganz bestimmt hat es auch nicht das Geringste damit zu tun, dass du zuviel Rum trinkst.“
 
„Zuviel Rum gibt es gar nicht.“ Jack hob seinen Krug und trank erneut daraus. „Oder zuviel Ale, wo wir gerade dabei sind.“
 
Auch Will trank und er konnte fühlen, wie ihn der Ale von innen heraus wärmte. Er fühlte sich schon wieder viel besser. Mit Jack zu plänkeln und sich gegenseitig zu necken half ihm dabei, seine Sorgen eine Zeitlang zu vergessen. „Die Mannschaft sieht zufrieden aus.“
 
Ein großer Teil der Mannschaft der Black Pearl war ebenfalls in die Taverne gekommen, wo sie nach Herzenslust tranken, Karten spielten und ihren Spaß hatten.
 
„Ja“, stimmte ihm Jack zu. „Feiern ist immer eine gute Idee.“
 
„Ich schätze, wir können getrost behaupten, dass wir unsere erste Mission mit Bravour gemeistert haben. Ich meine, wir haben keine Spione finden können, das ist doch gut, oder? Und zusätzlich haben wir sogar noch einen Mörder gefasst.“
 
Jack hob seinen Krug. „Auf unseren Erfolg!“. Er hielt seinen Arm nach vorne.
 
Will kam ihm über den Tisch entgegen und sie stießen ihre Humpen aneinander. „Auf die Spioniererei.“ Beide tranken erneut.
 
„Es fühlt sich aber trotzdem irgendwie komisch an“, sagte Jack.
 
„Was?“
 
„Eine ehrliche Arbeit zu haben.“
 
„Oh, ja. Aber immerhin können wir uns nicht mehr beschweren, es wäre langweilig gewesen.“
 
„Stimmt, langweilig war es ganz bestimmt nicht.“
 
„Ich finde Norrington müsste dir eigentlich einen Bonus zahlen“, sagte Will. „Schließlich wurdest du ja sogar verletzt.“
 
„Bei Piraten ist das so“, antwortete Jack. „Wenn ein Pirat im Kampf ein Arm oder ein Bein verliert, dann wird er dafür extra bezahlt.“
 
„Ich hatte keine Ahnung.“ Will wusste eigentlich ziemlich viel über Piraten, noch aus der Zeit, in der Elizabeth darauf bestanden hatte, ihm laut vorzulesen. Allerdings war das meiste davon aus irgendwelchen Legenden oder Romanen. Er bezweifelte, dass man aus derartigen Geschichten viel Wahres erfahren konnte. „Sag mal, gibt es eigentlich wirklich so etwas, wie einen Piratenkodex?“
 
„Es gibt keinen wirklichen, einzelnen Kodex, nach dem sich alle richten, nein. Mehr eine Reihe von Regeln und Übereinkünften, die von den Piratenkapitänen im Laufe der Zeit für ihre Mannschaften aufgestellt wurden. Zum Beispiel, dass jedes Mitglied der Mannschaft das gleiche Stimmrecht hat, wenn es um das Schiff geht oder so. Dass jeder gleich viel Essen und Schnaps bekommt, wobei die Beute jedoch nach Rang verteilt wird. Dass Glücksspiel um Geld verboten ist. Keine Frauen an Bord. Kein Diebstahl und keine Schlägereien innerhalb der Mannschaft. Jeder muss seine Waffen immer und überall geputzt und kampfbereit halten. Und natürlich, dass Regelbruch damit bestraft werden kann, dass derjenige, der ihn begeht, auf einer einsamen Insel ausgesetzt wird.“
 
„Gleiches Stimmrecht?“ Will fand das irgendwie seltsam. „War denn nicht der Captain derjenige, der das Kommando hatte?“
 
„Der Captain wurde von der Mannschaft gewählt.“
 
„Nein!“
 
„Und wenn der Mannschaft nicht gefiel, was er tat, dann wurde er abgesetzt.“
 
„Ich glaub das einfach nicht“, sagte Will. „Wie konnte man denn da jemals die Kontrolle behalten?“
 
„Indem man seine Mannschaft gut behandelte“, antwortete Jack. „Ist übrigens etwas, das die königliche Marine zur Abwechslung vielleicht auch mal versuchen sollte.“
 
Will leerte seinen Krug. „Ich glaub ich brauch noch einen.“
 
„Ich hol uns Nachschub.“ Jack erhob sich und leerte im Aufstehen seinen eigenen Humpen. Dann schlenderte er nach vorne zur Theke.
 
„Gleiches Stimmrecht“, murmelte Will ungläubig. Welch merkwürdige Art ein Schiff zu führen. Man könnte meinen, der Erfolg der Piraten und ihrer Raubzüge sei auf eine strenge Hierarchie und Kommandokette zurückzuführen, darauf, dass sie in der Lage waren selbst unter den chaotischsten Umständen noch immer eine gewisse Ordnung aufrecht zu erhalten. Aber angesichts dessen, was er gerade erfahren hatte, war Meuterei scheinbar gar nicht so selten. 
 
Kurz darauf kehrte Jack mit zwei vollen Krügen zurück. Er gab einen an Will weiter, dann ließ er sich wie auf seinen eigenen Stuhl fallen. „Cheers.“ Er trank.
 
„Cheers.“
 
In Gedanken wunderte sich Will noch immer über das, was er soeben erfahren hatte. „Heißt das denn, dass du als Captain der Black Pearl gewählt wurdest?“
 
„So ist es.“
 
„Und wenn die Mannschaft jetzt plötzlich unzufrieden damit wäre, wie du die Dinge handhabst, könnten sie dann einfach hingehen und kurzerhand jemand anderen zum Captain machen?“
 
Jack unterbrach seine eifrigen Bemühungen auch den zweiten Krug in Rekordzeit zu leeren und hielt inne. „Worauf willst du hinaus?“
 
„Naja, also damals, als du vorhattest diesen Aztekenschatz zu heben, da hast du dir doch in Tortuga eine neue Mannschaft an Bord geholt, richtig? Barbossa und seine Kumpanen. Aber sie hatten keine Lust sich danach zu richten, wie du die Dinge handhabst, zumindest ist es das, was ich so mitbekommen habe.“
 
„Es war eine verfluchte Meuterei“, fauchte Jack.
 
„Ich weiß das ja, beruhig dich wieder.“ Will trank kurz aus seinem Krug, dann fuhr er fort mit seinen Fragen. „Was ich nur nicht ganz verstehe ist… wenn es ihnen nicht gefiel, wie du das Schiff geführt hast, warum haben sie dich dann nicht einfach als Captain abgewählt, nachdem Barbossa dir die Koordinaten des Schatzes abgeluchst hatte. Warum haben sie stattdessen nicht einfach ihn zum Captain gemacht.“
 
„Na weil er mir die Koordinaten abgeluchst hat. Den Captain zu bescheißen ist natürlich auch gegen die Regeln. Eigentlich hätte man ihm Nase und Ohren aufschlitzen müssen, dafür, dass er mein Vertrauen missbraucht hat.“
 
Will erinnerte sich daran von dieser unschönen Bestrafung gelesen zu haben. „Er hat also gegen den Kodex verstoßen.“
 
„Er hat sich nie sonderlich viel um Piratengesetze geschert“, sagte Jack. „Wie sagte er immer so schön? ‚Das sind keine Gesetze, mehr so was wie Richtlinien.’“ Plötzlich konnte sich Jack ein Grinsen nicht verkneifen. „Zum Schluss hab ich ihn aber hübsch drangekriegt, diesen Bastard, nicht wahr?“
 
„Das hast du allerdings.“ Will hob seinen Krug. „Auf die Gerechtigkeit.“
 
„Auf die Rache“, antwortete Jack.
 
Will zuckte mit den Schultern. „Wie auch immer.“ Dank der Menge Ale, die er getrunken hatte, war Wills Kopf nicht mehr ganz so klar wie zuvor, und so langsam näherte er sich diesem nebligen, euphorischen Zustand, wo ihm all seine Probleme plötzlich gar nicht mehr so schlimm erschienen. „Auf den Kodex!“ Er hob den Krug nochmals.
 
„Auf die Piraten!“ Jack zögerte nicht den Toast zu erwidern.
 
„Piraten!“, folgte Will ihm auf dem Fuß.
 
Die nächste Zeit verbrachten sie damit munter weiter zu trinken, wobei sie weitaus mehr Ale vertilgten, als sie eigentlich vertragen konnten. Einige Stunden später, ohne dass er so recht wusste, wie genau er dorthin gekommen war, fand sich Will mitten in ihrem Zimmer im Port Royal Inn wieder und starrte etwas ratlos auf seine Jacke. Er blickte sich um und sah Jack seitlich auf dem Bett liegen. Jack war noch komplett angezogen und hatte die Arme zu beiden Seiten seines Körpers ausgestreckt, während er mit leerem Blick nach oben an die Decke starrte.
 
„Hullo“, sagte Will. „Wie macht man das auf?“
 
„Hm?“, Jack hob träge den Kopf. „Wie macht man was auf?“
 
„Das da.“ Will deutete auf seine Jacke, deren Knöpfe offenbar nach neuen, physikalischen Regeln arbeiteten, die er nicht verstand.
 
„Das sind Knöpfe“, sagte Jack.
 
„Ich weiß, dass das Knöpfe sind. Aber wie funktionieren sie?“
 
„Wie sie funktionieren?“ Jacks Stimme war rau und ziemlich heiser. „Sie funktionieren genau so wie heute Morgen, als du sie zugeknöpft hast. Nur eben umgekehrt.“
 
„Oh.“ Will dachte eine Weile darüber nach, dann nahm er die Sache erneut in Angriff, diesmal mit etwas mehr Erfolg. „Danke.“
 
„Ziehst du dich aus?“, fragte Jack.
 
„Ich glaub schon.“ Will warf seine Jacke hinüber zum Stuhl, den er prompt verfehlte.
 
„Soll ich auch?“
 
„Wäre vielleicht eine gute Idee.“ Will starrte einen Moment lang auf sein Hemd, dann zog er es kurzerhand einfach nach oben über den Kopf.
 
„Na gut.“
 
Er stolperte hinüber zum Bett und setzte sich auf die Kante. Er zog an seinen Stiefel und schleuderte sie achtlos quer durchs Zimmer. Gerade als er bei seiner Unterhose angekommen war, landete plötzlich etwas auf seinem Kopf. Er zog es herunter. Jacks Hemd. Er warf es zur Seite und konzentrierte sich wieder auf seine eigene Kleidung. Nach und nach landete Jacks gesamte Garderobe um ihn herum auf den Boden, ein Kleidungsstück nach dem anderen. Gerade als Will sich endlich ausgezogen hatte, traf ihn etwas Hartes, Schweres am Rücken. Er drehte sich um und fand einen von Jacks Stiefeln. „Hey, du hast mich mit deinem Stiefel getroffen.“ Er hielt ihn vorwurfsvoll in die Höhe.
 
„Tut mir Leid, Kumpel.“
 
Der zweite Stiefel verfehlte Will nur um Millimeter.
 
„Tut mir schon wieder Leid, Kumpel.“ Jack lag splitterfasernackt quer auf dem Bett und seine Beine baumelten über der Bettkante.
 
„Du liegst ja völlig falsch.“ Will krabbelte zu ihm und schob seine Arme unter Jacks Achseln. Mit ein wenig Unterstützung gelang es ihm Jack zu drehen, bis dieser längs anstatt quer auf der Matratze lag, und sein Kopf auf dem Kissen ruhte. „So ist’s schon besser.“
 
„Ach ja?“
 
„Naja, so rum schläft man am besten, wenn du mich fragst.“ Will streckte sich neben ihm auf der Decke aus. „Oh, und außerdem schläft man üblicherweise unter der Decke.“
 
„Bloody Hell, du bist heute aber echt anspruchsvoll.“ Aber Jack schaffte tatsächlich selbst ein wenig mitzuhelfen, als Will ihn erneut hin und her schob, bis sie schließlich beide unter der Bettdecke lagen.
 
Will löschte die Lampe und das Zimmer wurde mit einem Schlag stockdunkel. Einen Moment lang fragte er sich, ob sein Kopf überhaupt noch auf seinem Körper saß, weil er nicht das Gefühl hatte, er könne seine Beine überhaupt noch spüren, aber dann verwarf er den Gedanken schnell wieder. Kaum bist du voll wie eine Haubitze, ist plötzlich alles wieder in bester Ordnung.
 
Mit einem Mal drehte sich Jack im Bett um, wobei er sich direkt auf Will rollte. „Fuck“, murmelte er.
 
„War das jetzt ein Fluch“, fragte Will, „oder eine Aufforderung?“
 
„Beides.“
 
„Ah, na gut. Mal sehen, was ich für dich tun kann. Aber zuerst solltest du von mir runtergehen.“
 
„Oh, stimmt. Könnte helfen.“
 
„Ja, könnte es.“
 
Jack rollte von ihm herunter und drehte sich auf die Seite. Will tat sein Bestes, aber er hatte Schwierigkeiten seinen Körper dazu zu bringen zu kooperieren. Nachdem auch sein dritter Versuch kläglich gescheitert war, gab er frustriert auf. „Verdammt.“
 
„Hm?“
 
„Ich fürchte das wird heute nichts mehr“, musste Will zu seinem großen Leidwesen eingestehen.
 
„Schade“, antwortete Jack.
 
Will konnte fühlen, wie Jack sich im Bett umdrehte und einen Arm um ihn schlang. Er gab ihm einen langen, ausgiebigen Kuss, bevor er seinen Kopf auf Wills Schulter legte. „Macht nichts, dann holen wir das eben einfach später nach.“
 
„Freut mich das zu hören.“ Will hielt ihn fest. „Sag mal, hast du dich eigentlich auch jemals mit ihm so betrunken, mit… naja, mit diesem Kerl, dessen Name ich nicht sagen soll?“ Immerhin schien zumindest ein Teil seines Gehirns noch zu funktionieren, genug, dass er sich noch daran erinnern konnte, wie Jack ihm einmal gesagte hatte, er solle Nate Flynns Namen nie wieder in seiner Gegenwart aussprechen.
 
„Oh, komm schon, du kannst seinen Namen ruhig sagen.“ Jacks warmer Atem kitzelte Wills Brust als er sprach. „Ich weiß sowieso, dass du Nate meinst.“
 
„Ja, den meine ich. Und hast du?“
 
„Hab ich was?“
 
Will überlegte. Was genau war seine Frage gewesen? Oh ja. „Getrunken. Dich betrunken. Mit ihm.“
 
„Ach weißt du“, sagte Jack langsam, als würde es ihm unglaublich viel Energie kosten die Worte überhaupt über seine Lippen zu bringen. „Nate trank nicht gerne.“
 
„Was?“
 
„Nate trank nicht“, wiederholte Jack noch einmal. „Ist ein Wunder, dass wir überhaupt mit einander klarkamen. Unüblich für mich, um genau zu sein.“
 
„Ja, das möchte man meinen.“ Wills Gedanken wurden mit jedem Moment verschwommener.
 
„Natürlich musste ich dann immer die doppelte Menge trinken, um das auszugleichen.“
 
Will lachte. „Aber natürlich.“
 
„Ich glaub, ich werd jetzt schlafen.“
 
„Ja, das ist eine gute Idee.“ Will hielt Jack fest im Arm während das Zimmer um ihn herum sanft hin und her schwankte. Es war fast so, wie in ihrer Kabine auf der Pearl. Er fand die Bewegung eigentlich ganz beruhigend. „Gute Nacht“, flüsterte er.
 
„Die beste“, flüsterte Jack zurück, und das waren die letzten Worte, die er bis zum Morgen sprach.
 
~*~**~*~
 
Das Innere der St. Matthews Kirche stand leer. Die hohe Decke und die soliden Mauern aus Stein umgaben ein schattiges, dunkles Kirschenschiff mit hölzernen Gebetsbänken.
 
Will stand auf einer der großen Steinplatten vor der Eingangstür. Er drehte sich um und winkte Jack zu, der hinter ihm stand. „Na komm schon rein, stell dich nicht so an. Ich verspreche dir, du wirst nicht in Flammen aufgehen, wenn du die Schwelle überschreitest.“
 
„Sehr witzig.“ Jack betrat die Kirche. „Ein bisschen düster, findest du nicht?“
 
„Naja, sie ist nicht wie die englischen Kirchen, nein.“ Will war nur ein einziges Mal in einer englischen Kirche gewesen, in St. Paul’s, wo seine Mutter ihn einmal mit hingenommen hatte. Nichts konnte sich mit diesem Prunk vergleichen, schon gar nicht hier draußen, wo sie sich gerade befanden. Aber dennoch besaß diese Kirche in Port Royal, in die Mrs. Brown ihn früher in seiner Jugend jeden Sonntagmorgen mitgenommen hatte, trotzdem ein paar wenige, kostbare Schmuckstücke, selbst wenn der Bau an sich eher schlicht war. Die Altartafel kam aus London und zeigte eine Kreuzigungsszene, die mit viel Liebe zum Detail in das Holz geschnitzt war. Die steinernen Säulen zu beiden Seiten des Kirschenschiffs waren mit korinthischen Verzierungen geschmückt, und es gab drei kleinere Seitenkapellen mit zahlreichen Gemälden und Statuen. „Aber mir hat sie immer ganz gut gefallen.“
 
„Sie ist ziemlich leer.“ Jack kam nicht näher, er stand einfach nur da und seine Finger spielten gedankenverloren mit der Schärpe, die er um seine Taille gebunden hatte.
 
Es war Dienstag, und schon fast elf Uhr. Der Frühgottesdienst war schon längst vorüber, aber sie waren nach dieser Nacht nicht wirklich zeitig aus dem Bett gekommen. Sie hatten beide lange geschlafen, und während Jack darin geübt war einen Kater abzuschütteln, brauchte Will ein wenig länger, um in die Gänge zu kommen. Ein Angestellter des Gasthauses war so nett gewesen ihm ein heißes Bad einzulassen, was sehr geholfen hatte, und nach einiger Zeit hatte er sich gut genug gefühlt ein kleines Frühstück zu sich zu nehmen. Danach hatte er es geschafft einen ziemlich widerspenstigen Jack mit zur Kirche zu schleppen. Er erwartete von Jack nicht mehr, als dass dieser ihm einfach Gesellschaft leistete, aber zumindest das hatte er sich in den Kopf gesetzt.
 
„Ich mag es, wenn sie leer ist“, sagte er. „Und ruhig.“ An Jacks untypischem Gezappel konnte er erkennen, dass er sich nicht sehr wohl fühlte. „Schau, es wird nicht lange dauern. Du kannst einfach hier stehen bleiben, wenn du möchtest.“
 
„Na dann los.“ Jack wedelte mit der Hand und bedeutete ihm das zu tun, wofür er hergekommen war.
 
Will lief nach vorne bis hin zum Altar und setzte sich auf eine der Holzbänke, die dort standen. Er betrachtete einen Moment lang die Kreuzigungsszene und das einzige Fenster aus buntem Glas, das sich die Kirche hatte leisten können. Es war eine kleine, aber dafür sehr hübsche Fensterrose. Dann senkte er sein Haupt, und verschränkte die Hände auf dem Schoß. Mit klarer Stimme bedankte er sich dafür, dass seine Gebete auf der Teufelsinsel erhört worden waren und er dem Bösen hatte entkommen können.
 
Es war nichts besonderes, eine einfache Geste, aber sie kam von Herzen. Er blieb noch einen Moment lang sitzen. Er war kaum das, was man einen treuen Kirchengänger nennen konnte, obwohl seine Mutter sehr fromm gewesen war. Sein eigener Glaube war hart auf die Probe gestellt worden, als sie starb, und dann noch einmal, als er erfahren hatte welch qualvollen Tod sein Vater erlitten hatte. Sein Leben lang war er dazu erzogen worden zu glauben, dass gute Männer belohnt und böse bestraft würden. Inzwischen hatte er gelernt, dass es in dieser Welt nicht immer so einfach war. Er hatte erfahren müssen, dass es Männer gab, die ihre Strafe erst im nächsten Leben erhielten. Aber dennoch, von Zeit zu Zeit hatte er trotzdem das Bedürfnis sich einem wohlwollenden Gott anzuvertrauen, Gnade zu suchen, und Dankbarkeit zu zeigen, für das Gute, das ihm widerfahren war.
 
Will stand auf um zu gehen. Er lief den Kirchengang entlang, aber Jack war nirgends zu entdecken. Na wunderbar! War er etwa auf und davon? Um Himmels Willen, so eine große Sache war es nun auch wieder nicht. Es gab keinen Grund solch einen Wirbel zu veranstalten, nur weil man mal einen Fuß in eine Kirche setzen sollte. Schließlich war Jacks eigener Vater selbst Priester gewesen. Nur weil Jack ein paar Gebote gebrochen hatte… naja, ziemlich viele davon, um genau zu sein… bedeutete das doch noch lange nicht, dass er nicht ein paar Minuten im Haus des Herrn verbringen konnte. Will seufzte. Wenn Jack wirklich ernsthaft Angst davor hatte nach seinem Tod für alle Ewigkeit in der Hölle zu schmoren, dann sollte er vielleicht tatsächlich irgendwann in näherer Zukunft mal darüber nachdenken, ob es nicht so langsam an der Zeit wäre, seine Taten zu bereuen.
 
Dann hörte Will ein leises Geräusch zu seiner Rechten. Neugierig ging her hinüber zu den Säulen, die das Hauptschiff von den Seitenkapellen trennten. Er lief den Gang entlang und spähte in die erste. Leer. Er ging zur zweiten, und dort, auf einer einfachen Bank aus Stein, saß Jack.
 
Will kannte die kleine Kammer gut, da er sich als Junge oft dorthin geschlichen hatte, wenn ihn die Predigt langweilte. Ihm gefielen die Gemälde, die dort zur Andacht hingen. Es war ein dreiteiliger Altaraufsatz, der Szenen aus dem Leben des Evangelisten Lukas zeigte. Der linke Teil des Bildes zeigte Lukas, wie er gerade die Kranken heilte, im rechten Bild malte er ein Portrait der Jungfrau Maria, und in der Mitte war er gemeinsam mit Paulus zu sehen, wie sie beide gefangen waren.
 
Er setzte sich neben Jack. „Hätte nicht gedacht, dass ich dich hier finde.“
 
Jack nickte und zeigte auf das Bild. „Der Schutzpatron der Ärzte und Maler.“ Er lächelte. Naja, wenn man katholisch ist zumindest. „Er zeigte auf den rechten Teil des Bildes. „Das hier gefällt mir.“
 
„Du denkst aber nicht darüber nach es zu klauen, oder?“, fragte Will ihn neckend.
 
„Warum, würde sich sicher gut machen, in meiner Kabine.“
 
„Dann müsstest du die drei aber auseinander reißen.“
 
„Ja, wär 'ne Schande. Schätze, dann werd ich es wohl doch hier lassen müssen.“ Jack sah nicht so aus, als hätte er es eilig zu gehen. Andächtig starrte er noch immer auf das dritte Bild und auf Lukas, der gerade den Pinsel über seine Leinwand hielt, für alle Ewigkeit bereit den nächsten Pinselstrich zu ziehen. „Weißt du, welchen Beruf sich mein Vater für mich gewünscht hat?“
 
„Nicht Maler, oder?“ Abgesehen von Jacks exzentrischer Erscheinung hatte Will bislang nichts entdecken können, was auf künstlerisches Talent hindeutete.
 
„Nein. Aber er dachte, ich würde mal ein guter Kartenzeichner werden.“
 
„Wirklich?“ Will blickte erneut zurück auf das Gemälde. In der Ecke des Raumes, in dem Lukas saß, stand ein großer Globus, der in Jack wohl diese Erinnerung geweckt hatte. „So wie Sydney Davis? Ein Kartograph?“
 
„Ja, ich glaube, das war es wohl, was er sich wünschte. Als ich damals von meiner Mutter unterrichtet wurde, war Geographie immer mein Lieblingsfach. Wir hatten in unserem Haus viele Bücher und einige davon enthielten auch Landkarten. Ich hab sie immer gerne abgemalt. Ich machte mir einen Spaß draus, die Namen wegzulassen und mir neue auszudenken. Es war, als würde ich völlig neue Welten erschaffen, für die ich dann Leute erfand, die dort lebten, und merkwürdige Kreaturen… was mir eben so einfiel.“
 
„Klingt nach Spaß“, sagte Will. Er wusste so wenig von Jacks Kindheit, dass dieser kurze Ausflug in die Vergangenheit für ihn eine wundervolle Enthüllung war.
 
„Oh, das war es. Ich hab mir immer vorgestellt, dass ich irgendwann mal zu all diesen Orten hinsegeln würde, um dort viele Abenteuer zu bestehen.“
 
„Und in gewisser Weise hast du das wohl auch.“
 
„Naja, ich war erst zehn als sie starben. Und da war ich nun, in Plymouth, und ständig kamen und gingen all diese Handelsschiffe. Wer weiß, wäre ich älter gewesen, dann hätte ich vielleicht etwas getan, was weniger verträumt und romantisch war.“
 
„Du meinst du wärst vielleicht ein Kartograph geworden?“, fragte Will. Irgendwie konnte er sich das nicht so recht vorstellen. „Es scheint nicht wirklich zu dir zu passen. Es liegt nicht in deiner Natur nur von den Erfahrungen und Abenteuern anderer Leute zu zehren, anstatt deine eigenen zu erleben.“
 
Jack riss seinen Blick vom Gemälde los und sah Will an. „Es wäre ein völlig anderes Leben gewesen.“
 
Wir hätten uns zum Beispiel niemals getroffen. „Zehn Jahre. Das ist wirklich furchtbar jung, um auf eigenen Füßen zu stehen.“
 
„Ach, und wie alt warst du? Ich dachte, du warst selbst noch ein Junge, als du aus England fort gingst.“
 
„Ich war zwölf“, gab Will zu. „Ich hatte auf diesem Schiff als Schiffsjunge angeheuert. Es war nicht so schlimm.“
 
„Naja, zumindest nicht, bis euch Barbossa erwischt hat.“
 
Will nickte. Dieses Erlebnis hatte ihn wirklich über alle Maßen verängstigt. „Ja, da war ich nun, in einer Hafenstadt voller Schiffe, auf einer Insel inmitten einem Meer voller Inseln, und ich hatte eine Heidenangst auch nur einen Fuß auf ein weiteres Schiff zu setzen, wegen dem, was passiert war. Das war auch der Grund, weshalb ich nie versucht habe, zurück nach England zu gehen, weshalb ich nie nach meinem Vater gesucht habe.“ Es war seines Wissens das erste Mal, dass er jemandem außer Elizabeth von dieser Furcht erzählte. „Ich hatte Angst.“
 
„Aber die Interceptor hast doch recht schnell betreten“, sagte Jack.
 
„Ja, zu der Zeit hatte ich meine Angst längst überwunden. Es hat Jahre gedauert, aber als ich sechzehn war, lud mich Elizabeth ein, sie und ihren Vater auf einem Ausflug auf die Bahamas zu begleiten. Sie war damals erst vierzehn und machte sich keine Gedanken darüber, ob es nun schicklich sei, oder nicht. Sie lud mich ein, ohne ihren Vater vorher um Erlaubnis zu fragen. Er hätte es sicher verboten, aber sie hatte schon damals einen ziemlichen Dickkopf und letzten Endes setzte sie sich durch. Sie wollte unbedingt, dass ich mitkam. Nachdem ich also eine Weile mit mir selbst gekämpft hatte, fasste ich mir irgendwann ein Herz und nahm die Einladung an. Swann sorgte dafür, dass ich im Quartier der Mannschaft übernachtete, aber trotzdem war es ein wirklich toller Ausflug. Nachdem alles gut gegangen war und ich wieder wohlbehalten in Port Royal ankam, erkannte ich, dass meine Ängste all die Jahre hindurch völlig unbegründet gewesen waren. Ab diesem Zeitpunkt schaffte ich es dann hin und wieder auch mal, ein bisschen Zeit auf anderen Schiffen zu verbringen. Es war nie lange, aber genug, dass ich mich an Bord wieder sicher fühlte.“
 
„Ich wusste schon immer, dass du ein tapferer Junge bist.“
 
„Mann“, verbesserte Will ihn. „Ich bin kein Junge mehr.“ Er wurde nicht gerne an den Altersunterschied erinnert, der zwischen ihnen stand, wobei es ihm jedoch gefiel, dass Jack ihn tapfer fand.
 
„Ein tapferer Mann“, verbesserte sich Jack. „Und hin und wieder auch ein ziemlich dickköpfiger.“
 
„Danke.“ Will sah ihn liebevoll an. „Du weißt aber schon, dass du selbst auch ziemlich oft ganz schön mutig bist.“
 
„Ich? Ich bin einfach nur tollkühn.“
 
„Nenn es wie du willst. Ich weiß es besser.“
 
„Da siehst du, wovon ich eben gesprochen habe“, sagte Jack. „Du bist dickköpfig.“
 
„Ich bevorzuge eigentlich ‚von beharrlicher Ehrlichkeit’“, antwortete Will.
 
„Wie ich gerade sagte-“
 
„Genug davon!“ Will erhob sich. „Ich bekomme langsam das Gefühl, dieser Ort hier verdreht dir den Verstand. Können wir gehen?“
 
„Heißt das, du bist fertig mit deinen Gebeten?“
 
„Ich war schon vor einer halben Ewigkeit fertig. Ich hab nur drauf gewartet, dass du dich endlich von Lukas hier losreißen kannst.“
 
„Er ist ein hübscher Kerl.“ Jack stand auf. „Aber ich bin fertig.“
 
„Gut. Ich bin nämlich halb am Verhungern.“ Sein spärliches Frühstück war keinesfalls ausreichend gewesen.
 
„Wir haben auch eine Verabredung im Inn“, erinnerte ihn Jack.
 
„Na dann komm“, sagte Will gut gelaunt. „Lass uns hingehen, damit Norrington auch was geboten kriegt für sein Geld.“
 
~*~**~*~
 
Zwei Tage später kehrten auch Swann und Norrington nach Port Royal zurück und am frühen Nachmittag ließ Swann nach Jack und Will schicken.
 
Der Governor erwartete sie im Salon der Villa, wo er ihnen zu ihrer sicheren Rückkehr gratulierte. „Es hat mich gefreut zu hören, dass die Johnson Expedition keinerlei Interesse an der Stärke unserer Inselflotte gezeigt hat. Gut gemacht.“
 
„Ich danke Ihnen“, sagte Will.
 
Jack hob nur fragend eine Augenbraue. „Wo ist Norrington?“
 
„Der Commodore musste seinen Verpflichtungen nachgehen. Er sendet euch Glückwünsche und Grüße.“
 
„Das ist wirklich ungemein großzügig von ihm“, sagte Jack. Will grinste, weil er ganz genau wusste, dass Jack nicht nur Dank, sondern auch seinen Lohn wollte.
 
Auch Swann bemerkte den Unterton in Jacks Stimme. „Ich bin mir sicher, dass sich der Commodore schnellstmöglich um Eure Bezahlung kümmern wird.“
 
„Oh, das wird er ganz sicher“, antwortete Jack. „Zumindest falls er vorhat, meine Dienste noch einmal in Anspruch zu nehmen.“
 
„Ich bin mir da ganz sicher.“ Swann ging hinüber zum Sideboard. „Bitte, nehmt Platz.“ Er griff zu einem Dekanter und entfernte den Stöpsel, während Jack und Will sich auf dem großen Diwan im Zimmer niederließen. „Nun denn, möchtet Ihr vielleicht einen Brandy? Wir haben nur sehr spärliche und auch meist recht kurze Nachrichten hinsichtlich Eurer Arbeit erhalten, daher würde ich gerne mehr darüber erfahren.“
 
Er wartete gar nicht erst auf Antwort, sondern schenkte drei Gläser ein, von denen er zwei an Jack und Will weiterreichte. Dann nahm er in einem großen Lehnstuhl Platz. Über die nächsten Stunden hinweg erzählten ihm Will und Jack von dem, was ihnen während ihrer unglücksseligen Mission widerfahren war. Sie berichteten von ihren ersten, kürzeren Landgängen, und schließlich von ihrer Reise zu den Bermudas. Sie erzählten vom Mord an Harris und von den wichtigen Ereignissen, die sich auf der Teufelsinsel abgespielt hatten. Jack überließ es Will diesen Teil der Geschichte zu erzählen, da er ihm Gelegenheit geben wollte, seine Sicht der Dinge zu schildern, was den Spuk betraf. Will zog es jedoch vor, Swann nur recht knapp und vage von den Geistern zu berichten.
 
„Das ist ja wirklich ungemein faszinierend“, erklärte Swann, als Will seine Erzählung beendet hatte. „Ich gehöre ja eigentlich nicht zu der Sorte Mann, die dazu neigt, solchen Dingen Glauben zu schenken, zumindest war das so, bis zu den Erlebnissen mit der verfluchten Piratenmannschaft. Hätte ich damals nicht mit eigenen Augen gesehen, wie sich augenscheinlich lebendige Männer von einem Moment auf den nächsten in Skelette verwandelten, würde ich derartige Wahrnehmungen mit Sicherheit auf nichts anderes als auf einen verwirrten Verstand zurückführen. Aber wie es der Barde einst so schön sagte: ‚Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.’ Inzwischen musste auch ich das einsehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Wirklich bemerkenswert.“
 
„’Eure Schulweisheit’“, sagte Jack.
 
Swann sah ihn verwirrt an. „Wie bitte?“
 
„’Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.’“
 
Der Governor starrte ihn mit offenem Mund an, genau wie Will. Ein gehobenes Vokabular und Verständnis für Geografie waren ja eine Sache, aber Shakespeare zu zitieren?
 
„Captain Sparrow, Ihr schafft es wirklich immer wieder aufs Neue, mich in Staunen zu versetzen. Natürlich, ich vergaß, dass Eure Mutter Lehrerin war. Habt Ihr selbst Theater gespielt?“
 
„Nicht die Sorte Theater die Ihr meint“, gestand Jack. „Aber ja, meine Mutter hatte eine Schwäche für Hamlet. Sie saß abends immer gerne mit mir am Feuer und ich musste ihr die verschiedenen Rollen des Stücks laut vorlesen.“
 
Will fühlte einen kurzen Stich der Traurigkeit, da er sich an keinerlei ähnliche Erlebnisse in seiner Kindheit erinnern konnte. Seine Mutter hatte immer sehr hart arbeiten müssen um ihn zu ernähren, und daher hatte er die meiste Zeit in der Obhut seiner Großmutter verbracht. Und die musste sich meist um einen ganzen Stall Kinder aus der Nachbarschaft kümmern, um ihr eigenes, spärliches Einkommen zu gewährleisten. Ihr überfülltes, beengtes, armselig möbliertes Zimmer in London hatte nur wenig Raum für Inspiration und Fantasie gelassen. Das einzige Buch, das es dort überhaupt gab, war die Bibel gewesen. Er war diesen engen Räumlichkeiten wann immer er konnte entflohen und hatte seine Zeit lieber auf der Straße verbracht. Im Alter von nur sieben Jahren hatte er gelernt, dass er sich hin und wieder ein paar kleinere Münzen dazuverdienen konnte, wenn er für andere Leute Arbeiten erledigte, wenn er Nachrichten überbrachte oder Gentlemen die Schuhe putzte. Als er älter wurde, fegte Will auch oft hinter den Pferdekutschen her. Daher verbrachte er die langen Stunden des Tages meist mit eifriger Arbeit anstatt zu lernen, weil er hoffte seiner Mutter dadurch das Leben ein wenig zu erleichtern.
 
Erst als er nach Port Royal kam, erhielt er erstmals die Gelegenheit, an sich selbst zu arbeiten, sich zu verbessern und weiterzubilden. Er erlernte ein nützliches Handwerk und auch sonst eine Menge brauchbare Dinge. Mrs. Brown hatte ein gutes Herz und auch einen recht klugen Kopf, daher nahm sie die Aufgabe auf sich, Will zumindest die Grundzüge einer Erziehung zu vermitteln. Aber das sie abends vor einer gemütlichen Feuerstelle gemeinsam Theaterstücke gelesen hätten, nein, das war sicher nie vorgekommen. Will hatte noch nie in seinem Leben auch nur einen Fuß in ein Theater gesetzt, egal welcher Art. Jacks Kindheit dagegen, so kurz sie auch durch den frühzeitigen Tod seiner Eltern gewesen sein mochte, klang da schon weitaus glücklicher als seine eigene.
 
Natürlich hatte sich das recht schnell geändert, als Jack zur See ging. Dort, auf den Handelsschiffen, ging das Leben sehr viel rauer zu, als er es bislang gewohnt gewesen war. Aber offensichtlich hatte es ihm keinerlei Probleme bereitet sich anzupassen. Aber dennoch hatte Jack diese frühen Jahre nicht vergessen, und auch nicht die gute Erziehung, die er genossen hatte. Um genau zu sein, hatte er sich sogar stets durch seine Reisen weitergebildet und noch heute sog er das Wissen ein, wo immer er gerade war.
 
„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde“, wiederholte Swann noch einmal. „Das ist in der Tat wahr. Elizabeths liebstes Stück war allerdings immer Was ihr wollt. ‚Oh schöne, neue Welt, die solche Bürger trägt!’ Sie liebte es wahrlich diese Zeilen zu sprechen, wenn sie Miranda las. Die Rolle passte auch zu ihr, und das Stück selbst regte ihre lebhafte Phantasie an.“ Er seufzte, dann riss er sich selbst aus seinen Gedanken. „Bitte verzeiht. Ich hatte nicht vor, von Euren eigenen Erlebnissen abzulenken. Ihr wart gerade dabei mir davon zu erzählen, wie Ihr auf dieser magischen Insel festsaßt.“
 
„Naja, magisch würde ich sie nicht gerade nennen“, antwortete Will. „Sie war mehr ein wahr gewordener Albtraum.“
 
„Ja, so klingt es auch. Es ist wirklich eine Schande, dass man nichts tun kann, um diesen armen Seelen zu helfen.“
 
„Was?“ Jack runzelte die Stirn. „Oh, Ihr meint die Geister?“
 
„Ja, denn sollte es sich wirklich um die verlorenen Seelen der Menschen handeln, die dort einst gestorben sind, dann sind sie doch sicherlich in einer Art Erdenhölle gefangen, meint Ihr nicht? Gott hat sie offenbar im Stich gelassen, aber ein Mensch alleine kann eine Seele, die von Gott abgeschnitten ist, auch nicht retten.“
 
„Nein, es werden höchstens noch mehr dazukommen“, sagte Jack, „wenn noch mehr Leute auf diesen Gewässern segeln.“
 
„Vielleicht sollten wir neue Karten machen“, schlug Will vor. „Crane hatte noch immer die Karte mit der Lage der Insel in der Tasche, als wir gerettet wurden. Vielleicht könnte man die Insel ja künftig deutlich kennzeichnen, mit einer Warnung, dass man, wenn man dorthin geht, den Tod oder noch Schlimmeres riskiert.“
 
„Wäre eine Möglichkeit“, sagte Swann. „Definitiv etwas, worüber man nachdenken sollte. Obwohl dergleichen Warnungen meiner Erfahrung nach meist das Gegenteil bewirken. Gewisse Leute werden durch eine Warnung, dass sie etwas nicht tun sollen, nur noch zusätzlich angestachelt es trotzdem zu probieren.“
 
„Ja, bei mir war das ganz sicher immer so“, grinste Jack.
 
„Da seht Ihr was ich meine.“
 
„Naja, aber vielleicht hilft es ja manchen Leuten“, sagte Will. Er nippte an seinem Brandy, dann stellte er das Glas zurück auf den Tisch.
 
Sie waren gerade dabei ihre Unterredung zu beenden, als ein Klopfen an der Tür Swanns Aufmerksamkeit auf sich zog. „Herein!“
 
Ein Diener öffnete und steckte seinen Kopf ins Zimmer. „Sir, ein weiteres Schiff ist im Hafen vor Anker gegangen. Der Captain bittet Euch um ein Wort. Er ist bereits hier.“
 
Swann erhob sich. „Bringt ihn herein.“
 
Der Diener öffnete die Tür ein Stück weiter. Der Mann, der mit langen, sicheren Schritten ins Zimmer eilte, war zu Wills großer Verblüffung das lebendige Spiegelbild dessen, was ihnen Edward Eaton erst vor kurzer Zeit beschrieben hatte. Captain Nate Flynn.
 
Jack keuchte und sprang von seinem Stuhl auf. „Nate!“
 
Flynn sah ihn und seine Augen wurden groß. „Bei allen Mächten!“ Wie der Blitz eilte er durchs Zimmer. „Jack!“ Er packte Jack an den Schultern und zog ihn in eine warme Umarmung, die Jack enthusiastisch erwiderte.
 
Will konnte fühlen wie ihm das Herz schwer wurde, als er Jacks leuchtende Miene sah und das Licht in seinen Augen. Jack hielt Flynn eng an sich gedrückt, dann musterte er ihn prüfend von oben bis unten. „Du bist es wirklich.“
 
Governor Swann unterbrach sie mit einem Hüsteln. Jack zuckte zusammen, errötete und lockerte seinen Griff.
 
Flynn drehte sich zu Swann um. „Governor Swann, nehme ich an?“ Er lief zu ihm hinüber und streckte seine Hand aus. „Captain Nathaniel Flynn von der Schaluppe Destiny.“
 
Swann schüttelte seine Hand. „Ich sehe Ihr und Captain Sparrow kennt Euch bereits?“
 
„Allerdings, Sir, und ich bitte Euch höflichst um Verzeihung und bitte darum, gleich später noch einen Moment mit ihm alleine sprechen zu dürfen.“
 
Will blieb auf seinem Diwan sitzen. Er hatte nicht das Bedürfnis sich dem Mann vorzustellen. Er sah wirklich ziemlich gut aus, auf diese kantige, männliche Weise, die Eaton beschrieben hatte. Sein rotbraunes Haar hatte er mit einem grünen Band in den Nacken gebunden. Er trug einen extravaganten Seidenrock aus smaragdgrünem Stoff, der seine grünen Augen ganz hervorragend betonte, darunter ein weißes Hemd mit einer Spitzenkrawatte. Auch aus den Ärmeln seines schwarzen Brokatmantels lugten Rüschen hervor. Er trug schwarze Hosen aus Damast, die er in seine Stiefel gesteckt hatte. Unter seinem Arm trug er einen Dreispitz, der mit einer langen, schwarzen Feder geschmückt war.
 
„Ganz wie Ihr wollt, ich habe nichts dagegen“, antwortete Swann. „Aber erst nachdem Ihr mir erklärt habt, was Euer Schiff in meinem Hafen zu suchen hat.“
 
„Selbstverständlich. Die Destiny ist ein Privatschiff aus Queenstown. Während der Kämpfe mit den Spaniern, die ja erst kürzlich stattgefunden haben, haben wir als Freibeuter gekämpft. In den letzten paar Monaten waren wir jedoch hinter einem Piraten her, einem gewissen William Rosser, der eine Fregatte namens Ranger befehligt.“
 
Will sah wie Jack der Schock deutlich ins Gesicht geschrieben stand. „Das kann unmöglich dein Ernst sein“, sagte er.
 
Flynn trat nahe an Jack heran, jedoch flüsterte er laut genug, dass auch Will alles verstehen konnte. „Ich werde dir alles erklären, wenn wir erst alleine sind.“ Dann drehte er sich wieder zu Swann um. „Um ehrlich zu sein, Sir, ist es eine ziemlich lange Geschichte. Ich brauche wohl nicht extra zu betonen, dass es für mich persönlich von größter Wichtigkeit ist, Captain Rosser einzufangen. Zuletzt wurde er auf Barbados gesehen, als er von dort auslief. Es gibt ein Gerücht, er könne nach Puerto Rico unterwegs sein. Ich kann es schaffen, noch vor ihm dorthin zu gelangen, aber mein Schiff müsste dringend gereinigt werden, denn ansonsten werden wir wohl niemanden einholen können. Ich möchte Euch daher bitten, dass ich dies in Eurem Hafen erledigen kann. Gibt es an der jamaikanischen Küste einen guten Ort zum Kielholen?“
 
Swann blickte hinüber zu Jack, der nickte. „Captain Sparrow wird Euch dorthin geleiten.“ Er bedachte Flynn mit einem sehr strengen Blick. „Was Euer Anliegen betrifft und Euren Aufenthalt in unseren Gewässern, ich hoffe um Euretwillen, dass Ihr in dieser Hinsicht ehrlich wart. Wir sind hier sehr gut gerüstet und können uns jederzeit verteidigen. Sollte sich herausstellen, dass Ihr nicht der seid, für den Ihr Euch ausgebt, dann werden Commodore Norrington und seine Männer mit Euch kurzen Prozess machen.“
 
„Ich habe verstanden.“ Flynn verbeugte sich vor Swann. „Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen.“
 
„Captain Sparrow, seit Ihr bereit für die Integrität dieses Mannes zu bürgen?“
 
„Jederzeit.“ Jacks Antwort kam ohne einen Moment des Zögerns.
 
„Dann werde ich mich jetzt von ihnen verabschieden, meine Herren. Captain Flynn, es steht Euch frei, Euch an meinem Brandy-Vorrat zu bedienen. Ich wünsche einen guten Tag.“ Swann verließ das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
 
Zum allerersten Mal schien Nate Flynn Will auf dem Diwan überhaupt zu bemerken. „Ah, ich sehe, wir sind noch immer in Gesellschaft.“
 
„Tut mir Leid.“ Jack winkte Will zu sich heran. „Das ist Will Turner, mein erster Maat.“
 
Will stand da und war etwas verblüfft. Jack hatte ihn noch nie zuvor so genannt, und er hatte auch nicht das Gefühl, dass er die Rolle wirklich ausfüllte. Er hatte noch längst nicht genug Zeit an Bord der Pearl verbracht und er wusste auch nicht genug über Schiffe und Seefahrt, um sich solch einen Titel verdient zu haben. Dennoch fühlte er sich irgendwie geschmeichelt und beschloss die Hand, die ihm gereicht wurde, zu schütteln.
 
Flynn hatte einen warmen Händedruck. „Freut mich sehr. Ich wusste gar nicht, dass Jack inzwischen ein eigenes Schiff hat.“
 
„Einen Schoner“, antwortete Will und ließ Flynns Hand wieder los. „Die Black Pearl. Sie liegt unten im Hafen.“
 
„Das ist deine?“, fragte Flynn Jack. „Ich hab sie schon bewundert, als wir hier angelegt haben. Ein wunderschönes Schiff.“
 
Jack starrte ihn einfach nur an, als könne er noch immer nicht glauben, dass Flynn wirklich vor ihm stand.
 
Flynn lächelte und fasste Jack an den Schultern. „Ich sehe schon, wir haben uns eine Menge zu erzählen.“ Er warf Will einen Blick zu. „Würde es Euch etwas ausmachen, uns alleine zu lassen?“
 
In der Tat machte es Will eine ganze Menge aus. Er wusste, dass Jack die Gelegenheit brauchte mit Flynn unter vier Augen zu sprechen, dass er herausfinden musste, was wirklich geschehen war, damals vor vier Jahren… oder wie lange war es noch mal her? Es mussten wohl inzwischen vier Jahre sein, denn schließlich hatte Jack nach Flynns angeblichem Tod mindestens drei Jahre im Gefängnis verbracht. Erst danach war er hierher zurückgekehrt um nach der Pearl zu suchen, was sicherlich auch einige Monate gedauert hatte. Und dann noch die Zeit, die seitdem vergangen war. Ja, es mussten wohl inzwischen ungefähr vier Jahre sein, seit sich Jack und Nate zum letzten Mal gesehen hatten. Jack hatte zweifellos eine Menge Fragen, unter anderem auch, wie es kam, dass Flynn überhaupt noch am Leben war.
 
Doch obwohl Will wusste, dass die beiden Zeit für sich alleine brauchten, konnte er sich nicht beherrschen. In dem Moment, als er die zwei Männer zusammen gesehen hatte, als er beobachtet hatte, wie sie sich in den Armen lagen, war ein überwältigendes Gefühl der Eifersucht in ihm erwacht, und verdrängte vorerst jeglichen Anflug von Großmut. Der Blick in Jacks Augen, die Liebe, die so deutlich darin geschrieben stand, wenn er Nate ansah, hatte in Wills Herz ein dunkles Feuer entzündet. Er wollte Jack für sich alleine haben, er wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen Eindringling kurzerhand zurück in die Vergangenheit zu schicken, damit er dort ein für allemal bleiben konnte. Er hatte schon immer Probleme damit gehabt, seine Emotionen zu kontrollieren. Daher wedelte er nur lässig mit der Hand in Richtung seines Glases und setzte sich wieder hin. „Ich hab noch nicht ausgetrunken.“
 
Jack starrte ihn einen Moment lang an, dann rieb er sich mit der Hand über die Augen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, packte er Will am Arm und zerrte ihn zur Tür. Als er sich ihm zuwendete, senkte er seine Stimme zu einem Flüstern. „Will, ich muss mit ihm reden… alleine.“
 
Aber Will war nicht bereit, sich so einfach abspeisen zu lassen. „Warum kann ich nicht dabei sein?“
 
Warum? Um Himmels Willen, Will. Du weißt warum.“ Jack hielt Wills Blick stand und sah ihm tief in die Augen. Er seufzte. „Du bist eifersüchtig“, bemerkte er geradeheraus.
 
„Natürlich bin ich eifersüchtig.“
 
„Wie du willst.“ Jack öffnete die Tür. „Dann geh und sei woanders eifersüchtig, Kumpel.“
 
Will schluckte schwer, aber noch immer war er nicht bereit, einfach so aufzugeben. Er erwiderte Jacks Blick standhaft und bewegte sich keinen Millimeter vom Fleck.
 
„Bitte“, sagte Jack. „Vertrau mir. Alles wird gut.“
 
Schließlich senkte Will resigniert den Blick. Er wusste, dass er den Kampf verloren hatte.
 
„Vertrau mir“, wiederholte Jack noch einmal. „Er nickte mit dem Kopf hinaus in den Korridor.
 
Will warf Nate Flynn noch einen letzten bösen Blick zu, dann drehte er sich um und verließ den Raum. Die Tür schloss sich hinter ihm und er stand alleine auf dem Flur. Wie konnte Jack nur von ihm verlangen, dass er einfach so wegging, ohne zu wissen, was die beiden gerade miteinander besprachen? Er hasste, dass er nicht dabei sein konnte. Dass er nicht sehen konnte, wie die beiden mit ihrer verloren geglaubten Beziehung umgingen, dass er nicht hören konnte, was Flynn als Erklärung zu sagen hatte, oder was Jack darauf antworten würde. In diesem Moment sprach sein Herz eindeutig lauter als sein Verstand.
 
Und dann kam es ihm. Er kannte Swanns Haus noch aus seiner Jugend in- und auswendig und er wusste, dass die innere Tür des Salons in die Bibliothek führte.
 
Will lief den Korridor entlang bis zur Bibliothek und warf einen Blick hinein. Sie war leer. Er betrat sie, schloss die Tür hinter sich und lief hinüber zur Verbindungstür. Dort blieb er stehen und starrte einen Moment lang auf das verlockende Schlüsselloch, ein winziges Fenster zu dem, was im Salon gerade vor sich ging. Er rieb seine verschwitzten Handflächen am Stoff seiner Hose ab. Ich kann das nicht tun. Ich sollte Jack vertrauen.
 
Er konnte ihre Stimmen hören, aber die Worte blieben unverständlich. Will trat noch einen Schritt näher an die Tür heran. Ich will dir niemals wehtun. Jacks Worte kamen ihm wieder in den Sinn. Damals hatte Will in ritterlicher Großmut behauptet, er würde wollen, dass Jack das bekäme, was er verdiente. Er hatte behauptet, er würde ihm die Liebe gönnen, die Jack am meisten brauchte und dass er ihm die Gelegenheit geben wolle, Nate Flynn zu lieben. Wie immer wollte Will so gerne das tun, was richtig war und was von den meisten Leuten als großmütig und edel angesehen wurde. Aber er wusste, dass heldenhaften Ideale dieser Art in der Theorie meist leichter umzusetzen waren, als in der Praxis.
 
Du wirst mir nicht wehtun, hatte er damals noch geglaubt.
 
Vielleicht doch, hatte Jack ihm daraufhin geantwortet. Du kannst dir da nicht sicher sein. Ich selbst kann nicht sicher sein.
 
Wie konnte Jack ihn bitten ihm zu vertrauen, wenn er doch selbst nicht gewusst hatte, wie er sich fühlen würde, wenn er Flynn zum ersten Mal wieder sah. Und welche Chance hatte Will denn überhaupt, verglichen mit diesem Mann? Seine Neugierde, gemischt mit einer gehörigen Portion Eifersucht, gewann letztlich die Oberhand und Will schickte seine edle und großmütige Gesinnung inklusive seiner Selbstaufopferung kurzerhand zum Teufel.
 
Er lief hinüber zur Tür, kniete sich hin, bis er auf der Höhe des Schlüssellochs war und blickte hindurch. Jetzt konnte er jedes Wort klar und deutlich verstehen, wobei alles, was er sehen konnte, Flynns Rücken war. Er musste wohl direkt vor der Tür stehen.
 
„Die Berichte über meinen Tod wurden absichtlich gestreut“, sagte Flynn. „Ich musste der ganzen Welt weismachen, ich sei tot und begraben, denn nur so konnte ich mich mit einem neuen Namen frei und ungehindert bewegen, zumindest einige Jahre lang.“
 
„Ich hab da ein paar Probleme, das so wirklich zu verstehen“, antwortete Jack. „Wie ist es dir denn gelungen dieses Gerücht zu säen? Du warst doch im Gefängnis?“
 
„Das war ganz einfach. Ich entkam dem Galgen, weil der Mann, der für den Außenposten der Britischen Ostindien-Kompanie zuständig war, der Ort, zu dem wir gebracht wurden, nachdem sie uns gefangen genommen hatten, mein Onkel war.“
 
Auf diese wirklich verblüffende Aussage entstand erst einmal eine lange Pause des Schweigens. Will wünschte sich, er könnte Jacks Gesicht sehen. Nach einer Weile, sagte Jack mit recht kühler Stimme. „Na das war ja wirklich praktisch für dich.“
 
„Ach komm schon, Jack, da steckt viel mehr dahinter.“ Flynn ging nun von der Tür weg und Will hatte eine bessere Aussicht auf das, was sich dahinter abspielte. Er konnte das Zimmer ungefähr auf Hüfthöhe überblicken, und als sich Flynn bewegte, erhaschte er einen Blick auf Jacks vertraute Schärpe. Jack stand ungefähr in der Mitte des Zimmers und Flynn war gerade ein paar Schritte auf ihn zugegangen. „Du denkst doch wohl hoffentlich nicht, dass ich nicht auch für dich bei ihm um Gnade gebeten habe, oder?“
 
„Oh, ich hab in der letzten Zeit eine ganze Menge Dinge gedacht.“
 
„Du solltest warten, bis du angehört hast, was ich zu sagen habe. Mein Onkel wäre nie bereit gewesen, für eine Piratenmannschaft das Gesetz zu beugen, oder gar zu brechen, und schon gar nicht für einen Piratenkapitän. Und das tat er auch nicht.“ Flynn hielt einen Moment lang inne, dann trat er noch einen Schritt näher an Jack heran, wodurch Wills Sicht aufs Neue versperrt wurde. „Was du nicht weißt und was du auch damals nicht wissen konntest, war, dass ich nie ein Pirat gewesen bin. In diesen drei Jahren, in denen wir auf den Meeren unterwegs waren, arbeitete ich als verdeckter Spion für die Britische Ostindien-Kompanie und für meinen Onkel. Die ganze Zeit über.“
 
Will schnappte überrascht nach Luft und konnte ein Keuchen gerade noch unterdrücken. Er hörte wie Jack rief: „Du hast was?“ Dann sah er wie Flynn seine Arme hob und sie scheinbar auf Jacks Schultern legte.
 
„Ich spielte eine Rolle“, sagte Flynn.
 
Es gab ein paar schnelle Bewegungen, die Will durch sein enges Guckloch nicht genau verfolgen konnte. Dann war Jack wieder teilweise zu sehen. Wie es schien, hatte er sich von Flynn losgerissen. „Ich glaub das einfach nicht“, sagte er zornig. „Wir haben Schiffen aufgelauert, wir haben ihre Ladung geraubt, wir haben Leute entführt und erst gegen Lösegeld wieder freigelassen.“
 
„Ja, das war alles ziemlich überzeugend. Aber fandest du es denn nie merkwürdig, dass wir nicht ein einziges Mal ein englisches Schiff überfielen? Dass immer, wenn wir auf eines trafen, ich stets einen Grund fand, warum wir es ziehen lassen sollten? War es denn nicht komisch, dass ein eingeschworener Pirat niemals jemanden an Bord der Schiffe, die er gekapert hatte, in irgendeiner Art und Weise verletzte oder tötete, und dass er immer nur genau soviel nahm, wie er gerade brauchte? Es war mein Auftrag die Rolle des Piraten zu spielen und so viele Schiffe wie möglich zu fangen, solange keine englischen darunter waren. Ganz besonders aber sollte ich versuchen, Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompanie abzufangen, oder die Kriegsschiffe, die deren Flotten begleiteten. Meine Anweisungen lauteten, sie zu studieren und möglichst viel über sie herauszufinden. Wie groß die Mannschaften waren, welche Stärken sie hatten, wie weit ihre Loyalität ging, wenn man ihnen erst einmal einen Platz auf einem anderen Schiff anbot, welche Waffen sie an Bord hatten, ob sie bessere oder fortschrittlichere Waffen hatten, und wenn ja, so waren diese von mir zu beschlagnahmen. Außerdem musste ich meinen Vorgesetzten jedes Mal, wenn wir einen neutralen Hafen ansteuerten, ausführlich Bericht erstatten. Denn weißt du, es hatte uns nie wirklich gefallen, dass wir einen solch großen Teil des Gewürzhandel-Territoriums an die Niederländer verloren hatten, und mein Auftrag war es, zumindest einiges davon wieder zurück zu erobern.“
 
Das konnte doch unmöglich die Wahrheit sein. Die Britische Ostindien-Kompanie, die ihre eigenen Spione beschäftigte? Will wusste im Grunde genommen rein gar nichts über diese Handelsgesellschaft, auch nicht, wie sie ihre weit entlegenen Außenposten führte. Aber dennoch, Flynn war dem Galgen entkommen, das zumindest war eine Tatsache.
 
Jack ließ sich plötzlich auf den Diwan niedersinken, der tief genug war, dass Will nun endlich sein Gesicht sehen konnte. Er sah erschüttert aus und ziemlich verwirrt. „Ich kann das einfach nicht begreifen. Ich war doch dabei.“ Er blickte nach oben. „Warum hast du mich nicht in dein Vertrauen gezogen?“
 
„Ich wollte es tun, so viele Male. Aber am Ende entschied ich immer, dass es besser und sicherer für dich wäre, wenn du nichts davon wüsstest. Wie sich herausstellte, war das mein größter Fehler.“
 
„Und warum hast du nicht versucht, mich aus diesem Höllenloch von Gefängnis zu befreien?“
 
„Ich sagte dir doch, ich hab’s versucht.“ Nate setzte sich zu ihm auf den Diwan, wobei sein Rücken Will teilweise die Sicht auf Jack versperrte. „Monatelang habe ich für deine Freilassung gekämpft, aber ohne jeden Erfolg. Für sie warst du nicht mehr als ein gewöhnlicher Pirat. Auch die Mannschaft bestand nur aus Piraten, keiner von ihnen kannte die Wahrheit. Ich bemerkte erst, welch furchtbarer Fehler es gewesen war, dass ich mein Geheimnis so gut verborgen hatte, als es bereits zu spät war. Letzten Endes wurde ich gezwungen, einen neuen Namen anzunehmen, und mein Onkel bestand darauf, dass ich für einige Jahre zurück nach England ging. Ich sollte mich dort ruhig verhalten, bis die Zeit gekommen wäre, dass ich gefahrlos wieder auftauchen könnte.“ Er streckte seine Hand aus und berührte Jacks Gesicht. „Glaub mir, es hat mich innerlich zerrissen, dich dort zurück zu lassen.“
 
Will sah deutlich, wie Jack sich wegdrehte.
 
„Jack, bitte. Seitdem ist nicht ein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht habe.“
 
Will konnte fühlen, wie ihm ein kalter Schauer der Angst über den Rücken lief. Flynn liebte Jack noch immer. Mit all seiner Willenskraft versuchte er Jack dazu zu bringen, Flynn erneut anzusehen, damit auch er einen Blick auf seine Miene werfen könnte. Er verlagerte sein Gewicht und versuchte, einen besseren Blickwinkel zu bekommen.
 
Dann ließ Jack den Kopf sinken. Er sah Flynn nicht an, seine Augen waren stur auf den Boden gerichtet. Langsam schüttelte er den Kopf. „All die Jahre hindurch, in denen wir zusammen waren. In all der Zeit hast du mir nicht genug vertraut, um mir die Wahrheit zu sagen? Du kennst mich besser als jeder andere, Nate. Du weißt wie loyal ich bin. Ich habe noch nie mein Wort gebrochen, wenn jemand sein Vertrauen in mich gesetzt hat.“
 
Sofort fühlte sich Will schuldig, als er die Worte hörte. Er sollte dieses Gespräch wirklich nicht belauschen. Er wusste, dass es falsch war, aber trotzdem konnte er sich einfach nicht losreißen. Er redete sich ein, dass er es nur aus Liebe tat. Er liebte Jack, und er musste wissen, wer der Mann war, gegen den er bestehen musste. Er musste wissen, wie weit er letztlich würde gehen müssen, um diese Liebe zu bewahren.
 
„Du verstehst meine Gründe nicht“, hörte er Flynn sagen. „Ich dachte immer daran, was wohl passieren würde, sollten wir dem Feind in die Hände fallen. Wenn sie merken, dass ich ein Spion bin und du davon wusstest, dann würden sie uns beide direkt vor ein Erschießungskommando stellen. Aber ich dachte, wenn man uns als Piraten fängt, dann könnte ich sicher alle davon überzeugen, dass ich als Captain die volle Verantwortung trage, und dass ich dich und die Mannschaft gegen euren Willen gezwungen habe unter mir zu dienen. Seeleute, die in die Piraterie gezwungen werden, kommen meist unbeschadet davon. Ich tat es, weil ich dachte, es sei sicherer. Ich konnte nicht wissen, dass sie mir nicht glauben würden.“
 
„Als du also die Nighthawk beigedreht hast, um mich zu retten, war das Risiko, das du dabei eingingst, eigentlich gar nicht wirklich so groß, nicht wahr? Das Schiff, das uns gejagt hat, war schließlich englisch. Das wussten wir ja von Anfang an.“
 
Will wusste, was Jack gerade denken musste. Vier lange Jahre hindurch hatte er geglaubt Nate Flynn sei seinetwegen gestorben. Er hatte geglaubt, Nate habe beigedreht, um ihn aus dem Wasser zu ziehen, im vollen Bewusstsein, dass dies seine eigene Gefangennahme und den Tod am Galgen nach sich ziehen würde. Jack hatte geglaubt, Nate hätte aus Liebe zu ihm das größte Opfer gebracht, das es überhaupt gibt. Aber all das war niemals wahr gewesen, es war alles erfunden. Denn wenn Flynn in Wahrheit heimlich für die Engländer als Spion gearbeitet hatte, dann gab es für ihn wohl kaum einen Grund eine Gefangennahme durch ein englisches Schiff zu fürchten. Dass er für Jack beigedreht hatte, war also gar kein so gewaltiges Opfer gewesen. Und Jack hatte sich all die Jahre hindurch grundlos gequält.
 
„Als ich beidrehte, um dein Leben zu retten“, antwortete Flynn, „da habe ich an nichts anderes gedacht. Ich hab mich um nichts und niemanden geschert, nicht, ob man uns fangen würde, nicht, was danach passieren könnte. Es war völlig bedeutungslos. Du warst das Einzige, was zählte.“ Wieder streckte Flynn seine Hand nach Jack aus und diesmal drehte Jack sich nicht weg. Will konnte spüren, wie sich sein Magen verkrampfte, als Flynn sich nahe an Jack heranlehnte. So nahe, dass sein Kopf Jacks Gesicht völlig verdeckte, und Will nicht erkennen konnte, ob sie sich küssten. Es sah verdammt danach aus. Will riss sich vom Schlüsselloch los und wendete den Blick ab.
 
Dann hörte er Jack sagen: „Ich weiß nicht, ob ich damit klarkomme.“
 
„Was meinst du damit?“
 
Wieder spähte Will durch sein Guckloch ins andere Zimmer. Flynn hatte sich wieder ein Stück zurückgelehnt, wodurch er Jack erneut sehen konnte. Er wirkte irgendwie resigniert. „Ich meine all das. Die Tatsache, dass du plötzlich von den Toten auferstanden bist. Diese Geschichte, die du mir da erzählst, und die zugegebenermaßen ziemlich haarsträubend klingt. Und dann du selbst, der du dich verhältst, als seien die letzten paar Jahre nie passiert. Aber für mich sind sie passiert.“
 
„Ich weiß das. Ich versuche ja auch gar nicht so zu tun, als sei das hier einfach. Ich wollte dir einfach nur erklären, was passiert ist, und dir sagen, wie Leid es mir tut, dass es so weit gekommen ist. Gott Jack, ich bin so unglaublich froh, dich wieder zu sehen, ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Natürlich weiß ich, dass du gelitten hast. Ich hatte sehr viel Zeit darüber nachzudenken, wie es dir wohl all die Jahre hindurch ergangen ist, was du durchmachen musstest. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich deinen Platz eingenommen, das kannst du mir glauben. Ich habe dich geliebt. Und bis heute hat sich daran nichts geändert.“
 
Will blieb bei diesen Worten beinahe die Luft weg. Sag ihm nicht, dass du ihn auch liebst. Oh bitte sag es nicht. Das würde er nicht ertragen können.
 
„Ich würde das gerne glauben“, sagte Jack. „Aber du hast mich drei Jahre lang angelogen, wenn es darum ging, wer du wirklich bist. Wer sagt mir, dass du nun die Wahrheit sagst? Woher soll ich wissen, wer du jetzt bist?“
 
Will entspannte sich wieder ein wenig.
 
„Ich bin Captain Nate Flynn, derselbe der ich immer war. Ich habe mich lange genug versteckt, nur damit ich jetzt endlich wieder meinen richtigen Namen nutzen kann. Aber mein wahrer Charakter hat sich nie verändert, Jack, nur das, womit ich mir mein Geld verdiene.“
 
„Ja, davon hab ich gehört.“ Will bemerkte, dass Jacks Stimme ziemlich verärgert klang. „Du jagst allen Ernstes einem Piraten hinterher?“
 
„Eine vollkommen legale und rechtschaffene Arbeit. Kein Spionieren, keine sonstigen geheimen Aktivitäten im Untergrund. Nur weil du selbst mal ein Pirat warst, bedeutet das noch lange nicht, dass sie eine Sonderbehandlung verdienen, Jack. Du und ich, wir hatten unseren eigenen Moralkodex, unsere eigene Art von Integrität. Die meisten Piraten sind nicht so, wie wir waren, und das weißt du ganz genau. Die meisten von ihnen sind bösartig, verrückt und grausam. Der, hinter dem wir momentan her sind, William Rosser, hat es mit seinem Schiff gerade noch von Madagaskar weg geschafft. Er ist bekannt für seine Herzlosigkeit, die er erst vor kurzem unter Beweis gestellt hat, als er ein englisches Handelsschiff, namens Good Fortune, überfiel. Einen weniger treffenden Namen für das unglücksselige Schiff hätte man wohl kaum finden können. Als die Mannschaft der Good Fortune erkannte, dass die Ranger ihnen an Gefechtskraft weit überlegen war und sie ihr nicht standhalten konnten, gab der Kommandeur des Schiffes den Befehl, die Ladung kurzerhand einfach über Bord zu werfen, auf dass sie den Piraten nicht in die Hände fiel. Diese Tat machte Rosser so wütend, dass er sich dafür rächte, indem er jeden einzelnen Mann an Bord folterte und anschließend tötete. Fast einhundert Mann. Mein Onkel war einer von ihnen. Er befand sich gerade auf dem Rückweg nach England. Seitdem habe ich die Ranger um den halben Erdball gejagt und ich werde nicht ruhen, bis ich das Schiff gefunden habe und die Mannschaft ihre gerechte Strafe erhält. Koste es, was es wolle.“
 
„Verstehe. Und das beinhaltet dann wohl auch, dass du jeden, der dir irgendwie gegen den Strich geht, einfach mal schnell auf einer einsamen Insel aussetzt, oder?“
 
„Was?“
 
„Ein Kerl namens Edward Eaton. Vor gar nicht allzu langer Zeit sind wir ihm zufällig begegnet. Er siechte dahin, an einem Ort, den man die Teufelsinsel nennt. Und glaub mir, sie trägt diesen Namen nicht ohne Grund.“
 
„Eaton? Aber er ist freiwillig an Bord gekommen“, sagte Flynn. „Und dann ging er der Mannschaft mit seinen ständigen Predigten so sehr auf die Nerven, dass sie kurz davor waren, ihn einfach über Bord zu werfen. Ich hab ihm das Leben gerettet, indem ich ihn des Schiffes verwies.“
 
„Aber auf die Teufelsinsel?“ Jack klang nicht so, als würde er auch nur ein Wort glauben.
 
„Sie war nicht auf meiner Karte verzeichnet. Ich wusste nicht, wie man sie nennt, oder was es mit ihr auf sich hat.“
 
Soweit Will erkennen konnte, fand Jack eine ganze Menge von dem, was er da hörte, ziemlich weit hergeholt. Nach einer langen Pause des Schweigens sagte Jack schließlich: „Ich will dir ja glauben. Ich will glauben, dass es für all das, was du getan hast, immer einen guten Grund gab.“
 
„Was meinst du damit, du willst mir glauben?“ Flynn erhob sich mit einer schnellen Bewegung vom Diwan. „Jack, ich habe nicht gelogen, als ich sagte, ich würde dich noch immer lieben. Ich habe nie damit aufgehört. Bitte sag, dass du mit mir kommst.“
 
„Das kann ich nicht.“
 
Wills Finger verkrampften sich und er spürte kaum, wie er seine Nägel fest in seine Handflächen krallte.
 
„Warum nicht?“
 
„Naja, also erstmal hab ich inzwischen mein eigenes Schiff.“
 
Flynn zögerte nicht eine Sekunde. „Dann lass mich mit dir segeln.“
 
Auch Jack stand jetzt auf, und Will konnte sein Gesicht nicht mehr sehen. Aber er konnte hören, was Jack sagte. „Nein.“
 
„Warum nicht?“ Flynn begann im Zimmer hin und her zu laufen und fuchtelte aufgeregt mit den Armen. „Willst du denn nicht mit mir zusammen sein? Oder gibt es da jemand anderen? Ist es das?“
 
„Ich hab noch immer Gefühle für dich“, antwortete Jack.
 
„Du hast meine Frage nicht beantwortet und daraus schließe ich, dass ich da wohl auf etwas gestoßen bin. Es gibt da also jemand anderen?“ Plötzlich blieb Flynn wie angewurzelt stehen. „Aber es ist ja wohl nicht dieser erste Maat von vorhin, oder?“
 
Will musste all seine Willenskraft aufwenden, um seine Hände bewusst zu entspannen.
 
Jack schwieg, wodurch er die Frage im Grunde beantwortete, auch ohne ein Wort zu sagen.
 
„Oh bitte!“ Flynn gab ein kurzes, bellendes Lachen von sich. „Der Junge ist doch noch feucht hinter den Ohren!“
 
Will merkte, wie Wut in ihm hochstieg. Es war eine Sache, wenn er sich im Stillen darüber Gedanken machte, dass er möglicherweise zu jung sein könnte, um mit Jack zusammen zu sein, aber wenn Nate Flynn es laut aussprach, stand dies auf einem komplett anderen Blatt.
 
„Was hast du denn mit solch einem einfachen jungen Kerl schon gemeinsam?“, fuhr Flynn fort, und sein Ton wurde immer angriffslustiger. „Gut, er sieht ganz hübsch aus, das muss ich zugeben…“
 
„Ich würde es dabei belassen, wenn ich du wäre“, schnitt Jack ihm mit scharfer Stimme das Wort ab.
 
Flynn hielt inne und schien sich wieder ein wenig zu beruhigen. „Tut mir Leid. Ich kann mir einfach nicht helfen. Wenn es um dich geht, werde ich eben leicht wütend. Aber ich schätze, es ist wohl am besten, wenn ich jetzt einfach gehe, oder?“
 
„Zumindest im Moment, ja“, antwortete Jack. „Es gibt da ein paar Dinge, über die ich mir klar werden muss.“
 
„Gut. Nun, wenn du mit dem Nachdenken fertig bist, würdest du dann auf die Destiny kommen? Auch wenn du nur kommst, um mir zu zeigen, wo ich mein Schiff am Besten Kielholen kann?“
 
„Das werde ich.“ Will konnte sehen, wie Jack einen Schritt auf Flynn zuging und beide sich kurz umarmten. „Versprochen.“
 
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sich Flynn um und verließ den Raum.
 
Langsam und unter Schmerzen stand Will vom Boden auf. Er fühlte sich furchtbar zittrig und seine Handflächen taten weh, weil er seine Fingernägel so fest darin verkrallt hatte. Er blieb in der Nähe der Tür stehen und wartete darauf, dass sein Körper aufhören würde zu zittern, und dass er hörte, wie Jack das Zimmer ebenfalls verließ. Er konnte sich nicht hinaus auf den Korridor wagen, solange er nicht sicher war, dass Jack auch wirklich weit weg war.
 
Er lehnte sich an die Tür und presste sein Ohr auf das Holz. Er konnte Schritte hören. Aber anstatt sich zu entfernen, klangen sie plötzlich sehr nah. Zu nah.
 
Will zuckte zurück, aber es war längst zu spät. Die Verbindungstür wurde aufgerissen und er fand sich Angesicht zu Angesicht mit Jack. Einem furchtbar zornigen, vor Wut schäumenden Jack, mit rotem Gesicht und zitternden Schultern.
 
Jack stand einfach nur da und seine Hand umklammerte den Türgriff, während er Will anstarrte. „Na, hast du auch alles mitbekommen?“
 
Will versuchte hastig eine Entschuldigung zu stammeln, aber Jack schnitt ihm kurzerhand das Wort ab. „Soviel also zu deinem Vertrauen“, sagte er mit scharfer Stimme. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und lief ohne ein weiteres Wort davon.
 
„Jack!“ Will rannte hinter ihm her auf den Korridor, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie Jack seinen Hut vom Diener entgegennahm und das Haus verließ. „Warte!“
 
Aber Jack wartete nicht. Stattdessen beschleunigte er seine Schritte und lief so schnell er konnte durch die Eingangstür davon. Er rannte schon fast. Will rief weiter und eilte hinter ihm her, bis hinaus auf die Eingangstreppe, doch er wusste, dass es hoffnungslos war. Er wollte Jack auch gar nicht wirklich einholen, nicht, solange er noch so wütend war. Aber Will konnte ihn auch nicht einfach so gehen lassen, wo er doch wusste, dass Jack höchstwahrscheinlich auf dem kürzesten Weg zu Flynns Schiff war. Aber er hatte im Grunde gar keine Wahl. Und wie schon so viele Male zuvor, hatte er sich alles selbst eingebrockt.
 
Will blieb auf der obersten Stufe der Treppe stehen, und sah dabei zu, wie Jack in der Ferne immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Verdammt. Warum habe ich nicht auf meinen Kopf gehört, anstatt auf mein Herz? Mit einem dumpfen Geräusch ließ er sich nach unten auf den Treppenabsatz sinken. Und was nun? Was konnte er jetzt noch tun, um diesen Fehler wieder gutzumachen? Sollte er ihm nachlaufen, bis zum Schiff? Sollte er an Bord der Pearl auf ihn warten? Was?
 
Er hatte nicht die geringste Ahnung.
 
Daher blieb er einfach nur sitzen, wo er gerade war, unfähig sich zu regen, unfähig zu denken, unfähig etwas anderes zu fühlen, als pures Elend.


Nächster Teil




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