AUTOR: Shara Nesu
WEBSITE: Shara Nesu's Place
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Alternatives Universum, Romantik, Drama, Hurt/Comfort, Slash, Smut
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: AU – es gibt keine Vampire, alle sind Menschen.
INHALT: Es ist der 18. Geburtstag von William, und wie so oft gerät er in Schwierigkeiten. Doch diesmal kommt ihm überraschend ein Engel zu Hilfe. Allerdings ist besagter Engel alles andere als engelsgleich, sondern ein junger Stricher mit dunkler Vergangenheit. William kann seinen Helfer nicht vergessen und beschließt Angel vor sich selbst zu retten, und vor dem Zuhälter, der nicht bereit ist sein bestes Pferd im Stall einfach so kampflos gehen zu lassen...
DANK: Vielen Dank an Rica und Michelle fürs Beta-Lesen.
WARNUNG: Vergewaltigung und Drogenmissbrauch; falls euch eines dieser Themen unangenehm ist, dann tut euch und mir einen Gefallen und lest bitte nicht weiter!

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Die Memoiren von William Montague, aka Spike


by Shara Nesu



5. März 2002

Endlich! Seit über einer Woche sitze ich jetzt schon in diesem verdammten Haus fest, aber heute darf ich endlich wieder nach draußen. Mein Onkel war ja sowas von stinksauer, als ich nach meiner Nacht in der Stadt zurück nach Hause kam. Ich hatte nicht nur mein Motorrad verloren, mein Geld und alles andere, sondern er musste auch noch ein kleines Vermögen für die ganzen Arztrechnungen zahlen, wegen meiner angeknacksten Rippe. Er war wirklich alles andere als erfreut. Ich meine, er musste sich trotz all seiner ach-so-wichtigen Arbeit Zeit nehmen und mich ins Krankenhaus fahren. Natürlich war es wieder einmal allein meine Schuld, dass ich verprügelt wurde und ohne mein Bike im Straßengraben endete. Als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam, wurde ich also erstmal zu einer Woche Hausarrest verdonnert. Die wurde nochmals verlängert, als ich losbrüllte und einen Streit mit ihm vom Zaun brach, weil das Ganze ja nun mal wirklich nicht meine Schuld war. Er hört mir einfach nie zu, und mein Hausarrest wurde auf zehn Tage erweitert.
 
Jetzt aber, da ich meine Freiheit wieder habe, kann ich endlich meine Schulden begleichen. Ich habe Angel nicht vergessen. Um ehrlich zu sein, habe ich ihn die ganze Zeit über nicht wirklich aus meinem Kopf gekriegt. Ich kann mir einfach nicht helfen, ich muss immerzu an ihn denken – an sein Gesicht, seine Lippen und seine Augen. Sogar als Drusilla mit mir Schluss gemacht hat, dachte ich nicht wirklich an sie, sondern stattdessen an ihn. Ich glaube, irgendwo ist bei mir echt was ziemlich schief gelaufen.
 
Nachdem man mich jetzt also entlassen hat, borge ich mir das Auto meines Onkels (ohne ihn darüber in Kenntnis zu setzen, versteht sich), da ich weiß, dass er es sowieso nicht merken wird. Er läuft jeden Tag zur Universität und während seiner Arbeitszeit kommt er ohnehin nie nach Hause. Ich tanke den Wagen voll, klaue ihm zwanzig Dollar und mache mich auf den Weg über den Highway in Richtung einer ganz bestimmten, dreckigen kleinen Seitenstraße. Ich komme dort am Spätnachmittag an, und mache mich daran, Angels kleine, bescheidene Unterkunft zu finden. Unterwegs hab ich mich wohl ein bisschen verfahren, aber als ich mich ein wenig umsehe, entdecke ich denselben Kerl in Frauenkleidern, der Angel auch schon in der damaligen Nacht etwas zugerufen hat.
 
„Hey du“, rufe ich ihm zu, und der Mann dreht sich in meine Richtung.
 
„Meinst du etwa mich, Süßer?“, fragt er in seiner besten Schlafzimmerstimme. Es kling ein bisschen lächerlich und ich muss mich echt bemühen, nicht laut loszuprusten.
 
„Mehr oder weniger. Eigentlich suche ich Angel. Weißt du zufällig, wo er ist?“
 
Der Mann lässt die Schultern sinken und sieht mich ziemlich angewidert an. „Im Moment ist er beschäftigt“, erklärt er, mit einem viel sagenden Nicken die Straße hoch. Dann stöckelt er lässig davon.
 
Ich bin mir zwar nicht wirklich sicher, was genau er meint, aber ich halte gar nicht erst inne um nachzudenken. Ich laufe los, bis ich plötzlich wie angewurzelt stehen bleibe.
 
Da, direkt vor mir, ist Angel, und er ist gerade dabei, einem anderen Mann einen zu blasen. Er ist auf seinen Knien, mitten in einer dreckigen kleinen Seitenstraße, und seine Hände liegen auf den Hüften des Mannes. Starke Finger sind in Angels Haar verkrallt, während besagter Mann immer und immer wieder seinen dicken Ständer in Angels Mund stößt. Angels Augen sind geschlossen, und auf seinem Gesicht liegt ein Ausdruck von… Schmerz. Sein Körper ist steif und angespannt, aber er saugt und leckt angestrengt, während er sich bemüht, den Mann zum Orgasmus zu bringen. Nach einigen weiteren Stößen passiert es schließlich, und Angels Mund füllt sich mit dickem, weißen Sperma.
 
„Du hübscher Junge“, murmelt der Mann, als sein schlaffer Penis aus Angels Mund gleitet. Er versucht, über Angels Wangen zu streichen, aber dieser zuckt zurück, fast so, als würde ihn die Berührung anwidern. „Nächste Woche, selbe Zeit?“, fragt der Mann.
 
Angel nickt nur und bekommt ein Bündel Geldscheine zugeworfen. Er stopft sie in seine Tasche und blickt nach oben… direkt in meine Augen. Der andere Mann bemerkt nicht einmal, dass ich hier bin, er geht einfach davon, während er, noch immer gesättigt von seinem Orgasmus, ein fröhliches kleines Liedchen pfeift. Angel allerdings sieht mich sehr wohl, denn er starrt mich an, mit einem Blick aus Unglauben und… Verachtung in seinen Augen.
 
„Ich habe dir dein Geld zurück gebracht“, stottere ich überrascht. Ich strecke meine Hand aus mit den zwanzig Dollar darin, und Angel starrt das Geld an. Einen Moment lang bin ich davon überzeugt, dass er es nicht annehmen wird. Er scheint genauso geschockt wie ich. Ich bin mir nicht sicher, weshalb. Vielleicht, weil ich ihn dabei erwischt habe, wie er gerade jemandem einem Blowjob verpasst hat. Vielleicht aber auch, weil er überrascht ist, weil jemand ihm tatsächlich sein Geld zurück gebracht hat. Nach einer sehr langen Weile streckt Angel die Hand aus und schnappt sich mit einer schnellen Bewegung das Geld.
 
„Danke“, würgt er hervor, dann schubst er mich zur Seite, läuft er an mir vorbei und rennt die Straße entlang in Richtung seiner Wohnung. Natürlich muss ich ihm folgen.
 
Angel läuft zu seinem Zimmer, öffnet die Tür und fliegt geradezu ins Badezimmer. Ich betrete die Wohnung nach ihm und höre ihm dabei zu wie er würgt und sich übergibt. Dann höre ich wie das Wasser läuft und Angel zurück ins Zimmer kommt, bestimmt fünf Schattierungen blasser als zuvor. Er schenkt sich ein Glas Wasser ein und dreht sich um, um mich anzusehen.
 
„Ich… äh… Danke für…“
 
„Ist schon okay“, antworte ich ihm. Er sieht nicht so aus, als ob er sich beim Gedanken, mit mir reden zu müssen, sonderlich wohl fühlt.
 
„Ich… äh… ich hätte nicht gedacht, dass du … äh… dass du tatsächlich zurück kommst...“, flüstert er.
 
„Ich hab doch gesagt, ich würde zurückkommen“, antworte ich ihm. Ich setze mich aufs Bett, wodurch Angel nur noch unsicherer wird.
 
Während sich zwischen uns ein ziemlich ungemütliches Schweigen ausbreitet, sehe ich mich genauer in der Wohnung um. Ich bemerke, dass Angel das, was in der brauen Papiertüte war, wohl benutzt hat. Oder es ist eine andere. Eine Spritze liegt zerbrochen und blutbeschmiert auf dem Tisch, mit einer Kerze und einem Löffel direkt daneben. Angel bemerkt meinen Blick und beginnt nervös, seinen Arm zu reiben.
 
Ich bin gerade dabei ihn zu fragen, ob er okay ist, als es plötzlich an der Tür klopft. Angel zuckt zusammen und dreht sich um, um zu öffnen. Draußen ist der Mann in Frauenkleidern, den ich auf der Straße nach Angel gefragt hatte.
 
„Angel, Mann, du sitzt echt richtig tief in der Scheiße! Malloy sucht nach dir!“
 
„Danke für die Warnung, Jerome.“ Angel lächelt und schließt die Tür.
 
„Alles okay?“, frage ich ihn, da ich bemerke wie sich sein Körper bei der Erwähnung von Malloys Namen anspannt.
 
„Alles prima“, lügt er.
 
Na, woher wusste ich in dem Moment wohl, dass er log? Da war irgendwas in seinen Augen, in dem Moment als die Worte über seine Lippen kamen. Ich wusste ganz einfach, dass es auf keinen Fall die Wahrheit war.
 
„Du solltest jetzt gehen.“ Angel öffnet die Tür und wartet geduldig darauf, dass ich aufstehe. „Danke, dass du dein Versprechen gehalten hast.“
 
„Angel, du solltest einfach verschwinden, sodass dich dieser Malloy nicht findet. Du kannst ihn bekämpfen, du…“
 
„Bitte… Du verstehst das einfach nicht. Es ist nicht so einfach… Bitte geh…”, fleht er mich an, während er sich immer wieder nervös umsieht.
 
Warum zur Hölle kämpft er nicht einfach? Ich meine, er ist groß und jung und stark. Ich schätze, dass er sich sonst auch von niemandem in den Hintern treten lässt. Er ist keiner, der davonläuft. Er strahlt diese Art von Charakterstärke einfach aus. Ich kann mich da auf gar keinen Fall irren. Irgendetwas hat Angel, das mich anzieht. Irgendetwas, für das ich alles vergesse, was ich versuche zu sein. Ich will einfach nur bei ihm sein. Ich will ihn kennen. Ich will, dass er weiß wer ich bin. Ich habe noch nie zuvor so gefühlt, bei niemandem, nicht einmal bei meinen Eltern. Bei anderen habe ich immer versucht jemand zu sein, der ich nicht wirklich bin. Ein Filmstar, ein harter Motorrad-Typ. Ich hab mir sogar mit viel Mühe den Cockney Akzent angelernt, damit ich so klinge, als käme ich von einem ärmeren Stadtteil Londons. Bei Angel vergesse ich sogar den Akzent.
 
Einen Moment lang denke ich tatsächlich darüber nach, ihm Kontra zu bieten, aber ich weiß genau, dass mich das auch nicht weiter bringt. Ich habe allerdings nicht vor, zu gehen und nie wieder zu kommen. Ich werde einfach nur das tun, was er sagt und später zurückkommen, um ihn noch einmal zu sehen. Nämlich dann, wenn ich einen wirklich stichhaltigen Grund habe, der ihn überzeugt, diese Welt hinter sich zu lassen. Das werde ich tun, und wenn ich Geld dafür zahlen muss, dass er Zeit mit mir verbringt. Ich werd’s tun. Mit einem kurzen Nicken verlasse ich die Wohnung und Angel schließt die Tür hinter mir.
 
Plötzlich habe ich eine Idee. Ich renne die Straße entlang zu der Stelle, an der Jerome normalerweise steht, und finde ihn dort auch prompt. Wenn Angel schon nicht mit mir reden will, vielleicht wird Jerome mir ja erzählen, was ich wissen muss.
 
Vier Stunden später und ich habe noch immer nichts über Angel erfahren, was mir auch nur im Geringsten nützen könnte. Wie es scheint kennt Jerome noch nicht einmal seinen richtigen Namen. Ich weiß allerdings inzwischen, dass Angel dies hier wohl schon seit ungefähr zwei Jahren tut. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr, und das bedeutet, dass er jetzt wohl zwanzig ist. Ich habe auch herausgefunden, dass Malloy ein absoluter Bastard ist, und dass er eine ganze Menge Stricher unter seinen „Fittichen“ hat, wie er es nennt. Unglücklicherweise haben die meisten dieser Stricher jedoch keine besonders lange Lebensspanne, da sie üblicherweise recht schnell an einer Überdosis sterben. Malloy behält sie unter seinem Schutz, weil sie ihm so niemals all das zurückzahlen können, was sie ihm schulden. Er versorgt sie mit Drogen und noch mehr Drogen, so lange bis sie sich so hoch verschuldet haben, dass sie den Rest ihres Lebens damit verbringen müssen ihn abzubezahlen. Angel ist heroinsüchtig. Er hat offenbar schon einige Male versucht davon loszukommen, und das ist jedes Mal der Moment, in dem Malloy auf seiner Türschwelle erscheint und ihn mit Gewalt dazu bringt, weiter zu machen.
 
Ich hatte also Recht, was Angel betrifft, und dass er sich nicht einfach so von jedem herumschubsen lässt. Jerome hat mir da eine Geschichte erzählt, von Angel und wie er sich für einen anderen Stricher eingesetzt hat, und einen Mann verprügelte, der zweimal soviel wog wie er und auch in etwa doppelt so groß war. Angels Kunden schlagen ihn nicht, und er lässt sich von ihnen auch nicht einfach so alles bieten. So wie Jerome es darstellt, ist Angel der Inbegriff einer guten Seele. Allerdings scheint es auch so, dass Jerome ganz offensichtlich neidisch ist, auf Angels Charme und sein gutes Aussehen, und er versucht ständig, ihm irgendwelche Kunden auszuspannen, weil er sich so nicht erst groß anstrengen oder sich stundenlang die Beine in den Bauch stehen muss. Angel verbringt seine Freizeit indem er liest, oder in einem nahe gelegenen Sozialzentrum aushilft.
 
Ich wusste, dass ich Recht habe, was ihn betrifft! Ich wusste es einfach! Ich wusste, dass sich Angel nicht einfach von jedem wie Scheiße behandeln lässt. Warum also steht er nicht einfach mal für sich selbst ein, und wehrt sich gegen diesen miesen Zuhälter? Ich habe auch nichts über das Mädchen auf den Gemälden erfahren. Auch nicht, wie Angel vor zwei Jahren auf der Straße gelandet ist. Was Angels private Vergangenheit angeht, so weiß Jerome absolut gar nichts was mir helfen könnte. Zum Schluss zahle ich für Jeromes Essen und für die Zeit, die er mir geopfert hat. Dann entschließe ich mich dazu, Angel noch einmal gegenüber zu treten.
 
Ich weiß, dass ich das hier nicht tun sollte. Ich weiß, dass ich mich besser um meinen eigenen Kram kümmern sollte. Ich weiß, ich sollte ihn vergessen. Ich meine, er ist doch nur eine Hure. Er hat kaum mehr als zehn Worte mit mir gewechselt, aber aus irgendeinem Grund hat er mich neulich Nacht gerettet. Das ist etwas, was ich einfach nicht vergessen kann. Ich kann auch nicht die Besorgnis in seinen Augen vergessen, die sanfte Berührung seiner Finger, und seine leise, etwas heisere Stimme. Ich kann ihn nicht vergessen.
 
Es wird bereits dunkel als ich bei Angels Wohnung ankomme. Zu meiner großen Überraschung steht die Tür einen Spalt weit offen, daher spähe ich einfach hinein. Ich zweifle keinen Moment daran, dass Angel sie niemals hätte offen stehen lassen, wenn er fortgegangen wäre. Ich glaube nicht, dass er so leichtsinnig ist. Angel ist ziemlich gewieft, auch wenn er ein weiches Herz hat. Ich öffne also die Tür noch einen Spalt weiter und werfe einen Blick nach drinnen. Es ist stockdunkel, die Vorhänge sind vor dem winzigen Fenster zugezogen, und es brennt kein Licht.
 
„Angel?“, rufe ich in die Dunkelheit. Nichts. Nicht ein einziges Geräusch. Ich meine, es ist ja nicht so, dass er mich überhören könnte. Er hat schließlich nur ein einziges Zimmer und ein kleines Bad. Ich taste an der Wand entlang und finde einen Lichtschalter, aber als ich ihn anknipse tut sich nichts. Die Birne ist kaputt. Ich bin gerade drauf und dran mich umzudrehen, als ich plötzlich ein ersticktes Schluchzen höre. „Angel!“, rufe ich nochmal, und diesmal ist da eindeutig eine Spur Panik in meiner Stimme.
 
Ich greife nach hinten in meine Gesäßtasche und ziehe das Feuerzeug hervor, das ich normalerweise für die Kippen benutze, die mich mein Onkel sowieso nie im Haus rauchen lässt. Ich drehe am Rädchen und das Gas entzündet sich. Das Zimmer um mich herum wird eine Spur heller und ich trete ein. Ich finde die kleine Kerze, die Angel für seine Drogen benutzt, und brenne sie an. Jetzt wird das Licht noch ein wenig heller, und ich blicke hinüber zum Bett. Fast wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan.
 
„Angel“, keuche ich. Beinahe hab ich das Gefühl, ich müsste mich übergeben, genau so, wie er selbst es nur einige Stunden zuvor getan hat.
 
Als er meine Stimme hört wird Angels Schluchzen nur noch lauter, und er bedeckt die Augen mit seinem Arm. Bei Gott, ich wünschte mir, ich hätte das nicht gesehen. Ich wünsche mir, dass ich ihn niemals alleine gelassen hätte. Ich hätte bleiben sollen, ich hätte mich weigern sollen zu gehen, bis ich mit ihm gesprochen habe. Aber was hätte ich ihm schon sagen sollen? Ich will wissen, wer du bist? Ich träume von dir? Ich kann nicht aufhören über die Farbe deiner Augen nachzudenken? Yeah, super Idee. Ich hätte geklungen wie ein Perverser.
 
Ein Teil von mir will nicht wahrhaben was ich sehe. Ich will meinen Angel nicht sehen, wie er da gebrochen und blutend auf dem Bett liegt. Allerdings sehe ich ihn trotzdem, und ich kann meinen Blick nicht von ihm abwenden. Irgendjemand hat ihn vergewaltigt. Seine Hände sind noch immer an den mittleren Stab am Kopfende seines Bettes gefesselt, und sein Körper ist über und über mit blauen Flecken und Schnittwunden übersät. Das ganze Bett ist voll mit seinem Blut und Erbrochenen. Aber am Schlimmsten ist sein Rücken. Seine festen Pobacken und seine Oberschenkel sind verschmiert mit Blut und Sperma. Beiläufig registriere ich eine blaue Tätowierung auf seinem Rücken, ein Fabelwesen mit einem großen „A“ darunter. Unter diese Tätowierung hat jemand den Buchstaben „M“ in seine Haut geritzt.
 
*M*
 
„Dieser verfickte Bastard“, schreie ich los.
 
Als er meine Worte hört, werden Angels Schluchzer jedoch nur noch lauter. Plötzlich erkenne ich, dass er glaubt, ich würde ihn anschreien. Das tue ich nicht. Ich habe nur gerade erkannt, wer ihm all das angetan hat. Ich weiß jetzt, warum Angel Angst hatte. Malloy ist derjenige, der ihm das angetan hat. Das ist es, worüber dieser verdammte Zuhälter gesprochen hat. Angel hat ihm nicht genug Respekt gezeigt, er hat versucht, seine Sucht in den Griff zu bekommen. Also – um ihn auch weiterhin unter Kontrolle zu halten – hat Malloy ihn einfach vergewaltigt.
 
„Angel!“, schluchze ich. Mein Herz bricht für diesen Mann, den ich nicht kenne, zu dem ich aber eine so tiefe Verbundenheit spüre. Warum zur Hölle habe ich ihn nur alleine gelassen!? „Angel“, rufe ich noch einmal, und diesmal lässt der Schmerz meine Stimme brechen. Augenblicklich erwache ich aus meiner Starre und beginne zu handeln. Verzweifelt beginne ich nach einer Schere oder einem Messer zu suchen. Nachdem ich ein halbwegs brauchbares Küchenmesser gefunden habe, zerschneide ich die Plastikfesseln an Angels Händen. Sie waren so eng zugezogen, dass seine Finger bereits blau angelaufen waren, daher rubble ich seine Hände hastig, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Er zittert und stöhnt unter meinen Berührungen, aber ich dulde nicht, dass er von mir wegrutscht. Ich glaube allerdings auch nicht, dass er es in diesem Moment überhaupt gekonnt hätte. Seine Pobacken sind bedeckt mit frischem Blut und er schluchzt völlig entkräftet in sein schmutziges Betttuch.
 
Ich kann ihn nicht einfach hier zurücklassen. Ich kann ihn nicht diesem verdammten Schwein überlassen, der vielleicht irgendwann zurückkommt, um sein Werk zu vollenden. Ich werde nicht erlauben, dass irgendwer Angel noch einmal anfasst… nie wieder! Ich laufe ins Badezimmer und halte ein paar Handtücher unters Wasser. Mit einem wische ich das Blut und das Erbrochene von seinem Körper, das andere presse ich zwischen seine Pobacken. Er stöhnt und schreit auf, aber ich drücke trotzdem weiter. Ich habe zwar keine Ahnung wie genau ich ihm helfen soll, aber ich erinnere mich noch von meinem Erste-Hilfe-Kurs in der Schule, dass Druck dabei helfen soll, eine Blutung zu stillen. Meine Berührungen scheinen Angel jedoch nur noch mehr in Angst zu versetzen, daher rolle ich ihn auf den Rücken, sodass das Handtuch durch das Gewicht seines Körpers an Ort und Stelle gehalten wird.
 
Angel tut nichts um mich aufzuhalten oder sich von alleine zu bewegen. Er liegt einfach nur da, während ich mich durch sein Zimmer arbeite. Was ich da tue? Ich packe, verdammt nochmal. Er wird auf gar keinen Fall hier bleiben. Er wird gehen… und zwar zusammen mit mir. Mein Onkel hat jede Menge Platz in seinem Haus. Es ist ein großes Haus, in der Rodeo Road, mit einem Gästezimmer, das wir ohnehin nie benutzen. Angel kann dort bleiben, bis er wieder gesund ist. Wenn er will, kann er für immer bleiben. Aber er wird keinesfalls noch einen weiteren Moment in diesem Höllenloch verbringen.
 
„Willst du mich jetzt ausrauben?“, kommt eine leise Stimme vom Bett.
 
Ich drehe mich um und sehe ihn an. Seine Augen sind vom Weinen geschwollen, aber er öffnet sie gerade weit genug, um mich zu sehen. Glaubt er denn ernsthaft, dass ich das tun würde? Naja, ich schätze in der Branche, in der er arbeitet, ist es schwer jemandem einfach so zu vertrauen.
 
„Du ziehst aus“, erkläre ich ihm in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet.
 
„Was? Ich kann nicht… ich gehöre hierher…”, schluchzt er.
 
„Wovon redest du, verdammt? Wie kann irgendwer hierher gehören? Es ist nur ein Zimmer, Angel!“, schreie ich ihn an.
 
„Nein… ich verdiene das hier… ich verdiene es…“ Sein Weinen wird immer lauter und er wird von Schluchzern geschüttelt. Sein ganzer Körper zittert vor Schmerz, Schock und… Schuldgefühlen? Immer wieder murmelt er diesen einen Satz vor sich hin. „Ich verdiene es…“
 
Was meint er damit? Er verdient es, vergewaltigt zu werden? Niemand verdient es, benutzt, in Stücke gerissen, und halb zu Tode geprügelt zu werden, ganz egal was er getan hat. Jerome hat Angel eine gute Seele genannt, und auch ich habe ihn nie in einem anderen Licht gesehen. In einer Stadt wie dieser, in der Menschen einfach an Leuten vorbeigehen, die gerade verhungern, sterben oder verletzt auf der Straße liegen, und das jeden einzelnen Tag… in solch einer Stadt hat Angel anders gehandelt. Er hat mir geholfen. Er gab mir Geld, damit ich nach Hause kommen konnte. Dieses Leben hier hat er nicht verdient. In meinem Herzen… in meiner Seele… da bin ich mir ganz sicher. Es ist mir scheißegal, dass ich normalerweise versuche, ein knallharter Typ zu sein. Dass ich will, dass mich jeder nur als Spike kennt, den Big Bad. Hier und jetzt, in diesem Moment, bin ich Will, und ich will meinem zukünftigen Freund helfen.
 
Angel gibt keinen Laut von sich, als ich seine Sachen zusammen sammle und sie neben die Tür stelle. Er hat auch wirklich nicht besonders viel. Seine wertvollsten Besitztümer scheinen seine Bücher zu sein, und seine Bilder. Seine Kleider, sein Bettzeug und all die anderen Dinge sind billig und in sehr schlechtem Zustand. Ich finde ein halbwegs sauberes Bettlaken und ziehe es ihm über die Schultern. Ich helfe ihm dabei es um seinen blutenden Körper zu wickeln, und lasse ihn dann auf dem Bett liegen.
 
„Ich werde nur schnell das Auto holen, Angel, ich verspreche dir, dass ich gleich zurück sein werde.“ Zum ersten Mal, berühre ich ihn. Ich lege meine Hand auf seine Wange, und sein tränennasser Blick richtet sich auf mich. Er zuckt nicht vor mir zurück, im Gegenteil, meine Worte scheinen eine beruhigende Wirkung auf ihn zu haben. Er dreht sich auf die Seite und schließt die Augen. Ich werfe noch einen Blick zurück, als ich gehe, und er hat sich keinen Millimeter bewegt. Bitte, lass nicht zu, dass der Schaden irreparabel ist, Angel. Bitte, sei okay…
 
Ich brauche nicht lange, um das Auto zu holen, aber ich habe ein bisschen Probleme damit, es in die enge Seitenstraße hinein zu manövrieren. Wenn ich diesem Ding einen Kratzer verpasse, dann sitze ich bei meinem Onkel erst so richtig tief in der Scheiße… Mit ein wenig hin und her schaffe ich es schließlich, das Auto direkt vor Angels Haustür zu parken und während ich es tue, taucht Jerome plötzlich auf. Er fragt was los ist und ich sage ihm die Wahrheit. Er scheint nicht wirklich überrascht. Zu meinem großen Erstaunen hilft er mir jedoch dabei, Angels Sachen ins Auto zu packen und zum Schluss hilft er mir sogar dabei, Angel zu tragen – und der ist echt verdammt schwer – und ihn auf den Vordersitz zu hieven. Das erste, was Angel macht, ist nach seinen Leinwänden zu sehen. Als er sieht, dass ich sie sorgfältig hinten auf den Rücksitz gelegt habe, entspannt er sich.
 
„Viel Glück, Angel, und komm nicht wieder zurück“, sagt Jerome, während er durch das Seitenfenster lächelt. Er verliert kein Wort darüber, was passiert ist, aber er weiß es und er versteht. Er hat das Blut auf Angels Laken bemerkt.
 
„Danke“, murmelt Angel, und während er sich auf dem Sitz zusammenrollt, drohen noch mehr Tränen zu fallen.
 
Jerome lächelt und zieht mich vom Auto weg. „Schau, Mann, lass ihn bloß niemals mehr hierher zurückkommen. Dieser Job wird ihn umbringen. Angel ist dafür nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt. Oh klar, er ist stark, er ist hübsch, und er hat einen ziemlich geschickten Mund, aber innerlich bringt es ihn um. Er gehört nicht hierher, er hat noch nie hierher gehört.“
 
„Ich werde nicht zulassen, dass er zurückkommt“, verspreche ich ihm. „Danke für die Hilfe, Jerome.“ Jerome winkt und stöckelt dann zurück zu seiner Straßenecke. Ich kann nicht glauben, dass mich soeben bei jemandem bedankt habe. Das geht gegen all meine „Big Bad“-Regeln. Zuerst helfe ich Angel, dann kaufe ich einer Drag Queen Essen, um mehr über Angel zu erfahren, und jetzt nehme ich Angel auch noch mit zu mir nach Hause. Was zur Hölle geht denn bloß in meinem Kopf vor? Ich drehe mich um und betrachte die zusammen gekrümmte Gestalt auf dem Beifahrersitz. Er sieht so klein aus und so gebrochen… Okay, ja, jetzt weiß ich warum.
 
Also ich endlich zu Hause ankomme, ist es sehr viel später als erwartet. Mit Schaudern male ich mir aus, wie mein Onkel wohl in der Tür stehen wird, um mir mal wieder eine seiner ermüdenden Moralpredigten zu halten. Ich bin daher ziemlich überrascht, als ich das Haus leer und dunkel vorfinde. Angel ist längst eingeschlafen, daher lasse ich ihn einen kurzen Moment in der Garage, während ich diese ziemlich unerwartete Situation auskundschafte. Mein Onkel ist zwar nicht zu Hause, aber da ist eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wie es aussieht, bleibt er wohl bis spät in der Nacht in der Uni, um Klausurarbeiten zu benoten und er sagt mir, dass ich ihn nicht früh zurück erwarten sollte. Was für eine verflucht gute Nachricht.
 
Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder zurück auf Angel und versuche, ihn so sanft wie möglich zu wecken. Er schläft wie ein Toter, daher schaffe ich es schließlich mit viel Mühe und Zappelei, ihn ins Haus zu bugsieren und nach oben ins Gästezimmer zu bringen. Er schläft in dem Moment, als sein Kopf das Kissen berührt. Ich muss einfach noch einen Moment lang stehen bleiben und ihn betrachten, einfach nur um die Tatsache, dass er tatsächlich hier ist, in meinen Kopf zu kriegen. Er ist hier. In meinem Haus, mit mir. Angel ist hier. Ich weiß, dass ich ihn nicht wirklich kenne. Es ist möglich, dass es irgendwann damit endet, dass ich ihn hasse, obwohl ich das wirklich bezweifle. Er sieht so jung aus, in diesem Moment. Sogar im Schlaf ist sein Gesicht schmerzverzerrt, und sein Körper zittert von den Nachwirkungen des Schocks und der Gewalteinwirkung. Ich kann nicht anders, ich muss meine Hand ausstrecken und sein weiches Haar berühren. Ich streiche ihm eine feuchte Strähne aus dem Gesicht, dann erlaube ich meinem Finger über seinen Wangenknochen zu wandern, hinab zu seinen Lippen. Er wirkt so engelsgleich, sogar jetzt noch.
 
Abrupt ziehe ich meine Hand zurück. Das kann nicht sein. Ich bin dabei, mich in einen anderen Mann zu verknallen. Doch nicht ich! Mir kann das nicht passieren! Nicht mir, nicht Spike, dem Big Bad. Ich kann nicht! Er ist… er ist… oh shit. Angel dreht sich im Schlaf und streckt seinen Arm aus, der mein Bein berührt. Ein Prickeln wandert in meinem Körper nach oben, direkt bis in meinen pochenden Schwanz. Die Wahrheit ist, dass ich schon die ganze Nacht halb hart bin. Von dem Moment an, als mein Blick auf einen nackten Angel fiel. Zu der Zeit habe ich versucht, nicht genauer darüber nachzudenken. Zur Hölle nochmal, er war gerade vergewaltigt worden. Ich dachte, ich sollte vielleicht besser nicht dastehen und seinen nackten Körper betrachten… seinen absolut perfekten, nackten Körper. Okay, ich geb’s zu, da war auch ein klitzekleines bisschen Neid. Ich meine, er ist echt ziemlich gut bestückt, da sind mit Sicherheit mindestens 25 Zentimeter perfekter, blasser Schwanz, die da an ihm dranhängen. Mit großen, runden Hoden, versteckt in einem Busch aus dichten, dunklen Schamhaar. Und was den Rest seines Körpers angeht – naja, ich schätze jeder, der ihn schon mal gepoppt hat, muss geglaubt haben er hätte eine Art Gott vor sich. Seine Muskeln sind perfekt herausgebildet, harte Lendenmuskeln, die sich zu einem wie aus Stein gemeißelten Bauch verjüngen, biegsame Hüften und muskulöse Beine. Was mir allerdings besonders gut gefällt, ist die Tatsache, dass seine Brust fast vollkommen glatt ist, und dass er die süßesten kleinen, braunen Brustwarzen hat, die ich je gesehen habe. Bloody Hell! Habe ich etwa gerade das Wort „süß“ gedacht? Verfluchte Scheiße, Angel schafft es, mich in Schmalz zu verwandeln, noch bevor er überhaupt Hand an mich gelegt hat.
 
Widerstrebend schaffe ich es, mich von seinem Bett loszureißen und ihn alleine zu lassen, sodass er sich im Schlaf von seinem traumatischen Erlebnis erholen kann. Ich lade seine Sachen aus dem Auto und packe alles, was Angel meiner Meinung nach in seinem Schlafzimmer behalten sollte, auf einen Haufen. Die dreckigen Klamotten werfe ich einfach weg… und das ist der Moment, in dem ich auf die braune Papiertüte stoße. Ich öffne sie nicht. Ich hab wirklich nicht das Bedürfnis, hinein zu sehen. Ich will nicht sehen, was Angel die ganze Zeit hindurch in seinen Körper gepumpt hat. Ich beschließe, es einfach die Toilette hinunterzuspülen, aber aus irgendeinem Grund tue ich es nicht. Stattdessen verstecke ich es in einer alten Teedose, die in meinem Zimmer steht. Dann vergesse ich es.


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