AUTOR: Shara Nesu
WEBSITE: Shara Nesu's Place
ÜBERSETZUNG: liv
GENRE: Alternative Reality, Angst, Romantik, Drama, Hurt/Comfort, Sex, Sire/childe
FREIGABE: NC-17 / ab 18
SETTING: BtVS Staffel 3, in der Folge #3.08 Lover’s Walk
INHALT: Was wäre wenn... Spike anstelle des Liebeszaubers etwas anderes von Willow verlangt hätte?
SERIE: Teil von Sharas „What If“-Reihe, die auf einer Alternate Universe-Idee der Marvel Comics beruht: Was wäre passiert, wenn ein bestimmtes Ereignis in der offiziellen Timeline der Serie anders verlaufen wäre? „Second Times“ ist zwar Teil der „What If“-Serie, inhaltlich ist sie jedoch abgeschlossen und vollkommen eigenständig.
WARNUNG: Chip- und seelenloser Spike, sowie häusliche Gewalt, körperliche Züchtigung und Misshandlung eines Schutzbefohlenen. Außerdem gibt es noch die üblichen Warnungen für eine Vamp!Fic: Tod, Mord, Bloodplay, Sex und Dom/sub-Motive etc.
DANK: Vielen Dank an Indi und Stephie fürs Beta-Lesen. Diese Übersetzung ist Silverbird gewidmet, die mir mit ihrem Weihnachts-Überraschungspaket eine Riesen-Freude gemacht hat, und Indi, die mir mit ihrer Terminsetzung für den Adventskalender auf www.summer-of-indians.de endlich das nötige Feuer unterm Hintern gemacht hat.

1 · 2 · 3 · 4 · 5


Second Times


by Shara Nesu



Was zur Hölle?! Hastig spring ich von der gepflasterten Straße herunter ins Gebüsch. Es ist Nacht und wie es aussieht, stehe ich in einer dunklen Allee. Der Gestank von Verwesung steigt mir in die Nase und ich kann hören, wie neben mir Ratten durchs Gestrüpp wuseln. Wo zum Teufel bin ich? Das hier ist bestimmt nicht Sunnydale, so wie es noch vor einem Jahr war. Dieser Ort hier riecht genau wie… wie… verdammte Scheiße! Ich bin in London! Ich lasse die Zauberutensilien fallen und laufe vorsichtig die Straße entlang. An einem Spielzeugladen am Ende der Allee bleibe ich wie angewurzelt stehen. Dort, im Schaufenster, liegt eine Puppe. Es ist genau die Puppe, die einst Dru gehörte. Verfluchte Scheiße! Die kleine Hexe hat mich hinters Licht geführt!
 
Ich nehme einen tiefen Atemzug Londoner Luft und weiß, dass ich zu Hause bin. Irgendwie habe ich die alte Stadt schon ein wenig vermisst, aber trotzdem… etwas stimmt hier nicht. Es gibt nirgendwo Fabriken, keine alten Dampfmaschinen und Manufakturen. Die Gegend sieht schon fast vorindustriell aus. Ich frag mich wirklich, welches Datum wir haben. Ich laufe die Straße entlang, aber weit und breit ist niemand zu sehen. Es ist spät in der Nacht und dieses Viertel der Stadt scheint völlig leergefegt. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, höre ich die Stimme einer Frau. Sie lacht laut und ich folge ihr in eine weitere, dunkle Seitengasse.
 
Ein Stück die Straße entlang sehe ich sie. Sie ist elegant gekleidet, aber etwas kommt mir komisch vor. Ihr Kleid hat an beiden Seiten riesige Polster, wodurch sie aussieht als seien ihre Hüften ungefähr anderthalb Meter breit. Sie hat lange, blonde Haare, die ihr in perfekten Schillerlocken über den Rücken wallen. Ganz plötzlich läuft es mir eiskalt über den Rücken und ich weiß, dass sie mich an jemanden erinnert. Dann dreht sie sich plötzlich um und knurrt mich an.
 
Darla! Mit einem wütenden Fauchen greift sie mich an und ihre scharfen Reißzähne schnappen nach meiner Kehle. Ich stoße sie von mir weg, aber mein Verteidigungsversuch scheint sie nicht im Geringsten zu beeindrucken. Sie schlägt mir mit ihrer Faust direkt ins Gesicht. Shit, das fühlt sich an als ob mein Augapfel explodiert. Ich taumle nach hinten und knalle gegen die Wand, während ich verzweifelt nach irgendetwas taste, was mir als Waffe dienen könnte. Ich finde ein gesplittertes Stück Holz, das wohl mal zu einer Kiste gehört hat. Mit einem Schrei stürzt sich Darla auf mich, um mich noch einmal anzugreifen. Mitten im Angriff bringe ich meinen Arm mit dem Holzstück nach oben und stoße den Pflock direkt durch das Herz der Schlampe. Sie explodiert förmlich direkt vor meinen Augen und zerfällt mitten in der Bewegung in Millionen winzige Staubpartikel.
 
„Na, so schlecht fängt der Tag doch gar nicht an“, grinse ich selbstzufrieden in mich hinein, während ich ihre Überreste aus meinen Kleidern klopfe. Ich konnte dieses Miststück echt noch nie leiden. Naja, jetzt sollte ich mich wirklich auf den Weg machen um Drusilla zu finden. Ich wette, dass es nicht viel früher sein kann als Mitte des 19. Jahrhunderts. Drusillas Puppe kann wohl kaum älter gewesen sein als sie selbst. Aber trotzdem, dieses London hier sieht echt ganz schön bizarr aus und ich glaube fast, ich hab mich ein wenig verlaufen.
 
„Diesmal hast du es ja wirklich geschafft absolut alles zu vermasseln, oder?“
 
„Was zur Hölle…?“ Ich drehe mich um und sehe direkt in das Gesicht eines kleinen, ziemlich langweilig aussehenden Kerlchens. Er sieht ein bisschen so aus wie ich… naja, ich meine, seine Klamotten sehen ein wenig so aus wie meine. Naja, vielleicht nicht genau wie meine, aber immerhin aus ungefähr derselben Zeit. Um ehrlich zu sein, ich würde eher sterben als mich in so einem Hawaiihemd blicken zu lassen, ganz zu schweigen von dem Filzhut, den er da auf dem Kopf trägt. „Wer zum Teufel bist du?“
 
„Man nennt mich Whistler. Ich bin ein Dämon und ich arbeite für die Mächte der Ewigkeit.“
 
„Und?“
 
„Dir ist schon klar, dass du gerade alles total versaut hast, oder?“
 
„Hä?“
 
„Die Zukunft. Alles ist weg. Du bist jetzt ein Irrläufer im Kontinuum der Zeit. Gestrandet in der Vergangenheit.“
 
„Ist mir doch scheißegal“, lache ich ihn aus. „Sag mir einfach nur wo Drusilla ist und ich mach mich vom Acker.“
 
„Sie wurde noch nicht einmal geboren. Und das wird sich auch nicht ändern, in den nächsten hundert Jahren oder so.“
 
„Was?“ Damit schafft es dieser schlecht angezogene Dämon doch tatsächlich meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Äh… welches Jahr haben wir denn?“
 
„1752.“
 
DARLA! Scheiße, ich hab gerade Darla gekillt! Meinen Grand-Sire! Im Jahre 1752! Oh… Shit! Was zum Teufel soll ich denn jetzt bloß machen? Ich habe soeben meinen Grand-Sire gekillt, noch *bevor* sie meinen Sire erschaffen konnte – Angelus. Oh Gott. Oh… Fuck… was zur… oh Shit! Aber wenigstens bin ich noch immer hier, noch immer 100% körperlich, ein solider Vampir. Ich kann meinen eigenen Körper fühlen… Oh Fuck! Oh Gott, vielleicht funktioniert das hier ja genau wie bei ‚Zurück in die Zukunft’. Vielleicht dauert es einfach nur ein bisschen, bis ich mich langsam aber sicher in Luft auflöse. Verdammte Scheiße… Halt, warte… ich muss aufhören, panisch zu werden. Ich muss mich wieder beruhigen… FUCK! Was zur Hölle soll ich denn jetzt nur tun… Scheiße!
 
Beruhige dich… beruhige dich… ich bin ganz ruhig… erstmal werde ich mir eine anzünden… Oh, das ist ja einfach fabelhaft. Keine verdammten Kippen! Sie sind noch nicht mal erfunden worden! Ach zum Teufel damit! Verdammt… ich muss mich beruhigen… ich bin ganz ruhig. Also gut, keine Kippen, keine Darla, kein Angelus… und kein ich. Niemals… gar nie. Fuck! Nein… ruhig… ich muss nachdenken.
 
„Fuck! Ich werde diese verfluchte Hexe umbringen!“ Ich trete gegen die nächste Wand und breche mir dabei beinahe meinen verdammten Zeh. „Fuck!“
 
„Willow hat dich zurückgeschickt in die Zeit, in der die Puppe hergestellt wurde – 1752. Drusilla hat sie von Angelus geschenkt bekommen. Für den Zauber hättest du etwas gebraucht, das in dem Jahr hergestellt wurde, in das du reisen willst.“ Er lacht und grinst mich an. Ich fauche zurück und zeige ihm meine Reißzähne. „Du kannst mich nicht töten“, sagt er achselzuckend. „Ich bin unsterblich und außerdem würde mein Blut für dich ziemlich eklig schmecken.“
 
„Was zum Teufel willst du denn dann von mir? Warum erzählst du mir all das überhaupt?“
 
„Wir haben da ein Angebot für dich.“
 
„Hä? Ich arbeite nicht für die guten Jungs, wisst ihr noch? Ich bin böse, ich bin der Big Bad… sagt dir das vielleicht irgendwas?“
 
„Ich weiß wer du bist, Spike. Aber du bist hier gelandet, gestrandet im Strom der Zeit. Du hast die Zukunft zerstört und denjenigen vernichtet, der für die Mächte der Ewigkeit kämpfen wird.“
 
„Ich hab doch nur Darla getötet, die alte Schlampe. Solltet ihr mir nicht lieber dankbar sein dafür, dass ich die Welt vor diesem Miststück und ihrem psychopatischen Childe bewahrt habe?“
 
„Angel ist derjenige, der für die Mächte der Ewigkeit kämpft. Angelus wurde im Jahre 1753 verwandelt. Doch du hast soeben seinen Sire vernichtet und nun wird dies niemals geschehen.“
 
„Ihr meint, ich habe gerade Angel getötet? Yeah!“ Euphorisch lege ich einen kleinen Siegestanz aufs Parkett, aber das scheint den Dämon nicht im Geringsten zu beeindrucken. Oh, wartet einen Moment… Angel war ja zuerst Angelus… Shit!
 
„Was noch hinzukommt… dadurch, dass es ihn niemals geben wird, wirst wohl auch du schon sehr bald verschwinden.“ Er neigt seinen Kopf zur Seite, grinst mich an und winkt mir zu, als wolle er sich schon mal vorsorglich verabschieden.
 
„Was? Wie war das?“ Jetzt bin ich wirklich ganz Ohr. “Was soll das heißen, ich werde bald verschwinden?”
 
„Naja, Darla ist tot, Angelus wird niemals verwandelt werden und deine Drusilla wird ebenfalls nie ein Vampir. Außer natürlich… aber nein, das willst du sicher nicht hören. Du bist ja böse und so…“
 
„Was…? Was will ich nicht hören? Was?” Okay, ich geb’s zu. So langsam werde ich hier echt ein wenig panisch.
 
„Wir sind bereit, dir eine zweite Chance zu geben. Du wirst überleben. Du wirst hier in dieser Dimension existieren, aber im Gegenzug dazu musst du auch etwas für uns tun…“
 
„Was… ich werde alles tun!“ Okay, ja, ich bettle. Ich bin vielleicht der Big Bad und so, aber ich will sicherlich nicht sterben… oder aufhören zu existieren.
 
Whistler wirft mir ein hinterhältiges Grinsen zu und reicht mir eine Fahrkarte. Es ist ein Schiffsticket, von Liverpool nach Dublin, Irland. „Du hast die Chance dein Unleben auch weiterhin nach Herzenslust zu leben, aber zu allererst musst du für uns Liam verwandeln.“
 
„Wer zum Teufel ist Liam?“
 
„Er ist der Mensch, der als Angelus in die Geschichte eingehen wird. Und wenn seine Zeit gekommen ist, dann wird er erneut für die Mächte der Ewigkeit kämpfen.“
 
„Nein! Auf gar keinen Fall! Angelus ist der Nagel in meinem Sarg. Er ist der Fluch meines Daseins. Ich hasse ihn, ich verabscheue ihn und selbst wenn die Hölle zufriert, auf keinen Fall werde ich sein Sire!“
 
Whistler streckt die Hand aus um das Ticket wieder zurückzunehmen, aber ich bin schneller. Wartet… wenn ich das hier nicht tue, dann bin ich echt am Arsch. Aber wenn ich es tue, dann habe ich diesen Psycho Angelus am Rockzipfel hängen, während er nach seinem Daddy schreit. Shit! Ich will ja echt nicht sterben, ich mag mein Unleben. Ich mag es zu töten, zu bumsen und zu töten und zu… Ich will am Leben bleiben. Naja, am Unleben, um genau zu sein. Und ich werde Sire der berühmten Geißel von Europa. Das hört sich eigentlich gar nicht mal so uninteressant an. Ach, scheiß doch drauf!
 
„Okay! Von mir aus. Dann werde ich ihn halt verwandeln, okay?” Whistler lächelt und ich fletsche meine Zähne.
 
„Du hast Zeit bis zum 3. Mai 1753. An diesem Tag musst du in Galway sein und Liam zum Vampir machen. Denk dran – wenn du das hier vermasselst, dann ist dir deine Fahrkarte in die ewige Vergessenheit sicher.“
 
~*~*~*~
 
April 1753. Ich hasse dieses verfluchte Jahrhundert. Warum zur Hölle konnte Liam denn nicht in meiner Zeit geboren werden? Wie kommen andere Männer nur mit diesen verdammten Hosen klar? Sie sind… naja, ich meine, es gibt ‚einfach nicht angemessen’ und dann gibt es da noch ‚verflucht peinlich’. In diesen engen Dingern ist es praktisch unmöglich eine Erektion zu verstecken. Gott, wie ich meine Jeans vermisse! Und außerdem muss ich auch noch solche Sockenteile tragen, mit diesen Schnallen dran. Und echte Schuhe, keine Stiefel. Gegen die feinen Westen und die Jacken hab ich ja gar nichts, aber hey! Warum zum Teufel haben sie diese Hosen erfunden? Die sind ja fast wie Leggins. Ich sehe aus wie eine verdammte Schwuchtel!
 
Und außerdem hasse ich Irland. Es ist kalt, es ist feucht und es ist stinklangweilig. Naja, okay, England ist auch nicht gerade besser… aber Irland ist schlimmer. Es ist… naja, alles ist voller Iren! Ich hasse dieses Land. Ich hasse dieses Jahrhundert. Ich will nach Hause. *Schmoll*
 
Ich bin rechtzeitig in Galway angekommen. Es ist April und ich habe noch einen Monat Zeit Liam zu finden und ihn zu verwandeln. Verfluchter Angelus! Ich kann ihn einfach nicht ausstehen. Okay… ich sollte mich wirklich wieder beruhigen. Alles was ich tun muss, ist ihn verwandeln, dann kann ich mich klammheimlich verdrücken und ihn seiner Wege gehen lassen. Richtig. Ich weiß, dass er in einer Straße vor einer Taverne verwandelt wurde. Alles was ich tun muss, ist die Taverne finden und das sollte ja wohl nicht allzu kompliziert sein. Dann ist Liam dran. Ein reines Kinderspiel!
 
~*~*~*~
 
15. April. Wer hätte denn bitte ahnen können, dass es so viele verfluchte Tavernen in Galway gibt? Woher hätte ich denn bitte wissen sollen, dass es eine verfluchte ‚Stadt im Aufschwung’ ist? Ich habe noch niemanden gesehen, der auch nur annähernd so aussieht wie er. Vielleicht habe ich ja auch nur an den falschen Orten gesucht. Shit, was mach ich nur? Fuck… Nein, immer schön ruhig bleiben… Die Dörfer! Ich werde einfach die umliegenden Dörfer durchsuchen… Verdammt, ich hoffe wirklich, dass dieser verfluchte Plan hier funktioniert… ich will nicht, dass sich meine Existenz in Luft auflöst. Die ewige Vergessenheit klingt nicht gerade besonders prickelnd.
 
Letzten Endes bleibe ich in einer kleinen Taverne, direkt in einem Vorort von Galway. So langsam gehen mir diese verdammten Tavernen echt gewaltig auf den Geist. Ich glaube, die Leute halten mich inzwischen auch schon für etwas merkwürdig. Und damit liegen sie wohl gar nicht mal so falsch, denn jeder junge Mann, der die Kneipe betritt, wird erstmal ausgiebig von mir gemustert. Wahrscheinlich denken sie schon ich sei eine verfluchte Schwuchtel. Aber ich war nie ein verdammter Arschficker. Und steckt man Leute für so etwas nicht in den Knast, vor allem in dieser Zeit, in diesem Jahrhundert? Shit, ich hasse das hier echt. Ich hasse Willow! Ich hasse Angel – es ist sowieso alles seine verdammte Schuld!
 
Es ist schon spät, als ich plötzlich bemerke, dass sich im Raum ein Streit anbahnt. Vielleicht werde ich heute Nacht ja doch noch ein wenig Unterhaltung genießen. Interessiert sehe ich dabei zu wie ein großer, langhaariger Mann damit beginnt einen schlanken Jungen an seinem Tisch zusammen zu brüllen. Ich kann das Gesicht des Mannes nicht erkennen, aber von dem, was ich sehen kann, ist er stark und gut gebaut. Wahrscheinlich wieder einer dieser verdammten Kartoffelbauern. Ich gebe der Wirtin einen Wink und sie bringt mir noch mehr von diesem furchtbaren Ale. Haben sie es denn immer noch nicht geschafft Guinness zu erfinden? Ich sehe dabei zu, wie der große Kartoffelbauer betrunken auf den anderen Mann einschlägt und dabei irgendetwas in seinem breiten, irischen Dialekt brüllt. Dann mischt sich ein weiterer Mann ins Geschehen ein. Es ist der Freund des inzwischen bewusstlosen Jungen und er ist gerade dabei seine Faust in Richtung des Kartoffelbauers zu schwingen, als der prompt zurückschlägt. Sein neuer Gegner scheint jedoch in etwa genauso groß und genauso gut gebaut zu sein wie er selbst, daher kommt die Prügelei jetzt erst so richtig in Schwung.
 
Der Kartoffelbauer bekommt einen ziemlich heftigen Schlag ins Gesicht und fällt quer über meinen Tisch. Schnell bringe ich mein Ale in Sicherheit und werfe ihm einen verächtlichen Blick zu. Gerade jetzt hätte ich wirklich Lust auf einen guten Kampf. Ich bin kurz davor etwas zu sagen, was mich selbst in das Gerangel verwickeln würde, als ich plötzlich einen Blick auf sein Gesicht erhaschen kann und mir die Worte im Hals stecken bleiben… Angel? Die Augen und die Gesichtszüge von Angel/Angelus erwidern meinen Blick und er grinst. In der Miene dieses jungen Mannes liegt etwas Teuflisches und ohne ein Wort zu sagen, schnappt er sich mein Ale und nimmt einen tiefen Schluck. Ich bin sprachlos. Ich glaube, ich stehe unter Schock! Er leert meinen Krug und wendet sich dann wieder dem Kampf zu. Ich vermute mal, das hier ist wohl Liam. Liam, der gerade dabei ist eine Taverne zu Kleinholz zu verarbeiten, und ja, in der Tat, er hat mein Interesse geweckt. Vielleicht wird das Ganze doch nicht so langweilig, wie ich dachte. Diese Seite von Angelus habe ich mit Sicherheit noch nie zuvor gesehen.
 
Die Wirtin kommt mit einem neuen Krug Ale zu mir herüber und stellt ihn vor mir auf den Tisch. Ich drehe angewidert das Gesicht weg, als mir der furchtbare Gestank in die Nase steigt.
 
„Wer ist das?“, frage ich sie, während ich auf noch-nicht-Angelus deute. Sie sieht hinüber zu Liam, der bereits wieder mitten in der Prügelei steckt und ich könnte schwören, dass sie sich dabei lüstern über ihre Lippen leckt. Was auch immer er zu bieten hat, sie hat mit Sicherheit schon davon genascht.
 
„Wer? Der da?“ Sie deutet auf Liam.
 
„Ja. Er hat meinen Ale gestohlen.“
 
„Das ist Liam, der Schürzenheld des Dorfes. Er verführt jede Frau, die ihm auch nur einen Blick zuwirft, doch kaum ist der Morgen da, ist er verschwunden.“
 
„Na das wäre dann wohl eher kein Problem für mich“, grinse ich. Sie lächelt und wirft Liam einen weiteren, sehnsüchtigen Blick zu.
 
„Geld wirst du von ihm allerdings auch keines bekommen“, erklärt sie mir kühl,  während sie den leeren Krug einsammelt. „Außer natürlich es ist das Silber seines Vaters.”
 
Soso. Dieser Liam ist also ein Schürzenheld, ein Halunke und ein Dieb. Er gefällt mir jetzt schon. Ich frage mich nur, was zur Hölle wohl passiert ist, um ihn in einen solchen Bastard zu verwandeln, wie Angelus einer war. Ich wette, das war nur die Schuld von Darla, dieser blöden Schlampe. Ich sehe zu, wie Liam weiter mit seinen Gegnern rangelt, bis ihm schließlich jemand eine Flasche auf dem Kopf zerschlägt und er wie ein nasser Sack zu Boden geht. Wie es aussieht, werde ich ihn heute Nacht wohl nicht mehr näher kennen lernen.
 
~*~*~*~
 
Am nächsten Abend verlasse ich mein Zimmer schon in der Abenddämmerung und erkunde die umliegende Gegend. Ich muss wissen, wo genau Liam lebt. Es ist kein sehr großes Dorf und ich finde schnell heraus, dass er der Sohn des Stoffhändlers ist. Offenbar geht es seiner Familie ziemlich gut, sie haben sogar ein Dienstmädchen. Natürlich laufen die Geschäfte nicht ganz so gut wie sie könnten, was aber wohl in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass der Vater dem Sohn nicht über den Weg traut und daher nicht zulässt, dass dieser für ihn arbeitet. Von der Dorfhure erfahre ich, dass es in der jüngeren Vergangenheit wohl mal einen Skandal gab, als Liam im Geschäft seines Vaters Geld unterschlug. Er beschuldigte daraufhin einen anderen Mann des Verbrechens, jedoch wurde dieser von Liams eigenem Vater für unschuldig erklärt. Offenbar war selbst Liams Vater der Meinung, sein eigener Sohn sei weit weniger wert als ein Fremder. Im Dorf wurde gemunkelt Liams Vater sei zutiefst bestürzt angesichts der Ehrlosigkeit seines Sohnes und die Männer aus dem Ort weigerten sich ihre Töchter mit ihm zu verheiraten. Sie wollten nicht einmal Seite an Seite mit ihm arbeiten. Es gab sogar das Gerücht, der Teufel selbst würde in ihm wohnen. Sein armer Vater habe in seiner Gnade versucht, seinen Sohn von diesem Verderb zu heilen. Die Leute im Dorf sagen, er sei ein Schuft und ein Dieb, den man sowohl von seinem Geldbeutel als auch von seinen Töchtern fernhalten müsse. Die Huren sagen, er sei ein absolut fantastischer Fick.
 
In dieser Nacht beobachte ich erneut Liams Possen in der Taverne. Er trinkt weit mehr als er vertragen kann, dann verlässt er die Kneipe Arm in Arm mit der örtlichen Nutte. Ich folge den beiden nach draußen, wo sie ihn mitnimmt in ihre Hütte. Vor der Tür belausche ich sie dann beim Sex. Ein paar Stunden später taucht Liam wieder auf. Er wirkt ein wenig zerzaust und noch viel betrunkener als vorher. Eigentlich hatte ich vor ihm bis nach Hause zu folgen, aber dorthin geht er nicht. Er läuft in die andere Richtung, bis zu einem alten Friedhof, wo er einfach nur auf einem kleinen Hügel sitzt und über die Grabsteine blickt.
 
„Wenn du mich beklauen willst, dann hast du Pech. Ich hab nichts“, sagt er leise.
 
Ich bin wirklich überrascht, dass er meine Anwesenheit bemerkt hat. Auf dem Gesicht des Jungen liegt eine große Traurigkeit. Er hebt einen Stein vom Boden auf und wirft ihn in das Gras, das auf dem Friedhofsboden wächst. Ich glaube, er hat auf einen der Grabsteine gezielt.
 
„Ich habe kein Interesse daran dich auszurauben. Ich bin fremd hier und ich schätze, ich hab mich wohl verlaufen.“ Ich trete aus dem Schatten hervor und gehe zu ihm hinüber.
 
„Du bist Engländer. Fremde kommen nicht in diese Gegend. Hier an diesem gottverlassenen Ort wirst du nichts Interessantes finden.“ Er hebt einen weiteren Stein auf und wirft ihn diesmal noch ein Stück weiter.
 
„Du zumindest scheinst ja diesen Friedhof hier recht interessant zu finden.“
 
Liam lacht und steht auf. Ich folge ihm, während er weiter zwischen den Gräbern entlangläuft und schließlich vor einem kleinen Grabstein stehen bleibt.
 
„Der hier wäre mein Bruder gewesen. Zwillingsbruder, um genau zu sein. Er wurde nur Sekunden vor mir geboren, aber er starb. Mein Pa wünscht sich noch heute, er hätte an meiner Stelle überlebt. Dann hätte er wenigstens nicht so einen Schandfleck wie mich als Sohn.“ Liams Mund entweicht ein leises Schluchzen, als er sich nach vorne beugt.
 
Um ehrlich zu sein, ich habe gar nicht erst die Gelegenheit irgendetwas darauf zu erwidern, denn genau in diesem Moment beginnt er plötzlich sich die Seele aus dem Leib zu kotzen. Sein ganzes Abendessen und all der Schnaps, den er vorher getrunken hat, kommen wieder zum Vorschein. Oh, das ist ja echt fabelhaft! Ich kann ihn nicht einfach hier liegen lassen, denn ich will schließlich nicht riskieren, dass er zu früh stirbt, daher beschließe ich ihn stattdessen nach Hause zu schleppen. An seiner Türschwelle lasse ich ihn fallen und er bleibt an Ort und Stelle liegen, stinkend nach Alkohol und Sex.
 
Dieser Liam ist sicherlich nicht einmal annähernd das, was ich erwartet hatte. Er ist kein bisschen wie Angelus und – wo wir gerade dabei sind – er ist auch ganz und gar nicht wie Angel. Er ist ein einsamer, gebrochener Junge, der auf dem besten Weg ist sich mit Sex, Schnaps und Kneipenschlägereien frühzeitig ins Grab zu bringen. Kein Wunder, dass er Darla erlaubt hat, ihn zu verwandeln. Ich meine, so muss es doch passiert sein. Er ist groß, er ist stark und hätte er sich ordentlich angestrengt, dann wäre es ihm sicherlich gelungen sie abzuwehren. Soweit ich mich erinnern kann, sagte Darla stets, Angelus hätte nur darauf gewartet, dass sie kommt und ihn verwandelt. Sie sagte immer, sie habe ihm die Welt zu Füßen gelegt und er hätte seinen Tod daraufhin willentlich in Kauf genommen.
 
~*~*~*~
 
Am nächsten Abend stehe ich schon früh auf und da es noch April ist, beginnt es bereits gegen vier Uhr nachmittags zu dämmern. Ich beschließe ein wenig spazieren zu gehen, um diesen grässlichen Tavernen-Mief loszuwerden. So langsam habe ich es wirklich satt, dass ich ständig nach schlechtem Ale stinke. Ich jage zum Abendessen, dann laufe ich zurück, einen kleinen Teich entlang und durch ein Dickicht aus Bäumen. Unter einem dieser Bäume erblicke ich plötzlich Liam. Er sitzt im langen Gras und balanciert eine Staffelei auf seinen Knien. Er ist total in seine Malerei vertieft. Wie es aussieht, versucht er noch schnell sein Bild zu Ende zu bringen, bevor auch der letzte Schimmer Tageslicht verschwunden ist.
 
„Liam!“ Ein junges Mädchen läuft durch das Feld und winkt ihm zu. „Liam!“
 
Ich verstecke mich hinter den Bäumen und beobachte das Treffen. Ich habe keine Ahnung wer das Mädchen sein könnte. Angelus hat niemals erwähnt, dass er Geschwister hatte. Naja, mal abgesehen von der Sache mit dem toten Zwilling, die ich letzte Nacht erfahren habe. Das Mädchen ist zart und hübsch. Ich bin mir sicher, dass sie seine Schwester sein muss. Sie hat das gleiche, dunkelbraune Haar und dieselben großen, braunen Augen.
 
„Liam, es ist Zeit zum Essen zu kommen. Pa wird böse, wenn du dich schon wieder verspätest. Liam!“, ruft sie, während sie auf ihn zuläuft.
 
Liam sieht von seiner Arbeit hoch und sein Anblick schockiert mich. Seine linke Gesichtshälfte ist verfärbt und angeschwollen und seine Lippe ist dick und eingerissen. Ich bemerke, dass auch seine Hände schlimm aussehen und dass die Haut auf seinen Knöcheln total zerfetzt ist. Was zur Hölle ist hier passiert? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Liam sich einfach so von jemandem verprügeln lässt. Nicht einmal in der Kneipenschlägerei, die ich beobachtet habe, hat er sich solche Verletzungen zugezogen.
 
„Ich komme, Kathy.“ Der junge Mann seufzt und sammelt seine Malutensilien ein. Kathy schenkt ihm ein Lächeln, das er erwidert und in diesem Moment scheint sich sein gesamtes Gesicht zu erhellen, auf eine Weise wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Er sieht dadurch schon fast… nett aus. In seiner Miene und in seinen Augen sehe ich ganz offensichtliche Zuneigung und Liebe für dieses junge Mädchen. Sie ergreift seine Hand und gemeinsam gehen sie nach Hause. Ich folge ihnen dorthin und lausche heimlich am Fenster. Ich kann hören wie der Tisch gedeckt wird und wie eine Frau Liam mit sanfter Stimme fragt, wo er gewesen sei. Liam antwortet, er sei am See gewesen um zu malen und… Plötzlich wird die Tür mit einem Knall aufgerissen.
 
„Soso. Du hast dich also auch endlich einmal entschlossen uns mit deiner Anwesenheit zu beehren. Jetzt, wo du nur noch essen musst, was man dir vorsetzt. Wo es herkommt, interessiert dich ja nicht. Aber ich werde es dir sagen… nur durch harte Arbeit kommt es hierher auf diesen Tisch. Durch MEINE Arbeit!“ Ich höre das Klirren von Geschirr und einen Schreckenslaut. „Du bist ein Nichtsnutz. Ich schäme mich, dass ich jemanden wie dich zum Sohn habe!“ Dann zerbrechen noch mehr Töpfe, bis schließlich die Vordertüre auffliegt.
 
„Bevor du dich an meinen Tisch setzt und mein Essen isst, wirst du erst deine Arbeit erledigen. Die bist ein Tunichtgut, Liam!“
 
Liam fliegt schon fast aus dem Haus und sein Vater wirft, nachdem auch er ins Freie getreten ist, die Türe hinter sich ins Schloss. Einen Moment lang bleibt Liam einfach nur im Schmutz liegen, bevor er sich vorsichtig vom Boden aufsammelt und hinkniet. Warum wehrt er sich nicht? Er kniet einfach nur da und lässt es mit sich geschehen!
 
„Ich habe herausgefunden, dass du mich schon wieder bestohlen hast, Junge. Fünf Silberlöffel fehlen!“ Liams Vater zieht eine Schachtel mit Kreiden und Pastellfarben hervor und wirft sie Liam vor die Füße. „Hast du etwa dafür die Früchte meiner Arbeit versetzt? Nutzloser Krempel!“ Mit seinen Füßen tritt er auf die Künstlerfarben und zermalmt sie unter seinen Schuhen zu Staub. Liam schreit auf, aber schnell wird er durch einen Faustschlag seines Vaters zum Schweigen gebracht.
 
„Zieh dein Hemd aus, Junge.“
 
Eine Sekunde lang zögert Liam, aber dann fügt er sich mit einem ergebenen Seufzen. Wie es scheint, passiert dies hier heute nicht zum ersten Mal, offenbar ist es ein regelmäßiges Vorkommnis. Liam knöpft sein Hemd auf und bietet seinem Vater seinen entblößten Rücken dar. Der grauhaarige Mann zieht seinen großen Ledergürtel aus der Hose und wickelt das eine Ende um seine Hand.
 
„Ich werde dir schon noch Anstand in den Leib prügeln, Junge. Und wenn es das Letzte ist, was ich für dich tue.“ Der alte Mann sieht tatsächlich irgendwie traurig aus, als er damit beginnt sein Kind zu schlagen. Ich glaube, er denkt wirklich, dass er dem jungen Liam dadurch hilft oder dass er ihn auf diese Weise vielleicht auf den rechten Weg zurück bringt. Aber von dem, was ich weiß, wird diese Tat genau das Gegenteil bewirken. Hinterher wird ihn sein Sohn nur noch mehr hassen. Nach zwanzig Schlägen zieht Liams Vater seinen Gürtel wieder durch die Schlaufen an seiner Hose und geht zurück ins Haus. Hinter ihm knallt die Tür ins Schloss und sein Sohn bleibt alleine draußen zurück.
 
Nachdem sich Liam davon überzeugt hat, dass sein Vater auch wirklich verschwunden ist, läuft er hinüber zu der zertretenen Schachtel und beginnt damit, seine verbliebenen Malsachen einzusammeln. Ich kann sehen wie ihm Tränen übers Gesicht laufen, und er zittert am ganzen Leib vor Schmerz und Scham. Ich komme aus meinem Versteck hervor und knie mich neben ihn. Vorsichtig hebe ich einen der wenigen, unbeschädigten Pastellstifte auf. Als ich Liam den Stift reiche, sieht er mich mit großen furchtsamen Augen an.
 
„Danke… wenn Ihr meinen Vater sucht, er ist drinnen“, sagt er leise, aber trotzdem mit einem kühlen Unterton in der Stimme.
 
„Ich bin nicht hier um deinen Vater zu sehen. Ich bin der Mann von gestern Nacht. Ich wollte eigentlich nur nachsehen, ob es dir jetzt wieder etwas besser geht.“
 
Liam sieht mich verwirrt an. Ich schätze, er war wohl ein wenig zu betrunken, um sich noch an mich zu erinnern.
 
„Danke, dass Ihr mir geholfen habt.“ Er sammelt die verbliebenen Stifte ein und wickelt sie vorsichtig in sein Hemd. Als er sich umdreht, sehe ich die blutigen Striemen auf seinem Rücken und das ist der Moment in dem irgendetwas in mir zerbricht. Ich fühle… Mitleid mit ihm. Und das ist wirklich absolut inakzeptabel. Denn ich hasse Angelus.
 
„Jemand sollte sich um deinen Rücken kümmern. Komm.“ Ich habe wirklich keine Ahnung warum um alles in der Welt ich das zu ihm gesagt habe. Ich hasse ihn… ich sollte mich wirklich schleunigst wieder daran erinnern. Ich muss ihn nur verwandeln und das war’s dann. Mehr gibt es da nicht und hinterher mach ich mich dann so schnell wie möglich vom Acker. Das ist alles. Aber warum zur Hölle will ich ihm jetzt plötzlich helfen?
Liam zögert einen Moment lang, dann folgt er mir, fort vom Haus zurück zur Taverne.
 
Als wir dort ankommen, zittert Liam bereits am ganzen Körper und es kommt sicherlich nicht nur von der Kälte. Ich sorge dafür, dass uns niemand sieht, dann nehme ich ihn mit nach oben in mein Zimmer. Ich habe dort einen kleinen Krug mit Wasser und eine flache Schale, die die Wirtin immer für mich bereitstellt. Ich tauche ein Stück Stoff in das Wasser und presse es auf eine der blutenden Wunden auf seinem Rücken. Liam keucht und zuckt augenblicklich zurück. Ich erkenne, dass die Schnitte wirklich ziemlich tief sind und sich leicht entzünden könnten. Ich will wirklich nicht riskieren, dass er jetzt noch eine Blutvergiftung bekommt, kurz bevor ich ihn verwandle. Dadurch bekommt das Blut immer so einen widerlichen Geschmack.
 
„Bleib hier sitzen, ich geh ein wenig Alkohol für die Wunde holen.“ Liam tut was ich ihm sage, während ich nach unten gehe und kurzerhand eine billige Flasche Whisky aus der Bar klaue. Dann befeuchte ich den Stoff erneut und beginne vorsichtig damit seine Wunden zu säubern. Der Alkohol brennt und er zuckt zusammen, als ich ihn berühre. Seine Haut zittert unter meinen kalten Händen. Er ist so warm. Durch die Prügel, die er bezogen hat, ist sein Rücken noch wärmer als er normalerweise ohnehin wäre und er ist über und über mit frischem Blut beschmiert. Ich lecke mir mit der Zunge über die Lippen, alleine von seinem Geruch läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich würde ihn so gerne jetzt schon beißen, aber es ist noch viel zu früh. Whistler hat gesagt, ich soll ihn erst am 4. Mai verwandeln. Ich denke, ich sollte die Geschichte wirklich nicht zu sehr verändern. Ich hab schließlich schon genug angerichtet.
 
„Ich vermute mal, dein Vater ist echt angepisst… äh… wütend auf dich, hm?“, frage ich ihn, während ich versuche ein wenig Smalltalk zu machen, um mich selbst von seinem Blut abzulenken, seinem warmen, roten… tropfenden… süßen… Blut… Aufhören!
 
“Er will nicht, dass ich male. Er sagt, ein richtiger Mann verplempert seine Zeit nicht mit solch unnützen Dingen“, antwortet Liam schon fast automatisch. „Ich bin ein Schandfleck, mein Vater…“ Seine Stimme bricht und ich kann seine Tränen riechen. Ich versuche nicht weiter mit ihm zu sprechen, ich fahre einfach nur damit fort seinen Rücken zu reinigen. Ich kann dort noch andere Wundmale erkennen. Manche sind erst einige Tage alt, andere älter, vielleicht eine Woche. Sein gesamter Körper ist von Schnittwunden und blauen Flecken übersät und sie alle erzählen mir seine Geschichte. Es ist eine Geschichte, die ich vorher nicht kannte. Ich wurde im viktorianischen England geboren und meine Familie besaß einen kleinen Buchladen. Es ging uns gut und mein Vater war wohl das, was man heute einen Intellektuellen nennen würde. Er hätte seine Kinder schon allein aus Überzeugung niemals geschlagen und ich schätze das ist wohl einer der Gründe, weshalb aus William – mir – auch so ein unglaubliches Weichei wurde. Ich meine, mal ehrlich, ein Tweedanzug und eine Brille mit Drahtgestell und kleinen, runden Gläsern? Ich hab sie ja nicht mal wirklich gebraucht! Und dann die Sache mit dem Gedichte schreiben! Was hab ich mir dabei nur gedacht!?
 
„Ihr seid ein seltsamer Mann, Sir…“ Liam spricht mit mir und ich hab noch nicht mal zugehört. Ich beende meine Arbeit auf seinem Rücken und nehme zum Abschluss noch einen tiefen Schluck aus der Whiskyflasche. „Euer Haar sieht weiß aus, aber dennoch seid Ihr nicht alt?“
 
„Hey! Ich bin blond!“ Liam dreht sich um und grinst das typische Angelus-Grinsen. Ein Kribbeln durchläuft meinen Körper und plötzlich fühle ich wie Wärme in mir aufsteigt.
 
„Verzeiht. Natürlich, es ist blond.“ Ich halte ihm den Whiskey hin und er nimmt die Flasche aus meiner Hand entgegen. Einen kurzen Moment lang berühren sich unsere Finger und ich kann sein warmes weiches Fleisch spüren. Er hat die Hände eines Künstlers, völlig ohne Schwielen oder Spuren harter Arbeit.
 
„Ich kenne noch immer nicht Euren Namen“, erklärt er mir, während er einen weiteren Schluck Whiskey nimmt. Ich muss einen plötzlichen Anflug von Erregung unterdrücken, als sich unsere Hände erneut berühren. Energisch hole ich mich selbst zurück in die Wirklichkeit. Bei Liam muss ich wirklich auf der Hut sein. Er ist gerissen und der Charme liegt ihm im Blut.
 
„Ich heiße Spi… äh… Will.” Was sag ich denn hier? Ich bin Spike. Es gibt keinen Grund weshalb ich ihm meinen wirklichen Namen sagen sollte. Hey, und überhaupt. Was gibt’s denn da zu lachen?
 
„William? Euer Name ist William?“, kichert er, während er sich die Seite hält.
 
„Ja, und was genau ist daran so komisch?“, knurre ich.
 
„Vergebt mir, aber ich heiße auch William. Oder, wie die Iren sagen, Ulliem.“
 
Oh. Das war mir bisher tatsächlich noch nicht aufgefallen. Wir haben wirklich den gleichen Namen. Meiner ist die englische Form von Will und seiner die irische, Liam. Ich lache mit ihm und nehme einen weiteren, großen Schluck von dem billigen Fusel.
 
Später, nach ein paar weiteren Flaschen… naja, es waren wohl eher zehn Flaschen Whiskey, bin ich mehr als nur stockvoll. Liam ist inzwischen auch schon ein paar mal umgekippt, dann hat er sich jedes mal einfach wieder übergeben, bis sein Magen leer war, nur um anschließend erneut mit dem Saufen anzufangen. Ehrlich, ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so viel trinken kann wie er. Ich glaube, wenn ich ihn nicht verwandle, dann stirbt er mit Sicherheit in kürzester Zeit an Leberversagen. Es ist alleine schon bemerkenswert, dass er die heutige Nacht überhaupt überlebt hat.
 
Den Rest der Zeit, wenn wir gerade nicht mit Trinken beschäftigt sind, verbringen wir,  indem wir einfach nur stundenlang miteinander reden. Dadurch erfahre ich eine Menge von Liam. Er ist fast sechsundzwanzig Jahre alt und er hat eine Schwester, Kathy, die mehr als zehn Jahre jünger ist als er. Sein Vater hält ihn für einen kompletten Versager und Liam hat es schon vor langer Zeit aufgegeben, auch nur zu versuchen, ihn zufrieden zu stellen. Ganz im Gegenteil. Lieber verbringt er seine Zeit damit, sprichwörtlich jede negative Erwartung, die sein Vater hinsichtlich seines Sohnes hat, bis ins letzte Detail zu erfüllen. Er ist all das, was sein Vater ihn schimpft – ein Trunkenbold und ein Halunke… ja, das ist Liam. Das ist alles, was er glaubt sein zu können. Ich fühle wie meine Wut auf Liams Vater bis ins Grenzenlose ansteigt. Liam ist intelligent und er ist künstlerisch begabt, aber sein ganzes Leben lang wurde ihm beigebracht, dass genau diese Dinge keine Gaben seien, sondern Mängel.
 
Die Geschichte, die Liam mir erzählt, ist im Grunde ähnlich wie die, die ich bereits von der Dorfhure kenne. Wie es scheint kann Liam zeichnen, schreiben und lesen, seine Fähigkeiten in Mathematik lassen allerdings mehr als nur zu wünschen übrig. Im Geschäft seines Vaters arbeitete er zuverlässig und gut, aber immer wenn es um Geld oder um Bestellmengen ging, war er vollkommen verloren, genau wie sein Vater es auch von ihm erwartet hatte. Liam ließ daher zu, dass der Buchhalter sämtliche mathematischen Arbeiten erledigte und überprüfte das fertige Ergebnis nie. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass direkt unter seiner Nase Waren veruntreut wurden und zum Schluss, kurz bevor man den Buchhalter gefasst hätte, hat dieser alle Beweise manipuliert und kurzerhand Liam die Schuld in die Schuhe geschoben. Liam, der weder in der Lage war einen Gegenbeweis zu liefern, noch beweisen konnte, dass er von nichts gewusst hatte oder dass er einfach nur unfähig war die Bücher zu checken, wurde dadurch im Ort als Dieb gebrandmarkt. Sein Vater warf ihn aus dem Geschäft und zerstörte so Liams Ruf und seinen Lebensunterhalt. Nach dieser Geschichte wollte ihn niemand mehr haben, weder als Schwiegersohn, noch als Arbeiter. Liam wusste, dass er die Meinung der Leute ohnehin nicht ändern konnte, daher verlegte er sich darauf, zumindest ihre schlechten Erwartungen so gut wie möglich zu erfüllen. Insbesondere die schlechten Erwartungen seines Vaters. Nannte sein Vater ihn einen Dieb, einen Schurken und eine Hure, dann war es das, was aus Liam wurde. Stets bestätigte Liam die schlimmsten Verdächtigungen, die seine Familie gegen ihn aussprach, so gut er konnte. Seit dieser Zeit war er ein gebrochener Mann, jemand, der immer und überall nach Ärger suchte und der im Grunde nichts als den eigenen Tod herbeisehnte.
 
Später, nach noch mehr Schnaps, erzählte er mir auch von seinen sexuellen Eskapaden. Er verlor seine Jungfräulichkeit mit dreizehn! Gott, ich war damals bei Dru einundzwanzig! Ich schätze, es gibt wohl kaum eine Frau im ganzen Dorf, die er nicht gevögelt hat. Er hatte sie alle, die Alleinstehenden, die Verheirateten und sogar die alten Jungfern. Er lacht und weint gleichzeitig, als er mir davon erzählt, wie ihn sein Vater dabei erwischte, als er gerade dabei war die ehemalige Köchin der Familie zu vögeln.
 
Von mir selbst erzähle ich ihm nichts. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt zuzuhören, was Liam zu sagen hat. Seine Stimme ist ein wenig heiser und wirklich faszinierend. Ich könnte ihm ewig zuhören wie er redet. Da ist keine Spur von Angelus’ strengen Worten und seiner Grausamkeit. Liam lacht ungehemmt und offen und das bei jeder Kleinigkeit. Ich erzähle ihm ein paar Witze aus dem 20. Jahrhundert, bei denen es ihn beinahe zerreißt. Es ist schon fast Morgen, als wir uns schließlich beide auf das Bett fallen lassen, sturzbetrunken und völlig erschöpft.
 
Zum allerersten Mal erwische ich mich dabei, wie ich Liam einfach nur ins Gesicht sehe. Offen und ohne meinen Blick zu verbergen. Er liegt auf dem Bett und sein Gesicht ist mir zugewandt. Seine Wangen sind rot von all dem Alkohol und dem Gelächter. Seine Lippen sind noch immer geschwollen, von der Faust seines Vaters, aber trotzdem sehen sie warm und einladend aus. Er hat die faszinierendsten, dunklen, braunen Augen, die ich jemals gesehen habe. Sie sind so tief und so groß, und so voller Leben. Seine Stirn ist hoch und ein wenig nach vorne gewölbt, er hat hohe Wangenknochen, einen vollen Mund, eine gerade Nase und ein breites Kinn. Alles zusammen genommen ist er einfach einzigartig und wunderschön. Schon fast engelsgleich. Ich lehne mich nach vorne und atme Liams starken, männlichen Duft ein. Er riecht herb und nach Blut. Ich rieche die Schnittwunden auf seinem Rücken und an seiner Lippe. Der Geruch seines Blutes und seiner Haut ist irgendwie exotisch, wie ein Bankett, das nur darauf wartet, geplündert zu werden. Ich lehne mich nach vorne und nehme noch eine Nase voll. Dann neige ich meinen Kopf zur Seite und berühre seine Lippen mit meinen.
 
Liams Herzschlag wird schnell und ich kann einen plötzlichen Anflug von Erregung riechen. Sein Atem kitzelt auf meiner Haut, während ich meinen Mund langsam auf seinen presse. Er stöhnt unter mir und öffnet ihn einen Spalt weit, während ihm ein leiser, überraschter Seufzer entweicht. Ich lecke über seine Lippen und sauge an der heilenden Wunde. Blut benetzt meine Zungenspitze und ich genieße den süßen, zuckrigen Geschmack. Er schmeckt so gut, nach Schmerz und nach Alkohol. Ich presse meine Lippen noch fester auf seine und diesmal teile ich sie mit meiner Zunge und dringe bis nach innen vor. Sein Mund ist süß, angenehm feucht und oh so verlockend. Ich kann von seinem Geschmack einfach nicht genug bekommen. Alles an ihm schmeckt so unglaublich gut. Er ist eine einzige köstliche Verführung.
 
Ich drücke Liam nach hinten auf den Rücken, während ich ihn küsse, meinen Körper fest gegen seine Seite gepresst. Meine Hand ruht auf seinem breiten Brustkorb, wo ich eine seiner festen, kleinen Brustwarzen finde, die ich spielerisch zwischen meinen Fingern hin und her flippe. Ich erforsche seinen ganzen Mund, schmecke seine Zähne und seinen Gaumen, wobei  ich seine Zunge unentwegt dazu ermuntere mit meiner zu spielen. Als er endlich beginnt den Kuss zu erwidern, entweicht ein tiefes Stöhnen seiner Brust und energisch dringt er in meinen Mund vor. Wir kämpfen um die Vorherrschaft, doch plötzlich reißt sich Liam mit einem Keuchen von mir los. Ich hatte völlig vergessen, dass er menschlich ist und atmen muss. Erneut lehne ich mich nach vorne und fange ihn mit einem weiteren Kuss ein. Unsere Lippen treffen sich abermals und wieder stößt seine Zunge rhythmisch gegen meine. Plötzlich reißt er sich abrupt von mir los, bevor ich seine Lippen noch einmal zu fassen bekomme.
 
„Nein…“, murmelt er, als ich meine Zunge erneut in seinen Mund zwingen will. Er weicht vor mir zurück und blickt mit einem Ausdruck von Schock zu mir hoch. „Ich kann nicht… Ihr seid ein Mann… es ist Sünde… ich…“ Liam springt vom Bett hoch und greift hastig nach seinem Hemd. Die Farben und Kreiden fliegen über den Boden. „Ich kann nicht…“, wie ein gehetztes Tier läuft er zur Tür und stürzt nach draußen, wobei er mich völlig erregt und keuchend auf dem Bett zurücklässt.
 
Was zur Hölle ist hier gerade passiert!? Ich steh doch gar nicht auf Männer? Was hab ich mir denn nur dabei gedacht? Liam zu küssen? Oh Gott, ich muss wohl völlig den Verstand verloren haben. Dieser verdammte Zauber hat mich anscheinend auch noch schwul gemacht!
 
Ich ergreife die halbleere Flasche Whisky vom Boden und schleudere sie quer durchs Zimmer gegen die Wand. Sie zerplatzt in tausend Stücke und feine Glasscherben verteilen sich über den ganzen Boden, wo sie sich mit Liams Malutensilien vermischen. Ich lasse mich nach hinten auf das Bett fallen und seufze. Verdammt, was hab ich mir nur dabei gedacht? Ich war noch nie zuvor mit einem Mann im Bett. Noch nie! Ich hatte auch nie zuvor das Bedürfnis danach. Und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, bin ich plötzlich hier und knutsche mit dem zukünftigen Angelus herum. Hab ich sie eigentlich noch alle?
 
Ich kann fühlen, wie mir Tränen in die Augen schießen und wische sie ärgerlich weg. Ich kann nicht… ich *will* nicht Trübsal blasen, nicht wegen Liam, nicht weil er mich zurückgewiesen hat. Das war ohnehin nur der Alkohol, das ist alles. Ich blicke nach unten und sehe einen seiner Kreidestifte neben meinem Bett liegen. Ich hebe ihn auf und starre ihn eine Weile nachdenklich an. Liam hat diese Kreide in seinen Händen gehalten, in seinen großen, aber doch so geschickten Künstlerhänden. Es ist einfach unglaublich, wie diese großen Finger damit so gewandt und feinfühlig über ein Blatt Papier gleiten können. Jetzt ist die Kreide kaputt, zerbrochen an der Enttäuschung seines Vaters. Ich zwinge mich vom Bett hoch und beginne stoisch damit alle Stifte und Pastellkreiden vom Boden aufzusammeln. Kleine, scharfkantige Glasstückchen schneiden mir in die Finger und bedecken die Farben mit meinem Blut. Noch immer brennen meine Augen und diesmal halte ich meine Tränen nicht zurück. Warum weiß ich selbst nicht so genau.


Nächster Teil




"Buffy the Vampire Slayer" and "Angel" TM and © Fox and its related entities. All rights reserved. Any reproduction, duplication or distribution of these materials in any form is expressly prohibited. This web site, its operator and any content on this site relating to "Buffy the Vampire Slayer" and "Angel" are not authorized by Fox. "Buffy the Vampire Slayer", "Angel" and its characters, artwork, photos, and trademarks are the property of Twentieth Century Fox, Joss Whedon, Mutant Enemy, and/or the WB Television Network. The webmaster is not affiliated in any way with the aforementioned entities. The information on this and adjoining pages is provided solely as an entertaining resource. No copyright infringement is intended nor implied.

The layout, HTML-sourcecode and all non "Buffy The Vampire Slayer" or "Angel" related graphics are copyright 2005 Bold-and-Naked. They may not be distributed and/or published without permission. All other graphics are copyright 20th Century Fox Television and the WB Television Network.