AUTOR: Shara Nesu
WEBSITE: Shara Nesu's Place
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Alternatives Universum, Romantik, Drama, Hurt/Comfort, Slash, Smut
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: AU – es gibt keine Vampire, alle sind Menschen.
INHALT: Es ist der 18. Geburtstag von William, und wie so oft gerät er in Schwierigkeiten. Doch diesmal kommt ihm überraschend ein Engel zu Hilfe. Allerdings ist besagter Engel alles andere als engelsgleich, sondern ein junger Stricher mit dunkler Vergangenheit. William kann seinen Helfer nicht vergessen und beschließt Angel vor sich selbst zu retten, und vor dem Zuhälter, der nicht bereit ist sein bestes Pferd im Stall einfach so kampflos gehen zu lassen...
DANK: Vielen Dank an Rica und Michelle fürs Beta-Lesen.
WARNUNG: Vergewaltigung und Drogenmissbrauch; falls euch eines dieser Themen unangenehm ist, dann tut euch und mir einen Gefallen und lest bitte nicht weiter!

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Die Memoiren von William Montague, aka Spike


by Shara Nesu




23. Februar 2002
 
Heute ist mein 18. Geburtstag.
 
Eigentlich hätte es der beste Tag meines Lebens sein sollen. Ich hatte alles ganz genau geplant: mein Mädchen, mein Motorrad, meine Freiheit, all das sollte endlich mir gehören. Ob ich es auch bekommen habe, fragt ihr? Dass ich nicht lache. Ihr wollt wissen, was ich stattdessen gekriegt habe? Eine gebrochene Rippe, ein blaues Auge und einen unglaublichen… nein wartet. Das werde ich mir wohl besser für später aufheben. Im Grunde genommen sah gegen Ende des Tages alles gar nicht mal so übel aus. Um ehrlich zu sein war es sogar ein Tag, den ich wohl niemals in meinem ganzen Leben vergessen werde. Denn heute habe ich herausgefunden, wer Spike – ich, oder Will, wie mein Onkel Rupert mich immer nennt - tatsächlich ist.
 
Der Morgen fing eigentlich gar nicht mal so schlecht an. Ich stand auf, machte mir mein Frühstück, und hatte mal wieder eines unserer üblichen Streitgespräche mit Professor Rupert Giles, meinem Onkel. Er arbeitet an der Universität von Sunnydale und ist Leiter des Lehrstuhls für Geschichte. Ich selbst werde diese Uni wohl auch im Herbst besuchen, nachdem ich die High School abgeschlossen habe versteht sich. Rupert will, dass ich Kurse in Anthropologie besuche. Der hat echt ’nen Knall. Ich will ja schließlich nicht so enden wie er, wenn ich verfluchte vierzig bin. Single, nichts außer Tweed-Anzüge im Schrank, und kein Leben. Nein, viel lieber will ich Kurse in Literatur besuchen. Ich will Autor für Horror-Geschichten werden. Zwar hab ich im Moment nicht den blassesten Schimmer, worüber ich dann schreiben soll, aber das ist es, was ich werden will. Letzten Monat wollte ich noch Dichter werden. Ihr wisst schon, so wie John Lennon oder so, nur ohne Musik. Unglücklicherweise musste ich jedoch herausfinden, dass ich für’s Gedichteschreiben absolut kein Talent habe. Nachdem ich mir wochenlang über den Begriff „ob des Strahlens“ den Kopf zerbrochen hatte, hab ich mich von dieser Idee ein für allemal verabschiedet. Einen Monat davor wollte ich noch Rockstar werden. So wie Billy Idol, nur mit einem kleinen extra Kick. Aber auch das hat nicht funktioniert. Ich fand heraus, dass ich noch nicht einmal Noten lesen kann – die sahen für mich nämlich nur aus wie schwarze Farbkleckse auf einem Stück Papier.
 
Wobei die Sache mit der Billy Idol-Idee vielleicht doch ein klein wenig außer Kontrolle geriet. Ich ließ mir meine Haare schneiden und bleichen, und kaufte mir enge schwarze Jeans und eine Lederjacke. Meinen Onkel hätte beinahe der Schlag getroffen, als er mich so sah. Er war stinksauer und drohte damit, mein Motorrad zu verkaufen, aber letzten Endes kam ihm ein Anruf aus der Schule wegen irgendeines Problems dazwischen und darüber hat er mich dann total vergessen. Schwein gehabt. Es ist ja nicht so, dass ich ihn hasse oder so, er ist einfach nur so verdammt steif und langweilig. Ich wohne noch gar nicht so ewig bei ihm. Meine Eltern sind bei einem Autounfall in Lincolnshire, England, gestorben. Das war vor etwa fünf Jahren, und Rupert ist mein einziger noch lebender Verwandter. So kam ich damals nach Sunnydale.
 
Ich habe nicht wirklich viele Freunde hier. Ich bin irgendwie anders, und Engländer, und das trennt mich von den anderen. Ich kenne allerdings ein paar Leute. Da gibt es zum Beispiel Buffy Summers, eine echte Hammer-Braut. Dann sind da noch Willow, Xander, und die Königin aller Miststücke, Cordelia. Aber das sind keine wirklichen Freunde. Die einzige echte Freundin, die ich hier habe, ist Drusilla, die Tochter des Pfarrers hier im Ort. Und ich glaube, der einzige Grund, weshalb sie so gerne mit mir zusammen ist, ist weil es ihren herzallerliebsten Daddy so richtig ärgert.
 
Sorry, ich weiß, dass ich hier gerade ein wenig vom Thema abschweife. Also zurück zu meinem Geburtstag. Nach einem weiteren Zoff mit Giles schaffte ich es also endlich, mich davon zu schleichen und eine kleine Spazierfahrt mit meinem Motorrad zu machen. Es war Samstag, und zum Glück ist da schulfrei. Eigentlich hatte ich vor, mit Drusilla zusammen einen kleinen Tagesausflug nach LA zu machen. Ich wollte jede Menge Spaß haben, mit dem gefälschten Ausweis, den ich habe, und mich mit ihr gemeinsam betrinken. Als ich jedoch bei ihr ankam, fand ich sie dummerweise in den Armen von Xander, dem Dorftrottel, vor! Verdammte Schlampe. Ich riss mir also die Jacke vom Leib, holte die Lederhandschuhe raus und wollte ihm allen ernstes die Seele aus dem Leib prügeln… allerdings verlor ich dummerweise vorher die Nerven.
 
Um ehrlich zu sein, sie haben noch nicht einmal bemerkt, dass ich überhaupt da war. Ich stand einfach nur da, starrte durch das Fenster ihres Hauses, und sah zu wie sie sich gegenseitig den Hals abschleckten. Ich hab absolut gar nichts getan. Naja, so ganz stimmt das wohl auch nicht, denn ich hab auf dem Absatz kehrtgemacht und bin zurück zu meinem Bike gerannt. Fünf Minuten später raste ich mit röhrendem Motor aus Sunnydale raus, in Richtung Highway nach LA.
 
Danach ging alles erst so richtig den Bach runter. Zuerst bekam ich einen Strafzettel für zu schnelles Fahren. Dann hatte ich eine Panne. Und in der Bar, die ich gefunden hatte, zerrissen sie mir prompt meinen gefälschten Ausweis. Als ich mich dann letztendlich wieder auf den Heimweg machte, wurde ich zu allem Überfluss auch noch überfallen. Sie klauten mir mein Motorrad und meine Kohle, und ließen mich blutüberströmt am Straßenrand liegen. Ich schwör’s euch, ich hab mir zwar noch nie zuvor irgendetwas gebrochen, aber diese Rippe, die ich da hatte, fühlte sich echt an, als ob mir jemand bei jedem einzelnen Atemzug den Brustkorb aufreißt. Ich konnte mich nicht bewegen, sondern lag einfach nur da, in irgendeiner verlassenen, dreckigen Seitenstraße. Ich dachte mir schon, das war’s wohl. Jetzt würde sicherlich noch irgendein abgerissener Spinner vorbeikommen, und mich entweder vergewaltigen oder töten. Ich meine, es ist ja nicht so, als hätte ich irgendetwas dagegen tun können. Ich lag einfach nur da und wartete, und das war der Moment, in dem ich ihn sah.
 
Mein erster Gedanke war zugegebenermaßen ziemlich beknackt. Ich meine, ich bin echt ein harter Kerl und so, ein richtiger englischer Punk… Okay, ich versuche ein harter Kerl zu sein, ich versuche ein richtiger englischer Punk zu sein, aber als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich, er müsse wohl ein Engel sein. Er hat einfach diese perfekten, großen braunen Augen. Wie dunkle Schokolade… nein, mehr wie heiße Schokolade, so weich und glänzend, mit all diesen verschiedenen Farben, die ineinander verschwimmen. Seine Haut ist weiß, so hell, dass sie einen schon fast ungesunden Ton hat. Sein Haar war dunkel und stand ihm vom Kopf ab, aber es sah irgendwie dicht und wundervoll weich aus. Er hat diese etwas hervorstehende Stirn, wie bei einem Höhlenmenschen, aber irgendwie sind seine Gesichtszüge… naja, sie sind einfach perfekt. Er ist mehr als nur gut aussehend, und ich schwöre, dass ich das hier noch nie zuvor über einen anderen Mann gedacht habe, aber er ist einfach wunderschön. Daher kam’s wohl auch, dass ich dalag und dachte, er sei so etwas wie ein Engel.
 
Große, starke Hände ziehen mich vom Boden hoch und helfen mir auf die Füße. Zu diesem Zeitpunkt bin ich schon lange darüber hinaus, mich noch um mein Image zu sorgen, und Tränen fließen mir ungehindert über die Wangen. Er spricht nicht, aber er hilft mir auf die Beine und schlingt seinen Arm um meine Taille, um mich aufrecht zu halten. Ich schätze, ich lehne mich wohl mit meinem gesamten Gewicht auf ihn, aber er ist überraschend stark und trägt mich schon fast aus eigener Kraft die Straße hinunter. Ich habe nicht die geringste Ahnung wohin wir gehen, aber in diesem Moment scheint mir so ziemlich alles besser, als noch länger in diesem stinkenden Loch zu liegen.
 
„Hey Angel. Ich glaube nicht, dass der sich deine Dienste heute Nacht leisten kann!“
 
Mein stummer Begleiter knurrt leise, aber er antwortet der Stimme nicht. Ich bemerke einen weiteren jungen Mann in Frauenkleidern, der auf der anderen Straßenseite steht.
 
„Angel, wenn du jetzt einfach verschwindest, werde ich mir deine Kunden schnappen!“, ruft er noch einmal.
 
„Kunden?“, murmele ich fragend.
 
Angel – mein Retter in der Not – antwortet mir nicht, sondern fährt stattdessen unbeirrt damit fort, mich zuerst in einen kleinen Seitenweg und dann einige Stufen nach oben zu tragen. Er zieht einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und schließt eine schwere Metalltüre auf. Während er mich noch immer auf seiner Hüfte balanciert, stößt er die Tür auf und schleppt mich nach drinnen.
 
Von innen ist es echt eine komplette Bruchbude. Die einzigen Möbelstücke im ganzen Raum sind ein schmutziges Bett, ein kleiner Kühlschrank und ein winziger Gasofen. Einige Kleidungsstücke liegen herum, dazwischen eine Nadel, und im hinteren Teil des Zimmers liegen ungefähr zwölf auf Rahmen gespannte Leinwände und eine Sammlung von Malfarben, in die verschiedensten Gefäße gefüllt. Angel zieht mich hoch und legt mich vorsichtig aufs Bett. Er lässt mich einen kurzen Moment alleine, bevor er mit einer Handvoll Mullbinden und einer Plastikbox zurückkommt, die mit Kondomen, Vaseline und Desinfektionsmittel gefüllt ist.
 
„Du bist ein Stricher“, flüstere ich leise, verblüfft über diese neue Erkenntnis hinsichtlich meines Retters. Ich hatte gar nicht wirklich vor, es laut auszusprechen, aber ich machte gerade zum ersten Mal im Leben Bekanntschaft mit einer männlichen Prostituierten.
 
Mit meinen Worten scheine ich Angel beleidigt zu haben, denn er hält kurz inne. „Wenn du damit ein Problem hast, dann kann ich dich auch gerne wieder raus auf die Straße werfen“, faucht er mich an.
 
„Nein!“, beeile ich mich etwas übereifrig, zu versichern. Okay, ich geb’s zu, ich hab ein klitzekleines bisschen die Hosen voll. Ich will ganz ehrlich nicht wieder zurück nach draußen, mit einer gebrochenen Rippe, keiner Möglichkeit nach Hause zu kommen, und diesem winzigen anderen Problem… ich hatte mich nämlich komplett verlaufen. „Es tut mir leid“, murmele ich. Und ich bin’s wirklich nicht gerade gewohnt, diesen Satz zu benutzen. Ich entschuldige mich normalerweise nie.
 
Angel seufzt kurz und zieht sich sein schwarzes Baumwoll-Hemd aus. Darunter trägt er ein leicht verwaschenes weißes T-Shirt und schwarze Lederhosen. Es waren richtig nette, schwarze Lederhosen, die seinen knackigen, runden Hintern betonten… Whoa! Ich glaube, irgendwie muss ich mir bei diesem Überfall wohl den Kopf gestoßen haben, denn gerade checke ich mit meinen Augen einen anderen Kerl aus. Und eine männliche Prostituierte noch obendrein.
 
„Ich werde dir dein T-Shirt ausziehen müssen“, erklärt er mit seiner leisen, etwas heiseren Stimme. Einen Moment lang zögere ich, aber dann hilft mir Angel mich aufzusetzen. „Ich werde dir deinen Oberkörper bandagieren, das sollte helfen, den Schmerz zu lindern.“
 
Nun, das ändert natürlich alles. Es ist mir scheißegal, ob es Jack the Ripper ist, der mir anbietet mich zu verbinden. Ich nehme alles in Kauf, wenn nur dieser Schmerz endlich nachlässt. Ich helfe ihm dabei, mein T-Shirt nach oben zu ziehen, und zum ersten Mal bemerke ich die Einstiche an den Innenseiten seiner Arme. Ich habe noch nie zuvor Drogen genommen. Oh klar, ich hab hin und wieder mal eine Tüte geraucht, aber sicherlich nichts Härteres. Ich habe gesehen, wie andere Kids Heroin und so probiert haben, aber wenn man von der Anzahl der Narben auf seinen Armen ausgeht, ist Angel wohl schon eine ganze Weile dabei. Wie auch immer, Angel hilft mir also mein Shirt auszuziehen, und beginnt dann meinen Oberkörper abzutasten. Meine sonnengebräunte Haut fängt schon langsam an, sich zu verfärben und blaue Flecken bilden sich auf der einen Seite meines Brustkorbs. Seine großen Finger sind überraschend weich und warm, als er sie vorsichtig über jeden einzelnen Knochen wandern lässt.
 
„ARGGGH! Fuck!“, schreie ich, als er die gebrochene Rippe berührt. Er reibt darüber und bringt mich dazu, nur noch mehr zu fluchen und zu schreien. „Was zum Teufel tust du da?! Sie ist verdammt noch mal gebrochen!“, heule ich los. Tränen stehen mir schon wieder in den Augen, und Angel zieht seine Hand zurück und greift nach der Tube mit dem Desinfektionsmittel.
 
„Um ehrlich zu sein denke ich, dass sie nur angebrochen ist.“ Er verteilt ein wenig von der Creme auf meiner Brust und greift dann nach dem Verbandszeug.
 
„Ach ja, und du bist plötzlich ein Arzt, oder was“, motze ich ihn prompt an.
 
„Ich hatte schon eine ganze Reihe gebrochener Rippen über die Jahre hinweg“, antwortet mir Angel mit gelassener Stimme.
 
„Oh“, antworte ich ihm, da ich plötzlich unsicher bin, was ich noch sagen soll. Dieser junge Mann hier scheint mir echt total den Kopf zu verdrehen. Ich meine, normalerweise hab ich keine Probleme, mit Leuten zu reden, oder zu sagen, was ich gerade denke. Aber in Gegenwart dieses atemberaubenden jungen Strichers gehen mir plötzlich die Worte aus. Ich fühle mich irgendwie echt merkwürdig, so gehemmt, aber auf der anderen Seite auch total wohl und geborgen. Wir sprechen nicht miteinander, als er damit anfängt meine Rippen zu verbinden, indem er die Mullbinden fest um meinen Brustkorb wickelt. Er kann das echt verdammt gut, es ist genau richtig – fest genug um den Schmerz zu lindern, aber gleichzeitig auch locker genug, dass ich noch ohne Probleme atmen kann.
 
„Besser?“, fragt er, als er die Binde mit einem Knoten festzieht.
 
„Ja, danke“, murmele ich. Ich glaube, der Schmerz hat mich echt ziemlich fertig gemacht, denn irgendwie fallen mir die Augen zu.
 
„Leg dich einfach einen Moment hin und ich werde dir ein Glas Wasser holen.“ Angel hilft mir dabei, mich zurück auf das Bett zu legen, und kaum hat mein Kopf das Kissen berührt, falle ich auch schon in einen tiefen Schlaf.
 
~*~*~*~
 
Ich schätze es müssen wohl Stunden vergangen sein, bis ich plötzlich aufwache, weil ich Stimmen höre. Ich öffne langsam meine Augen. Das rechte ist zwar noch immer ziemlich geschwollen, aber immerhin kann ich gerade noch damit sehen. Mein Brustkorb beginnt wieder zu schmerzen, als ich mich mit den Ellbogen aufstütze, um zu sehen, woher der Lärm kommt. Angel steht an der Tür. Er trägt eine Jogginghose und ein T-Shirt und spricht mit einem großen, blonden Mann. In seiner Hand hält der Mann eine braune Papiertüte, und es sieht so aus, als versuche er, Angel dazu zu überreden die Tüte anzunehmen.
 
„Ach komm schon, Angel-Baby. Ich weiß doch, dass du nicht lange ohne auskommst. Wie lange ist es jetzt schon her? Ein paar Tage…?“
 
„Ich kann nicht…”, antwortet Angel leise. Er ist nicht gerade der Typ, von dem ich erwartet hätte, dass er sich von jemand anderem einfach so herumschubsen lässt. So wie er sich normalerweise gibt, könnte man denken, dass er sich und sein Leben total unter Kontrolle hat.
 
„Angel, schau… ich werde dir einfach ein klein wenig davon hierlassen, und morgen kannst du den Rest dann zu einem absoluten Sonderpreis bekommen.“ Der Mann lehnt sich plötzlich nach vorne, und ich merke, dass er mich wohl gesehen hat. Er wirft mir einen lüsternen Blick zu und leckt sich über seine fleischigen Lippen. „Komm schon, Angel! Da wartet ein Kunde auf dich. Hey, ich dachte immer, du magst es nicht, mit ihnen danach noch einzuschlafen? Zahlt er dir etwa extra dafür?“
 
Angel sieht ein wenig verwirrt aus und wirft mir dann einen kurzen Blick zu. Ich sehe etwas in seinen Augen. Er hat solch alte Augen, wenn man bedenkt, dass er auf keinen Fall älter sein kann als 21 oder 22. Plötzlich frage ich mich, ob ich ihn nicht vielleicht doch völlig falsch eingeschätzt habe. Vielleicht ist er ja tatsächlich schwach. Vielleicht ist er tatsächlich nur irgendein Junkie ohne Rückgrat und Charakter. Aber trotzdem – irgendwie hatte ich einen komplett anderen Eindruck von ihm, als ich mit ihm zusammen war. Angel hat sich irgendwie stark angefühlt, und aufrichtig, und… naja, irgendwie will ich ihn einfach besser kennen lernen. Ich will wissen, wie ein so wundervoller Mann wie er auf der Straße enden konnte… nein, warte. Ich denke, ich weiß wie das passiert ist. Ich wette, eine Menge Leute würden ihm eine Menge Geld zahlen, nur um ihn berühren zu dürfen. Ich wette eine Menge Leute tun auch genau das. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich will ganz einfach mehr über ihn erfahren. Außerdem bin ich auch echt neugierig, was es mit diesem Stapel Leinwände in der Ecke auf sich hat. Während ich mich umsehe, entdecke ich auch einen ganzen Haufen alter Bücher neben dem Schrank. Ein Titel, der irgendwie hervorsticht, erregt meine Aufmerksamkeit: „Shakespeares gesammelte Werke“. Es sieht so aus, als habe Angel auch eine ganz passable Erziehung genossen. Daneben, im offenen Schrank, kann ich auch eine paar Hanteln entdecken. Sie sehen aus, als habe er sie selbst gemacht, und ich schätze, er benutzt sie um in Form zu bleiben. Oh ja, ich habe durchaus bemerkt wie muskulös und gut gebaut er ist. Er ist blass, daher vermute ich mal, dass er nicht im Freien joggen geht oder so, aber irgendwie muss er sich wohl fit halten. 
 
„Malloy, nicht!“ Angels erschrockene Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und bringt mich zurück in die Wirklichkeit, zu Angel und dem Gespräch, das er mit dem Mann führt.
 
Ich blicke rüber zur Tür und sehe wie Malloy Angel an den Armen packt und ihn ordentlich durchschüttelt. „Ich bin derjenige, der die Miete zahlt, Angel. Ich bin derjenige, der diese Wohnung für dich gefunden hat. Ich bin derjenige, der dir deinen ersten Freier verschafft hat. Jetzt nimm gefälligst diese verfluchte Tüte und arbeite deine Schulden bei mir ab.“
 
„Ich will das Zeug aber nicht!“, schreit Angel zurück.
 
Malloy zieht Angel nach vorne und küsst ihn grob auf den Mund, wobei er seine Zähne schmerzhaft in Angels weiche, rosafarbene Lippen schlägt.
 
„Nein!” Jetzt kann man echte Furcht in Angels Stimme hören. Er versucht, den größeren Mann wegzustoßen, aber irgendwie scheint er Hemmungen zu haben, sich wirklich zur Wehr zu setzen. Warum nur?
 
„Bring mich nicht dazu, dass ich dir wieder einmal zeigen muss, wer hier der Boss ist, Angel. Ich biete dir meinen Schutz an, und ich bringe dir das, was du brauchst, daher wirst du mich zum Teufel noch mal besser respektieren. Du weißt, was passieren wird, wenn du das nicht tust“, knurrt Malloy ihn an, während in seinen Augen ein irres Funkeln aufleuchtet. Er gibt Angel einen Stoß, der ihn nach hinten gegen die Tür taumeln lässt. Dann wirft er die kleine Tüte direkt in Angels Gesicht. Wütend greift Angel nach dem Päckchen, aber er wirft es nicht zurück zu Malloy. Er behält es. Aus irgendeinem Grund macht mich das trauriger als es sollte.
 
Als Malloy weg ist, wirft Angel die Tür ins Schloss und greift sich das nächste Teil, das ihm in die Finger kommt – in diesem Fall ein Teller –, um ihn gegen die Wand zu schleudern. Das ist der Moment, in dem er bemerkt, dass ich ihn beobachte. Sofort scheint er sich zu beruhigen und stellt den Teller wieder zurück auf den Tisch.
 
„Es ist Morgen. Die Straßen sind jetzt viel sicherer“, erklärt er und wirft mir mein T-Shirt zu. „Ich kann dir zwanzig Dollar geben. Wird das reichen, damit du alleine heimkommst?“
 
Angel dreht sich um und beginnt die braune Papiertüte zu befingern. Sein Körper zittert und seine breiten Schultern scheinen nach vorne gesunken. Er wirkt gekrümmt, als ob er sich vor etwas schützen will. Er sieht überhaupt nicht mehr aus wie die Person, die mir letzte Nacht geholfen hat. Die Person von letzter Nacht war stark, schweigsam und standhaft. Der Mann, der jetzt vor mir steht, ist furchtsam, schwach und unsicher.
 
„Warum hast du dich nicht gewehrt?“, frage ich ihn, während ich mir mein Shirt anziehe.
 
Angel lacht. Es ist ein heiseres, trockenes Lachen. „Frag nicht nach Dingen, die du nicht verstehst, Junge“, antwortet er.
 
„Was, dieser Malloy-Kerl muss doch bestimmt älter sein als vierzig, und er ist nicht gerade besonders gut in Form. Sicherlich könntest du es problemlos mit ihm aufnehmen. Ich meine, sieh dich doch nur mal an…“ Verdammt, ich wünsche mir wirklich, ich hätte das gerade nicht gesagt, denn gerade jetzt sehe ich mir Angel wirklich ziemlich genau an. Und – so schrecklich das auch ist – mir gefällt was ich sehe. „Du bist echt fit und so. Du hast es nicht nötig, dich von ihm rumschubsen zu lassen.“
 
„Ich kann nicht”, flüstert Angel leise. „Du hast keine Ahnung.“
 
„Was denn, ist er etwa dein Zuhälter, oder wa… Oh.“ Ich schätze damit hab ich den Nagel wohl auf den Kopf getroffen. Nun ja, ich geb’s zu – es ist nicht unbedingt das, was ich erwartet hatte. Irgendwie hatte ich wohl gedacht, dass nur Frauen so was brauchen.
 
Angel antwortet mir nicht, stattdessen beginnt er, ein paar Kaffeedosen zu durchsuchen, bis er schließlich ein gerolltes Bündel Geldscheine hervorzieht. Keine großen Scheine, nur ein paar Zwanziger und einen Haufen Ein-Dollar-Noten. Er wirft mir einen der Scheine zu, zusammen mit meinem Hemd. „Hier hast du Geld, und jetzt verschwinde.“
 
Angel verschwindet durch die offene Tür und ich höre nur noch seine Fußtritte, wie er den Weg entlang läuft. In der Stille der Wohnung ziehe ich mich fertig an, dann greife ich mir den Zwanziger. Ich hasse es wirklich, sein Geld nehmen zu müssen. Denn so wie es aussieht, kann Angel es sich nicht wirklich leisten, darauf zu verzichten. Aber trotzdem habe ich das Problem, dass ich nicht einen einzigen Cent mehr bei mir habe, um nach Hause zu kommen. Irgendwie fühlt es sich aber trotzdem so an, als würde ich ihn bestehlen, obwohl er mir den Schein freiwillig gegeben hat. Warum also fühle ich mich nur so mies? Warum sollte ich mich überhaupt einen Dreck um ihn scheren? Ich meine, das hier ist sicherlich nicht das erste Mal, dass ich einfach so etwas genommen habe. Ich klaue ständig Geld von meinem Onkel, Alkohol aus dem Laden an der Ecke, oder irgendwelches Zeug in der Schule. Aber nie zuvor habe ich mich deshalb schlecht gefühlt. Warum also fühle ich mich so verdammt schuldig, nur weil mir Angel zwanzig Mäuse gegeben hat?
 
Ich ziehe mich an und zucke zusammen, als meine Rippen anfangen zu schmerzen. Sie fühlen sich heute Morgen schon viel besser an. Vielleicht hatte Angel ja Recht, und ich hab mir tatsächlich nichts gebrochen. Ich greife nach dem Zwanziger und mache mich auf den Weg zur Tür, als mein Blick plötzlich auf etwas fällt… auf den Stapel von Gemälden in der Ecke des Raumes. Das Licht im Raum ist dämmrig, daher greife ich mir einige und trage sie nach vorne zur Tür. Im Morgenlicht betrachte ich das, was ich gefunden habe.
 
„Bloody Hell!“ Diese Dinger sind echt der Hammer! Die Bilder sind im sanften, gedämpften Ton von Wasserfarben gemalt, aber sie sind echt… naja, sie sind einfach fantastisch. Wie beschreibt man Kunst, die einem buchstäblich den Atem raubt? Diese Bilder zeigen definitiv ein und dasselbe Mädchen. Zu der Zeit, als sie gemalt wurde, konnte sie kaum älter als 16 gewesen sein, mit dunklen braunen Augen und gewelltem, braunen Haar. Alle Bilder zeigen sie im Sonnenlicht, sodass sie aussieht wie ein Engel, mit ihrer hellen Haut, die vor Licht und Leben nur so leuchtet. Sie ist wirklich sehr hübsch, und unheimlich zart. Jede Zeichnung von ihr ist perfekt bis ins kleinste Detail. Jede Linie in ihrem Gesicht, jede Form ihres Körpers. Die Farben in ihrem Haar und auf ihrer Haut lassen sie so real erscheinen, dass ich fast glaube, sie könnte jeden Moment aus dem Bild springen und vor meinen Augen zum Leben erwachen.
 
Auf einem Bild ist sie dargestellt, wie sie gerade tanzt – die Haltung einer Ballerina. Das Bild erregt meine Aufmerksamkeit, weil es am unteren Ende der Leinwand eine Signatur trägt. Der Name des Künstlers ist Liam O’Branbudh, signiert im Jahr 1999. Ist Liam etwa dieselbe Person wie Angel? Falls ja, wer ist dann das Mädchen auf diesen Bildern? Und warum in aller Welt arbeitet er auf der Straße, wenn er so malen kann?
 
Okay, Angel hat definitiv meine Neugierde geweckt. Ich stelle die Bilder dorthin zurück, wo ich sie gefunden habe, und suche mir ein altes Stück Papier und einen Stift.
 
An Angel, oder vielleicht doch Liam?
Danke für die zwanzig Mäuse. Ich werd sie dir auf jeden Fall zurückzahlen, verlass dich drauf.
Der Typ, dem du geholfen hast und den du nichtmal nach seinem Namen gefragt hast. Ich heiße Spike, nur so nebenbei.
 
Okay, ja, ich geb’s zu. Ich wusste nicht wirklich, was ich schreiben sollte. Ich wollte nicht rüberkommen, als würde ich mir Sorgen um ihn machen, oder als würde er mir leid tun. Ich hab mich allerdings gefragt, mit welchem Namen ich unterschreiben sollte. Hätte ich vielleicht besser Will schreiben sollen? Inzwischen nennt mich fast jeder Spike, abgesehen von meinem Onkel, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich will, dass mich auch Angel so nennt. Fragt mich nicht warum, ich weiß es selbst nicht. Ich lege den Brief auf das Bett und verlasse Angels schmutzige kleine Unterkunft. Ich schließe die Tür hinter mir, und frage mich, ob ich ihn wohl jemals wieder sehen werde. Aus irgendeinem Grund hoffe ich es.


Nächster Teil




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