AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, PG-13, Abenteuer, Drama, Romantik, Angst
FREIGABE: PG-13 / ab 12
SETTING: Buch II schließt direkt an Buch I von Pirate Dreams an.
INHALT: Nach seiner Begnadigung hat Jack mit Wills tatkräftiger Unterstützung dem Piratendasein den Rücken gekehrt, und verdient sich seinen Lebensunterhalt nun als ehrbarer Spion für die britische Marine. Doch schon auf ihrer ersten Mission braut sich Unheil zusammen…
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch II
by Alexfandra


Letzten Endes ging Will nirgendwo hin. Zumindest verließ er Swanns Haus nicht. Irgendwann schaffte er es, sich vom Treppenabsatz zu erheben und hinter die Villa zu wandern, wo ein wunderschöner, gepflegter Garten war. Lustlos spazierte er zwischen den säuberlich gestutzten Hecken hindurch, vorbei am Springbrunnen und hinein in den Rosengarten. Viele der Pflanzen waren bereits zurück geschnitten worden, da es schon spät im Jahr war, doch aufgrund des milden Klimas blitzten immer noch hier und da einige Blüten durch die lichten Blätter, wodurch sich Sprenkel von Gelb, Weiß und Pink zum Grün gesellten.
 
Will ließ sich auf einer Marmorbank nieder, die unter einer mit Weinranken bewachsenen Laube stand. Eines Tages werde ich es lernen. Vertrauen. Loyalität. Ehrlichkeit. Er war immer sehr stolz darauf gewesen, all diese Charakterzüge zu besitzen. Und dennoch war dies nicht das erste Mal, dass er Probleme damit hatte, seinen eigenen moralischen Standard zu halten, wenn es dabei um Jack ging. Es war erst ein paar Monate her, dass Jack für kurze Zeit sein Gedächtnis verloren hatte. Will hatte es damals geschafft, Jacks verlorene Erinnerungen zurück zu holen, indem er das Gespräch absichtlich auf die Nighthawk und Nate Flynns Tod gelenkt hatte. Sicher, er hatte es getan, weil er Jack dabei helfen wollte, seine Amnesie zu überwinden und seine verschütteten Erinnerungen wieder an die Oberfläche zu holen. Zu dem Zeitpunkt hatte er wirklich geglaubt, es sei der beste Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Aber gleichzeitig hatte er auch ganz genau gewusst, dass Jack gerade diese Erinnerungen stets vor ihm geheim gehalten hatte. Jacks ganz persönlicher Schmerz und die furchtbare Art und Weise, wie er Flynn einst verloren hatte, waren etwas, worüber er mit Will niemals hatte sprechen wollen. Will hatte dies sehr wohl geahnt, aber es hatte ihn keineswegs daran gehindert, trotzdem immer weiter nachzubohren. Aus völlig eigennützigen Interessen hatte er damals wissen wollen, ob Jack in der Lage wäre, einen anderen Menschen von ganzen Herzen zu lieben. Er hatte zugelassen, dass sein Handeln durch seine Emotionen bestimmt wurde.
 
Und diesmal war es sogar noch schlimmer. Er hatte gewusst, dass er einen Fehler beging, noch während er handelte, aber trotzdem hatte er sich selbst nicht daran hindern können. Die Angst, Jack möglicherweise zu verlieren, war einfach zu groß und zu überwältigend gewesen und aufgrund dessen, was sein Herz von ihm verlangte, hatte er all seine hochtrabenden Ideale kurzerhand einfach über Bord geworfen.
 
Schon in seiner Kindheit, als er in London aufwuchs, wusste Will immer ganz genau, was richtig war und was falsch. Er wusste, dass die Armut, die sie umgab, falsch war. Er wusste, dass es falsch war, wie seine Mutter tagtäglich darunter litt und er versuchte daher richtig zu handeln, indem er hart arbeitete um sie zu unterstützen. Er bemühte sich stets nichts zu tun, was sie dazu veranlassen könnte sich für ihr einziges Kind zu schämen. Der Weg für sein Handeln war immer klar und eindeutig. Als er später älter wurde und nach Port Royal kam, sah er immer gerne zu den Marineoffizieren auf, um sich an ihrem Verhalten ein Beispiel zu nehmen. Er bewunderte ihre Loyalität, ihre Hingabe, und ihre Zielstrebigkeit. Stets war er bemüht ihnen nachzueifern und sich selbst ein gewisses Maß an Disziplin einzutrichtern. Er arbeitete hart, um sein Handwerk gut zu erlernen und als in ihm die Freude am Fechten erwachte, trainierte er noch härter, um darin so geschickt wie möglich zu werden. Seine Welt war immer einfach gewesen. Er besaß einen klaren Blick dafür, wie die Dinge lagen und mehr als nur das - er war sich auch immer ganz sicher zu wissen, wie sie eigentlich sein sollten.
 
Nie war Will je mit einer Situation konfrontiert worden, die ihn dazu zwang, seine Überzeugung in Frage zu stellen. Nicht, bis Elizabeth entführt wurde, nicht bis er Jack Sparrow traf. Von einem Moment auf den anderen wurde er selbst plötzlich zu jemandem, der das Gesetz brach, zu jemandem, der Jack aus dem Gefängnis befreite, zu jemandem, der ein Schiff der königlichen Marine stahl, zu jemandem, der zum Piraten wurde. Er selbst wurde zu der Sorte Mann, die er eigentlich am meisten verachtete… und all das geschah nur aus Liebe. Doch was er damals getan hatte, war richtig gewesen und er glaubte fest daran, dass – hätte er sich anders verhalten – Elizabeth mit größter Wahrscheinlichkeit getötet worden wäre.
 
Seine jetzige Situation sah jedoch ganz anders aus, denn hier stand kein Leben auf dem Spiel. Er hatte es nur aufgrund seiner eigenen Neugierde getan, nicht aus Liebe, sondern aus Eifersucht. Und auch wenn diese Eifersucht aus Liebe entstanden war, so war sie doch weit davon entfernt, eine noble Gesinnung zu sein. Nein, hier an dieser Stelle, hatte seine klar unterteilte Welt aus Richtig und Falsch, aus Schwarz und Weiß, plötzlich begonnen sich zu verwischen, bis alles nur noch aus grauen Schatten bestand. Will wollte seinen Weg zurück ins Licht finden.
 
Aber nicht, wenn ihm dies seine Liebe kosten würde. Dies wäre ein zu hoher Preis für eine einfache Welt. Nein, sein Leben würde wohl nie wieder einfach sein, nicht so lange er so sehr liebte… und er brauchte es, er brauchte Jack. Er war nie ein Mann gewesen, der dazu neigte einfach so kampflos aufzugeben. Er würde es immer wieder versuchen und er würde Fehler machen, so lange, bis er die Regeln, die in dieser neuen, komplizierteren Welt herrschten, endlich durchblickt hatte. Bis er herausgefunden hatte, wie er Jack ein für alle Mal festhalten konnte.
 
Will hörte ein Rascheln. Er blickte auf und sah Elizabeth Swann, die gerade in den Rosengarten kam. Sie trug ein wundervolles, himmelblaues Kleid. Sofort stand er auf, um sie zu begrüßen. „Elizabeth. Es ist schön dich zu sehen.“
 
Sie ergriff seine Hände und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange. „Ich hab dich von oben aus dem Fenster gesehen. Dein Kopf war gebeugt und ich hab mir Sorgen um dich gemacht.“
 
„Setzt du dich ein wenig zu mir?“ Er deutete neben sich auf die Marmorbank.
 
„Natürlich.“
 
Gemeinsam setzten sie sich in die Laube, während das Licht der Nachmittagssonne durch den Wolkenhimmel drang. Will war froh, dass sie zu ihm in den Garten gekommen war. Als Kinder hatten sie gut miteinander reden können und das war etwas, was sie auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden verloren hatten, als sie dachten, sie seien ineinander verliebt. Damals war ihr Verhältnis wirklich ziemlich angestrengt gewesen, bis sie es endlich geschafft hatten, ihre echten Gefühle zu ergründen und erkannten, dass die Liebe, die sie füreinander empfanden, eher familiärer, als romantischer Natur war. Seit Elizabeth wieder aus England zurückgekehrt war, hatte Will sie einige Male gesehen und er hatte bemerkt, dass sie sich wieder so gut verstanden, wie eh und je. Er hatte ihre Kameradschaft vermisst und nun war er besonders froh jemanden zu haben, dem er sich anvertrauen konnte.
 
Wobei er sich nicht ganz sicher war, ob er ihr wirklich alles erzählen konnte.
 
„Du sahst so traurig aus“, sagte sie. „Das war sogar von dort oben nicht zu übersehen.“ Sie nickte nach oben zu einem der Fenster im zweiten Stock der Villa. „Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“
 
Er lächelte. „Oh, nur das Übliche. Ich hab mich mal wieder wie ein junger Narr aufgeführt.“
 
„Will“, sagte sie mitfühlend „du bist nun mal jung. Genau wie ich. Das ist ja kein Verbrechen. Aber ein Narr? Das bist du sicher niemals gewesen.“
 
„Ach nicht? Und was ist mit all den unzähligen Gelegenheiten, die sich mir boten und bei denen ich es trotzdem immer vermieden habe dir zu sagen, was ich für dich fühle?“
 
„Aber das macht dich doch nicht zu einem Narren“, antwortete sie. „Du hast dich nicht getraut dich zu offenbaren, weil du Angst hattest, ich könnte sagen, du solltest dir lieber irgendein nettes Dienstmädchen suchen, in das du dich verlieben kannst.“
 
Er wusste, dass sie mit dem, was sie sagte, Recht hatte. Elizabeth stand gesellschaftlich weit über ihm. Auch wenn sie sich gut kannten, so hatte er tief in seinem Innern doch immer gewusst, dass, auch wenn die Tochter eines Governors vielleicht mit einem einfachen Schmied befreundet sein konnte, sie sich doch sicherlich niemals in einen verlieben würde. „Ja, damit kannst du sogar Recht haben.“
 
„Ich hab immer Recht. Aber jetzt raus mit der Sprache, was hast du diesmal wieder angestellt?“
 
Will zögerte. Er war sich nicht ganz sicher, wie er dieses besondere Problem in Worte fassen sollte, ohne zuviel von seinen Gefühlen für Jack zu verraten. Nachdem er einen Moment lang nachgedacht hatte, sagt er: „Naja, du weißt doch, wie Jack ist? Er redet nicht gerne über Dinge. Das, was ihm wirklich wichtig ist, behält er gerne für sich, damit andere nicht wissen, was in seinem Kopf gerade vor sich geht.“
 
„Ich bin mir ziemlich sicher das tut er nur deshalb, weil er selbst die meiste Zeit hindurch nicht weiß, was in seinem Kopf gerade vor sich geht“, antwortete sie.
 
Will lächelte. „Da hast du wahrscheinlich Recht.“
 
„Ich sagte es dir doch gerade, ich hab immer Recht. Erzähl weiter.“
 
„Ja, weißt du, wir sind inzwischen… naja, wirklich gute Freunde geworden, und natürlich bin ich daher auch neugierig und würde gerne mehr über seine Vergangenheit erfahren. Und, ähm… jetzt ist ein alter Freund von ihm hier in Port Royal aufgetaucht und ich wollte wissen, was die beiden miteinander besprechen. Aber Jack wollte nicht, dass ich dabei bin, daher hab ich mich ins Nebenzimmer geschlichen und am Schlüsselloch gelauscht.“
 
„Das hast du nicht getan!“ Sie schüttelte traurig den Kopf. „Gerade eben? Hier?“
 
„In der Bibliothek“, gestand er. „Sie waren im Salon.“
 
„Oh, dann habe ich seinen Freund ja gesehen, als er das Haus betrat. Er ist auch ein Captain, oder?“
 
„Er heißt Captain Nate Flynn und sein Schiff ist die Destiny.“
 
„Er ist ein wirklich gut aussehender Mann.“
 
Will runzelte die Stirn. „Findest du?“
 
„Natürlich nicht so gut aussehend wie du“, fügte sie eilig hinzu.
 
Das war nun wirklich nicht seine größte Sorge. Aber sie musste ja nicht unbedingt wissen, dass seine größte Sorge war, dass Flynns gutes Aussehen just in diesem Moment möglicherweise von einem gewissen Jack Sparrow bewundert wurde. „Ich hab den beiden nachspioniert und Jack hat mich dabei erwischt.“
 
„War er denn sehr wütend?“, fragte sie.
 
„Sehr.“
 
„Er wird dir schon verzeihen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand lange auf dich wütend sein kann. Ich weiß, was du tun kannst, um Jack Sparrow rumzukriegen. Gib ihm einfach eine große Portion Rum und er wird sofort alles vergessen.“
 
„Irgendwie glaub ich nicht, dass es diesmal so einfach ist.“
 
„Verstehe. Du willst es aber wieder gut machen, oder? Es ist dir wirklich wichtig, dass ihr beide befreundet bleibt?“
 
Wie sollte er seine Worte nur wählen, um es nicht zu offensichtlich zu machen? „Ich habe auf der Pearl ein Leben kennen gelernt, das mir sehr viel bedeutet“, sagte Will vorsichtig. „Ich habe dort ein Zuhause gefunden.“
 
„Jacks Zuhause.“ Sie musterte ihn genau, als wolle sie direkt in seinen Kopf hinein sehen. „Es ist dir wichtig, dass er dort ist, bei dir.“
 
„Es ist mir wichtig.“ Er wurde plötzlich nervös und fragte sich, ob sie seine wahren Gefühle für Jack nicht schon längst durchschaut hatte. Er bemerkte, dass er seine Finger ineinander verknotet hatte und konzentrierte sich darauf, sich zu entspannen. „Sag mir, was würdest du tun, hättest du wie ich eine Freundschaft zerstört?“
 
„Sie ergriff seine Hand. „Erst einmal würde ich mich natürlich entschuldigen. Wenn mein Freund mich wirklich gerne hat, dann würde er mir auch verzeihen.“
 
„Ah, und das würdest du tun, wenn du diejenige wärst, deren Vertrauen verletzt wurde? Du würdest verzeihen?“
 
„Wenn ich ihn liebe, dann ja.“ Sie drückte seine Hand und erhob sich. „Es ist im Grunde wirklich ganz einfach. In deinem Kopf machst du es kompliziert, aber dein Herz kann es wieder einfach machen, wenn du nur darauf hörst.“
 
Als hätte sie in seinen Kopf gesehen. „Und jetzt weiß ich, dass du immer Recht hast.“
 
Sie lächelte. „Sind das erstmal genug Ratschläge für heute?“
 
„Ja, ich denke schon.“
 
„Dann wünsche ich dir viel Glück, Will.“
 
Er ließ ihre Hand los. „Ich danke dir.“ Er sah ihr nach, während sie durch den Garten zurück ins Haus lief.
 
Erst als sie nicht mehr in Sichtweite war, fiel es Will wie Schuppen von den Augen. Sie hatte ‘ihn’ gesagt. ‘Wenn ich ihn liebe.’ Elizabeths imaginärer Freund hätte eigentlich weiblich sein müssen. Sie wusste es, und es störte sie nicht im Geringsten.
 
Will erhob sich und fühlte neuen Tatendrang. Nun musste er nur noch Jack finden und mit ihm sprechen.
 
Er lief durch den Garten und hastete zurück in die Stadt, während er inständig hoffte, dass es für eine Entschuldigung nicht bereits zu spät war.
 
~*~**~*~
 
Will war gerade erst auf halbem Weg den Hügel herab gekommen, auf dem die Villa des Governors stand, als er beim Blick auf den Hafen wie angewurzelt stehen blieb. Die Destiny war fort. Nein.
 
Er rannte den Rest des Weges nach unten bis zum Port Royal Inn und suchte nach Jack. Er war nicht in ihrem Zimmer. Will eilte los zum Broken Arms, wo er beinahe mit Gibbs zusammen stieß, der gerade aus der Taverne kam. „Immer schön langsam, Junge.“ Gibbs fand mühsam sein Gleichgewicht wieder.
 
„Hast du Jack gesehen?“ Will hatte wirklich keine Zeit für Höflichkeiten.
 
„Aye, ich hab ihn gesehen.“
 
Will wartete, aber wie es schien, hatte Gibbs seit ihrer Ankunft nichts anderes getan, als abwechselnd zu trinken und seinen Rausch auszuschlafen. Seine Augen waren auf Halbmast und er konnte kaum aufrecht stehen. Er blinzelte Will an, als ob er ihn gerade erst bemerkt hätte.
 
„Komm schon!“ Will ergriff seine Schulter und schüttelte ihn. „Wo ist er hingegangen?“
 
„Hm? Oh, aye, Jack. Er kam vor einiger Zeit hier vorbei, zusammen mit diesem anderen Kerl. Der mit dem hübschen Hut.“
 
Flynn. „Ist Jack mit ihm zusammen weg gesegelt? Auf der Destiny?“
 
Gibbs rülpste und kämpfte erneut um sein Gleichgewicht. Schließlich gab er auf und lehnte sich kurzerhand an den Türrahmen. „Auf der was?“
 
„Die Schaluppe, die vorhin noch im Hafen lag. Wo ist sie hingesegelt?“
 
„Ach die. Jack sagte irgendwas davon, dass er diesem Kerl zeigen wolle, wo er sie säubern kann. Sie sind wohl ein Stück die Küste entlang.“
 
Will runzelte verwirrt die Stirn, bis er sich daran erinnerte, dass Flynn den Governor gefragt hatte, ob dieser einen Ort wüsste, an dem er sein Schiff säubern könne. Und noch irgendwas anderes… er konzentrierte sich und versuchte, sich dieses merkwürdige Wort wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dann fiel es ihm plötzlich ein. Kielholen. „Was bedeutet das?“ Will war noch nicht sehr lange mit der Pearl unterwegs, und er konnte sich nicht daran erinnern, dass Jack jemals etwas Derartiges getan hatte, aber er vermutete, dass es wohl mit der Schiffshülle zu tun hatte. „Wie werden sie das Schiff säubern?“
 
Gibbs richtete sich ein wenig auf und schien einen Moment lang aus seiner Trunkenheit zu erwachen. „Naja, Junge, erstmal brauchen sie einen hübschen langen Sandstrand, sodass sie das Schiff bei Flut dorthin bringen können. Sobald die Flut zurückgeht, ist es dann dort gestrandet. Dann kippen sie es um auf eine Seite, bis sie den Rumpf sehen und die ganzen Muscheln und das Seegras, das dort wächst, entfernen können. Denn die rauben einem Schiff das Tempo, wenn man sich nicht regelmäßig darum kümmert. Wenn dann die nächste Flut kommt, tun sie dasselbe noch einmal, nur dann kippen sie es auf die andere Seite, um auch dort alles sauber zu machen.“
 
Will dachte nach. Wenn sie auf zwei Fluten warten mussten, um das Schiff zu stranden, würde das mindestens einen Tag lang dauern, höchstwahrscheinlich sogar zwei, da es bei Nacht wohl ziemlich schwer wäre, die Schiffshülle zu säubern. „Wie lange werden sie damit beschäftigt sein?“
 
„Wahrscheinlich zwei oder drei Tage, kommt ganz drauf an, wie schlimm es ist und wie viele Männer dran arbeiten.“
 
„Aber das ist doch sicher gefährlich, wenn ein Schiff so auf dem Trockenen sitzt?“
 
„Es gibt kaum was Schlimmeres, wenn jemand hinter dir her ist, oder versucht dich anzugreifen“, stimmte Gibbs ihm zu. „Aber dieser Kumpel von Jack, der wird doch keinen Ärger machen, oder?“
 
„Er jagt einen Piraten“, antwortete Will. „Hast du jemals von einem Captain William Rosser gehört? Er kommandiert ein Schiff namens Ranger.“
 
Gibbs schüttelte den Kopf und seine Augenlider fielen wieder nach unten. „Der Name kommt mir nicht bekannt vor.“ Er stieß sich vom Türrahmen ab und stolperte auf die Straße.
 
„Warte!“ Will versuchte ihn aufzuhalten. „Wohin genau sind sie unterwegs? Zu welchem Teil der Küste?“
 
„Ich weiß es nicht.“ Gibbs schüttelte seine Hand ab. „Mach dir keine Sorgen, Junge. Sie sind bald wieder zurück.“ Dann schwankte er davon, in die Richtung des Anlegeplatzes.
 
Von seiner Seite war wohl keine Hilfe mehr zu erwarten. Will seufzte und blickte hinüber zur Pearl. Er würde nicht viel Glück haben, beim Versuch die Mannschaft dazu zu bringen, hinter der Destiny herzusegeln, nicht solange sie nicht einmal wussten, wohin sie unterwegs war. Er warf einen Blick in die Taverne. Und sicherlich auch nicht, solange die Mannschaft selbst jenseits von Gut und Böse war.
 
Er könnte versuchen ein kleineres Boot zu finden, um ihnen nachzusegeln. Irgendjemand im Hafen musste doch wissen, wo in der Gegend die beste Stelle zum Kielholen war. Er könnte versuchen sie auf eigene Faust zu finden. Will begann hinunter zum Kai zu laufen, doch er kam nicht sehr weit, bevor er erneut innehielt. Und schon wieder war er dabei, etwas Dummes und völlig Überstürztes zu tun. Jack wollte sicher nicht, dass er ihnen folgte. Sicher wollte er nicht, dass Will ihn und Nate ein zweites Mal störte. Vielleicht war es an der Zeit, endlich das zu tun, worum Jack ihn von Anfang an gebeten hatte. Vertrauen. Hatte er heute denn gar nichts dazugelernt?
 
Will seufzte, drehte sich um und lief zurück zum Broken Arms, jedoch ging er den anderen Mitgliedern der Mannschaft aus dem Weg und suchte sich einen Platz in einer dunklen, einsamen Ecke.
 
Ein paar Humpen Ale sollten helfen, seine Stimmung zu heben.
 
Nachdem er jedoch den ersten Krug geleert hatte, gab Will resigniert auf. Der Alkohol tat nichts, um seine Laune zu verbessern, ganz im Gegenteil. Er fühlte sich dadurch nur noch einsamer. Im Beisein von Jack trank er gerne, aber nicht, wenn er alleine war. Er hatte auch kein Bedürfnis danach, sich zur Mannschaft zu gesellen, die so aussah, als wollten sie auch noch den Rest des Abends mit Zechen und Feiern verbringen.
 
Kurz entschlossen kehrte er zurück in das Gasthaus um dort zu Abend zu essen. Danach entschied er sich, einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen und begann die Hafenstraße entlang zu schlendern.
 
Während er lief, konnte Will nicht verhindern, dass er sich unweigerlich fragte, was Jack und Nate wohl gerade taten. Saßen sie gemeinsam am Strand, im Schein eines Feuers, und sprachen über alte Zeiten? Würden Jacks Bedenken, was den Wahrheitsgehalt von Flynns Erklärungen betraf, mit der Zeit nach und nach verschwinden? Flynn mochte vielleicht nicht selbst dem Alkohol frönen, aber sicherlich würde er nicht zögern, Jack zum Trinken zu ermuntern… nicht dass Jack in dieser Hinsicht viel Ermunterung bräuchte… Will versuchte krampfhaft sich gar nicht erst auszumalen, wozu das wohl führen könnte. Er wollte nicht darüber nachdenken, in wieweit Jack und Nate ihre alte Beziehung möglicherweise wieder aufleben ließen.
 
Inzwischen war Will der Straße bis zur Stadtgrenze gefolgt, wo sie sich um eine Landzunge schlängelte. Die Sonne stand schon tief am Horizont und spiegelte sich in orange-rote Farben auf der Meeresoberfläche. Will blieb stehen und blickte zurück zum Hafen, wo er die Pearl erkennen konnte und nicht weit davon entfernt auch die Dauntless. Dann sah er hinüber zur Stadt. In den Häusern entlang der Hafenfront wurden nach und nach Lichter entzündet, die die Fenster in der Dämmerung erleuchteten. Von dort, wo er stand, sahen die Stadt und die Schiffe so winzig aus, als wären sie gar nicht wirklich echt. Aber trotzdem nahm das Leben dort ungehindert seinen Lauf, die Menschen aßen, tranken, kämpften und liebten sich. Das Leben ging weiter, während die Sonne im Wasser versank, und Erde und Mond ungehindert ihre Bahnen zogen. Das Meer rauschte in einem ständigen Wechselspiel aus Ebbe und Flut, Schiffe legten auf der Wasseroberfläche ihren Weg zurück, und nichts und niemand verschwendete auch nur einen Gedanken an diesen einen jungen Mann, der dort stand, abseits von alledem.
 
Eine kühle Brise spielte in Wills Haaren und er riss sich selbst aus seiner trüben Stimmung. Er hatte keine Lust, den Abend mit Selbstmitleid und Melancholie zu verbringen. Er wollte einfach nur bei Jack sein, und das konnte er nicht. Das war alles.
 
Zwei oder drei Tage… Flynns Mannschaft würde zuerst eine Seite der Schiffshülle reinigen, dann würden sie das Schiff mit Hilfe der nächsten Flut auf die andere Seite hieven. Was würden Flynn und Jack wohl tun, während sie darauf warteten, dass die Ebbe kam? Was würden sie tun, alleine in Flynns Kabine, wo es nichts gab, womit sie sich die Zeit vertreiben konnten?
 
Will bemerkte, dass er sich die Unterlippe blutig gebissen hatte und zwang sich dazu, sich zu entspannen. Er drehte sich um und lief zurück, auf die Lichter der Stadt zu. Gerade wurden in den Herden die Feuer entzündet und die Frauen warteten darauf, ihre Männer nach getaner Arbeit zu Hause willkommen zu heißen, Mütter warteten auf ihre Söhne. Lampenlicht und Kerzenschein, warm und einladend.
 
Und nicht ein einziges Licht war für ihn bestimmt.
 
~*~**~*~
 
Als der Morgen dämmerte, wurde Will von Kanonenfeuer aus dem Schlaf gerissen.
 
Er hastete aus dem Bett, warf sich seine Kleider über und schlüpfte in seine Stiefel. Im Vorbeigehen griff er nach seinem Säbel und flog die Stufen hinab. Was, wenn alles, was Flynn Swann und Jack erzählt hatte, nicht mehr war, als ein großer Haufen Lügen? Was, wenn er wirklich ein Pirat war, schon immer einer gewesen war und heimlich plante die Stadt anzugreifen? Vielleicht hatte er diese ganze Geschichte nur erzählt, um auf diese Weise herauszufinden, wie gut die Verteidigungsanlagen von Port Royal wirklich waren. Vielleicht hatte sein Plan ja vorgesehen, schon von vornherein den Captain von einem der beiden Schiffe, die im Hafen lagen, aus dem Weg zu schaffen, um einen Gegenangriff praktisch unmöglich zu machen. Er wusste es, er hätte niemals zulassen dürfen, dass Jack mit diesem Bastard verschwand.
 
Als Will auf die Straße kam konnte er endlich einen Blick auf den Hafen erhaschen. Er erkannte eine Fregatte, um deren Stückpforten noch immer Rauchschwaden hingen. Nicht die Destiny. Er versuchte Genaueres zu erkennen. Segelten sie unter einer schwarzen Flagge? Genau in diesem Moment feuerten die Kanonen erneut und verdutzt erkannte Will, was es war, auf das sie zielten. Die Pearl.
 
Er hörte wie vom Fort aus ebenfalls gefeuert wurde, aber die Reichweite war zu kurz und die Kanonenkugeln fielen ins Wasser. Will hastete nach unten in die Taverne, auf der Suche nach der Mannschaft. Die Pearl war praktisch unbemannt und bot ein wehrloses Ziel. Aber als er die Tür zum Broken Arms aufriss, sah er einen Raum voller bewusstloser, schlafender Männer. Auch Anamaria lag, alle Viere von sich gestreckt, mitten auf einem Tisch, eine umgeworfene Flasche direkt neben ihrem Kopf. Verdammt. Jack hatte seiner Mannschaft nie viel Disziplin abverlangt und die Männer selbst waren nur wenig besser als der Abschaum, den man in Tortuga früher an jeder Straßenecke fand. Nun würde ihre Vergnügungssucht Jack vielleicht sein Schiff kosten.
 
Will lief zurück auf die Straße und rannte hinunter zum Landesteg. Er wusste, dass er alleine nicht viel ausrichten konnte, aber vielleicht würde es ihm ja gelingen, Hilfe zu finden. Als er am Dock ankam, sah er wie Commodore Norrington soeben dabei war, in eine Barkasse voller Soldaten zu klettern. Zweifellos machte er sich gerade auf den Weg zur Dauntless. Will sah hinüber zur Pearl. Ihr Rumpf war durch das Kanonenfeuer, das von der Breitseite der Fregatte kam, mit Einschlaglöchern praktisch durchsiebt. Aber wie es schien, hatte sich der Angreifer von seinem ersten, offensichtlichen Ziel abgewendet. Sie feuerten nicht mehr länger in diese Richtung. Die Mannschaft an Bord der Dauntless machte sich gerade bereit, das Feuer zu erwidern und nun schien sich die Aufmerksamkeit der Fregatte darauf zu richten.
 
Will erkannte, dass es keinen Sinn machte, an Bord der Pearl zu gehen. Die Kanonen und Stückpforten waren durch die Salven vollkommen zerstört. Er hechtete den Landesteg entlang und winkte Norrington mit beiden Armen zu. „Lasst mich an Bord kommen!“
 
Norrington warf ihm einen frustrierten Blick zu. Ganz offensichtlich hatte er keine Lust sich jetzt auch noch um einen Zivilisten zu kümmern, selbst wenn es einer war, den er nebenbei als Spion beschäftigte.
 
„Ihr wisst, dass ich kämpfen kann!“, schrie Will. „Wollt Ihr jetzt also aufs Protokoll beharren, oder werdet Ihr zulassen, dass ich Euch helfe, Euer Schiff zu retten?“
 
„Na gut.“ Norrington winkte ihm zu an Bord zu kommen. Während Will zu den Soldaten ins Boot kletterte fügte er hinzu: „Aber steht meinen Männern nicht im Weg rum und befolgt meine Befehle.“
 
„Das werde ich“, antwortete Will.
 
„Dann nehmt ein Ruder und macht Euch an die Arbeit!“
 
Will tat wie ihm geheißen wurde. Er legte sich mit aller Kraft ins Zeug und das Boot glitt schnell übers Wasser hinüber zur Dauntless. Als sie näher kamen, konnte er die Flagge der Fregatte endlich deutlicher sehen. Es war ein Totenkopfschädel mit einem kompletten Skelett darunter, das in seiner knöchernen Hand ein Schwert hielt. Die Ranger? War dies etwa das Schiff von William Rosser? Es war unwahrscheinlich, dass es sich um ein anderes Schiff handelte. Vielleicht hatte Rosser es satt gehabt, ständig gejagt zu werden. Vielleicht hatte er beschlossen, den Jäger von nun an zum Gejagten werden zu lassen. Vielleicht war er hierher gekommen, weil er nach Flynn suchte.
 
Sie erreichten die Dauntless wohlbehalten und kletterten an Bord. Norrington ergriff sofort das Kommando und ging nach vorne zum Steuer, während er Befehle in alle Richtungen verteilte. Will hielt sich im Hintergrund und ging den Männern weitgehend aus dem Weg. Er wusste, er würde erst dann wirklich von Nutzen sein, wenn die Fregatte nahe genug an sie herankäme, damit man hinüber springen konnte. Das Haupt-Deck war übersät mit Männern, die an den Neunpfünder-Kanonen arbeiteten, mit denen die Dauntless ausgestattet war. Will hielt sich von den Kanonen fern und ging nach vorne zum Mastkopf. Erstens war er sich sicher, dass er dort am Wenigsten im Weg herumstehen würde, und zweitens war er seit dem Moment, in dem er aufgewacht war, in solcher Eile gewesen, dass er nun das dringende Bedürfnis hatte, seine Blase zu leeren.
 
Als er fertig war, blieb Will am Mastkopf stehen, lehnte sich neben dem Bugspriet an die Reling, und beobachtete den Kampf, der sich zwischen den beiden Schiffen abspielte. Beide schienen gleichermaßen gut bewaffnet, aber die Fregatte hatte ihre ersten Salven zielsicher landen können, indem sie beide Schiffe, sowohl die Pearl als auch die Dauntless, vollkommen überraschend angriff. Will konnte Norringtons Stimme über das Kanonenfeuer hinweg hören, wie er Befehle erteilte und seine Kanoniere zu mehr Eile aufforderte. Er sah, wie die Mannschaft fieberhaft, aber doch methodisch arbeitete, während sie immer wieder nachluden, ihre Kanonen ausfuhren und feuerten. Der Lärm ließ ihn beinahe taub werden.
 
Bald wurde der Rauch so dicht, dass er kaum noch etwas sehen konnte und zusätzlich zum Kanonenfeuer, konnte er nun auch das Knallen von Musketen und Gewehrschüssen hören. Durch den Rauch hindurch sah Will Männer vom feindlichen Rigg fallen und er konnte zahlreiche Löcher in den Segeln erkennen. Als er jedoch hinauf zum Fockmast der Dauntless blickte, in dessen Nähe er stand, sah er zu seinem großen Ärger, dass dort der Stoff nur noch in Fetzen herabhing.
 
Noch während er nach oben blickte, hörte er plötzlich etwas über sich hinwegzischen, und mit ungläubigem Blick sah er dabei zu, wie eine Kettenkugel den Fockmast der Dauntless säuberlich in zwei Teile teilte. Instinktiv duckte er sich, als der riesige Mast zerbarst und auf das Deck herabstürzte, wobei er Will nur um wenige Schritte verfehlte. Splitter und Holzstücke flogen in alle Richtungen. Einer davon bohrte sich in Wills Rücken und Schmerz schoss durch seine gesamte Schulter. Will verrenkte sich und versuchte nach hinten zu greifen, um das Holzstück herauszuziehen und unfreiwillig stieß er einen lauten Schmerzensschrei aus, als er es endlich mit den Fingern zu fassen bekam.
 
Das Holzstück, das er aus seiner Schulter gezogen hatte, war fast acht Zentimeter lang und seine Hand war blutverschmiert. Er ließ sich auf das Deck sinken und presste seinen Rücken gegen die Holzwand, die den Mastkopf vom Rest des Schiffes abtrennte. Er hoffte die Blutung auf diese Weise zu stoppen, da er die Wunde mit der Hand nicht erreichen konnte. Verdammt, das war einfach nicht fair! Nun war er im Nahkampf nicht mehr zu gebrauchen, noch bevor er überhaupt Gelegenheit bekommen hatte ins Kampfgeschehen einzugreifen. Aber er konnte nicht zulassen, dass seine Wunde ihn daran hinderte. Will zog sein Hemd aus der Hose und riss unten einen breiten Streifen Stoff ab. Er faltete ihn mehrmals zusammen, dann griff er nach hinten und presste ihn so fest er konnte unter seinem Hemd auf die Wunde. Anschließend zog er seine Jack so eng es ging um seinen Körper und knöpfte sie bis zum Kragen zu.
 
Er wischte seine blutigen Handflächen am rauen Stoff der Jacke ab, bevor er sich am Boden abstützte und langsam aufstand. Das Deck war das reinste Durcheinander aus Schreien, Gewehrschüssen und Rauch. Will bemerkte, dass er seit dem letzten Schuss, der den Fockmast zerstört hatte, kein Kanonenfeuer mehr gehört hatte.
 
Als sich der Rauch wieder ein wenig auflöste, erkannte er auch warum. Die Fregatte war inzwischen ganz nah an die Dauntless herangekommen und die feindliche Mannschaft war gerade dabei, das Schiff zu stürmen. Es waren zerlumpte, wilde Gestalten, die mehr Tieren glichen als Menschen, und sie waren bis zu den Zähnen bewaffnet mit zahllosen Pistolen, Schwertern, Säbeln und Knüppeln. Will konnte Norrington weder sehen noch hören und er hatte auch keine Ahnung, wie der momentane Befehl lautete. Daher trat er einfach nach vorne und warf sich in das Kampfgeschehen.
 
Der Holzsplitter, der sich in seinen Rücken gebohrt hatte, hatte ihn an der rechten Schulter verletzt, daher kämpfte Will linkshändig. Während seines fortwährenden Schwertkampftrainings hatte er sich selbst beigebracht, mit beiden Händen gleichermaßen gut zu kämpfen, wodurch er kein Problem damit hatte, sich nun einen Weg durch die Masse der brutalen und rohen Angreifer zu bahnen. Sein Säbel war keine Waffe, die besonders viel Geschick oder Raffinesse erforderte und er benutzte ihn für das, wofür er gemacht worden war – mit der Spitze voran bohrte er die Klinge in jede weiche und nachgiebige Stelle, die er finden konnte, während er den Griff gleichzeitig als Knüppel gebrauchte. Er kämpfte einen harten, schnellen Nahkampf, wobei er dem einen Mann in den Oberschenkel stach, den Nächsten mit dem harten Knauf niederschlug, das Schwert des darauf Folgenden parierte und sich anschließend einmal um sich selbst drehte, um seinem Angreifer den Säbel von hinten in den Rücken zu stoßen. Blut floss über das Deck, als Piraten und Soldaten aufeinander trafen und um ihn herum gingen immer mehr Männer zu Boden, wodurch Will Schwierigkeiten hatte, sein Gleichgewicht zu wahren.
 
Er war gerade ungefähr in der Mitte des Schiffs angekommen und kämpfte gegen ein Knäuel aus fünf Piraten mit nur zwei weiteren Soldaten auf seiner Seite, als Will plötzlich spürte, wie das Schiff einen heftigen Stoß bekam. Er wurde nach hinten auf das Deck geschleudert. Instinktiv hielt er seinen linken Arm mit dem Säbel in der Hand nach oben, um weitere Schläge abzuwehren, aber kein Angriff kam. Wie es schien, hatten seine Gegner, genau wie er selbst, auch das Gleichgewicht verloren. Plötzlich hörte er, wie Norrington ganz in seiner Nähe etwas rief und wie von der Fregatte eine Antwort kam. Er konnte nicht glauben, was er da hörte. Der Commodore hatte um Pardon gebeten.
 
Die Dauntless kapitulierte. Sie hatten den Kampf verloren.
 
~*~**~*~
 
Will hätte erwartet, dass ein Mann, der zu Folter und Massenmord fähig war, weitaus weniger menschlich erscheinen würde. Aber dennoch sah Captain William Rosser, Kommandant der Piraten-Schaluppe Ranger, unerwartet langweilig und gewöhnlich aus. Er war nicht besonders groß, ein Mann mittleren Alters mit lichtem, blonden Haar, das unter seinem ausgebeulten Hut hervorspitzte. Seine Augen waren rotumrandet und gingen Ton in Ton mit seiner roten Nase und unter seiner Jacke wölbte sich ein ziemlich deutlicher Wanst. Er hätte genauso gut irgendein daher gelaufener Händler sein können, mit einer nicht allzu gesicherten Stellung, der zu oft und zu gerne dem Bier frönte.
 
Und dennoch hatte dieser recht unspektakuläre Kerl eine Spur aus Tod und Verwüstung auf den Meeren hinterlassen. Will wusste, dass es klüger wäre, ihn nicht zu unterschätzen.
 
Er hatte erfahren müssen, dass Norringtons bedingungslose Kapitulation auf eine Breitseite der Ranger zurückzuführen war, die die Dauntless so stark beschädigt hatte, dass sie begonnen hatte, zu sinken. Das, sowie die Tatsache, dass ihnen Rossers Piraten zahlenmäßig bei Weitem überlegen waren und Norrington im Kampf außerdem zu viele Männer verloren hatte. Rossers Mannschaft war daraufhin wie ein Schwarm Heuschrecken über die Dauntless hergefallen, während das Schiff wehrlos im Wasser trieb. Sie hatten alles geplündert, was nicht niet- und nagelfest war - Essen, Rum und Waffen. Sie hatten es sogar geschafft, sechs der Kanonen auf die Ranger hinüber zu tragen. Anschließend hatte Rosser wahllos ein Dutzend Seeleute ausgewählt, die er offenbar dazu zwingen wollte, in seine Dienste zu treten und auch Will war einer von denen, die auf das Piratenschiff verladen wurden. Die anderen Männer, inklusive der Soldaten ließ Rosser auf der Dauntless zurück, allerdings nahm er Norrington gefangen, für den Fall, dass er später eine Geisel benötigen sollte. Mit ihren Gefangenen an Bord, war die Ranger aus der Bucht gesegelt und nahm Kurs gen Westen, entlang der Küste.
 
Nun stand Rosser vor der kleinen Gruppe gefangener Männer, die er auf dem Hauptdeck zusammen gepfercht hatte, umringt von seiner eigenen Mannschaft. Norrington und Will standen vorne. Wills Schulter schmerzte höllisch und er fühlte sich auch ein wenig schwach auf den Beinen, obwohl er geglaubt hatte, es wäre ihm gelungen die Blutung zu stoppen.
 
„Ihr seid ja wirklich ein ärmlicher Haufen Schwächlinge.“ Rosser spuckte auf das Deck. „Es lohnt schon fast nicht, euch überhaupt in die Mannschaft zu zwingen.“ Er drehte sich um und fuhr einen seiner Leute an. „Marston! Bring mir die Verträge!“
 
„Ihr werdet kein Glück haben, wenn Ihr meine Männer rekrutieren wollt“, erklärte Norrington mit fester Stimme. „Sie werden niemals freiwillig überlaufen.“
 
„Das ist mir gleich“, antwortete Rosser. „Sie werden entweder unterschreiben oder hängen.“ Er umkreiste die Gruppe Seeleute, denen die Angst ins Gesicht geschrieben stand. „Hört ihr auch gut zu, ihr faules Rattenpack? Entweder ihr setzt euer Zeichen auf diese Verträge und begebt euch unter mein Kommando, oder wir werden jeden einzelnen von euch kielen.“ Er grinste spöttisch. „Und das ist dann erst der Anfang.“
 
Marston tauchte wieder auf und hatte mehrere Stücke Pergament dabei. Er hielt eines davon hoch und begann laut zu lesen. „Alle wichtigen Entscheidungen müssen zur Abstimmung gebracht werden. Der Captain erhält einen vollen und einen halben Anteil der Beute. Der Steuermann, der Zimmermann, der Bootsmann und der Kanonier bekommen einen vollen und einen Viertel Anteil. Sollte ein Mann versuchen zu desertieren, zu stehlen, oder um Geld zu spielen, so soll er mit einer Flasche Schießpulver, einer Flasche Wasser, einer kleinen Schusswaffe und einem einzigen Schuss auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden. Zeigt ein Mann Feigheit während der Schlacht, oder hält er seine Waffen nicht sauber und schussbereit, dann soll er ebenfalls ausgesetzt oder hingerichtet werden.“
 
Er hielt einen Moment lang inne und Norrington fiel ihm ins Wort. „Euer Piratenkodex sei verdammt, und verdammt seid auch Ihr. Wir wollen nichts davon wissen!“
 
Marston sah hinüber zu Rosser, der ihn wegscheuchte. Rosser trat dicht an Norrington heran und sah ihm geradewegs in die Augen. „Das ist nicht sehr freundlich von Euch, Commodore. Und wer weiß, vielleicht möchten Eure Männer ja lieber für sich selbst sprechen?“
 
Will blickte prüfend in die Gesichter der Seeleute um ihn herum. Trotz ihrer augenscheinlichen Furcht, standen sie alle noch immer stolz und trotzig.
 
„Was sagt ihr?“, rief Rosser. „Jeder Mann, der meiner Mannschaft beitritt, wird einen gerechten Anteil jeder Beute bekommen und er wird gut behandelt, solange er seine Pflicht tut. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, Gentlemen. Und unser Glück hat uns schon mehr als ein dutzend mal ein Vermögen eingebracht!“ Er lachte, und es war ein hartes, bellendes Geräusch. „Und wir haben es auch ein dutzend mal wieder verschwendet! Wir leben wie die Könige und so wird es auch in Zukunft bleiben. Warum also solltet ihr euch von diesem aufgetakelten Wicht hier versklaven lassen?“ Er deutete mit dem Kopf auf Norrington. „Für nicht mehr als einen Zwieback und ein paar Kornkäfer, wenn ihr doch genauso gut mit uns segeln, und euch euren Anteil an Silber und Gold dazu verdienen könnt?“
 
Er wartete und beäugte die Seeleute gierig.
 
Will blickte erneut in die Runde. Er konnte nicht den leisesten Hauch von Interesse in den Gesichtern der Männer erkennen. Er drehte sich wieder zu Rosser um. „Das Gold anderer Leute“, sagte er mit scharfer Stimme. „Befleckt mit ihrem Blut.“
 
„Oh, wie es aussieht haben wir einen recht tollkühnen Jungen hier an Bord, nicht wahr?“ Der Pirat kam nahe an Will heran, sodass sein nach Rum stinkender Atem Wills Wange streifte. Rosser nickte hinüber zu Norrington. „Ihr seid zwei vom gleichen Schlag, nicht wahr? Edle, selbst aufopfernde Narren. Ich habe keine Verwendung für Narren.“
 
Norrington lächelte. „Ich fürchte, dann müsst ihr uns wohl einfach gehen lassen.“
 
Rosser starrte ihn einen Moment lang verblüfft an, dann lachte er laut. „Wundervoll!“ Er klatschte in die Hände. „Hast du das gehört, Marston? Er will, dass wir sie alle über Bord werfen!“
 
Will kochte vor Wut, angesichts dieser Respektlosigkeit gegenüber Norrington und seinen Männern.
 
„So sehr mir die Idee auch gefällt“, fuhr Rosser fort. „Ich glaube jedoch, dass ich da eine weitaus bessere habe. Nett wie ich bin, werde ich euch erlauben, eine Zeitlang unten im Lagerraum zu schmoren, vielleicht kommt ihr ja dort zu Sinnen. Vielleicht einen Monat, oder drei dort unten, mit nur einer Viertelration am Tag… keine Kojen, nichts wo ihr euch erleichtern könnt, kein Licht und niemand außer Ratten als Gesellschaft. Na, wie klingt das? Ich hoffe die Quartiere genügen euren Ansprüchen?“
 
Norrington hob trotzig das Kinn. „Sie genügen uns.“
 
Rosser kniff seine Augen zusammen, dann lächelte er grausam. „Sehr gut. Aber zuerst will ich wissen, wo sich ein gewisses Schiff gerade befindet. Uns wurde gesagt, es sei unterwegs zu Eurer Insel. Ich habe beschlossen mir diesen Kahn ein für allemal vom Hals zu schaffen. Es ist eine Schaluppe mit dem Namen Destiny.“
 
Will zuckte zusammen und Rossers Aufmerksamkeit richtete sich sofort auf ihn. „Ah, ich sehe, du hast von ihr gehört?“
 
„Nein.“ Will schüttelte den Kopf.
 
„Spiel keine Spielchen mit mir, Junge! Wo ist sie? Sie ist hier gewesen, hab ich Recht?“
 
„Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“
 
„Rosser schlug Will mit der flachen Hand ins Gesicht. „Sag es mir!“
 
Will stand kerzengerade und ignorierte den kurzen, stechenden Schmerz des Schlages. „Ich habe noch niemals in meinem Leben von diesem Schiff gehört.“
 
Rosser blickte in die Gesichter der anderen Seeleute. „Hat von euch einer von der Destiny gehört? Ein Goldstück für den ersten Mann, der mir sagt, wohin sie unterwegs ist!“
 
Er bekam nichts als beharrliches Schweigen als Antwort.
 
„So wollt ihr es also spielen, ist das so? Was mich angeht, so könnt ihr nichtsnutzigen Hunde bei lebendigem Leib verrotten. Marston!“
 
Der Mann musste Rossers erster Maat sein, dachte Will. Marston war ein großer, dürrer Kerl, mit einem pockennarbigen Gesicht und dünnen schwarzen Haaren. Er trat nach vorne. „Aye, Sir!“
 
„Wir werden diesen elenden Felsen einmal komplett umsegeln. Wir werden alle Häfen durchsuchen, bis wir den Ort finden, an dem sich dieser Bastard Flynn verkrochen hat. Bring die Gefangenen nach unten und fessle sie im Lagerraum. Kein Essen.“
 
Dann stampfte er davon, nach vorne zum Helm.
 
~*~**~*~
 
„Er wird sie finden“, sagte Will zu Norrington. Wenn Rosser tatsächlich vorhatte, Jamaika einmal komplett zu umsegeln, dann würde er früher oder später sicher auf die Destiny stoßen. Und die Chance, dass er sie genau dann erwischte, wenn sie gerade hilflos am Strand lag, war ziemlich groß. „Sie wird vollkommen wehrlos sein.“
 
Die Seeleute saßen dicht beieinander in der Mitte des dunklen, feuchten Lagerraums, umringt von Fässern, Kisten und Vorratssäcken. Norrington und Will standen ein wenig abseits und versuchten die Situation einzuschätzen. Will konnte an den Bewegungen des Schiffes spüren, dass sie gut vorankamen, die Winde waren offenbar günstig. Wenn es auch die geringste Möglichkeit zur Flucht gab, dann mussten sie sie jetzt nutzen, bevor ihnen die Zeit davonlief.
 
„Es gibt nur einen einzigen Weg nach draußen“, antwortete Norrington. Er deutete auf das dicke Holz der verschlossenen Luke. Eine hölzerne Leiter führte hinauf. „Aber selbst wenn wir alle gleichzeitig nach oben kämen, könnten wir sie doch nicht durchbrechen.“
 
Will ließ sich auf eine Kiste niedersinken und begann nachzudenken. Norrington nahm neben ihm Platz. „Im Moment ist gerade Ebbe“, sagte er.
 
„Verdammt.“ Das würde bedeuten die Destiny war inzwischen tatsächlich gestrandet. „Wisst Ihr, wo sie sein könnten? Wo würden sie hinsegeln um das Schiff zu säubern?“
 
„Höchstwahrscheinlich zur Austernbucht, die ist nur ein kurzes Stück die Küste hinab in Richtung Westen. Und dummerweise ist das auch genau der Kurs, den Rosser eingeschlagen hat.“
 
Jack war in Gefahr. „Wie lange, bis wir dort ankommen?“
 
„Ausgehend von unserer momentanen Geschwindigkeit haben wir nicht mehr als eine Viertel Stunde.“
 
Zu wenig Zeit. „Wir müssen etwas unternehmen!“
 
„Ich bin für jeden Vorschlag zu haben“, sagte Norrington. „Selbst wenn es ein voreiliger ist.“
 
Will versuchte krampfhaft sich zu konzentrieren. Wenn sie nur irgendwie hier raus kämen, wenn sie die Mannschaft nur überraschen könnten... Aber wie kamen sie hier raus?
 
Es dauerte nur wenige Minuten bis ihm eine Lösung einfiel. Als die Mannschaft der Pearl vor gar nicht allzu langer Zeit von Crane im Lagerraum eingeschlossen wurde, hatten sie aus lauter Verzweiflung irgendwann die Luke in Brand gesteckt. Wenn es jemals eine Situation gab, die ähnlich extreme Maßnahmen erforderte, dann war es wohl diese hier.
 
„Hat einer Eurer Männer Streichhölzer dabei?“, fragte er.
 
„Streichhölzer?“ Norrington war entsetzt. „Ihr denkt doch wohl hoffentlich nicht darüber nach, ein Feuer zu legen?“
 
„Doch. Und zwar will ich die Luke in Brand stecken. Die Mannschaft der Pearl tat genau das, als sie während unserer Mission unter Deck eingesperrt wurde und es hat funktioniert.“
 
„Oh nein, das ist definitiv zu voreilig für meinen Geschmack. Das Feuer könnte uns alle erwischen, noch bevor es das Holz genug geschwächt hat, damit wir es durchbrechen können.“
 
„Ich bin bereit das Risiko auf mich zu nehmen“, sagte Will. „Ich werde derjenige sein, der nahe am Feuer bleibt, ich werde derjenige sein, der versucht das Holz zu durchschlagen.“
 
„Und wenn Ihr versagt, was geschieht dann mit uns?“
 
„Ich werde nicht versagen“, sagte Will. Nicht wenn Jacks Leben auf dem Spiel stand. „Abgesehen davon, welche andere Möglichkeit haben wir denn schon? Oder würdet Ihr das Kielholen oder Schlimmeres etwa bevorzugen?“
 
Norrington seufzte. „Nehmen wir mal an, Euer Plan funktioniert, was dann? Keiner von uns ist bewaffnet.“
 
Will klopfte mit dem Finger auf die Kiste, auf der er saß. „Wir brechen ein paar von diesen Kisten und Fässern auf und zerlegen sie. Die Bretter können wir als Knüppel benutzen, mit den Splittern können wir stechen.“
 
Nach einigen Augenblicken sagte Norrington. „So langsam fange ich an zu glauben, dass Eure Idee vielleicht doch nicht so undurchführbar ist, wie ich zu Beginn dachte.“ Er stand auf und ging hinüber zu seinen Männern. „Ihr werdet diese Kisten hier zerlegen und euch daraus Waffen fertigen. Ihr dort, Carter, hab ich Euch nicht neulich dabei gesehen, wie Ihr eine Pfeife geraucht habt?“
 
„Aye, Sir.“
 
„Habt Ihr Streichhölzer dabei? Gut, gebt sie mir.“
 
Will stand auf und ging zu ihnen hinüber. „Es würde besser funktionieren, wenn wir etwas hätten, was wir als Brandbeschleuniger benutzen könnten.“
 
„In der Tat.“ Norrington blickte prüfend hinüber zu seinen Männern. „Ah. Mr. Howard, Euren Flachmann, wenn ich bitten darf.“
 
„Sir? Ich habe keinen Flachmann, Sir.“
 
„Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für Ausflüchte, Mann! Ich habe Euch oft genug dabei beobachtet, wie Ihr daraus getrunken habt. Ich werde von einer Disziplinarmaßnahme absehen, gebt mir einfach nur die Flasche.“
 
„Aye, Sir. Tut mir Leid, Sir.“
 
Norrington hielt die Flasche an sein Ohr und schüttelte sie. „Sie ist noch fast voll, das sollte genügen.“ Er reichte sie an Will weiter, dann wendete er sich wieder seinen Seeleuten zu. „Jeder, der ein Halstuch trägt, soll es Mr. Turner geben. Dann macht euch an die Arbeit und zerlegt die Kisten.“
 
Die Männer taten, wie ihnen geheißen wurde, und kurz darauf hatte Will sieben Halstücher in der Hand. Er durchtränkte sechs davon mit dem Brandy aus der Flasche. Das siebente presste er flach mit beiden Seiten auf den feuchten Boden des Lagerraums, um es möglichst gut mit Wasser zu durchtränken. Als er fertig war, fragte er: „Sind Eure Männer bereit?“
 
Norrington warf einen Blick hinüber zu seinen Seeleuten, die nun alle zerbrochene Bretter und lange, spitze Holzstücke in der Hand hielten. „Bereit“, antwortete er.
 
„Gut. Könnt ihr für mich ein langes Stück Holz finden?“
 
Norringtons Männer durchwühlten die Holzteile, die von den Kisten und Fässern, die sie zerlegt hatten, noch übrig waren. Schließlich reichte Carter Will ein dickes Stück Holz, das ungefähr sechzig Zentimeter lang und acht Zentimeter breit war.
 
Will klemmte es unter seinen Arm, stopfte sich die durchtränkten Stofffetzen unters Hemd und steckte sich die Streichhölzer in die Tasche. Dann band er sich das feuchte Halstuch um seinen Kopf und bedeckte so Mund und Nase.
 
Als er seinen Fuß auf die erste Sprosse der Leiter setzte, berührte Norrington ihn am Arm. „Viel Glück, Ihr seid ein tapferer Mann.“
 
Will nickte ihm dankbar zu und zog sich dann mit einer Hand nach oben, da er das Holzstück noch immer unter seinem rechten Arm geklemmt hielt. Zwar wurde auf diese Weise weniger Druck auf seine verletzte Schulter ausgeübt, aber trotzdem durchfuhr ihn immer wieder ein stechender Schmerz, während er langsam nach oben kletterte. Bei jeder einzelnen Sprosse musste er kurz innehalten, bevor er nach der nächsten greifen konnte. Er war gerade erst auf halbem Weg oben angekommen, als er spürte, wie das Schiff langsamer wurde. Nein. Hatten sie die Bucht etwa schon erreicht?
 
Stur kletterte er immer weiter nach oben, wobei er bei jedem einzelnen Tritt um sein Gleichgewicht kämpfen musste, da das Gewicht des Holzbalkens, den er unter seinem Arm trug, das Balancieren auf der Leiter nur noch schwieriger machte. Will war fast oben an der Luke angekommen, als das Schiff abrupt seine Richtung änderte und er beinahe gestürzt wäre. Verzweifelt suchte er nach etwas, an dem er sich festhalten konnte, um wieder einen sicheren Stand zu bekommen. Das Schiff wurde noch langsamer, bis schließlich überhaupt keine nennenswerte Bewegung mehr zu spüren war. Will hielt inne, um sich kurz von seinem Schrecken zu erholen, dann kletterte er weiter.
 
Als er oben ankam, klemmte er zuerst das Holzbrett zwischen die oberste Stufe der Leiter und der Trennwand, einfach nur, damit es ihm bei seiner Arbeit nicht im Weg wäre. Dann kauerte er sich auf die darunter liegende Sprosse und schlang seinen Arm um die Leiter. So sollte es ihm zumindest möglich sein, die Balance zu wahren. Vorsichtig griff er von oben in sein Hemd und zog die mit Alkohol getränkten Halstücher hervor, die er, so gut es ging, in die enge Spalte zwischen die Luke und den Holzrahmen klemmte. Es war schwierig, sie so dort zu befestigen, dass sie nicht wieder herunterfielen, aber er fand in drei Brettern Astlöcher, in die er die Stofffetzen gut hineinstopfen konnte. Auch an den Ecken des Rahmens konnte er den Stoff recht gut festklemmen. Als er schließlich auch das letzte Tuch sicher befestigt hatte, hielt Will erneut einen Moment lang inne, um sich zu sammeln.
 
Ich muss das tun, für Jack. Es war vollkommen unwichtig, ob Jack möglicherweise gerade mehr für Nate Flynn empfand oder nicht. Will liebte ihn, daran hatte sich nichts geändert. Es war auch unwichtig, ob Jack sich möglicherweise nach dieser ganzen Geschichte, sollten sie sie überhaupt überleben, entschloss bei Flynn zu bleiben. Selbst wenn er Jack niemals wieder sah, selbst wenn dies die letzte, dumme und überstürzte Handlung war, die er in seinem Leben aus Liebe tat, nichts davon spielte auch nur im Geringsten eine Rolle.
 
Will zog die Streichhölzer aus seiner Tasche und nahm eines davon zwischen seine Finger. Er sprach ein kurzes, stummes Gebet, bevor er es entzündete und die Flamme gegen das raue Holz der Trennwand hielt, dicht an eines der Halstücher. Der Stoff fing augenblicklich Feuer. Schnell hielt Will die Flamme auch an die anderen Tücher, bevor er nach dem Stab griff und mehrere Sprossen auf der Leiter nach unten kletterte, um zu Warten.
 
Die Flammen fraßen sich in das Holz der Luke und dichter Qualm zog nach unten. Der feuchte Stoff über seinem Gesicht schützte ihn zwar ein wenig davor, aber es war längst nicht genug. Will hustete, dann kletterte er noch ein paar Sprossen weiter nach unten. Immer wieder sah er nach oben, beobachtete und wartete. Die Flammen wurden größer und begannen sich auf die Trennwand auszubreiten. Schließlich begannen sie sogar, an der Leiter selbst zu lecken. Wills Augen brannten durch den beißenden Rauch und Tränen liefen über seine Wangen. Nun war es an der Zeit zu handeln, und zwar schnell, denn eine weitere Chance würden sie nicht bekommen.
 
Er griff nach den Sprossen und kletterte erneut nach oben, wobei er gegen die Hitze ankämpfen musste, und heißer Qualm in seine Lungen drang. Er wagte sich so nah wie möglich vor, dann lehnte er sich nach vorne gegen die Sprossen, um seine Balance zu wahren. Mit beiden Händen ergriff er das Holzstück an einem Ende. Sofort begann seine verletzte Schulter zu protestieren, doch er ignorierte den neuen, stechenden Schmerz und stieß das Brett so fest er konnte nach oben. Er traf die Luke mit voller Wucht und konnte fühlen, wie das brennende Holz ein Stück nachgab, doch es zersplitterte nicht. Durch den Stoß war er selbst auf der Leiter aus dem Gleichgewicht gekommen und schwankte bedrohlich hin und her, wodurch er beinahe den Halt verlor. Er konnte weder atmen, noch sehen. Aber er konnte auch unmöglich aufgeben. Will sammelte sich erneut und versuchte, das Holzbrett diesmal besser zu greifen. Er mobilisierte all seine Kräfte, die noch übrig waren und rammte das Brett erneut gegen die Luke.
 
Dieses Mal hörte er wie das Holz barst und Splitter fielen um ihn herum nach unten. Will stieß das Brett noch ein drittes und letztes Mal fest gegen die Luke, die endlich auseinander brach. Das brennende Holz fiel nach unten und auf seinen Kopf. Im gleichen Moment erzitterte das gesamte Schiff vom Heck bis zum Vordersteven, und der Laderaum erbebte durch das Donnern der Kanonen, die über ihnen eine Breitseite feuerten. Will verlor den Halt und taumelte halb fallend, halb rutschend die Leiter nach unten. Norrington fing ihn auf, bevor er unten aufschlug.
 
„Gute Arbeit!“ Schnell kletterte Norrington nach oben, seine Männer ihm dicht auf den Fersen.
 
Wills Kopf schmerzte. Vorsichtig tastete er mit seiner Hand hier und da und fand etwas, das sich anfühlte wie eine kleine Schnittwunde direkt an seinem Haaransatz. Er zog sich das feuchte Halstuch vom Gesicht und presste es auf die Stelle. Er konnte nicht länger hier unten bleiben. Ganz offensichtlich hatte die Ranger die Bucht gefunden, und feuerte nun auf die Destiny. Er konnte bereits hören, wie oben an Deck gekämpft wurde. Von dem, was er zuvor beobachtet hatte, schätzte er Rossers Mannschaft nach dem Kampf auf etwa vierzig bis fünfzig Mann. Norringtons Männer waren nur ein Dutzend und wohl kaum in der Lage, sie im Alleingang zu besiegen. Er musste ihnen dringend zu Hilfe eilen.
 
Will stand langsam vom Boden auf, wobei er sich ein wenig wackelig auf den Beinen fühlte. Er griff nach hinten und befühlte die Schulterwunde an seinem Rücken. Frisches Blut sickerte durch sein Hemd und war bereits durch den Stoff der Jacke bis nach außen gedrungen. Er holte einige Male tief Luft. Immerhin hatte sich der Rauch inzwischen nach oben ins Freie verflüchtigt. Dann versuchte er erneut einen Fetzen seines Hemdes zwischen seine Schulterwunde und den Stoff der Jacke zu stopfen, jedoch wartete er diesmal nicht ab, ob es ihm überhaupt gelänge die Blutung zu stoppen. Stattdessen bückte er sich, um zwischen den Stücken der zerbrochenen Kisten nach einem scharfkantigen Holzstück zu suchen. Als er schließlich eines fand, ergriff er es, packte mit der anderen Hand die Holzlatte, mit der er schon zuvor die Luke durchstoßen hatte, und kletterte in wilder Entschlossenheit die Leiter nach oben.
 
Die Luke brannte noch immer und langsam aber sicher breiteten sich die Flammen auch bis aufs Deck aus. Will schob sich durch die Öffnung und ließ sich dann abrollen, als er auf der Oberseite landete, ein Stück vom Feuer entfernt. Hastig versuchte er wieder auf die Beine zu kommen und sich im Chaos, das auf dem Deck herrschte, zurecht zu finden. Norringtons Männer kämpften verbissen auf dem Hauptdeck und so wie es aussah, waren sie den Piraten durchaus gewachsen. Will erkannte, dass ein Großteil von Rossers Mannschaft wohl unter Deck sein musste, um die Kanonen zu bestücken. Ein Blick über das Wasser hinüber zum Ufer zeigte den langen, flachen Sandstrand der Bucht, auf dem die Destiny auf der Seite lag. Ihre Schiffshülle war durch die Einschläge der Kanonenkugeln bereits stark beschädigt. Wie es schien, hatte sich die Mannschaft bereits in den Wald zurückgezogen, der ungefähr zwanzig Schritte hinter dem Strand begann, da Will den Rauch von Musketenfeuer erkennen konnte, der über den Bäumen aufstieg.
 
Ohne darüber nachzudenken, was er da eigentlich tat, stürzte sich Will in das Handgemenge auf dem Hauptdeck. Er stieß auf einen Piraten, der gerade dabei war, mit seinem Säbel auf einen von Norringtons Männern loszugehen, einem Seemann, der zu seiner Verteidigung nichts außer einem blanken Brett in der Hand hielt. Will schwang seine eigene Holzlatte und schlug dem Piraten damit so fest er konnte über den Schädel, wodurch dieser bewusstlos zu Boden ging. Will kniete sich neben ihn und griff nach seinem Säbel, den er dem Seemann zuwarf. Dann entdeckte er, dass der bewusstlose Mann auch zwei Pistolen in seinem Gürtel stecken hatte und nahm diese ebenfalls an sich. Als Will aufstand und sich umdrehte, fand er sich Angesicht zu Angesicht mit einem weiteren Piraten. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, drückte er ab. Der Schuss traf den Mann in den Arm, aber trotzdem hielt ihn das nicht auf. Will feuerte erneut mit der zweiten Pistole und diesmal traf der Schuss seinen Angreifer mitten in der die Brust. Der Mann brach zusammen und blieb direkt zu Wills Füßen liegen.
 
Will bückte sich, um ihn zu durchsuchen, und fand einen Säbel und eine weitere Pistole. Als er aufstand, erbebte das Schiff erneut und feuerte eine Kanonensalve in Richtung Strand. Schüsse flogen in den Wald, hinein zwischen die Bäume. Er konnte Schreie hören. Männer waren verletzt. War Jack unter ihnen? Will verspürte das dringende Bedürfnis, an Land zu gehen und nachzusehen, aber er wusste, dass er hier an Bord gebraucht wurde. Norringtons Männer hielten sich wacker und kämpften überall um ihn herum, er konnte sie unmöglich einfach im Stich lassen. Alles was Rosser tun musste, war, den Rest seiner Mannschaft nach oben zu beordern, damit sie in den Kampf eingriffen und schon wären sie von allen Seiten umzingelt.
 
Dann erinnerte sich Will an die Streichhölzer, die er noch immer in der Tasche trug. Er suchte nach Norrington, was durch den Rauch des Feuers, das sie gelegt hatten, nicht ganz einfach war. Endlich erspähte er einen Schimmer von weiß und rot und rannte darauf zu. Er fand Norrington, der über einem gefallenen Piraten stand und seine Hand auf eine blutige Wunde an seinem Arm presste. „Sir!“ Will zog ihn ein Stück vom Getümmel weg. „Gebt mir fünf Minuten, dann sorgt dafür, dass Eure Männer das Schiff verlassen. Sagt ihnen, sie sollen über Bord springen. Es ist Ebbe und sie sollten in der Lage sein, bis an den Strand zu schwimmen. Aber sie müssen es gemeinsam tun, alle zur gleichen Zeit.“
 
„Wie lautet Euer Plan?“, fragte Norrington.
 
„Ich will versuchen ihren Schießpulvervorrat zu finden.“ Will hielt die Streichhölzer hoch.
 
Norrington nickte. „Fünf Minuten. Aber gebt Euch selbst auch Zeit wegzukommen, Mann!“
 
„Ich werd’s schon schaffen“, antwortete Will. Er wandte sich ab, um zu gehen.
 
„Turner!“
 
Will warf einen Blick zurück. Norrington ließ seinen verletzten Arm los, um mit dem anderen kurz zu salutieren. „Passt auf Euch auf.“
 
„Ja, Sir.“ Will grinste, dann machte er sich auf den Weg zum mittleren Teil des Schiffes. Er fand die Treppe, die nach unten zu den Quartieren der Mannschaft führte. Von dort arbeitete er sich langsam durch das Schiff, wobei er sich bewusst vom Heck fern hielt, wo das Feuer im Lagerraum noch immer wütete. Er suchte nach einer weiteren Treppe, die ihn abermals nach unten führen würde, und fand sie schließlich hinter der Offiziersmesse. Und dann, auf dem nächsten Unterdeck, fand er schließlich auch den Raum mit dem Schießpulvervorrat.
 
Will erkannte, dass er schon seit geraumer Zeit kein Kanonenfeuer mehr gehört hatte. Und es war auch niemand hier unten, um Schießpulver zu holen und es nach oben auf das Deck mit den Kanonen zu bringen. Rosser musste seinen Fehler wohl inzwischen erkannt haben. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, wie leichtsinnig es gewesen war, die Hälfte seiner Mannschaft mit solch einer sinnlosen Tätigkeit zu beschäftigen, und sicher war er schon längst dabei, sie alle nach oben an Deck zu schicken, um gegen Norrington und seine Männer zu kämpfen. Will wusste, dass die Zeit drängte.
 
Er betrat den Raum voller Pulverfässer. Mit seiner Holzlatte brach er das erste auf, das ihm in die Quere kam, und das Schießpulver darin rieselte zu Boden. Will kniete nieder, fasste eine Handvoll davon und zog eine dünne Spur aus Pulver von den Fässern bis zur Tür, dann das Deck entlang, bis hin zu einer Länge von etwa zwanzig Fuß. Er glaubte, von oben überraschte Schreie zu hören und eine Menge Platsch-Geräusche. Er hoffte inständig, dass es sich dabei um Norrington und seine Männer handelte, die seine Anweisungen befolgen und über Bord gesprungen waren.
 
Will entzündete ein Streichholz und hielt es dicht an die Pulverspur, die er so sorgfältig ausgestreut hatte. Das Pulver entzündete sich sofort, und die Flamme raste daran entlang, hin zu dem Raum mit den Pulverfässern. So schnell er konnte und ohne auf seine Verletzungen zu achten, rannte Will zur Treppe und die Stufen hinauf. Er hechtete vorbei an den Quartieren der Mannschaft, über die zweite Treppe bis nach oben an Deck. Die meisten der Piraten hatten sich um die Luke herum versammelt, die hinab in den Lagerraum führte, wo sie versuchten das Feuer zu löschen. Der Rest stand entlang der Reling und feuerte mit Musketen und Pistolen auf Norringtons Seeleute, während diese versuchten an Land zu schwimmen.
 
Nicht einer von ihnen bemerkte, dass er überhaupt da war. Will kletterte hinauf auf die Reling, balancierte dort einen Moment lang, bevor er sich kopfüber ins Wasser stürzte. Er schwamm so schnell er konnte, einfach nur weg vom Schiff. Er hatte dies schon einmal getan, damals als er von der Interceptor geflohen war, und er wusste, dass er am besten unter Wasser blieb. Dort war es am sichersten. Zehn Sekunden, fünfzehn… er zählte… es musste bald geschehen… gerade als er bei zwanzig angekommen war, flog der Raum mit dem Schießpulver in die Luft und die riesige Explosion verursachte eine heftige Druckwelle im Wasser. Will spürte die Bewegung, doch inzwischen war er weit genug davon entfernt, dass es ihm nichts mehr ausmachen konnte. Er brach durch die Wasseroberfläche nach oben, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie die Ranger im Wasser versank. Er konnte auch einen guten Teil der Mannschaft im Wasser erkennen, manche tot, manche noch am Leben, und schon auf dem Weg zum Strand. 
 
Will schlug dieselbe Richtung ein. Er schwamm mit aller Kraft, wobei sein Verlangen, Jack zu finden, ihn noch zusätzlich antrieb. Dann fühlte er endlich den sandigen Meeresboden unter seinen Füßen und taumelte aus dem Wasser hoch zum Strand. Er keuchte und schnappte nach Luft. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, wie entkräftet er war und wie sehr sein Körper schmerzte. Er ließ sich nach vorne auf Hände und Knie fallen, als seine Erschöpfung Überhand nahm und ihn seine Kräfte vollends verließen.
 
Ich muss weg vom Strand. Das Gelände war hier viel zu offen, es war zu gefährlich. Er hatte selbst gesehen, dass viele von Rossers Männern die Explosion überlebt hatten. Will versuchte aufzustehen, doch er stolperte und fiel erneut hin. Er schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren, versuchte seine Erschöpfung zu bekämpfen und seine letzten Kräfte zu mobilisieren. Doch dann spürte er plötzlich, wie sich Arme unter seine Achseln schoben und ihn jemand hochhob, ihn jemand festhielt. Er öffnete die Augen.
 
Jack hielt ihn fest.
 
„Oh Gott…“ Will packte ihn und umarmte ihn einen Moment lang, so fest er konnte. „Du bist am Leben!“
 
„Noch“, sagte Jack mit leichter Stimme. „Aber sicher nicht mehr lange, wenn wir weiter hier draußen bleiben.“
 
„Ich weiß, ich weiß.“ Will ließ ihn los. „Wo ist Norrington?“
 
„Hinter den Bäumen in Deckung. Komm schon.“ Jack stützte ihn, während sie den Strand hoch liefen.
 
Sie erreichten den Schutz des Waldes unversehrt und Jack half ihm noch ein Stück weiter, bis hin zu einer kleinen Lichtung. Dort sah Will Norrington, der gerade mit Nate Flynn sprach. Auch mehrere von Norringtons Seeleuten waren da, genau wie einige Männer von Flynns Mannschaft, die ganz in der Nähe standen. Jack führte ihn hinüber, ein paar Schritte von Norrington und Flynn entfernt, wo er Will gegen einen dicken Baumstamm lehnte. „Bleib hier und ruh dich aus. Du siehst nicht gerade gut aus.“
 
„Ich werd’s überleben“, sagte Will.
 
Norrington sah sie und wendete sich von Flynn ab. „Turner! Gott sei Dank, dass Ihr es noch rechtzeitig rausgeschafft habt.“
 
„Wie steht’s um Eure Männer, Sir?“
 
„Wir haben vier von ihnen verloren.“ Norrington ließ den Kopf sinken. „Aber dank Euch sind wenigstens die anderen in Sicherheit.“
 
Jack ging die paar Schritte hinüber zu Flynn und legte seine Hand auf dessen Schulter. Flynn lächelte und erwiderte die Geste, und erneut trieb dieser stumme Austausch einen Stich der Eifersucht durch Wills Herz. Er ließ sich nach hinten gegen den Baumstamm sinken und versuchte seinen keuchenden Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen. Verstohlen beobachtete er die beiden aus dem Augenwinkel heraus, und konnte nicht umhin zu bemerken, wie unbeschwert sie miteinander umgingen.
 
Auch Norrington wendete sich wieder Flynn zu. „Ich habe acht Männer, Mr. Turner hier nicht mitgezählt. Wie groß ist Eure Mannschaft?“
 
„Wir waren auf den Angriff nicht vorbereitet“, antwortete Flynn. „Ich verlor die Hälfte meiner Männer, noch bevor wir überhaupt die Chance hatten, uns zu verteidigen. Nachdem wir unsere Munition verschossen hatten, haben wir uns über den ganzen Wald verteilt. Alles, was uns geblieben ist, sind unsere Schwerter und Dolche. Ich vermute mal, dass bestenfalls zwanzig meiner Männer übrig sind.“
 
„Ich habe gesehen, wie Rossers Männer ein Stück weiter Richtung Norden zum Strand geschwommen sind“, sagte Will. „Es könnten auch in etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Überlebende sein, es war nur schwer zu erkennen. Aber ich vermute mal, dass es sich dabei um die Männer handelt, die oben an Deck waren. Entweder waren sie gerade dabei, die Segel zu setzen, oder auf Norringtons Leute zu feuern. Daher könnte es sein, dass auch ihre Pistolen inzwischen leer geschossen sind. Und wenn nicht, dann hat das Wasser ja vielleicht den Rest besorgt, so dass sie inzwischen nutzlos sind.“
 
„Demnach wird es wohl zum Schwertkampf kommen“, antwortete Norrington. „Und keiner von der Sorte, wo wir gemeinsam en masse kämpfen können, nicht hier im Wald. Wir können uns auch nicht auf den Strand zurückziehen, hinaus aufs offene Gelände, denn falls einige von ihnen doch noch Feuerwaffen haben, würden wir dort ein viel zu leichtes Ziel bieten. Hier im Wald können wir in einer Reihe ausschwärmen, indem wir uns in einer Linie zwischen den Bäumen durcharbeiten. Wir können versuchen, Rossers Männer auf diese Weise aufzugreifen.“
 
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich all meine Männer finden kann“, sagte Flynn. „Nicht nach dieser völlig überstürzten Flucht.“
 
„Dann werden wir einfach erstmal mit meinen Männern anfangen“, antwortete Norrington. „Wenn wir auf Teile Eurer Mannschaft treffen, können sie sich einfach einreihen.“
 
„Ihr zeigt ganz schön viel Selbstvertrauen. Kennt Ihr diesen Wald denn gut?“
 
„Nein“, antwortete Norrington. „Aber William Rosser kennt ihn auch nicht.“
 
„Auch wieder wahr“, gab Flynn zu. „Aber dennoch… unbekanntes Gelände, dichter Wald, eine Sichtweite, die kaum mehr als ein paar Fuß beträgt, und dann noch Männer, die schlecht bewaffnet sind. Nicht gerade die günstigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schlacht, denkt Ihr nicht?“
 
„Haben wir denn überhaupt eine Wahl?“
 
„Naja, meine Barkasse ist noch immer unten am Strand, unbeschädigt. Wenn Ihr mir helft, meine Mannschaft zusammen zu trommeln, dann bin ich mir sicher, dass wir dort alle hineinpassen, auch wenn’s ein wenig eng wird.“
 
Wills Kräfte begannen langsam wieder zurückzukehren. Er stieß sich vom Baumstamm ab und kam mit einigen wackeligen Schritten zu ihnen herüber. „Ich dachte, Ihr wolltet Rosser um jeden Preis fassen, koste es was es wolle. Schließlich habt Ihr ihn ja auch schon um den halben Erdball verfolgt.“
 
Flynn warf ihm einen bösen Blick zu. „Ich werde ihn fangen, daran besteht kein Zweifel. Aber wenn ich kann, dann ziehe ich es vor, meine Schlachten auf vertrautem Gelände zu bestreiten, mit besserer Aussicht auf Erfolg.“
 
„Wir haben keine Zeit darüber zu debattieren“, sagte Norrington. „Wir werden nach meinem Plan vorgehen, und Ihr alle werdet meine Befehle befolgen. Jede Weigerung wird ernste Konsequenzen nach sich ziehen.“
 
„Na dann.“ Flynn schien etwas vor den Kopf gestoßen. „Dann ist es wohl beschlossene Sache.“
 
Jack grinste ihn an. „Jimmy war schon immer so. Am besten tut man einfach, was er sagt.“
 
Flynn hob eine Augenbraue. „Jimmy?“
 
Jack nickte mit dem Kopf zu Norrington, der einen genervten Seufzer ausstieß. „Captain Sparrow, wir haben jetzt wirklich keine Zeit für Anekdoten.“ Er lief zu seinen Männern und trommelte sie zusammen. „Stellt euch in einer Reihe auf, von Norden nach Süden, maximal fünf Fuß Abstand voneinander. Nein, nicht diese Richtung. Ja, so ist es besser. Schwerter und Säbel bereithalten. Auf mein Kommando laufen wir vorwärts durch den Wald, langsames Tempo.“ Nachdem er seine Männer in Reih und Glied gebracht hatte, richtete Norrington seine Aufmerksamkeit wieder auf Flynn. „Ihr werdet alle Eure Männer, die hier sind, anweisen, sich ebenfalls in einer Reihe aufzustellen, zehn Fuß hinter uns. Hab ich mich klar ausgedrückt?“
 
„Könnte gar nicht klarer sein.“ Flynn ließ sich zu einem Salut herab. „Wir werden kämpfen, nach Eurem Befehl, Sir.“
 
Will bemerkte einen Anflug von Hohn in seiner Stimme, aber Norrington kümmerte sich nicht weiter darum. Er befahl seinen Männern loszulaufen und sie begannen, sich durch den Wald zu kämpfen, hin zu der Stelle, an der Rossers Mannschaft an Land geschwommen war.
 
Flynn wies seine Mannschaft an, hinter Norringtons Männern zurück zu fallen, und als sie losliefen, positionierte er sich selbst zwischen Jack und Will. Seitdem er ihm vom Strand weggebracht hatte, hatte Jack Will kaum Beachtung geschenkt, sondern war stattdessen sofort an Flynns Seite zurückgekehrt. Will hatte keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was dies vielleicht bedeuten mochte, er hatte auch keine Zeit gehabt, mit Jack zu reden, nicht solange jeden Moment eine Kampf über sie hereinbrechen konnte. Aber er wünschte, er könne wenigstens an Jacks Seite kämpfen.
 
Will gefiel dieser Wald wirklich ganz und gar nicht. Sie waren von allen Seiten von Bäumen umschlossen, das Licht war dämmrig und man konnte durch die ganzen Wurzeln und das viele Gestrüpp nur schlecht Fuß fassen. Als sie sich ihren Weg durch den Wald bahnten, stießen sie auf noch mehr von Flynns Leuten, die sich ihnen anschlossen. Will hatte noch immer die Pistole und den Säbel, den er während seines Kampfes auf der Ranger an sich genommen hatte, aber er hatte nur einen einzigen Schuss und das Meerwasser hatte den einen, der noch in der Pistole war, höchstwahrscheinlich unbrauchbar gemacht. Sicher würde er es aber erst wissen, wenn er versuchte ihn abzufeuern.
 
Sie wanderten immer weiter durch den Wald, wodurch sie, dadurch, dass sie in so großem Abstand nebeneinander liefen, eine breite Fläche abgrasten. Sie waren vielleicht hundert Fuß weit gekommen, als Will plötzlich Schreie hörte, die aus der Richtung von Norringtons Männern kamen, gefolgt von dem Geräusch von Schwertern, die aufeinander schlugen. Sie hatten Rossers Mannschaft gefunden.
 
Will beschleunigte seine Schritte. In der rechten Hand hielt er seine Pistole schussbereit, in der linken seinen Säbel. Er konnte nicht genau erkennen, was gerade vor sich ging, vor ihm waren nur hin und wieder schnelle Bewegungen und das Aufblitzen von Farbe zu erkennen. Ab und zu konnte man auch Schreie hören. Dann hörte er einen Pistolenschuss und sah eine kleine Rauchwolke ungefähr fünfzehn Fuß zu seiner Rechten. Er hasste diese Art von Kampf, wo man nicht genau sagen konnte, wo sich der Feind gerade befand, und wo man seine Verbündeten kaum klar erkennen konnte. Er konnte Flynn noch immer zehn Fuß zu seiner Linken sehen, aber Jack hatte er ganz aus den Augen verloren.
 
Will warf sich nach vorne durch das Gestrüpp, das zwischen zwei hohen Bäumen stand, und wäre beinahe über eine riesige Wurzel gestolpert. Als er sein Gleichgewicht gerade wieder gefunden hatte, hörte er, wie jemand hastig durch die Büsche zu seiner Rechten kam. Mit seiner Pistole zielte er in die Richtung. Ein Pirat kam aus dem Gestrüpp, bewaffnet mit einem Säbel. Will betätigte den Abzug, aber das Steinschloss der Pistole gab nur ein leises Klicken von sich. Nichts passierte. Er warf die nutzlose Waffe beiseite, als der Mann näher kam, und hielt seinen Säbel bereit, um zu parieren.
 
Der Kampf dauerte nicht lange. Will war im Schwertkampf geschickter als die meisten Männer und sein Gegner war bereits verwundet, Blut floss aus einer Wunde an seiner Schulter. Es gelang Will, dem Mann einen Hieb in den Oberschenkel zu versetzen und als er auf die Knie fiel, konnte Will ihm mit dem Knauf seines Säbels einen Schlag auf den Kopf versetzen. Der Pirat ging zu Boden und bewegte sich nicht mehr.
 
Als Will sich umsah, konnte er Jack und Flynn nirgendwo entdecken. Die Schreie und Kampfgeräusche hatten sich weiter nach Norden bewegt. Will lief in diese Richtung, aber als er an einem dicken Baum vorbeikam, wurde er von einem Mann angefallen, der sich hinter dem Stamm versteckt gehalten hatte. Beide fielen zu Boden und rollten durch das Gestrüpp. Der Mann war selbst unbewaffnet und griff nach Wills Schwertarm, um ihm seinen Säbel zu entreißen.
 
Während sie sich hin und her über den Boden wälzten, versuchte Will seinen Gegner zu treten, während er sich mit der Kraft der Verzweiflung an seinem Schwert festklammerte. Er versuchte auch mit seiner Hand einen Kinnhaken zu landen, aber schrie selbst laut auf, als der Schmerz von seiner Schulterwunde wie glühendes Eisen durch seinen Arm fuhr. Sein Schlag war nur schwach und landete kaum auf dem Kinn des Mannes, der ihn nicht einmal zu spüren schien. Dann schaffte es der Pirat, einen Hieb direkt in Wills Magengegend zu landen, was diesen einen Moment lang nach Luft schnappen ließ. Aber dennoch ließ er den Griff seines Säbels nicht los, sondern hielt sich mit jedem Funken Muskelkraft, den er noch hatte, daran fest.
 
Immer wieder drehten und wälzten sie sich, bis sie schließlich gemeinsam aus dem stacheligen Gestrüpp rollten. Will lag auf dem Rücken und der Pirat war über ihm und hielt ihn am Boden fest. Wills rechter Arm lag völlig nutzlos, bis er bemerkte, dass unter seiner rechten Hand jede Menge Schmutz und Kiefernnadeln lagen. Er griff sich davon, soviel er konnte, und mit einer einzigen, kräftigen und qualvollen Bewegung warf er seinem Gegner den Dreck mitten ins Gesicht.
 
Der Mann hustete und griff instinktiv nach oben, um sich den Schmutz aus den Augen zu reiben. Das war die Gelegenheit für Will, sich unter ihm hervor zu winden und seinen Säbel loszureißen. Mit einem einzigen Hieb rammte er ihn mit der Spitze voran in den Rücken seines Gegners. Der Pirat stieß einen lauten Schrei aus. Will riss die Klinge wieder frei, als der Mann nach vorne auf den Boden fiel, wo er zuckend und zusammengekrümmt liegen blieb.
 
Will blieb erst einmal einen Moment lang auf Händen und Knien auf dem Boden. Ihm war schwindelig, er war nass geschwitzt und er rang verzweifelt nach Atem. Dies hier waren kurze, brutale Zweikämpfe, die mehr durch Muskelkraft als durch Geschick entschieden wurden. Sie verlangten ihm weitaus mehr ab als ein längerer Fechtkampf, bei dem er sein Geschick und sein Können voll und ganz ausspielen konnte. Auch empfand er keine Befriedigung darüber, dass er einen solchen Kampf gewonnen hatte. Noch nie hatte er es genossen, ein Leben zu beenden, nicht einmal dann, wenn es aus Selbstverteidigung geschah.
 
Der Mann, den er besiegt hatte, stöhnte und gab einen furchtbaren, gurgelnden Laut von sich, bevor sein Zucken schließlich aufhörte und er vollkommen still lag. Will griff nach einem Baumstamm, um sich hochzuziehen. Er wollte einfach nur weg von hier. Er stolperte nach Norden, von wo er zuletzt Kampfgeräusche gehört hatte, und in der Hand hielt er noch immer seinen blutigen Säbel.
 
Aber die Schreie und das Schwerterklirren waren verstummt und er konnte weder von Flynns, noch von Norringtons Männern irgendjemanden entdecken. Er kam auf eine Lichtung und hielt inne, um zu lauschen. Plötzlich raschelte das Gestrüpp hinter ihm und er warf sich herum, sein Schwert zum Kampf bereit. Nate Flynn hechtete aus den Büschen. Er rang nach Atem und hatte einen Degen bei sich, an dessen Spitze noch Blut klebte. Er blieb einige Schritte von Will entfernt stehen. „Wir gewinnen!“, keuchte er. „Zumindest glaube ich das.“ Er bückte sich nach vorne, stützte sich mit der Hand auf seinem Oberschenkel ab und versuchte seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen.
 
„Wo ist Jack?“ Will blickte prüfend auf die Bäume in die Richtung, aus der Flynn gekommen war.
 
„Hab ihn aus den Augen verloren. Er ist wohl weiter nach Norden gegangen, dort wo das schlimmste Getümmel ist.“ Flynn richtete sich auf und deutete auf das andere Ende der Lichtung. „Diese Richtung vielleicht, wenn er geschickt genug ist, einen Kreis zu schlagen und wieder hierher zurückzukommen.“
 
Will wollte gerade einen Schritt in die angewiesene Richtung machen, als er plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. Genau gegenüber von ihnen schleppte sich ein Mann auf die Lichtung. Auch er blieb stehen, als er sie sah, etwa zwanzig Fuß von ihnen entfernt. Es gab keinen Zweifel, um wen es sich dabei handelte. Captain William Rosser.
 
Und er hatte beides, sowohl ein Schwert, als auch eine Pistole. Er hielt die Schusswaffe etwa auf Brusthöhe und zielte zuerst auf Flynn, bevor er kurz zögerte und seinen Arm ein paar Zentimeter weiter nach rechts schwenkte, um nun stattdessen auf Will zu zielen.
 
Will warf einen Blick hinüber zu Flynn und bemerkte, dass auch er keine Pistole hatte. Sie beide standen einfach nur da, wie versteinert, als Rosser sich abermals umentschied und seine Waffe nun wieder zurück auf Flynn richtete. Er kann sich nicht entscheiden, wen von uns beiden er erschießen soll, erkannte Will plötzlich. Rosser hatte nur einen einzigen Schuss, und keine Zeit nachzuladen. Egal welchen von ihnen er auch erschoss, der andere würde übrig bleiben und ihm im Zweikampf gegenüber stehen. Vermutlich war Rosser gerade dabei abzuwägen, wer von ihnen wohl der bessere Schwertkämpfer war. Ganz zweifellos wollte er sicher gehen, dass der schwächere Gegner überlebte, da dies derjenige war, dem er sich später im Kampf stellen musste.
 
Dann sah Will plötzlich, wie noch jemand zwischen den Bäumen hervor trat, direkt hinter Rossers Rücken. Jack. Er sah, wie Jack mitten in der Bewegung wie versteinert stehen blieb und die Situation erfasste. Rosser hatte ihn nicht gehört, hatte sich nicht umgedreht. Er konzentrierte sich voll und ganz auf sein Ziel und darauf, Will und Flynn in Schach zu halten. Immer wieder schwenkte er seine Pistole von links nach rechts, von Flynn auf Will und dann wieder zurück. Langsam schlich sich Jack näher an ihn heran und als er vollständig auf die Lichtung trat, sah Will, dass Jack überhaupt keine Waffe bei sich trug.
 
Will hoffte inständig, Jack würde nicht versuchen, den Piratenkapitän durch einen Schrei oder dergleichen abzulenken. Denn das würde sicherlich nur bewirken, dass Rosser sich umdrehen und Jack auf der Stelle erschießen würde. Bitte tu nichts Dummes! Aber das ließ nur eine weitere Möglichkeit zu… Jack musste sich von hinten auf Rosser stürzen. Das Dumme daran war nur, dass Rossers Waffe mit Sicherheit genau in dem Moment losgehen würde, in dem Jack ihn attackierte, schon alleine aus purem Reflex. Daher hatte wohl auch Jack in diesem Moment eine Wahl zu treffen. Auf welchen von ihnen, Will oder Flynn, würde die Mündung der Waffe wohl gerade zeigen, wenn Jack Rosser angriff?
 
All diese Gedanken und Überlegungen schossen Will im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf, und die Zeit schien einen Moment lang still zu stehen. Er sah hinüber zu Flynn, der wie versteinert geradeaus blickte. Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn und seine Augen waren weit aufgerissen. Es war sehr viel wahrscheinlicher, dass Rosser Flynn erschießen würde, sollte er sich letztlich tatsächlich für einen von ihnen entscheiden. Flynn war der ältere, und daher war es sehr viel wahrscheinlicher, dass er auch besser mit dem Schwert umgehen konnte. Rosser konnte ja nicht wissen, wie talentiert Will mit dem Säbel wirklich war.
 
Er wartete und starrte auf Rosser, während sich Jack immer näher an den Mann heranschlich. Wenn Jack nur einen von ihnen retten konnte, wen würde er wählen? Auf welchen von ihnen würde Rosser gerade zielen, wenn Jack ihn angriff? Wessen Leben war Jack wichtiger?
 
Ich sollte mich bewegen, dachte Will. Wenn ich mich jetzt plötzlich bewege, dann muss er mich erschießen, dann wird Jack nicht vor diese furchtbare Wahl gestellt. Flynn schien nicht verwundet, und gemeinsam mit ihm würde Jack weitaus bessere Chancen haben, Rosser zu besiegen. Will spannte seine Muskeln an. Aber genau in dem Augenblick, als er sich gerade bewegen wollte, richtete Rosser seine Waffe wieder zurück auf Flynn und Jack stürzte sich auf ihn.
 
Die Pistole ging los, als Jack Rosser zu Boden warf, und Flynn schrie laut auf. Der Schuss hatte ihn getroffen. Er sank auf die Knie und hielt sich die Seite. Will hatte noch einen Moment lang Zeit, den Schock in seinen Augen zu erkennen, bevor Flynn nach vorne taumelte und zu Boden fiel.
 
Will stürzte nach vorne, wo Rosser und Jack immer noch auf dem Boden lagen und miteinander rangen, beide kämpften verzweifelt um Rossers Schwert. Als Rosser jedoch sah, dass auch Will herbeieilte, stieß er Jack mit aller Kraft von sich, sprang auf die Beine und flüchtete in den Wald zurück, das Schwert noch immer in seiner Hand. Will blieb stehen. Er hatte wirklich keine Lust, hinter dem Mann herzuhechten.
 
Jack stand auf und sah Will an. Er versuchte etwas zu sagen, dann schüttelte er jedoch nur stumm den Kopf. Er eilte an Will vorbei zu Flynn, der noch immer auf dem Boden lag.
 
Als Will zu den beiden trat, hatte Jack Flynn schon auf den Rücken gedreht. Er hatte sein blutiges Hemd aufgerissen, um die Wunde genauer zu untersuchen. Flynns Atem klang rasselnd, aber wenigstens war er noch am Leben. Blut floss ungehindert aus der Wunde, die die Kugel gerissen hatte. Sie war auf der rechten Seite, direkt unter dem Brustkorb. Jack zog sich die Schärpe vom Leib, die er immer um seine Taille trug. „Hilf mir.“
 
Will kniete sich neben ihn und half dabei Flynn umzudrehen, während Jack die Schärpe um seinen Oberkörper schlang und sie fest über der Wunde verknotete. Flynn stöhnte laut auf. Jack ergriff seine Hand. „Nate, kannst du mich hören?“
 
Aber Flynns Augen waren geschlossen und er schien nicht zu reagieren.
 
„Komm schon“, sagte Will. „Wir tragen ihn hinunter zum Strand, zur Barkasse.“
 
„Ich werde ihn tragen. Du bist verletzt.“
 
„Ich kann trotzdem helfen.“
 
„Dann trag seine Beine.“ Jack schob seine Arme unter Flynns Achseln.
 
Will tat, was er konnte. Er trug Flynns Beine während sie sich langsam in Richtung Süden durch den Wald arbeiteten, hinab zum Strand. Die Kampfgeräusche waren inzwischen völlig verstummt und Will fragte sich, ob das wohl bedeutete, dass sich der Kampf weiter ins Inland verlagert hatte, oder ob er endlich vorüber war. Doch sollte Letzteres der Fall sein - wer war als Sieger hervorgegangen?
 
Sie hielten oft, inne um sich auszuruhen, da sie auf dem unebenen Boden nur schlecht vorankamen. Will tat sein Bestes, um das Tempo zu halten, um Jack zu helfen, aber bei jedem Schritt, den er tat, konnte er fühlen, wie auch seine Kräfte schwanden. Er wusste, dass er nicht mehr lange durchhalten würde und dann hätte Jack zwei Männer, die er in Sicherheit bringen musste.
 
Beweg dich. Will befahl seinem Körper zu gehorchen und kämpfte gegen den Schmerz, während er über Wurzeln und Gestrüpp stolperte. Es ist nicht mehr weit. Während er lief bemerkte er kaum, dass die Bäume um ihn herum plötzlich verschwammen und nur noch schemenhaft erkennbar waren. Er schüttelte energisch den Kopf, wodurch sein Blick für einen Moment wieder klar wurde. Schon glaubte er Stimmen zu hören, die in seiner Nähe etwas riefen… ein Echo… wieder schüttelte er den Kopf, aber die Stimmen waren noch immer da. Waren sie etwa real?
 
Sie ließen die letzten Bäume hinter sich und traten hinaus auf den Strand, wobei sie auf dem weichen Sand stolperten. Und dort, direkt neben der Barkasse, stand Norrington mit mehreren seiner Männer. Auch einige von Flynns Mannschaft waren dabei.
 
Sofort befahl Norrington seinen Leuten ihnen zu helfen und sie übernahmen die Aufgabe, Flynn hinunter zum Boot zu tragen. Sobald seine Arme wieder frei waren, trat Jack zu Will und schlang einen Arm um seine Taille, um nun stattdessen ihn aufrecht zu halten. „Komm schon, dich werden wir auch noch da runter bringen.“
 
Will registrierte nur beiläufig, dass Norrington mit ihnen sprach, während Jack ihm dabei half, in die Barkasse zu steigen. Norrington sagte irgendetwas davon, dass sie die Piraten vernichtend geschlagen hätten, und dass es eine erfolgreiche Mission gewesen sei. Jack zwang Will dazu, sich auf den Boden der Barkasse zu legen, direkt neben Flynn. Will versuchte zwar, sich aufzusetzen, und beteuerte, dass es ihm eigentlich gar nicht so schlecht ging, aber Jack duldete keinen Widerspruch und drückte ihn sanft wieder nach unten. „Ruh dich aus, Kumpel. Du kannst es vertragen.“
 
„Na gut“, murmelte Will. Er lag einfach nur ruhig da und starrte hinauf in den blauen Himmel.
 
Einen Moment später konnte er fühlen, wie das Boot ins Wasser geschoben wurde, und er sah, wie die Männer hineinkletterten und zu den Rudern griffen. Dann kniete Jack plötzlich neben ihm. „Wie geht es dir?“
 
„Meine Schulter tut weh.“ Will wusste gar nicht, womit er beginnen sollte, wollte er alles aufzählen, was schmerzte und wehtat. Er berührte seine Stirn und erinnerte sich an die Wunde, die er sich dort zugezogen hatte. „Und mein Kopf.“
 
„Oh, das ist nicht so schlimm. Du benutzt ihn ja zum Glück kaum.“
 
Will runzelte die Stirn. Er war sich nicht ganz sicher, ob Jack ihn auf den Arm nahm oder nicht. Er hoffte zumindest, dass es nur als Scherz gemeint war. „Was ist mit dir?“
 
„Hab nicht einen Kratzer.“
 
„Schwein gehabt.“
 
„Naja, um ehrlich zu sein, ein oder zwei Kratzer hab ich vielleicht doch. Aber das kommt nur von diesem verdammten Gestrüpp.“
 
„Ja, stachlige Biester“, stimmte Will ihm zu. Er blickte nach oben und studierte die Gesichter der Männer, die um ihn herum ruderten.
 
„Wo ist Norrington?“
 
„Er ist mit einigen seiner Männer zurückgeblieben, da sie den Wald noch genauer durchsuchen wollen. Sie haben ungefähr achtzehn von Rossers Männern getötet oder gefangen genommen, aber sie wollen sicher gehen, dass es auch wirklich alle waren. Wir sind gerade unterwegs nach Port Royal, um Verstärkung zu holen.“
 
„Haben sie Rosser gekriegt?“
 
„Ich weiß nicht. Ich glaub nicht.“
 
Will blickte hinüber, als Flynn sich plötzlich neben ihm zu regen begann. Vorsichtig verlagerte Jack sein Gewicht und kniete nun näher an Flynn. Er nahm seine Hand. „Nate?“
 
Flynn öffnete flatternd seine Lider. „Jack?“
 
„Ich bin da.“ Jack drückte seine Hand und strich über Flynns Gesicht.
 
Als Flynns Blick auf Jack fiel, runzelte er die Stirn, bevor er sich zitternd an die Seite griff. Mit klagender Stimme sagte er nur ein Wort. „Warum?“
 
Jack schloss seine Augen und verzog das Gesicht wie zu einer Grimasse. Als er sie wieder öffnete, warf er Flynn ein aufgesetztes Lächeln zu, nickte hinüber zu Will und sagte: „Er ist der bessere Schwertkämpfer.“
 
Flynn warf einen flüchtigen Blick auf Will, dann sah er wieder zu Jack und stieß einen langen Seufzer aus seinen Lungen. „Das ist nicht der wirkliche Grund.“
 
Mit purem Schmerz in seinen Augen sagte Jack: „Nein. Es tut mir so Leid, Nate.“
 
„Es tut dir Leid.“ Flynn schüttelte den Kopf. Er schloss die Augen. „Es tut dir Leid…“, wiederholte er noch einmal, und es klang schon fast wie ein Fluch.
 
„Nate, bitte. Ich wollte nicht, dass das passiert…“
 
„Geh zum Teufel, Jack.“ Flynn drehte den Kopf weg und blickte ihn nicht ein einziges Mal mehr an.
 
Jack sprach den gesamten Rückweg hindurch kein weiteres Wort.


Nächster Teil




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