AUTOR: Alexfandra
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Slash, PG-13, Abenteuer, Drama, Romantik, Angst
FREIGABE: PG-13 / ab 12
SETTING: Buch II schließt direkt an Buch I von Pirate Dreams an.
INHALT: Nach seiner Begnadigung hat Jack mit Wills tatkräftiger Unterstützung dem Piratendasein den Rücken gekehrt, und verdient sich seinen Lebensunterhalt nun als ehrbarer Spion für die britische Marine. Doch schon auf ihrer ersten Mission braut sich Unheil zusammen…
KOMMENTAR: Wenn euch die Geschichte gefällt, dann gebt Alexandra bitte Feedback, gerne auch auf Deutsch.


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Pirate Dreams - Buch II
by Alexfandra


Der nächste Tag war der 29. November, der Tag, an dem Jack Sparrow sechsunddreißig Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte. Er und Will beschlossen, den Tag gebührend zu feiern, indem sie den gesamten Morgen gemeinsam im Bett verbrachten, was sie beide gleichermaßen glücklich machte. Und das war auch nur fair, denn schließlich hatte Will es ja völlig verpasst, seinen eigenen Geburtstag zu feiern.
 
Der Tag wäre vielleicht auch genauso perfekt weiter gegangen, hätten sie sich nicht entschlossen, ihre kleine Feier im Bett für eine kurze Mahlzeit zu unterbrechen. Denn als sie nach unten gingen und schon fast im Gastraum angekommen waren, packte Jack plötzlich völlig unvermutet Wills Arm, riss ihn herum und zog ihn den Flur entlang, bis sie außer Sichtweite des Zimmers waren.
 
„Was tust du da?“ Will schüttelte Jacks Arm ab.
 
„Nate ist da drin.“
 
„Oh.“ Will war wirklich nicht besonders scharf auf ein weiteres unbehagliches Zusammentreffen.
 
„Gemeinsam mit Elizabeth“, fügte Jack hinzu.
 
Nein. „Jetzt essen sie auch noch gemeinsam zu Mittag? Das muss sofort aufhören.” Will drehte sich auf dem Absatz um und stürmte zum Speisesaal.
 
„Oh nein, das wirst du schön bleiben lassen.” Jack packte ihn und hielt ihn zurück. „Lass die zwei in Ruhe.“
 
Wütend drehte sich Will zu ihm um, bis sie schon fast Nase an Nase standen. „Warum isst sie überhaupt mit ihm zu Mittag? Was findet sie nur an diesem Kerl. Er ist alt!“
 
Jack hob eine Augenbraue. „Er ist zwei oder drei Jahre jünger als ich, Kumpel.“
 
„So hab ich das nicht gemeint. Du weißt was ich meine. Er ist zu alt für sie.“
 
„Er ist wahrscheinlich nur zwei oder drei Jahre älter als Norrington.“
 
„Das ist doch völlig egal.“ Will war nicht bereit von seiner Meinung abzuweichen. Es war einfach nicht richtig und er war der Ansicht, dass Flynn Elizabeths Besuche auf keinen Fall ermuntern dürfe. „Norrington wäre besser für sie, in jeglicher Hinsicht. Immerhin könnte er wenigstens für sie sorgen.“
 
Jack drehte sich einfach nur auf dem Absatz um und ging zur Vordertür.
 
„Wohin gehst du?“ Will folgte ihm nach draußen auf die Straße.
 
„Ich würde einfach nur gerne was essen, das ist alles.“ Jack schlenderte die Straße entlang zu einer nahe gelegenen Taverne, die auch Suppen, Eintöpfe und Brot servierte.
 
Will wollte gerade wieder den Mund öffnen, um zu protestieren, als er sich daran erinnerte, welchen Tag sie hatten. Vermutlich sollte Jack heute wirklich das bekommen, was er sich wünschte. Daher gab schließlich Will nach und lief gemeinsam mit ihm zur Taverne, wo sie ein reichhaltiges Mahl zu sich nahmen.
 
Aber dennoch, so ganz konnte er doch nicht von dem Thema lassen. Noch während sie aßen, bemerkten sie zufällig, wie Elizabeths Kutsche draußen auf der Straße an ihnen vorbeizog. Offenbar hatte sie ihren Besuch bei Flynn beendet und daher war es jetzt wohl ungefährlich, zum Gasthaus zurückzukehren. Sie gingen am Salon und am Esszimmer vorbei, doch nirgends konnten sie auch nur die geringste Spur von Flynn entdecken. Als sie nach oben zu ihrem Zimmer gingen, blieb Jack vor der Tür stehen.
 
„Ich denke, ich werde kurz bei ihm vorbeischauen“, sagte Jack und reichte Will den Schlüssel.
 
„Warum? Muss das denn sein? Sag ihm aber nicht, dass es mir was ausmacht, dass Elizabeth ihn besuchen kommt!“
 
Jack verdrehte die Augen. „Ich werd’ dich schon nicht blamieren.“
 
„Gut. Aber ich will auf jeden Fall wissen, welche Absichten er hat.“
 
„Also für mich sieht es eher so aus, als ob sie diejenige wäre, die Absichten hat.“
 
„Unsinn.“ Schon allein der Gedanke daran brachte Wills Blut zum kochen. „Was soll sie schon an ihm finden?”
 
„Ach, ich weiß nicht.“ Jack blickte übertrieben nachdenklich zur Decke. „Groß, gut aussehend, rotbraune Haare, Augen wie Smaragde, immer saubere Kleidung...“
 
„Er ist Ire“, sagte Will. „Oder etwa nicht? Ist er Katholik?“ Er hoffte wirklich inständig, dass es so wäre. Denn wenn der Governor schon dachte, ein Schmied sei ein schlechter Fang für seine Tochter, dann wäre ein Katholik sicherlich noch um Längen schlimmer.
 
„Nein. Er ist irischer Protestant.“
 
„Verdammt.”
 
„Willst du jetzt endlich reingehen?” Jack schubste ihn zur Tür. „Lass mich das regeln.“
 
Will seufzte, aber letztendlich fügte er sich. „Na gut. Aber wehe, wenn es ihm nicht ernst ist und er nur mit ihren Gefühlen spielt!“ Er drehte den Schlüssel im Schloss und betrat ihr Zimmer.
 
Er ließ sich auf dem Bett nieder und wartete. Vermutlich hätte er sich diese Bemerkung über Flynns Alter wirklich besser verkniffen, da er selbst zugeben musste, dass es nicht besonders fair war. Schließlich war der Altersunterschied zwischen Flynn und Elizabeth ähnlich groß wie der zwischen ihm und Jack. Und in diesen Geschichten, die Elizabeth schon als Kind immer so gut gefallen hatten, wurde die junge Heldin zum Schluss fast immer mit einem Gentleman verheiratet, der ein ganzes Stück älter war als sie. Im Grunde genommen war das gar nicht mal so unüblich. Will hatte es einfach nur gesagt, weil er verzweifelt nach irgendetwas gesucht hatte, um den Kerl schlecht zu machen, und abgesehen vom Alter, war da sonst nicht viel zu finden. Will hatte Flynn von Anfang an nicht mögen wollen und er hatte auch niemals wirklich versucht, seine Einstellung zu ändern. Aber widerwillig musste er selbst zugeben, dass, wenn er ehrlich und unvoreingenommen über Flynns Charakter und Auftreten nachdachte, der Mann eine wirklich beeindruckende Figur abgab. Er verhielt sich vorbildlich, zeigte Pflichtbewusstsein und hatte sich im Kampf tapfer geschlagen.
 
Allerdings brachte diese Erkenntnis Will nur noch mehr auf die Palme. Doch ihm war selbst klar, dass er im Grunde genommen gar keine andere Wahl hatte, als mit dem Mann zumindest halbwegs zurecht zu kommen, sollte Flynn sich tatsächlich dazu entschließen, in Port Royal zu bleiben und seine Freundschaft mit Jack aufrecht zu erhalten. Daher war es wahrscheinlich sogar besser, dass Flynn im Grunde genommen ein relativ sympathischer Kerl war.
 
Er war sich nur nicht sicher, ob es ihm wirklich recht war, dass auch Elizabeth ihn sympathisch fand. Und das machte nun mal wirklich überhaupt keinen Sinn, denn er selbst hatte keinerlei romantisches Interesse an ihr. Schon lange nicht mehr. Er hatte immer gewusst, dass sie sich eines Tages in einen anderen verlieben würde. Aber trotzdem, aus irgendeinem Grund störte es ihn einfach ungemein, dass sie Flynns Gesellschaft ganz offensichtlich sehr genoss. Vielleicht gerade deshalb, weil Will selbst seine Anwesenheit ganz und gar nicht genießen konnte.
 
Nach kurzer Zeit kehrte Jack zurück. „Alles ist in Ordnung”, sagte er, während er die Tür hinter sich schloss. 
 
„Ach ja? Und was bedeutet das?“
 
Jack setzte sich neben ihm aufs Bett und tätschelte Will beruhigend auf den Oberschenkel. „Er hasst dich immer noch.“
 
„Oh. Naja… gut.“ Zumindest eine Konstante in Wills Leben, die seine Welt ein bisschen weniger verwirrend machte. „Und was ist mit dir? Bedeutet das, dass er immer noch am Boden zerstört ist, weil er dich an mich verloren hat? Liebt er dich noch?“
 
„Du solltest wirklich zum Theater gehen“, meinte Jack. „Melodramatik steht dir ungemein.“
 
Will seufzte. „Ich kann ja auch nichts dafür, wie ich aufgewachsen bin.“
 
„Tut mir Leid.“
 
„Und? Ich hab aber doch Recht, oder? Er hasst mich, weil er dich noch immer liebt.“
 
„Du hast vollkommen Recht“, sagte Jack einfach nur. Er beugte sich nach vorne, um seine Stiefel auszuziehen.
 
„Und was ist mit Elizabeth? Was hat er über sie gesagt?“
 
„Er nannte sie“, sagte Jack, während er seinen Stiefel vom Fuß kickte, „eine ‚faszinierende Ablenkung’.“ Dann zog er sich auch den anderen Stiefel aus.
 
„Eine Ablenkung? Von dir?“ Will gefiel ganz und gar nicht, was das implizierte. „Ist das etwa alles, was sie für ihn ist? Nicht mehr als ein angenehmes Amüsement? Bei Gott, ich hoffe für ihn, dass er nicht mit ihr spielt, oder ihr gar Glauben macht, er würde es ernst meinen!“
 
„Er ist ein Gentleman“, antwortete Jack. „Und jetzt würde ich den Rest des Tages wirklich gerne damit verbringen, an etwas anderes zu denken.“ Er warf Will einen viel sagenden Blick zu. „Oder noch besser – überhaupt nicht zu denken.“
 
Will kannte diese Sorte Blick genau. „Wir haben schon den ganzen Morgen im Bett verbracht.“
 
„Was? Bist du etwa schon erschöpft?“
 
„Natürlich nicht.“
 
„Dann könnten wir doch den Rest des Nachmittags auch hier verbringen?“
 
Will wollte gerade ansetzen noch etwas über Flynn und Elizabeth zu sagen, doch er bemerkte gerade noch rechtzeitig den warnenden Blick in Jacks Augen. Daher zog er es vor, in dieser Angelegenheit vorerst zu schweigen. „Ja“, antwortete er daher. „Ich denke das können wir.”
 
Und genau das taten sie dann auch.
 
~*~**~*~
 
Letzten Endes schafften sie es tatsächlich, einander zu erschöpfen und schliefen mehrere Stunden bis zum frühen Abend. Danach kleideten sie sich an und gingen nach unten, um dort ihr Abendessen einzunehmen, wobei sie zuerst vorsichtig das Esszimmer nach irgendwelchen Anzeichen von Flynn überprüften. Da der Mann jedoch nirgends zu entdecken war, nahmen sie ihr Mahl dort zu sich. Anschließend schlug Jack vor, gemeinsam mit Will zur Pearl hinaus zu rudern. Die Mannschaft sollte ihre aufgetragenen Reparaturarbeiten mittlerweile beendet haben, weshalb Jack ihre Arbeit noch besichtigen wollte, bevor die letzten Strahlen Tageslicht verschwunden waren.
 
Während Jack die Jolle hinaus zur Pearl ruderte, hatte Will Gelegenheit, einen guten Blick auf das Schiff werfen, und er musste selbst zugeben, dass sie gut aussah. Er konnte die Stellen noch erkennen, an denen die Schiffshülle repariert worden war, da das neue Holz erst noch gestrichen werden musste, aber dennoch sah die sie hundertmal besser aus, als zu dem Zeitpunkt, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte.
 
Sie gingen an Bord, wo die Mannschaft sie bereits auf dem Hauptdeck erwartete. Gibbs führte sie herum und zeigte ihnen all die Löcher auf dem Deck, die sie geflickt hatten, all das kaputte Holz und die Splitter, die sie weggeräumt hatten, und all die Stellen, an denen sie die Takelage und die beschädigte Heckreling repariert hatten. Die Segel waren selbstverständlich eingeholt, aber Gibbs versicherte Jack, dass auch sie keine Löcher mehr aufwiesen. Alles war auf Governor Swanns Kosten wieder völlig instand gesetzt worden.
 
Sie beendeten ihre Inspektion auf dem Hauptdeck, direkt vor versammelter Mannschaft. „Ihr habt gute Arbeit geleistet“, erklärte Jack ihnen. „Daher habe ich ein Angebot für euch - heute Nacht werden Mr. Turner und ich die Pearl alleine bewachen. Ihr könnt den Abend in der Stadt verbringen – wo und wie auch immer ihr wollt.“
 
Als Antwort bekam er von der Mannschaft ohrenbetäubendes Jubeln zu hören und so schnell wie möglich versammelten sich alle in der Barkasse und beeilten sich an Land zu kommen.
 
Als die Männer weg waren und sie die Pearl wieder für sich alleine hatten, fragte Will: „Sie bewachen? Vor wem denn?“
 
Jack wedelte mit seiner Hand. „Captain Rosser und seinesgleichen.“
 
„Inzwischen muss der doch längst über alle Berge sein. Norringtons Männer hatten kein Glück ihn zu finden, und auch sonst hat schon seit Tagen niemand mehr von ihnen gehört oder gesehen. Ich bin mir sicher, er hat die Insel längst verlassen.“
 
„Wahrscheinlich“, stimmte Jack ihm zu. „Allerdings will ich trotzdem kein Risiko eingehen.“
 
Will blickte hinaus auf die ruhige Wasseroberfläche der Bucht, auf der die Spiegelungen der goldroten Sonne, die gerade unterging, immer weiter verblassten. Langsam verdunkelte sich der Himmel hin zu einem sehr viel dunkleren Blau. „Es scheint heute Nacht hier draußen friedlich zu werden.“
 
„Es macht dir also nichts aus, hier zu bleiben?“
 
„Natürlich nicht.“ Will gefiel der Gedanke, die Nacht in Jacks luxuriöser Kabine zu verbringen, in einem Bett, das sehr viel vertrauter und gemütlicher war als das im Gasthaus. Wobei er, um die Wahrheit zu sagen, dank dem, was sie den ganzen Tag über getrieben hatten, inzwischen viel zu müde und zu erschöpft war, um irgendetwas anderes zu tun, als darin zu schlafen. Ein paar Stunden würde er aber vielleicht noch wach bleiben können, zumindest solange Jack nichts Anstrengendes mit ihm vorhatte. „Wir könnten Karten spielen.“
 
„Karten?“ Jack grinste. „Und ob ich dich erschöpft hab.”
 
„Hey, ich bin immer noch dabei, mich von meinen schmerzhaften Verletzungen zu erholen“, antwortete Will, während er versuchte, beleidigt zu klingen.
 
„Ach ist das so?“ Jack schlang seine Arme um Wills Taille. „Dann ist es wohl besser, wenn ich dem Invaliden ein wenig unter die Arme greife, oder?“
 
Will stöhnte, nur um seine Aussage noch zu untermalen. „Oh, mein Rücken!“ Er ließ sich nach hinten auf Jack fallen, als müsse er sich bei ihm anlehnen, wobei beide fast das Gleichgewicht verloren und umkippten. Lachend ließen sie einander los, während sie über das Deck stolperten.
 
„Ahoi, dort oben!”
 
Jack zuckte bei dem Ruf zusammen und löste seinen Griff um Wills Arm. Sofort zog er seine Pistole aus dem Gürtel und lief nach vorne zur Reling. „Wer da?“
 
Will trat zu ihm, da er das Geräusch eines kleinen Bootes hörte, dass gegen die Schiffshülle der Pearl stieß.
 
„Dein alter Kumpel!“, rief Nate Flynn. „Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen!“
 
Verdammt, diesen Bastard wird man einfach nicht los. Will beobachtete ihn, während er die Leiter hinauf kletterte, die Jack ihm zugeworfen hatte. Was will er denn hier, so mitten in der Nacht?
 
Flynn zog sich leichtfüßig an Deck, wobei er ein Packet unter dem Arm trug, das mit schlichtem, einfachen Papier umwickelt war. Unbewusst trat Will einen Schritt näher an Jack heran, als Flynn auf sie zukam. „Guten Abend, Captain Sparrow.“ Er bedachte Will mit einem kurzen Nicken. „Mr. Turner.”
 
„Kein Grund für Formalitäten, Nate.” Jack legte ihm die Hand auf die Schulter. „Willkommen an Bord der Pearl.“
 
„Vielen Dank.“ Flynn hielt das Päckchen hoch. „Ich hab dir was mitgebracht. Da ja heute dein Geburtstag ist.“
 
„Du hast was?“ Jack nahm das Geschenk entgegen und grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Du hast dich dran erinnert!”
 
Will hatte gute Lust, Flynn zu sagen, er solle einfach über Bord springen, aber Jack war viel zu glücklich, als dass er ihm alles hätte verderben wollen. Daher setzte er notgedrungen ein gequältes Lächeln auf und wartete ungeduldig darauf, dass Jack das Ding öffnen, sich bedanken und Flynn seiner Wege schicken würde.
 
Aber stattdessen, zu Wills großem Leidwesen, klopfte Jack Flynn auf den Rücken und sagte: „Komm mit nach unten in mein Quartier. Dann kann ich es aufmachen, während wir uns einen Drink genehmigen.“
 
„Ich trinke noch immer nicht, Jack.“
 
„Na von mir aus. Dann öffnen wir es halt bei einer Tasse Tee.“
 
Will sah ihn mit offenem Mund an. „Und was ist mit unserem Kartenspiel?“
 
Jack zuckte mit den Schultern. „Komm doch mit nach unten, dann kannst du auch was trinken.“
 
„Das werde ich nicht tun!“ Er zog Jack beiseite. „Warum können wir nicht einfach einen netten Abend für uns alleine haben?“
 
„Junge, wir hatten den ganzen Tag für uns alleine. Es wird nicht länger dauern als eine Stunde oder so, vertrau mir. Dann werde ich ihn wieder fortschicken, in Ordnung?“
 
Will zögerte, doch dann dachte er über seine eigenen Worte nach und über das, was er selbst einige Tage zuvor zu Jack gesagt hatte. Dass Jack versuchen sollte, sich Flynns Freundschaft zu bewahren, dass er sie nicht einfach so wegwerfen dürfe. Und hier war er nun und versuchte sich genau dieser Freundschaft in den Weg zu stellen. Flynn würde vielleicht gerade mal eine Stunde bekommen, während er den ganzen Tag mit Jack verbracht hatte. Flynn hatte nur Anteil an einem kleinen Ausschnitt von Jacks Leben, während Will immer da war. Will hatte alles, was er jemals wollte, konnte er es sich da nicht leisten, auch mal ein bisschen weniger selbstsüchtig zu sein? Er sah Jack in die Augen und nickte. „Ich vertrau dir.” Er deutete mit dem Kopf in die Richtung ihrer Kabine. „Na geh schon, ich werd hier oben bleiben.“
 
„Bist du sicher?“
 
„Absolut.“
 
Jack umarmte ihn. „Ich danke dir.“ Dann drehte er sich um und zeigte Flynn den Weg zu seiner Kabine.
 
Das Problem war nur – Will vertraute vielleicht Jack, aber ganz sicher vertraute er Nate Flynn kein bisschen. Erst Elizabeth, jetzt auch noch das… was zur Hölle hatte der Kerl nur vor? Will konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb Flynn Elizabeths Besuche auch noch ermuntern sollte, wenn sie in Wahrheit doch nicht mehr für ihn war als eine bloße Ablenkung. Außer natürlich, Flynn wollte ihn, Will, damit ärgern. Und dann noch Flynns Anwesenheit hier, an diesem Abend, mit einem Geschenk in der Hand. Sicher, Jack hatte sich darüber gefreut, aber nichtsdestotrotz ärgerte Will sich über die Geste und er war sich sicher, dass Flynn sich dessen durchaus bewusst war.
 
Naja. Er hasst mich also. Na von mir aus. Will schlenderte nach vorne zum Bug, lehnte sich gegen die Reling und blickte hinüber zur Stadt, wo Lampenlicht in der Dämmerung funkelte. Er hoffte, zumindest die Mannschaft würde heute Nacht viel Spaß haben. Sie hatten es sich nach der Arbeit, die sie am Schiff geleistet hatten, wirklich redlich verdient, und auch Jack hatte während seiner Inspektion in höchstem Maße zufrieden ausgesehen. Will wusste, dass sie alle unheimlich großes Glück hatten, dass sie das Schiff überhaupt in einem Stück wiederbekommen hatten und dass es beim Angriff nicht zu stark beschädigt worden war. Er wollte sich gar nicht erst ausmalen, was Jack wohl getan hätte, wäre die Pearl nicht mehr zu retten gewesen. Sie war seine Heimat. Ohne sie wäre er verloren.
 
Will beobachtete die Lichter der Stadt noch eine Weile länger und sah den kleinen Fischerbooten zu, die zurück in den Hafen segelten. An diesem Abend standen dichte Wolken am Himmel, die das Licht der Sterne und des Mondes fern hielten, und als die Nacht endlich hereinbrach, tauchte sie die Welt um das Schiff herum in tiefste Dunkelheit. Will trat von der Reling weg und setzte sich auf eine der vorstehenden Luken an Deck, während er darauf wartete, dass Flynn endlich wieder nach oben käme. Er war bereit, ihnen eine Stunde zu gewähren, dann würde er an Jacks Kabinentür klopfen, egal was auch kommen mochte.
 
Aber so weit kam es gar nicht erst. Gerade mal eine halbe Stunde nachdem Flynn und Jack unter Deck gegangen waren, konnte Will von der Wasseroberfläche, ganz in der Nähe der Pearl, deutlich das Plätschern von Rudern hören. Es war zu spät, als dass es noch ein Fischerboot auf dem Weg nach Hause hätte sein können. Er ging zuerst zu der Seite, die zum Hafen zeigte, lief die Länge des Schiffes einmal ab und spähte über die Reling nach unten, um nach dem mysteriösen Boot Ausschau zu halten. Nichts. Dann lief er um den Bug herum, um auch die Steuerbordseite zu überprüfen. Plötzlich hörte er einen dumpfen Knall, wie Holz, das auf Holz schlug. Das Geräusch kam von einem Boot, das direkt neben ihnen anlegte.
 
Will überlegte, ob er Jack und Flynn alarmieren sollte, aber zu der Zeit war er gerade am komplett anderen Ende des Schiffes, ein ganzes Stück weit von der Kabine entfernt. Er hörte ein weiteres dumpfes Geräusch. Will zog seinen Säbel aus der Scheide. Zwar konnte er noch immer kein Boot entdecken, aber dafür hörte er leises Kratzen und Schaben, das von der Hafenseite kam. Er warf sich herum, gerade noch rechtzeitig, um einen Mann zu sehen, der über die Reling kletterte und sich aufs Deck fallen ließ. Ein zweiter Mann war direkt hinter ihm.
 
„Stehen bleiben!”, schrie Will, bevor er auf sie zurannte, den Säbel kampfbereit in seiner Hand.
 
Der erste Mann drehte sich um und Will erstarrte mitten in der Bewegung, als er die Pistole sah, die dieser in seiner Hand hielt. „Ich würde Euch raten, stehen zu bleiben“, sagte der Eindringling. „Wenn Ihr Euren nächsten Atemzug noch erleben wollt.“
 
Hastig überschlug Will seine Chancen im Kopf. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, einen Schuss aus dieser Nähe zu überleben? Nicht sehr groß. Langsam ließ er seinen Säbel sinken. Dann, während er noch immer darüber nachdachte, sich plötzlich herumzuwerfen oder außer Reichweite der Waffe zu springen, hörte er ein neues Geräusch, diesmal von hinten. Er drehte sich um und fand sich Angesicht zu Angesicht mit Captain William Rosser, der ebenfalls eine Pistole auf ihn richtete. Er saß in der Falle.
 
„Na das ist doch mal erfreulich. Wenn das nicht unser tollkühner Junge ist.“ Rosser trat einen Schritt näher. „Das letzte Mal, als wir dich gefangen haben, hast du dich nicht gerade als besonders hilfreich erwiesen, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht bist du aber ja inzwischen soweit, dass du deinen Irrtum von damals eingesehen hast, hm?“
 
Noch während er sprach, kam ein vierter Mann an Deck, den Will als Rossers ersten Maat erkannte, Marston. Er trat neben Rosser und hielt ebenfalls ein Schwert und eine Pistole in der Hand.
 
„Fahrt zur Hölle“, sagte Will.
 
„Ah, das ist aber wirklich kein besonders geschickter Schachzug, um mich milde zu stimmen“, antwortete Rosser. „Denn weißt du, wir haben beobachtet, wie vor gar nicht allzu langer Zeit eine ganze Ladung Seeleute von diesem Schiff weggerudert ist. Vielleicht wärst du ja so freundlich, uns zu sagen, wie viele davon noch an Bord geblieben sind?“
 
Will hob trotzig das Kinn. „Dutzende.“
 
„Ich sehe, du bist sowohl ein Lügner als auch ein Narr.“ Rosser winkte die zwei Männer heran, die Will nicht kannte. „Nehmt ihm seinen Säbel weg. Marston, fessle seine Hände.“
 
Da es einer gegen vier stand, hatte Will gar keine andere Wahl, als sich zu fügen. Er ließ zu, dass man seine Hände auf dem Rücken fesselte, während Rosser ihm die Pistole an den Kopf hielt. „Nun, wie lautet dein Name, mein tapferer Junge?“
 
„Will Turner“, sagte er stolz.
 
„Gut zu wissen.“ Rosser wendete sich an Marston und die zwei anderen Männer. „Durchsucht das Schiff. Sagt jedem, den ihr finden könnt, dass ich Will Turner hier habe und dass er sich nur einen Schuss weit von seinem Grab entfernt befindet. Wenn sie sich nicht augenblicklich ergeben, völlig ruhig und ohne jeglichen Kampf, sollte ich auch nur die leisesten Anzeichen von Kampf oder Tumult aus den Quartieren hören, wird Mr. Turner sich in Zukunft sechs Fuß tiefer unter die Erde betten.“
 
„Aye, aye, Captain.“ Die drei Männer eilten davon.
 
„Das gefällt mir schon viel besser“, erklärte Rosser Will. „Du bist mir wirklich eine große Hilfe.“
 
Es vergingen nur wenige Minuten, bis die Piraten Flynn und Jack fanden und sie davon überzeugten, einen Kampf gar nicht erst zu versuchen. Will hasste es, dass er schon wieder als Geisel genommen wurde. Die Pistole an seinem Kopf erinnerte ihn nur zu gut an Cranes Methoden und seine Art, sie gefügig zu machen. Und er hasste es, dass Jack seinetwegen gezwungen war, die Befehle dieses Mannes zu befolgen.
 
Rosser und seine Männer umzingelten sie auf dem Achterdeck. Jack warf Will einen schnellen Blick der Erleichterung zu, da Will bislang unversehrt war. Dann trat er nach vorne und richtete sein Wort an Rosser. „Was habt Ihr mit meinem Schiff vor?“
 
„Wir wollen weg von dieser gottverdammten Insel. Ich nehme an, Ihr seid der Captain?“
 
„Captain Jack Sparrow.“
 
Rossers Augen weiteten sich vor Überraschung. „Sagt bloß! Doch wohl nicht Jack Sparrow, der berühmte Pirat? Derselbe Jack Sparrow, der sich seine Begnadigung verdient hat, indem er mit dem größten Feind aller Piraten, dem Governor dieser Insel, gemeinsame Sache gemacht hat?“ Er hielt die Pistole an Jacks Schläfe. „Ich muss sagen, ich habe gute Lust, Euch auf der Stelle zu erschießen!“
 
Jack lächelte nur. „Glaubt mir, das wollt Ihr nicht tun.“
 
„Oh, und warum nicht, wenn ich fragen darf?”
 
„Weil ich mich mit den Piraten-Schlupfwinkel hier in der Gegend noch immer ziemlich gut auskenne. Ich kenne diese Gegend wie meine eigene Westentasche, was man von Euch nicht gerade behaupten kann. Ich würde mal vermuten, Ihr seid auf der Suche nach einem sicheren Hafen, habe ich Recht?“
 
Rosser senkte die Pistole. Ganz offensichtlich schien er nicht besonders glücklich. „Ihr wisst einen Ort?“
 
„In der Tat.“
 
„Wo?“
 
Jack schüttelte bekümmert den Kopf. „Ich weiß genau, wie das funktioniert. Ich sag Euch die Koordinaten, Ihr werdet uns alle erschießen und mein Schiff einfach übernehmen.“
 
„Natürlich.“ Rosser trat einen Schritt zurück. „Nun ja, wenn es die Umstände verlangen, kann ich durchaus ein sehr vernünftiger Kerl sein. Ich bin bereit, Euch am Leben zu lassen, solange Ihr für mich von Nutzen seid.“
 
„Und meine Begleiter?“
 
Rosser zuckte mit den Schultern. „Es würde Sinn machen, sie zumindest vorerst noch nicht zu töten. Zumindest so lange, wie es Euch gefügig macht, jedes Mal, wenn ich ihr Leben bedrohe, nicht wahr?“ Er richtete seine Pistole auf Flynn. „Oder sollte ich vielleicht doch lieber kurzen Prozess mit ihnen machen?“
 
„Auch das wollt ihr nicht tun, vertraut mir“, antwortete Jack.
 
„Nein? Gut.“ Rosser wendete sich an Marston. „Mach dich bereit, die Segel zu setzen. Nimm den da mit dir.“ Er deutete auf Flynn. „Er wird dir sicher keinen Ärger machen, denn sonst sind seine Freunde hier tot. Captain Sparrow wird mit mir nach vorne zum Steuer kommen. Ich werde die ganze Zeit hinter ihm bleiben und ihm über die Schulter sehen, mit Mr. Turner hier direkt vor mir in Schusslinie.“
 
Na toll, dachte Will. Warum bin ich immer derjenige, der als Geisel genommen wird?
 
„Captain Sparrow wird dieses Schiff hier in einen sicheren Hafen bringen, und er wird ganz bestimmt nichts Dummes tun, wie zum Beispiel aus Versehen einen Hafen der Engländer anzusteuern. Denn sonst wird er künftig leider ohne seine Freunde auskommen müssen.“
 
„Aye, Sir.“ Marston und die zwei anderen Männer führten Flynn ab.
 
„Holt den Anker ein!“, rief Rosser ihnen nach. „Setzt das Großsegel!“ Er orderte Jack ans Steuerrad. „Wenn sie soweit sind, dann wisst Ihr, was zu tun ist. Wie weit ist dieser Piratenhafen entfernt?“
 
„Zwei oder drei Tage.“
 
„Und es sind genügend Vorräte an Bord?“
 
„Wir haben genug, um dorthin zu gelangen.“
 
„Dann ist ja alles wunderbar.“
 
Rosser fuhr damit fort seine kleine Mannschaft zu befehligen, während er sorgsam darauf achtete, dass der Lauf seiner Pistole stets auf Will zeigte. Flynn half den Männern folgsam dabei, die Segel zu setzen, während Will einfach nur tatenlos daneben stehen konnte und alle Geschehnisse mit wachsender Mutlosigkeit beobachtete. Zwar waren Rossers Männer nur ein Mann in der Überzahl, aber sie besaßen alle Waffen und er selbst schwebte in größter Gefahr, sofort erschossen zu werden, sollte er sich auch nur einen Millimeter in die falsche Richtung bewegen. Will wusste, dass Jack nichts versuchen würde, was ihn oder Flynn in Gefahr brächte. Sie waren Rosser auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, genau wie damals bei Crane.
 
Eine Stunde später waren sie auf dem Weg und segelten aus der Bucht. Will hatte nicht die geringste Ahnung, wohin Jack sie mit der Pearl bringen wollte. Sicher nicht nach Tortuga. Zum einen war die gesamte Stadt durch Norringtons Männer komplett von Piraten gesäubert worden und außerdem lag die Insel nur eine Tagesreise von hier entfernt. Will wusste jedoch von keinem anderen Piratenhafen, der noch übrig war, nicht seitdem Swann und Norrington so gewissenhaft jedes einzelne Piratenschiff in der Gegend gefangen hatten. Obwohl Rosser davon höchstwahrscheinlich keine Ahnung hatte.
 
Jack jedoch schien eine feste Vorstellung davon zu haben, wohin er segeln wollte. Er setzte Kurs, ohne auch nur einen Blick auf seine Karten zu werfen. Will grübelte eine Weile im Stillen darüber nach, bis ihm plötzlich ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf schoss. Welchen Kurs konnte Jack wohl auswendig wissen, außer dem einen, den sie gerade erst befahren hatten? Ein Kurs, auf dem sie etwa zwei oder drei Tage lang unterwegs wären und der sie an einen unbewohnten Ort bringen würde, an dem früher einmal Piraten ihre Zufluchtsstätte hatten?
 
Will zitterte, als sie der Dunkelheit des offenen Meeres entgegen segelten.
 
Hatte Jack wirklich vor, sie zurück auf die Teufelsinsel zu bringen?
 
~*~**~*~
 
Da die Reise mehrere Tage dauerte, mussten sie alle zwischendurch schlafen und Mahlzeiten zu sich nehmen. Rosser arbeitete einen Plan aus, der seine Männer in vierstündige Schichten einteilte, so dass immer ein Mann gerade schlafen oder essen konnte, während die anderen in der Zwischenzeit arbeiteten. Immer wenn Jack schlief oder aß, wies Rosser Flynn an, Jacks Platz einzunehmen, wobei er zuließ, dass Jack Flynn die Koordinaten des Kurses leise ins Ohr flüsterte. Immer wenn Will essen oder schlafen musste, hielt Rosser stattdessen Flynn mit seiner Pistole in Schach, während Jack am Steuer war. Egal was sie auch taten, ob sie nun gerade die Segel setzten, oder aßen, oder schliefen… immer war da mindestens ein Mann, der sie bewachte. Niemals hatten sie auch nur den Hauch einer Chance heimlich miteinander zu sprechen, oder sich zu verabreden, um ihre Geiselnehmer zu überrumpeln.
 
Und so segelten sie immer weiter in den nächsten Tag hinein, und dann in die nächste Nacht, und dann in einen weiteren Tag. Gegen Abend war Will so verzweifelt, dass er so gut wie jede Gelegenheit genutzt hätte, mit Jack über seine Pläne zu sprechen. Will wollte nie wieder auch nur einen Fuß auf die Teufelsinsel setzen, falls sie tatsächlich dorthin unterwegs waren. Jack wusste doch ganz genau, welch große Angst er vor der Insel hatte, sicherlich würde er nicht riskieren, dort ein zweites Mal zu stranden. Oder etwa doch? Jack musste einfach einen Plan haben.
 
Aber dann wiederum… wann hatte Jack Sparrow eigentlich überhaupt jemals einen wirklich gut durchdachten Plan? Will wusste, dass Jack sich die Dinge immer gerne ausdachte, während er gerade mittendrin steckte. Er wusste wie sehr Jack Spontaneität genoss, bei allem was er tat. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass er sich einfach aus einer bloßen Laune heraus für diesen Kurs entschieden hatte und dass er überhaupt keine Ahnung hatte, wie sie Rosser entkommen sollten, wenn sie erst einmal dort ankämen.
 
Vielleicht vertraute Jack bei seinem Plan ja auf das merkwürdige Klima und die unheimliche Ausstrahlung der Insel. Vielleicht hoffte er darauf, dass dies genau die Ablenkung bereiten würde, die sie brauchten, um Rosser zu überrumpeln. Schon alleine in die Nähe der Insel zu segeln, sollte Rosser und seinen Männern ordentlich Angst einjagen. Das Wetter um die Insel herum war oft merkwürdig, was ihnen eventuell ein Überraschungsmoment verschaffen könnte. Will erinnerte sich an den Eintrag in Edward Eatons Tagebuch, darüber, wie der Nebel sich oft schon fast zielsicher um vorbeifahrende Schiffe sammelte, ein Phänomen, das des Nachts fast noch stärker war als am Tag. Und Will zweifelte keinen Augenblick daran, dass Jack vorhatte die Insel bei Dunkelheit zu erreichen. Vielleicht erinnerte auch er sich an das, was Eaton in seinem Tagebuch geschrieben hatte. Will musste zugeben, es war sicherlich nicht die dümmste Idee, die Jack jemals hatte. Außerdem, wo sonst hätte er Rosser schon hinbringen sollen?
 
Als der dritte Abend hereinbrach waren sie alle ziemlich erledigt, trotz der regelmäßigen Ruhepausen, die sie immer wieder einlegten. Und wieder erkannte Will, dass dies wohl einer der Gründe war, weshalb Jack ausgerechnet diesen Kurs eingeschlagen hatte. Je länger sie unterwegs waren, desto besser standen ihre Chancen, dass Rossers Wachsamkeit nicht mehr ganz so groß wäre wie noch am Anfang.
 
An diesem Abend waren sie fast wie zu Beginn der Fahrt auf dem Schiff verteilt. Flynn war mit Marston und einem der beiden anderen Männer auf dem Hauptdeck, während der vierte Seemann gerade unter Deck schlief. Jack stand am Ruder, während Rosser direkt hinter im stand und Will mit seiner Pistole in unmittelbarer Nähe in Schach hielt. Die Nacht war sternenklar und das Licht des Mondes spiegelte sich auf der schwarzen Wasseroberfläche. Gerade als er glaubte, sie müssten sich ihrem Ziel so langsam nähern, konnte er in der Ferne etwas erkennen, was wie eine Nebelbank aussah.
 
„Was ist das da vorne?“, fragte Rosser.
 
„Tief stehende Wolken“, antwortete Jack.
 
„Nicht sehr wahrscheinlich.“ Rosser rief nach Marston. „Bring mir das Fernglas.“
 
Sein erster Maat kam auf das Achterdeck und blieb ein paar Schritte vom Steuer entfernt stehen. „Sir?“
 
„Sieh dir diesen weißen Fleck da vorne mal ein wenig genauer an.“
 
Marston hielt sich das Fernglas ans Auge. „Sieht wie Nebel aus, Captain. Von der Form her ähnlich wie ein kleiner Berg.“
 
„Sonst kannst du nichts erkennen?“
 
„Nein, Sir.“ Marston ließ das Fernglas sinken. „So etwas hab ich noch nie zuvor gesehen, außer bei Tageslicht.“
 
„Euer Kurs führt genau dort hinein“, sagte Rosser zu Jack. „Ist dieser Piratenhafen, zu dem ihr uns bringt, direkt hinter diesem Nebel?“
 
„Gut möglich.“ Jack zog seinen Kompass aus der Tasche. „Sehr gut möglich.“
 
„Ist das einfach nur eine merkwürdige Insel, die bei sternenklarer Nacht mit einem Nebelschleier verhangen ist, oder sind diese Gewässer hier anders als normal?“
 
„Sie können schon etwas unheimlich sein“, sagte Jack. „Aber wenn Ihr Euch fürchtet, dann kann ich jederzeit umkehren.“
 
Was?“ Rosser holte mit der Hand aus um ihn zu schlagen, hielt sich jedoch im letzten Moment zurück. „Es gibt nichts, wovor ich mich fürchte, du elende Ratte! Los, segle weiter!“
 
Jack nickte und schaffte es sich einen kurzen Moment unbemerkt umzudrehen und Will ein kleines Grinsen zuzuwerfen.
 
Marston wendete sich ab um das Deck zu verlassen, als Rosser ihn zurückhielt. „Bleib hier. Mir gefällt das alles ganz und gar nicht und ich denke es ist besser, wenn wir zu zweit hier oben sind, wenn wir das Land erreichen.“
 
„Aye, Sir.“ Erneut hielt sich Marston sein Fernglas ans Auge und hielt aufmerksam Ausschau, während sie dem Nebel immer näher kamen.
 
Will spürte, wie seine Anspannung stieg, als sich die Pearl langsam dem Ort näherte, von dem er wusste, dass es die Teufelsinsel war. Er musste stark bleiben, er musste gegen diese übernatürlichen Kräfte ankämpfen, die von diesem verfluchten Flecken Land ausgingen.
 
Als sie näher kamen, begann der Nebel sich wie mit Quallenarmen auszubreiten, und er schien direkt auf das Schiff zuzukommen. Er wurde dicker und weißer, bis er schließlich die gesamte Luft um sie herum erfüllte. Marston ließ sein Fernglas fallen und begann zu zittern. „Das ist nicht normal, Captain. Wir sollten sofort den Kurs ändern.“
 
„Wir segeln weiter“, antwortete Rosser.
 
Unten auf dem Hauptdeck standen Flynn und der andere Seemann an der Reling und beobachteten ebenfalls den Nebel. Der Mann hielt Flynn mit seiner Pistole in Schach, jedoch sah keiner von beiden besonders glücklich aus, angesichts dessen, was vor ihnen lag. Sogar noch oben auf dem Achterdeck konnte Will erkennen, wie die Hände des Mannes zitterten.
 
„Es ist ein bisschen gefährlich“, sagte Jack, „wenn man das Land nicht sehen kann. Ich denke, wir sollten für den Rest der Nacht hier vor Anker gehen.“
 
Doch bevor Rosser auch nur ein Wort sagen konnte, bewegte sich der Nebel plötzlich selbstständig auf sie zu, überraschend und mit großer Schnelligkeit, bis er die Pearl fast vollständig umschloss. Will konnte die Geister der Insel innerhalb des Nebels fühlen, er spürte die Kälte und das Frösteln, das ihre Anwesenheit ankündigte.
 
„Captain!“, schrie Marston. „Der Nebel, er fühlt sich an, als wäre er lebendig!“
 
„Ruhe!“ Rossers Stimme klang rau und heiser. „Wohin hast du uns gebracht, du Bastard? Warum ist es plötzlich so verflucht kalt geworden? Was ist das für ein Grauen in der Luft?“
 
Jack zuckte nur mit den Achseln.
 
Rosser schrie Flynn und seinem Seemann Befehle zu. „Holt die Segel ein!“ Er winkte Marston mit der Hand fort. „Hilf ihnen, oder wir werden auflaufen!“
 
Marston rannte die Stufen nach unten zum Hauptdeck und innerhalb von Sekunden waren er und das gesamte Deck außer Sichtweite, eingehüllt in dichten, weißen Nebel.
 
„Das ist das Werk des Teufels!“ Rosser packte Jacks Schultern und riss ihn grob herum. Er hielt die Pistole direkt an Jacks Stirn. „Bring uns weg von hier! Los, zum Hafen!“
 
Will spannte erneut jeden Muskel an, bereit zuzuschlagen, während er selbst noch immer darum kämpfte, die Furcht aus seinem Kopf zu vertreiben.
 
Jack sah ihn an, machte mit der Hand eine seiner merkwürdigen, drehenden Bewegungen, und sagte: „Ganz wie Ihr wollt.“ Er nickte Will zu und lächelte. Dann ging er zurück ans Steuer.
 
Will ging leicht in die Knie und versuchte einen guten Stand zu bewahren. Jack legte beide Hände aufs Steuerrad. Er wartete gerade lange genug, bis der dichte Nebel das Hauptdeck völlig verschlungen hatte, und soeben dabei war, nach oben aufs Achterdeck zu kriechen, dann drehte er das Steuer abrupt zur Seite, sodass sie einen Schlenker hinüber zur Insel machten.
 
Auch Rosser hatte seine Füße fest auf dem Boden, da auch er eine Drehung des Schiffes erwartet hatte, jedoch schien er nicht mit dem Nebel gerechnet zu haben. Er schrie vor Angst laut auf, als der dichte Dunst über das Achterdeck kroch. Das Schiff wechselte die Richtung und steuerte nun auf das Ufer der Insel zu. Die dichten Wolken umgaben sie nun von allen Seiten und Will konnte kaum noch etwas erkennen. Um sich herum sah er nichts als eine undurchdringliche, weiße Wand. Er drehte sich um und warf sich auf die Stelle, an der Rosser eben noch hinter ihm gestanden hatte. Er traf den Mann mit seinem vollen Gewicht und riss ihn zu Boden. Während sie gemeinsam nach hinten aufs Deck fielen, feuerte die Pistole los, doch der Schuss ging in die Luft, ohne Schaden anzurichten.
 
Das Schiff schwenkte wieder zurück und richtete sich gerade. Gemeinsam mit der Drehbewegung wurden Will und Rosser über das Deck geschleudert. Als sie voneinander wegrollten, konnte sich Rosser von Will losreißen und verschwand in der weißen Nebelsuppe. Will kam mühsam wieder auf die Beine.
 
„Jack!“ Er versuchte zurück zum Steuerrad zu finden. „Wo bist du?“
 
„Ich bin hier!“ Jack taumelte ihm plötzlich durch den Nebel entgegen.
 
Will packte ihn und hielt ihn fest, da er ihn nicht noch einmal aus den Augen verlieren wollte. „Das war ja wirklich ein Geniestreich. Hast du noch mehr von der Sorte auf Lager?“
 
Jack schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, dummerweise nicht. Wo ist er hin verschwunden?“
 
„Keine Ahnung.“
 
„Komm mit mir.“ Jack ergriff Wills Arm und führte ihn durch den Nebel hinunter zur Kapitänskajüte. Sicher und mit festem Tritt suchte er sich seinen Weg, obwohl er selbst kaum die eigene Hand vor Augen sehen konnte. Offenbar fand sich Jack auf seinem Schiff auch blind zurecht.
 
Das Innere der Kabine war zu ihrer großen Erleichterung frei von Nebel. „Waffen“, sagte Jack. Er öffnete den Schrank, in dem er für solche Situationen immer Reserve-Feuerwaffen und Schwerter aufbewahrte. „Hier, nimm das.“
 
Will ergriff den Degen und die Pistole, die Jack ihm reichte. „Wir sollten unter Deck gehen und versuchen, den schlafenden Kerl auszuschalten, falls er noch immer dort ist.
 
Es war sogar sehr wahrscheinlich, dass er noch immer dort war. Denn selbst wenn ihn die scharfe Wendung des Schiffes geweckt hatte, und er nach oben gegangen war, um zu sehen was los war, selbst dann hätte sicherlich ein einziger Blick auf den Nebel genügt und jeder halbwegs klar denkende Mensch wäre augenblicklich wieder zurück nach unten gerannt. Es war ja nicht nur so, dass man nichts sehen konnte. Viel schlimmer waren das unnatürliche Frösteln, die Kälte und die Anwesenheit von etwas Geisterhaftem überall in der Luft. Es war genau wie das, was Will auch schon auf der Insel gespürt hatte. Es erfüllte ihn noch immer mit Angst und Furcht, obwohl er genau gewusst hatte, was ihn erwarten würde. Er hatte sich darauf vorbereiten können. Rossers Mannschaft wusste nicht einmal wie ihnen geschah.
 
„Das sollte nicht allzu schwer werden.“ Jack griff sich ebenfalls eine Pistole und ein Schwert. Schnell gingen sie erneut hinaus in den Nebel, wobei sie sich gegenseitig gut festhielten. Sie fanden die Treppe und kletterten nach unten, hinab in die relative Sicherheit der unteren Decks.
 
Die Quartiere der Mannschaft waren leer, aber sie konnten ein leises Wimmern hören, das aus der Bordküche kam. Schnell schlichen sie näher und sicherten den Eingang, bevor sie beide gleichzeitig mit gezogener Waffe hineinstürmten. Allerdings waren all ihre Vorsichtsmaßnahmen völlig überflüssig, denn sie fanden den Seemann zusammengekrümmt und vor Angst zitternd hinter dem Ofen.
 
Sie zerrten ihn aus seinem Schlupfwinkel in die Schlafquartiere und fesselten ihn mit Seilen von den Hängematten.
 
Dann, als sie die Treppe wieder nach oben schlichen, hörten sie plötzlich Lärm, der vom Hauptdeck kam. Es waren Kampfgeräusche, Schläge und dumpfe Schreie. Eine der Stimmen klang nach Flynn.
 
„Nate!“ Jack stürzte die Treppe hoch, wobei er in der Eile vergaß, sich an Will festzuhalten.
 
„Warte!“ Will hastete hinter ihm her und stürzte an Deck, jedoch wurde er augenblicklich von dichtem Nebel umhüllt. Er konnte weit und breit nichts sehen, außer milchigem Weiß. Verzweifelt streckte er seine Arme aus und tastete umher, während sich in seinem Innern langsam aber sicher Panik breit machte. „Jack!“ Er stolperte über eine Luke und fiel der Länge nach zu Boden. Die Pistole rutschte ihm aus der Hand, schlitterte über das Deck, und wurde augenblicklich vom Nebel verschluckt. Zitternd kam Will auf die Knie und versuchte verzweifelt sich zu beruhigen. Immer schön leise bleiben. Du musst dich an den Geräuschen orientieren, nicht an dem, was du siehst.
 
Er blieb auf den Knien und lauschte angestrengt. Nicht weit von sich entfernt hörte er jemanden ächzen, dann ein Stöhnen und einen dumpfen Schlag, als ein Körper nach unten aufs Deck fiel. Dann nichts mehr.
 
Wo war nur seine Pistole? Will kroch auf Händen und Füßen durch den Nebel, während er das Deck langsam abtastete. Er konnte immer nur wenige Zentimeter weit sehen. Keine Spur von seiner Waffe. Nachdem er ungefähr zehn Fuß auf diese Weise zurückgelegt hatte, gab er schließlich resigniert auf und erhob sich. Er blieb still stehen und lauschte erneut. Zu seiner Rechten glaubte er Schritte zu hören.
 
Vorsichtig schlich er sich in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Er hielt seinen Degen kampfbereit und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Nach jedem Schritt hielt er inne, um erneut zu lauschen. Fast wäre er direkt in die Reling gerannt. Erneut blieb Will stehen, und trat wieder ein paar Schritte zurück. Wer auch immer da gewesen war, jetzt war er weg. Nur wohin war er verschwunden?
 
Dann hörte er, wenn auch nur ganz leise, wie sich über ihm etwas bewegte. Die Takelage. Will warf sich zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um dem Mann zu entgehen, der sich von oben aus den Seilen auf ihn fallen ließ. Sein Angreifer erwischte ihn nur leicht an der Schulter.
 
Will taumelte zur Seite, jedoch erholte er sich schnell und schlug flink mit seinem Degen nach dem Mann. Sofort konnte er auch einen Hieb landen. Der Mann schrie vor Schmerz, aber auch das schien ihn nicht von einem weiteren Angriff abzuhalten. Mit einem Säbel in der Hand ging er auf Will los. Sie standen jetzt so nahe beieinander, dass Will erkennen konnte, um wen es sich handelte. Es war Marston. Wie von Sinnen schlug er immer wieder mit seinem Säbel auf Will ein, jedoch hatte dieser keine Schwierigkeiten seinen Hieben auszuweichen. Marston taumelte zurück und keuchte. Sofort drohte sich der Nebel wieder zwischen ihnen zu schließen, weshalb Will nach vorne stürzte. Er wollte den Mann auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Aber überraschenderweise brach sein Gegner an Ort und Stelle auf dem Deck zusammen, wodurch Will beinahe über ihn gestolpert wäre.
 
„Das hier ist die Hölle!“, schrie Marston. „Ihr habt uns direkt in die Hölle geführt!“
 
„Lasst Eure Waffe fallen“, antwortete Will. Er hielt die scharfe Spitze seines Degens an Marstons Hals.
 
Der erste Maat warf seinen Säbel aufs Deck. „Das ist alles, was ich habe. Tut was Ihr wollt, aber bringt mich weg von diesem teuflischen Ort!“
 
Will kniete nieder, um den Mann schnell zu durchsuchen. Er fand keine anderen Waffen. Marston blutete aus dem Schnitt, den Will ihm am Rücken zugefügt hatte, allerdings schien die Wunde nicht tief. Daher schnitt Will einfach nur kurzerhand ein Stück Tau von der Takelage, zwirbelte es auf in mehrere dünnere Seilstücke und fesselte damit Marstons Hände und Beine. Dann ließ er ihn an Ort und Stelle liegen.
 
Langsam tastete sich Will auf dem Deck entlang, immer nahe an der Reling, wobei er vorsichtig um eine Kanone herum gehen musste, die plötzlich im Nebel vor ihm auftauchte. Er war vielleicht gerade zwei oder drei Meter weit gekommen, als er erneut stehen blieb um zu lauschen. Vor sich konnte er Schritte hören. Er verharrte und wartete, während er den Degen kampfbereit in seiner Hand hielt. Er wünschte sich wirklich, er hätte seine Pistole nicht verloren.
 
Die Schritte kamen näher. Er wollte sich nicht selbst verraten, aber andererseits wollte er sich auch nicht einfach auf den stürzen, der da kam, ohne genau zu wissen um wen es sich dabei handelte. Was, wenn es damit endete, dass er Jack seinen Degen in den Körper rammte?
 
Nein, darüber wollte er wirklich besser nicht nachdenken. Will wartete also, wachsam, und noch immer zitternd aufgrund der furchtbaren Kälte, die in der Luft lag. Plötzlich, gerade als er sich sicher war, dass die Schritte nur noch wenige Meter von ihm entfernt waren, hörte er plötzlich einen Schrei, gefolgt von einem lauten Schlag. Dann war plötzlich alles still. Er wartete erneut und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bevor er schließlich alle Vorsicht über Bord warf und rief: „Wer da?“
 
„Turner? Seid Ihr das?“
 
Es war die Stimme von Nate Flynn. „Ja!“ Er machte einen Schritt nach vorne.
 
Plötzlich wurde der Nebel wieder ein wenig dünner, und Will sah Flynn, der keine fünf Fuß weit von ihm entfernt stand. Flynn blickte direkt in seine Richtung, und der zweite Seemann aus Rossers Mannschaft lag bewegungslos zu seinen Füßen. Will blieb die Luft weg, als er sah, wie Flynn plötzlich nach seiner Pistole griff und in seine Richtung zielte, etwa auf Höhe seines Brustkorbs. Guter Gott. Er wird mich umbringen! Das ist seine Gelegenheit. Jetzt kann er Rossers Mann die Schuld dafür in die Schuhe schieben, und Jack wird es nie erfahren.
 
All diese Gedanken schossen wie Blitze durch sein Bewusstsein, das Entsetzen, durch die Hand dieses Mannes zu sterben, dass Jack niemals erfahren würde ,wer sein Mörder war, und dass Jack deshalb vielleicht wieder zu Flynn zurückgehen würde, um sein Bett zu teilen... Aber noch während Angst und Schock ihn lähmten, noch während er darüber nachdachte eine letzte, verzweifelte und sinnlose Bewegung zu machen, um diesem furchtbaren Schicksal möglicherweise doch noch entrinnen… betätigte Flynn den Abzug.
 
Der Knall des Schusses dröhnte in Wills Kopf wider während er seine Augen fest zusammenkniff. Das Echo verhallte und erstarb, und stattdessen zerriss ein Schmerzensschrei die darauf folgende Stille. Aber es war nicht sein Schmerz. Verwirrt öffnete Will die Augen, gerade noch rechtzeitig um Marston zu sehen, der einen Dolch in seiner Hand hielt, und dem die zerschnittenen Enden des Seiles, das Will dazu benutzt hatte ihn zu fesseln, noch von den Handgelenken baumelte. Marston hatte sich direkt von hinten an ihn herangeschlichen, unbemerkt, völlig geräuschlos, und Flynn hatte ihn erschossen, mit einem einzigen Schuss direkt ins Herz. Wie erstarrt sah Will dabei zu, wie Marston langsam auf die Knie sank bevor er mit einem leeren Blick in den Augen mit dem Gesicht voran aufs Deck fiel.
 
Flynn ließ die Pistole sinken. Will hoffte inständig, dass sein Gesicht nichts von dem furchtbaren Schock und der Angst verriet, die er soeben verspürt hatte. Jetzt, da er wusste, dass Flynn ihn nicht hatte ermorden wollen, sondern stattdessen versucht hatte, sein Leben zu retten. Er ging zu ihm hinüber.
 
„Jack hat Rosser geschnappt“, sagte Flynn. „Wir sollten sie jetzt also alle haben, richtig?“
 
„Ja, sollten wir.“ Will senkte seinen Degen. „Ich danke Euch.“
 
Flynn grinste. „Einen Moment lang saht Ihr ein wenig besorgt aus.“
 
„Nein, nein“, beeilte sich Will zu sagen. „Das war nur der Nebel.“
 
„Aber sicher, natürlich.“ Flynns Miene wurde ernst. „Ich bin kein Feigling. Hätte ich Euch töten wollen, dann hätte ich Euch zu einem fairen Kampf herausgefordert. Aber warum auch, zu welchem Zweck? Ihr habt ohnehin schon gewonnen.“
 
Will runzelte die Stirn. „Ich hatte nicht vor, irgendetwas zu gewinnen und ich wollte auch nie, dass jemand meinetwegen verliert.“
 
„Nein, vermutlich wolltet Ihr das wirklich nicht“, antwortete Flynn. „Ihr wusstet ja nicht einmal, dass ich überhaupt noch am Leben war.“
 
„Und Jack wusste es auch nicht.“
 
Flynn nickte und in seinen Augen lag Trauer. „Ich weiß. Ich weiß, dass ich viel zu lange gewartet habe um ihn zu finden, dass ich zu lange gezögert habe, ihn aus dem Gefängnis zu holen. Glaubt mir, ich weiß um die Fehler, die ich gemacht habe.“ Er drehte den Kopf weg und als er hochsah, war sein Grinsen wieder fest an seinem Platz. „Na kommt schon, lasst uns den alten Taugenichts finden.“ Er lief los, nach vorne zum Achterdeck.
 
Will folgte ihm so gut es ging durch den Nebel, der die Pearl noch immer fest in seinen Klauen hielt. Als sie das Achterdeck endlich erreicht hatten, fanden sie Jack am Steuer vor. Als Jack Will sah, kam er auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schulter. „Na siehst du. War doch gar nicht so schlimm.“
 
„Du Bastard.“ Doch Will musste selbst lächeln, als er es sagte. Er war einfach nur froh, dass Jack heil und unversehrt war. Er zog ihn für eine kurze Umarmung an sich. „Und jetzt bring mich endlich weg von hier!“
 
„Noch nicht.“ Jack deutete hinter sich.
 
Will sah Rosser auf dem Deck sitzen, gefesselt an Händen und Füßen und mit einem Knebel im Mund. „Was hast du vor?“
 
„Wenn wir ihn mit zurück nach Port Royal nehmen, dann werden sie ihn aufhängen.“
 
Hatte Jack etwa noch immer Skrupel einen Piraten zu jagen? „Aber er hat nichts anderes verdient. Er ist ein gewissenloser Schlächter.“
 
„Das ist wahr“, sagte auch Flynn. „Er und seine Mannschaft haben 93 Leute brutal gefoltert und getötet, und das alleine auf der Good Fortune. Der Galgen ist noch zu gut für diesen Teufel.“
 
„Ich stimme dir zu.“ Jacks Antwort überraschte sie. „Und deswegen hab ich mir gedacht, dass wir ihn vielleicht auf Piratenart bestrafen sollten. Ich will, dass ihr zwei das Steuer bewacht. Ich werde einen kleinen Ausflug zur Insel machen.“
 
„Bist du wahnsinnig?“ Will konnte sich nicht vorstellen, dass jemand sich freiwillig noch näher an die verfluchte Insel heranwagen wollte.
 
„Verrückt“, korrigierte Jack. „Ist nicht ganz das gleiche.“
 
„Aber du bist dir darüber bewusst, dass die Insel verflucht ist?“
 
„Ja, aber es macht mir nichts aus, weißt du noch?“ Jack nickte mit dem Kopf hinüber zu Rosser. „Aber dem da, dem macht es ganz ordentlich was aus. Ich schätze fast noch mehr als dir.“
 
Jetzt verstand Will, was Jack vorhatte. „Du willst ihn dort alleine zurücklassen.“ Welch ein furchtbares Schicksal. Ganz zweifellos würde die Insel Rosser innerhalb kürzester Zeit in den Wahnsinn treiben. Wenn man allerdings an all die grausamen Morde dachte, die Rosser an unschuldigen Leuten verübt hatte, dann wäre jede Gnadenfrist, die er noch erhielt, wohl ohnehin zuviel des Guten. „Was ist mit den anderen zwei Männern aus seiner Mannschaft?“
 
„Die werden hier bleiben. Um die kann sich Norrington kümmern.“
 
Will war erleichtert, dass sich Jacks Zurückhaltung, was das Jagen von Piraten betraf, nicht auf gemeine Mörder ausweitete. „Na gut. Aber mach schnell, ja? Und pass auf, dass du dich nicht verirrst.“
 
Jack übergab das Steuer an Flynn. Er hob ein Stück rundes Metall und einen Holzhammer auf, die an Deck lagen. „Erkennst du das?“
 
Will runzelte die Stirn. „Nein. Was ist das?“
 
„Das ist unser verdammter Essens-Gong.“ Er reichte ihn Will.
 
Ja, jetzt erinnerte er sich wieder. Sie hatten den Gong für die Expeditionsgruppe von Reverend Johnson mit an Bord gebracht, damit Cotton damit zum Essen läuten konnte. Und er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie sehr Jack es gehasst hatte, von dem ständigen Läuten unterbrochen zu werden.
 
„Gib mir eine halbe Stunde“, sagte Jack. „Dann hau so fest auf das Ding wie du kannst, damit ich dich finde. Klar soweit?“
 
„Verstanden.“ Will grinste. „Und wenn du hinterher wieder hier bist, darf ich es dann bitte über Bord werfen?“
 
„Häng’s ans Rahsegel, dann können wir Zielschießen damit machen“, antwortete Jack. Das ist wesentlich befriedigender.“
 
Will fand, dass er damit durchaus Recht hatte.
 
~*~**~*~
 
Nachdem Jack Rosser auf der Teufelsinsel ausgesetzt hatte, verlief der Rest ihrer Reise dankenswerterweise ohne weitere Zwischenfälle. Als sie zurück aufs offene Meer segelten, löste sich auch der Nebel auf und zog genauso schnell wieder fort, wie er gekommen war. Sie überließen Marstons Leiche dem Meeresgrund und warfen die zwei anderen Mitglieder von Rossers Mannschaft, die ihre Verletzungen beide überlebt hatten, nach unten in die Arrestzelle.
 
Allerdings waren sie jetzt nur noch drei Mann, um den Schoner zu steuern, was ihnen eine ganze Menge Arbeit abverlangte, und ihnen fast keine Zeit ließ miteinander zu sprechen, oder irgendetwas anderes zu tun, als ab und zu eine Kleinigkeit zu essen. Auch die Gelegenheiten zu schlafen, waren auf kurze Nickerchen beschränkt, weshalb sie, als sie nach weiteren drei Tagen auf See endlich in Port Royal ankamen, vor lauter Erschöpfung schon fast zusammenbrachen.
 
Aber dennoch dauerte es auch nach ihrer Ankunft noch weitere Stunden, bis die Gefangenen abtransportiert waren und sie Norrington endlich Bericht erstatten konnten. Als sie wieder im Port Royal Inn einkehrten, war es schon fast Mitternacht und Will war sich sicher, er würde die nächsten ein, zwei Tage einfach durchschlafen.
 
Tatsächlich aber erwachte am nächsten Tag bereits in den späten Morgenstunden, wobei er sich sogar wieder halbwegs frisch fühlte. Er konnte sich ganz deutlich daran erinnern, dass er in Jacks Armen eingeschlafen war, als er jedoch erwachte, befand er sich alleine im Bett. Naja, vielleicht war Jack ja vor ihm aufgestanden und war nach unten gegangen, um etwas zu essen.
 
Will ließ sich Zeit um sich anzuziehen und fertig zu machen, dann ging er nach unten in den Wirtsraum. Keine Spur von Jack. Er lief zum Salon, verharrte jedoch im Türrahmen. Jack war dort, er saß auf dem Diwan, gemeinsam mit Nate Flynn.
 
Naja. Schätze ich werde mich wohl notgedrungen daran gewöhnen müssen, wenn er tatsächlich vorhat in der Gegend zu bleiben. Will schlenderte in den Raum, in dem sich glücklicherweise gerade keine anderen Gäste aufhielten. „Morgen.“ Er ließ sich gegenüber von ihnen in einen Lehnsessel fallen. Zwischen dem Stuhl und dem Diwan war ein Kaffeetisch, auf dem ein Teeservice und ein Korb mit Brot standen. Er bediente sich.
 
„Morgen“, sagte Jack. „Zumindest das, was von ihm noch übrig ist.“ Er nickte mit dem Kopf zu Flynn. „Nate hat mir gerade erzählt, dass auf Rosser und seine Mannschaft eine Belohnung ausgesetzt war.“
 
„Von der Ostindien-Kompanie“, fügte Flynn hinzu. „Für den Mord an meinem Onkel. Es ist ein ganz ordentlicher Betrag.“
 
„Aber wir können nicht beweisen, dass Rosser wirklich tot ist“, sagte Will. „Werden sie denn akzeptieren, dass wir ihn auf einer einsamen Insel ausgesetzt haben?“
 
„Er ist so gut wie tot“, antwortete Flynn. „Sein Schiff ist zerstört und seine Mannschaft ist ebenfalls entweder tot oder im Gefängnis. Ihr könnt das Geld also mit gutem Gewissen einfordern.“ Er warf Jack einen Blick zu. „Und ohne irgendwelche Skrupel.“
 
Es war zwar eine Sache, einem Mann wie Rosser Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber Blutgeld für den Tod eines Piraten zu nehmen, das stand auf einem ganz anderen Blatt. So etwas würde Jack sicher nicht leicht fallen. Will schüttelte den Kopf. „Wir brauchen das Geld nicht.“
 
Jack warf ihm ein kleines Lächeln zu. „Danke.“ Er wendete sich an Flynn. „Wenn du willst, dann kannst du gerne die gesamte Summe einfordern, Kumpel.“
 
Flynn zuckte mit den Schultern. „Vielleicht werde ich das ja. Aber vielleicht werde ich es auch nicht brauchen.“
 
„Und warum das?“
 
„Naja, ich bin heute Morgen schon ein ganzes Stück früher aufgestanden als ihr zwei Schlafmützen. Und ich habe eurem Commodore einen weiteren Besuch abgestattet. Ein wirklich netter Kerl. Ich wollte ein paar Ratschläge von ihm, was ich tun könnte, sollte ich in Port Royal bleiben. Ich wollte meine Möglichkeiten erkunden.“
 
Will sah, wie sich Jacks Miene bei diesen Neuigkeiten erhellte und dieses Mal fühlte er keine Eifersucht. Er war einfach nur glücklich, weil Jack glücklich war, darüber, dass er einen engen Freund nicht verlor.
 
„Du hast Möglichkeiten?“ Jack grinste breit, während er es sagte.
 
„So wie es aussieht, habe ich das wohl tatsächlich.“ Flynn sah aus, als wäre er in höchstem Maße mit sich zufrieden. „Wir hatten Gelegenheit über meine vielen Talente zu sprechen und wie sich herausstellte, macht sich Commodore Norrington ganz furchtbare Sorgen, was seine Soldaten und ihr Talent im Schwertkampf betrifft. Oder besser gesagt, ihr nicht vorhandenes Talent. An den Musketen sind sie gut ausgebildet, und sie haben auch ein bisschen Training was das Fechten betrifft, aber längst nicht genug Übung. Sie wissen nicht, wie sie ihre Waffen im Nahkampf am effektivsten einsetzen können, und gerade in der Marine ist Nahkampf ja nun mal keine Seltenheit. Offenbar hat sich die Admiralität darauf verlegt, Norrington immer gerade die ungeschicktesten und unfähigsten Rekruten zu schicken, worüber er nicht gerade erfreut ist. Zum Glück hatte ich sofort eine Lösung parat.“
 
„Du wirst sie trainieren“, sagte Jack.
 
„Ich werde sie trainieren“, antwortete Flynn. „Der offizielle Schwertmeister der Königlichen Garde von Port Royal steht zu Euren Diensten.“
 
„Ich fass’ es nicht.“ Jack klopfte ihm auf den Rücken. „Das ist wundervoll! Gut gemacht.“
 
Will hob in Ermangelung eines echten Drinks seine Teetasse. „Meinen Glückwunsch.“
 
Flynn nickte ihm zu.
 
„Es wird schön sein, dich hier zu haben“, sagte Jack mit warmer Stimme, woraufhin Flynn den Kopf neigte.
 
Aber Will konnte sehen, wie er sich auf die Unterlippe biss. Plötzlich kam er sich irgendwie fehl am Platz vor, da er wusste, dass Flynn gerne noch etwas anderes zu Jack gesagt hätte, aber nicht sprechen wollte, solange er mit im Zimmer war.
 
Will stand auf und schnappte sich im Gehen noch ein Stück Brot. „Ich denke, ich werde Elizabeth besuchen.“
 
„Nein, warte!“, sagte Jack. „Ich finde wir sollten das feiern. Wir könnten runter in die Taverne gehen.“
 
„Nein, wirklich.“ Will blieb im Türrahmen stehen. „Ihr zwei geht schonmal vor, ich komme dann später nach, Jack.“
 
Er stürzte nach draußen, wobei er noch hörte, wie sich die beiden kurz hinter ihm unterhielten. Er war gerade bis zur Vordertür des Gasthauses gekommen und setzte seinen Fuß auf die Stufen, als er fühlte, wie ihn jemand am Arm festhielt. Er drehte sich um. Doch noch bevor er den Mund öffnen konnte, um Jack zu sagen, er solle zurück nach drinnen gehen, hielt er überrascht inne. Es war Flynn, der hinter ihm stand.
 
„Ich hab ihm gesagt, er soll drinnen bleiben“, sagte Flynn. Er winkte Will ihm ein Stück weit zu folgen, fort vom Eingang des Gasthauses, hin zu einem ruhigeren Platz an der Steinmauer.
 
„Hört zu“, erklärte Will, noch bevor Flynn ein Wort sagen konnte. „Ich weiß, dass Ihr mich nicht leiden könnt, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich Euch im Gegenzug genauso hassen muss. Ich will, dass Ihr und Jack Spaß zusammen habt. Das will ich wirklich. Geht in die Taverne und trinkt eine Runde, feiert ein bisschen. Mir macht das nichts aus. Er ist auch Euer Kumpel, aber wir können nicht alle drei dorthin gehen. Vielleicht irgendwann mal, wenn Ihr aufgehört habt mich zu hassen. Aber nicht jetzt.“
 
Flynn blinzelte. Er schien überrascht. „Das ist nicht das Problem.“
 
„Ach nicht?“ Hatte er sich etwa getäuscht, was Flynns Gefühle betraf?
 
„Nein. Naja, es könnte natürlich ein Problem werden, da ich ja keinen Alkohol trinke.“
 
„Oh. Stimmt ja. Naja, vielleicht ist es ja an der Zeit damit anzufangen.“
 
Flynn dachte einen Moment lang nach. „Vielleicht. Aber auch das ist nicht das Problem.“
 
„Und warum seid Ihr mir dann nachgegangen? Dann bleibt doch einfach dort und trinkt eine Tasse Tee mit ihm. Ich hatte den Eindruck Ihr würdet gerne mehr Zeit mit ihm verbringen.“ Will hielt kurz inne. „Alleine.“
 
„Das würde ich auch. Aber eben nicht gerade jetzt.“
 
Nun war Will vollkommen verwirrt. „Was wollt Ihr denn dann?“
 
„Ich will, dass Ihr hier bleibt“, antwortete Flynn. „Denn eigentlich wollte ich Elizabeth einen Besuch abzustatten.“
 
„Ihr wolltet was?“ Wills Kinnlade fiel nach unten. „Aber ich dachte, sie wäre nicht mehr für Euch als eine ‚faszinierende Ablenkung’!“
 
Flynn lachte. „Ich sollte wirklich mal ein ernstes Wort mit Jack reden, darüber, dass er nicht alles weitertratschen soll, was ich ihm sage.“
 
„Tut mir Leid, aber ihr Glück ist für mich von größter Wichtigkeit“, fauchte Will.
 
„Bitte, so beruhigt Euch doch. Ja, sie lenkt mich ab. Während unserer dreitägigen Reise allerdings, als wir von der Teufelsinsel zurückkehrten und ich eigentlich gar keine Zeit hatte, irgendetwas anderes zu tun, als am Schiff zu arbeiten, da habe ich bemerkt, wie sich meine Gedanken plötzlich selbstständig gemacht haben. Ich dachte darüber nach, was passieren würde, sollte ich nach Port Royal zurückgehen. Ich dachte über die Zukunft nach, die ich mir hier vielleicht aufbauen könnte. Und während ich das tat, bemerkte ich, dass das Bild von Miss Swann unaufhörlich in meinen Gedanken auftauchte.“ Er runzelte die Stirn. „Es war wirklich sehr verwirrend. Aber ich denke, es ist im Bereich des Möglichen, dass ich tatsächlich echte Gefühle für sie hege, die ich eventuell sogar in Zukunft weiter verfolgen möchte.“
 
Er fängt schon an wie Norrington zu klingen. Will rieb sich die Stirn. Er konnte es noch immer nicht ganz fassen. „Aber was ist mit Jack?“
 
„Ich werde Jack immer lieben“, sagte er. Einen Moment lang wirkte er etwas wehmütig, bevor er hinzufügte. „Aber vielleicht möchtet Ihr Euch mit der einfachen Wahrheit vertraut machen, Mr. Turner, dass die Liebe, die ein Mensch für einen anderen empfindet, nicht zwischen den Bettlaken beginnt und endet.“
 
Will wollte schon protestieren und sagen, dass er dies durchaus wüsste, dann jedoch beschloss er, diese Aussage einfach stehen zu lassen. „Ich werde versuchen, mich daran zu erinnern.“ Er warf einen Blick hinüber zur Eingangstür des Gasthauses. „Ihr seid also fertig mit Eurer Unterhaltung?“
 
„Das bin ich in der Tat.“ Flynn lächelte wissend. „Er gehört ganz Euch.“
 
„Dann werde ich Miss Swann wohl besser ein andermal besuchen“, antwortete Will.
 
„Ich danke Euch.“ Flynn begann loszulaufen, jedoch zögerte er noch einmal kurz. „Und nur so ganz nebenbei, ich hasse Euch nicht.“ Er hob warnend einen Zeigefinger. „Das bedeutet allerdings auch nicht, dass ich Euch mag. Es bedeutet nur, dass ich Euch nicht hasse. Ich wünsche einen guten Tag, Mr. Turner.“ Er drehte sich um und lief davon.
 
~*~**~*~
 
Als Will zurück in den Salon kam, sah er wie Jack alleine dasaß und ins Leere blickte. Er wirkte irgendwie ein wenig verloren. Er zuckte zusammen, als Will das Zimmer betrat, und schien aus seinen Gedanken wieder zurück in die Wirklichkeit zu kommen. „Hey du“, sagte er. „Lust auf einen Drink?“
 
„Gerne“, antwortete Will. „Allerdings nicht hier in der Stadt. Ich weiß da einen sehr viel gemütlicheren Ort.“
 
„Ah. Nach Hause also?“
 
„Nach Hause“, stimmte Will ihm zu.
 
Sie ruderten hinaus zur Pearl, nachdem Jack einen kurzen Abstecher zum Broken Arms gemacht hatte, um Gibbs zu sagen, dass der Überraschungsurlaub der Mannschaft vom Schiff, um eine weitere Nacht verlängert wurde. Die Männer schienen nichts dagegen zu haben.
 
„Ich denke, ich werde sie umtaufen“, sagte Jack, als sie an Bord kletterten.
 
„Du willst was?“ Will kam zu ihm nach oben aufs Achterdeck.
 
„Wäre viel einfacher als sie umzustreichen.“
 
Das war allerdings wahr. Ursprünglich hatten sie das Schiff neu gestrichen, damit sie während der erst kürzlich beigelegten Konflikte mit den Spaniern nicht immer gleich aus weiter Ferne erkannt wurden. Sie war blau, mit einem goldenen Band um den Rumpf. Es passte wirklich nicht besonders gut zu einem Schiff namens Black Pearl. „Du könntest auch das ‚Black’ weglassen, und sie einfach nur ‚Pearl’ nennen.“
 
„Vielleicht.“ Jack stand am Steuer und blickte über den Hafen hinaus zum Horizont. „Ich hab darüber nachgedacht sie Freedom zu nennen.“
 
„Das ist ein wirklich guter Name. Allerdings ist das auch eine sehr wichtige Entscheidung. Du willst dir das sicher gut überlegen. Nichts tun in Eile und so.“
 
„Nichts bereuen in Weile, ich weiß“, beendete Jack das Sprichwort. Er legte eine Hand aufs Steuer und liebkoste es wie eine Geliebte. „Und sind wir doch mal ehrlich, bin ich denn überhaupt noch so frei wie ich mal war?“
 
Will hatte sich oft gefragt, wie Jack wohl mit seinem ersten Auftrag klargekommen war, den er von Norrington erhalten hatte. Hatte es ihm gefallen, für jemand anderen zu arbeiten, das zu tun, was ein anderer von ihm verlangte? „Ich schätze nicht. Aber andererseits steht es dir immerhin frei weiterzuleben. Das ist mehr, als dir als Pirat möglich gewesen wäre.“
 
„Ich weiß.“ Jack blickte nach oben zu den zusammengerollten Segeln. „Und es steht mir frei hier vor Anker zu liegen, bis Norrington sich den nächsten verrückten Plan für uns ausdenkt, hm?“
 
„Du musst zugeben, es war immerhin nicht langweilig.“
 
Jack ließ das Steuer los. „Wo du Recht hast, hast du Recht.“
 
„Und – sollte es jemals langweilig werden - steht es dir auch jederzeit frei ihm zu sagen, dass du alles hinschmeißt“, sagte Will.
 
„Oh. Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Das kann ich tun, nicht wahr?“ Jack lächelte. „Na komm schon, genehmigen wir uns einen Drink.“
 
Will folgte ihm nach unten in ihre Kabine, wo Jack eine Flasche extrem teuren Portwein öffnete. Er füllte ihre Gläser, kickte sich die Stiefel von den Füßen und brachte die Flasche mit hinüber ans Bett. Dort blieb er stehen und winkte Will zu. „Nach dir.“
 
„Es ist gerade mal Mittag“, antwortete Will. Vor nicht allzu langer Zeit, am ersten Morgen als sie mit ihrer Expedition aufgebrochen waren, hatte Jack ihm eine leichte Rüge verpasst, weil er um zehn Uhr morgens eine Rauferei im Bett vorgeschlagen hatte. Daher schien es nur fair, sich jetzt dafür zu revanchieren. „Du bist ein räudiger Bock. Hast du etwa zuviel Energie, oder was? Du kannst jederzeit nach oben gehen, um das Deck zu schrubben.“
 
Jack ob beide Augenbrauen. „Ich? Wie kommst du darauf? Ich bin vollständig bekleidet.“ Er hob die Flasche Portwein mit der einen Hand und sein Glas mit der anderen. „Und ich bin voll bewaffnet. Ich schwöre dir, meine Absichten sind rein.“
 
Will grinste. „Bewaffnet, ja. Rein, auf keinen Fall.“ Aber trotzdem zog er sich seine Stiefel von den Füßen und kletterte noch immer vollständig bekleidet ins Bett. Mit dem Glas in der Hand ließ er sich nach hinten gegen die Kissen sinken. „Na, dann komm schon.“
 
„Bin ja schon unterwegs. Halt das.“ Jack reichte ihm die Flasche, während er ebenfalls ins Bett stieg. Er lehnte sich nach hinten und zog die Decke über ihre Beine. „Da siehst du. Alles hochanständig.“ Er nippte an seinem Portwein. „Ah. Das ist schon viel besser.“
 
Und Will musste ihm zustimmen, es war ein wirklich exzellenter Portwein. So langsam, unter Jacks geduldiger Führung, hatte auch er gelernt, die feineren Sorten Alkohol richtig zu genießen. Er war wirklich dankbar dafür, dass sich Jacks Geschmack nicht alleine auf Rum beschränkte, wobei kein Zweifel daran bestand, dass dies immer sein ungeschlagener Favorit bleiben würde. „Das Zeug ist wirklich gut.“
 
„Ich hab’s geklaut“, sagte Jack.
 
„Was?“ Fast hätte Will seinen Wein verschüttet. „Wann?“
 
„An dem Tag, als wir beim Governor waren, als Flynn auftauchte. Der Brandy, den er uns da servierte? Der war wirklich gut. Ich wollte wissen, was er noch so auf Lager hat.“ Er grinste. „Tut mir Leid, ich konnte einfach nicht widerstehen.“
 
„Du Bastard!“ Will musste selbst lachen. „Und außerdem bist du ein Narr. Er hätte dir die Flasche geschenkt, wenn du gefragt hättest.“
 
„Oh, ich weiß. Aber so macht es viel mehr Spaß.“
 
Will stieß die Luft mit einem resignierten Seufzer aus seinen Lungen. „Und das von dem Mann, der mir ständig erzählt, ich soll bloß nichts Dummes tun.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf, bevor er einen weiteren Schluck aus seinem Glas nahm.
 
„Nein, nein“, sagte Jack. „Was ich tue ist verrückt, nicht dumm.“
 
„Ich nehm’ alles zurück.“
 
„Aber mach dir keine Sorgen, ich werd’s nicht nochmal tun.“
 
„Aber natürlich nicht“, antwortete Will. „Stattdessen wirst du etwas anderes tun, was mindestens genauso verrückt ist.“
 
„Das ist absolut im Bereich des Möglichen.“ Jack hielt ihm die Flasche hin. „Soll ich nachschenken?“
 
„Da sag ich sicher nicht nein.“ Will hielt ihm sein Glas entgegen, damit Jack es auffüllen konnte. „Danke.“
 
„Cheers!“ Jack stieß ihre Gläser aneinander. „Auf unsere Unberechenbarkeit.“ Er nahm einen großen Schluck.
 
Will trank, bevor auch er sein Glas hochhielt. „Auf die Freiheit.“ Er stieß mit Jack an.
 
„Auf die Freiheit.“
 
Beide leerten ihr Glas.
 
Dann schenkte Jack erneut nach und stellte die Flasche nach unten auf den Boden. Diesmal trank er seinen Wein langsamer, und hielt sein Glas zwischendurch eng an seine Brust. „Es ist alles anders geworden, nicht wahr?“
 
„Hm?“ Auch Will trank nun etwas langsamer und passte sich Jacks Tempo an. „Was ist anders geworden?“
 
„Das Leben. Der Kurs, den wir eingeschlagen haben. Ich wusste, dass sich alles verändern würde. Ich wusste nur nicht wie.“
 
„Meinst du das, was seit deiner Begnadigung passiert ist? Ist es das?“ Es hatte sich wirklich viel verändert für Jack. Zuerst als er noch Söldner war, nun mit dieser Spionage-Geschichte. Jack war lange Zeit Pirat gewesen. Es war sicher nicht leicht für ihn, diesen neuen Weg zu beschreiten. Aber er war nicht allein. „Bei mir hat sich auch ganz schön viel verändert, weißt du? Ich hab acht Jahre meines Lebens fast ausschließlich in der Schmiede verbracht, bis hin zu diesem einen schicksalhaften Tag, and dem du beschlossen hast, dich ausgerechnet dort zu verstecken. Seitdem gab es auch in meinem Leben ein paar ganz schöne Umbrüche.“
 
„Das ist wohl wahr.“
 
„Und alles in allem ist es viel besser geworden.“
 
„Ist es das?“
 
„Ja, das ist es.“ Will sah ihn an und sein Herz war voller Wärme und Liebe. „Abgesehen davon, nichts kann für alle Ewigkeit andauern, oder?“
 
Jack schloss die Augen. „Nein.“ Auf seiner Stirn bildeten sich ein paar Falten, dann öffnete er die Augen wieder und blickte in sein Glas. „Nein, das kann es wirklich nicht.“
 
Will wusste, dass er wohl gerade an Nate Flynn dachte. „Weißt du Jack, ob du’s glaubst oder nicht, ich kann ihn jetzt viel besser leiden. Ich kann verstehen, warum du ihn geliebt hast.“ Er hielt inne. „Warum du ihn noch immer liebst. Er ist ein guter Mann.“
 
„Das ist er.“ Jack nahm einen Schluck. „Und du hattest Recht. Ich will ihn wirklich nicht verlieren.“ Er warf Will einen Blick zu und lächelte. „Danke dafür.“
 
„Gern geschehen“, antwortete Will. „Ach ja, was hat er dir denn überhaupt geschenkt? Zum Geburtstag?“
 
„Ein Buch. ‚Eine neue Geografie Amerikas’.“
 
„Das ist perfekt.“
 
„Das ist es allerdings.“
 
Sie tranken eine Weile schweigend. Während er dasaß, konnte Will fühlen, wie ihn ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit überkam, er wurde innerlich gewärmt durch den Portwein, und noch mehr durch Jacks Anwesenheit. Er brauchte nicht mehr als das. Sein Leben, seine Welt, all das fühlte sich vollkommen und perfekt an, wann immer Jack in der Nähe war, einfach nur weil er wusste, dass Jack ihn liebte.
 
Nachdem er erneut ausgetrunken hatte, reichte Will sein Glas weiter. „Ich hab genug.“
 
„Du hast Recht.“ Jack nahm es entgegen. Er leerte auch sein eigenes mit einem Zug, bevor er die Gläser nach unten auf den Boden stellte. Anschließend drehte und rutschte er auf dem Bett hin und her, beim Versuch die Kissen flach nach hinten zu legen. Er streckte sich neben Will aus und stützte sich mit einem Arm auf der Matratze ab. „Du siehst nachdenklich aus, Kumpel. Was ist los?“ 
 
Will begann auch seine eigenen Kissen zu richten. Er tat es Jack gleich und legte sich auf dem Bett auf die Seite, wobei er sich Jack zuwendete. „Versteh mich nicht falsch“, sagte er. „Aber ich hab darüber nachgedacht, ein kleines Nickerchen zu machen.“
 
„Mitten am Nachmittag?“
 
„Der Portwein hat mich schläfrig gemacht.“
 
„Ah. Verstehe. Also nur schlafen?“
 
„Mmh. Naja, mit dir in meinen Armen versteht sich.“
 
„Ah, aber natürlich.“
 
„Es macht dir doch nichts aus, oder?“ Will wusste, dass sie sich lieben würden, irgendwann später, vielleicht heute Nacht, vielleicht auch erst in der Nacht darauf. Es machte keinen Unterschied. Was zählte, war das Band der Freundschaft zwischen ihnen, ein Band, das niemals zerreißen würde, ganz egal welchen Kurs sie auch einschlugen.
 
Jack sah Will aufmerksam in die Augen. „Nein“, sagte er. „Es macht mir nichts aus.“
 
Will rutschte näher und schlang einen Arm um Jack, der die Geste erwiderte. Jack legte seinen Kopf auf Wills Schulter und Will gähnte einmal kurz bevor er die Augen schloss. Wenn manche Dinge doch für alle Ewigkeit andauern könnten… denn wenn es so wäre, dann würde er genau diesen einen Moment der unkomplizierten Zuneigung wählen, um ihn bis in alle Ewigkeit auszudehnen.
 
Während er Jack dicht an seinem Herzen hielt, driftete Will langsam in einen leichten Schlummer. Und während er einschlief, hörte er wie Jack flüsterte: „Träum was Schönes.“
 
Will näherte sich noch einmal kurz dem Wachzustand. Er erinnerte sich an Jacks Traum auf den Bermudas. Als er geträumt hatte, er wäre ein Vogel und flöge über die Insel. „Du meinst ich soll fliegen?“, fragte er neckend. „Wie eine Seeschwalbe? Vielleicht soll ich auch noch ein bisschen schreien?“
 
„Oh nein, ganz sicher nicht“, antwortete Jack. „Ich sagte, du sollst was Schönes träumen, Kumpel.“
 
„Na gut.“ Will konnte fühlen wie er immer schläfriger wurde. „Dann werde ich eben einfach von dir träumen.“
 
„Da siehst du“, hörte er Jack sagen. „Schon wieder kommst du mir mit Romantik. Ich sag’s dir, Miss Swann wird mir dafür Rede und Antwort stehen.“
 
Das wird sie nicht, dachte Will. Denn ich glaube nicht, dass du auch nur das Geringste dagegen hast. „Geh schlafen, Jack. Du kannst dich auch später noch über mich lustig machen.“
 
„Das werde ich, Kumpel. Glaub mir, das werde ich.“
 
Und getreu seiner Worte tat er das auch.


~Ende



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