AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, PG-13, Abenteuer, Drama, Romantik, Angst
FREIGABE: PG-13 / ab 12
SETTING: Buch II schließt direkt an Buch I von Pirate Dreams an.
INHALT: Nach seiner Begnadigung hat Jack mit Wills tatkräftiger Unterstützung dem Piratendasein den Rücken gekehrt, und verdient sich seinen Lebensunterhalt nun als ehrbarer Spion für die britische Marine. Doch schon auf ihrer ersten Mission braut sich Unheil zusammen…
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch II
by Alexfandra


Will hatte es satt, ständig immer nur an die Decke seines Zimmers im Port Royal Inn zu starren. Man hatte ihn dort hin gebracht, damit er sich in aller Ruhe von seinen Verletzungen erholen konnte, und Swann hatte auch gleich nach einem Arzt schicken lassen, der seine Wunden versorgte. Will hatte ziemlich lange geschlafen, jedoch war sein Schlaf sehr unruhig gewesen, und er war mehrmals hintereinander aufgewacht, weil ihn die Bilder des Kampfes bis in seine Träume verfolgten.
 
Gegen Abend ging es ihm wieder ein wenig besser und obwohl seine Schulterwunde ganz ordentlich geblutet hatte und auch ziemlich schmerzhaft war, war sie nicht tief genug, um ernsthaft Anlass zur Sorge zu geben. Auch die kleine Platzwunde an seinem Kopf war nichts, was einer besonderen Behandlung bedurfte. Alles in allem fühlte sich sein ganzer Körper einfach nur steif und wund an.
 
Man hatte Nate Flynn ebenfalls ins Gasthaus gebracht und sein Zimmer lag nur einige Türen weiter den Flur entlang. Swanns Arzt hatte sich gut um ihn gekümmert. Jack war zwischendurch immer wieder kurz in Wills Zimmer gekommen, die meiste Zeit über war er jedoch damit beschäftigt, zwischen Wills und Flynns Zimmer hin und her zu laufen. Mal sah er nach Flynn, dann sah er wieder nach Will. Alles in allem hatte er wohl mehr Zeit in Flynns Zimmer verbracht, was Will jedoch verstehen konnte, da Flynns Verletzung um einiges gravierender war, als seine eigene.
 
Zuletzt war Jack vor ungefähr einer Stunde vorbei gekommen und hatte Wills Nachttischlampe für ihn angezündet. Er war nicht lange geblieben, bevor er auch schon wieder davon eilte, um nach Flynn zu sehen. Egal welch große Abneigung Will auch gegen Flynn hegen mochte, er hoffte inständig, der Mann würde seine Verletzung überleben. Seit dieser unglücksseligen Unterhaltung im Boot hatte Jack kaum mehr als ein Wort gesprochen. Seine Miene war düster und verschlossen und Will wusste, dass Schuldgefühle ihn beinahe auffraßen. Abgesehen von dem, was mit Flynn passiert war, war ihre Ankunft ihn Port Royal für sie beide ziemlich traumatisch gewesen. Die Pearl hatte durch die Kanonen der Ranger schlimme Schäden davon getragen und ihr Anblick rief bei Jack tiefste Bestürzung hervor. Das Einzige, was ihn an der ganzen Sache noch trösten konnte, war die Tatsache, dass seine Mannschaft lebendig und ohne einen einzigen Kratzer am Pier auf ihn wartete.
 
Will seufzte. Er hoffte inständig, dass Jack bald wieder vorbei käme. Er wollte versuchen sich im Bett aufzusetzen, aber dazu benötigte er Hilfe, da er jemanden brauchte, der ihm die Kissen hinter den Rücken stopfte. Außerdem war er halb am Verhungern.
 
Er hatte absolut keine Ahnung, welche Gefühle Jack ihm im Moment entgegenbrachte. Sicher, Jack hatte sich genau in dem Augenblick auf Rosser gestürzt, als dieser seine Pistole auf Flynn gerichtet hielt, und Will selbst hatte keinen Zweifel daran, dass Jack dies getan hatte, weil er ihn, Will, mehr liebte. Aber er zog keine Befriedigung aus diesem Wissen, nicht, solange es Jack so offensichtlich schlecht dabei ging. Will wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie verzweifelt Jack wohl wäre, sollte Flynn tatsächlich an seiner Wunde sterben. Denn würde dies geschehen, dann wäre Will selbst der Anlass für diese Verzweiflung, wenn auch nur indirekt. Er selbst wäre der Grund für Flynns Tod. Möglicherweise würde Jack es dann nicht mehr ertragen, ständig an sein eigenes Handeln erinnert zu werden, jedes Mal wenn er Will ins Gesicht blickte. Vielleicht würde die Tatsache, dass Jack ihn wirklich liebte, auf diese Weise für immer einen Keil zwischen sie treiben.
 
Nein, Flynn darf nicht sterben. Will blickte nach oben an die Decke. Er schloss die Augen, stellte sich das endlose Himmelszelt vor, das über ihnen lag, und schickte ein inniges Gebet dorthin.
 
Eine halbe Stunde später öffnete sich die Tür und Jack betrat das Zimmer. Er trug ein hölzernes Tablett mit einer Schale darauf. „Ich dachte, du hast vielleicht Hunger.“
 
„Danke.“ Will versuchte sich aufzusetzen.
 
Jack stellte das Tablett auf den Nachttisch und half ihm dabei, die Kissen am Kopfende des Bettes aufzutürmen. Dann zog er Will nach oben in eine Sitzstellung und lehnte ihn mit dem Rücken dagegen. Er zog sich einen Stuhl ans Bett und stellte das Tablett auf Wills Beine ab. „Versuch nicht allzu sehr herum zu zappeln, sonst kleckerst du dich von oben bis unten mit Suppe voll.“
 
„Ich denke, ich werde es schon irgendwie hinbekommen.“ Will ergriff die Schale mit beiden Händen und begann vorsichtig daran zu nippen. Es war eine warme Rinderbrühe, mit winzigen Stückchen Zwiebeln und Karotten darin. Genau das, was er brauchte.
 
„Nicht so hastig“, sagte Jack. „Ich will nicht riskieren, dass dir später alles wieder hochkommt.“
 
Will zwang sich dazu langsamer zu trinken. Zwischen zwei Schlücken fragte er vorsichtig: „Wie geht’s Captain Flynn?“
 
„Er schläft jetzt.“
 
„Das ist gut. Aber wie fühlt er sich?“
 
„Ich weiß nicht.“ Jack senkte den Kopf. „Als ich bei ihm war, wollte er nicht mit mir reden.“
 
Will wünschte sich nichts sehnlicher, als Jack einfach nur ihn den Arm zu nehmen und ihn fest zu halten. Leise sagte er: „Du musstest es tun, Jack.“
 
„Nein, das musste ich nicht.“ Jacks Stimme war voller Kummer und Elend. „Ich hatte einfach keine Zeit darüber nachzudenken, ich habe einfach aus Instinkt gehandelt.“ Er blickte hoch und sah Will ins Gesicht. „Ich hätte schreien sollen, ich hätte irgendwas anderes tun sollen, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.“
 
„Dann wärst du jetzt tot, Jack.“ Will hasste es, Jack dabei zuzuhören, wie er sein eigenes Handeln in Frage stellte. Er hasste es, die Schuldgefühle in seiner Stimme zu hören. „Rosser hätte dich bei der Entfernung unmöglich verfehlen können. Wir beide waren viel weiter von ihm weg als du. Es war viel wahrscheinlicher, dass er daneben schießt, wenn er auf einen von uns zielt. Du hast die richtige Entscheidung getroffen.“
 
„Die richtige Entscheidung? Du meinst, dass Nate an meiner Stelle angeschossen wurde, war die richtige Entscheidung? Es war die Tat eines Feiglings!“
 
„Was?“ Will war außer sich. „Niemals!“ Er stellte seine Suppenschale zurück auf das Tablett. „Jack, das kannst du doch unmöglich glauben. Du sagtest doch selbst, dass du keine Zeit zum Nachdenken hattest. Keiner von uns hatte das. Es ist einfach passiert. Was glaubst du denn, wie Flynn sich jetzt fühlen würde, wärst du an seiner Stelle angeschossen worden? Ich weiß, wie ich mich fühlen würde. Ich könnte mit solch einem Wissen nicht leben.“
 
„Als ob es jetzt noch einen Unterschied macht.“ Jack rieb sich mit einer Hand über die Augen. „Jetzt hasst er mich für das, was ich getan habe.“
 
Will lehnte sich zurück in die Kissen und seufzte. Er hatte absolut keine Ahnung, was er auf diese Aussage erwidern sollte. Er konnte Jack schlecht sagen, dass Flynn ein Narr war und dass er Jacks Liebe überhaupt nicht verdient hatte. Wären die Ereignisse umgekehrt verlaufen, hätte Jack sich dazu entschieden Rosser anzugreifen, als der Lauf der Pistole gerade in Wills Richtung zeigte, dann wusste Will, dass er Jack niemals dafür hassen würde, ganz egal, wie sehr es ihm auch das Herz gebrochen hätte. Solch eine Wahl war unmenschlich, niemand sollte je gezwungen werden, solch eine Entscheidung zu fällen, und noch weniger sollte man ihn hinterher dafür kritisieren. Aber er wusste, dass er nichts, von dem was er dachte, aussprechen konnte, da ihm selbst klar war, wie selbstherrlich es aus seinem Munde klingen würde. Daher beendete Will einfach nur schweigend sein Mahl und stellte anschließend die Schale zurück auf den Nachttisch. Dann streckte er den Arm aus und ergriff Jacks Hand. „Du solltest versuchen ein wenig zu schlafen.“
 
Jack schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kann nicht schlafen.“
 
„Und ob du das kannst. Komm ins Bett. Bleib heute Nacht bei mir.“
 
Er erhielt keine Antwort auf diese Bitte.
 
Will versuchte es noch einmal. „Bitte bleib. Ich hatte noch keine Gelegenheit dir zu sagen, wie dumm und falsch es von mir war, dir und Nate hinterher zu spionieren.“
 
Diese Aussage lockte endlich ein kleines Lächeln hervor. „Stimmt, das hattest du nicht.“
 
„Ich wusste selbst, dass es nicht richtig war“, sagte Will. „Aber ich konnte mich einfach nicht zurückhalten.“ Er hatte kein Bedürfnis danach Jack zu erzählen, wie eifersüchtig er wirklich gewesen war, und wie viel Angst er davor gehabt hatte, Jack an Nate zu verlieren. Nicht jetzt, wo Jack Nates Liebe gerade auf so furchtbare Weise verloren hatte. „Jack, es tut mir so Leid.“
 
„Du weißt, dass ich nicht oft wütend werde.“ Jack drückte Wills Hand. „Aber wenn es um Vertrauen geht… naja, da ist es wirklich wichtig.“
 
„Ich weiß.“ Will wusste nicht wie er sein Bedauern darüber, dass er das Vertrauen zwischen ihnen gebrochen hatte, jemals in Worte fassen sollte. „Es ist nur… ich habe noch nie zuvor jemanden so sehr geliebt…“ Er zögerte und versuchte verzweifelt die richtigen Worte zu finden, da er wusste, dass Jack seine romantische Seite normalerweise lieber verleugnete. „Was ich damit sagen will ist… ich bin schon früher eifersüchtig gewesen, damals, als ich dachte, ich sei in Elizabeth verliebt und Norrington stünde mir im Weg. Aber die Gefühle von damals waren nicht mehr als ein Funke, verglichen mit diesem alles verzehrenden Inferno, das mich hier überkam. Du und Flynn, ihr hattet all das, was ich nie mit dir hatte. Eine lange, gemeinsame Vergangenheit, gemeinsame Erinnerungen, Opfer, die ihr gebracht habt. Ich dachte dagegen könnte ich wohl niemals ankommen. Ich hatte keine Hoffnung, dich auch nur irgendwie halten zu können. In ein und demselben Moment hatte ich alles und nichts zu verlieren.“ Noch während er sprach, bemerkte Will, wie hoffnungslos theatralisch und überzogen seine Gefühle klangen, wenn er versuchte, sie in Worte zu fassen. „Gott, ich klinge wie eine Figur in einem Melodrama.“
 
„Auf der Bühne“, stimmte Jack ihm zu, „wärst du wohl der feurige, junge Liebhaber.“ Er lächelte.
 
Allein die Tatsache, dass Jack ihn überhaupt noch anlächeln konnte, ließ Will vor Erleichterung aufatmen. „Nein, ich denke ich wäre wohl besser in der Rolle des einfachen jungen Tölpels.“
 
„Möglicherweise.“
 
All die Zweifel, die Will hinsichtlich ihres Altersunterschiedes gehabt hatte, kamen mit einem Mal wieder an die Oberfläche. „Auf jeden Fall jung, soviel steht fest“, sagte er. Er drückte Jacks Hand. „Hast du dich eigentlich jemals gefragt, ob ich möglicherweise zu jung für dich bin?“
 
„Was?“ Jack sah ihn verblüfft an. „Ob du was bist?“
 
„Naja, dachtest du jemals, dass die zwanzig Jahre, die zwischen uns liegen, vielleicht zuviel sein könnten? Dass du vielleicht glücklicher wärst mit jemanden, der näher an deinem Alter ist, jemand, mit dem du mehr gemeinsam hast.“
 
„Du meinst jemand, der so steinalt und verkalkt ist wie ich?“
 
„Das habe ich ganz bestimmt nicht gemeint!“
 
Jack seufzte. „Du meinst, ob ich vielleicht besser dran wäre, mit jemandem, der nicht ganz so melodramatisch ist wie du, ist es das?“
 
„Sowas in der Art. Einfach jemand, der mehr Lebenserfahrung hat.“
 
„Jemand, der nicht bei der leisesten Provokation gleich voreilig und Hals über Kopf losstürzt, ohne auch nur einmal nachzudenken?“
 
„Ja.“ Das war sicherlich eine treffende Beschreibung seines Temperaments.
 
„Oder jemand, der nicht sofort in rasende Eifersucht verfällt, sobald mal ein ehemaliger Liebhaber am Horizont auftaucht?“
 
„Genau.“
 
„Oder jemand, der nicht sofort von Schuldgefühlen zerfressen wird, bei jeder noch so kleinen Ungezogenheit?“
 
Will biss sich auf die Unterlippe. Diese Einschätzung war näher an der Wahrheit als ihm lieb war. „Du kannst jederzeit aufhören.“
 
Jack ließ seine Hand los und beugte sich nach unten, um seine Stiefel auszuziehen. „Die Anzahl der Jahre verändern den Charakter eines Mannes nicht, Will.“
 
„Aber die Erfahrung schon.“
 
„Manchmal.“ Jack schob sich seine Stiefel von den Füßen und kickte sie durchs Zimmer. „Aber nicht immer. Auch mit vierzig kann ein Mann immer noch ein Tölpel sein.“
 
„Ich schätze, das ist wohl wahr“, sagte Will. „Aber nicht in deinem Fall.“
 
„Ach nein?“
 
„Jedenfalls ist es mir nicht aufgefallen.“
 
„Na dann halt dich fest – du wärst vielleicht überrascht.“ Langsam entledigte sich Jack seiner Kleider und konnte sich dabei den ein oder anderen kleinen Schmerzenslaut nicht verkneifen. „Verfluchte Baumwurzeln.“
 
Will grinste. „Bist du etwa gestolpert?“
 
„Mehr als nur einmal. Autsch. Ich sag dir, ich hab blaue Flecken, wo kein Mann je blaue Flecken haben sollte.“ Er lief durchs Zimmer zur anderen Seite des Bettes und kroch behutsam unter die Decke. „Was dagegen, mir ein Kissen abzugeben?“
 
„Oh, tut mir Leid.“ Will hatte völlig vergessen, dass sie alle hinter seinen Rücken gestopft waren. Er lehnte sich nach vorne, damit Jack sich eines heraus ziehen konnte, dann ließ er sich wieder nach hinten sinken. „Soll ich das Licht ausmachen?“
 
„Nur zu.“
 
Will löschte die Lampe. Keiner von ihnen hatte daran gedacht die Vorhänge zu schließen, daher fiel das helle Mondlicht ungehindert auf ihr Bett. Wenigstens wollte Jack noch neben ihm einschlafen.
 
„Du hast mich nicht gefragt, was passiert ist“, sagte Jack.
 
„Ich hab’s auch nicht vor“, antwortete Will. Er wusste genau, was Jack meinte. Er sprach von dem, was Flynn und er miteinander besprochen hatten, während sie gemeinsam mit der Destiny unterwegs waren. Von dem, was sie zusammen getan hatten, und wie sie letztlich diese eine Nacht miteinander verbracht hatten. „Was auch immer zwischen dir und ihm passiert ist, ich muss es nicht wissen.“ Er hatte seine Lektion gelernt. „Mir ist die Neugierde vergangen.“
 
„Bin froh das zu hören.“
 
Schweigend lagen sie eine Zeitlang einfach nur dicht nebeneinander. Will war noch immer auf einen Stapel Kissen gestützt, weil diese Haltung weniger Druck auf seine verletzte Schulter ausübte. Jack lag auf dem Rücken. Er hatte einen Arm hinter seinem Kopf verschränkt, der andere lag auf der Decke, direkt über seiner Taille. Er sah ruhig und friedlich aus, friedlicher als Will ihn seit geraumer Zeit gesehen hatte. „Jack, ich bin froh, dass du hier bist.“
 
„Ist nicht das, was ich erwartet hätte.“
 
„Hm? Ich glaub, ich kann dir nicht ganz folgen.“
 
„Du und ich“, sagte Jack leise. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir noch einmal so nebeneinander liegen würden.“
 
Will musste bei diesen Worten einen kurzen Anflug von Panik bekämpfen. War es etwa tatsächlich so knapp gewesen? War Jack wirklich so kurz davor gewesen ihn zu verlassen? „Wann hast du das gedacht?“
 
„Als Nate und ich alleine unterwegs waren.“
 
Oh Gott. Flynn musste Jack wirklich alles bedeutet haben. Es war genau das, wovor Will sich die ganze Zeit über so sehr gefürchtet hatte. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich es nicht wissen muss.“
 
„Ja, aber vielleicht muss ich es dir ja erzählen.“
 
Will gab nach, schon alleine deshalb, weil er wusste, wie viel Überwindung es Jack kostete, über seine Gefühle zu sprechen. „Na dann los, erzähl’s mir. Was ist passiert?“
 
„Wir haben über alte Zeiten geredet. Ich hab ihm von der Pearl erzählt und wie ich sie von Barbossa zurück erobern konnte. Ich hab ihm alles erzählt, was vorgefallen ist.“ Er hielt einen Moment lang inne. „Und ich hab ihm von dir erzählt.“
 
Es war nicht unbedingt das, was Will hören wollte. Unbewusst lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er zog die Decke bis nach oben unter sein Kinn, obwohl er genau wusste, dass es nicht die kühle Luft im Raum war, die ihn zittern ließ. „Du hast ihm alles erzählt?“
 
„Genug.“ Jack seufzte. „Ich weiß, dass es mindestens eine Sache auf der Welt gibt, die einen Mann von vierzig dazu verleiten kann, sich wie ein Tölpel aufzuführen. Wenn man zwei Leute lieben will, aber gleichzeitig weiß, dass es unmöglich ist.“
 
Ich hätte daran denken müssen. Will sprach seine Gedanken nicht laut aus. Die ganze Zeit über war er so eifersüchtig gewesen, aber keine Sekunde lang hatte er darüber nachgedacht, wie sehr Jack wohl unter der ganzen Situation leiden musste. Will hatte geglaubt, Jack würde ihn einfach so verlassen, um endlich bei Flynn zu sein, aber in Wirklichkeit war die Entscheidung für Jack sicher alles andere als leicht gewesen. „Für ihn hat es also nie jemand anderen gegeben?“, fragte Will. „In den ganzen vier Jahren nicht?“
 
„Jedenfalls niemand, mit dem es ihm wirklich ernst war.“
 
Dann liebt er dich also immer noch… Auch diesen Gedanken sprach Will nicht laut aus. Er hatte schließlich selbst gehört, wie Flynn Jack beteuert hatte, er würde ihn noch immer lieben. Und obwohl er nach all den merkwürdigen Geschichten, die Flynn ihnen erzählt hatte, berechtigte Zweifel daran hegte, dass der Mann stets in allen Dingen die Wahrheit sprach, so wusste Will doch, dass zumindest dieses eine Geständnis vollkommen ehrlich gewesen war. „Du hast die Nacht mit ihm verbracht.“ Er musste es gar nicht erst als Frage formulieren. „Du hast sein Bett geteilt.“
 
„Ja.“
 
Nein, Details waren hier wirklich nicht notwendig. Will war jedoch überrascht, dass er sich angesichts dieser Tatsache weitaus weniger entmutigt fühlte, als er ursprünglich angenommen hatte. Ganz offensichtlich musste irgendetwas schief gelaufen sein, denn sonst wäre er jetzt wohl derjenige, der verletzt einige Türen weiter den Gang hinab läge. „Haben vier Jahre Trennung denn wirklich so einen großen Unterschied gemacht?“
 
„Ich weiß nicht. Vielleicht. Manchmal ist es die Erinnerung, die einem einen Streich spielt.“
 
Will glaubte zu verstehen worüber Jack sprach, zumindest halbwegs. Je weiter etwas in der Vergangenheit zurück lag, desto stärker wurde es oft von den eigenen Empfindungen verfälscht. Schöne Erinnerungen erschienen einem noch wundervoller, während schlimme Erinnerungen immer tiefer in den dunklen Schatten fielen, je nachdem wie weit man sich von ihnen entfernte. „Das Gedächtnis malt die Vergangenheit in seinen eigenen Farben“, sagte er. „Manchmal macht es die Erinnerungen nachträglich besser, manchmal erscheinen einem die Dinge größer, als sie in Wirklichkeit waren. Es ist wie durch einen rosa Schleier.“
 
Bedeutete dies etwa, dass Jack Nate in den vergangenen Jahren mehr geliebt hatte, als es umgekehrt der Fall war? War es vielleicht das, was Jack während ihrem kurzen Treffen herausgefunden hatte? War ihre Beziehung möglicherweise von Anfang an im Ungleichgewicht gewesen, aber hatte die Tatsache, dass Nate scheinbar sein Leben für Jack geopfert hatte, möglicherweise Jacks Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit verfälscht? Und nun hatte sich der rosafarbene Schleier verflüchtigt und all die Fehler und alten Makel waren mit einem Schlag wieder ans Licht gekommen?
 
Jack hatte in den letzten Tagen erkennen müssen, dass Nate ihm während all der Zeit, in der sie zusammen gewesen waren, niemals wirklich die Wahrheit gesagt hatte. Nate war nie wirklich ehrlich zu Jack gewesen, und möglicherweise waren seine Liebeserklärungen auch nur ein Teil dieses großen Netzes aus Lügen.
 
Aber dennoch… Flynn hatte behauptet, er würde Jack noch immer lieben. Hatte der eine Tag und die eine Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, diese Aussage etwa auf eine solch harte Probe gestellt? Hatte diese kurze Zeit etwa tatsächlich ausgereicht, all die Erinnerungen zu zerstören, an die Jack sich über die Jahre hinweg so verzweifelt geklammert hatte? „Ist es das, was passiert ist?“, fragte Will daher. „Du musstest herausfinden, dass die Dinge nicht mehr so sind, wie sie einst waren?“
 
„Manchmal“, sagte Jack langsam und bedächtig, „manchmal kommt es vor, dass die Menschen, die ein Mann auf seinem Weg kennen lernt… die Menschen, denen er nahe kommt, und die er liebt… manchmal kommt es vor, dass er sie mehr liebt, als sie ihn lieben.“
 
Also hatte er mit seiner Annahme Recht gehabt. „Aber das allein macht einen Mann doch nicht zum Tölpel, Jack. Man kann das nicht immer so deutlich erkennen. Vertrau mir, ich sollte es wissen. Manchmal ist man einfach geblendet von dem, was man in seinem eigenen Herzen fühlt. Du kannst nicht immer wissen, was andere Leute für dich empfinden.“
 
„Nein, ich glaube nicht, dass du verstehst. An dem Tag, an dem wir zusammen losgezogen sind, da dachte ich, es würde alles wieder so sein, wie es einst war. Ich dachte, es hätte sich nichts verändert. Aber nach diesem einen Tag, und dieser einen Nacht, da wusste ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Es wird nie mehr so sein, wie es mal war. Aber nicht etwa, weil er mich nicht genug liebt, wenn es das ist, was du denkst.“
 
Es war haargenau das, was Will gedacht hatte. Und er lag falsch? Aber wenn Flynn Jack wirklich noch immer von ganzem Herzen liebte, was war dann schief gelaufen? Warum hatte es trotzdem nicht funktioniert?
 
„Du hast Recht. Ich hab keine Ahnung was du meinst.“
 
„An dem Tag, da war ich stinksauer auf dich“, sagte Jack. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so wütend war… auf irgendwen. In dem Moment hätte es für mich doch wirklich einfach sein müssen, mich umzudrehen und zu gehen, oder? Es hätte leicht sein müssen, zu Nate zurück zu gehen und stattdessen bei ihm zu bleiben. Aber du wolltest mich einfach nicht gehen lassen.“
 
Will runzelte verwirrt die Stirn. „Aber ich war doch nicht einmal in der Nähe.“
 
„Und genau da liegt das Problem, Kumpel. Du warst da. Die ganze verdammte Zeit über. Ganz egal worüber wir sprachen, ganz egal was wir auch taten und ganz egal wie sehr ich auch versucht habe es zu verdrängen… nichts hat funktioniert. Alles woran ich denken konnte warst du.“
 
Ich hab falsch herum gedacht… Jack war derjenige gewesen, der Flynn weniger geliebt hatte. Manchmal spielt einem die Erinnerung einen Streich.
 
„Ich glaube nicht, dass er irgendwas bemerkt hat“, fuhr Jack fort. „Und ich hab’s ihm auch ganz bestimmt nicht gesagt. Ich konnte es einfach nicht übers Herz bringen, er war so verdammt froh mich endlich wieder bei sich zu haben. Er war so froh, dass ich noch immer Gefühle für ihn hatte. Und die hab ich auch.“ Seine Stimme wurde bitter. „Aber jetzt… jetzt weiß er es wohl, oder?“
 
Zum allerersten Mal konnte Will verstehen, wie Nate Flynn sich wohl gerade fühlen musste. Er selbst war es gewesen, der sich Jacks Liebe auf Kosten von Flynn erkämpft hatte. Flynn musste sehr darunter leiden… etwas zu verlieren, von dem man gerade gedacht hatte, man hätte es endlich wieder bekommen… es war schlimm, aber dann war er auch noch beinahe gestorben, weil der Mann, den er liebte, sich entschied, an seiner Stelle einen anderen zu retten.
 
„Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er einfach tot geblieben wäre“, flüsterte Jack in die Dunkelheit. „Er hätte in der Vergangenheit bleiben sollen, dort gehört er hin. Mit Geistern kann ich umgehen.“
 
„Ich nicht“, antwortete Will.
 
„Was du nicht?“
 
„Ich kann mit Geistern nicht umgehen.“
 
„Oh“, sagte Jack. „Nein, das kannst du wirklich nicht.“
 
„Es tut mir so Leid.“ Will rutschte langsam im Bett nach unten und streckte seinen gesunden Arm in Jacks Richtung, um ihn auf seine Brust zu legen. „Mit der Zeit wird es vielleicht leichter, weißt du? Lass die ganze Geschichte einfach ein Weilchen ruhen, ja?“
 
Jack drehte sich ein Stück in seine Richtung und legte seine Hand auf Wills Arm. „Ich werd’s versuchen.“
 
„Gut.“
 
„Eine Sache ist da allerdings noch.“
 
Was denn jetzt noch? „Dann raus damit.“
 
„Nur, dass ich mir plötzlich nicht mehr sicher bin, ob ich dich wirklich verdiene“, sagte Jack.
 
Will sah ihn überrascht an. „Seit wann denn das?“
 
„Seit unserem kleinen Showdown im Wald. Du warst gerade dabei, dich zu bewegen, nicht war? Du wolltest Rossers Aufmerksamkeit auf dich ziehen, um mir zu ersparen, dass ich zwischen euch beiden wählen muss.“
 
War es etwa tatsächlich diese winzige Bewegung gewesen, das bloße Anspannen seiner Muskeln, die Jack dazu verleitet hatte, genau in dem Moment anzugreifen? „Vielleicht.“
 
„Du musst gar nicht so scheinheilig tun, Kumpel. Ich weiß ganz genau, was du vorhattest. Du wolltest dich selbst zur Zielscheibe machen. Ich wollte das nicht. Nur…“ Er verstummte.
 
„Nur was?“
 
„Danke“, sagte Jack.
 
Will nahm Jacks einfachen und aufrichtigen Dank an und verschloss ihn tief in seinem Herzen. Dann schlang er seinen Arm noch ein wenig fester um Jack. „Können wir’s jetzt einfach gut sein lassen?“
 
„Ja, das können wir.“
 
„Das ist gut.“
 
„Ich hab eine Idee. Du könntest mich ablenken, indem du mir noch ein paar Mal mehr erzählst, wie alt ich bin.“
 
Will lachte. „Ich hatte nicht vor, dich steinalt klingen zu lassen.“ Dann hielt er plötzlich inne. „Wie alt bist du denn eigentlich überhaupt?“
 
„Keine Ahnung. Welches Datum haben wir?“
 
„Ich bin mir nicht sicher. November, oder so.“ Will versuchte, sich an das letzte, sichere Datum zu erinnern und rechnete von da aus, die Tage nach vorne. Er schätze, dass es wohl um den 24. sein musste, als ihm plötzlich etwas bewusst wurde. Er selbst war inzwischen ein Jahr älter geworden. „Ich hatte vor drei Tagen Geburtstag.“
 
„Wirklich? Der wievielte war das?“
 
„Der 21. Das ist nebenbei bemerkt jetzt auch mein Alter.“
 
„Du kannst unmöglich Ende November geboren worden sein.“
 
„Warum nicht?“ Will sah ihn überrascht an. „Ich denke, wenn es einer wissen sollte, dann ja wohl ich.“
 
„Weil ich Ende November Geburtstag habe. Am 29.“
 
„Hey, das ist gut, dann haben wir’s noch nicht verpasst. Wir sollten das feiern.“ Will konnte sich daran erinnern, dass Jack ganz zu Beginn ihrer Bekanntschaft gesagt hatte, er sei ein Jahr älter als Bill Turner. Wills Vater war zwanzig Jahre alt gewesen, als Will geboren wurde. Das würde bedeuten, dass Jack wohl bald seinen 41. Geburtstag feierte. Er sah viel jünger aus, trotz der Feststellung von Edward Eaton, das Leben auf See ließe einen Mann schneller altern. Merkwürdig. War es am Ende möglich, dass Jack einen Fehler gemacht hatte, als er sagte, er sei älter als Wills Vater?
 
„Jack, in welchem Jahr wurdest du geboren?“
 
„1694.“
 
„Will überschlug die Jahre schnell im Kopf. „Das ist nicht möglich. Dann wärst du nämlich jünger als mein Vater.“
 
„Unsinn. Bill war jünger als ich.“
 
Vielleicht hatte er das Jahr verwechselt, vielleicht wusste er es auch wirklich nicht mehr. Möglicherweise hatte Jack in diesem riesigen Lügengespinst, das er um seine Piratenlegende gewoben hatte, irgendwann selbst vergessen, was wirklich die Wahrheit war. Will beschloss einfach, auf gut Glück ein paar Fragen zu stellen, um so der Wahrheit auf den Grund zu kommen. „Na gut, wie alt warst du, als du das erste Mal zur See gefahren bist?“
 
„Du stellst aber heute ganz schön viele Fragen, Kumpel.“
 
„Ich versuche nur dich abzulenken. Also, antworte mir.“
 
„Ich war dreizehn.“
 
Reingefallen. „Nein, du warst zehn. Das hast du mir selbst erzählt.“
 
„Aber das ist nicht möglich.“
 
„Na gut, dann lass es uns andersherum versuchen. In welchem Jahr hast du auf der Rosinante angeheuert. Das Schiff, auf dem du meinen Vater zum ersten Mal getroffen hast?“
 
„In welchem Jahr? Darüber muss ich erstmal nachdenken…“
 
„Ich warte gerne.“
 
Jack murmelte ein Weilchen vor sich hin, dann sagte er: „Es war im Frühjahr… im Jahre des Herrn siebzehnhundertelf.“
 
Und schon wieder reingefallen. „Mein Vater war damals 21 Jahre alt. Er hatte England gerade erst verlassen. Ich war ein Jahr alt. Er war zwanzig, als ich geboren wurde. Wenn du also im November 1694 geboren wurdest, dann warst du im Frühjahr 1711 erst sechzehn Jahre alt.“
 
„Aber das ist es, woran ich mich erinnere.“ Jack klang nun aufrichtig verwirrt.
 
„Deine Eltern starben als du zehn warst, richtig?“
 
„Ja.“
 
„Aber du bist nicht zur See gegangen bis du dreizehn warst? Was hast du denn dann getrieben, in diesen drei Jahren?“
 
„Naja…“ Jack zögerte. „Nein, ich ging gleich zur See.“
 
„Als du zehn warst.“
 
„Nein, ich war… also… ich dachte ich sei dreizehn…“ Die Verwirrung in Jacks Stimme wurde immer deutlicher, aber Will hatte es längst für ihn herausbekommen.
 
„Du hast gelogen, was dein Alter betraf, Jack.“
 
„Ich habe was?“
 
„Du hast gelogen, um an Bord des Schiffes zu kommen. Du bist relativ dünn, wahrscheinlich bist du schon immer ziemlich schmächtig gewesen für dein Alter. Du hast ihnen also gesagt, du wärst älter, damit sie dich mit an Bord nehmen, richtig?“
 
„Wäre gut möglich.“
 
„Und seit dieser Zeit hast du gelogen, wenn es um dein Alter ging. Du hast wahrscheinlich immer mal hier und da ein paar Jahre drauf geschlagen, vielleicht um in der Hierarchie aufzusteigen, oder um einen besseren Posten zu bekommen. Und du hast so lange gelogen, dass du irgendwann selbst angefangen hast, die Lügen zu glauben!“
 
„Das habe ich getan?“ Jack schien nicht wirklich überzeugt. „Und du bist dir da sicher?“
 
„Absolut. Du wirst in fünf Tagen 36 Jahre alt, nicht 41.“
 
„Wirklich?“
 
Will war angesichts dieser neuen Erkenntnis restlos begeistert. „Und ich dachte doch tatsächlich, es lägen zwanzig Jahre zwischen uns, wenn es in Wirklichkeit doch nur fünfzehn sind.“
 
„Freu dich lieber nicht zu früh. Ich bin immer noch ein ganzes Stück älter als du.“
 
„Ja, aber wenn du erlaubst, freue ich mich erstmal über die fünf Jahre. Auch wenn es bedeutet, dass ich mich möglicherweise noch fünf Jahre länger mit dir herumschlagen muss.“
 
„Immer schön vorsichtig“, warnte Jack. „Du fängst schon an, so wie ich zu klingen.“
 
Will lehnte sich nach vorne und drückte einen zärtlichen Kuss auf Jacks Stirn. „Ich will so viele Jahre, wie ich kriegen kann“, flüsterte er.
 
„Und die wirst du auch bekommen“, antwortete Jack. „Und jetzt geh schlafen.“
 
Will legte seinen Kopf zurück auf die Kissen und schloss die Augen. Er schlief tief und fest und konnte sich hinterher an keinen einzigen seiner Träume erinnern.
 
~*~**~*~
 
Als er am nächsten Morgen erwachte, war Jack bereits weg. Für einige Sekunden, während er sich noch immer in diesem verschwommenen Zustand zwischen Schlaf und Wirklichkeit befand, fragte sich Will, ob seine gesamte Unterhaltung mit Jack in der vergangenen Nacht, möglicherweise nicht mehr als nur ein Traum gewesen war. Als er jedoch die letzten Reste von Schlaftrunkenheit abschüttelte, konnte er Jacks Stiefel erspähen, die noch immer am Boden lagen. Genau dort, wo Jack sie in der vergangenen Nacht hingekickt hatte.
 
Kurze Zeit später kam Jack auch schon zurück, mit nichts weiter als Hemd und Hose bekleidet. Er hatte Swanns Arzt im Schlepptau. „Es wird Zeit für die Visite, Kumpel.“
 
Geduldig hielt Will still, während der Arzt seine Schulterwunde versorgte und sie neu verband.
 
„Die Wunde ist schon wieder viel besser, Junge“, erklärte er Will, nachdem er fertig war. Dann drehte er sich zu Jack um. „Kein Anzeichen von Fieber?“
 
„Er war komplett im Delirium. Die ganze Nacht hat hindurch hat er nur fantasiert“, antwortete Jack prompt.
 
„Was?“
 
Jack grinste. „’tschuldigung, ich konnt’ einfach nicht widerstehen.“
 
Der Arzt hob vorwurfsvoll eine Augenbraue. „Also wirklich, Sir. Die Gesundheit eines Mannes ist zu ernst, als dass man darüber Scherze macht.“
 
„Selbstverständlich.“ Jack schob den Mann aus dem Zimmer, dann kam er hinüber zum Bett und setzte sich auf die Kante. Er blickte Will an. „Es geht dir doch wirklich besser, oder?“
 
„Ich fühl’ mich schon wieder viel stärker und die Wunde tut auch kaum noch weh. Nur noch ein Wehwehchen. Hilfst du mir auf?“
 
„Klar.“ Jack stützte ihn bei seinem Weg durch den Flur bis ins Badezimmer, dann half er ihm wieder zurück ins Bett. Vorsichtig ließ er Will nach unten auf die Matratze sinken.
 
„Frühstück?“, fragte Will mit hoffnungsvoller Stimme.
 
„Ist schon unterwegs.“
 
„Gut.“ Mit einiger Verspätung realisierte Will plötzlich, dass Jack den Arzt in Flynns Krankenzimmer abgefangen haben musste. Er berührte Jacks Arm. „Wie geht es ihm?“
 
„Er ist auf dem Weg der Besserung. Der Schuss scheint hauptsächlich Muskelmasse verletzt zu haben, und er hat dadurch eine Menge Blut verloren. Das Fieber ist aber ausgeblieben. Es heißt, dass er wohl durchkommen wird.“
 
„Das sind doch wirklich gute Neuigkeiten.“ Und eine unglaubliche Erleichterung.
 
„Allerdings.“
 
Will hatte das Gefühl, dass Jack noch immer ziemlich entmutigt klang, auch wenn sich Flynns Zustand inzwischen gebessert hatte. „War er denn schon wach? Will er etwa immer noch nicht mit dir reden?“
 
„Er war wach.“ Jack senkte den Kopf und rieb sich mit einer Hand über die Stirn. „Und nein, er will nicht mit mir reden.“
 
„Dann werde ich eben zu ihm gehen, und ihm sagen, was für ein Dummkopf er ist.“ Energisch setzte sich Will auf, und schlug die Decke zur Seite um aufzustehen.
 
„Das wirst du schön bleiben lassen.“ Jack drückte ihn sofort zurück in die Kissen. „Was denkst du dir denn? Das Ganze hat nicht das Geringste mit dir zu tun.“
 
„Alles was dich betrifft, hat mit mir zu tun.“ Aber die Wut, die kurzzeitig in ihm aufgeflackert war, war schon längst wieder verraucht und Will lehnte sich bereitwillig zurück aufs Bett. Er warf Jack ein beschämtes Lächeln zu. „Du musst verrückt sein, dass du mich immer noch bei dir haben willst, weißt du das?“
 
„Und ob ich das weiß.“ Jack sah ihn liebevoll an. „Und ich will dich absolut bei mir haben. Mit dir zusammen wird’s nie langweilig, das zumindest, muss man dir lassen.“
 
„Hey, ich hatte ein vollkommen langweiliges Leben, bis ich dich getroffen habe.“
 
„Ach was du nicht sagst. Du hast wie ein Tier geschuftet, den ganzen Tag hindurch Schwerter geschmiedet, niemanden gehabt, gegen den du sie hättest benutzen können, und du hast die ganze Zeit über aus der Ferne Elizabeth angeschmachtet?“ Jack richtete seine Augen mit einem nachdenklichen Blick zur Decke und legte sich bedächtig einen Finger aufs Kinn. „Ja, da hast du wohl Recht… das ist einfach nur todlangweilig.“
 
Will war kurz davor, ihm ein Kissen an den Kopf zu werfen, dann besann er sich jedoch eines Besseren. „Du bist derjenige, mit dem es nie langweilig wird.“
 
„Ich?“ Jack legte in gespielter Entrüstung die Hände auf die Brust. „Wie kommst du nur darauf? Alles was ich tue, ist durch die Karibik segeln, Rum trinken und mir mein Gehirn von der Sonne weich kochen lassen.“
 
„Das ist ziemlich genau das, was ich von dir dachte, als ich dich zum ersten Mal getroffen habe“, gab Will zu.
 
Jack hob beleidigt eine Augenbraue. „Aber doch wohl nicht, als wir miteinander gekämpft haben, oder? Ich fand mich da eigentlich ziemlich einschüchternd.“
 
„Nein, mehr als ich dich aus dem Gefängnis rausgeholt habe. Wie du dalagst und mit den Händen in der Luft rumgefuchtelt und irgendwelchen Mist über eine mystische Insel geschwafelt hast… und wie du so getan hast, als sei das Gefängnis für dich nicht mehr als eine lästige Unannehmlichkeit. Und dann diese ganze Geschichte, als wir mit dem Boot unter Wasser getaucht sind… das war doch einfach nur völlig schwachsinnig. Als du mich dann letztendlich mit dem Mast raus aufs Meer geschwungen hast, da wusste ich einfach, dass völlig verrückt bist.“
 
„Ah. Du fandest mich also nicht vielleicht einfach nur schillernd?“
 
Will schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, Jack.“
 
„Wie wäre es mit bezaubernd exzentrisch?“
 
„Du warst total bescheuert“, sagte Will. „Und ich fürchte, die Art und Weise, wie du durch Tortuga getorkelt bist, dich betrunken hast und dir an allen Ecken und Enden Ohrfeigen einfingst, hat nicht gerade dazu beigetragen, meine Meinung zu ändern. Dass du dann auch noch die wohl abgerissenste Mannschaft, die ich je in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe, angeheuert hast, deckt sich leider auch nicht mit meiner Definition von bezaubernd.
 
„Ah… was ein Jammer.“ Dann neigte Jack den Kopf und runzelte nachdenklich die Stirn. „Und wann genau war es dann, dass du beschlossen hast, ich sei es vielleicht doch wert, mich näher kennen zu lernen?“
 
Will dachte darüber nach, während er sich all die hektischen Ereignisse, die er und Jack durchlebt hatten als sie zu Elizabeths Rettung aufbrachen, noch einmal ins Gedächtnis rief. „Naja, trotz der Tatsache, dass ich dich für völlig verrückt hielt, und trotz der Tatsache, dass ich einem Piraten unmöglich trauen konnte… war da von Anfang an irgendwas. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es so richtig beschreiben kann. Ich hatte noch nie zuvor jemanden wie dich getroffen, noch nie zuvor war ich jemandem begegnet, der sich so benahm wie du. Ich schätze, dass es da schon eine gewisse Anziehung gab, vermutlich, weil alles an dir so völlig anders war, als ich es aus meiner Erfahrung kannte. Du warst so merkwürdig, dass es schon wieder irgendwie faszinierend war. Auch wenn ich mich immer sehr darum bemüht habe, dir nicht über den Weg zu trauen, ich konnte einfach nichts dagegen tun… ich fiel in deinen Bann.“
 
„Also hatte ich Recht“, sagte Jack. „Ich hab dich verzaubert.“
 
„Vielleicht war es wirklich so.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen dachte Will zurück an den Tag in Tortuga, als sie versucht hatten, eine Mannschaft zusammen zu stellen. Als er selbst für kurze Zeit in Jacks Verhaltensmuster verfiel, indem er Anamaria mit der Interceptor köderte. „Du hast mir die Augen geöffnet, für ein anderes Leben. Eines, das nicht ganz so langweilig ist.“
 
„Das kann man wohl sagen.“
 
„Natürlich“, fuhr Will fort, da er noch immer in Gedanken über ihr erstes gemeinsames Abenteuer versunken war, „warst du auch derjenige, der Barbossa davon abhielt, mir die Kehle durchzuschneiden. Ich vermute, das war wohl auch eines der Dinge, die mich davon überzeugten, dass du möglicherweise doch ein anständiger Kerl bist.“
 
„Oh ja. Ich dachte mir, du wärst es vielleicht wert, gerettet zu werden“, grinste Jack. „Irgendwas war da auch an dir, Kumpel. Selbst als du mir das Paddel über den Kopf gezogen hast, dachte ich mir nur… ‘Naja, der Junge hat eben Feuer, daran ist nichts verkehrt’.“
 
Will war froh das zu hören. „Ich habe mich oft gefragt, was du wohl in mir gesehen hast.“ Vielleicht war es ja so, dass Jack ursprünglich hauptsächlich wegen den körperlichen Aspekten in ihrer Beziehung mit ihm zusammen gekommen war, aber Will wusste, dass er deshalb sicherlich nicht bei ihm geblieben war. Für eine Beziehung, die nur auf so etwas Banales wie Sex basierte, hätte Jack sich ganz bestimmt nicht gegen Nate Flynn entschieden.
 
„Mut“, antwortete Jack. „Kühnheit, Verwegenheit. Loyalität. Ehrlichkeit. Hingabe. Und nicht zu vergessen, deine Fähigkeit zur Selbstaufopferung.“
 
Will bemerkte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. „Ich bin doch gar nicht so heldenhaft.“
 
„Doch, das bist du.“ Jack legte seine Hand auf Wills Oberschenkel. „Du warst das Einzige, was zwischen mir und dem Galgen stand, Kumpel. Du warst bereit zu sterben, nur um mir den Hals zu retten.“
 
„Naja, was soll ich sagen… es ist ein hübscher Hals“, sagte Will. Er wünschte, er wäre schon wieder kräftig genug, diesen Hals zu küssen, und diesen Nacken, diese Brust… genau genommen war er dazu auch kräftig genug, aber sicherlich wäre er nicht in der Lage, die Dinge zu tun, zu denen das Ganze dann unweigerlich führen würde. Und das wäre nun wirklich viel zu frustrierend. Er seufzte.
 
Es klopfte an der Tür. Jack zog seine Hand zurück und erhob sich vom Bett, als ein Diener mit dem Frühstück hereinkam. „Ah, gut. Ich bin schon halb verhungert.“
 
Sie aßen schweigend. Als sie fertig waren, zog sich Jack seine Stiefel an. „Ich werde mich mal aufmachen und die Pearl ein wenig genauer unter die Lupe nehmen. Wirst du hier alleine klar kommen.“
 
„Ich komme klar.“ Will konnte den Gedanken, in welchem Zustand Jack sein Schiff vorfinden würde, kaum ertragen. „Wird Norrington für die Reparaturen aufkommen?“
 
Jack zog sich seine Jacke über. „Wenn sie repariert werden kann, dann schon.“
 
„Sag so etwas nicht. Sie wird wieder in See stechen, ich weiß es genau.“
 
„Ich hoffe, dass du Recht hast, Kumpel.“ Jack lief hinüber zum Bett, lehnte sich nach vorne und hob Wills Kinn mit einem Finger nach oben. „Wünsch mir Glück.“ Dann gab er Will einen langen Kuss.
 
„Viel Glück“, sagte Will, als Jack die Türe hinter sich schloss.
 
~*~**~*~
 
Zwei Tage später kehrten auch Norrington und der Rest seiner Männer nach Port Royal zurück. Sie hatten noch mehr als ein halbes Dutzend weitere überlebende Piraten einfangen können, die sie nun auf direktem Weg ins Gefängnis verfrachteten.
 
Nur Captain William Rosser war ihnen entwischt.
 
Zu diesem Zeitpunkt war Wills Schulterwunde bereits soweit verheilt, dass sie zwar noch schmerzte und wund war, ihn jedoch nicht mehr übermäßig behinderte. Er konnte sein Bett auch wieder verlassen, weshalb er gemeinsam mit Jack hinauf zu Swanns Villa lief, um sich dort mit Norrington zu treffen und seinen Bericht abzuliefern.
 
Sie kamen am späten Nachmittag dort an, gerade rechtzeitig zum Tee, der im Gesellschaftszimmer serviert wurde. Will fand es irgendwie bizarr sich vorzustellen, wie Jack auf einem mit Blümchenstoff überzogenem Stuhl saß und an einer zierlichen Porzellantasse nippte. Aber tatsächlich war es so, dass Jack Tee sogar sehr gerne mochte und er der Angelegenheit kurzerhand seinen ganz persönlichen Stempel aufdrückte. Erst häufte er Unmengen von Zucker in seine Tasse und fügte soviel Sahne hinzu, dass sein Getränk eine hellbeige Farbe annahm, dann schnappte er sich eine Handvoll Teegebäck, ließ sich lässig nach hinten auf den Stuhl fallen, legte ein Bein hoch auf seinen Oberschenkel und prostete Swann enthusiastisch zu. „Cheers!“ Swann schüttelte nur in trauriger Resignation den Kopf. 
 
Norrington betrat das Zimmer und blickte hinüber zu Jack und Will, die am Tisch saßen. Er begrüßte Swann mit einem Kopfnicken. „Governor. Ich freue mich berichten zu können, dass wir acht weitere Männer von Rossers Mannschaft gefangen genommen haben.“
 
„Das sind wirklich sehr gute Neuigkeiten. Bitte, nehmt Platz, Commodore. Möchtet Ihr vielleicht einen Tee?“
 
Norrington setzte sich neben Swann auf das Sofa und nahm die Tasse entgegen, die das Dienstmädchen ihm reichte, bevor es leise wieder verschwand. „Ich bedaure sehr, dass es uns leider nicht gelungen ist, auch Captain Rosser selbst zu verhaften.“
 
„Ja, das ist wirklich höchst bedauerlich“, antwortete Swann.
 
„Wir haben ihn und seinen ersten Maat, Marston, durch den ganzen Wald gejagt, aber sie haben einen Bogen um uns herum geschlagen und sind wieder zurück zum Strand geflüchtet. Als wir unseren Irrtum bemerkten und die Verfolgung aufnahmen, waren sie schon ein ganzes Stück weiter die Küste hinauf gewandert, wo sie sich ein Kanu beschaffen konnten, das sie einem örtlichen Fischer stahlen. Wir konnten sie leider nicht aufspüren.“
 
„Mit einem Kanu kommen sie sicher nicht weit“, sagte Will.
 
„Nein, denn aufs offene Meer hinaus können sie damit nicht“, antwortete Norrington. „Sie sind noch immer irgendwo in der Nähe.“
 
„Ich würde mal vermuten, dass er, sobald er sich wieder halbwegs sicher fühlt, sofort einen Hafen ansteuert“, sagte Jack. „Es ist viel schwieriger ihn an Land aufzuspüren.“
 
„Ja, das war auch mein Verdacht“, stimmte Norrington ihm zu. „Und er wird Jamaika schnellstmöglich verlassen wollen. Allerdings wohl kaum in einem Fischerboot. Er wird sich nach einem größeren Schiff umsehen, das er steuern kann.“
 
„Gillette sollte mit dem Kriegsschiff innerhalb einer Woche aus Tortuga zurückkommen“, antwortete Swann. „Dann werden wir genügend Männer und Feuerkraft haben, um hundert Piraten zu fangen, ganz zu schweigen von zwei.“
 
Norrington sah etwas niedergeschlagen aus. Ganz zweifellos dachte er gerade an die Dauntless, die so schweren Schaden erlitten hatte, dass sie nicht mehr zu retten war. „Ja, es wäre wirklich gut, wenn wir wenigstens ein brauchbares Schiff in der Bucht hätten. Höchstwahrscheinlich wird Rosser nach Port Morant flüchten, oder sogar noch weiter nach Nord-Osten, zumindest war das die Richtung, in die er unterwegs war, als wir ihn zum letzten Mal gesehen haben. Wenn wir ein Schiff hätten, dann könnten wir die Insel so lange umsegeln, bis wir ihn finden. Aber im Moment sind nur Fischerboote, einige kleine Handelsbriggs und Barken im Hafen.“
 
Swann wendete sich an Jack. „Wie ist die Lage auf der Pearl?“
 
Jack sah beunruhigt aus. „Sie kann innerhalb von drei oder vier Tagen wieder seetüchtig gemacht werden. Der Schaden an ihrer Hülle war oberhalb der Wasserlinie, und ihre Masten sind noch immer in gutem Zustand. Das Focksegel und das Treibersegel müssen ersetzt werden, aber meine Mannschaft arbeitet bereits an den Reparaturen.“
 
Will wusste, dass Jack der Mannschaft eine ganz ordentliche Abreibung verpasst hatte, was ihre exzessiven Sauftouren betraf, durch die sie die Pearl in solch große Gefahr gebracht hatten. Die Männer waren daher begierig darauf, ihren Fehler wieder gut zu machen und hatten sich mit Feuereifer auf die Arbeit gestürzt.
 
„Vielleicht könntet Ihr ja, sobald Ihr soweit seid, mit ihr nach Port Morant segeln“, schlug Swann vor. „Ihr könntet einige von Norringtons Männern an Bord nehmen und versuchen die zwei verbliebenen Piraten zu schnappen.“
 
„Ich glaube nicht.“ Jack schien nicht wirklich glücklich über diese Idee.
 
„Und weshalb nicht?“, fragte Norrington. „Soweit ich weiß, arbeitet Ihr noch immer für uns, oder ist das etwas nicht so?“
 
„Als ein Spion, ja.“
 
„Ah, ich verstehe.“ Norrington warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Aber nicht, wenn es darum geht Piraten zu jagen, ist es das? Haben wir da etwa moralische Bedenken?“
 
„Commodore!“, fiel Swann ihm mit scharfer Stimme ins Wort. „Ist das denn wirklich notwendig? Captain Sparrow hat vollkommen Recht, wenn er sagt, dass wir ihn lediglich als Spion engagiert haben, und als nichts anderes.“
 
Norrington grummelte leise etwas in sich hinein, was Will nicht verstehen konnte, dann nickte er Jack kurz zu. „Bitte verzeiht.“
 
„Der Grund, weshalb ich mit der Pearl nicht nach Port Morant segeln will“, sagte Jack, wobei er ganz deutlich nicht zu Norrington sprach sondern zu Swann, „ist, dass dies Port Royal noch angreifbarer machen würde. Zumindest bis Gillette wieder hier ist.“
 
„Angreifbarer?“ Fast hätte sich Swann an seinem Teekuchen verschluckt. „Das könnt Ihr doch unmöglich ernst meinen.“ Er trank einen Schluck aus seiner Tasse und räusperte sich. „Glaubt Ihr denn ernsthaft, dass Rosser es wagen würde, hier noch einmal aufzutauchen? Und denkt Ihr, selbst wenn es so wäre, dass meine Soldaten nicht alleine mit ihm fertig werden?“
 
„Ich habe eine Menge Geschichten über Rosser gehört“, sagte Jack. „Einmal hat er ein Handelsschiff attackiert, das sechsunddreißig Kanonen an Bord hatte und mehr als vierhundert Tonnen schwer war. Das Handelsschiff hatte eine Mannschaft von zweihundert Leuten an Bord und Rosser hatte nicht mehr als fünfzig Männer in fünf offenen Booten. Und sein Angriff war erfolgreich.“ Jack hielt einen Moment lang inne, um diese Informationen sinken zu lassen, bevor er fortfuhr. „Es gibt noch einen ganzen Haufen ähnlicher Geschichten weit über Madagaskar und Indien hinaus, überall dort, wo er sein Unwesen getrieben hat. Er ist gefährlich, furchtlos und brutal. Wenn er damals vor zehn Jahren an meiner Stelle Captain der Black Pearl gewesen wäre, dann hätte er sich Barbossas Kopf zum Frühstück servieren lassen, noch bevor eine Meuterei überhaupt zustande gekommen wäre.“
 
„Dann werden wir eben einfach die Wachen rund um den Hafen verstärken“, sagte Norrington. „Wir werden mehr Männer auf den Docks positionieren und an jedem einzelnen Eingang rund um die Stadt.“
 
„Das könnte ihn eventuell aufhalten“, sagte Jack. „Aber nur, wenn er auch dort lang kommt. Wer weiß, vielleicht hat er ja inzwischen schon mehr Männer als nur Marston auf seiner Seite. Ihr wisst nicht, wie viele seiner Leute dort in diesem Wald waren, oder wie viele Euch entwischt sind.“
 
Norrington wurde rot im Gesicht. „Meine Männer haben diesen Wald zwei Tage und zwei Nächte ununterbrochen durchsucht. Sie waren durch den Kampf ohnehin schon völlig erschöpft, zum Schluss konnten sie sich kaum noch auf den Beinen halten.“
 
„Bitte“, versuchte Swann zu vermitteln, „beruhigt Euch! Die Pearl wird hier in Port Royal bleiben bis Gillette zurückkehrt.“
 
„Nun gut.“ Norrington erhob sich, womit er signalisierte, dass er das Gespräch als beendet erachtete. „Ich werde ein Kontingent Männer aussenden, das die Wälder nördlich von Port Royal durchkämmen soll. Ich wünsche einen guten Tag, Governor.“ Mit schnellen Schritten verließ er das Zimmer.
 
Auch Jack stellte seine Teetasse zurück auf den Tisch. „Ich schätze, wir sollten uns auch so langsam auf den Weg machen.“
 
Will erhob sich. „Ja, vielen Dank für den Tee, Sir.“
 
Swann begleitete sie nach draußen zur Tür. „Tut mir Leid wegen Norrington. Aber irgendwie schafft Ihr es immer wieder aufs Neue, ihn auf die Palme zu bringen.“
 
„Ja, scheint so, nicht wahr?“ Jack grinste.
 
„Und wie es scheint, habt Ihr auch jedes Mal ganz ordentlich Spaß dabei, wenn ich das anmerken darf.“
 
„Oh, Ihr dürft“, antwortete Jack.
 
Will folgte ihnen nach draußen. Als sie gemeinsam nach unten in die Stadt liefen, fragte er: „Hast du wirklich Bedenken, einem Mann wie Rosser nachzujagen, nur weil er ein Pirat ist? Es ist ja nicht so, dass er jemals unter dir gedient hätte. Und du hast selbst gesagt, dass er schlimmer ist als Barbossa.“
 
„Barbossa hat mein Schiff gestohlen.“
 
„Und Rosser hat Nate Flynn angeschossen.“
 
Jack wedelte mit der Hand. „Ach so ist das, soll ich jetzt also Rache üben?“
 
„Es ist ja nicht nur das. Du würdest Nate ja auch gleichzeitig noch helfen, jetzt wo er nicht mehr in der Lage ist, Rosser selbst nachzujagen. Er war ihm immerhin eine ziemlich lange Zeit auf den Fersen.“
 
„Und das ist ganz genau der Punkt“, sagte Jack. „Das hier ist seine fixe Idee, nicht meine.“
 
„Aber ich dachte, es würde vielleicht helfen.“
 
Jack blieb stehen. „Ich weiß genau, was du dachtest.“
 
Will drehte sich um und sah ihn an. „Und was genau war das?“
 
„Du dachtest, wenn ich Rosser fange und an ihm Rache übe für Nate und für Nates Onkel, dann wäre Nate vielleicht froh darüber. Du dachtest, dass er mir dann vielleicht verzeiht.“
 
Um die Wahrheit zu sagen, der Gedanke war Will tatsächlich durch den Kopf gegangen. „Und warum auch nicht? Ich meine, was würde es denn schon schaden, es zu versuchen?“
 
Jack starrte ihn einen Moment lang einfach nur schweigend an, dann seufzte er. „Und dann was? Dann verzeiht er mir und was dann? Sollen wir dann wieder beste Freunde sein?“
 
„Naja, ich hätte erwartet, dass du wenigstens willst, dass er wieder mit dir spricht.“ Will fand diese Einstellung ziemlich verwirrend. „Ich meine, du warst so furchtbar geknickt, weil er dich nicht einmal sehen wollte.“
 
„Vielleicht denke ich ja jetzt anders darüber.“ Jack drehte sich um und begann mit schnellen Schritten weiter zu laufen.
 
Will hatte jedoch keine Mühe ihn einzuholen. „Warum?“
 
„Weil wir nicht einfach nur gute Freunde sein können, darum. Es ist besser, wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist.“
 
Während sie weiter durch die Vorortstraßen in die Stadt liefen, grübelte Will über das nach, was Jack gesagt hatte. Er kam zu dem Schluss, dass Jack noch immer genauso bescheuert war wie eh und je. Warum sollte es denn nicht möglich sein, mit jemandem, für den man viel empfand, auch weiterhin befreundet zu sein, auch wenn man nicht mehr miteinander das Bett teilte? Will liebte Elizabeth noch immer, und sie liebte ihn. Sie standen sich so nahe, wie sich zwei Menschen überhaupt stehen konnten. Selbstverständlich war die Nähe, die er mit Jack hatte, etwas völlig anderes. Natürlich war alles viel intensiver, wenn man nicht nur Herz und Seele mit einem anderen Menschen teilte, sondern auch noch seinen Körper. Aber sollte das alleine einen daran hindern, auch zu anderen Menschen eine ähnlich enge und innige Freundschaft aufzubauen? Was, wenn die Dinge anders gelaufen wären und Jack sich stattdessen für Flynn entschieden hätte? Hätte Will dann etwa auch Jacks Freundschaft verloren, gemeinsam mit dem Bett, das sie miteinander geteilt hatten? Das hätte er sicher niemals gewollt.
 
„Das, was du sagst, ergibt keinen Sinn“, sagte er.
 
Sie waren gerade in die Straße eingebogen, die zum Port Royal Inn führte. „Ich dachte das gefällt dir an mir“, antwortete Jack.
 
„Tut es auch. Aber nicht, wenn du dir selbst dabei wehtust. Nate Flynn wird dir eines Tages verzeihen, ganz einfach, weil er dich noch immer liebt. Und du liebst ihn, ob du’s nun zugeben willst oder nicht. Er ist dein Freund, Jack.“ Will sprach mit soviel Leidenschaft und Überzeugung in der Stimme, als wäre es seine eigene Freundschaft zu Jack, die gerade auf dem Spiel stand. „Er ist ein alter Freund und ein enger Freund. Er ist jemand, mit dem du dir die Welt geteilt hast, und diese Freundschaft kannst du nicht einfach sterben lassen. Es ist nicht fair und es ist auch nicht richtig.“
 
„Oh, und du weißt ja ganz genau, was richtig ist und was fair.“ Jack war am Eingang des Gasthauses angekommen und hielt die Tür auf. „Aber über das wirkliche Leben, darüber weißt du nicht besonders viel, oder?“
 
„Und das ist jetzt wirklich nicht fair.“ Will blieb draußen auf dem Portikus stehen.
 
Jack deutete auf die Tür. „Kommst du jetzt rein, oder willst du lieber hier draußen bleiben und den ganzen Abend schmollen?“
 
„Ich schmolle nicht.“ Will schob ihn beiseite und ging durch die Tür.
 
Jack lief voran, die Treppe nach oben bis zu ihrem Zimmer. Will zögerte einen Moment lang, bevor er ihm folgte. Vor der Tür blieb er erneut stehen. „Geh zuerst den Flur runter“, sagte er und griff nach dem Schlüssel, mit dem Jack gerade aufschließen wollte. „Geh zu ihm.“
 
„Nein.“ Jack versuchte den Schlüssel zu drehen.
 
Will hielt seine Hand fest und hinderte ihn daran. „Wenn du nicht gehst, werde ich gehen.“
 
Jack ließ seinen Kopf hängen und stieß einen langen Seufzer aus. Resigniert zog er den Schlüssel wieder aus dem Schloss. „Ich weiß, was du denkst. Es funktioniert zwischen dir und Elizabeth, warum sollte es dann nicht auch bei mir gut gehen, ist es das? Hm?“
 
„Wir stehen uns so nah wie eh und je, ja. Kannst du nicht sehen, dass es für euch beide genauso sein könnte?“
 
„Nein. Kann es nicht. Sie liebt dich nicht, Kumpel. Sie hasst mich nicht dafür, dass ich dich ihr weggenommen habe. Falls sie überhaupt etwas davon ahnt. Aber glaubst du denn ernsthaft, Nate will jetzt noch in meiner Nähe bleiben? Glaubst du wirklich, er will mit mir befreundet bleiben, wenn er dich immerzu vor Augen hat“
 
Will griff nach dem Schlüssel und nahm ihn Jack aus der Hand. „Ich wäre geblieben, wäre ich an seiner Stelle.“
 
Jack starrte ihn mit offenem Mund an. „Du wärst was?“
 
„Wenn du dich dazu entschlossen hättest, bei Flynn zu bleiben, mit ihm das Bett zu teilen anstatt mit mir… ich wäre nicht einfach weggegangen. Ich würde wollen, dass du auch weiterhin ein Teil meines Lebens bist.“
 
„Aber warum? Das kannst du doch unmöglich ernst meinen.“
 
„Ich meine es ernst.“ Will berührte Jacks Hemd, direkt über seinem Herzen. „Ich meine es ernst, weil ich mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen kann. Meine Welt wäre ohne dich einfach viel zu trostlos.“
 
Jack starrte ihn an und es schien eine Ewigkeit zu dauern. Dann blickte er den Korridor entlang zu Flynns Zimmer.
 
„Wenn ich falsch liege“, sagte Will, „dann bist du auch nicht schlechter dran als jetzt. Aber wenn ich Recht habe, dann hast du ihn gar nicht wirklich verloren.“ Er steckte den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf. „Hol mich nachher zum Abendessen ab, okay?“ Dann lief er ins Zimmer und schloss die Tür vor Jacks Nase, der immer noch draußen auf dem Flur stand.
 
~*~**~*~
 
Eine halbe Stunde später, als Will gerade auf dem Bett lag und versuchte seiner Schulter ein wenig Ruhe zu gönnen, kam Jack zurück ins Zimmer. Langsam schloss er die Tür hinter sich und blieb einen Moment lang stehen, bevor er zum Fenster lief und sich dort in einen Lehnstuhl setzte.
 
Will konnte nicht sagen, wie seine Stimmung gerade war, daher blieb er einfach nur schweigend sitzen und sah Jack an.
 
Nach einigen Minuten drehte sich Jack zu ihm um und sagte: „Ich nehm’s zurück. So wie es aussieht, weißt du doch das ein oder andere über das wirkliche Leben.“
 
„Nicht wirklich“, antwortete Will. „Aber ich lerne dazu.“
 
„Das kann man wohl sagen.“
 
„Du musst mir nicht erzählen, was ihr besprochen habt, weißt du.“
 
„Ich weiß.“ Jack stand auf, zog die Vorhänge zu und ging hinüber zum Bett. „Abendessen? Hier oben oder unten?“
 
„Lass uns nach unten in den Gastraum gehen“, sagte Will. Er brauchte dringend einen Tapetenwechsel. Er stand auf, zog sich seine Stiefel an und gemeinsam gingen sie nach unten. Seit seiner Verletzung hatte Will noch nicht viel feste Nahrung zu sich genommen, da er noch immer dabei war, sich von den Strapazen zu erholen, aber inzwischen hatte er die Nase gestrichen voll von Suppen und Eintöpfen. Zum Glück stand an diesem Abend Hammelbraten auf dem Speiseplan.
 
Nur kurze Zeit später schaufelte er sich nach Herzenslust Essen in den Mund, wobei er sich auch zu einer großen Portion Kartoffel-Zwiebel-Kuchen verholfen hatte.
 
„Du solltest noch ein bisschen Platz für den Nachtisch lassen“, erklärte ihm Jack zwischen zwei Bissen. „Der Koch backt gerade einen Apfelkuchen.“
 
Sofort kaute Will langsamer. „Mein Lieblingskuchen.“
 
Sie unterhielten sich eine Weile über unverfängliche Themen… über den Fortschritt, den die Mannschaft bei den Reparaturarbeiten der Pearl machte und über Norringtons schlechte Laune am Nachmittag, die Jack vor allem dem Verlust der Dauntless und Norringtons gehäuften Misserfolgen der letzten Zeit zuschrieb.
 
Nachdem diese zwei Themen erschöpft waren, warf Will eine Frage in den Raum, die ähnlich unverfänglich war. Ihr Besuch in Swanns Villa hatte ihn an etwas erinnert, das er Jack schon seit geraumer Zeit hatte fragen wollen, seit ihrem letzten Besuch beim Governor. „Jack, erinnerst du dich noch, als wir letztes Mal mit Swann gesprochen haben? Als wir ihm von unserem Bermuda-Abenteuer Bericht erstatten mussten?“
 
„Klar erinnere ich mich.“
 
„Naja, seitdem gibt es da etwas, was ich dich fragen wollte, nur hatte ich bisher nicht die Gelegenheit dazu.“
 
„Und das wäre?“
 
„Kannst du wirklich nach Belieben Shakespeare zitieren?“
 
Jack versuchte sein Lachen zu ersticken, während er noch immer dabei war, die letzten Bissen seines Abendessens herunter zu schlucken. „Natürlich nicht“, sagte er, als er sich wieder unter Kontrolle hatte. „Ja, meiner Mutter gefiel es tatsächlich, wenn ich ihr die Stücke laut vorlas, aber ich selbst bin auch als Junge nie jemand gewesen, der besonderen Gefallen an Literatur und Poesie fand. Es ergab sich eben einfach, dass das ihr Lieblingsstück war, und irgendwie blieb mir die Zeile wohl im Gedächtnis.“
 
Will hatte das Gefühl, seine Welt wäre soeben wieder gerade gerückt worden. „Ich bin wirklich erleichtert, das zu hören.“
 
„Oh, sag bloß, ein gebildeter Pirat ist mehr, als du vertragen kannst?“
 
„Du bist kein Pirat“, merkte Will an.
 
„Na gut. Dann eben ein gebildeter Spion?“
 
„Naja, ich weiß ja, dass du, bis du zehn warst, eine ziemlich gute Erziehung genossen hast, aber irgendwie kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie du deine Abende damit verbringst, neben dem Feuer Gedichte zu lesen.“
 
Jack betrachtete ihn einen Moment lang, dann fragte er: „Du hattest das nie, oder?“
 
„Was?“
 
„Eine ordentliche Erziehung.“
 
„Nicht wirklich“, gestand Will. „Jedenfalls nicht, als ich noch in England war. Wir waren viel zu arm und ich wollte unbedingt arbeiten. Ich ging ein paar Jahre zur Schule, nachdem ich hierher kam. Aber wirklich nur die absoluten Grundlagen, nicht viel mehr. Elizabeth erlaubte mir, so viele Bücher, wie ich wollte, aus ihrer Bibliothek auszuleihen, aber ich war keine große Leseratte. Aus ihren Lieblingsbüchern hat sie mir immer vorgelesen, das gefiel mir viel besser.“
 
„Du hast also nicht das Gefühl, du hättest was verpasst?“, fragte Jack.
 
Will dachte einen Moment lang nach. „Vielleicht würde ich gerne ein wenig mehr von der Welt kennen lernen. Mehr als nur England und die Karibik. Und vielleicht auch ein bisschen Geschichte oder Geografie.“
 
Jack lächelte. „Über Geografie könnte ich dir ein Ohr abkauen.“
 
„Das glaub ich dir sofort.“ Will erwiderte das Lächeln. „Das würde mir gefallen.“
 
Sie beendeten ihr Mahl und der Apfelkuchen kam auf den Tisch. Er war so frisch, dass er noch dampfte. Hierbei würde Will sich definitiv nicht zurückhalten. Er wartete nur wenige Minuten, bis der Kuchen ein wenig abgekühlt war, damit er sich beim Essen nicht den Mund verbrannte, bevor er sich ohne Zurückhaltung darauf stürzte.
 
Jack aß seinen Kuchen sehr viel langsamer, wobei er jeden einzelnen Bissen auskostete. Als sie ihre Teller bis auf den letzten Krümel geleert hatten, lehnte sich Jack in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte leise: „Er mag dich nicht.“
 
„Was?“ Will runzelte verwirrt die Stirn. Wer mochte ihn nicht? Oh. Natürlich. Flynn. „Was hast du ihm erzählt?“
 
„Ich sagte, du seist ein Schwertschmied.“
 
„Oh. Und das war alles?“
 
„Naja, ich dachte, es wäre vielleicht ein guter Anfang, da sein Vater auch Schmied war. Ich dachte, er würde dich dann vielleicht lieber mögen, wenn ihr in gewisser Weise irgendwo eine Gemeinsamkeit habt. Außerdem liebt er die Fechtkunst.“
 
„Hat aber wohl nicht funktioniert.“ Will fand dies schon fast schade, da er sonst niemanden hatte, mit dem er sich über Schwerter unterhalten konnte. „Ist er denn ein guter Schwertkämpfer?“
 
„Nicht so gut wie du“, antwortete Jack. „Was ich ihm allerdings nicht erzählt habe. War aber sowieso egal. Er kann dich nicht ausstehen.“
 
„Er kennt mich doch gar nicht“, antwortete Will.
 
„Auch wieder wahr. Aber man kann’s ihm trotzdem nicht übel nehmen, oder?“
 
„Naja, zumindest im Moment nicht. Gib ihm Zeit. Vielleicht findet er auch noch raus, was für ein toller, aufrechter junger Kerl ich bin.“
 
„Mmh. Vielleicht, mit der Zeit.“
 
Will fand, dass das schon nicht mehr ganz so hoffnungslos klang. „Und wenigstens spricht er wieder mit dir. Er hasst dich doch nicht mehr, oder?“
 
„Nein.“ Jack schüttelte den Kopf. „Ich glaube, er ist einfach nur enttäuscht. Und traurig.“
 
Das war ja immerhin schon mal ein Anfang. „Denkst du denn, er wird hier in der Nähe bleiben?“ Obwohl Jack nichts hatte, was man normalerweise als Zuhause bezeichnen würde, zumindest nichts außer der Pearl, so hatte Will doch begonnen, Port Royal als eine Art Zufluchtshafen zu sehen, zu dem sie zwischen ihren Reisen immer wieder zurückkehrten.
 
„Er hat sein Schiff verloren“, antwortete Jack. „Welche Wahl hat er schon.“
 
Will hatte bislang nicht einen einzigen Gedanken an den Verlust der Destiny verschwendet und auch nicht daran, wie schmerzhaft es für einen Captain sein musste, sein Schiff zu verlieren. „Tut mir Leid.“
 
„Ist ja nicht deine Schuld.“ Jack wedelte mit der Hand. „Komm schon, was hältst du davon, in die Taverne zu gehen?“
 
„Es sollte dort heute Abend ziemlich ruhig und gemütlich sein.“ Will erhob sich von seinem Stuhl. Jack hatte der Mannschaft unmissverständlich klargemacht, dass er sie nicht einmal in der Nähe der Taverne sehen wollte, solange die Pearl nicht wieder vollständig seetüchtig war. „Wenn wir uns anstrengen, können wir uns dort wahrscheinlich sogar beim Denken zuhören.“
 
„Ich würde mir eigentlich lieber beim Trinken zuhören.“ Jack stand auf und klopfte Will auf seinen gesunden Arm. „Norrington hat uns auch endlich unsere Bezahlung geschickt, daher geht die erste Runde auf mich.“
 
„Wie großzügig von dir“, sagte Will als sie das Gasthaus verließen. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir zwei die einzigen Leute aus der Mannschaft sein werden, die überhaupt dort sind.“
 
„Siehst du, das war genau mein Gedanke. Dadurch bekommen wir wesentlich mehr Runden für unser Geld!“ Jack grinste, bevor er hinaus auf die Straße schlenderte.
 
~*~**~*~
 
Am nächsten Morgen ließ Jack Will im Gasthaus zurück, da er die Reparaturarbeiten an der Pearl persönlich beaufsichtigen wollte. Will konnte nur eine begrenzte Menge Zeit alleine in seinem Zimmer auf dem Bett verbringen, bevor die Langeweile für ihn unerträglich wurde. Am späten Morgen hatte er schließlich die Nase voll davon. Zum seinem großen Glück besaß das Inn einen kleinen Salon für seine Gäste, der nach vorne auf die Straße ausgerichtet war. Will beschloss, sich dort einen Sessel zu suchen, um sich stattdessen auf diesem weiter zu langweilen. Zu seiner großen Freunde fiel sein Blick jedoch auf Elizabeth, die just in diesem Moment durch die Vordertüre des Port Royal Inn trat und ganz offensichtlich auf dem Weg zu ihm war.
 
„Oh Will, ich bin ja so froh, dass ich dich antreffe. Ich habe dir die neueste Ausgabe der Port Royal Gazette mitgebracht. Ich dachte, du hättest vielleicht gerne was zu lesen.“
 
„Das ist nett, aber noch schöner wäre es, wenn du sie mir vorliest.“
 
„Aber natürlich“. Sie hakte sich bei ihm ein, als sie gemeinsam den Salon betraten. „Das wird genau wie früher.“
 
Der Salon war leer und die nächsten Stunden verflogen schnell, während sie ihm die neuesten Artikel aus der Zeitung laut vorlas. Elizabeth hatte ein Talent dazu, Bewegung und Emotionen in jeden Text zu bringen, den sie las, ganz egal wie langweilig und normal die Geschichte auch sein mochte. Will hatte ihr schon immer gerne beim Vorlesen zugehört. Sie liebte jede Art von Lektüre und ihr Enthusiasmus spiegelte sich in jedem ihrer Worte wieder.
 
Danach verbrachten sie eine weitere Stunde mit angeregter Unterhaltung. Irgendwann jedoch wurde Will ein wenig müde, was allerdings nicht unbedingt auf seine Schulterverletzung zurück zu führen war, sondern mehr auf die lange Nacht, die er gemeinsam mit Jack in der Taverne verbracht hatte. Als er zum dritten Mal innerhalb von genauso vielen Minuten gähnte, berührte Elizabeth seinen Arm und schlug ihm vor, nach oben zu gehen.
 
„Ja, ist gut“, willigte er ein.
 
Beide standen auf, um zu gehen. Als sie sich jedoch der Tür zuwendeten, fanden sie diese versperrt vor. Nate Flynn stand auf der Schwelle, gestützt von einem Bediensteten.
 
Er und Will starrten sich eine Weile schweigend an, und sie bewegten sich erst, als Elizabeth hüstelte. Sie tippte Wills Fuß mit ihrem an.
 
Will riss seinen Blick von Flynn los und sah etwas verwirrt zu ihr hinüber. Sie hob jedoch nur bedeutungsvoll ihre Augenbraue und nickte mit dem Kopf in Flynns Richtung. Will begriff. Sie wartete darauf, dem Mann offiziell vorgestellt zu werden.
 
„Oh, tut mir Leid.“ Von all den bizarren Situationen, die es auf der Welt gab, musste ausgerechnet ihm das passieren. „Miss Swann, darf ich vorstellen? Captain Flynn.“
 
„Freut mich.“ Flynns Verbeugung war ein wenig steif, was jedoch zweifellos auf seine Verletzung zurück zu führen war. Er betrat langsam den Raum, wobei er sich beim Gehen auf den Diener stützen musste. Er blickte sich um und studierte nachdenklich die unterschiedlichen Lehnsessel, die herumstanden.
 
„Ich... äh…“, stammelte Will. „Es ist gut, Euch wieder auf den Beinen zu sehen.“
 
Flynn ächzte. „Wenn ich noch länger auf die ewig gleichen vier Wände und diese verfluchte Decke gestarrt hätte, dann wäre ich wohl verrückt geworden.“ Dann schien er sich daran zu erinnern, dass auch Elizabeth noch im Raum war, denn er verbeugte sich abermals behutsam. „Mein Pardon, Miss Swann.“
 
„Wofür, Captain Flynn?“
 
„Nun, dafür, dass ich ein ungehöriges Wort im Zusammenhang mit der Zimmerdecke genannt habe“, antwortete er.
 
Elizabeth lächelte. „Das macht mir nichts aus.“
 
Flynn betrachtete sie ein wenig genauer. „War Euer Name nicht Swann? So wie der des Governors?“
 
„Ich bin seine Tochter.“
 
„Oh.“ Nun schien Flynn interessiert.
 
Will wollte einfach nur nach oben in sein Zimmer flüchten. „Elizabeth? Soll ich dich nach draußen zu deinem Wagen begleiten?“
 
„Ich denke nicht, dass das nötig sein wird.“ Sie griff nach der Zeitung, die sie mitgebracht hatte, und wendete sich erneut an Flynn. „Captain, falls auch Ihr ein wenig Zeitvertreib wünscht, dann könnte ich noch etwas hier bleiben und Euch aus der Gazette vorlesen?“
 
„Aber Elizabeth“, flüsterte Will eindringlich. „Du kannst doch nicht einfach alleine mit ihm hier bleiben.“
 
„Wir sind uns offiziell vorgestellt worden“, flüsterte sie zurück. „Und wolltest du nicht gerade nach oben gehen und dich hinlegen?“
 
Flynn ließ sich in einen der Sessel sinken und winkte den Diener fort. „Es würde mir wirklich größtes Vergnügen bereiten, Miss Swann, würdet Ihr mir die Ehre erweisen und mir Gesellschaft leisten.“
 
Ach du lieber Himmel… Will begann etwas zu sagen, aber Elizabeth scheuchte ihn kurzerhand zur Tür. Er starrte sie mit offenem Mund an, da er einfach nicht verstehen konnte, was in ihrem Kopf gerade vor sich ging. Sie hatte sich durch diese überschwängliche Antwort doch wohl hoffentlich nicht beeindrucken lassen?
 
„Will“, sagte sie streng, da er noch immer im Türrahmen herumlungerte. „Geh weg.“
 
„Na gut“, antwortete er, wobei er Flynn noch schnell einen bösen Blick zuwarf. „Aber lass wenigstens die Tür offen, während du mit ihm hier alleine bist.“
 
Sie warf ihm einen genervten Blick zu, bevor sie energisch auf den Türrahmen deutete. „Will, es gibt gar keine Tür.“
 
Er betrachtete den Holzrahmen, der tatsächlich zu beiden Seiten völlig glatt war, ohne irgendwelche Scharniere oder Ähnliches, woran man eine Tür hätte befestigen können. „Oh.“ Es war völlig angemessen und es gab nicht das Geringste dagegen einzuwenden. „Na dann.“ Er blickte verlegen nach unten auf seine Füße. „Tut mir Leid.“
 
„Soll ich dich bald wieder besuchen?“, fragte sie.
 
„Ja, das würde mir gefallen.“ Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange und verließ den Salon.
 
~*~**~*~
 
Jack kehrte erst gegen Abend von der Pearl zurück. Will hatte den ganzen Nachmittag wütend in seinem Zimmer verbracht und die ganze Zeit über hatte er auf jemanden gewartet, an dem er seinen Frust hätte ablassen können. Ganz besonders hatte er auf Jack gewartet, bei dem er sich auch sofort lauthals über Flynn und Elizabeth beschwerte, noch in derselben Minute als Jack ihr Zimmer betrat.
 
„Sie hat was?“ Jack hatte gerade erst die Tür hinter sich geschlossen und sah ziemlich überrascht aus.
 
„Sie hat ihm die Port Royal Gazette vorgelesen.“ Will saß an dem kleinen Tisch in ihrem Zimmer. Der Koch hatte ihm zum Abendessen einen Kalbsauflauf nach oben schicken lassen, zusammen mit einer Flasche Portwein, und Will hatte erst kurz vor Jacks Rückkehr mit seiner Mahlzeit begonnen. Während er sprach, gestikulierte er mit seiner Gabel in Jacks Richtung.
 
Jack warf seinen Mantel auf das Bett. „Das ist interessant.“
 
Interessant? Ist das alles was du dazu zu sagen hast?“ Will fuchtelte entrüstet mit der Gabel voller Kalbsfleisch in der Luft herum. „Es ist einfach nur komplett falsch, das ist es!“
 
„Warum denn? Nate mag Frauen. Und versuch lieber das aufzuessen, bevor du mich noch damit erstichst, Kumpel.“
 
„Tut mir Leid.“ Will aß das Stück Kalbsfleisch und legte die Gabel aus der Hand. Dann realisierte er plötzlich, was Jack gerade gesagt hatte. „Er mag was? Aber er liebt doch dich!“
 
Jack trug den anderen Stuhl zum Tisch und setzte sich. „Naja“, sagte er langsam, während er nach dem Auflauf griff und ihn zu sich heran zog. „Er mag aber trotzdem auch Frauen.“ Er schnappte sich Wills Gabel und begann damit, sich das Essen in den Mund zu schaufeln.
 
„Aber das ist doch vollkommen egal!“ Will fand die gesamte Situation einfach völlig unverständlich. „Er sollte einfach nicht in irgendwelchen Salons rum sitzen und sich von Elizabeth vorlesen lassen. Er sollte leiden und sich nach seiner verlorenen Liebe sehnen.“
 
Beinahe hätte sich Jack an seinem Essen verschluckt. Er schnappte sich die Flasche Portwein, schenkte einen Schluck davon in sein Glas und trank erst einmal davon. „Du wärst also glücklicher, wenn er unglücklicher wäre?“
 
„Ganz genau.“ Für Will konnte die Sache gar nicht eindeutiger sein. Er wusste schließlich, wie so etwas laufen musste.
 
„Ist dir eigentlich nie der Gedanke gekommen, dass ich vielleicht glücklicher wäre, wenn er weniger unglücklich wäre?“
 
„Natürlich nicht.“ Will runzelte die Stirn. Er war höchst verwundert darüber, dass Jack die Regeln der Romantik, so wie er sie kannte, einfach über den Haufen werfen wollte. „Du musst natürlich unglücklich darüber sein, dass er unglücklich ist. Und ihr müsst natürlich auch beide unglücklich bleiben. So funktioniert das nun mal.“
 
Jack ließ die Gabel sinken. „So funktioniert was?“
 
„So ist es nun mal, wenn wahre Liebe nicht in Erfüllung geht.“
 
Jack starrte ihn einen Moment lang einfach nur über den Rand seines Portweinglases an. „Ich nehm’s zurück.“
 
„Was?“
 
„Was ich gestern gesagt habe, dass du wüsstest wie das Leben wirklich ist. Was zum Teufel hat dir das Mädel denn vorgelesen, als du noch ein Junge warst?“
 
Will konnte nicht verstehen, was das mit der ganzen Sache zu tun hatte. „Naja, du weißt schon, ihre Lieblingsbücher… Dramen… auch ein paar Gedichte.“
 
„Und so hast du also gelernt, was Romantik ist, hm?“
 
Vielleicht hatte es ja doch etwas mit seiner Reaktion zu tun, und wie er sich verhalten hatte, als er Flynn und Elizabeth zusammen sah. „Mehr oder weniger“, sagte er daher nur möglichst unverbindlich.
 
Jack nippte an seinem Portwein. „Interessant.“
 
„Würdest du damit aufhören, ständig dieses Wort zu sagen?“ Will klaute sich seine Gabel zurück und stocherte wütend im Auflauf. Er piekste ein Stück Kalbfleisch auf. „Ich versuche dir hier zu sagen, dass er auf mich keineswegs gewirkt hat, wie jemand, der ein gebrochenes Herz hat. Und er sah auch nicht so aus, als würde er mich hassen. Er hat mir zwar einen ziemlich fiesen Blick zugeworfen, aber er hat sicher nicht versucht, mich umzubringen oder so.“ Er steckte sich das Kalbsfleisch in den Mund.
 
„Ja“, antwortete Jack. „Aber er hat dir dein Mädchen weggenommen.“
 
Will schluckte. „Sie ist nicht mein Mädchen.“
 
Jack zuckte mit den Schultern. „Warum bist du dann so sauer?“
 
„Weil… ich hab’s dir doch gerade erklärt… ich bin sauer, weil er nicht mehr sauer ist.“
 
„Nein, du bist sauer, weil Elizabeth denkt, dass er ein netter Kerl ist.“
 
Das war doch einfach nur lächerlich. Warum konnte Jack nicht erkennen wie es wirklich war? „Nein, ich bin sauer, weil du nicht sauer bist.“
 
„Wie du willst.“ Jack stand auf. „Dann werd ich eben rüber gehen und noch mal mit ihm reden.“ Er lief zur Tür.
 
„Nein, warte!“ Will stand auf, um ihn zurückzuhalten. „Du solltest das nicht tun.“
 
Jack trat dicht an ihn heran, bis sie Angesicht zu Angesicht standen und studierte seine Miene ganz genau. „Will, hast du eigentlich auch nur ansatzweise eine Ahnung davon, was gerade in deinem Kopf vor sich geht?“
 
Will senkte den Blick. „Nicht wirklich.“ Seine Gedanken und Gefühle waren vollkommen durcheinander, nicht mehr als ein kunterbuntes Mischmasch. „Ich bin… einfach nur verwirrt.“
 
„Na dann mach dir mal keine Sorgen, dann ist alles in bester Ordnung.“ Jack lächelte und legte sanft eine Hand auf Wills Schulter. „Verwirrung ist für dich der Normalzustand, Kumpel. Daher ist wohl alles ganz genau so, wie es sein soll. Klar soweit?“
 
„Ist es das? Oh.“ Plötzlich bemerkte er, dass Jack dabei war, ihn durch das Zimmer in Richtung Bett zu schieben.
 
Jack steuerte Will nach unten auf die Matratze. „Wie geht’s deiner Schulter?“
 
„Schon wieder viel besser.“
 
„Tut sie nicht mehr so weh?“
 
„Nein, wirklich nicht. Es ist viel besser.“
 
„Oh, gut.“ Ohne viel Federlesen presste Jack ihn kurzerhand nach unten in die Kissen, kletterte auf das Bett und setzte sich rittlings auf ihn. „Beweis es mir.“
 
„Aber was ist mit--“, versuchte Will einzuwenden.
 
Doch dann berührte ihn Jack auf eine Weise, die ihn vergessen ließ, dass Nate Flynn und Elizabeth Swann überhaupt existierten.


Nächster Teil




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