AUTOR: Shara Nesu
WEBSITE: Shara Nesu's Place
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Alternatives Universum, Romantik, Drama, Hurt/Comfort, Slash, Smut
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: AU – es gibt keine Vampire, alle sind Menschen.
INHALT: Es ist der 18. Geburtstag von William, und wie so oft gerät er in Schwierigkeiten. Doch diesmal kommt ihm überraschend ein Engel zu Hilfe. Allerdings ist besagter Engel alles andere als engelsgleich, sondern ein junger Stricher mit dunkler Vergangenheit. William kann seinen Helfer nicht vergessen und beschließt Angel vor sich selbst zu retten, und vor dem Zuhälter, der nicht bereit ist sein bestes Pferd im Stall einfach so kampflos gehen zu lassen...
DANK: Vielen Dank an Rica und Michelle fürs Beta-Lesen.
WARNUNG: Vergewaltigung und Drogenmissbrauch; falls euch eines dieser Themen unangenehm ist, dann tut euch und mir einen Gefallen und lest bitte nicht weiter!

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Die Memoiren von William Montague, aka Spike


by Shara Nesu



6. März 2002
 
Ich hasse Mittwoche. Es ist ein wirklich furchtbar frustrierender Tag, so mitten in der Woche, und ich weiß, dass ich dann noch immer zwei weitere fürchterliche Schultage vor mir habe. Zum Glück bin ich inzwischen achtzehn und kann in ein paar Monaten meinen Abschluss machen. Ich zähle schon die Tage. Ich krieche also aus dem Bett und ziehe mir eine schwarze Jeans und ein T-Shirt an. Das ist der Moment, an dem ich mich erinnere… Angel! Ich sprinte aus dem Schlafzimmer rüber in seines und… es ist leer! Das Bett ist gemacht, das blutverschmierte Laken ist spurlos verschwunden, genau wie er. Nein! Scheiße!
 
“Verflucht!”, schreie ich.
 
„William! Du wirst schon wieder zu spät zur Schule kommen!“, ruft mein Onkel von unten. Ich hasse es wirklich, wenn er mich so nennt!
 
Ich renne nach unten, während ich darüber nachdenke, ob Angel mir vielleicht irgendwo eine Nachricht hinterlassen hat, als mein Blick plötzlich auf eine wirklich wundervolle Erscheinung fällt. Da, mitten in der Küche, sitzt mein Onkel und isst Eier, Toast und Speck. Und daneben, am Herd, steht Angel und ist gerade dabei, ein weiteres Omelette zu backen. Angel! Er ist noch immer hier… und er kocht für meinen Onkel!
 
„Angel“, keuche ich, während ich immer noch versuche das Bild zu begreifen, das sich mir darbietet.
 
Angel dreht sich um und lächelt mir schüchtern zu, während er das Omelette auf einen Teller legt und mir diesen reicht. Ohne wirklich darüber nachzudenken nehme ich es entgegen und setze mich. Dann holt er sich sein eigenes Frühstück und humpelt rüber zum Tisch. Ich krümme mich innerlich, als ich den Schmerz in seinen Augen sehe und beobachte, wie vorsichtig er sich auf den Stuhl setzt.
 
„Guten Morgen, William“, grinst er, während er in seinem Ei stochert. Ich muss sagen, der Ton, mit dem er meinen Namen sagt, gefällt mir ganz und gar nicht. Ich hab den Witz schon verstanden. Wir haben den gleichen Namen. Liam ist die irische Form von William, und meiner ist die Englische – Will.
 
„William“, erklärt mir mein Onkel in einem etwas vorwurfsvollen Ton. „Angel und ich hatten vorhin eine kleine Unterhaltung miteinander.“
 
Ach du Scheiße.
 
„Ich würde es wirklich schätzen, wenn du mir nächstes Mal im Voraus Bescheid sagst, dass wir einen Untermieter haben. Ich weiß, dass wir früher schon einmal darüber gesprochen haben, aber du musst mir wirklich erzählen, wenn jemand das Zimmer mieten will. Glücklicherweise ist Angel ein sehr guter Koch, und ein wohlerzogener junger Mann. Von ihm könntest du dir noch eine Scheibe abschneiden.“
 
„Vielen Dank, Sir“, bedankt sich Angel prompt für das Kompliment. Allerdings bemerke ich das breite Grinsen auf seinem Gesicht, und kann mir ein Lächeln selbst nicht verkneifen. Oh yeah, ich wette Onkel Rupert würde echt drauf stehen, wenn ich ihm erzähle, wie genau Angel sich seinen Lebensunterhalt verdient.
 
„Ach du liebe Güte, ist es tatsächlich schon so spät? Ich muss wirklich los, und William, bitte tu mir den Gefallen und komm nicht schon wieder zu spät!“ Giles schluckt seinen letzten Bissen Frühstück runter, schnappt sich seine Brieftasche und sprintet aus der Küche. Mit einem Knall fällt die Haustür hinter ihm ins Schloss. Neben mir fängt Angel leise an zu kichern.
 
„Worüber genau lachst du hier“, motze ich ihn vorwurfsvoll an, während ich zum ersten Mal mein Frühstück probiere. Es ist wirklich sehr lecker.
 
„Dein Onkel ist so unglaublich steif. Ich war gerade dabei, mich davon zu schleichen, als er mich erwischt hat, daher hab ich einfach so getan als wollte ich Frühstück holen. Er dachte ich sei ein Freund von dir, aber dann hab ich ihm erzählt, dass ich im Gästezimmer übernachtet habe. Er dachte dann automatisch, du hättest mir das Zimmer vermietet.“ Er lacht noch ein bisschen lauter und holt ein Stück Papier aus seiner Tasche. „Das hat er mir gegeben. Das sind die Hausregeln und die Richtlinien des Zusammenlebens.“ Angel lacht inzwischen so laut, dass er sich beinahe an seinem Essen verschluckt.
 
Ich bin zwar ein klein wenig verletzt, weil er zugegeben hat, dass er gehen wollte, aber glücklicherweise ist es ja gar nicht erst soweit gekommen. Ich nehme ihm das Papier aus der Hand und lese die erste Zeile: „Kein Damenbesuch nach zehn Uhr.“ „Kein lautes Schnarchen.“ Ich kann mir nicht helfen, ich muss laut losprusten, genau wie Angel. Ich kann nicht glauben, dass mein Onkel diesen Mist tatsächlich aufgeschrieben hat. Als ich mich endlich wieder beruhigt habe, sehe ich ihm mit einem ernsten Blick in seine dunklen Augen.
 
„Angel, bitte geh nicht weg“, flehe ich ihn an.
 
„Spike… Will, ich kann nicht bleiben. Ich bin den ganzen Ärger nicht wert. Ich kann dich nicht bezahlen. Ich habe fast kein Geld und ich kann hier auch nicht arbeiten, um mehr zu verdienen.“ Angel sieht nach unten auf seine Hände. Ganz plötzlich sieht er wieder sehr ängstlich aus, und voller Selbstzweifel.
 
„Du hast mir einmal geholfen, Angel. Jetzt lass mich dir helfen.“ Ich greife über den Tisch und berühre vorsichtig seine Finger. Ich hatte wirklich nicht vor ihn anzufassen, es ist einfach irgendwie passiert. Es ist fast so, als würde mein Körper von alleine agieren, nach seinen eigenen Wünschen und Gelüsten, ohne meinen Kopf vorher um Erlaubnis zu fragen. Angel zieht seine Hand zwar nicht zurück, aber er antwortet mir auch nicht. „Schau, wie wär’s wenn du erstmal einfach eine Woche bleibst, bis alles verheilt ist. In deiner Verfassung kannst du im Moment sowieso nichts tun.“
 
„Okay“, flüstert er, und gibt mir sein Einverständnis. „Was hast du mit meinen Kleidern gemacht“, fragt er dann, und plötzlich füllen sich seine Augen wieder mit Leben.
 
„Ich hab sie weggeworfen.“
 
„Spike! Ich habe nichts anderes zum Anziehen.“
 
“Sie waren zerrissen und schmutzig. Schau, ich kenne da einen billigen Laden, dort werde ich dir einfach ein paar Jeans und T-Shirts besorgen. Und im Gegenzug kannst du mir versprechen, dass du zu einem Arzt gehst, der dich mal gründlich durchcheckt.“ Okay, wo zur Hölle kam diese Bemerkung denn bitte her?
 
„Arzt? Ich kann nicht zum Arzt gehen, Spike. Ich bin ein Stricher… ich…“ Angel weicht meinem Blick aus und versucht vom Tisch aufzustehen. Doch plötzlich zuckt er vor Schmerz zusammen und setzt sich wieder hin.
 
„Du hast doch noch ein bisschen Geld, Angel. Damit kannst du den Arzt bezahlen. Bitte…“
 
Nach einem ziemlich langwierigen Gespräch, in dem ich versucht habe, die wohl dickköpfigste Person, die ich jemals getroffen habe, zu überreden etwas zu tun, was in ihrem eigenen Interesse liegt, hab ich ihn schließlich klein gekriegt und konnte ihn davon überzeugen, zu einem Arzt zu gehen. Ich schwänzte also einen weiteren Schultag und fuhr stattdessen Angel ins Krankenhaus. Es gibt da einen Doktor, dem ich echt vertraue. Er ist ungefähr mittleren Alters und hat in seiner Zeit schon genügend Teenager behandelt, dass er weiß, dass man am Besten keine dämlichen Fragen stellt. Während Angel in Behandlung ist, gehe ich in ein Kaufhaus in der Stadt und kaufe ein paar Sachen für ihn. Es ist wirklich komisch, aber mich überkommt ein schon fast euphorisches Gefühl, nur weil ich Angel Kleider kaufen darf. Und normalerweise ist Klamotten kaufen etwas, was ich echt hasse.
 
Angel sieht nicht gerade glücklich aus, als er aus dem Behandlungszimmer kommt und er reibt seinen Arm, der mit einem neuen Pflaster dekoriert ist. Zuerst denke ich direkt an Drogen, aber dann erinnere ich mich daran, wo er gerade war. Allerdings bemerke ich auch Angels besorgte Miene.
 
„Was ist passiert?“
 
„Er hat einen Bluttest gemacht“, seufzt er. „Wegen HIV.“ Mit diesen Worten lässt mich Angel vollkommen geschockt und wie vom Donner gerührt stehen, während er in die Apotheke geht um sich Creme und Antibiotika zu kaufen.
 
HIV… AIDS… Oh Gott… nein, nicht Angel. Bitte, das wäre ja noch schlimmer, als zu wissen, dass er vergewaltigt wurde. Bitte nicht… ich fühle, wie mir Tränen in die Augen schießen, und wie ich vor Angst förmlich zittere. Ich muss mich wirklich wieder einkriegen. Ich schaffe das einfach nicht. Ich kann all das nicht für ihn fühlen, was ich fühle. Es zerreißt mich innerlich. All die dicken Mauern und Barrieren, die ich um mich herum aufgebaut habe, damit mich niemals mehr jemand verletzt… er reißt sie einfach ein. Seit dem Tod meiner Eltern wollte ich nie wieder eine andere Seele lieben. Nie mehr! Ich habe auch Dru nie geliebt, oder irgendeines der anderen Mädchen, mit denen ich aus war. Ich wollte nie wieder jemanden verlieren müssen, der mir etwas bedeutet! Warum also ängstigt mich diese Nachricht einfach nur zu Tode!?
 
~*~*~*~
 
 
8. März 2002
 
Heute wollte ich der Schule wirklich entkommen. Mein dämlicher Computer-Lehrer hat mich zum Nachsitzen verdonnert. Ich stehe einfach schon den ganzen Tag total neben mir. Ich kann mich überhaupt nicht auf die Arbeit konzentrieren, alles woran ich denken kann ist Angel… Angel… und dann nochmal Angel. Ich bin wirklich stinksauer, weil ich jetzt auch noch zu spät nach Hause komme, aber mein Ärger ist verflogen und vergessen, als ich zu Hause ankomme und das totale Chaos vorfinde.
 
„Angel?“, schreie ich, während ich durchs Haus renne und überall nach ihm suche. „Angel!“
 
„William!“, ruft mich plötzlich die Stimme meines Onkels von oben.
 
Oh Shit. Ich renne die Stufen hoch, direkt in Angels Zimmer. Dort bleibe ich wie angewurzelt in der Tür stehen und starre einfach nur auf das Bild, das sich mir darbietet.
 
„Will, geh schon und hol mir ein nasses Handtuch und ein Glas Wasser. SOFORT!“, schreit mich Giles an, während ich noch immer wie versteinert in der Tür stehe.
 
Während mir die furchtbarsten und schrecklichsten Gedanken durch den Kopf schießen, stolpere ich ins Badezimmer und halte ein Handtuch unter den Wasserstrahl. Da bemerke ich plötzlich, dass die Klobrille hochgeklappt ist, und die Kloschüssel über und über mit weißem Pulver bedeckt ist. Nein! Shit, nein! Oh verflucht. Wieso um alles in der Welt hab ich das Zeug nicht gleich vernichtet? Angel muss danach gesucht haben. Giles wird ihn sicher hochkant rausschmeißen, jetzt wo er weiß, dass Angel abhängig ist.
 
Ich laufe zurück ins Schlafzimmer und reiche ihm das Handtuch. „Onkel Rupert, es ist nicht so wie du denkst. Angel ist nicht…“ Was soll ich schon sagen? Angel ist sehr wohl. Er hat es genommen. Aber oh bitte, sei okay. „Ist er… ist es eine Überdosis?”, wimmere ich, während mir die Angst vor dem, was er antworten könnte, fast die Luft abschnürt.
 
„Was?“ Mein Onkel starrt mich mit großen Augen an. “Oh nein… nein. Er hat nur Entzugserscheinungen. Ich kam heute früher nach Hause und habe ihn zitternd und fiebrig im Badezimmer gefunden. Es sieht so aus, als wollte er das finden, was du versteckt hast, und es im Klo runterspülen.“
 
Angel stöhnt laut und windet sich auf dem Bett. Er schwitzt wie verrückt, aber trotzdem hat er überall eine Gänsehaut.
 
„Hä?“
 
„Will, hör mir jetzt gut zu! Du gehst jetzt und rufst Doktor Summers an, und erzählst ihm, dass Angel sich übergeben hat, dass er unter starken Krämpfen leidet, unter anderem Unterleibskrämpfe, dass er stark schwitzt, aber dass sein Herzschlag stabil und gleichmäßig ist.“
 
Ich mache, was Giles mir sagt, wobei ich wie auf Autopilot bin. Ich rufe den Doktor an und berichte ihm detailgetreu von Angels Zustand. Ich erzähle ihm, dass Angel abhängig war, aber dass er seinen Konsum eingeschränkt hat und inzwischen gar nichts mehr nimmt. Doktor Summers bezeichnet dies als gute Neuigkeiten, und sagt, dass der Entzug dann vielleicht nicht ganz so schlimm wird, wie bei jemandem, der stark abhängig ist.
 
Die nächsten paar Stunden sind jedoch die bisher schlimmsten meines kurzen Lebens. Onkel Rupert lässt mich nicht in Angels Zimmer während der Arzt bei ihm ist, aber als Dr. Summers herauskommt, scheint er zufrieden, was Angels Zustand betrifft. Er gibt meinem Onkel außerdem einige Medikamente und sagt ihm, dass wir Angel in den nächsten 48 Stunden ununterbrochen beobachten müssten. Mein Onkel erklärt sich dazu bereit und erlaubt mir nun endlich, das Zimmer zu betreten.
 
Angel liegt schlafend im Bett. Er ist total zusammengerollt und schweißgebadet. Hin und wieder durchläuft ein Zittern seinen Körper, aber trotzdem sieht er jetzt schon viel entspannter aus. Giles setzt sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer, daher lasse ich mich neben Angel auf dem Bett nieder.
 
„Warum hast du’s mir nicht erzählt?“, fragt er.
 
„Oh yeah, das kann ich mir wirklich bildlich vorstellen. Oh, Onkel Rupert, das hier ist Angel aus LA, er ist heroinsüchtig und versucht gerade, davon loszukommen.“
 
„Ich bin nicht total verblödet, Will!“, schreit er zurück. „Ich war nicht immer so, wie du mich jetzt kennst. Als ich jünger war, hab ich eine ganze Menge Dummheiten gemacht. Ich selbst habe die Droge probiert, die dein Freund hier genommen hat. Glücklicherweise kam ich zur Vernunft, noch bevor ich davon abhängig wurde. Ich werde ihn deswegen sicherlich nicht rauswerfen. Solange er die Finger davon lässt, ist er in meinem Haus jederzeit willkommen.“
 
Wow, jetzt bin ich allerdings wirklich baff. Ich sage nicht ein Wort. Ich starre ihn einfach nur an, während mir die Kinnlade runterklappt. Ich glaube nicht, dass ich jemals in der Lage sein werde, die Worte zu verarbeiten, die soeben von den Lippen meines Onkels gefallen sind. Niemals im Leben kann ich mir vorstellen, dass er je etwas so dämliches getan hat wie Drogen nehmen. Ich meine, seht ihn euch doch einfach nur an. Diese Brille mit den kleinen Gläsern und dem spießigen Drahtgestell und dieser Tweed-Anzug. Bitte!
 
„Er wird nicht wieder damit anfangen“, verspreche ich ihm.
 
„Ich weiß. Er selbst hat sie weggeworfen. Es ist seine eigene Entscheidung und deshalb wird er es auch durchziehen.” Giles steht auf und reicht mir eine Flasche mit Pillen. „Das hier ist Methadon. Es wird ihm dabei helfen, dass er sich schneller von den Entzugserscheinungen erholt. Ich übertrage dir die Verantwortung dafür, Will. Du bist derjenige, der dafür sorgen muss, dass er es nimmt.“ Mit diesen Worten verlässt er das Zimmer und schließt die Tür hinter sich.
 
„Wow!“, flüstere ich völlig verblüfft. Giles vertraut mir! Ich meine… er vertraut mir wirklich! Und außerdem hat er Angel trotz allem nicht hochkant rausgeschmissen. Stellt sich die Frage, auf welchen Drogen er wohl ist. Genau in diesem Moment kann und will ich darüber jedoch nicht nachdenken. Das einzige, woran ich denken kann ist, dass ich Angel beinahe verloren hätte. Ich lege mich aufs Bett und drehe mich mit dem Gesicht zu ihm. „Ich werde dich nicht alleine lassen“, flüstere ich ihm leise ins Ohr.
 
~*~*~*~
 
19. März 2002
 
Wow, ich lebe nun schon seit mehreren Wochen zusammen mit Angel in ein und demselben Haus, und es ist verflucht fantastisch. Naja, abgesehen von der kleinen Episode mit dem Heroin vielleicht, aber Giles hat seitdem kein einziges Wort mehr darüber verloren. Angel nimmt seine Medizin und hat es weder erwähnt, noch daran gedacht, sich jemals wieder einen Schuss zu setzen. Ich wusste von Anfang an, dass er einen starken Charakter hat. Sogar mein Onkel hat bemerkt, dass wir beide uns verändern, Angel und ich. Zum allerersten Mal bin ich nicht ständig unterwegs. Ich gehe zur Schule und dann komme ich zurück nach Hause, um mehr Zeit mit unserem Untermieter zu verbringen. Angel ist es sehr unangenehm, weiterhin bei uns zu wohnen und langsam aber sicher geht ihm auch das Geld aus, da er darauf besteht, Giles Miete zu zahlen. Giles hat die Miete sogar verringert, weil Angel inzwischen die komplette Kocherei übernimmt. Ich wollte eigentlich lügen und ihm mein ganzes Geld geben, aber Angel will es einfach nicht annehmen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er irgendwann ausziehen könnte.
 
Ich verbringe meine gesamte Freizeit mit Angel. Ich weiß, dass es ihm jetzt schon wieder viel besser geht und er humpelt auch schon fast gar nicht mehr. Wir reden über alle möglichen Sachen, aber das eine Thema, dem er konstant ausweicht, ist seine Vergangenheit. Ich weiß kein Stück mehr von ihm als zu Beginn unserer Reise. Aber trotzdem lerne ich ihn ständig besser kennen. Er hasst Joghurt. Er liebt Schokolade, aber er versucht, sie sich zu verkneifen, weil er Angst hat dick zu werden. Er liebt gute Action-Filme und Charlton Heston ist sein Lieblingsschauspieler. Er kann Gedichte zitieren. Er kann Kampfsport und jeden Morgen sehe ich ihm dabei zu, wie er Tai Chi macht. Ich habe außerdem herausgefunden, dass er ein totaler Spaßvogel ist. Er konnte sich überhaupt nicht mehr einkriegen, als er den blauen Farbstoff für die Toilette in den Seifenspender gefüllt hat und ich hinterher einen ganzen Tag lang mit blauen Händen durch die Gegend rennen musste. Letzten Endes habe ich sie mir so lange mit Bleiche abgeschrubbt, bis sie komplett schneeweiß und wund waren. Aber ich konnte nicht anders, ich musste mit ihm lachen, denn er ist so verdammt wunderschön mit diesem verschmitzten Blick in den Augen und diesem Wahnsinns-100-Megawatt-Lächeln. Das Dumme ist nur, ihn selbst kann man niemals aufs Glatteis führen. Nicht ein einziges Mal ist er auf irgendeinen meiner Späße reingefallen. Und ich hatte eine ganze Menge verflucht guter Schlachtpläne, dummerweise scheint es nur so, dass er das angeborene Talent hat, sie alle völlig über den Haufen zu werfen. Bei Angel funktioniert nicht ein einziges meiner finsteren Vorhaben, daher habe ich mir mit der Zeit angewöhnt, einfach ehrlich und geradeheraus mit ihm zu sein. Das Merkwürdige ist, dass mir das sogar irgendwie gefällt. Mir gefällt es, ihm zu vertrauen, mit ihm zu reden, ihm Dinge zu erzählen, die ich sonst noch nie einer Sterbensseele erzählt habe. Ich mag es, nach der Schule zu ihm nach Hause zu kommen. Ich mag es, neben ihm auf dem Sofa zu sitzen, und seinen starken, warmen Körper neben meinem zu spüren, während er sich gespannt irgendeine uralte Wiederholung von „Omega Man“ im Fernsehen anguckt.
 
Oh Shit! Nein! Ich glaube, ich bin dabei, mich Hals über Kopf in ihn zu verlieben.
 
Heute Morgen war anders, als jeder andere Morgen zuvor. Wir haben inzwischen nämlich eine Art Routine. Angel macht das Frühstück, mein Onkel und ich essen es und dann verschwindet Giles auf die Arbeit. Es ist wirklich merkwürdig, aber wir haben nicht ein einziges Mal gestritten, seitdem Angel bei uns wohnt. Nach dem Frühstück sprechen Angel und ich darüber, was wir den Tag über tun wollen und planen den Abend. Dann gehe ich in die Schule und dann komme ich wieder zurück nach Hause, zu ihm. Heute allerdings hat sich etwas verändert. Die erste Veränderung war, dass ein Brief gekommen ist.
 
Zuerst dachte ich mir nicht wirklich was dabei. Der Umschlag war an Angel adressiert, eine C/O Adresse, bei mir. Der Absender war mein Arzt und ich habe nicht einmal annähernd darüber nachgedacht, was es sein könnte. Ich habe Angel den Brief einfach nur weitergereicht. Das war der Moment, in dem ich merkte, dass irgendwas nicht stimmte. Angel hat sich nicht einen Millimeter bewegt. Er stand einfach nur da, wie versteinert und hielt diesen Brief mit zitternden Händen. Er starrte auf den Umschlag, als wäre er giftig. Das war der Moment, in dem ich es wusste.
 
„Soll ich… willst du, dass ich…“, frage ich ihn mit zitternder Stimme.
 
Angel nickt sofort und ich nehme ihm den Brief aus der Hand. Mit zitternden Händen reiße ich ihn auf, wobei ich das Innere durch meine Unachtsamkeit gleich mit zerreiße. Schließlich ziehe ich den Bogen Papier hervor. Ich überfliege die Anrede und dann…
 
Innerhalb von Sekunden liegt Angel in meinen Armen. Ich schnappe ihn mir und platziere einen festen, harten Kuss mitten auf seine Lippen. Meine Arme schlingen sich um seinen starken Rücken und ich halte ihn einfach nur fest. Dann küsse ich ihn noch einmal, aber Angel versucht, mich zu bremsen.
 
„Was?“, fragt er völlig überrumpelt.
 
„Negativ!“, schreie ich. Und ich küsse ihn noch mal, und diesmal öffnen sich seine Lippen und sein Mund gewährt mir Zutritt. Unsere Zungen schlingen sich umeinander und wir küssen uns mit einer Leidenschaft, wie ich sie nie zuvor gekannt habe. Sein Mund ist warm und feucht und weich. Seine Zunge kämpft mit meiner, er leckt an meinen Zähnen und an meinem Gaumen, während ich versuche, alles von ihm zu schmecken. Seine Hand gleitet nach oben in mein Haar und er neigt meinen Kopf zur Seite, um noch tiefer in meinen Mund vorzudringen. Ich kann nicht anders, ich stöhne laut auf. Oh yeah, ich küsse Angel. Angel küsst mich.
 
Nach zehn langen Minuten lösen wir uns schließlich voneinander. Mein Schwanz ist steinhart und pocht. Alles was ich will, ist ihn nie wieder loslassen. Ich will… nein, warte, nein, ich will nicht mit ihm ins Bett. Ich bin nicht schwul! Aber trotz allem, das hier war wohl der mit Abstand unglaublichste Kuss, den ich jemals bekommen habe. Er schmeckt wie süßer Wein, so weich wie Honig. Ohhh.. ich küsse ihn noch einmal, nur um seine Lippen zu schmecken.
 
„Du solltest jetzt gehen“, flüstert er, während er vorsichtig seine Zunge von meiner löst.
 
„Yeah“, antworte ich ihm, wobei ich ihm eigentlich gar nicht wirklich zuhöre.
 
Angel weicht zurück und schenkt mir ein trauriges, kleines Lächeln. Dann reicht er mir meine Tasche und geht zurück in die Küche. Verdammt! Ich wünschte ich wüsste, was er jetzt gerade denkt. Ich hoffe, dass er nicht glaubt, ich will ihn einfach nur anbaggern. Ich meine, klar will ich das, sicher, aber ich will ihn auch lieben. Ich will nicht einfach nur Sex… ‚Oh verdammt, halt einfach nur die Klappe!’, schreie ich meinen Verstand an. Das ist alles viel zuviel für mich. Ich packe das nicht. Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken, was ich wirklich von Angel will. Was ich wirklich für ihn fühle. War es vielleicht einfach nur die Erleichterung darüber, dass er nicht HIV positiv ist, oder geht das alles viel tiefer?
 
~*~*~*~
 
Später:
 
Als die Schule zu Ende ist, bin ich vollkommen aus dem Häuschen. Das hier war mit Sicherheit der längste verfluchte Tag meines Lebens. Alles, was ich die ganze Zeit über getan habe, war an Angel zu denken. Schon wieder! Ich habe über ihn nachgedacht, über mich, und über das, was ich will. Darüber bin ich mir allerdings noch immer nicht ganz klar geworden. Ich mochte es wirklich gerne, ihn zu küssen, ihn zu berühren, und mit ihm zusammen zu sein. Aber will ich auch, dass da mehr läuft? Will ich Sex mit ihm haben? Und dann ist da noch die große Frage, ob er mich überhaupt haben will... auf diese Weise. Ich will auf keinen Fall, dass das alles eine einseitige Angelegenheit wird. Ich will nicht, dass er sich wie eine Hure fühlt. Verdammt! Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.
 
Ich nehme also einen Umweg nach Hause und während ich das tue, komme ich zufällig an einem Geschäft für Kunstbedarf vorbei, das mir noch nie zuvor aufgefallen ist. Im Schaufenster liegt ein Angebot für ein Set mit Wasserfarben und einem passenden Block, den es noch gratis dazu gibt. Ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken, was ich da gerade tue, gehe ich hinein und kaufe es. Oh Shit. Jetzt bin ich schon soweit, dass ich ihm Geschenke mache. Er wird wahrscheinlich denken, dass ich versuche, mich in sein Leben hinein zu kaufen, in sein Bett und sonstwohin. Irgendjemand sollte mich echt besser gleich erschießen.
 
Mein Onkel ist mal wieder unterwegs um Klausuren zu benoten, daher ist nur Angel da, als ich zu Hause ankomme. Ich finde ihn in der Küche, wo er am Tisch sitzt und versucht auszurechnen, wie lange ihm sein Geld noch reichen wird. Er ist so in seine Zahlen vertieft, dass er mich nicht einmal bemerkt. Eine Sache, die ich inzwischen über Angel gelernt habe ist, dass er ein totaler Zahlen-Idiot ist. Oh klar, er kann lesen und er ist wirklich unglaublich intelligent. Ich wette, dass er – hätte er die High School zu Ende gebracht – bestimmt kein Problem gehabt hätte, seinen Abschluss zu kriegen. Abgesehen von dieser klitzekleinen Schwäche in Mathe. Und plötzlich kommt mir da eine Idee…
 
„Angel, ich habe einen Job für dich gefunden“, rufe ich ihm zu als ich zum zweiten Mal in die Küche komme. Ich will schließlich nicht, dass er denkt ich hätte ihn ausspioniert, oder so.
 
„Huh?“ Er macht einen Satz und stößt vor lauter Schreck den Stuhl um. „Tu so was doch nicht!“, schimpft er, als er sieht, dass ich es bin. Er gibt mir einen kleinen Klaps auf den Arm und meine Haut prickelt an der Stelle, an der er mich berührt hat. „Was meinst du damit, du hast einen Job für mich gefunden? Ich kann doch gar nichts…“
 
„Aber klar gibt es etwas, das du kannst.“ Ich werfe den Farbenkasten auf den Tisch und er lässt sich zurück auf den Stuhl sinken. „Ich habe deine Bilder gesehen, Angel. Du bist echt fantastisch. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es ein Problem sein sollte, deine Bilder zu verkaufen. Es gibt hier in der Stadt sogar eine Kunstgalerie. Die Frau von Doktor Summers leitet sie und ich bin mir sicher, dass sie einige deiner Sachen verkaufen kann. Dann könntest du hier bleiben, und müsstest nicht zurück…“
 
„Ich kann nicht!“, ruft Angel verzweifelt. Verwundert blicke ich auf und sehe zum ersten Mal die Tränen, die in seinen Augen stehen.
 
„Aber warum? Angel, das was du in der Vergangenheit getan hast, das hat doch nichts mit deinem Maltalent zu tun. Es sollte dich doch nicht daran hindern…“
 
„Ich kann nicht. Bitte zwinge mich nicht dazu. Ich kann nicht!“ Angel fegt den Farbkasten vom Tisch, läuft die Treppe hoch und in sein Zimmer und die Tür knallt hinter ihm ins Schloss.
 
„Oh ja, das lief ja verflucht fabelhaft!“, schreie ich, während ich meinem Ärger erstmal freien Lauf lasse. Wo zur Hölle liegt denn nur sein Problem? Ich stampfe hinter ihm her die Treppe hoch, wild entschlossen, diesem Geheimnis endlich auf den Grund zu gehen. Ich stürme also in Angels Zimmer, wobei ich in meiner Wut schon fast die Tür eintrete. Drinnen finde ich Angel, wie er auf dem Bett sitzt und eines der Bilder von dem jungen Mädchen mit den braunen Haaren anstarrt. Plötzlich kann ich spüren, wie sich eine kalte Hand um mein Herz legt und meine Wut löst sich augenblicklich in Luft auf.
 
„Ich habe nicht mehr gemalt, seit ihr…“, flüstert Angel, und seine Stimme klingt irgendwie merkwürdig, durch all die Tränen hindurch. „Sie war so wunderschön. Ich habe es geliebt sie zu malen, und sie war so gerne mein Model. Es war das, was sie immer werden wollte. Ein Model oder eine Ballerina.“
 
Ich nehme einen tiefen, beruhigenden Atemzug und setze mich neben Angel auf das Bett. Ohne genauer darüber nachzudenken, nehme ich seine Hand in meine, und streichle sanft seine weiche Haut. „Wer war sie?“
 
„Sie war meine Schwester.“ Angel ist einen Moment lang stumm und ich lasse ihm Zeit. Ich weiß, dass er mir alles erzählen wird, wenn er erstmal so weit ist. Ich habe inzwischen gelernt, dass es keinen Sinn macht, ihn zum Reden zu zwingen, weil er dadurch einfach nur noch verstockter wird. Man muss einfach nur warten und ein klein wenig Geduld haben. Unglücklicherweise war ich in der Vergangenheit nicht gerade für meine Geduld bekannt. Genau genommen bezeichnet mich Giles immer wieder gerne als die ungeduldigste und vulgärste Person, die er je in seinem Leben getroffen hat. Bei Angel allerdings ist das was komplett anderes. Bei ihm wird meine Geduld immer belohnt.
 
„Ihr Name war Kathy. Meine Eltern brachten uns beide von Irland hierher nach Kalifornien, irgendwann in den 80ern. Ich kann mich noch an Irland erinnern; es war ein kaltes, nasses Land, aber wunderschön. Kathy hatte keine Erinnerungen mehr daran, sie war damals noch viel zu klein. Als wir in den Staaten ankamen, musste meine Mutter ins Krankenhaus. Es gab da eine neu erforschte Behandlung gegen Krebs. Allerdings hat es nicht funktioniert und sie ist wenige Wochen später gestorben. Danach kam mein Vater einfach nicht mehr zurecht, er hat uns vernachlässigt. Zwei Wochen lang wohnten wir noch in unserem Motelzimmer, während ich versucht habe, auf meine Schwester aufzupassen. Ich habe dafür gesorgt, dass sie immer etwas zu essen hatte und sauber war, aber trotzdem hat uns der Hotelmanager irgendwann bei der Fürsorge gemeldet, und wir kamen in die Obhut des Staates. Meinen Vater habe ich nie wieder gesehen.“ Angel holt tief Luft, während ich weiter damit fortfahre, seine Hand zu streicheln. „Zuerst kamen wir in ein Waisenhaus und dort blieben wir für eine ziemlich lange Zeit. Als ich dann 13 war, kamen wir in eine Pflegefamilie. Ich hatte nicht den Eindruck, dass meine Pflegeeltern schlechte Menschen waren. Sie hatten einfach nur nicht viel Zeit für uns. Ich kümmerte mich weiterhin um meine Schwester und sorgte dafür, dass sie glücklich war und in Sicherheit. Es dauerte ein ganzes Jahr bis… an meinem 15. Geburtstag… bis… bis mich mein Pflegevater missbraucht hat.“
 
Angel greift meine Hand so fest, dass es schon fast weh tut, aber trotzdem lasse ich ihn nicht los.
 
„Zu dem Zeitpunkt war er betrunken, und es ist danach eine ganze Weile nichts mehr passiert. Ich habe niemandem davon erzählt. Kathy war dort glücklich, sie mochte unsere Pflegemutter und ihre Schule. Ich wollte einfach nicht, dass sie schon wieder aus einer Familie herausgerissen wird, also tat ich gar nichts. Ein Jahr später kam er wieder in mein Bett. Dieses Mal habe ich versucht, mich zu wehren. Ich war inzwischen größer und stärker geworden, aber es hat trotzdem nicht gereicht. Er sagte mir, falls ich ihn nicht ranlasse, dann würde er sich eben einfach meine Schwester vorknöpfen. Also lag ich einfach nur da, bis er in mir kam. Dann, als er weg war, wusste ich was ich tun musste. Ich packte unsere Sachen zusammen und noch bevor die Sonne aufging, waren wir fort. Kathy hat mich nie gefragt warum, sie hat es einfach akzeptiert. Danach lebten wir eine Zeitlang auf der Straße. Wir freundeten uns mit einem jungen Kerl an, er hieß Gunn. Er hatte auch eine Schwester und die beiden Mädchen verstanden sich fabelhaft. Er half mir Arbeit zu finden, auf einem Fischmarkt… ich musste Fisch verpacken, ein paar Botengänge verrichten und so Zeug. Ich habe dort nicht viel Geld verdient, aber immerhin konnten wir uns ein Zimmer leisten und Essen kaufen. Einmal konnte ich mir sogar Farben kaufen. Damals hab ich die hier gemalt.“ Angel deutet auf die Bilder.
 
Dann schweigt er eine lange Zeit und auch ich sage kein Wort. Ich weiß, dass jetzt der wirklich schlimme Teil kommt.
 
„Eines Tages wendete sich das Glück gegen uns. Ich saß gerade auf der Straße und malte, als plötzlich ein alter Mann vorbei kam, und sich für mein Bild interessierte. Er kaufte eines meiner Bilder und zahlte mir zwanzig Mäuse dafür. Wir wollten das feiern. Ich kaufte uns ein bisschen extra Essen und versprach Kathy sogar eine Portion Schokoladeneis. Wir gingen also zum Laden an der Ecke und ich ließ sie ihr Eis aussuchen, während ich ein paar andere Sachen einpackte. Ich hab nicht mal gemerkt, wie diese zwei Kids in den Laden stürmten. Dann – von einem Moment auf den anderen – brach plötzlich die Hölle los. Ich hörte jede Menge Geschrei und eine Knarre ging los. Meine Schwester fing an zu schreien und sie brüllten sie an. Ich ließ alles fallen, und rannte zu ihr rüber…“
 
Angels Worte bleiben ihm im Hals stecken, und ich rutsche noch ein Stück näher und versuche, ihm mit meinem Körper Trost zu spenden. Ich schlinge meinen Arm um seine Taille und er lehnt sich an mich.
 
„Sie fingen damit an, sie hin und her zu schubsen, dann warfen sie sie quer durch den Raum auf den Boden. Sie stieß sich den Kopf und fing an zu weinen. Sie schrieen weiter auf sie ein, dass sie doch endlich still sein soll. Dann sagte einer, dass sie doch hübsch genug sei und sie könnten sie doch einfach mitnehmen. In dem Moment bin ich einfach ausgerastet. Ich fing an, auf sie einzubrüllen, dass sie mich nehmen sollen. Ich sagte ihnen, dass sie alles mit mir machen könnten, alles, was sie nur wollten. Ich würde ihnen einen blasen, alles, wenn sie Kathy nur in Ruhe lassen! Einer von ihnen stieß mich dann mit dem Lauf seines Gewehres in die Brust und brach mir eine Rippe. Ich fiel zu Boden und er richtete die Knarre auf meinen Kopf. Ich sah, wie sich sein Finger um den Abzug legte. Ich habe nicht eine Sekunde an mich gedacht, ich hatte einfach nur Angst um Kathy. Ich schrie immer weiter, dass sie fortlaufen soll, dass sie versuchen soll zu entkommen. Ich hörte, wie sie einem der Männer auf den Fuß trat und wie er vor Schmerz laut aufschrie. Dann passierte plötzlich alles auf einmal. Kathy schrie meinen Namen und rannte auf mich zu. Ich hörte, wie das Gewehr losging… und in diesem Moment wusste ich, dass mich die Kugel treffen würde.“
 
Angel hält inne. Was meint er damit? Heißt das, er wurde angeschossen? Oder schlimmer?
 
„Sie kam nie. Kathy… meine wunderschöne Kathy, hatte sich vor mich geworfen. Die Kugel ging direkt durch sie hindurch… geradewegs durch ihr perfektes, kleines Herz… Ich kniete einfach nur da als sie fiel… über und über voll von ihrem Blut. Ich konnte hören wie jemand schrie, ich glaube, ich selbst war es… dann fühlte ich, wie mich etwas traf, und ich begriff, dass die Kugel direkt durch sie hindurch gegangen war und mich getroffen hatte. Sie traf mich in die Schulter, aber ich habe es nicht einmal gefühlt… alles in mir war tot und leer. Ich starb in dem Moment, in dem sie starb. Ich hielt sie einfach nur fest… und sie war so kalt… wie eine Puppe, die man weggeworfen hat… Sie sah mich noch immer an, mit ihren großen, leeren Augen… und sie flüsterte meinen Namen... ‚Liam’…“
 
Stille. Was kann ich schon sagen. Wie kann ich ihm Trost spenden? Ist ein „tut mir Leid“ jemals genug? Niemals kann ich diesen Schmerz von ihm nehmen. Niemals kann ich die Leere füllen, die er erlitten hat, durch den Verlust dieses einen, vollkommenen jungen Mädchens.
 
„Danach habe ich nie wieder gemalt. Ich hab mir geschworen, dass ich nie wieder einen Pinsel auch nur anfassen würde. Nachdem sie die Kugel rausgeholt haben, konnte ich sowieso für lange Zeit nicht mehr arbeiten. Ich verlor meine Jobs, mein Geld und landete wieder auf der Straße. Damals hat mich dann Malloy gefunden. Er sagte, es gäbe da etwas, das den Schmerz lindert. Damals war es mir egal, was es war, ich wollte einfach nur, dass all diese Erinnerungen endlich verschwinden. Ich wollte nichts mehr fühlen. Er nahm mich mit zu sich nach Hause, setzte mir einen Schuss und alles war gut. Dann, am nächsten Morgen, wollte er sein Geld. Natürlich wusste er ganz genau, dass ich nichts hatte. Er fesselte mich ans Bett und seine Kumpels und er hatten abwechselnd ihren Spaß mit mir. Ich habe nichts gefühlt. Ich lag einfach nur da und wusste, dass ich nichts anderes verdiene. Kathy ist meinetwegen gestorben. Ich konnte sie nicht retten… es war meine Schuld. Als sie fertig waren, hatte ich meine Schulden beglichen. Malloy gab mir sogar noch etwas Geld, weil ich, wie er sagte, so hübsch war und einen so engen Hintern hatte. Dann brachten sie mich in die Wohnung von einer seiner Huren, wo ich erstmal bleiben konnte. Es gab damals Momente, in denen ich versuchte wegzulaufen, aber niemals kam ich weit genug. Malloy fand mich jedes Mal und brachte mich immer wieder zurück. Ich gehöre dorthin. Jedes Mal hat er mich erneut vergewaltigt, mich in meine Schranken verwiesen und mich weitermachen lassen. Jede Woche ist er aufgetaucht, um seine Miete und seinen Anteil einzustreichen. Jedes Mal brachte er mir ein bisschen Heroin mit, obwohl ich es mir eigentlich nicht leisten konnte. Die Woche ging zu Ende, die nächste begann und alles fing wieder von vorne an.“
 
„Du hast das nicht verdient, Angel“, erkläre ich ihm, während ich ihn tröstend in meinen Armen halte.
 
Zum allerersten Mal kann ich Emotionen in Angels Stimme hören. „Doch, das habe ich! Ich habe sie getötet!“ Er springt auf und beginnt im Zimmer hin- und herzulaufen. Sein ganzer Körper ist angespannt vor Wut und Schmerz. „Es ist meine Schuld, dass sie tot ist. Es hätte mich treffen sollen! Mich! Nicht sie!”, brüllt er mich an.
 
„Nein! Sie wurde getötet, weil irgendein Gangster mit seiner Knarre auf sie geschossen hat. Nicht du hast sie getötet. Sie ist gestorben, um dich zu retten! Du warst für sie das Wichtigste auf der Welt!“
 
“Es hätte mich treffen sollen!”, schreit er zurück. Mit einer einzigen Bewegung holt Angel aus und schlägt mit seiner Faust durch die Wand. Putz fliegt durch die Luft und zurück bleibt ein großes Loch. Danach ist seine Wut verraucht und sämtliche Energie scheint aus seinem Körper zu weichen. Er bricht zusammen und fällt zu Boden, wo er sich zusammenkauert und sein Gesicht schluchzend hinter den Knien versteckt. „Es hätte mich treffen sollen“, weint er.
 
Ganz langsam stehe ich auf, setze mich neben ihn auf den Boden und ziehe ihn in meine Arme. Angel wehrt sich nicht dagegen, und irgendwann fühle ich, wie er seine Arme um meine Taille schlingt und seinen Kopf auf meine Brust legt. Mit meinen Fingern streiche ich durch sein dichtes Haar und vergrabe mein Gesicht in den weichen Strähnen.
 
„Ich bin so froh, dass es dich nicht erwischt hat“, murmele ich in sein Haar. „Ich will dich niemals verlieren.“


Nächster Teil




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